Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Petris:
Ein Opfer des Algorithmus (und der Willkür)
Das Dream Hotel von Laila Lalami
Sara ist schockiert. Auf dem Rückweg von einer Dienstreise wird sie am Flughafen vom Amt für Risikobewertung angehalten. Sie ist müde, sie möchte zu ihrer Familie und sie ist hungrig. Das alles muss ein Missverständnis sein. Doch es bleibt dabei, ihr Risikowert ist erhöht und sie wird direkt in eine Einbehaltungszentrum gebracht.
Was wird ihr vorgeworfen? Nichts Konkretes. Nur dass der Algorithmus, gespeist aus allen Quellen der Überwachung, die es in dieser nahen Zukunft gibt, errechnet hat, dass sie ihren Mann gefährden würde.
21 Tage lautet die Auskunft. Doch schnell wird klar, fast niemand wird nach 21 Tagen entlassen. Die Aufseher bewerten jedes Fehlverhalten, der Dreamsaver, den sie alle implantiert haben, um besser schlafen zu können, zeichnet ihre Träume auf. Sara passt sich an, Sara arbeitet, sie versucht nicht aufzufallen.
Doch irgendwann ist klar. Es hilft alles nichts. Und Sara überlegt sich eine neue Taktik. Ihr wird klar, dass das Zentrum von ihnen profitiert, dass jemand mit ihrer Einbehaltung Geld verdient. Gemeinsam mit anderen Frauen, versuchen sie, diese Schwachstelle zu nützen.
Der Roman ist beängstigend, da vieles sehr nahe an der Realität ist. Die Idee, zukünftige Verbrechen, aufgrund von Daten vorherzusagen und Täter:innen präventiv einzusperren taucht immer wieder auf. Auch der Gedanke, dass ein Implantat im Gehirn, das die Schlafqualität verbessert, ein Segen sein könnte, ist nicht neu. Dass es dabei aber nicht bleiben wird, dass das ein Tor zu Missbrauch, Manipulation und Kommerz ist, ist aber auch klar.
Mir hat „Das Dream Hotel“ gefallen. Es hat mich nachdenklich gestimmt. Aber auch Mut gemacht, wie wirkungsvoll Solidarität unter Frauen sein kann.
Lesenswert!
Das Leben der Angelika Moser
Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser
Endlich ist er da. Der neue Roman von Vea Kaiser, lange mussten wir darauf warten. Recherche, ein zweites Kind, Schreiben neben Kleinkind und Baby. Aber jetzt ist es so weit.
Vea Kaiser ist einfach eine wunderbare Erzählerin. Ihr Stil ist flüssig, humorvoll, unterhaltsam und hat dennoch Tiefgang. Ich habe das Buch in nur wenigen Tagen ausgelesen.
Die Geschichte:
Angelika Moser ist im Gemeindebau aufgewachsen. Ihre Mutter Hausbesorgerin, streng, nicht sehr liebevoll, aber immer bedacht, dass es ihrer Tochter gut geht. Den Vater würde sie nicht kennen, behauptet sie. Und da sind noch die anderen Bewohner des Vera-Veza-Hofs, die für Angelika da sind.
Anfang der 80er ist Angelika ein Partygirl, am liebsten ist sie mit ihrer Freundin Ingi im U4. Ihren Job als Buchhalterin im Traditionshotel Frohner erledigt sie aber engagiert und genau. Zahlen, Ordnung, auch das ist ihre Welt.
Von Anfang an wissen wir, dass sie über die Jahre große Summen aus dem Hotel abgezweigt hat. Ihre Erklärung: „Sie wollte das Beste für ihren Buben Basti.“
Und so warten wir, wie der Betrug beginnt. Wie das alles gelaufen ist.
Mit den Männern hat sie nicht so viel Glück, wechselnde Beziehungen, ein Sohn, Alleinerziehend.
Und so wird ihr Leben bis in die aktuelle Zeit erzählt. Und das ihres Umfelds, das der Mutter, die an „Vergesslichkeit“ erkrankt, ihres Sohnes, des Direktors des Hotels, seines Sohnes.
Sehr gelungen sind die eingeschobenen Besuche der Autorin in der Haftanstalt, in der Angelika landet, nachdem ihr Betrug aufgeflogen war.
Man mag diese Protagonistin. Sie ist eine Kämpferin, eine gute Seele. Den Betrug sieht man ihr irgendwie nach.
Und nebenbei fließen auch ganz viele gesellschaftskritische Themen ein: berufstätige Mütter, Privileg durch Reichtum, Umgang mit alten Menschen, Klassenunterschiede, Benachteiligung im Bildungswesen …
Ich mochte den Roman wieder sehr. Gute Unterhaltung mit Tiefe, Wiener Schmäh und vielen Details.
Von mir gibt es eine klare Empfehlung!
Krankheit und Familiengeschichte
Junge Frau mit Katze von Daniela Dröscher
Nachdem mir „Lügen über meine Mutter“ sehr gefallen hat, war ich gespannt, wie die Geschichte von Ela im neuen Roman weitergehen würde. Inzwischen ist sie erwachsen, lebt alleine, steht kurz vor der Promotion, die Verteidigung ihrer Arbeit steht ihr noch bevor. Sie hat ein Stipendium, einen kleinen Job in ihrem Institut.
Doch dann wird sie plötzlich krank. Stechende Halsschmerzen, Müdigkeit, starker Durst. Eine Odyssee von Arzt zu Arzt beginnt. Immer wieder ein Thema, die Beziehung zu ihrer Mutter und ihrem Bruder.
Sehr gut gefallen hat mir der Aufbau des Buches. Eingeleitet wird jedes Kapitel von Zitaten der Autorin Yoko Tawada, die die Protagonistin verehrt. Sie sind sehr treffend ausgewählt und lockern den Erzählfluss auf. Zwischen den Abschnitten, in denen die Protagonistin von ihrem Leidensweg erzählt, sind kleine Kapitel eingeschoben, in denen sie über ihre Mutter reflektiert.
Auch sprachlich hat mir der Roman gefallen.
Allerdings hatten die Episoden rund um ihre Symptome und ihre Arztbesuche ziemliche Längen. Ich weiß, wie schwierig es ist, mit unklaren Symptomen eine gute Diagnose zu bekommen, wie oft man als Frau beim Arzt nicht ernst genommen wird. Aber ganz kam diese Frustration oder der Mehrwert für die Geschichte leider nicht rüber.
Zudem hatte ich den Eindruck, dass vieles nicht klar war, wenn man das erste Buch mit Ela als Protagonistin nicht gelesen hat.
Die stärkste Figur, bei der auch die meiste Entwicklung stattfand, war die Figur der Mutter. Sie fand ich sehr gut gezeichnet und auch sehr gut umgesetzt. Auch das Ende fand ist gelungen und zählt mit zu den stärksten Abschnitten des Buches.
Insgesamt fand ich den Roman nicht schlecht, völlig begeistern konnte er mich nicht. Autofiktion ist ein Genre, das für meinen Geschmack oft nicht ganz aufgeht, da der Abstand der Autor:innen manchmal nicht genügt, um aus der eigenen Geschichte tatsächlich Literatur zu machen. Diesen Eindruck hatte ich auch hier ein wenig.
Elefantenherden in Berlin
Das Geschenk von Gaea Schoeters
Nach einem außergewöhnlichen, unglaublich starken Roman wie „Trophäe“ ist es immer schwer nachzulegen. Ich habe versucht, das neue Buch von Gea Schoeters unabhängig von ihrem Erstling zu lesen, aber ganz kann man die Erwartungen nicht ausschalten.
„Das Geschenk“ erzählt die surreale Geschichte von 20.
000 Elefanten in Berlin. Der Präsident von Botswana hat sie als Reaktion auf ein Abkommen, dass die Einfuhr von Jagdtrophäen nach Deutschland untersagt und sein Land damit in Schwierigkeiten bringt, geschickt.
Über Nacht sind sie einfach da und stürzen die Stadt ins Chaos. Der amtierende Kanzler – Wahlen stehen bevor und die rechte Partei unter Fuchs gewinnt immer mehr an Zustimmung – muss schnell reagieren. Die Bürger sind aufgebracht, Elefantendung, Verkehrschaos und invasive Pflanzen bedrohen den Alltag. Hilfe bekommt er von seinem Sprecher Otto Berg und seiner Mentorin, der ehemaligen Bundeskanzlerin. Als die Ideen ausgehen passiert das, was so oft passiert. Jemand (den man leicht Opfern kann), wird zur Elefantenministerin ernannt, um das unlösbare Problem zu lösen. Und dieser Jemand ist – na klar – eine Frau, Hannelore Hartmann.
„Männer bekommen meistens in stabilen Unternehmen oder Situationen Führungspositionen, Frauen werden nur in Krisenzeiten solche Spitzenjobs angeboten. Wenn das Risiko zu scheitern groß ist.“ S. 66
Mit fachlicher Unterstützung, Engagement und Ideen geht Hartmann an das Problem heran.
Dieser Roman hält unserer Gesellschaft, unserer Politik den Spiegel vor. Machtstrukturen werden aufgezeigt, aber auch wie Politik funktioniert. Kurzfristige Machterhaltung steht im Vordergrund, langfristige Ziele werden nicht verfolgt. Und nebenbei erfährt man auch noch einiges über das Leben von Elefanten.
Ich fand den Roman sehr gut erzählt, die Schwächen und Schwierigkeiten unserer Zeit wurden mit dem „Elefantenproblem“ gut herausgearbeitet. Auch sprachlich fand ich ihn wieder sehr gelungen.
Allerdings gab es ein paar logische Brüche. Wie kamen die Elefanten plötzlich über Nacht nach Berlin? Wie kann es sein, dass die Elefanten einerseits bedroht sind, aber in Botswana so überhandnehmen, weil sie nicht mehr von ausländischen Jägern gejagt werden? Und ich hätte mir ein paar mehr Seiten gewünscht, manche Sachen etwas mehr auserzählt und in die Tiefe gehend.
Dennoch sehr lesenswert. Ein gelungener Roman, der unsere Zeit sehr gut widerspiegelt.
Über das Leben, die Liebe und die Schuld
Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly
Schottland 1900 und ein paar Jahre davor.
Es ist eine Sturmnacht, ähnlich wie jene einige Jahre davor, in der Dorothys Sohn Moses verschwand. In dieser Nacht nimmt das Meer aber nichts, sondern es spuckt einen kleinen Jungen aus. Halb erfroren, ähnlich alt wie Moses damals und auch so meinen alle, dass er ihm ähnlichsieht.
Joseph, der Fischer, bringt ihn ins Pfarrhaus. Der Junge überlebt und man bittet Dorothy, ihn bei sich aufzunehmen. Anfangs schläft er viel, spricht nicht. Dorothy wehrt sich gegen die Erinnerungen an damals, die durch die Gegenwart des Jungen auftauchen. Aber nicht nur sie. Das ganze Dorf erinnert sich. Und alte Geschichten von Neid, Schuld, unausgesprochene Wahrheiten tauchen in den Köpfen der Bewohner wieder auf.
Es ist eine sehr berührende Geschichte, die hier erzählt wird. Die Menschen in dem kleinen Dorf Kerry leben als Fischer, die Kindersterblichkeit ist hoch. Viele Ehemänner trinken und behandeln ihre Frauen schlecht. Und Kinder werden mit sehr viel Härte erzogen. So vieles wird nicht ausgesprochen.
Mich hat der Roman schon in der Leseprobe in seinen Bann gezogen. Erzählt wird schnörkellos, die Autorin schafft aber starke Bilder. Der Sturm, das Meer, aber auch die Menschen werden lebendig und die Geschichte verwandelt sich in Bilder. Die Charaktere haben sehr viel Tiefgang. Es sind keine Helden, keine perfekten Menschen. Menschen eben mit guten und schlechten Seiten, die über so viele Dinge nicht sprechen, mit ihrer (vermeintlichen) Schuld alleine sind und eigentlich doch nur alle ein gutes Leben wollen.
Sehr gut gefallen hat mir auch der Aufbau. Es wird abwechselnd von „Damals“ (als Moses verschwand) und „Jetzt“ (1900 als der unbekannte Junge auftaucht) erzählt und die Kapitel auch damit überschrieben, wodurch es leicht ist, den Zeitsprüngen zu folgen. Auch die einzelnen Abschnitte der Kapitel tragen Überschriften. Meist stehen Dorothy und Joseph im Mittelpunkt, aber auch andere Dorfbewohner:innen und ihre Beziehung zueinander und auch immer wieder der Laden, der ein zentraler Treffpunkt im Dorf ist.
Ein anspruchsvoller, sehr schön erzählter Roman, der mir auf allen Ebenen gefallen hat. mare bürgt immer wieder für Qualität und verlegt spannende Autorinnen. Dieses Debüt hat überzeugt!
Spuren der Vergangenheit
Die Schrecken der anderen von Martina Clavadetscher
Ein Archivar mit Panikattacken, eine alte Frau, die im Wohnwagen lebt, ein Toter im Eis und eine 100jährige Sterbende, die noch im Pflegebett die Strippen zieht. Es geht um alte Geschichten, um Geld auf geheimen Konten und Gedankengut das neu erstarkt und mit altem Blutgeld unterstützt wird. Es geht aber auch um Freundschaft, um Verluste und um Menschen, die mutig sind und das alte Gedankengut bekämpfen.
Und es geht um die Sagen und Geschichten einer Landschaft.
All das verwebt die Autorin hochliterarisch zu einer spannenden, sehr schön erzählten und sehr vielschichtigen Geschichte.
Mich hatte vor allem der Titel angesprochen, den ich schön formuliert und sehr gelungen fand. Und auch das Cover, das ich mit dem toten, blutigen Vogel und der Katze, die mit der Tatze danach krallt, einerseits irritierend, aber auch sehr passend zum Titel fand, machte mich neugierig.
Die Autorin, die in der Schweiz bekannt ist und 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet worden war, war mir bisher noch nicht untergekommen, aber mit diesem Roman hat sie mich neugierig auf mehr gemacht.
Die Schrecken der Anderen hat mich auf allen Ebenen überzeugt. Ich fand es sprachlich sehr ansprechend, ich fand die Charaktere spannend und mit viel Tiefgang gezeichnet und die Geschichte fesselte mich.
Definitiv ein Roman, den ich empfehlen kann!
Von Liebe und Wut
Wut und Liebe von Martin Suter
Martin Suter zählt schon sehr lange zu meinen Lieblingsautoren. Außer seinen Allmen-Romanen habe ich so ziemlich alles von ihm gelesen. Jeder Roman ist anders, jeder Roman ist intelligent, gesellschaftskritisch, gut geschrieben und immer auch gute Unterhaltung. Wut und Liebe. Zwei spannende Themen.
Die oft nahe beieinander liegen und auch schnell von einem ins andre kippen können. Ich war gespannt.
Noah und Camilla sind beide Anfang 30. Sie lieben sich. Das klingt nach einer guten Basis. Doch Camilla hat es satt, einen Job zu machen, den sie nicht mag, damit ihr Freund einen Job machen kann, der nichts einbringt, den er aber liebt. Noah ist Künstler. Der Durchbruch lässt aber auf sich warten.
Camilla beschließt, sich von Noah zu trennen, obwohl sie ihn liebt. Sie ist attraktiv, schön sogar. Und sie hat sich das Leben anders vorgestellt. Sie will der Chance, einen Mr. Rich zu finden, den sie vielleicht auch noch lieben kann.
Noah ist am Boden zerstört, verzweifelt. Er hat noch eine Chance. Seine nächste Ausstellung muss ein Erfolg werden. Und dann lernt er noch Betty kennen. Nicht mehr jung, ebenfalls traurig. Sie hat ihren Mann vor 3 Jahren verloren und ihr Herz ist gebrochen. Und sie will sich rächen, denn sie ist überzeugt, dass es einen Schuldigen für den Tod ihres Mannes gibt. Noah hat eine Idee, die beiden helfen könnte.
So, und mehr kann ich hier auch nicht verraten. Erobert Noah Camilla zurück? Wird etwas aus der Rache? Schafft Noah den Durchbruch? Das alles und noch viel mehr erfährt man, wenn man weiterliest.
Die Geschichte ist humorvoll erzählt, Wut und Liebe, beides hat seinen Platz in der Geschichte. Und am Ende ist man überrascht. Ich mochte, wie die Charaktere gezeichnet waren, ich mochte, dass es immer spannend bleibt und ich mochte den Erzählstil.
Wieder ein Roman von Martin Suter, den ich sehr gerne gelesen habe. Er steht vielleicht nicht ganz oben in meinem persönlichen Ranking seiner Romane (da stehen: Lila, lila; Elefant; Die Zeit, die Zeit; Der Koch), aber fünf Sterne bekommt er auf alle Fälle. Ich bin jetzt schon gespannt auf sein nächstes Buch, jetzt heißt es wieder warten.
Kurz vor dem Untergang?
Schweben von Amira Ben Saoud
Gerade noch war sie Ona, jetzt ist sie auf dem Weg Emma zu werden. Das, was sie beruflich macht, nennt die Protagonistin „Begegnungen“. Sie schlüpft in die Rollen anderer Frauen, wird zu ihnen, um ihren Angehörigen die Möglichkeit zu geben, die Beziehung mit ihrer Schwester, Tochter, Frau weiterführen zu können.
Dabei liegt es ihr nicht daran, die Konflikte zu lösen oder weiterzuentwickeln, ganz im Gegenteil.
Sie lebt in einer dystopischen Welt, die Überhitzung der Erde liegt in der Vergangenheit, inzwischen ist das Klima kühl geworden, die warmen, sonnigen Tage sind wenige. Ihre Siedlung ist abgeschlossen, es gibt nur wenige Regeln: Keine Gewalt, außer es kommen Eindringlinge, die müssen getötet werden, aber es kommt sowieso nie jemand. Man darf die Siedlung nicht verlassen, aber das will auch niemand, denn draußen wartet nur der Tod und selbst wenn man es zu einer anderen Siedlung schaffen würde, würde man spätestens dort von den Bewohnern getötet werden. Von den wenigen, die es versucht haben, hat man nie wieder gehört. Und es darf nicht über das Davor gesprochen werden.
Alle scheinen zufrieden zu sein. Es gibt die wichtigsten Güter, man lebt in relativer Freiheit und Sicherheit. Doch unter der Oberfläche beginnen sich die Dinge zu verändern, Jugendliche verabreden sich, um gegenseitig an sich Gewalt auszuüben, anfangs kontrolliert, möglichst ohne Spuren zu hinterlassen, doch bald läuft etwas aus dem Ruder. Auch so beginnt die Welt Risse zu bekommen. Vorzeichen des Untergangs der Siedlung? Und warum lässt sich Ona auf die neue Rolle der Emma ein, obwohl sie gegen einige ihrer selbst gesetzten Regeln für ihre Arbeit verstößt?
Mich hat dieser Roman total geflasht, und ich habe ihn an einem Tag ausgelesen. Gut, er ist nicht besonders dick (knapp 190 Seiten), aber sehr dicht und intensiv. Die dystopische Welt wird realistisch geschildert, die Charaktere sehr menschlich und lebendig mit viel Tiefgang, Ecken und Kanten und Widersprüchen, so wie Menschen eben sind. Nicht alles wird erklärt, über vieles kann man eigene Ideen entwickeln.
Themen wie Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe, aber auch häusliche Gewalt und die Gewalt, die in jeder und jedem von uns steckt finden ihren Platz.
Ein dünner, aber sehr intensiver Roman, der meine Gedanken noch länger beschäftigen wird. Von mir gibt es eine klare Empfehlung.
Im Zug zwischen Zürich und Hamburg
Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz
Auf einer langen Zugfahrt lässt Elisa ihr Leben Revue passieren. Das macht sie, indem sie sich gedanklich an ihre Lieblingsdichterin Mascha Kaléko wendet, deren Grab sie in Zürich besucht hatte und deren Gedichte sie durchs Leben begleitet haben. So steht auch zu Beginn eines jeden Kapitels ein Gedicht Kalekos, das das Thema vorgibt.
Dieser Aufbau und auch der Prolog, in dem die Autorin ein Liebeslied auf Buchhandlungen, Bücher und Poesie singt, hatten mich bei der Leseprobe sofort begeistert und Lust auf diesen Roman gemacht. Auch den Titel und das Cover fand ich sehr ansprechend.
So war ich anfangs auch sehr begeistert. Von der Erzählform, der Sprache, ich litt mit der Protagonistin mit, mochte ihren inneren, an die Dichterin gerichteten Monolog, in dem sie über das Leben Kalékos spricht und uns von ihrer eigenen, sehr schwierigen Kindheit und Jugend erzählt.
Doch ging der Reiz dann im Laufe der Geschichte verloren. Die Geschichte selbst hat man so oder so ähnlich schon oft gelesen (Lieblosigkeit der Mutter, Rebellion, Flucht ins Punkermilieu, Obdachlosigkeit, Suche nach Liebe, schlechte Erfahrungen mit Männern, einzige Konstante Bücher und das Lesen und dann die richtige, wirklich große Liebe). Die Erfahrungen wiederholen sich, es ist alles in sehr leichtem, flockigem Ton erzählt, bei dem nicht klar ist, ob er ironisch sein soll, relativierend oder ob es darum geht, die Schwere nicht an sich heranzulassen. Es geht um Selbstverletzung, Drogen, Traumen, … Ausgelassen wird ein wenig, wie es zur Rückkehr und Gesundung kam, dazu gibt es nur Andeutungen. Und die Glorifizierung der Liebe, bis zum Schluss, das Motiv der Rettung durch die wahre, gesunde, große Liebe, auch das konnte mich nicht ganz überzeugen.
Ich mochte den Aufbau sehr, die Gedichte am Anfang der Kapitel, auch wie über Maschas Leben und Wirken gesprochen wurde. Elisas Leben blieb mir etwas zu flach. Und hatte zwischendurch Längen.
Schönes Buch, interessanter Aufbau, großteils sehr gelungene Sprache. Elisa und ihre Geschichte hätte aber mehr Tiefe verdient.
Vom Filmset in den Plattenbau und zurück
Achtzehnter Stock von Sara Gmuer
Ihr Leben hatte sich Wanda ganz anders vorgestellt. Sie lebt in einem Berliner Plattenbau und ist Alleinerziehend. Geträumt hatte sie von einer Karriere im Film-Business, sie hatte sich auf Premieren, am Set und auf Partys gesehen. Im Hof trifft sie die anderen Frauen, der etwas heruntergekommen Platte.
Aylins Mama zum Beispiel, die sich auch um Karlie, Wandas fünfjährige Tochter, kümmert, wenn Wanda jemanden braucht oder Ming mit den Zwillingen und dem Partner, der sie alles andere als gut behandelt.
Ihr letzter Dreh ist zwei Jahre her, und das war nur Werbung und trotzdem blickt sie auf die anderen herab, fühlt sich als etwas Besseres, weil sie zu stolz ist, um Bürgergeld zu beantragen und noch an ihre Ziele glaubt.
Als sich ihr eine Chance bietet, wieder einen Film zu drehen und sie noch dazu beginnt, den Co-Star zu daten, scheinen die Träume greifbar nahe.
Der Roman war sehr schlüssig erzählt, ich mochte, wie die Charaktere gezeichnet waren, die Lebensrealitäten geschildert wurden. Sowohl das Leben der Frauen in prekären Situationen als auch die Filmwelt wirkten sehr realistisch.
Wanda ist eine Kämpferin, gleichzeitig ist sie auch unglaublich stur. Wenn es dabei nur um sie selbst gehen würde, könnte ich das nachvollziehen. Aber ich fand auch, dass sie zum Wohle ihrer Tochter an einigen Punkten anders entscheiden hätte können. Ich muss ehrlich gesagt sagen, dass sie mich im Laufe der Geschichte teilweise auch genervt hat in ihrer Arroganz den anderen Bewohnerinnen des Plattenbaus gegenüber, Tey gegenüber (ihr Liebhaber, der ihr aber für eine „richtige“ Beziehung ebenfalls nicht genug war und auch in ihrer Sturheit, Hilfe anzunehmen, sich einen anderen Job zu suchen und dabei Karlie in Situationen zu bringen, die ziemlich traumatisch waren. Das wurde aber so gar nicht thematisiert.
Interessanter Roman, der aufzeigt, wie schwer es ist für Frauen und noch mehr für Mütter, wie nahe die Armut immer ist. Ganz warm geworden bin ich aber nicht mit den Beweggründen der Protagonistin.











