Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Symphonien und ihre Wirkung
Rausch und Stille von Karl-Heinz Ott
Karl-Heinz Ott schreibt ausführlich über alle Sinfonien von Ludwig van Beethoven.
Davor bringt er aber zur Einleitung ein rasantes Stück Literatur rund um Beethoven und seine Zeit sowie seine Wirkung aus Sicht von verschiedenen Interessengruppen, z.B. Musikkritiker, Literatur und Philosophie. Es wird einem fast schwindelig von den vielen überzeugen den Verweisen, die Ott eloquent bringt.
Dieser Beginn haut den Leser nahezu um, doch dann wird es ruhiger.
Für Nichtmusiker wird es in den Musikdetails außerdem manchmal auch etwas schwierig zu folgen.
Daher wird man in der Regel die Musik begleitend zum Buch klingen lassen.
Das lockert die Textabschnitte auch sofort auf.
Vergleiche zu anderen Komponisten, z.B. Hayden gibt es hauptsächlich anfangs,bei späteren Sinfonien ist Beethovens Eigenständigkeit dominierend.
Ich mag außerdem Otts Abschnitte über Besonderheiten, zum Beispiel die musikalischen Scherze, die Scherzi. Es werden auch andere Komponisten in diesem Zusammenhang genannt, z.B. Mozart und Schumann.
Interessanterweise folgen auch den Abschnitten über die Sinfonien zwischendurch immer wieder Ausflüge in die Literatur und Gesellschaft seiner Zeit, also Goethe, Eckermann, E.T.S.Hoffmann, Napoleon etc. sowie auch neuere Literatur wie Saramago, Andre Gide oder Alejo Carpentier. Philosophen wie Heidegger, Derrida und Roland Barthes ebenso, was ich sehr interessant, fast erleuchtend fand.
Ott widmet sich den Sinfonien ausführlich. Ich persönlich liebe ja die idyllische 6-Sinfonie, die praktisch zeitgleich zur aufwühlenden fünften entstand und so wunderschön dahinfließt. Heiter ist auch die 8.Sinfonie! Was dann in der neunten Sinfonie inklusive der Ode an die Freude ist imposant wie nichts anderes.
Das Buch braucht seine Zeit. Vieles was ich erst einmal nur so überflogen habe, lohnt sich offensichtlich weiter ausgeführt zu werden und so ist das mächtige Buch, dass von seiner Leichtigkeit profitiert, etwas für die Dauer.
Die entstehende Wirkung aus Tönen und Schrift ist enorm!
Rezensionen von Bücher in meiner Hand:
Ein Glücksort für alle
Das kleine Cottage am Meer von Debbie Macomber
Wenn man Lust auf einen schönen Wohlfühlroman hat, kann man praktisch immer zu Debbie Macombers Bücher greifen ohne enttäuscht zu werden. So gebe ich gerne auch eine Leseempfehlung für den Roman "Das kleine Cottage am Meer", in dessen Geschichte Annie Marlow das kleine Städtchen Oceanside gehörig aufmischt.
In Oceanside hat Annie in ihrer Kindheit die Sommerferien mit ihrer Familie verbracht und fühlte sich dort sehr glücklich. Eineinhalb Jahre nachdem Annie ihre Eltern und ihren Bruder durch einen Erdrutsch verloren hat, und sich seither zwischen Trauer und Behördengängen durchgeschlagen hat, fährt sie zurück nach Oceanside. Das erste Mal seit langem schläft sie wieder durch und beschliesst für ein Jahr hierhin zu ziehen.
Annie findet eine Stelle als Arztassistentin und auch das kleine Cottage von früher. Dort möchte sie wohnen, doch die Vermieterin stellt sich quer. Die Vermieterin ist Melly, deren Grosseltern Annie immer gern mochte. Annie erinnert sich an Melly, doch aus dem netten Mädchen wurde eine junge Frau mit einer Phobie. Melly will keinen Kontakt zur Aussenwelt und verlässt nie das Haus. Keaton versorgt sie mit Lebensmitteln und allem anderen, das sie zum Leben braucht.
Keaton war schon immer ein Aussenseiter. Seine Grösse und seine Wortkargheit sorgten in seiner Jugend für viel Spott. Der talentierte Maler hat ein Herz für Tiere und hilft in einem Tierheim mit. Vor 13 Jahre sah er Annie zum ersten Mal am Strand - und ist seither verliebt in sie. Deshalb traut er seinen Augen nicht, als er sie eines Tages am Strand sieht - aber sie ist es tatsächlich. Da er der einzige ist, der mit Melly umgehen kann, sorgt Keaton schliesslich dafür, dass Annie den Mietvertrag für ein Jahr bekommt.
Zwischen Annie und Keaton beginnt eine stille Freundschaft, aber Annie bringt auch Melly dazu, sich ein wenig zu öffnen. Wie Annie mit Melly umgegangen ist und Melly darauf reagierte, war richtig amüsant zu lesen. Obwohl Annie die Protagonistin ist, war ich von der rotzigen Melly so fasziniert, dass sie mein Monats-Lieblingscharakter wird.
Die Figuren, die allesamt Schweres erlebt haben, mochte ich total gerne. Die eckigen Charaktere treiben dem Leser ein Grinsen ins Gesicht und lassen die Augen glänzen vor Freude: Annie hat das Herz am rechten Fleck; Keaton zeigt seine Zuneigung durch seine Hilfsbereitschaft; Melly kommandiert herum, doch man merkt, dass sie dadurch trotzdem auf andere eingeht; Teresa lässt sich nicht unterkriegen. Auch Preston, Britt und Candi sind sehr nette Figuren.
Ich bewundere immer wieder, wie Debbie Macomber es schafft derart leichte, warmherzige und lebensbejahende Geschichten zu schreiben, obwohl ihren Figuren oft Schlimmes widerfahren ist. Wenn sie trotz allem nicht selbst noch ans Gute glauben, haben sie tief in ihren Herzen doch noch einen Funken Hoffnung vergraben, den andere, die an ihre Seite gestellt werden, heraus kitzeln.
Ein Pageturner durch und durch, ich war gefesselt von der Storyline und den kauzigen Charakteren und hab deshalb den Roman an einem einzigen Nachmittag ausgelesen.
Fazit: "Das kleine Cottage am Meer" ist nicht nur ein Glücksort für Annie, sondern auch für den Leser. Einfach bezaubernd.
5 Punkte.
Rezensionen von buchina:
Potential verschenkt
Das kleine Cottage am Meer von Debbie Macomber
Das schön gestaltete Cover und der Handlungsort des Romans haben mich neugierig gemacht. Auch wenn der Autor schon ein paar Bücher veröffentlicht hat, ist dies mein erstes von Matthias Boll. Der Einstieg in den Roman hat mir gut gefallen. Ein Toter in einer Badewanne in Johannesburg, Südafrika. Szenenwechsel: Frank Sattler, Naturwissenschaftler muss vor Gericht ein Wassergutachten verteidigen.
Ein typischer Krimieinstieg also, der mit einem Mord beginnt und sich in mehreren Handlungssträngen öffnet, wobei man als Leser die ganze Zeit Vermutungen anstellt, wie diese wohl zusammenhängen.
Frank Sattler stellt sich schließlich als Protagonist raus, der auf Wunsch seines Freundes, nach Johannesburg reist, um die Tochter seines Freundes vor einer unbekannten Gefahr zu schützen. Sattlers Entscheidung konnte ich nicht ganz nachvollziehen, aber gut jeder Mensch tickt anders. Leider konnte ich Sattlers Verhalten im ganzen Roman nicht verstehen. Er wurde vom Autor als bekannter gefestigter Wissenschaftler aufgebaut, verhält sich aber wie ein pubertierender Naivling. Die Idee von Hausbesetzung, Korruption in Johannesburg fand ich wirklich gut gemacht, leider verliert sich die Geschichte aber immer mehr in weiteren, für mich, etwas abstrusen Handlungssträngen unter anderem über eine verlorene gegangene Superwaffe.
Am Ende des Buches war ich verwirrt und enttäuscht. Ich habe das Gefühl, dass der Autor viele interessante Ideen hatte, leider hatte er versucht sie in einem Buch unterzubringen. Mich hat es an die Aufgaben in der Schule erinnert, wo man bestimmte Begriffe in einer Geschichte unterbringen musste, obwohl sie nicht zusammenpassen. Leider leidet darunter auch der Spannungsbogen, obwohl natürlich der Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen schon eine Grundspannung aufbaut. Gut gelungen fand ich die Beschreibungen Südafrikas, da habe ich wirklich gemerkt, dass der Autor dort oft war. Die Stimmung und die Landschaften konnte er gut einfangen. Die Südafrikaner selber sind leider nur Randfiguren, Protagonisten bleiben die Deutschen.
Insgesamt ist der Krimi leider nicht rund. Die Charaktere und die Handlung wirkte auf mich manchmal sehr abstrus. Der Roman startete sehr gut, leider verliert sich der Autor in zu vielen Handlungssträngen. Die guten Anfangsideen werden nicht wirklich zu Ende geführt. Die Charaktere bleiben eindimensional und ihre Handlungen für mich nachvollziehbar. Es ist wirklich schade, denn die Romanidee mit dem besetzten Hotel und den Morden darum hat für mich wirklich Potential.
Rezensionen von Peter Burk:
So lange Du noch oben bist gehörst Du dem Boss
Nur der Berg ist mein Boss von Hainz Christoph; Hemmleb Jochen
Auf Anhieb sympathisch - den Eindruck hinterlässt die Hauptfigur dieser Biographie über einen, vielleicht eher Insidern besser bekannten Spitzenkletterer und Bergführer aus Südtirol. Die Liste der schwierigen Erstbegehungen von Christoph Hainz, Jahrgang 1962, ist lang und im Anhang dieses schön aufgemachten Buches zu finden.
Es sind nicht die ganz hohen Ziele, die den gebürtigen Mühlwalder in den gut 3 Jahrzehnten seiner bergsteigerischen Karriere gereizt haben. Wenn man einmal von einer waghalsigen Erstbegehung des Nordpfeilers des „indischen Matterhorns“, den Shivling, absieht. Nein, es sind die Touren in heimischen Gefilden, die ihn reizen – ganz besonders „seine“ Zinnen und deren vielfältige Möglichkeiten, Touren bis zum 8. Schwierigkeitsgrad zu eröffnen.
Bei allen seinen Erzählungen, die er zusammen mit Jochen Hemmleb, einem der renommiertesten alpinen Autoren unserer heutigen Zeit, verfasst hat, schwingt eine gewisse Leichtigkeit mit. Gepaart mit einem Sinn für die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt und dem Gespür dafür, umzudrehen, wenn es an der Zeit ist. Seine Touren scheinen immer ganz zufällig geplant (sind es natürlich nicht): er lässt sich während der Fahrt auf das Jungfraujoch beim Ausstieg Eigergletscher „aussetzen“ und macht eben einmal die Nordwand in 4,5 Stunden. Damals ein Rekord, bis Ueli Steck und Co. kamen. Solobegehung des Fitz Roy in 9 Stunden – weil die vereinbarte Seilschaft vermeintlich bereits ohne ihn losgezogen war.
Kein geringerer als Franz-Walter Steinmeier zählt auf Christophs‘ Expertise, wenn es um anspruchsvolle, begleitete Kletterfahrten in Dolomiten geht. Hans Kammerlander, Seilpartner am Shivling, schätzt seine Unbekümmertheit und ermuntert ihn, vielleicht doch noch einmal einen Achttausender anzugehen.
270 Seiten, die Spaß machen, niemals langweilig sind, schön bebildert und doch geerdet – so wie das Leben des Protagonisten, mit dem der Autor dieser Zeilen nur eine Begehung des Normalweges auf die Große Zinne in seinem Lebenslauf gemeinsam hat. Was Christoph Hainz sicherlich auch auszeichnet ist, dass er scheinbar nie seine außerordentliche Begabung vermarkten wollte.
Rezensionen von begine:
Wer ist der Vater
Die 48 Briefkästen meines Vaters von Lorraine Fouchet
Die 48 Briefkästen meines Vaters ist ein orgineller interessanter Roman vom der französischen Schriftstellerin Lorraine Fouchet.
Chiara ist 25 Jahre alt, als ihre Patentante behauptet, das ihr richtiger Vater ein bretonischer Matrose ist. Ihre Mutter sagt das der Vater vor Chiaras Geburt verunglückt ist.
Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter war schon immer etwas kühl.
Chiara will ihren echten Vater finden und sucht ihn auf der Insel Groix. Dafür übernimmt sie den Job als Briefträgerin.
Auf der Insel sind einige Einwohner etwas skurril. Sogar die Briefkästen bekommen von der Autorin ein Eigenleben.
Der Roman behandelt Themen, wie Eifersucht, Trauer, Sehnsucht, Liebe und Freundschaft.
Es hat Spaß gemacht, diese Geschichte zu lesen.
Rezensionen von yellowdog:
Ein Buch der Wahrheit
Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder Sieben Schritte in die Diktatur von Ece Temelkuran
Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist. Dieser Titel spricht Bände und verrät unter anderem, dass die Autorin von den Repressionen des Mobs zum Exil gezwungen war. So ging es auch vielen anderen Menschen in der Türkei, viele landeten im Gefängnis. Von einer Demokratie in der Türkei kann man nicht mehr sprechen.
Die Journalistin und Schriftstellerin Ece Temelkuran, die natürlich auch emotional schreibt, besitzt die Fähigkeit, die Situation genau zu beschreiben.
Auch der Untertitel „Sieben Schritte in die Diktatur“ ist sprechend.
Ece Temelkuran spricht aber nicht nur von der Türkei unter Erdogan, auch Trump, Putin, Orban, AfD, die Brexiteers uva. werden erwähnt.
Wie die Autorin die Methode genau analysiert und durchschaut hat, ist beeindruckend und sollte dem Leser helfen, diese Maschen der Populisten früher zu durchschauen. Das Schema ist oft das gleiche.
Die Autorin verschweigt auch nicht, wie schwierig es ist, sich gegen diese Taktiken zu wehren und wie die Folgen weitreichend sind. Es ist nicht unbedingt ein optimistisches Buch. Die Populisten haben ihre Machtstellung weitgehend so gefestigt, dass eine kurzfristige Umkehr unwahrscheinlich ist.
Es wird auch klarer, was diese Ideologien aus den Menschen machen. Die Gesellschaft wird grundsätzlich verändert. Der Zusammenbruch der Demokratie ist möglich, zum Teil erfolgt.
Es ist schwer, in so einer verzerrten Welt zu leben, in der Wahrheiten und frühere Werte bei der Masse nicht mehr viel zählen. Aber resignieren und den Populisten kampflos das Feld zu überlassen, wäre fatal. Ece Temelkurans Buch ist daher wichtig!
Rezensionen von Caroline :
Albtraum Amoklauf in einer Schule, aus der Sicht eines 6jährigen
Alles still auf einmal Roman. Deutsche Erstausgabe. Kartoniert. von Navin Rhiannon
Für Melissa und Jim wird der Albtraum aller Eltern wahr. In der Schule ihrer zwei Söhne dringt ein Amokläufer ein und schießt wild um sich und ihr ältester Sohn Andy stirbt im Kugelhagel. Sein jüngerer Bruder Zach überlebt, versteckt in einem Wandschrank ohne körperliche Verletzungen.
Sein Leben und das seiner Eltern verändert sich schlagartig.
Nichts ist mehr wie zuvor, der Alltag kommt völlig zum Stillstand. Zach geht auf seine ganz eigene Weise mit diesem Drama um.
Wie hat es mir gefallen?
Der Verlag hat die Werbung auf Facebook richtig positioniert, denn ich habe das sehr schöne einfache Cover gesehen, den Klappentext gelesen und bin fast sofort in die Buchhandlung gestürmt, um es das Buch zu besorgen.
Die Geschichte wird aus Zachs Sichtweise erzählt. Es kann gar nicht so einfach sein, einen 6jährigen ständig sprechen zu lassen, seine Gedanken in Worte zu fassen. Dennoch hat es die Autorin geschafft, in keine allzu kindliche Sprache zu verfallen. Klar und deutlich schreibt sie und verleiht Zach somit eine klare Stimme.
Seine Reaktion auf dieses Drama erscheint mir recht realistisch und nicht zu übertrieben. Auch seine Eltern leiden natürlich unter dem Verlust ihres Sohnes. Zach versucht seinen Eltern auf gewisse Weise eine Stütze zu sein. Oft versteht er die Handlungen seiner Mutter und seines Vaters nicht und sucht sich seine eigenen Begründungen, die so kindlich naiv wie auch oft richtig sind.
Das Feingefühl, das die Autorin hier beweist, hat mich überrascht. Sie überlässt Zach die Führung, wir lieben, leiden und fühlen mit ihm, ohne ins Kitschige abzurutschen. Der Amoklauf an sich erhält nicht sehr viel Raum, somit stehen alle Opfer im Vordergrund und erhalten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.
Diese Geschichte habe ich bedächtig gelesen. Die kurzen Kapitel haben das unterstützt, denn hin und wieder musste ich durchatmen, denn Zachs Ehrlichkeit ist nicht immer ganz einfach wegzustecken. Das macht seine Figur aber auch so liebenswert. Dabei glaubt er an die Liebe und an die Hoffnung, dass ihr Leben als Familie wieder möglich sein wird.
www.mariessalondulivre.at
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Die Republik Fiume - Ein Experiment
Die Kommune der Faschisten von Knipp Kersten
Anlässlich der 100-jährigen Wiederkehr des Staatsstreiches im März 1919 und der Ausrufung des Freistaates Fiume im September 1919 bringt der WBG-Theiss-Verlag ein vom Journalisten Kersten Knipp geschriebenes, interessantes Buch heraus.
Worum geht’s?
Ursprünglich 1719 (da ist wieder ein runder Geburtstag) ein Freihafen, verliert die Stadt mehrfach ihre Freiheit und wird zum Spielball verschiedener Mächte.
Bis 1918 gehört Fiume (heute Rijeka) zur Donaumonarchie. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zerfall von Österreich-Ungarn entzündet sich an der Hafenstadt ein internationaler Konflikt. Italien besteht darauf die Hafenstadt zu erhalten, genauso wie das neu gegründete Königreich Jugoslawien.
Meine Meinung:
Wie es zur Errichtung der Marionettenrepublik Fiume gekommen ist, kann man auf gerade einmal 90 Seiten, nämlich in den Kapiteln 1, 7 und 8 dieses Buches nachlesen. Die anderen Kapitel (6 von 9) handeln hauptsächlich von einer exzentrischen Figur dieser Zeit: Gabriele D’Annunzio.
Als Sohn des reichen Landwirtes Francesco Rapagnetta-D’Annunzio 1863 geboren, entwickelt sich Gabriele zu einem Dandy und nationalistischen Dichter. Seine patriotischen Aufrufe in Theaterstücken und Gedichten haben maßgeblichen Anteil am Kriegseintritt Italiens 1915 gegen Österreich-Ungarn und Deutschland. Die Entente (also England und Frankreich) hat dem verarmten und rückständigen Königreich Italien mit allerlei Versprechungen (unter anderem Gebietszuwächse wie Südtirol, Istrien etc.) gelockt.
D‘Annunzio selbst ist für den regulären Kriegsdienst schon zu alt, lässt es sich aber nicht nehmen, in schmucker Flieger-Uniform quasi als „Tourist“ am Krieg teilzunehmen. Als besonders waghalsig gilt sein Flug nach Wien, wo er, unbehelligt von der österreichischen Luftabwehr, über der Innenstadt Flugzettel abwerfen konnte.
D’Annunzio stilisiert sich selbst zum Kriegshelden empor, macht ohne strategisches Gespür mit Benito Mussolini gemeinsame Sache, bis sich die beiden zerstreiten.
Die große Schwäche dieses Buches ist es, dass es sich hauptsächlich mit Gabriele D’Annunzio und einigen seiner Zeitgenossen befasst. Natürlich ist der Exzentriker eine schillernde Figur, die es lohnt, näher zu betrachtet zu werden. Trotzdem hätte ich gerne mehr über die Republik Fiume als Auszüge aus D’Annunzios Werken gelesen.
Vielleicht hätte man nur einen anderen Titel wählen müssen, so haben sich meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Im Allgemeinen zeichnet sich der Verlag durch griffige Titel aus.
Mit dem Begriff „Kommune“ verbindet man einerseits die lokale Gebietskörperschaft und andererseits eine Lebensform von Künstlern wie z.B. die Otto-Mühl-Kommune. Man rechnet diese Art des Zusammenlebens eher dem linken als dem rechten politischen Spektrum zu. In diesem Buch ist der Begriff „Kommune“ mehrdeutig. Zwar gibt es eine Regierung, mit D’Annunzio als Staatsoberhaupt. Die Verfassung, die „Carta del Carnaro“ stammt zum großen Teil von D’Annunzio. Andererseits leben die Angehörigen rund 15 Monate im gesellschaftlichen Chaos.
Sex und Drogen beherrschen die Menschen, bis der Grenzvertrag von Rapallo 1920 dem Spuk ein Ende macht. D’Annunzio erkennt diesen Vertrag nicht an und erklärt Italien den Krieg. Das das nicht gut ausgehen kann ist klar. Wenig später werden Mussolini und seine Faschisten die Herrschaft in Italien übernehmen. Der Freistaat Fiume wird noch bis 1924 Bestand haben. Heute heißt die Stadt Rijeka und gehört zu Kroatien.
Kersten Knipp hat ausgiebig recherchiert. Mit diesem Buch ist es ihm gelungen, ein skurriles Detail der Weltgeschichte wieder in das Gedächtnis der Menschen zu rufen.
Fazit:
Wer sich für das Ende des Königreiches Italien und die Anfänge von Mussolinis Faschismus sowie die Mechanismen der Propaganda interessiert, findet hier eine anspruchsvolle Lektüre. Gerne gebe ich 4 Sterne.
Rezensionen von Bellis-Perennis:
Tutti Fratelli - eine Vision?
Die Kommune der Faschisten von Knipp Kersten
Dieser historische Roman entführt uns in die Zeit von 1859. Es tobt der Krieg zwischen dem Haus Österreich und Piemont-Sardinien (unterstützt durch Frankreich) um die Herrschaft in Oberitalien. Höhepunkt dieses Krieges, den die Donaumonarchie verliert hat und den Weg frei für die Einigung des Königreichs Italien macht, ist die Schlacht von Solferino.
Wir lernen die Cousins Milo und Giò kennen. Sie leisten ihren mehrjährigen Wehrdienst in der habsburgischen Armee ab. Milo fällt und Giò überlebt nur knapp. Nicht zuletzt durch das Engagement eines österreichischen Truppenarztes, der als Kriegsgefangener alle Verwundeten behandelt, ohne Rücksicht auf die Armeezugehörigkeit. Mit Dr. Nonnschläger wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. Noch zwei weitere Personen treten in Giòs Leben: Da ist zum einen Magdalena, die Tochter eines reichen venezianischen Kaufmanns, und zum anderen Henri Dunant, der betroffen durch die nicht vorhandene ärztliche Versorgung der Verwundeten, wenige Jahre später das Rote Kreuz gründen wird.
Meine Meinung:
Die Autorin erzählt in eindrucksvollen Worten das Grauen der Schlachten, das Leid der Verwundeten und lässt ihre Protagonisten Giò und Magdalena unterschiedlicher politischer Meinung sein. Giò, der Gastwirtssohn, ist zwar nicht hochgebildet, hat aber Zweifel an der Propaganda der Politik. Magdalena, ist belesen, intelligent und Fan von Giuseppe Garibaldis Visoin von „Tutti Fratelli“ (Sorelle – also Schwestern sind natürlich nicht gemeint). Diese unterschiedlichen Meinungen sind sehr gut herausgearbeitet. Auch die Lebensumstände der Menschen dieser Zeit lassen sich gut miterleben.
Sehr interessiert habe ich die Details zur Medizingeschichte gelesen. Die Behandlungsmethoden diverser Geschlechtskrankheiten stecken noch in den Kinderschuhen und oft treibt man den Teufel mit dem Beelzebub aus. (Quecksilbergaben gegen Syphilis).
Der Roman besticht durch unterschiedliche Perspektiven und genaue Recherche. Die Beschreibung der Landschaft und der Lebensweise der Menschen rund um den Gardasee ist gut gelungen.
Geschickt übernimmt die ehrgeizige Magdalena die Geschicke des Gasthofes ihrer Schwiegereltern. Manchmal dezent, manchmal energisch hilft sie ihrer neuen Familie zu Bekanntheit und Wohlstand.
Ich hätte mir ein bisschen mehr zur Geschichte der Gründung des Roten Kreuzes gewünscht. Doch Diana Menschig hat die Liebesgeschichte von Giò und Magdalena in den Fokus ihres Romans gerückt. Das kostet einen Stern.
Dieser historische Roman ist an keiner Stelle langweilig. Unterschiedliche Facetten und Weltanschauungen treten zu Tage.
Fazit:
Ein penibel recherchierter historischer Roman, der die Protagonisten über den Sinn von Kriegen und deren Folgen nachdenken lässt. Gerne gebe ich hier 4 Sterne.
Rezensionen von Furbaby_Mom:
Ein Muss für Island-Fans – und solche, die es werden wollen
Das Versprechen der Islandschwestern von Baldvinsson
Karin Baldvinsson beleuchtet in ihrem wundervollen Roman ein Kapitel der Nachkriegszeit, das mir bisher gänzlich unbekannt gewesen war: nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten viele junge Frauen aus dem zerbombten Deutschland als Landarbeiterinnen nach Island aus. Sie sehnten sich nach einem Neubeginn, viele von ihnen hatten im Krieg alles verloren.
Das Leben dort war zwar voller Entbehrungen und geprägt von harter körperlicher Arbeit, aber sie wurden von der isländischen Bevölkerung mit offenen Armen empfangen. Von solch einer Übersiedlung zweier deutscher Schwestern handelt dieser Roman – nur eine von ihnen wird nach Ablauf ihres Arbeitsvertrages nach Deutschland zurückkehren...und es werden über sechzig Jahre vergehen, bis Margarete und Helga sich wiedersehen.
Man merkt sofort, dass die Autorin einen ganz besonderen persönlichen Bezug zum nordischen Inselstaat hat, dessen wilde Schönheit sie mit bildgewaltigen, atmosphärischen Beschreibungen gekonnt einzufangen wusste. Die atemberaubende Landschaft mit ihren Fjorden, Gletschern, Vulkanen und Wasserfällen bildet eine hervorragende Kulisse für die Entwicklung einer Handlung, in deren Fokus anfangs die Entzweiung der beiden jungen Schwestern steht und in der zweiten Zeitebene (im Jahr 2017) die Hintergründe des Familienzerwürfnisses erforscht werden, als Margarete mit ihrer Enkelin Pia und deren pubertierenden Tochter nach Island reist.
Die Charaktere sind sehr authentisch gestaltet; dies wird auch in den Dialogen spürbar. Oftmals fließt die isländische Sprache mit ein, vor allem in der ersten Zeitebene, die in den Jahren 1949 und 1950 spielt.
Beide Zeitebenen sind so spannend mit einander verknüpft, dass man einfach nicht aufhören möchte zu lesen. Der äußerst angenehme Schreibstil trug ebenfalls dazu bei, dass ich das Werk tatsächlich kaum aus der Hand legen konnte vor lauter Spannung, denn als wäre ein Familiengeheimnis nicht schon genug, wartet die Handlung auch mit einer zarten Liebesgeschichte auf. Der Auslöser des ursprünglichen Streits sowie die weitere Entwicklung sind zwar vorhersehbar, jedoch tut dies dem Lesevergnügen keinerlei Abbruch.
Ein winziges Sternchen Abzug gibt es von mir lediglich aufgrund der Tatsache, dass ich mir für Margarete und Helga auch im gegenwärtigen Handlungsstrang etwas mehr Präsenz gewünscht hätte, da sie für mich die eigentlichen Hauptfiguren waren (und Buchtitel sowie Klappentext eher das Schicksal der beiden Schwestern hervorgehoben hatten). Zwar war mir auch Pia äußerst sympathisch, aber vor allem die liebenswerte Helga hatte ich so sehr ins Herz geschlossen, dass ich gerne mehr von ihr gelesen hätte.
Fazit: Die Geschichte lebt von den wunderschönen, eindrucksstarken Landschaftsbeschreibungen Islands und hat mir auch im Hinblick auf Figuren und deren Ausarbeitung ausgesprochen gut gefallen.









