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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Petris:

Freundschaft, Musik und Liebe

Für Polina von Takis Würger

Polinas und Hannes Mutter lernen sich im Krankenhaus kennen. Beide haben gerade ihre Kinder geboren, beide werden ihre Kinder ohne Vater aufziehen und sie werden engste Freundinnen. So kommt es auch, dass Hannes und Polina miteinander aufwachsen, engste Vertraute sind, beste Freunde, fast wie Geschwister.

Obwohl sie so verschieden sind.
Polina lernt schnell, ist unruhig, stellt unbequeme Fragen. Hannes ist ein ruhiges Kind, sehr verträumt, oft in Gedanken versunken. Durch Zufall entdeckt er das Klavierspiel und seine musikalische Begabung wird erkannt.
Doch dann läuft plötzlich alles anders. Und Hannes und Polina verlieren den Kontakt. Jahre später will er sie wieder finden. Mit der Melodie, die er für sie komponiert hat.
Takis Würger Bücher haben mich bisher alle begeistert. Jedes war wieder anders, es gibt kein Strickmuster, die Themen waren alle unglaublich spannend, vielschichtig und sehr differenziert erzählt. Deshalb war meine Freude groß, als ich den neuen Titel entdeckte.
Was soll ich sagen. Ich wurde nicht enttäuscht. Es ist wieder eine wundervolle Geschichte geworden. Dazu kommen ganz viele Themen vor, die mich interessieren, die mich selbst beschäftigen und die ich liebe. Ich spiele selbst Klavier und liebe dieses Instrument sehr, ich bin begeisterte Laienmusikerin und empfinde Musik ganz intensiv. Hamburg ist eine Stadt, die ich sehr gerne mag. Auch die Themen Freundschaft und Trauer begleiten mich schon mein ganzes Leben lang.
Der Roman hat sehr viel angerührt in mir, hat mich sehr bewegt und gleichzeitig war er wunderschön zu lesen.
Das Jahr ist noch jung, aber mit „Für Polina“ steht schon eines meiner Lieblingsbücher 2025 fest.

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Das große Drachenwandeln

When Women Were Dragons von Kelly Barnhill

Wie bin ich auf diesen Roman gekommen?
Mareike Fallwickl bespricht auf ihrem insta account regelmäßig die eigene Lektüre. Diesen Roman hatte sie auf Englisch gelesen und wärmstens empfohlen. Zudem fand ich Titel und Cover unglaublich ansprechend und beschloss ihn, als er auf Deutsch erschien, zu lesen.

Welches Genre ist dieser Roman?
Eine gute Frage, die sich aber nicht eindeutig beantworten lässt. Fantasy, ja. Fantasy in der Vergangenheit (aber nicht zu weit entfernt, er startet in den 50ern). Queere Literatur. Feministische Literatur. Ein Schuss Science Fiction.

Um was geht es?
Im Mittelpunkt stehen Frauen, die sich in Drachen verwandeln. Das gab es schon immer, wurde aber nie erforscht und immer unter den Teppich gekehrt. Bis es 1955 zu einer Massendrachenwandlung kommt. Die lässt sich dann doch nicht ganz vertuschen, auch wenn alles daran gesetzt wird. Und es geht um Alex Green, deren Leben durch das Drachenwandeln sehr direkt beeinflusst wird.

Wer erzählt?
Erzählerin ist Alex Green, die als junges Mädchen ihre erste Drachenwandlung einer alten Frau in der Nachbarschaft erlebt, aber nie darüber sprechen kann und unsicher ist, ob sie sich nicht getäuscht hat.
Ihr Leben wird allerdings dann maßgeblich beeinflusst, als sich ihre Tante Marla drachenwandelt und deren Tochter Beatrice, Alex Cousine, die sie sehr liebt, von Alex Mutter als Tochter angenommen wird. Über Drachen darf allerdings nie wieder gesprochen werden, über Marla ebenso wenig.
Eingestreut sind wissenschaftliche Artikel zu dem Thema Drachinnnen, aus der Feder von Prof. Gantz, der sich der Forschung zum Thema widmet, Zeitungsartikel und Vernehmungsprotokolle. Denn das Thema Drachinnen war ein Tabuthema, die Wissenschaftler wurden verfolgt, ihre Arbeit teilweise vernichtet.

Meine Meinung?
Ich fand „When women were dragons” ein ganz besonderes Buch. Das Wandeln, das Drachinnensein kann sehr frei interpretiert werden. Ich mochte, wie die Geschichte erzählt wurde, was sie über Freiheit, Gleichberechtigung, Solidarität unter Frauen und Anderssein aussagt.
Sprachlich fand ich es eher schlicht, das könnte aber auch an der Übersetzung aus dem Englischen liegen. Gegen Ende schlichen sich auch immer mehr Fehler ein, da war ein „sich“ doppelt, ein „zu“ zu wenig, als ob die Zeit für die Korrektur nicht mehr gereicht hätte.
Und warum der englische Titel übernommen wurde und man nicht ein bisschen kreativ wurde, um einen deutschen Titel zu finden, verstehe ich auch nicht. Wie wärs mit „Das große Drachenwandeln“ oder „Als die Frauen Drachen waren“. Ich bin mir sicher, da gäbe es noch weitaus schönere Ideen.

Fazit?
Alles in allem ein sehr interessanter, sehr ungewöhnlicher und schön erzählter Roman. Ich hätte ihn wohl besser im Original auf Englisch lesen sollen.
Sehr empfehlenswert für alle, die gerne genreüberschreitend lesen, feministische, queere Literatur mögen und für die Coming of Age ein Thema ist. Mir hat er gefallen.

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Zusammenleben

Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan

Anke, Jörg, Murat und jetzt auch Constanze. Vier erwachsene Menschen, die in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Constanze hat sich gerade getrennt und schnell eine eigene Wohnung zu finden, ist nicht so einfach. Da nimmt sie die Möglichkeit, in die WG zu ziehen gerne an. Als Übergangslösung.
Die anderen drei leben schon länger zusammen.

Jörg ist über 60, nach dem Tod seiner Frau hat er die gemeinsame Wohnung als WG geöffnet. Anke, eine nicht mehr ganz junge Schauspielerin, bei der es gerade beruflich gar nicht gut läuft und Murat, der leidenschaftlich kocht und Jörgs Garten übernommen hat, komplettieren das Trio.
Constanze fühlt sich wohl in der neuen Gemeinschaft. Sie sucht noch nach Wohnungen, doch das wird immer weniger. Sie mag ihre Mitbewohner. Und schließlich gibt es noch eine Sache, die sie immer mehr zusammenschweißt. Jörg braucht sie alle.
Es ist eine sehr schöne Geschichte, die hier erzählt wird. Was mir aber besonders gefallen hat ist, wie erzählt wird. Es kommen alle vier Mitbewohner:innen als Ich-Erzähler:innen zu Wort, dazwischen gibt es immer wieder Dialoge zwischen zwei oder mehreren Mitbewohner:innen, die wie ein Theaterstück geschrieben sind. Das macht den Text sehr lebendig und gleichzeitig bekommen die Charaktere dadurch eine besondere Tiefe. Wir lesen ihre Gedanken, erleben aber auch, wie sie untereinander agieren. Es wird chronologisch erzählt, aber zwischen den Abschnitten gibt es immer kleine Zeitsprünge. Die Geschichte spielt in einem Zeitraum von zwei Jahren und jeder Teil ist mit einem Datum überschrieben.
Auch das Ende fand ich sehr gut gelöst, sehr passend und stimmig.
Ich mochte den Roman sehr, habe ihn verschlungen. Er liest sich so flüssig und lebendig, wirkt sehr authentisch. Auch wie die Sprache für die einzelnen Personen gewählt wird für ihre Themen und wie sie sich mit ihrer Veränderung mitändert, fand ich sehr gelungen.
Ein schöner, sehr menschlicher Roman. Für mich großes Lesevergnügen.

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Wenn die Negativität Programm einer Familie ist

Aus dem Haus von Miriam Böttger

Eine Familie, in der alles um die Negativität der Mutter kreist. Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird, macht sie alles, um noch unglücklicher zu werden. Ihr Mann und ihre Tochter werden da mit hineingezogen und können dem nichts entgegensetzen.
Das Haus, das die Eltern der Ich-Erzählerin gebaut hatten, das Unglückshaus, das alles nur noch schlimmer gemacht hat, soll endlich verkauft werden.

Doch weder können sich die Eltern entscheiden, auszusortieren, was nicht mit soll, noch schafft ihnen dieser Schritt Erleichterung.
Und darum dreht sich der Roman zum Großteil. Erzählt wird aus Sicht der Tochter, die Dialoge wiedergibt, Episoden erzählt, uns an Telefonaten teilhaben lässt.
Das ist sprachlich sehr gelungen erzählt, anfangs hat man auch noch die Hoffnung, dass die Geschichte irgendwohin führt, dass sich die Mutter eingesteht depressiv zu sein, dass die Tochter sich löst und sich ihrem Trauma durch diese negative Familie stellt und den Kreislauf durchbricht.
Doch es bleibt bei diesem Kreisen um das Unglück, um die Negativität in der Familie, die Nostalgie dem Vergangenen gegenüber, dass dann gar nicht so schlecht war.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich immer mehr gelangweilt habe, dass ich das Interesse verloren habe und am Ende immer oberflächlicher gelesen habe.
Leider konnte der Schluss auch nichts retten. Dass die Autorin / Ich-Erzählerin das abtut, in dem sie am Ende schreibt: „Ich bin furchtbar schlecht bei Schlusssätzen. Es ist, was es ist.“ hat das nicht entschuldigt. Im Gegenteil, ich fühlte mich als Leserin ein wenig veräppelt.
Ich hatte aufgrund der Leseprobe definitiv mehr erwartet.

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Ein altes Haus und die Geschichte der Frauen, die mit ihm verbunden waren / sind

Die Frauen von Maine von J. Courtney Sullivan

Jane Flanagan hatte eine schwierige Kindheit, ihre Mutter Alkoholikerin, die Schwester bevorzugt von der Mutter, immer zu wenig Geld und Unterstützung. Doch sie hat es geschafft. Sie hat promoviert, lebt in Boston, hat einen tollen Job als Archivarin in Harvard. Bis zu jenem Abend, an dem alles eskaliert und sie alles, was ihr lieb ist gefährdet.

Sie kehrt in ihr Heimatdorf zurück, trauert um ihre Mutter, die noch nicht lange davor verstorben ist, räumt das Haus aus. Stütze ist ihre alte Freundin Allison, die immer an ihrer Seite war. Das alte viktorianische Haus, das in ihrer Kindheit und Jugend verlassen war und ihr als Rückzugsort diente, sie immer fasziniert hatte, hat inzwischen neue Besitzer. Als sie die neue Besitzerin bittet, die Geschichte(n) der Bewohner:innen des Hauses zu recherchieren, zögert sie zunächst. Doch dann packt sie das Thema.
Es sind spannende Dinge, die sie herausfindet. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Bewohnerinnen des Hauses. Schicksalsschläge, Verrat, eigenständige Frauen, indigene Geschichte, … Auf all das stößt sie in ihrer Recherche.
Jane hat allerdings auch mit ihren eigenen Geistern zu kämpfen. Wie war es soweit gekommen, dass sie ihr Glück ruiniert hat, war sie wirklich so viel besser als ihre Mutter und Schwester?
Das geheimnisvolle Haus hält diesen Roman zusammen, es ist der Fixpunkt um den sich die vielfältigen Themen ranken. Verlust, Mutterschaft, Freundschaft, aber auch Sucht und das Leben der indigenen Bevölkerung in Maine.
Ich mochte die Geschichte sehr, vor allem die Komplexität der Figuren und die Erzählweise. Sprachlich war der Roman schön und flüssig zu lesen. Die Erzählung entwickelte einen ganz eigenen Sog.
Sullivan ist eine wunderbare Erzählerin, die ich sehr mag und deren Romane mich (bis auf Sommer in Maine) bisher alle begeistert haben. Mein Lieblingsroman der Autorin bleibt allerdings auch weiterhin „Die Verlobungen“.

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Die Geschichte der Familie Brugger geht weiter

Nur nachts ist es hell von Judith W. Taschler

Die Familiengeschichte der Familie Brugger geht weiter. Spannenderweise steht diesmal die einzige Tochter, Elisabeth, im Mittelpunkt. Sie ist auch die Erzählerin.
Elisabeth wächst in ihrem sehr offenen, liberalen Elternhaus auf. Ihr Vater ist ein sehr moderner Mensch, in der kleinen Gemeinde im Mühlviertel wird die Familie immer skeptisch beäugt.

So ist es auch, ungewöhnlich für diese Zeit, möglich, dass Elisabeth Matura macht. Und später Medizin studiert. Sie ist ein kluges, aufgewecktes Mädchen, eine Frau, die für ihren Beruf lebt und der vor allem die Anliegen der Frauen wichtig sind, nicht nur der privilegierten, besonders die benachteiligten Frauen liegen ihr am Herzen.
Inzwischen ist sie alt geworden, sie hat zwei Weltkriege erlebt, im ersten ihren Bruder verloren, im zweiten war ihr Sohn lange vermisst, sie hat als Krankenschwester in Lazaretten gearbeitet, im zweiten Weltkrieg als Ärztin. Jetzt beginnt sie, ihre Erinnerungen aufzuschreiben für ihre Großnichte, die bei ihr lebt und die ihr sehr nahesteht.
Der Roman ist wieder wunderbar recherchiert, voller Fakten rund um die Zeit vor, zwischen und nach den Kriegen, die Geschichte ist eingebettet in die größere Weltgeschichte.
Wie es bei Erinnerungen so ist, wird nicht chronologisch erzählt, die Gedanken springen in der Zeit. Das passt so recht gut zur gewählten Erzählform.
Doch leider fand ich den Erzählton etwas sehr sachlich. Und mir war die Fülle der Geschichten (Familie einerseits, Weltgeschichte andererseits) etwas zu detailreich ausgeführt. Manchmal liest sich das sehr wie eine Aneinanderreihung von Fakten und ich muss sagen, das war mir zwischendurch fast ein wenig langweilig und ich schweifte ab und begann, oberflächlich zu lesen.
Getragen wurde der Roman von der sehr vielschichtigen Elisabeth, ihrer guten Beobachtungsgabe und auch von ihrer Ehrlichkeit sich selbst, der Familie und der Geschichte gegenüber.
Ich hatte mich sehr auf diesen weiteren Roman über die Brugger Familie gefreut (der erste, „Über Carl reden wir morgen“ hat mir großartig gefallen), aber ganz überzeugt hat mich „Nur nachts ist es hell“ nicht. Für mich nicht das beste Buch von Judith Taschler. Die Latte liegt aber auch hoch. Denn bisher habe ich alle ihre Romane sehr geliebt.

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Oscar und Moni

Pi mal Daumen von Alina Bronsky

Unterschiedlicher können zwei Menschen wohl nicht sein, die hier im Hörsaal des Mathematikinstituts aufeinandertreffen. Oscar, der auch die Erzählstimme des Romans ist, ist sehr jung, erst 17, er ist hochbegabt, hat sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, endlich Mathematik zu studieren. Im Roman wird es nie erwähnt, aber schnell wird sichtbar, er ist wohl im autistischen Spektrum.

In der U-Bahn (die er nur benutzt, wenn es wirklich nicht anders geht) trägt er Handschuhe, er isst nur bestimmte Dinge, ist schnell irritiert, mit Gefühlen von anderen kann er nur schwer umgehen, er muss immer sagen, was er denkt und das kommt manchmal ganz schön verletzend daher. Moni gibt er keine Chance im Studium.
Sie trägt schrille Kleidung, hat blondierte Haare, ist stark geschminkt. Alle denken, sie hätte sich verirrt und wäre eigentlich die Putzfrau oder Kantinenmitarbeiterin. Aber Moni hat noch etwas offen im Leben, sie möchte wirklich Mathematik studieren. Und dabei ist sie in Oscars Augen auch noch unfassbar alt, über 50.
Und doch haben sie etwas gemeinsam, sie lieben die Mathematik und können die Schönheit darin erkennen.
Dass diese zwei nach einer ersten zufälligen Begegnung so etwas wie Freunde werden könnten, würde man wohl eher ausschließen. Doch beide werden für den anderen so etwas wie ein Projekt. Moni hilft Oscar in praktischen Dingen, rettet ihn, wenn er mal wieder unterzuckert ist, vorm Verhungern. Und Oscar meint, sie durchs Studium tragen zu müssen.
Daraus wird eine wunderbare Geschichte von zwei Außenseitern, die man schnell in Schubladen stecken würde und die immer wieder überraschen. Bronsky erzählt diese Geschichte voller Herzenswärme, es wird nicht gewertet, das Buch ist mal humorvoll, mal unglaublich berührend und überrascht immer wieder. Die Mathematik wird dabei geschickt eingestreut, nimmt zwar Raum ein, ohne die Leserinnen zu überfordern.
Ich mochte das Buch von der ersten Seite an, habe den Erzählstil geliebt, wie die Figuren gezeichnet sind, wie sie sich entwickeln.
Pi mal Daumen ist einer jener Romane, bei denen ich richtig traurig war, als die letzte Seite gelesen war. Für mich ein Lieblingsbuch 2024, das ich nur wärmstens weiterempfehlen kann.

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Anas Geschichte und Geschichte Rumäniens

Das Pfauengemälde von Maria Bidian

Anas Vater kam aus Rumänien. Er hatte sich gegen das Regime gestellt, war verraten worden, war im Gefängnis gewesen. Dann ging er und floh nach Deutschland. Doch seine Geschichte und der Verlust des Besitzes der Familie ließ ihn und seine Familie nie los. Jahrelang kämpften sie in Prozessen um die Rückerstattung.

Nicu, so hieß der Vater, war vor zwei Jahren überraschend bei einem Besuch in Rumänien gestorben. Ana war nicht rechtzeitig dort. Der Verlust des Vaters traf sie hart, sie machte sich Vorwürfe, ihn nicht gerettet zu haben.
Zwei Jahre später erhält sie eine Nachricht der Familie, die aus zahllosen Tanten, Onkeln und Cousinen und Cousins besteht. Der Prozess war gewonnen. Sie müsste kommen, um die Formalitäten zu regeln und ihr Erbstück, das sagenumwobene Pfauengemälde, nach dem ihr Vater sein ganzes Leben lang gesucht hatte, abzuholen. Sie zögert. Doch dann nimmt sie Urlaub und setzt sich in den Zug.
Und taucht ein in die Welt ihrer rumänischen Familie. Sie ist bunt, sehr verbunden, gleichzeitig sehr unterschiedlich, laut. Man isst und trinkt gerne. Ana ist überwältigt, wird sofort Teil der Familie und gleichzeitig macht sie sich auf eine Spurensuche. Auf die Spuren ihres Vater, der Geschichte Rumäniens, der Geschichte der Familie.
Ich wusste ehrlich gesagt sehr wenig über die Revolution in Rumänien, den Kampf gegen das Regime und das Leiden der Menschen. Es war unglaublich spannend, mehr darüber, in diesem Roman zu erfahren.
Gleichzeitig wurde auch das aktuelle Rumänien porträtiert, eine Seite dieses Landes, die ich ebenso wenig auf dem Schirm hatte. Die Proteste gegen das Erstarken autoritärer Kräfte, der ehemaligen Kommunisten. Stolz auf das Land und gleichzeitig eine Verbundenheit mit Europa.
Die Charaktere waren sehr realistisch und vielschichtig gezeichnet. Spannend auch jene, die Ana kennenlernt und die zurückgekehrt sind. Viele von ihnen mit vererbten Traumata.
Ein sehr spannender, sprachlich sehr gelungener und lesenswerter Roman.
Mich hatten ursprünglich das Cover, der Titel und die ersten Seiten der Leseprobe angesprochen. Dabei konnte ich mir aber recht wenig vorstellen, was mich erwarten würde und war sehr gespannt.
Ich wurde nicht enttäuscht und kann diesen Roman nur wärmstens weiterempfehlen.

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Familien und ihre Schatten

Kleine Monster von Jessica Lind

Pia, Jakob und Luca sind eine kleine, perfekte Familie. Vieles ist gerecht aufgeteilt zwischen den Eltern, Luca ist ein einfühlsames, nettes und schlaues Kind. Doch dann gibt es diesen Zwischenfall in der Schule. Sie werden zur Lehrerin gerufen. Pia ist verunsichert, denn Luca will sich nicht verteidigen, seine Sicht des Vorfalls nicht erzählen.

Und obwohl die Schule sehr souverän mit der Situation umgeht, auch der Klassenchat nicht hochkocht und Luca sich am Ende seinem Vater anvertraut, beginnt Pia an ihm zu zweifeln. Lügt er? Was steckt wirklich in ihm? Zu gut weiß sie, wie grausam Kinder sein können.
Durch diesen Vorfall wird auch Pias Kindheitstrauma wieder wachgerufen. Wie ist ihre kleine Schwester wirklich ums Leben gekommen? Warum war ihre Mutter danach so streng zu ihrer Adoptivschwester? Die Erinnerungen sind wieder. Und genau so wie ihrem Sohn, fällt es Pia schwer, sich zu öffnen. Jakob versucht an ihrer Seite zu sein, doch das ist gar nicht so einfach.
Sehr ehrlich erzählt die Autorin, wie sich unsere Kindheit auf uns auswirken kann, die Fehler, die unsere Eltern gemacht haben, die Schicksalsschläge. Und wie sehr sich unsere Erfahrungen auf die Erziehung der eigenen Kinder, den Umgang mit ihnen auswirkt.
Für diese Geschichte findet die Autorin die richtigen Worte. Ich war von Anfang an gefesselt und fasziniert, sie schafft es, dass man dran bleiben möchte und das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann.
Sehr gut beobachtet, sehr gut erzählt. Ein Buch, das noch nachhallen wird.

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Reisen auf den Spuren des Wassers

Am Himmel die Flüsse von Elif Shafak

Alles beginnt mit einem Tropfen Wasser, der in Ninive zu Urzeiten ins Haar des Königs Assurbanipal, ein gebildeter, aber grausamer Herrscher fällt. Der Tropfen, das Wasser, sind der rote Faden, der dieses Buch prägt und die drei Stränge zusammenhält.
Ein Strang erzählt die Geschichte Arthur, König der Abwasserkanäle und Elendsquartiere.

In größte Armut geboren, hat dieses Kind eine besondere Gabe, es vergisst nichts. Mit seiner Begabung und etwas Glück wird aus ihm ein belesener, gebildeter Mensch, Forscher und Spezialist für Keilschrift.
Narin ist Jezidin und lebt am Ufer des Tigris. Ihre Mutter ist früh verstorben und sie wächst mit Vater und Großmutter auf. Ihre Heimat ist bedroht, ein großes Staudammprojekt wird ihr Dorf und alle Kulturgüter, Zeugnisse der assyrischen Vergangenheit auslöschen. Ihre Geschichte startet 2014 und gibt Zeugnis von der Diskriminierung, den Gefahren und der Gewalt gegen sie.
Und dann wird noch Zaleekhahs Geschichte erzählt. Sie ist Hydrologin, fasziniert vom Wasser. Ihre Ehe ist gerade gescheitert, sie zieht auf ein Hausboot. Zaleekhah hat auf tragische Weise ihre Eltern früh verloren und kämpft mit ihrer Traurigkeit. Sie liebt das Wasser, sie liebt ihren Beruf, doch manchmal hat sie das Gefühl, nicht mehr weiter leben zu wollen.
Diese drei Personen hängen zusammen, wie, das ist erstens schwierig in Kurzform zu erklären und soll außerdem hier nicht verraten werden.
Alle drei Stränge sind großartig erzählt, die Charaktere sehr vielschichtig gezeichnet. Großartig auch das viele Hintergrundwissen, über Mesopotamien, über Keilschrift, über jezidische Kultur, über London Mitte des 19. Jahrhunderts, über Wasser, …
Wie die Autorin es schafft, so viele Themen in einen Roman zu packen und gleichzeitig wunderbare Fiktion und Literatur zu schreiben, ist faszinierend.
Wie in allen ihren Romanen leiht die Autorin auch hier wieder den Schwachen, den Armen, den Entrechteten ihre Stimme. Sie beschreibt das schwere Leben von Arthur in größter Armut. Die Gefahren, die Krankheiten, die Alkoholsucht, der Mangel, die Härte und die Ausgrenzung. Und sie leiht den Jeziden ihre Stimme, immer missachtet, immer verfolgt, als Teufelsanbeter gebrandmarkt, ermordet, gefoltert, vertrieben, versklavt, …
Ein großartiger Roman, für den man sich allerdings Zeit nehmen muss, nichts für eine schnelle Lektüre. Dafür ist er zu voll mit Wissen, Themen, Handlungen.
Auch sprachlich mag ich die Romane von Elif Shafak sehr.
Ein anspruchsvolles Buch, das mich begeistert hat.

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