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Rezensionen von niki:
Eine Annäherung an die Mutter
Muttermale von Dagmar Leupold
Für den Bayerischen Buchpreis zu recht nominiert: Dagmar Leupod denkt zurück an ihre Mutter.
Die Mutter wurde 1924 in Ostpreußen geboren und erlebte in ihrem jungen erwachsenen Leben den 2. Weltkrieg, der sie scheinbar sehr geprägt hat. Die 1956 geborene Tochter erlebt die Mutter als distanziert, streng und kalt.
Lacht sie einmal, interpretiert es ihre Tochter als Gefühlsentgleisung.
Der Roman erstreckt sich von der Kindheit und Jugend bis zum Muttersein und ihrem Altern und Sterben. Es besteht keine liebevolle Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Besonders deutlich wird das, wenn die Tochter beschreibt, dass sie auch den Kochlöffel zu spüren bekommen hatte. Über vieles wird geschwiegen. Der Roman wird als eine Annährung beschrieben – ich interpretiere den Roman als die Mutter verstehen wollen.
Wer war sie, diese Mutter, die zwei ihrer Brüder im Krieg verloren hatte, die als Krankenschwester die Verwundeten versorgte und aus ihrer Heimat vertrieben wurde? Die protestantisch war und Prügel als Disziplinierungsmaßnahme akzeptierte.
Erst im Alter änderte sie sich ein wenig: ohne Chanel No. 5 ließ sie sich nicht im Rollstuhl vor die Türe führen und dieser Duft wird die Tochter immer an die Mutter erinnern.
Ein großartiger Roman, der die Atmosphäre von Gefühlskälte und Distanz außergewöhnlich gut transportiert. Sprachlich ein Genuss – zu Recht nominiert für den Bayerischen Buchpreis.
Partynächte in den 1950er
Die Party von Tessa Hadley
Bristol in den 1950er Jahren. Nachkriegszeit.
Evelyn ist ganz berauscht, sie geht zu einer Party. Sie hat sich aufregend gekleidet mit hautenger Hose, aufgetragenem Lippenstift – beim Weggehen musste sie ihr Strickkleid darüber anziehen, damit die Eltern nichts merken. Ihre ältere Schwester Moira weiß nicht, dass sie nachkommt, sie ist bereits auf der Party, die in einer verruchten Gegend, den Docks, stattfindet.
Moira ist die ältere, schillernde der beiden Schwestern, Studentin für Modedesgin an der Kunsthochschule. Evelyn studiert Französisch.
Auf der Party lernen die beiden Schwestern zwei Männer kennen – Paul und Sinden, die wohlhabend wirken. Zwei Tage später werden die beiden Schwestern von Paul wieder zu einer Party eingeladen, mit einem beeindruckenden Bentley abgeholt und in eine herrschaftliche Villa gebracht. Als sie ankommen, sitzen die Gäste schon um den Tisch, eine ganz andere Art von Party. Sie spielen das Spiel: Pflicht, Wahrheit oder Kuss.
Die Novelle, die zwei Abende der beiden Schwestern festhält, wird aus der Perspektive von Evelyn erzählt. Sobald Paul und Sinden auftauchen, weiß man, dass diese Bekanntschaft irgendwie von Bedeutung sein wird – es knistert richtig beim Lesen. Herrlich, wie es der Autorin gelingt, die Stimmungen in den jeweiligen Szenen einzufangen, ob am ersten Abend auf der Party, am nächsten Tag zu Hause bei den Eltern oder dann an jenem Abend im Haus mit Paul, Sinden und deren Gästen.
Eine dichte Geschichte auf nur 122 Seiten – sehr gelungen.
Eine erfrischende Biografie - wunderschön gemacht
Bertha von Suttner auf Reisen von Georg Hamann
Bertha von Suttner wurde 1843 im Palais Kinsky in Prag geboren. Sie verbrachte eine glückliche Kindheit mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihrer Cousine, die ihre beste Freundin wurde. Mutter und Tante verprassten das Erbe beim Glücksspiel in unterschiedlichen Spielsalons in Europa.
Als sie in ihren Zwanzigern war, war vom Geld kaum mehr etwas übrig, so das sich Bertha eine Stelle suchen musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Sie wurde als Gouvernante bei der adeligen Familie von Suttner eingestellt. Einer der Söhne sollte später, gegen den Willen der Familie, ihr Ehemann werden.
Als die Eltern von der Zuneigung der beiden erfuhren, wurde Bertha eine andere Stelle nahegelegt: ein reicher Mann in Paris suchte eine Assistentin mit ihren Fähigkeiten. Sie erhielt die Stelle bei Alfred Nobel. Diese Verbindung sollte ihr Leben lang halten und Nobel wird auch später Berthas Friedensbewegung maßgeblich finanziell unterstützen.
Anfänglich, um sich über Wasser zu halten, schrieb sie Artikel für Zeitungen, später ihre ersten Bücher, welche damals der sogenannten Salonliteratur zugerechnet wurden, unter einem Pseudonym – die bessere europäische Gesellschaft war Thema der Salonliteratur.
Erst mit der Auseinandersetzung über Krieg und Frieden wurde sie berühmt. Kriege waren in ihrer Zeit selbstverständlich, das Sterben von Soldaten für Kaiser und Vaterland wurde nie Frage gestellt. Bertha von Suttner sah den Frieden als Alternative und schrieb darüber unter anderem in „Die Waffen nieder“. Sie engagierte sich in der Friedensbewegung, gründete die Friedensgesellschaft sowie den Verein zur Abwehr des Antisemitismus und erhielt prominente persönliche und finanzielle Unterstützung zB von Alfred Nobel, Peter Rosegger, Marie von Ebner-Eschenbach und vom Walzerkönig Johann Strauß.
Bertha von Suttner war maßgeblich beteiligt, dass Alfred Nobel einen Friedensnobelpreis stiftet und hatte damit gerechnet, diesen Preis als Erste überhaupt verliehen zubekommen – fünf Jahre musste sie aber darauf warten.
Eine Woche vor Ausbruch des 1. Weltkriegs starb Bertha von Suttner.
Ihre Biografie wird anhand von Reisen, Post- und Werbekarten erzählt. Das Buch wird mit vielen Bildern von Bertha, ihren Wegbegleiter*innen, Briefen und Karten aufgefrischt. Großartig zu lesen ist auch ihre Entwicklung vom jugendlichen, oberflächlichen und unpolitischen Mädchen, das vom Märchenprinzen träumte, durch Lesen und Lernen zu einer neuen Weltanschauung kam und sich für den Frieden einsetzte.
Was für eine erfrischende Biografie über die Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner, geborene Kinsky.
Großartiger Roman über Herkunft, Klasse und Milieu der 1980er
Lügen über meine Mutter von Daniela Dröscher
Eine Kindheit in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik, die an manchen Stellen an meine eigene erinnert. Vermutlich ist das der Grund, warum ich diesen Roman nicht aus den Händen legen konnte, bis die letzte Seite gelesen war.
Dass die Mutter dringend abnehmen muss, entscheidet der Vater. Weil sie ist schuld, dass er beruflich und somit gesellschaftlich nicht weiterkommt – er hat keine herzeigbare Frau.
Ela ist noch ein Kind im Volksschulalter, als sie ihre und die Geschichte ihrer Eltern aus ihrer Sicht erzählt. Ergänzt werden die Episoden mit dem reflektierten Blick der erwachsenen Daniela. Es geht um die Überforderung der Mutter, die neben zwei kleinen Kindern und einem Job in einer Fabrik auch noch ihre Mutter bei sich aufnimmt, um sie zu versorgen. Die Geschichte ist angesiedelt in einem Dorf. Die Familie lebt bei den Eltern des Mannes – alles sehr kleinbürgerlich. Die Mutter ist übergewichtig und der Vater führt Gewichtskontrollen durch, verordnet Diäten und setzt die Mutter herab, doch nichts führt zu einem schlanken Körper.
Das Übergewicht der Mutter steht nur als Synonym für patriarchale Demütigungen von Ehemännern gegenüber ihren Ehefrauen. Es ist jenes Milieu, in dem die Väter einfachen Berufen nachgehen, dort von Chefs selbst gedemütigt werden und „klein“ sind. Zuhause spielen sie den Großen und Starken, demütigen ihre Frauen, in dem jede neu gekaufte Bluse als verschwenderische Eigenschaft der Ehefrau gilt. Sie nörgeln am Essen, berufliche Ambitionen von Hausfrauen werden als lächerlich abgetan. Um ihr eigenes Ego zu polieren, kaufen sie Autos vom Geld, das eigentlich für die Familie da wäre, um nicht an allen Ecken und Enden sparen zu müssen.
Wow, ein ganz großartiger Roman, der Herkunft, Klasse und Milieu der 1980er Jahre in den Einverdiener-Haushalten richtig wiedergibt. Dieser großartige Roman sei allen ans Herz gelegt, die so wie ich in den 80er Jahren ihre Kindheit verbracht haben.
Hab ich verschlungen - großartiger Roman
Der Traum des Jaguars von Miguel Bonnefoy
Dieser Roman hat genau das was ich mir von einer guten Geschichte erhoffe: wahre historische Fakten, eingebettet in eine Familiengeschichte mit einer starken Frau, die sich nahezu über das gesamte 20. Jahrhundert erstreckt, und alles in einer schönen Sprache.
Antonio Borjas Romero wird am dritten Tag nach seiner Geburt (1914) auf den Stiegen einer Kirche abgelegt und von einer stummen Bettlerin gefunden und aufgezogen.
Es ist jene Zeit, als in Venezuela Öl entdeckt wird und damit Land und Bevölkerung zu Reichtum und zu Wohlstand gelangen. Unverstellbar, dass Antonio einmal ein berühmter Arzt und Universitätsgründer werden wird.
Auch seine Frau Ana erlangt Berühmtheit, als erste Ärztin in dem Landesteil, in dem sie leben. Die gemeinsame Tochter, mitten in der Revolution geboren, erhält den Namen Venezuela. Die Familiengeschichte erstreckt sich über drei Generationen und ist eng mit der Entwicklung des Landes verbunden
Für mich hätte der Roman gerne einige Seiten mehr Umfang haben dürfen, so eingetaucht bin ich in diese wunderbare, atmosphärische Geschichte mit bildhaften Beschreibungen.
Unbedingte Empfehlung
Eine nebulöse Geschichte
Die Schrecken der anderen von Martina Clavadetscher
Im fiktiven zugefrorenen See wird eine Leiche entdeckt. Es ist unklar, ob es ein Unfall, Suizid oder Mord war.
Dann treten hier zunächst einmal die Protagonist*innen auf die Bildfläche, die doch ein wenig eigenartig erscheinen.
Schibig, ein Archivar in einem Keller, der unter Panikattacken leidet, die er wegzuatmen gelernt hat.
Er versucht mit Rosa, die nur die Alte genannt wird und in einem Campingwagen wohnt, der Sache mit der Leiche auf den Grund zu gehen. Die Alte verfolgt das Geschehen am See vom Fenster aus, notiert sich Zahlen, die am Handy aufleuchten.
Kern, ein reicher Sprössling, lebt in einem Herrenhaus mit seiner Frau und der hundertjährigen Mutter, die noch alles beherrscht. Die Mutter ist zeitweise verwirrt. Sie ist eine böse Frau und hofft, dass Kern und Hanna ein Kind bekommen, damit sie endlich sterben kann, weil die Blutlinie dann weiterlebt. Hanna arbeitet nicht, sie möchte sich ablenken und bastelt daheim Püppchen. Damit sie schwanger wird, sucht sie mit dem Wissen ihres Mannes McGuffin auf, der später die Leiche im See ist.
Der Roman ist besonders konzipiert und aufgebaut, insgesamt fand ich ihn recht spannend. Zwei Stränge werden abwechselnd erzählt, oft ist jedoch die Handlung nicht klar nachvollziehbar. Ich finde, es hätte dem Roman gut getan, wenn das Ende die Motive der Protagonist*innen erklärt hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Ende aber einfach nicht verstanden habe und mir daher der Zusammenhang im Roman fehlt. Es ist schon klar, es geht um die Schweiz und ihre Nähe zum Nationalsozialismus und damit um Geld aus dieser Zeit, heruntergebrochen auf eine reiche Familie. Ich hätte es jedoch besser gefunden, wenn im Roman die Zusammenhänge eindeutiger benannt worden wären.
Kein einfach zu lesender Roman.
Eine sehr lehrreiche Graphic Novel
Die Bombe (Paperback) von Alcante; Laurent-Frédéric Bollée
Die Graphic Novel handelt vom Bau der ersten Atombombe, dem sogenannten „Manhatten Project“, bis zum Abwurf auf Hiroshima und Nagasaki. Ein Zeitdokument, das nicht beeindruckender sein könnte mit detailreichen Tuschezeichnungen.
Zu Beginn führt uns Leser*innen das ‚Uran selbst‘ in seine Geschichte ein und meldet sich auch später immer wieder mit Kommentaren zur Entwicklung der Atombombe und seine persönliche Stärke darin zu Wort.
In den USA arbeiteten während des 2. Weltkrieges vor allem ehemalige jüdische Physiker, die vor den Nazis aus Europa geflohen waren, an einer auf einer Kettenreaktionen basierenden Waffe. Der Druck zu einem Ergebnis zu gelangen war groß, denn diese Waffe soll kriegsentscheidend sein und vor den Deutschen und den Russen entwickelt werden. Somit fand ein Wettlauf gegen die Zeit statt.
Auch Albert Einstein setzt seine Kontakte ein, um politische Unterstützung, vor allem vom US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, für das Projekt zu erhalten. Im mexikanischen Los Alamos wird ein Labor unter strengster Geheimhaltung eingerichtet und so die Entwicklung der Atombombe vorangetrieben.
Als die Bombe auf Hiroshima am 6. August und ein zweites Mal am 8. August auf Nagasaki abgeworfen werden, sprechen die Zeichnungen nur für sich – keine Sprechblasen, keine Erklärungen, nur gezeichnete Eindrücke, wahnsinnig gut gemacht.
Eine äußert akribisch recherchierte und detailreich gezeichnete Graphic Novel, die die Entwicklung der Atombombe sehr verständlich darstellt, macht diese Lektüre zu einem sehr bereichernden Zeitdokument, das absolut empfohlen werden kann.
Aus dem Französischen von Ullrich Pröfrock
Schmerzhaftes Erwachsenwerden
Amphibium von Tyler Wetherall
Die 1990er Jahre in Südwestengland.
Sissy, elf Jahre alt, noch nicht lange an der Schule, ist Außenseiterin, noch gehört sie nicht dazu. Tegan ist das coole Mädchen, um das sich alle aus der Klasse scharren, und Sissy möchte auch so dazu gehören. Erst als Sissy einem Jungen mit einem Stein auf den Kopf schlägt, würdigt Tegan sie als Freundin – zuerst aber nur heimlich, nicht vor den anderen.
Bald sind die beiden richtige Freundinnen, teilen alles miteinander und haben trotzdem auch Geheimnisse voreinander.
Sissys Mutter ist lange ein gewisses Geheimnis in dieser Freundschaft. Sie ist alleinerziehend und leidet unter einer psychischen Krankheit, so dass sie tagelang nicht aufstehen kann und Sissy allein auf sich gestellt ist - der Kühlschrank leer, die Vorhänge zugezogen. Sissy hat das Gefühl, dass sie ihre Mutter beschützen muss, auch dafür lügen muss, damit weder Schule noch Jugendamt oder sonst jemand auf diese Situation aufmerksam wird.
Erwachsen werden ist in dieser Geschichte ein schmerzlicher Prozess. Es geht um akzeptiert, geliebt und anerkannt werden, weil man dazugehören will. Es geht um eine toxische Beziehung, die sich Freundschaft nennt. Und um eine unfähige Mutter, weil sie krank ist. Die 11-jährige kompensiert die mütterlichen Unzulänglichkeiten durch Lügen und Verheimlichen. Es geht auch darum, wie sich so junge Mädchen Begehren und Sex vorstellen, obwohl sie noch nicht einmal geküsst haben.
Normalerweise lese ich Coming-of-age Geschichten nicht gerne, aber diese hier ist besonders. Sie zeigt in unterschiedlichen Bereichen, was es bedeutet vom Kind zu einem pubertierenden Mädchen zu werden, was es heißt Aufmerksamkeiten auf sich zu ziehen bzw diese zu provozieren.
Absolute Leseempfehlung
Aus dem Englischen von Lisa Kögeböhn
Die Geschichte der Philippinen im 20. Jahrhundert
Die Kollaborateure von Katrina Tuvera
Die philippinische Autorin Katrina Tuvera erzählt vor allem aus Carlos Armandos Perspektive, als er um die Jahrtausendwende im Krankenhaus liegt und sich sich an sein Leben zurückerinnert, insbesondere an sein politisches. Hintergrund des Romans sind die Entwicklungen auf den Philippinen im 20. Jahrhundert.
Ausgangspunkt ist, dass in den Fernsehnachrichten der Amtsenthebungsprozess gegen den aktuellen Machthaber von fast allen Menschen im ganzen Land verfolgt wird.
Carlos erinnert sich an die Zeit in seiner Kindheit in einem Dorf, in dem der Vater Lehrer war. In den 1970er Jahren tritt er in die Partei ein, während der Diktatur von Ferdinand Marcos.
Die Rückblenden erfolgen auch aus der Sicht seiner Frau Renata, die als Politikergattin ein Wohltätigkeitsbüro leitet, und seiner Tochter Brynn, die ihre politischen Kontakte nicht nützt und „nur“ Fotografin wird. Wie Mosaiksteinchen setzt sich die Geschichte nach und nach zusammen und zeigt Konturen und Eckpunkte des Gesichtsbildes, jedoch nicht in chronologischer Abfolge.
Es ist daher nicht immer ganz einfach, dem Roman zu folgen. Vieles habe ich nachgelesen zur Geschichte der Philippinen; und dabei viel gelernt über die spanische Besetzung, später dann über die Besatzung durch die Amerikaner. Aber auch über die japanische Besatzung während des 2. Weltkrieges und der langen Regierungszeit Ferdinand Marcos und seiner Militärdiktatur. Geblieben ist nach der Lektüre ein spannend zu lesender Roman über das Leben eines Kollaborateurs mit diversen Besatzungsmächten, zuletzt der Marcos-Diktatur – mit einem mosaikhaften Überblick und Einblicke in die mir bislang völlig unbekannte Geschichte der Philippinen!
Aus dem philippinischen Englisch von Jan Karsten
Was für eine ungelaubliche und wahre Geschichte
Die Republik der Irren von Dirk Stermann
Wenn man dieses Buch liest, kann man kaum glauben, dass wesentliche Teile davon wahr sind. Parallelen zu aktuellen politischen Themen sind nicht zu übersehen.
Es geht um die Hafenstadt Fiume, dem heutigen Rijeka, das nach dem 1. Weltkrieg als Freistaat unter die Herrschaft des Dichters Gabriele D’Annunzio geriet.
Fiume gehörte nach der Neuaufteilung Europas nirgendwo dazu. In Fiume wurde deutsch, italienisch und kroatisch gesprochen. Das irre Experiment dauert ungefähr eineinhalb Jahre.
D’Annunzio gründete einen Staat, in dem Menschen aus Psychiatrien zu Ministern ernannt wurden und Ministerien leiteten, wie zB das Ministerium für Handstreiche, das Ministerium für Luft oder das Ministerium Adler, Schlangen, Windhunde und noch zu erschaffende Lebewesen. Viele Futuristen, Anarchisten und Nudisten wurden von dieser Idee angezogen und fanden in Fiume eine neue Heimat. In dieser Republik wurde das Geld abgeschafft, wurden ständig Partys gefeiert und es floss der Alkohol. Kokain war an der Tagesordnung und Sex konnte frei ausgelebt werden, so dass Fiume bald mit Geschlechtskrankheiten verseucht war.
D’Annunzio lebte als Herrscher in einem Palast, hielt von dessen Balkon seine Ansprachen. Dabei trug er Fantasieuniformen, dazu zB Schuhe mit aufgenähten Penissen. Er hob immer wieder seinen rechten Arm (was sich später Mussolini und die weiteren Faschisten abschauen sollten) und begeisterte sein Volk.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Cherubino, einem Pfleger in einer Psychiatrie, der einen seiner verrückten Patienten, Zino, nach Fiume begleitete. Zino, der nach einem an seiner Familie begangenen Axtmord in experimenteller Weise einer Lobotomie unterzogen wurde, ist seitdem friedlich, jedoch körperlich groß, geradezu riesig und stark – und kämpft auf Befehl. Zino wird zum Minister für Handstreiche. Das geht so lange gut, so lange Beruhigungsmedikamente vorhanden sind.
Eine unglaubliche, aber eher unbekannte Geschichte, die sich nicht irgendwo zugetragen hatte, sondern tatsächlich nur ein paar hundert Kilometer von uns entfernt. Ganz nach dem Motto „Eine verrückte Welt muss von Verrückten regiert werden“. Eine unbedingt lesenswerte Geschichte.











