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Rezensionen von Petris:

Lore, ein Mädchen vom Land

Schwimmen im Glas von Eva Lugbauer

Lore wächst in den 90ern in einem ländlichen Milieu auf. Gleich neben ihrem Elternhaus, das Haus der Großeltern. Die Oma ist Hausfrau, Mutter und Oma und umsorgt die ganze Familie und versucht, es dem Opa immer recht zu machen. Der Vater ist Bürgermeister, die Mutter arbeitet Teilzeit.
Aus Sicht der 10- bis 12-jährigen erzählt sie von ihren Großeltern, von der Schule, von den vielen Dingen, die der Opa nicht zu Ende erzählt.

Gedankenstriche, die in der Luft hängen bleiben, nennt sie das. Ein sehr schönes Bild. Sie erzählt auch von den vielen Dingen, die für sie als Mädchen nichts sind, von den kleinen Hinweisen, dass man als Mädchen vor allem lieb, nett und hübsch sein muss. Die Welt ist patriarchalisch geprägt und trotzdem gibt es in ihr einen Wunsch nach Freiheit, nach einem anderen Leben.
Im Gegensatz zu ihrem dörflichen Leben findet sie bei ihrer Tante in der Stadt einen Gegenentwurf. Die Tante ist Künstlerin, lebt alleine, ist nicht verheiratet. Lore genießt die Besuche bei ihr.
In kleinen Einschüben gibt es immer wieder einen Blick auf das Leben der erwachsenen Lore.
Ich fand das sehr schön gemacht, mochte den Roman in seiner Erzählweise sehr. Sprachlich fand ich den Spagat zwischen kindlicher Erzählerin und literarischer Sprache sehr gut gelungen und schön zu lesen.
„Du wirst dreißig, vierzig, fünfundvierzig und die Sehnsucht nach dem Meer bleibt. Die Sehnsucht nach dem Blau. Die Sehnsucht nach der Freiheit auch. Auch wenn du längst weißt, dass Freiheit eine Illusion ist, unmöglich, ohne in der Einsamkeit zu versinken. Und selbst wenn du dich für die Freiheit der Einsamkeit entscheiden würdest, hättest du deinen Körper, hättest du die Erde, die Wolken und den Himmel, von denen du abhängst. An die du gebunden bis, mit denen du verbunden bist. Auch wenn du längst weißt, das Blau gibt es nicht ohne das Schwarz.“ S. 227
Wahrscheinlich hat mich der Roman auch deshalb berührt und angesprochen, weil ich viele Erfahrungen der Protagonistin teile. Ich bin etwas früher als sie, aber ebenfalls in einer dörflichen Umgebung aufgewachsen, deren Regeln ich oft hinterfragt und nicht verstanden habe. Auch ich habe so etwas wie Freiheit gefunden, indem ich in die Stadt gegangen bin, ein anderes Leben gewählt habe.
Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, habe ihn geradewegs verschlungen und kann ihn wärmstens empfehlen.

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Das Schweigen brechen

Unter Grund von Annegret Liepold

Franka hat es geschafft. Obwohl ihr in der Grundschule nahegelegt wurde, nicht ins Gymnsasium zu gehen, hat sie Abi gemacht, studiert und ist jetzt in München im Referendariat. Sie mag ihren Beruf und kann sich sogar eingestehen, dass sie ihn gut macht.
Doch dann geht sie mit ihren Schüler:innen zum NSU-Prozess, ein Schüler nennt die Angeklagte „Nazischlampe“ und alles ist wieder da.

Auf die Frage ihrer Mitbewohnerin, was los sei, kann sie nicht antworten. Die Sprachlosigkeit ihrer Jugend, die die Sprachlosigkeit ihrer Familie ist, hält sie zurück.
Franka flieht zurück in ihr Dorf. Ob es ein Davonlaufen ist, eine Spurensuche?
Doch auch hier hat sich alles verändert, die Karpfenteiche ihres Vaters wurden verkauft, jetzt soll auch noch das Haus der Großmutter, die „Fuchsin“ genannt wurde verkauft werden. Franke lehnt sich auf, sehnt sich nach Offenheit, nach klaren Worten ihrer Mutter.
Dieser Roman erzählt eine Geschichte der Sprachlosigkeit. Nach dem frühen Tod des Vaters wurde so viel nicht gesagt. Es wurde auch nichts gesagt, als Franka nach und nach in rechte Kreise abrutschte. Und auch sie selber konnte nie über diese Zeit sprechen. Zu groß die Scham, aber auch zu groß die Gewohnheit des Nichtsprechens.
Ein sehr gelungenes Debüt, das sprachlich wie aus einem Guss ist und einige spannende Themen aufgreift: normalisiertes rechtes Gedankengut im Dorf, wie junge Menschen in rechte Gruppen abrutschen, Einsamkeit, Familien, in denen nicht gesprochen wird, Verlust, Freundschaft, Liebe, …
Von mir gibt es definitiv eine Empfehlung. Ich bin schon gespannt auf weitere Titel der Autorin.

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Porträt zweier Frauen

Halbe Leben von Susanne Gregor

Klara ist erfolgreich im Beruf, sie liebt ihre Arbeit und überlässt Haushalt und Tochter lieber ihrem Mann Jakob und ihrer Mutter Irene. Doch nach dem Schlaganfall der Mutter ist alles anders, sie muss Stunden reduzieren, sich kümmern, hat das Gefühl, dass es nie reicht und ist eigentlich nur dann zufrieden, wenn sie wieder in der Arbeit ist.

Die Idee kommt eigentlich von ihrem Mann, ihre Mutter soll in Zukunft bei ihnen wohnen und es soll zusätzlich eine Pflegerin angestellt werden.
In Paulína, die aus der Slowakei kommt, finden sie eine verlässliche Frau, die ihnen schnell auch sympathisch ist und die sie, wie sie meinen, gut behandeln. Dass immer mehr Gefallen dazu kommen, dass Paulína in ihrer Heimat selbst zwei Söhne hat, dass es hinter der Fassade der freundlichen, patenten Frau auch noch ein eigenes Leben steht, wird nicht wirklich wahrgenommen.
Doch auch Klara hadert manchmal, mit der fehlenden Nähe zu ihrer Tochter, damit, dass ihr Mann zwar sagt, dass er sie versteht, aber die Gesten dazu dann trotzdem fehlen.
Susanne Gregor porträtiert hier zwei Frauen, die beide den Anforderungen und Zwängen ihres Daseins als Frauen ausgesetzt sind. Die eine, verlassen von ihrem Mann, den wirtschaftlichen Zwängen, die es ihr nicht erlauben, als Krankenschwester in ihrem Heimatland, genug für sich und die Söhne zu verdienen. Die andere, die ihre Karriere liebt, dafür mit dem Gefühl der Fremdheit zu ihrer Tochter bezahlt.
Beide Leben zeigen, wie schwer es ist als Frau jemals genug zu sein. Immer ist es zu wenig, immer kommt etwas oder jemand zu kurz. Und immer sind es die Frauen, die alles regeln müssen.
Das alles erzählt Susanne Gregor sehr sachlich. Es ist ein Porträt von sehr unterschiedlichen Frauen, gleichzeitig auch ein Blick auf ein Europa, das noch weit entfernt von Gleichheit ist. Es ist ein Blick aufs Muttersein unter verschiedensten Umständen und es wirft auch einen Scheinwerfer auf die vielen Pflegerinnen aus Rumänien, Bulgarien, der Slowakei, …
Ich fand den Roman sehr interessant, gut zu lesen, sehr stimmig. Es ist aber kein Wohlfühlbuch, kein Buch, das die Leserin mit einem guten Gefühl zurücklässt. Es ist ein Roman, der zum Nachdenken anregt. Über Rollenbilder, Ungleichheit, Familien, Mutterschaft, …
Ein spannendes, sehr lesenswertes Buch!

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Freundschaft, Musik und Liebe

Für Polina von Takis Würger

Polinas und Hannes Mutter lernen sich im Krankenhaus kennen. Beide haben gerade ihre Kinder geboren, beide werden ihre Kinder ohne Vater aufziehen und sie werden engste Freundinnen. So kommt es auch, dass Hannes und Polina miteinander aufwachsen, engste Vertraute sind, beste Freunde, fast wie Geschwister.

Obwohl sie so verschieden sind.
Polina lernt schnell, ist unruhig, stellt unbequeme Fragen. Hannes ist ein ruhiges Kind, sehr verträumt, oft in Gedanken versunken. Durch Zufall entdeckt er das Klavierspiel und seine musikalische Begabung wird erkannt.
Doch dann läuft plötzlich alles anders. Und Hannes und Polina verlieren den Kontakt. Jahre später will er sie wieder finden. Mit der Melodie, die er für sie komponiert hat.
Takis Würger Bücher haben mich bisher alle begeistert. Jedes war wieder anders, es gibt kein Strickmuster, die Themen waren alle unglaublich spannend, vielschichtig und sehr differenziert erzählt. Deshalb war meine Freude groß, als ich den neuen Titel entdeckte.
Was soll ich sagen. Ich wurde nicht enttäuscht. Es ist wieder eine wundervolle Geschichte geworden. Dazu kommen ganz viele Themen vor, die mich interessieren, die mich selbst beschäftigen und die ich liebe. Ich spiele selbst Klavier und liebe dieses Instrument sehr, ich bin begeisterte Laienmusikerin und empfinde Musik ganz intensiv. Hamburg ist eine Stadt, die ich sehr gerne mag. Auch die Themen Freundschaft und Trauer begleiten mich schon mein ganzes Leben lang.
Der Roman hat sehr viel angerührt in mir, hat mich sehr bewegt und gleichzeitig war er wunderschön zu lesen.
Das Jahr ist noch jung, aber mit „Für Polina“ steht schon eines meiner Lieblingsbücher 2025 fest.

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Das große Drachenwandeln

When Women Were Dragons von Kelly Barnhill

Wie bin ich auf diesen Roman gekommen?
Mareike Fallwickl bespricht auf ihrem insta account regelmäßig die eigene Lektüre. Diesen Roman hatte sie auf Englisch gelesen und wärmstens empfohlen. Zudem fand ich Titel und Cover unglaublich ansprechend und beschloss ihn, als er auf Deutsch erschien, zu lesen.

Welches Genre ist dieser Roman?
Eine gute Frage, die sich aber nicht eindeutig beantworten lässt. Fantasy, ja. Fantasy in der Vergangenheit (aber nicht zu weit entfernt, er startet in den 50ern). Queere Literatur. Feministische Literatur. Ein Schuss Science Fiction.

Um was geht es?
Im Mittelpunkt stehen Frauen, die sich in Drachen verwandeln. Das gab es schon immer, wurde aber nie erforscht und immer unter den Teppich gekehrt. Bis es 1955 zu einer Massendrachenwandlung kommt. Die lässt sich dann doch nicht ganz vertuschen, auch wenn alles daran gesetzt wird. Und es geht um Alex Green, deren Leben durch das Drachenwandeln sehr direkt beeinflusst wird.

Wer erzählt?
Erzählerin ist Alex Green, die als junges Mädchen ihre erste Drachenwandlung einer alten Frau in der Nachbarschaft erlebt, aber nie darüber sprechen kann und unsicher ist, ob sie sich nicht getäuscht hat.
Ihr Leben wird allerdings dann maßgeblich beeinflusst, als sich ihre Tante Marla drachenwandelt und deren Tochter Beatrice, Alex Cousine, die sie sehr liebt, von Alex Mutter als Tochter angenommen wird. Über Drachen darf allerdings nie wieder gesprochen werden, über Marla ebenso wenig.
Eingestreut sind wissenschaftliche Artikel zu dem Thema Drachinnnen, aus der Feder von Prof. Gantz, der sich der Forschung zum Thema widmet, Zeitungsartikel und Vernehmungsprotokolle. Denn das Thema Drachinnen war ein Tabuthema, die Wissenschaftler wurden verfolgt, ihre Arbeit teilweise vernichtet.

Meine Meinung?
Ich fand „When women were dragons” ein ganz besonderes Buch. Das Wandeln, das Drachinnensein kann sehr frei interpretiert werden. Ich mochte, wie die Geschichte erzählt wurde, was sie über Freiheit, Gleichberechtigung, Solidarität unter Frauen und Anderssein aussagt.
Sprachlich fand ich es eher schlicht, das könnte aber auch an der Übersetzung aus dem Englischen liegen. Gegen Ende schlichen sich auch immer mehr Fehler ein, da war ein „sich“ doppelt, ein „zu“ zu wenig, als ob die Zeit für die Korrektur nicht mehr gereicht hätte.
Und warum der englische Titel übernommen wurde und man nicht ein bisschen kreativ wurde, um einen deutschen Titel zu finden, verstehe ich auch nicht. Wie wärs mit „Das große Drachenwandeln“ oder „Als die Frauen Drachen waren“. Ich bin mir sicher, da gäbe es noch weitaus schönere Ideen.

Fazit?
Alles in allem ein sehr interessanter, sehr ungewöhnlicher und schön erzählter Roman. Ich hätte ihn wohl besser im Original auf Englisch lesen sollen.
Sehr empfehlenswert für alle, die gerne genreüberschreitend lesen, feministische, queere Literatur mögen und für die Coming of Age ein Thema ist. Mir hat er gefallen.

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Zusammenleben

Wohnverwandtschaften von Isabel Bogdan

Anke, Jörg, Murat und jetzt auch Constanze. Vier erwachsene Menschen, die in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Constanze hat sich gerade getrennt und schnell eine eigene Wohnung zu finden, ist nicht so einfach. Da nimmt sie die Möglichkeit, in die WG zu ziehen gerne an. Als Übergangslösung.
Die anderen drei leben schon länger zusammen.

Jörg ist über 60, nach dem Tod seiner Frau hat er die gemeinsame Wohnung als WG geöffnet. Anke, eine nicht mehr ganz junge Schauspielerin, bei der es gerade beruflich gar nicht gut läuft und Murat, der leidenschaftlich kocht und Jörgs Garten übernommen hat, komplettieren das Trio.
Constanze fühlt sich wohl in der neuen Gemeinschaft. Sie sucht noch nach Wohnungen, doch das wird immer weniger. Sie mag ihre Mitbewohner. Und schließlich gibt es noch eine Sache, die sie immer mehr zusammenschweißt. Jörg braucht sie alle.
Es ist eine sehr schöne Geschichte, die hier erzählt wird. Was mir aber besonders gefallen hat ist, wie erzählt wird. Es kommen alle vier Mitbewohner:innen als Ich-Erzähler:innen zu Wort, dazwischen gibt es immer wieder Dialoge zwischen zwei oder mehreren Mitbewohner:innen, die wie ein Theaterstück geschrieben sind. Das macht den Text sehr lebendig und gleichzeitig bekommen die Charaktere dadurch eine besondere Tiefe. Wir lesen ihre Gedanken, erleben aber auch, wie sie untereinander agieren. Es wird chronologisch erzählt, aber zwischen den Abschnitten gibt es immer kleine Zeitsprünge. Die Geschichte spielt in einem Zeitraum von zwei Jahren und jeder Teil ist mit einem Datum überschrieben.
Auch das Ende fand ich sehr gut gelöst, sehr passend und stimmig.
Ich mochte den Roman sehr, habe ihn verschlungen. Er liest sich so flüssig und lebendig, wirkt sehr authentisch. Auch wie die Sprache für die einzelnen Personen gewählt wird für ihre Themen und wie sie sich mit ihrer Veränderung mitändert, fand ich sehr gelungen.
Ein schöner, sehr menschlicher Roman. Für mich großes Lesevergnügen.

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Wenn die Negativität Programm einer Familie ist

Aus dem Haus von Miriam Böttger

Eine Familie, in der alles um die Negativität der Mutter kreist. Wie eine Motte, die vom Licht angezogen wird, macht sie alles, um noch unglücklicher zu werden. Ihr Mann und ihre Tochter werden da mit hineingezogen und können dem nichts entgegensetzen.
Das Haus, das die Eltern der Ich-Erzählerin gebaut hatten, das Unglückshaus, das alles nur noch schlimmer gemacht hat, soll endlich verkauft werden.

Doch weder können sich die Eltern entscheiden, auszusortieren, was nicht mit soll, noch schafft ihnen dieser Schritt Erleichterung.
Und darum dreht sich der Roman zum Großteil. Erzählt wird aus Sicht der Tochter, die Dialoge wiedergibt, Episoden erzählt, uns an Telefonaten teilhaben lässt.
Das ist sprachlich sehr gelungen erzählt, anfangs hat man auch noch die Hoffnung, dass die Geschichte irgendwohin führt, dass sich die Mutter eingesteht depressiv zu sein, dass die Tochter sich löst und sich ihrem Trauma durch diese negative Familie stellt und den Kreislauf durchbricht.
Doch es bleibt bei diesem Kreisen um das Unglück, um die Negativität in der Familie, die Nostalgie dem Vergangenen gegenüber, dass dann gar nicht so schlecht war.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich immer mehr gelangweilt habe, dass ich das Interesse verloren habe und am Ende immer oberflächlicher gelesen habe.
Leider konnte der Schluss auch nichts retten. Dass die Autorin / Ich-Erzählerin das abtut, in dem sie am Ende schreibt: „Ich bin furchtbar schlecht bei Schlusssätzen. Es ist, was es ist.“ hat das nicht entschuldigt. Im Gegenteil, ich fühlte mich als Leserin ein wenig veräppelt.
Ich hatte aufgrund der Leseprobe definitiv mehr erwartet.

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Ein altes Haus und die Geschichte der Frauen, die mit ihm verbunden waren / sind

Die Frauen von Maine von J. Courtney Sullivan

Jane Flanagan hatte eine schwierige Kindheit, ihre Mutter Alkoholikerin, die Schwester bevorzugt von der Mutter, immer zu wenig Geld und Unterstützung. Doch sie hat es geschafft. Sie hat promoviert, lebt in Boston, hat einen tollen Job als Archivarin in Harvard. Bis zu jenem Abend, an dem alles eskaliert und sie alles, was ihr lieb ist gefährdet.

Sie kehrt in ihr Heimatdorf zurück, trauert um ihre Mutter, die noch nicht lange davor verstorben ist, räumt das Haus aus. Stütze ist ihre alte Freundin Allison, die immer an ihrer Seite war. Das alte viktorianische Haus, das in ihrer Kindheit und Jugend verlassen war und ihr als Rückzugsort diente, sie immer fasziniert hatte, hat inzwischen neue Besitzer. Als sie die neue Besitzerin bittet, die Geschichte(n) der Bewohner:innen des Hauses zu recherchieren, zögert sie zunächst. Doch dann packt sie das Thema.
Es sind spannende Dinge, die sie herausfindet. Im Mittelpunkt stehen vor allem die Bewohnerinnen des Hauses. Schicksalsschläge, Verrat, eigenständige Frauen, indigene Geschichte, … Auf all das stößt sie in ihrer Recherche.
Jane hat allerdings auch mit ihren eigenen Geistern zu kämpfen. Wie war es soweit gekommen, dass sie ihr Glück ruiniert hat, war sie wirklich so viel besser als ihre Mutter und Schwester?
Das geheimnisvolle Haus hält diesen Roman zusammen, es ist der Fixpunkt um den sich die vielfältigen Themen ranken. Verlust, Mutterschaft, Freundschaft, aber auch Sucht und das Leben der indigenen Bevölkerung in Maine.
Ich mochte die Geschichte sehr, vor allem die Komplexität der Figuren und die Erzählweise. Sprachlich war der Roman schön und flüssig zu lesen. Die Erzählung entwickelte einen ganz eigenen Sog.
Sullivan ist eine wunderbare Erzählerin, die ich sehr mag und deren Romane mich (bis auf Sommer in Maine) bisher alle begeistert haben. Mein Lieblingsroman der Autorin bleibt allerdings auch weiterhin „Die Verlobungen“.

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Die Geschichte der Familie Brugger geht weiter

Nur nachts ist es hell von Judith W. Taschler

Die Familiengeschichte der Familie Brugger geht weiter. Spannenderweise steht diesmal die einzige Tochter, Elisabeth, im Mittelpunkt. Sie ist auch die Erzählerin.
Elisabeth wächst in ihrem sehr offenen, liberalen Elternhaus auf. Ihr Vater ist ein sehr moderner Mensch, in der kleinen Gemeinde im Mühlviertel wird die Familie immer skeptisch beäugt.

So ist es auch, ungewöhnlich für diese Zeit, möglich, dass Elisabeth Matura macht. Und später Medizin studiert. Sie ist ein kluges, aufgewecktes Mädchen, eine Frau, die für ihren Beruf lebt und der vor allem die Anliegen der Frauen wichtig sind, nicht nur der privilegierten, besonders die benachteiligten Frauen liegen ihr am Herzen.
Inzwischen ist sie alt geworden, sie hat zwei Weltkriege erlebt, im ersten ihren Bruder verloren, im zweiten war ihr Sohn lange vermisst, sie hat als Krankenschwester in Lazaretten gearbeitet, im zweiten Weltkrieg als Ärztin. Jetzt beginnt sie, ihre Erinnerungen aufzuschreiben für ihre Großnichte, die bei ihr lebt und die ihr sehr nahesteht.
Der Roman ist wieder wunderbar recherchiert, voller Fakten rund um die Zeit vor, zwischen und nach den Kriegen, die Geschichte ist eingebettet in die größere Weltgeschichte.
Wie es bei Erinnerungen so ist, wird nicht chronologisch erzählt, die Gedanken springen in der Zeit. Das passt so recht gut zur gewählten Erzählform.
Doch leider fand ich den Erzählton etwas sehr sachlich. Und mir war die Fülle der Geschichten (Familie einerseits, Weltgeschichte andererseits) etwas zu detailreich ausgeführt. Manchmal liest sich das sehr wie eine Aneinanderreihung von Fakten und ich muss sagen, das war mir zwischendurch fast ein wenig langweilig und ich schweifte ab und begann, oberflächlich zu lesen.
Getragen wurde der Roman von der sehr vielschichtigen Elisabeth, ihrer guten Beobachtungsgabe und auch von ihrer Ehrlichkeit sich selbst, der Familie und der Geschichte gegenüber.
Ich hatte mich sehr auf diesen weiteren Roman über die Brugger Familie gefreut (der erste, „Über Carl reden wir morgen“ hat mir großartig gefallen), aber ganz überzeugt hat mich „Nur nachts ist es hell“ nicht. Für mich nicht das beste Buch von Judith Taschler. Die Latte liegt aber auch hoch. Denn bisher habe ich alle ihre Romane sehr geliebt.

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Oscar und Moni

Pi mal Daumen von Alina Bronsky

Unterschiedlicher können zwei Menschen wohl nicht sein, die hier im Hörsaal des Mathematikinstituts aufeinandertreffen. Oscar, der auch die Erzählstimme des Romans ist, ist sehr jung, erst 17, er ist hochbegabt, hat sein ganzes Leben darauf hingearbeitet, endlich Mathematik zu studieren. Im Roman wird es nie erwähnt, aber schnell wird sichtbar, er ist wohl im autistischen Spektrum.

In der U-Bahn (die er nur benutzt, wenn es wirklich nicht anders geht) trägt er Handschuhe, er isst nur bestimmte Dinge, ist schnell irritiert, mit Gefühlen von anderen kann er nur schwer umgehen, er muss immer sagen, was er denkt und das kommt manchmal ganz schön verletzend daher. Moni gibt er keine Chance im Studium.
Sie trägt schrille Kleidung, hat blondierte Haare, ist stark geschminkt. Alle denken, sie hätte sich verirrt und wäre eigentlich die Putzfrau oder Kantinenmitarbeiterin. Aber Moni hat noch etwas offen im Leben, sie möchte wirklich Mathematik studieren. Und dabei ist sie in Oscars Augen auch noch unfassbar alt, über 50.
Und doch haben sie etwas gemeinsam, sie lieben die Mathematik und können die Schönheit darin erkennen.
Dass diese zwei nach einer ersten zufälligen Begegnung so etwas wie Freunde werden könnten, würde man wohl eher ausschließen. Doch beide werden für den anderen so etwas wie ein Projekt. Moni hilft Oscar in praktischen Dingen, rettet ihn, wenn er mal wieder unterzuckert ist, vorm Verhungern. Und Oscar meint, sie durchs Studium tragen zu müssen.
Daraus wird eine wunderbare Geschichte von zwei Außenseitern, die man schnell in Schubladen stecken würde und die immer wieder überraschen. Bronsky erzählt diese Geschichte voller Herzenswärme, es wird nicht gewertet, das Buch ist mal humorvoll, mal unglaublich berührend und überrascht immer wieder. Die Mathematik wird dabei geschickt eingestreut, nimmt zwar Raum ein, ohne die Leserinnen zu überfordern.
Ich mochte das Buch von der ersten Seite an, habe den Erzählstil geliebt, wie die Figuren gezeichnet sind, wie sie sich entwickeln.
Pi mal Daumen ist einer jener Romane, bei denen ich richtig traurig war, als die letzte Seite gelesen war. Für mich ein Lieblingsbuch 2024, das ich nur wärmstens weiterempfehlen kann.

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