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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Die Geschichte eines langen Lebens

Kontur eines Lebens von Jaap Robben

Die zweite Hälfte des Bücherjahres hat begonnen. Und das gleich mit einer Neuerscheinung, die mich sehr begeistert und berührt hat.
Angezogen haben mich zuerst das Cover und der Titel, die ich beide sehr gelungen fand und die mich sofort interessiert haben. Der Klappentext erzählte nicht viel, doch fesselte er mich und im Nachhinein finde ich, dass es einer von jenen Texten ist, die das Buch gut treffen, ohne zu viel zu verraten.

Und auch die Leseprobe fand ich ansprechend.
Fried Tendeloo ist über 80 und frisch verwitwet. Dabei hätte sie doch erwartet, dass ihr geliebter Mann Louis, der sie pflegte, bis zu ihrem Tod an ihrer Seite sein würde. Sie kann nicht mehr alleine in der Wohnung bleiben und übersiedelt ins Pflegeheim. Diese einschneidende Veränderung rufen viele Erinnerungen wach. An ihre Zeit als junge Erwachsene, an ihre erste große Liebe, den verheirateten Otto und an ihr uneheliches Kind, das bei der Geburt starb.
Abwechselnd wird aus der aktuellen Zeit, ihrem Leben als alte Frau und aus ihren Erinnerungen erzählt. „Die gute alte Zeit“ war alles andere als gut, mit Frauen, die unehelich schwanger wurden, mit totgeboren Kindern wurde alles andere als feinfühlig umgegangen. Es waren traumatische Erfahrungen.
Und dennoch blickt sie auf ein gutes, erfülltes Leben zurück.
Dieser Gegensatz, diese Vielfalt an Gefühlen und Erfahrungen, wird hier wunderbar einfühlsam und sehr schön erzählt. Es wird nicht beschönigt, auch Frieda wird mit Ecken und Kanten gezeichnet. Alles wirkt sehr gut recherchiert und trotzdem sehr gelungen literarisch umgesetzt.
Ein Buch, das ich nicht mehr aus der Hand legen konnte und das mich auf allen Ebenen überzeugt hat. Ein wirklich gelungener Start in die Herbstsaison des Bücherjahres 2023.

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Sommer, erste Liebe und eine entscheidende Begegnung

Das Summen unter der Haut von Stephan Lohse

Es ist Sommer. 1977 in Hamburg. Julle geht auf ein musisches Gymnasium, er ist 14 Jahre alt. Mit dem Tag als Axel in seine Klasse kommt beginnt für ihn eine neue Zeitrechnung. Denn zum ersten Mal verliebt er sich so richtig.

Dass er schwul ist wissen bisher nur er selber und seine Schwester. Und seine Mutter ahnt es wohl.

Die beiden Jungen freunden sich an, lernen sich kennen und werden Freunde. Gemeinsam mit ihren Schulkolleg:innen verbringen sie die Sommernachmittage im Freibad. Es wird geflirtet, gelacht und für Jugendliche typische Witze gemacht.

Axel und Julle haben ein Geheimnis zusammen. Sie haben im Wald eine abgebrannte Hütte entdeckt. Die Röntgenbilder, die sie dort entdecken, scheinen ein Geheimnis zu haben. Und auch die Hütte und die Bäume rundherum. Sie sind fasziniert, rätseln herum.

In diesem Sommer lernt sich Julle neu kennen, er tanzt auf der Party einer Schulfreundin, er outet sich versehentlich vor einem Schulkollegen, der ihn aber nicht verrät, sondern ihm auch noch hilft. Eine neue Freundschaft entsteht.

Am Ende des Sommers ist Axel plötzlich verschwunden. Wollte sein Vater wieder wegziehen, um der Erinnerung an seine verstorbene Frau zu entfliehen? Warum hat sich Axel nicht verabschiedet? Nur ein Abschiedsgeschenk hat er hinterlassen, sein geliebtes Kaninchen.

Besonders gemocht habe ich den Erzählton, der die jugendlichen Gedanken und Gefühle, das Sommerfeeling im Freibad sehr autentisch vermittelt hat. Man fühlte sich wieder jung und Teil der Clique. Sehr schön gezeichnet fand ich auch die Nebenfiguren, die Schwester Julles und die alte Frau Walther, um die sich Julles Familie kümmert. Sie wird zur Vertrauten und zu einem Ort der Offenheit und Ehrlichkeit.

Ein schönes Buch mit kleinen Abstrichen. Das plötzliche Verschwinden Axels und auch ein paar Details rund um die Hütte fand ich nicht ganz schlüssig erzählt. Dennoch ein Roman, den ich sehr gerne gelesen habe.

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Beeindruckendes Debüt

22 Bahnen von Caroline Wahl

Dieser Roman ist mir schnell unter den Neuerscheinungen des Frühjahrs 2023 aufgefallen. Mich reizen Debüts, der Klappentext versprach ein interessantes Thema, die ersten Rezensionen waren durch die Bank begeistert, eine Freundin stellte das Buch mit Lobeshymnen auf facebook vor.
In der Bücherei musste ich dann noch eine Weile warten, bis es endlich verfügbar war, aber nun war es so weit.

Was soll ich sagen. Ich habe das Buch am Freitag begonnen und am Samstag beendet. Das alleine spricht schon für sich. So etwas passiert nur bei Romanen, die mich wirklich begeistern.
Während Tilda Schmitts Klassenkolleginnen nach dem Abitur ein Gap Year machten, in andere Städte zum Studieren gingen, musste sie in der verhassten Kleinstadt bleiben. Wenigstens studiert sie das, was sie wirklich liebt, Mathematik. Ihr Leben ist eng getaktet, denn neben dem Studium kümmert sie sich auch noch um ihre kleine Schwester Ida und jobbt im Supermarkt. Die Mutter ist alkoholkrank, im Optimalfall fällt sie einfach aus, doch immer wieder dreht sie durch. Tilda versucht, Ida so gut wie möglich zu schützen. Ihre kleine Freiheit ist das Schwimmen. Und das Abtauchen in Bücher.
Als ihr beim Schwimmen plötzlich der große Bruder ihres Schulfreundes Ivan begegnet und ihr einer ihrer Professoren von einem Doktoratsstudium in Berlin erzählt, bringt das alles durcheinander. Sie konnte doch nicht?! Oder vielleicht doch?
Es ist eine heftige Geschichte, zu einem Thema, das mich gerade sehr beschäftig und berührt. Kinder, deren Eltern psychisch krank oder abhängig sind. Und auch, wie sehr sie alleine gelassen werden. Das ist auch hier der Fall (und leider sehr realistisch). Weder Schule, noch Krankenhaus, noch andere aus dem Umfeld kommen auf die Idee, Tilda und Ida zu unterstützen, für sie da zu sein, ihr Leid zu sehen. Sie müssen sich ihre Überlebensstrategien selber schaffen und Tilda versucht dabei, sie an Ida weiterzugeben.
Ich mochte den Roman wirklich sehr. Er ist liebevoll erzählt, realistisch und dennoch immer mit einem Funken Hoffnung.
Ein beeindruckendes Debüt, das noch lange in mir nachklingen wird!

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Das Geheimnis von Melody

Melody von Martin Suter

Tom Elmer hat sich sein Leben anders vorgestellt. Er wollte so lange wie möglich studieren, großzügig unterstützt von seinem reichen Vater, doch dann stirbt dieser und es stellt sich heraus, dass er schwer verschuldet ist. Tom muss sich eine Arbeit suchen. Auch das geht nicht so einfach wie gedacht.

Trotz seiner guten Ausbildung will ihn keine der namhaften Kanzleien nehmen. Da stößt er auf eine Kleinanzeige, altmodisch, mit Chiffre. Der Alt-Nationalrat Dr. Stotz sucht jemanden, der seinen Nachlass ordnet, für die Nachwelt aufbereitet und verwaltet. Die Arbeit erscheint langweilig, doch das Gehalt ist gut. Tom sagt zu.
Überall im Haus finden sich Porträts einer jungen, schönen Frau. Tom ist fasziniert und nach und nach erzählt Dr. Stotz die Geschichte seiner Verlobten Melody, die wenige Tage vor der Hochzeit verschwand. Dass sie kalte Füße bekommen hat, kann er nicht glauben, dass sie vor ihrer marokkanischen Familie fliehen musste schon eher. Er sucht sie, aber sie bleibt unauffindbar. Doch ist das tatsächlich so gewesen? Tom kommen Zweifel. Gemeinsam mit Laura, der Großnichte Stotz, beginnt er eine neue Suche.
Mit Melody ist Martin Suter wieder ein spannender Roman gelungen. Er ist ein großartiger Erzähler, der einen als Leser:in nicht von der Leine lässt. Nach und nach lernen wir die Protagonisten näher kennen, bekommen eine Idee von Stotz Bedeutung in der Politik, aber auch von seinen menschlichen Schwächen. Wenn Tom im ersten Kapitel noch als oberflächlicher, fauler Student wirkt, so lernen wir auch an ihm nach und nach andere Seiten kennen. Die Nebenfiguren sind sehr schön ausgearbeitet und bereichern die Geschichte.
Und natürlich die geheimnisvolle Melody, Titelgeberin des Romans. Was findet eine junge, marokkanische Buchhändlerin an dem wesentlich älteren Politiker? Warum ist sie wirklich verschwunden?
Lesevergnügen pur! Ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen kann und der bis zum Schluss überrascht. Ich habe die Lektüre sehr genossen.

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Ein Stück altes Wien

Das Café ohne Namen von Robert Seethaler

Robert Seethaler hat mich mit seinen Romanen „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ begeistert. Er lässt eine vergangene Welt auferstehen, setzt den „kleinen“ Menschen ein Denkmal, lässt mich als Leserin eintauchen in eine Geschichte, die noch gar nicht so lange vorbei ist und sie fühlen und verstehen.

„Das Feld“ hat mich dann leider ziemlich enttäuscht, aber einmal wollte ich es noch probieren mit einem neuen Roman aus der Feder des Autors.
Wir schreiben das Jahr 1966, Robert Simon, der jung beide Eltern verloren hat, im Heim aufgewachsen ist und sich als Gelegenheitsarbeiter durchgeschlagen hat, macht seinen Traum wahr. Er eröffnet ein Café, das bis zum Schluss das Café ohne Namen sein wird. Es liegt gleich in der Nähe des Karmelitermarktes in der Leopoldstadt. Heute ist diese Ecke eine beliebte Gegend, gentrifiziert, voll mit netten Lokalen, auch der Markt ist hipp. Doch zur Zeit des Romans ist es ein armer Bezirk mit einfachen Menschen. Kleine Händler, Fabrikarbeiterinnen, einsame alte Kriegerwitwen, …
Unaufgeregt und ruhig erzählt Robert Seethaler vom Treiben rund um das Café, wie es Robert Simon geht, wer seine Gäste sind, was sie ausmacht. Keine großen Helden werden hier porträtiert, es sind die ganz normalen, nicht privilegierten Einwohner einer Stadt, die wieder auf die Füße kommt, den Krieg hinter sich lassen will.
Ich habe selber lange in Wien gelebt, mag diese Ecke sehr gerne, in der der Roman stirbt und fand es schön, dieses Stück Vergangenheit, das noch gar nicht so lange her ist, vor meinen Augen lebendig werden zu lassen. Was mir bewusst wurde, wie nah der Krieg noch war Ende der 60er Jahre. Wie sehr er noch Teil der Menschen war. Und ich mochte sehr, wie der Autor den Alltag schildert, die Stimmung im Café, auf dem Markt.
Mit diesem Roman schließt Robert Seethaler wieder an seine Erzählweise an, die mich in seinen vorhergehenden Romanen begeistert hat. Ganz kommt „Das Café ohne Namen“ aber nicht an die Intensität von „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ heran. Dennoch sehr lesenswert!

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Für 30 Tage spurlos verschwinden

Going Zero von Anthony Mccarten

Es ist ein spannendes Projekt, eines, das die Welt ein Stück sicherer machen soll, das Verbrechen verhindern soll. Der Milliardär Cy Baxter, Gründer von World-Share, einer, der auf der Seite der Guten zu stehen scheint, steht kurz davor, einen 10-Jahresvertrag mit der CIA einzugehen und seine und deren technischen und wissenschaftlichen Mittel zusammenzulegen, um die Welt der Überwachung zu perfektionieren.

Dafür benötigt er nur noch eines. Sein Betatest muss erfolgreich laufen. 10 Menschen, 5 normale Bürger, 5 Profis aus der Welt der Sicherheit müssen für 30 Tage verschwinden, ohne gefunden zu werden. Cy Baxters Aufgabe ist es, sie alle vor Ablauf dieser Zeit zu finden. Die Jagd beginnt. Going Zero.
Eine von ihnen ist die junge, unscheinbare Bibliothekarin Kaitlyn Day. Warum sie ausgewählt wurde, ist Cy ein Rätsel. Als sie gleich zu Beginn fast geschnappt wird, hält er sie für die leichteste Kandidatin. Doch das Spiel schreitet voran.
Wir tauchen ein in eine Welt der technischen und psychologischen Überwachung, aber auch in die Schattenseiten Cy Baxters. Und was bewegte Kaitlyn Day wirklich bei Going Zero mitzumachen? Bald wird klar, dass es nicht nur die 3 Millionen Dollar sind, die es zu gewinnen wird.
Spannend auch, wie die Taktiken der anderen Kandidaten und Kandidatinnen beschrieben werden, die wir jeweils nur kurz kennenlernen.
McCarten kommt vom Film. Er schreibt Drehbücher und ist auch Filmproduzent. Das merkt man seinen Romanen an. Die Story stimmt, das Timing stimmt und es entstehen Bilder. Die Geschichte läuft wie ein Film im Kopf ab.
Hier fiebert man mit Kaitlyn mit, ist überrascht, wie sie Technik und Logarithmen austrickst. Man ist fasziniert von den Möglichkeiten, mit denen die Teilnehmer:innen ausgeforscht werden und weiß genau, alles davon ist bereits Realität. Und auch, wenn es um den Deckmantel der Sicherheit, der Verhinderung von Verbrechen geht, es sind mächtige Werkzeuge, die uns unfrei machen, die die Demokratie gefährden, die missbraucht werden können und werden.
So kann man diesen Roman auf vielen Ebenen lesen. Als spannenden Thriller, aber auch als Kritik an Überwachung, an Missbrauch von Daten, eine Warnung davor, vorsichtig damit zu sein, welche Informationen von uns wir öffentlich teilen.
Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen, mich gefreut, endlich wieder einen Roman von McCarten zu lesen, dessen Romane ich alle gelesen habe. Es hat mich gut unterhalten, ich fand die Lektüre spannend, auch überraschend. An Bücher wie „funny girl“ oder „Ganz normale Helden“ kommt es für mich aber nicht heran.

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Von dunklen und hellen Tagen

Lichte Tage von Sarah Winman

Als sich Ellis und Michael zum ersten Mal begegnen, an jenem Tag, als Michael nach dem Tod seiner Eltern zu Großmutter Mabel gebracht wird, die auch für Ellis Zufluchtsort und Trost bedeutet, ist da sofort eine tiefe Verbindung. Beide Jungen haben es nicht leicht im Leben, Michael ist früh zur Waise geworden, Ellis Mutter stirbt ebenfalls jung und sein Vater verbietet ihm, Kunst zu studieren und schickt ihn stattdessen in die Fabrik zur Arbeit.

Die beiden Jungen sind sich gegenseitig Trost, sie inspirieren sich, es verbindet sie eine tiefe Freundschaft und auch Liebe. Während für Michael klar ist, dass er schwul ist, mag Michael auch Mädchen. Seine große Liebe ist Annie.
Viele Jahre später, Michael ist inzwischen Mitte 50, einsam und völlig verloren in seiner Trauer um seine Frau, die ums Leben gekommen ist. Er zieht sich zurück, arbeitet nur noch nachts, ihm geht es nicht gut und er sieht keinen Sinn mehr. Bis ihn ein Ausrutscher mit dem Rad wieder zurück ins Leben katapultiert, Schritt für Schritt, sehr langsam.
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, sie war mit den unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen sehr spannend zu lesen. Schön fand ich auch das Leitmotiv des Bildes mit den Sonnenblumen von van Goghs, das schon für Dora, Ellis Mutter, ein Symbol des Schönen, des Lichten und der Freiheit war und das sich dann auch durch Ellis und Michaels Geschichte zieht. Ich mochte auch, dass ein großer Teil der Geschichte in den 90ern spielte, in denen ich selber eine junge Erwachsene war. Walt Whitmans Gedicht „Oh Captain! Mein Captain!“, der Film, aus dem wir es kennen (der im Roman nur beschriebene nicht genannte „Club der toten Dichter“), das Thema HIV und Aids (mit allem, was dazu gehört: Diskriminierung, Leid, Angst,…), … Das alles rief Erinnerungen auf, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte.
Allerdings ein falscher Name im allerersten Satz des Buches (Dora wird hier Carol genannt) ist erst verwirrend, wenn man ihn dann als Fehler erkannt hat, sehr ärgerlich. Auch hatte ich bei einigen Stellen ein wenig den Eindruck, dass die Übersetzung holperte. Und es gab ein paar Episoden, die mir zu offen blieben und dabei nicht den Eindruck erweckten, dass damit dem:der Leser:in Freiraum geschaffen wurde, sondern eher wirkten, als ob die Autorin nicht genau gewusst hätte, wie sie diese Lücken füllen könnte. Bei nur 220 Seiten wäre da schon noch Platz gewesen.
Ein schön zu lesendes Buch mit interessanten Themen aber kleinen Schwächen. Wer die 90er mag, einen Roman über eine besondere Freundschaft und das Bild mit den Sonnenblumen liebt, der ist hier gut aufgehoben.

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Straßenmusik in Amsterdam

Straßenmusik von Markus Behr

Der Piicus Verlag mit Sitz in Wien ist ein kleiner Verlag, bei dem es sich lohnt, das Programm genauer zu studieren und auch mal ins kalte Wasser zu springen und einen unbekannten Autor zu wählen, da er ein gutes Gespür und wunderbares Händchen für wirklich besondere Bücher hat. Die Romane einer meiner Lieblingsautorinnen, Judith Taschler, sind zuerst im Picus Verlag erschienen.

Eine der vielen Entdeckungen dieses Verlags!
Nach Straßenmusik habe ich unter anderem gegriffen, weil er im Haus Picus erschienen ist. Er hat mich aber auch optisch total angesprochen. Das wunderschöne Cover mit den schillernden Seifenblasen in Nahaufnahme und der einfache, aber schöne Titel „Straßenmusik“ lassen sofort Bilder entstehen. Klappentext und Leseprobe überzeugten mich dann endgültig.
Chiara und Jonas sind beide in einer Umbruchsphase, Chiara mit dem Abitur in der Tasche wartet auf die Nachricht, ob sie zum Psychologiestudium in Graz angenommen wurde, Jonas hat einen Durchhänger im Literaturstudium und wurde aus seiner Band „Wunderwerk“ gekickt, just in dem Moment, als diese einen Vertrag mit einer Agentur abschließen konnte.
Beide beschließen, eine Auszeit in Amsterdam zu nehmen, Chiara, um Straßenmusik zu machen, Jonas einfach nur, um wegzufahren. Zufällig begegnen sich die beiden schon im Zug, aber erst als sie sich in Amsterdam wieder über den Weg laufen, beginnen sie, sich über ihre Musik anzufreunden. Die Annäherung verläuft mehr als holprig, doch über die Musik haben sie etwas, das sie verbindet.
Wohin das alles führt, ob sie auch nachher noch zusammen Musik machen, ob sie sich für die Musik entscheiden, ob Chiara aufgenommen wird, warum sie sind, wer und wie sie sind, das verrate ich hier nicht. Lest selber! Es lohnt sich!
Straßenmusik ist ein unaufgeregter, sehr schlicht erzählter Roman. Die Musik spielt eine große Rolle, was für mich als Hobbymusikerin sehr schön zu lesen ist, sie ist Teil der Geschichte, verbindet, erzeugt Spannung und untermalt das Geschehen. Die genannten Stücke erzeugen fast so etwas wie einen Soundtrack beim Lesen, bei den fiktiven Stücken, die sie selber schreiben, überlegt man, wie sie wohl klingen und kann sie beinahe hören.
Sehr schön erzählter, sehr gelungener Roman, der mich auf allen Ebenen überzeugt hat.

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Jenen eine Stimme geben, die nicht gehört werden

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer

Zwei Familien fahren gemeinsam in die Toscana auf Urlaub. Die beiden Frauen Melanie und Elisa kennen sich noch von der Schule und haben den Kontakt bis heute gehalten. Mit dabei die Kinder Benjamin, Lotte und die 14jährige Sophie Louise, die darauf bestanden hat, ihre Schulkollegin, das somalische Flüchtlingsmädchen Aayana mitzunehmen.

Doch der Urlaub läuft anders als geplant, mit Folgen für die Beteiligten.
Daniel Glattauer leiht in diesem Roman, der unsere Gesellschaft scharf beobachtet und aufdeckt, auch jenen eine Stimme, die sonst nie zu Wort kommen, die man sonst nicht spürt. Das verpackt er in eine sehr spannend erzählte, sehr berührende Geschichte mit Charakteren, die alle ihre Fehler, Ecken und Kanten haben.
Die Erzählweise ist spannend. Es gibt den allwissenden Erzähler, der mit sehr viel Distanz, aus der Rolle des Beobachters, sehr neutral erzählt, aufgelockert durch Dialoge zwischen den Protagonistinnen und Protagonisten. Dazwischen finden sich Zeitungsartikel und dazu die immer gleichen Kommentare, die zwischen verständnisvoll, peinlich, verkrampft witzig wirkend wollen und offen bösartig changieren. Leider sehr nah an den Kommentaren, die man tagtäglich im Netz lesen kann. Und dann gibt es noch Chats zwischen Sophie Louise und einem Jungen, den sie im Netz kennengelernt hat, Pierre.
Daniel Glattauer ist hier ein Roman ganz nah an unserer Zeit gelungen, der viele Themen aufgreift, sie aber mit gewohnter Leichtigkeit erzählt, ohne das Leid und die Schwere zu relativieren.
Ich war von der ersten Seite an gefesselt, mochte den Aufbau, die Erzählweise, wie die Figuren gezeichnet waren und fand auch das Ende gelungen.
Ein Roman, den ich wärmstens empfehlen kann!

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Zurück im Heimatdorf

Wovon wir leben von Birgit Birnbacher

Julia hat ihren Beruf als Krankenschwester gerne gemocht, er hat ihr ermöglicht, ihr Dorf hinter sich zu lassen, in die Stadt zu ziehen und sie hat die Arbeit gut gemacht. Bis zu jenem Zwischenfall, als sie einen Fehler machte. Und bis zu der Krankheit, die sie länger ausfallen ließ. Danach wurde sie gekündigt.

Sie sieht keine andere Möglichkeit als zurück ins Elternhaus zu gehen. Vorübergehend. Dort angekommen der nächste Schock. Die Mutter ist ausgezogen. Sie lebt jetzt in Sizilien und führt dort mit einem Mann eine Pension. Im Haus ist nur der grummelige Vater, der erwartet, dass sie sich jetzt kümmert. Ob die Begegnung mit „dem Städter“, einem genesenen Herzinfarktpatienten, das Leben im Dorf erträglicher macht?
Stilistisch hat mir dieser Roman sehr gut gefallen. Sehr ruhig, kühl und distanziert wird aus Sicht Julias erzählt. Das Dorf ist nicht mehr, was es einmal war. Viele Geschäfte stehen leer, viele sind arbeitslos, der Wirt trinkt zu viel und verspielt sein Hab und Gut. Die Winter sind lang, die Landschaft schön. Aber die Zeit ist stehengeblieben. Wer weggeht, wer studiert hat, wer anders ist wird schief angesehen.
Die Autorin spricht viele dieser Themen an, doch insgesamt bleibt mir vieles zu vage und kratzt nur an der Oberfläche. Vieles wirkt auch nicht ganz schlüssig. Julias Beweggründe bleiben oft unklar. Man versteht nicht, was sie will. Und leider auch nicht ganz, wohin der Roman will.
Das Ende war überraschend. Aber leider auch ein wenig nichtssagend.
Interessant zu lesen, aber für ein wirkliches Highlight blieb die Geschichte zu lau.

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