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Rezensionen von niki:
Gelb als Versprechen von Geld
Das gelbe Haus von Mieko Kawakami
Im Prolog stößt Hana Ito im Internet auf einen Gerichtsprozessbericht über ihre ehemalige Mitbewohnerin Kikimo. Das weckt Erinnerungen an die Zeit, die sie mit Kikimo verbracht hat, vor allem aber kommt die Angst hoch, dass Kikimo ihre Taten von damals vor der Polizei ausbreiten könnte.
Zwanzig Jahre zuvor, gegen Ende der 1990er, wächst Hana Ito bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf, die im Rotlichtmilieu arbeitet und fast ständig abwesend ist.
Hana besucht nur sporadisch die Schule, später bricht sie die Schule ganz ab. Mit 15 Jahren lernt sie dann Kimiko kennen, eine um 20 Jahre ältere Frau – bei ihr erhält sie Aufmerksamkeit, einen gefüllten Kühlschrank, ausreichend gutes Essen und gemeinsame Zeit.
Die beiden ziehen zusammen und eröffnen eine Bar, das „Lemon“. Hana arbeitet viel, möchte Geld sparen, um nicht wieder in die Armut abzurutschen und in eine prekäre Situation wie damals mit ihrer Mutter zu kommen. Gelb ist die Farbe von Geld, so wird ihr erzählt, gelb steckt im Namen von Kimiko, in Lemon und so wird auch das Haus innen zum Teil gelb ausgemalt.
Als das „Lemon“ einem Brand zum Opfer fällt, sackt Hana ins kriminelle Milieu ab, um wieder Geld zu verdienen und es zu sparen, um eine neue Bar zu eröffnen.
Zu Beginn war der Roman großartig. Es wird vorgegriffen, dass hier in der Geschichte etwas vorgefallen ist: dass, wenn die Polizei es führe, mit Konsequenzen zu rechnen ist. Derart wird ein Spannungsbogen aufgebaut, weil man ja wissen möchte, was Sache ist.
Es geht um Armut und Geld, prekäres Leben und ein spezielles soziales Milieu in Japan. Abhängigkeiten, Konflikte und kriminelles Handeln sowie Hoffnung.
Phasenweise wirklich gut geschrieben, spannend, interessant, insbesondere die Schilderung des Milieus, in dem die Geschichte eingebettet ist. Die Charaktere haben Tiefe und handeln im vorliegenden Kontext nachvollziehbar. Dann aber plätschert die Geschichte phasenweise einfach nur dahin, ohne das etwas passiert – das hat auf mich ein wenig langatmig gewirkt. Im Großen und Ganzen aber eine sehr interessante Story.
Was für ein Leben!
Peggy Guggenheim von Mona Horncastle
Peggy Guggenheim
Mit großem Genuss habe ich diese Biografie aus dem Molden Verlag von Mona Horncastle gelesen.
Peggy Guggenheim wurde 1898 in einer der reichsten New Yorker Familien geboren. Mehr aus Langeweile beginnt sie mit ihrer Volljährigkeit in dem Buchladen „The Sunwise Turn“ zu arbeiten; das war übrigens der erste Buchladen Amerikas, der von zwei Frauen geführt wurde.
Dabei kommt Peggy mit Menschen aus der Kunst- und Literaturszene in Kontakt und lernt auch ihren späteren ersten Ehemann Laurence Vail kennen, dem sie 1921 nach Paris folgt.
Es ist keine glückliche Ehe. Nach sechs Jahren und zwei Kindern wird die Ehe geschieden. Ihr zweiter Ehemann ist der Schriftsteller John Holms - er stirbt bei einer Operation, weil er am Vortag zu viel getrunken hat, mit nur 32 Jahren. Es wäre jedoch auch diese nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Ihre dritte ernsthafte Beziehung, mit dem Maler Max Ernst, stand auch unter keinem guten Stern.
Nach diesen Beziehungen fragte sich Peggy, wie sie ihrem Leben Sinn geben soll. Schon immer hat sie Künstler*innen finanziell unterstützt, das war ihr Verständnis von verantwortungsvollem Umgang mit Reichtum und hat sich auch zu ihnen hingezogen gefühlt. Sie möchte aber mehr: eine eigene Galerie in London (die es nur kurz gab) und sich eine eigene Sammlung aufbauen – in der Folge kaufte sie täglich ein Kunstwerk.
Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges floh Peggy wieder in die USA und ließ auch ihre Kunstwerke dorthin überstellen, da es sich zum größten Teil – nach Nazi-Definition – um „entartete Kunst handelte“. Nach dem Krieg suchte Peggy einen neuen Lebensmittelpunkt für sich und fand diesen in Venedig. Sie kaufte sich einen Palast am Canal Grande in diesem ist bis heute ihre Sammlung untergebracht und nach wie vor der Öffentlichkeit zugänglich. Peggy und ihre Hunde sind im Garten des Palastes beigesetzt.
Mich hat diese Biografie von Mona Horncastle beeindruckt. Der Fokus dieser Biografie liegt auf der Kunstliebhaberin und Unterstützerin der Künstler*innen und nicht auf ihrem ausschweifenden Leben – auch darüber wird sehr respektvoll geschrieben. Diese Reihe aus dem Molden Verlag ist überhaupt großartig: stillvolle Gestaltung der Bücher, viele Fotos, interessant zu lesen und eine herzeigbare Auswahl von Frauen-Biografien. Sehr zu empfehlen.
Endlich eine andere Perspektive auf die Gesellschaft am Semmering - sehr gelungen!
Am Semmering von Tanja Paar
Wenn man einen Roman über das Leben am Semmering in der Zeit zwischen 1900 und 1945 liest, dann sind die Protagonist*innen meist der sog. besseren Wiener Gesellschaft zuzuordnen. Jene Kreise, die zur Sommerfrische ins Panhans oder Südbahnhotel fuhren oder gar selbst eine Villa am Semmering hatten, wie etwa die Mayonnaisefabrikanten Kuhnert.
Es war die große Zeit dieser beiden Hotels, wo Bälle im Sommer stattfanden und die Neue Freie Presse geliefert wurde, bis die Gäste im Herbst wieder nach Wien fuhren.
Tanja Paar schreibt aber über die „kleinen Leute“, die das Leben der Reichen dort am Laufen gehalten haben: über den Bahnwärter Bertl und seiner Frau Klara, über die Gasthofbesitzerin Meinhartinger und deren Mitarbeiterin Rahel, über Frau Negrelli vom Postamt, die den Leuten beim Lesen der Briefe und Einschreiben half, über Herrn Lechner, der in der Schule den Greißlerladen betreiben durfte, weil er sich bei den Kriegsanleihen verspekuliert und alles verloren hatte.
Der Roman umfasst die Zeit zwischen 1928 bis 1945. Bertl steigt als Wagenputzer bei der Eisenbahn auf und wird Bahnwärter am Bahnhof Semmering. Er zieht mit seiner Klara ins Bahnwärterhäuschen – die erste eigene Wohnung mit einem kleinen Garten für die beiden. Zuerst geht es ihnen gut, Klara kann die Zwetschken aus dem Garten der Mutter nach Wien mitgeben, wenn sie sie am Semmering besucht. Die Zeiten ändern sich jedoch, nach 1929 grassiert die Inflation und die Nazis sind im Aufschwung – das spüren auch die einfachen Menschen am Semmering.
Aus dem Nachwort geht hervor, dass der Roman vom Leben von Tanja Paars Großeltern Klara und Bertl, die die Hauptprotagonist*innen im Roman sind, inspiriert wurde. Auch ihr Großvater war Eisenbahner, jedoch ist der Roman fiktiv.
Sprachlich sind die Dialoge in einem feinen österreichischen Slang geschrieben. Das gibt dem Roman einen besonderen Touch – das gefällt mir sehr. Ich habe den Roman wahnsinnig gern gelesen, denn ich mag Geschichten besonders aus dieser Zeit und noch dazu, wenn mir die Gegend bekannt ist. Der Semmering wird endlich einmal aus einer ganz neuen Perspektive gezeigt, unglaublich gut gelungen. Der Roman hat für mich alles, was ich in Büchern mag: eine interessante Zeit, eine neue Perspektive und zum Teil reale Fakten. Daher empfehle ich den Roman uneingeschränkt weiter.
Macht nachdenklich über das Alter
Neben Fremden von Eva Schmidt
Der Roman erzählt die Geschichte von Rosa - einer pensionierten Altenpflegerin.
Rosa führt ein tristes Leben: ihr Lebensgefährte Fred ist vor ein paar Wochen unerwartet verstorben. Ihren Hund Don musste sie einschläfern, ihre Mutter kränkelt und fordert immer mehr Aufmerksamkeit. Sie möchte, dass Rose sich um sie kümmert und dann sind da noch die Nachbarn von unten.
Das ist Mele, die einen Freund hat, der ihr nicht guttut, es ihr jedoch schwerfällt, sich von ihm zu trennen - sie hat Angst vor der Einsamkeit. Meles Teenager-Tochter Paz besucht Rosa immer wieder und erzählt von ihrem Leid: dass sie sich mit ihrer Mutter Mele nicht mehr versteht, seit sie diesen Freund hat.
Und dann gibt es noch Tom, Rosas Sohn, zu dem sie seit sieben Jahren den Kontakt verloren hat. Weder weiß sie, wo er lebt, noch was aus ihm geworden ist.
Es geht um das einsame Leben einer älteren Frau. Jene sozialen Kontakte, die sie hat, versucht sie mit Ausreden möglichst kurz zu halten oder ihnen aus dem Weg zu gehen, wie zum Beispiel mit ihrer ehemaligen Arbeitskollegin Margreth. Gespräche, die sie früher mit ihrem Lebensgefährten Fred hatte, vermisst sie sehr.
Was bleibt von einem Leben, wenn man in Pension geht, sein Leben lang geschuftet hatte, keine Freunde hat und alle jene, die für einen wichtig waren, nun tot sind.
Ein Roman, der mich schon sehr nachdenklich gemacht hat, was aus dem eigenen Leben wird, wenn die Arbeit vorbei ist, wichtige Menschen verstorben sind, die Kinder sich nicht mehr melden und man trotzdem vom Leben noch etwas wünscht: gute Gespräche, Ziele oder schöne Reisen.
Coole Protagonistin, historische Perle (Korea)
Die acht Leben der Frau Mook von Mirinae Lee
Auf der Demenzstation des „Golden Sunset“ entschließt sich eine Mitarbeiterin der Verwaltung, die Bewohner*innen zu befragen, wie sie ihre Beisetzung wünschen. Um den Einstieg ins Gespräch zu erleichtern, sollen die befragten Personen drei wichtige Dinge aus ihrer Lebensgeschichte erzählen.
Für die fast 100-jährige Frau Mook sind drei zu wenige Punkte, denn eigentlich hat sie acht Leben geführt – als Sklavin, Ehefrau, Mutter, Spionin, Fluchtkünstlerin, Mörderin, Terroristin und Geliebte.
In nicht chronologischer Reihenfolge erzählt sie die einzelnen Stationen ihres Lebens. Einzig, um sich selbst zu retten, nahm sie diese verschiedenen Rollen an. Frau Mook beherrscht mehrere Sprachen, kann ohne Pathos neue Identitäten annehmen, sie kann sich den jeweiligen Lebenssituationen anpassen und auch morden, sogar ihren eigenen Vater.
Der Roman erfasst die Zeit des 2. Weltkrieges und auch den Koreakrieg Anfang der 1950er Jahre, somit unterschiedliche Gesellschaften und politische Systeme, wobei ich die Nordkorea betreffenden Teile besonders interessant fand. Ich hatte hier das Gefühl, dass es nicht weit von der Realität entfernt ist.
Ein Roman, an den man denkt, während man ihn weglegt, und zu dem man unbedingt möglichst schnell wieder greifen möchte, um die Geschichte weiterzuverfolgen. Der Aufbau der Kapitel in nicht zeitlicher Abfolge ist klug. Man möchte rasch wieder ein Mossaiksteinchen hinzugefügt haben, um zu erfahren wie es weitergeht.
Ein in jeder Hinsicht empfehlenswerter Roman: ein smarte, schillernde Hauptprotagonist*in, toller Plot, sprachlich gelungen und insgesamt historisch sehr interessant.
Aus dem Englischen von Karen Gerwig #namethetranslator
Absolute Empfehlung zu relevanten Thema
Geliebte Mutter - Canim Annem von Çigdem Akyol
Aynur ist 19 Jahre alt, als sie in der Türkei mit Alvin gegen ihren Willen verheiratet wird. Es handelt sich um keine Zwangsheirat, aber sie muss dem Druck ihres Bruders nachgeben, der sie loswerden möchte.
Alvin kommt aus einer gläubigen, jedoch ungebildeten Familie und lebt als Gastarbeiter in Deutschland.
Es stellt sich bald heraus, dass Alvin eigentlich ein gewalttätiger Taugenichts ist. Bei ihrer Ankunft in Deutschland, nach der Hochzeit, wohnen die beiden mit Alvins Bruder und Vater in einer kleinen Wohnung, WC und Bad am Gang – und das alles in dem kleinen Dorf Here, das nichts zu bieten hat außer einer Konditorei und einen Kaufhof.
Später, als die beiden Kinder – Sohn Ada und Tochter Meryem – geboren sind, ziehen sie in eine eigene, größere Wohnung. Inzwischen arbeitet Aynur am Fließband bei Ford, um den Alltag finanziell zu schaffen, den Kindern zwischendurch eine Freude machen zu können und den Kredit für Möbel, Stereoanlage und Fernsehen bezahlen zu können, damit der versprochene Wohlstand in Deutschland Wirklichkeit wird. Von der eintönigen, harten Arbeit wird sie jedoch über die Jahre müde, überreizt und gewalttätig gegen die Kinder. Der Alltag der Familie ist geprägt von Misshandlungen, Schlägen, Strafen und Demütigungen beider Eltern gegenüber den Kindern. Alvin ist auch gewalttätig gegenüber seiner Frau. Die Situation spitzt sich zu, als Alvin seine Arbeit verliert, nur noch trinkt, tagsüber im Bett liegt, das Ersparte und den Schmuck seiner Frau verspielt und Spielschulden anhäuft - bei Freunden, Verwandten und der Bank.
Als die Kinder das Abitur machen, ziehen sie von zu Hause weg. Ada kann seinen Eltern nicht verzeihen, was ihnen angetan wurde, insbesondere der Mutter, die sie vor dem Vater beschützen hätte sollen und bricht jeden Kontakt zu den Eltern ab. Meryem sieht ihre Mutter als Opfer des Vaters, die nicht anders handeln konnte.
Der Roman wird zu einem Teil aus der Sicht der Tochter Meryem erzählt, die bedingungslose Liebe und Verständnis für die Situation der Mutter hat, was ihr Bruder nicht nachvollziehen kann.
Der Roman beschreibt ein Leben einer Frau, die frei sein wollte und in einem lebenslangen Martyrium landete, die ihre Kinder misshandelte, dies jedoch als Erziehung und Vorbereitung auf das Leben ansah, damit es ihnen einmal besser geht. Damit sie ein Leben wie sie es hat nicht ertragen müssen.
Ein bewegender, schmerzhafter, trauriger und emotionaler Roman, der unter die Haut geht und einem beim Lesen nicht mehr loslässt. Absolute Empfehlung
Außergewöhlich und vielschichtig, großartig!
Mein Vater, der Gulag, die Krähe und ich von Kaska Bryla
Kaśka Bryla konzipiert und schreibt diesen Roman als ein Selbstgespräch, nachdem sie die Tonbandaufzeichnungen ihres bereits 2011 verstorbenen Vaters anhört. Sie hatte ihm ja versprochen, seine Geschichte niederzuschreiben. Erst zu Beginn der Pandemie 2020 löst sie dieses Versprechen ein.
Auch zu Beginn der Pandemie 2020 infiziert sie sich mit Corona, erleidet eine Herzmuskelentzündung und fühlt sich geschwächt.
Sie spürt die Erkrankung in der Lunge, hat zwischenzeitlich Atemprobleme und auch Angst daran zu sterben. Zu dieser Zeit lebt sie in Leipzig in einem LKW-Anhänger. Sie kränkelt und verbringt den Großteil der Zeit in einem Liegestuhl vor ihrem Wagen.
Der Vater erzählt in den Tonbandaufnahmen von seiner Zeit im polnischen Widerstand, im Untergrund gegen Hitler und Stalin, wie er den 2. Weltkrieg als Jugendlicher erlebt hatte und von den Deportationen in die Gulags. Ihm ging es um den Kampf für die Demokratie in Polen, um Flucht, Folter, Hunger, Gefangenschaft und Kälte zu ertragen.
Genau in dieser Zeit findet sie am Wagenplatz eine Baby-Krähe, die sie Karl nennt und die sie aufgepäppelt. Karl ist an einem Flügel verletzt und kann nicht fliegen. Es stellt sich die Frage, ob er jemals das Fliegen erlernen wird.
Karl ist mit seiner Verletzung ein Außenseiter wie sie, die trotz eines negativen Corona-Tests gemieden wird, weil die Angst besteht, sich doch an ihr anzustecken. So ist Karl ihr Engel und der Einzige, den sie zwischen seine Flügeln streichelt – das Berührtwerden vermisst auch sie. Beide sind sie Fremde, die sich gegenseitig brauchen.
Kaska Bryla schreibt auch über ihren eigenen Kampf für eine bessere Welt: für die LGBTQ-Menschen und für die Umwelt.
Heute tut es ihr leid, wie sie manchmal zu ihrem Vater war, als sie die Kommunisten in Polen gewählt hatte, jene die ihn folterten und quälten, ihn hungern und frieren ließen. Er bleibt ihr gegenüber trotzdem ruhig und nett, tat immer so, als hätte sie ihm nicht böse Worte an den Kopf geschleudert.
Was für ein Buch, so emotional, persönlich und ergreifend auf ganz vielen Ebenen – eines der ganz besonderen Neuerscheinungen in diesem Jahr. Dieser Roman ist so einzigartig, dass meine Rezension dem nicht gerecht werden kann - schon gar nicht dem, was in dieser Geschichte alles steckt, daher ganz große Empfehlung.
Eine Hommage an den Vater
Der Gärtner und der Tod von Georgi Gospodinov
Wenn der Autor seinen Roman über den Tod seines Vaters mit dem Satz „Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten.“ beginnt, dann bin ich berührt.
Gospodinvo begleitet seinen Vater bis zu seinem letzten Atemzug, hält ihm die Hand, versucht ihm die Schmerzen zu nehmen und ihn abzulenken, ihn an seine Kindheit zu erinnern.
So würdevoll, mitfühlend und voll Zärtlichkeit erzählt er abwechselnd über das Leben, die Krankheit und das Sterben seines Vaters, über seine Liebe zu dem Garten und den Stolz auf seinen Sohn.
Der Vater leidet an Krebs und bei vollem Bewusstsein erlebt er den Abbau seines Körpers und die Abhängigkeit, gepflegt und versorgt zu werden. Die Ärzte haben den alten Mann mit dieser Diagnose aufgegeben. Sein Glück ist, dass dies alles zu Hause passiert – und nicht in einem Krankenhaus.
Gerne hätte er Weihnachten noch mit der Familie verbracht, doch er stirbt in den Morgenstunden des 20. Februar 2023. Auch seine Lieblingsblumen, die Schneeglöckchen, hatte er gehofft noch einmal zu sehen, das blieb ihm leider verwehrt.
Ein Buch über Trauer, Tod, Verlust, Kindheit und die Beziehung zu den Eltern, aber auch über Bulgarien im Kommunismus. Eine Geschichte, die so nahe geht, so würdevoll geschrieben ist und berührt. So persönlich habe ich noch nie über den Tod gelesen.
Klug und empathisch, großartig
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Ein persönlich geschriebener Roman, der den eigenen familiären Bezug zu psychiatrischen Erkrankungen adressiert und zugleich die eigene Sicht als Mitarbeiter in einer Psychiatrie facettenreich beschreibt – beides in absolut gelungener Weise erzählt.
Die Herkunftsfamilie des Autors litt an unterschiedlichen psychiatrischen Diagnosen: die Mutter war Alkoholikerin, der Vater depressiv.
Die Großmutter, bipolar, hatte mehr als zehn Suizidversuche hinter sich, und der Großvater war Patient am ‚Steinhof‘. Aufgrund dieser Familienanamnese befürchtet der Autor, selbst einmal an einer psychiatrischen Diagnose zu erkranken – statistisch gesehen hat er ohne Zweifel ein hohes Risiko.
Leon Engler erzählt sein eigenes prekäres Aufwachsen, das ärmliche Leben der Eltern und auch deren Krankheiten. Er zeigt, wie es sich auswirkte, wenn der Vater depressiv war und wie schwierig es für die alkoholkranke Mutter war, abstinent zu bleiben und nicht wieder rückfällig zu werden. Er beschreibt so gekonnt einerseits seinen professionellen Zugang zu den Erkrankungen, wie diese in der Wissenschaft und Literatur beschrieben werden – und wie es sich dann in der Realität auf der Psychiatrie individuell darstellt, bei jeder*m Patient*in ganz anders. Ich finde, das macht der Autor mit großem Respekt, ohne zu (ver-)urteilen.
Mir hat der Roman wahnsinnig gut gefallen. Er ist sehr einfühl- und unterhaltsam, manchmal ironisch, aber auch ernst. Er liest sich flüssig und interessant. Für mich ist das Konzept des Romans komplett aufgegangen, wie in jeweils kurzen Kapiteln unterschiedliche Facetten von Personen und Erkrankungen beschrieben wurden.
Eine sehr berührende Geschichte
Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly
Eine Erzählung in zwei Zeitebenen: damals und jetzt.
Damals, im Jahr 1900, ist Dorothy als junge Lehrerin auf die schottische Insel Skerry direkt von Edinburgh gekommen. Von den Bewohner*innen und auch den Kindern in der Schule wird sie nicht akzeptiert. Schon ihre gesamte Kindheit kennt sie es, Außenseiterin zu sein.
Die Frauen des Dorfes beobachten sie und ziehen über sie her, hinter ihrem Rücken. Einzig Joseph hat sich sehr um sie bemüht, bis Dorothy von einem Tag auf den anderen unleidlich zu ihm wurde und ihm auch aus dem Weg ging – für ihn unerklärlich. Damals verliert Dorothy auch ihren Sohn Moses ans Meer. Joseph findet den Stiefel des Buben.
Jetzt – ca 20 Jahre später - wird ein gestrandeter Junge am Strand ausgerechnet von Joseph aufgefunden. Er hat nur einen Stiefel an, der dem Stiefel von Dorothys Sohn zum Verwechseln ähnlich aussieht, und auch der Junge im selben Alter ist wie Moses damals als er plötzlich verschwand. Zuerst kommt der gestrandete Junge beim Pfarrer im Dorf in Pflege, später wird Dorothy gebeten, den Jungen zu pflegen, da die Frau des Pfarrers selbst ein Kind zur Welt bringt.
Erinnerungen und alte Wunden werden aufgerissen, nicht nur bei Dorothy, auch bei den Dorfbewohner*innen, die das raue und karge Leben als Fischerdorf kennen, und Verluste zu beklagen haben, wenn Ehemänner, Brüder oder Söhne nicht vom Meer nach Hause kommen.
Der Autorin ist es großartig gelungen den Spannungsbogen aufrecht zu halten, denn im Jetzt weiß man ja zum Teil was damals passierte, aber immer nur angedeutet, nichts Genaues. Und auch das Damals ist bereits von Anfang an klar, aber die Spannung besteht darin zu erfahren, wie es zu all dem gekommen ist. Immer wieder gibt es einen kompletten Perspektivenwechsel, wie auch weitere Dorfbewohner*innen bestimmte Situationen erlebt haben, die meist noch mal anders sind.
Absolute Empfehlung











