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Rezensionen von Bücher in meiner Hand:

Dem Dorfleben entfliehen?

Ein Wiedersehen im Sommer von Julie Caplin

Beth, die sich im ersten Band der "Country Escapes"-Reihe so gut um Neuling Ella gekümmert hat, hat Herzschmerz. Jack, der jüngere Sohn des Tierarztes Geoffrey, hat Schluss gemacht. Niemand weiss davon, bis Jack urplötzlich doch in Wilsgrave aufschlägt. Nun kann sie es nicht mehr für sich behalten und das Dorf weiss schneller Bescheid, als ihr lieb ist.

Bei Beth, die eh schon kein gesundes Selbstwertgefühl hat, dreht sich nun das Gedankenkarussell pausenlos. Soll sie kündigen, wird ihr gekündigt und wer ist sie eigentlich, wenn sie nicht die beliebteste Tierarztassistentin in Wilsgrave ist?

Grund für ihre Selbstzweifel und ihr ständiges Gefühl, nur geduldet zu sein, liegt in ihrer Kindheit. Der Vater weg, die Mutter krank und egoistisch, wächst sie in keiner guten Umgebung auf. Sie denkt, sie hätte die Lehrstelle nur durch Mitleid erhalten und sei in der Praxis auch nur geduldet, so lange sie mit Jack liiert ist. Auch ihr gemeinsames Häuschen gehört eigentlich seinen Eltern, also muss sie dort wohl auch raus - und Tiggy aus dem Tierheim zu sich zu holen, geht somit auch nicht.

Was alles nicht stimmt, denn Beth ist sehr beliebt in Wilsgrave. Sie selbst kann das nicht sehen. Als ihre Wohn- und Jobsituation geklärt ist, überlegt sie sich, was sie selbst aktiv, nach ihren Wünschen, an ihrer Lebenssituation ändern könnte. "Erst mal ich", ist bald ihre neue Devise.

Damit stösst sie Jack vor den Kopf, der bald merkt, was er an Beth hatte. Aber auch er beschäftigt sich mit ähnlichen Fragen wie Beth. Beide sind eigentlich nie aus Wilsgrave rausgekommen, ausser Jack während seinem Studium. Und so fühlt sich alles gerade sehr eingefahren an, während beide, jeder für sich, überlegen, wie sie vielleicht doch noch dem Dorfleben entfliehen könnten.

Während sie dies tun und Pläne schmieden, läuft das Leben weiter und auch die jahrelangen Gefühle füreinander lassen sich nicht einfach abstellen. War ihre Beziehung vielleicht doch nicht nur eine Jugendliebe, von der man sich aus Bequemlichkeit nicht verabschieden wollte, sondern eine viel tiefere Liebe als angenommen? Doch da ist noch Jamie, ein Journalist, der gerade einen Artikel über das "Land- versus Stadtleben" schreibt, was thematisch perfekt zu dieser Reihe passt.

Beth ist eine total sympathische Frau, während Jack meine Sympathie erst noch verdienen musste. Allerdings fand ich das "Selbstmitleid" der beiden zu repetitiv. Einige Male weniger darauf aufmerksam zu machen, hätte gereicht. Dafür ist das Setting in Wilsgrave wie schon im ersten Band gut gelungen, der Zusammenhalt im Dorf ist gross. Mit bekannten Figuren aus Band 1 gibt es ein Wiedersehen und viele neue Charaktere im Umfeld von Beth machen den Roman interessant.

Der heimliche Star in "Ein Wiedersehen im Sommer" ist aber klar Tiggy, Beths Hündin, die schnell zeigt, wen sie mag und wen nicht.

Fazit: Ein kurzweiliger zweiter Band. Nur leider muss man sich nun einige Zeit gedulden, bis der nächste Band erscheint ;-)
4 Sterne.

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Eine Stadtpflanze entdeckt das Dorfleben

Ein Zuhause im Frühling von Julie Caplin

Ella soll das Cottage ihrer Patentante Magda für einige Monate hüten. Die Stadtpflanze auf dem Land. Juhui.

Doch Ella ist so verzweifelt, dass sie sich das freiwillig antut. Damit ihr nicht langweilig wird und sie nicht nur mit Nachdenken beschäftigt ist, wurde sie von Magda mit diversen Aufgaben bedacht.

Ebenso kümmern sich einige Nachbarn und Dorfbewohner mehr um Ella, als ihr lieb ist. Mit Tierarztassistentin Beth freundet sie sich auf den gemeinsamen Spaziergängen mit den Hunden an. Beth ist auch diejenige, die Ella das Dorfleben in Wilsgrave erklärt.

Ella ist lebensunfähig. Das denkt man sich auf jeden Fall beim Lesen der ersten Seiten, in denen erzählt wird, wie sie mit dem Haushalt überfordert ist. Ganz zu schweigen vom Hund, den sie betreuen soll. So kommt Ella zu Beginn sehr unsympathisch rüber, was wohl die volle Absicht der Autorin war. Doch je mehr man Ella kennenlernt und sie die Dorfbewohner, je besser versteht man sie. Das Landleben ist doch nicht so schlimm, wie sie es erwartet hat und so macht Ella im Laufe der Geschichte eine grosse und glaubhafte Wandlung durch.

Der Kontrast zwischen der quirligen und aufgeblähten Kunstwelt in London und dem behäbigen Dorfleben in Wilsgrave könnte nicht grösser sein. Hier kommt Ella endlich zum Luft holen und entdeckt, was in London alles falsch gelaufen ist.

Auch der junge Tierarzt Devon, der für seinen Vater in dessen Praxis einspringt und sich überlegt, wieder nach Wilsgrave zu ziehen, hat in London ähnliche Erfahrungen machen müssen wie Ella. Als die beiden sich kennenlernen, zoffen sich beide an. Erst langsam bröckeln bei beiden die Mauern, die sie um ihr Inneres gezogen haben, dann unterstützen sie sich gegenseitig in ihrem Bemühen um faire finanzielle Belange. Doch erst müssen die beiden lernen, Hilfe anzunehmen.

Im Laufe des Romans lernt man auch andere Dorfbewohner*innen kennen: Nachbar George, der gerne bei Ella Kaffee trinkt - oder eher trinken möchte; die ehemalige Tänzerin Doris; die Organisatorin Aubrey, die die Fäden des Dorfes zusammenhält; Greta vom Pub und viele weitere Figuren, die wir sicher auch in den kommenden Bänden begleiten werden. Für die meisten Schmunzler und Eskapaden im Roman sorgen aber nicht die Zweibeiner, sondern deren vierbeinige Mitbewohner. Es sind die Hunde der beiden Protagonisten: Tess und Dexter, ohne die der Roman nur halb so gut wäre ;-)

Diesen ersten Band der "Country Escapes"-Reihe hab ich, abgesehen vom Anfang, als Ella sich schwierig verhielt, sehr gerne gelesen. Julie Caplins Schreibstil ist wie immer flüssig und die Geschichte mit viel Humor, aber dennoch auch ernsteren Themen versehen, wie aus dem realen Leben gegriffen.

Spätestens am Ende von "Ein Zuhause im Frühling" fühlt man sich heimisch in Wilsgrave und freut sich, dass noch weitere Bände geplant sind, damit man wieder "nach Hause kommen kann" und miterleben, welche anderen Wilsgraver und Wilsgraverinnen ihre Probleme angehen werden.

Fazit: Ein unterhaltsamer Auftakt zur neuen Reihe "Country Escapes" von Julie Caplin.
4 Sterne.

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Sich schweigend kennenlernen

Das Lavendelkloster von Alexander Oetker

Kurz gesagt: der Schreibstil ist wie immer toll, inhaltlich ging es mir aber zu schnell voran.

Im Kloster Saint-Benoît findet eine Schweigeretraite statt, deren Teilnehmer:innen wir im Roman "Das Lavendelkloster" begleiten. Vor allem aber schauen wir genauer auf Emma und Julien. Während Julien bereits eingecheckt hat und sich nicht sehr wohl fühlt, ist Emma noch auf der Anreise.

Am liebsten würde sie umkehren, aber sie will sich selbst beweisen, dass sie das kann. Sie beobachtet bei ihrer Ankunft die andern Kursteilnehmer:innen und überlegt für sich, wer diese Menschen sein könnten und weshalb sie hier sind. Zum Beispiel der Mann mit dem Wollpullover, die ältere Frau mit dem vielen Schmuck. Auch Julien beobachtet, wie wohl alle, die anderen. Vor allem die junge Frau, die zu spät kam.

Durch die Augen der Protagonisten beobachtet man die anderen Gäste genau, der scharfe Blick des Autors kommt zum Zuge. Ich hätte gerne weiter beobachtet und auch die Sicht der anderen Teilnehmer:innen mitbekommen. Wer sie sind und aus welchem Grund sie sich für die Retraite entschieden haben, wird am Ende beschrieben.

Speziell in diesem Roman ist, dass fast bis zuletzt nicht gesprochen wird. Kein Reden, nur Beobachtung, nur eine Handvoll Sätze zu Beginn und am Ende. Es finden keine Dialoge statt, jedenfalls keine mit Worten. Das war mal was anderes. Der Clou ist das Kennenlernen ohne Worte, auch das Innere wortlos spüren und erspüren, was zwischen beiden Personen läuft, wie es matcht. Fragen stellen, die Worte, das alles kommt erst später. Dieses Setting hat mir sehr gut gefallen.

Zumindest zu Beginn, doch die Lovestory zwischen Emma und Julien entwickelte sich in meinen Augen viel zu schnell. Bei Emma und Julien war es vor allem ein körperliches Kennenlernen. Die körperliche Anziehungskraft musste enorm sein - nur leider kam das gar nicht so richtig rüber. Gefühlt waren es gerade mal zwei Blicke, bis die beiden in der Horizontale landen. Man verliert die Entwicklung der beiden aus den Augen, weil sich alles nur noch um die Sehnsucht nach einem nächsten Treffen dreht. Gegen Ende sagt Julien etwas, das bis dahin nie sichtbar war - dass er sich mit seiner Geschichte auseinander gesetzt haben soll in den letzten Tagen. Doch da er praktisch kaum Zeit alleine verbracht hat, hab ich ihm seine Läuterung nicht abgenommen.

Für mich hätte die Geschichte besser funktioniert, wenn der Fokus nur auf Emma und Julien gelegen wäre und ihre Geschichte ein bisschen langsamer und detailhafter erzählt worden wäre. Oder aber ihre Story gekürzt neben derjenigen der anderen Klostergäste geschildert worden wäre, das wär dann aber kein Liebesroman geworden.

Fazit: Mich hat zwar das Setting im Kloster in der Provence abgeholt, nicht aber die Lovestory von Emma und Julien. Der meist sehr einfühlsame Schreibstil des Autors macht den Roman aber dennoch lesenswert.
3.5 Sterne.

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Wunderbar leicht, ernst und witzig zugleich

Mit anderen Augen von Jane Tara

Ein Roman für fast alle Frauen über 50!

Tilda, mit 52 noch nicht alt, aber auch nicht mehr jung, geschieden, erfolgreich als Fotografin mit ihrer eigenen kreativen Firma, zwei tolle 20jährige Töchter, zwei ebenfalls tolle, langjährige Freundinnen, ein Haus in der Nähe des Strandes, ein Hund.

Eigentlich hat sie alles.

Alles, ausser ihren kleinen Finger. Also, da ist er schon noch, sie spürt ihn, sieht ihn aber nicht mehr. Als weitere Körperteile verschwinden, Tilda sich zur Ärztin wagt, und ihr die Diagnose "Unsichtbarkeit" gestellt wird, ist sie erst mal am Boden zerstört, denn sie hat noch nie davon gehört.

In einer Selbsthilfegruppe, lernt sie weitere betroffene Frauen kennen und stellt fest, dass diese ihr bisher unbekannte Krankheit weitaus verbreiteter ist, als angenommen. Es gibt sogar Literatur dazu und sie bekommt einen Termin bei einer Spezialistin, die aber umstritten ist.

Während sie selbst versucht, soviel wie möglich über die Krankheit herauszufinden, auch ob sie heilbar ist (Wissenschaftlerin Selma sagt ja, Selbsthilfegruppeleiterin Brenda nein), muss sie und ihr Umfeld erst mal lernen, damit umzugehen. Soll sie Handschuhe tragen, damit der fehlende Finger nicht auffällt? Neben solchen äusserlichen Fragen geht es auch ums Innere, ums Eingemachte.

Ausgerechnet jetzt lernt Tilda einen Mann kennen, der sich für sie interessiert. Kann und will sie sich auf Patrick einlassen, solange sie selbst noch nicht weiss, wie mit der Diagnose umgehen? Was, wenn sie eines Tages gar nicht mehr zu sehen ist, wie Carol aus der Gruppe?

Autorin Jane Tara hat mit "Mit anderen Augen" einen unglaublich kreativen Roman vorgelegt. Ein wichtiges und ernstes Thema hat sie in eine humorvolle Geschichte verpackt. Nur schon die Charaktere: alle absolut gelungen. Allen voran Tilda, die sich auf Selmas Therapieideen einlässt. Dicht gefolgt von Patrick, der mit seiner Persönlichkeit und seinem Beruf überrascht. Aber auch Paula, die wir alle kennen und Carol, Erica, Leith, Yumiko. Gurinder erinnerte mich an eine frühere Ärztin von mir. Wirklich toll gezeichnete Figuren, keine zu wenig, keine zu viel.

Genau so die Seitenzahl: obwohl hoch mit fast 500 Seiten, ist keine zu wenig und keine zu viel. Es kommen keine Längen auf. Im Gegenteil: diese Geschichte, im Stil des magischen Realismus gehalten, kommt wunderbar leicht, witzig und ironisch daher und verliert trotzdem nie die Ernsthaftigkeit. Dieser kluge Roman regt zum Nachdenken über die eigene Lebenssituation und "Un-/Sichtbarkeit" an und wird sicher noch lange nach hallen. "Mit anderen Augen" könnte ein Kandidat für die Jahreshighlight-Liste sein.

Fazit: Ein grossartiger Roman, dem ich ganz viele Leserinnern wünsche!
(Solche, die nicht mehr jung, aber auch noch nicht wirklich alt sind ????)

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Hat mich der Mann im Bild eben angeschaut?

Zwei in einem Bild von Morgan Pager

Plötzlich verändert der auf dem Kunstwerk lesende Mann seine Haltung - das kann doch gar nicht sein! Hat er mich eben angeschaut oder geht meine Fantasie mit mir durch? Diese und ähnliche Fragen stellt sich Claire, die neue Putzfrau im Museum, als sie in "ihrem" Raum putzt.

Wer von uns hat sich nicht auch schon vorgestellt, wie es ist, wenn in die Bilder an der Wand Bewegung kommt? Seit einigen Jahren gibt es solche bewegten Filme und multisensorische Kunstausstellungen, in denen wir das Leben im und neben dem Bild wahrnehmen können.

Die schaue ich ich mir immer gerne an, weswegen auch klar war, dass ich "Zwei in einem Bild" unbedingt lesen möchte.

Morgan Pager geht mit ihrem Roman sogar noch einen Schritt weiter als die immersiven Ausstellungen: einige Tage, nachdem Claire sich die oben genannten Fragen stellte, lässt die Autorin ihre Protagonistin in das Bild hinein steigen und sich mit den abgebildeten Personen darauf unterhalten und noch viel mehr erleben.

Neben der Entdeckung weiterer Kunstwerke und ihrer Figuren beschäftigen sich die Protagonisten, Claire und Jean Matisse, auch mit dem Zeit- und Kulturunterschied von etwa hundert Jahren. Die Zeit, in der das Bild gemalt wurde und die Zeit, in der Claire lebt. Jean fragt sich zum Beispiel, welchen Nutzen dieses langeckige Kästchen, das die Menschen seit mehren Jahren in der Hand halten, wohl haben mag.

Die kleine Flucht aus dem Alltag, die wir uns manchmal wünschen, wird Claire von der Autorin gegönnt und auch wenn Claire oft einfach in den Bildern bleiben möchte, meistert sie es hervorragend in beiden Welten zu leben und trotzdem mit beiden Beinen in der Realität zu stehen.

Mir hat enorm gefallen, wie beide Seiten gleich gut gezeichnet wurden, die reale, Welt, in der Claire lebt, und die von Jean und Co. Ich würde gerne einige eindrückliche Beispiele nennen, doch dann müsste ich spoilern und das will ich nicht. Der Roman überrascht nämlich auch immer wieder durch neue Twists, die man nicht vorhersehen kann.

Wie immer bei solchen fantasievollen Geschichten bin ich jeweils extrem gespannt auf das Ende, auch das gelingt Morgan Pager perfekt. Mit diesem Roman ist ihr ein wundervolles Debüt gelungen, der Schreibstil und die Geschichte überzeugen.

Jede Person, die diesen Roman gelesen hat, wird Museen in Zukunft anders betreten und die darin hängenden Bilder genauer betrachten, denn vielleicht, vielleicht sitzt die Krawatte oder liegt das Halstuch der gezeichneten Figuren beim nächsten Besuch tatsächlich nicht mehr ganz akkurat oder das Buch ist nicht mehr auf derselben Seite aufgeschlagen...

Fazit: Ein toller, charmanter Roman, der noch sehr lange in Erinnerung bleibt!
5 Sterne.

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Zweimal Rudolf - auf ihren Spuren in Bern und Zürich

Lindt & Sprüngli (Lindt & Sprüngli Saga 2) von Lisa Graf

Der zweite Band der "Lindt & Sprüngli"-Trilogie beginnt in Bern. Fortan werden die Kapitel abwechselnd zwischen Bern und Zürich hin- und herspringen.

In Zürich geht die Geschichte der Familie Sprüngli weiter, die Fabrikation wird an die Werd verlegt und Sohn Rudolf, der nach seinen Lehrjahren in Paris wieder nach Zürich zurückkehrt, verliebt sich in Marie Schifferli, eine Katholikin.

Damit die beiden heiraten können, steht ein Konfessionswechsel an. Annerösli arbeitet noch immer im Laden, und endlich findet auch sie noch ihr Glück.

In Bern erleben wir zuerst das Aufwachsen der Kinder des Apotheker Lindt: Fanny, Rudolf und weitere Geschwister. Im Gegensatz zum Sprüngli Rudolf hat der Lindt Rudolf mehr Probleme mit seinem Vater, der enttäuscht ist, dass sein ältester Sohn nichts aus sich machen und schon gar nicht studieren will. Aus Rudolf Lindt wird alsbald Rodolphe, so nannte ihn bereits seine welsche Nanny, und nicht nur ihretwegen ein Name, den er gerne annimmt, sondern auch, weil er nach der Schulzeit einige Jahre bei seinen Verwandten, der Familie Kohler, in Lausanne verbringt und in deren Schokoladenfirma mitarbeitet.

In seiner Heimatstadt Bern wartet seine beste Freundin Binia Haab auf ihn. Binia, ein Mädchen aus der Matte, die nicht schlecht staunt, als Rudolphe bei ihnen unten eine alte Fabrik aufkauft und dort seine Schokoladenmanufaktur einrichtet. Er testet an der Schokoladenherstellung herum, verändert mit Hilfe seines Mechanikers Köbi mehrere Maschinen. Bis dann eines Tages das Conchieren endlich so gelingt, wie er sich das vorgestellt hat und er eine zart schmelzende Schokolade in den Händen hält, vergehen viele Jahre voller Arbeit und Testen.

Der Höhepunkt von "Zwei Rivalen, ein Traum" war für mich aber der, als die beiden Namensvetter in Zürich aufeinandertreffen. Rivalen sind sie nicht, zumindest noch nicht in diesem zweiten Band, grosse Träume haben aber beide.

Da ich eine Lesung zu diesem zweiten "Lindt & Sprüngli"-Band besuchte, und Bilder von der Firma Kohler in Lausanne, von Rodolphes Fabrik in der Matte in Bern und welche vom damals neuen Zürcher Standort in der Werd, gesehen habe, konnte ich mir die Schauplätze sehr genau vorstellen.

Fazit: Wie bereits im ersten Band fliegt man durch die Geschichte, da Lisa Graf einen tollen Schreibstil hat und sehr unterhaltsam erzählt.
4 Sterne.

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Wiener Schmäh ja, aber viel zu ausführlich

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser

Ich mag es sehr, wenn ich Vea Kaiser an einer Lesung zuhören kann. Sie spricht so lebendig von ihren Figuren und liest grandios, dass man einfach Lust bekommt, ihre Bücher zu lesen. Endlich hab ich dies auch geschafft, aber ich glaube, meine Buchauswahl hab ich nicht so gut getroffen. Vielleicht hätte ich es eher mit dem "Rückwärtswalzer" oder "Makarionissi" probieren sollen, denn diese beiden Romane sind kürzer als "Fabula rasa", das mit 576 Seiten aufwartet.

Alles hörte sich gut an und fühlte sich beim Lesen am Anfang auch so an. Doch dann merkt man, dass tatsächlich Jahrzehnte vergehen und von den Jahren dazwischen fast ausnahmslos alle erzählt werden.

Der Roman beginnt in den 80er Jahren mit einer jungen Angelika Moser, die das Wochenende in Wiens Kneipen und Clubs krachen lässt und Montags verschlafen in ihrem Büro im Grand Hotel Frohner zur Arbeit antritt.

Die Beziehung zwischen ihr und ihrer Mutter, ihre besten Freundin Ingi und die zu, im Laufe der Jahre, mehreren männlichen Lebensabschnittsgefährten werden ausführlich abgehandelt. Ebenso wie die Arbeitsbeziehung zu ihrem Chef, dem Hoteldirektor und auch die zum Junior. Und ganz vieles anderes, oft Nebensächliches, wird lang und breit erzählt.

Alles war so detailhaft und zu ausführlich erzählt, dass die Geschichte deswegen bald langweilig wirkte und mich nicht zu fesseln vermochte. Angelika und andere Charaktere fand ich anfangs noch spannend, aber mit der Zeit ging sie mir auf den Geist und ich konnte oder wollte sie auch nicht mehr richtig fassen.

Angelika beginnt relativ früh dem Direktor zu helfen und eigene Rechnungen zu manipulieren, aber Jahrzehnte vergehen, bis ihr Vergehen auskommt. Im Buch liegen dazwischen gefühlte 500 Seiten, aber das Ende wird im Vergleich zu allem anderen nur äusserst kurz und auf sehr wenigen Seiten abgearbeitet. Der Clou hier liegt wohl an der Geschichte, an Angelikas Leben, selbst und nicht, dass ihr Betrug auffliegt. Das hab ich laut dem Klappentext anders verstanden.

Fazit: Der Wiener Schmäh kommt rüber, keine Frage, doch eine kürzere Zeitspanne wäre hier, für meinen Geschmack, von Vorteil gewesen. Ich werde irgendwann zu einem der oben genannten Bücher greifen und hoffen, dass sie mich mehr überzeugen und unterhalten als "Fabula rasa".
3 Sterne.

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Ein Jahreshighlight - toll erzählt

Kleopatra von Saara El-Arifi

Als Kind war ich mehrmals an einem Strand mit wunderbarem Sand, ganz rund waren die Sandkörner. Diesen kleinen Strand nannte man Kleopatra-Strand - nach einer ägyptischen Königin, die hier gebadet haben soll. Seither hab ich sie immer im Kopf, diese sagenumworbene Kleopatra.

Geschichten über die Pharaonin gibt es viele, meist von Männern des Patriarchats verfasst.

Deshalb freute ich mich, dass Autorin Saara el-Arifi dieser Frau mit ihrem Roman eine weitere Stimme, eine weibliche Stimme gibt.

Zuerst gibt es eine Anmerkung der Autorin, das, was sonst im Nachwort stehen würde: was historisch verbürgt, was Fiction ist und ob vielleicht Orte oder Zeitpunkte verschoben wurden, damit ihre Erzählung stimmiger ist. Das hat mir schon mal sehr gut gefallen, so weiss man von Anfang an Bescheid.

Die Romanbiografie beginnt um 51 v. Chr., kurz bevor Kleopatras Vater stirbt. Kleopatra ist eine Ptolemäerin und erbt den Thron von ihrem Vater. Sie, nun Pharaonin, erzählt ihr Leben selbst und wendet sich manchmal selbstreflektiv an die Leserschaft. Etwa damit, dass sie erst zu spät bemerkte, dass der Eunuch Potheinos, der bereits ihrem Vater diente, genau wie ihre Schwester Arsinoë, ein falsches Spiel spielt.

Dieser Erzählkniff hat mir mir sehr gut gefallen, es ist ein wenig so, als ob sie auch heute noch lebt und ihre Sicht auf die Zeitzeugen mit uns teilt. So ähnlich berichtet es dann auch der Epilog, der zur ganzen Geschichte passt.

Die Autorin zeigt eine sehr menschliche Kleopatra. Eine selbstironische, humorvolle, nachdenkliche und liebende Frau, die Mutter, Königin, Staatsoberhaupt, Geliebte, Schwester ist und laut Familiendynastie auch Göttlichkeit verkörpern soll. Nur ist ihre Gabe, die Heilkunst, für ihre Geschwister keine Göttergabe, was ihr zu schaffen macht. Trotzdem interessiert sie sich sehr für die Heilkunst, wendet ihre Gabe an und lernt viel darüber. Besuche in der Bibliothek von Alexandria - für sie kein Ort, sondern ein "Baum des Wissens" - sind für sie ganz normal. Kein Wunder ist sie am Boden zerstört, als die berühmte Bibliothek abbrennt. Kleopatra setzt alles daran, dass sie so schnell wie möglich wieder aufgebaut wird. Auch ihre Partner Julias Caesar und Marcus Antonius werden nicht nur als römische Herrscher, sondern als Menschen mit Gefühlen dargestellt. In Zukunft werde ich jede Steinstatue von den beiden mit anderen Augen ansehen.

Von Beginn weg hat mich Saara el-Arifi mit ihrem süffigen Schreibstil, der modernen Sprache und der - trotz bekannten - fesselnden Handlung in den Bann gezogen. Sie schreibt bildhaft, so dass man sich das Geschehen nur zu gut vorstellen kann.

Die Freude ist gross, wenn man schon am Beginn des Jahres so einen tollen Roman gelesen hat, der am Ende des Jahres garantiert noch als Jahreshighlight Bestand hat.

Fazit: Stark erzählt - und somit ein Lese-Highlight, das man kaum aus der Hand legen kann.
5 Sterne.

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Intensiv erzählt

Montmartre - Traum und Schicksal von Marie Lacrosse

Wie es im Leben von Elise und Valérie weitergeht, erzählt Marie Lacrosse im zweiten Band ihrer "Montmartre"-Reihe hier nahtlos weiter. Valérie Dumas muss heiraten, um das Ansehen ihrer Familie zu retten und Elise beginnt nach ihrer schweren Verletzung wieder zu arbeiten.

Die Arbeit im Moulin Rouge wird nicht nur durch ihren Neuanfang geprägt, sondern auch durch den neuen Chef, der neue Programme und Programmpunkte einführt, welches die Konkurrenz der Tänzerinnen anstachelt.

Besonders Louise wird immer eifersüchtiger und lässt sich so manche Gemeinheit einfallen. Elise überfällt die Angst vor einer erneuten Verletzung und somit vor der Zukunft, denn in wenigen Jahren sind ihre Tage als Tänzerin aufgrund ihres Alters gezählt. Wie soll sie ihre Familie dann ernähren? Andere Tänzerinnen werden als Kurtisane reich, ein Lebensentwurf über den sie nachdenkt, aber noch fehlt Elise die dafür nötige Einstellung, denn ihre moralischen Werte sind hoch angesetzt.

Nach dem ersten Erstarrtsein im Gefängnis ihrer Ehe mit Baptiste ist die erneute Begegnung mit Vincent van Gogh ein Lichtblick für Valérie. Seine Nachtbilder ermutigen sie, anders zu malen, ihrem Instinkt zu folgen. Sie entpuppt sich als geschickte Verhandlerin und hat Baptiste damit in der Hand. Doch wie lange?

Des Weiteren begleiten wir auch Simone, Elises Schwester, die ganz unten angelangt ist. Man hofft mit ihr, dass ihr die Flucht aus ihrem Elend gelingen wird. Auch mit André, Elises Ex-Freund, gibt es ein Wiedersehen. In diesem Band bewegt er sich in der politischen Szene. Der Maler Henri de Toulouse-Lautrec spielt weiterhin eine verbindende Rolle zwischen den Welten der beiden Protagonistinnen, die sich diese Mal zwar nicht persönlich begegnen, nur von weitem, sie haben aber trotzdem sehr viele Berührungspunkte.

Marie Lacrosse lässt den zweiten Band in den Jahren 1889 bis 1895 spielen. Jahre, in denen in Frankreich vieles passiert: die zehnte Weltausstellung 1889 in Paris; am 1. Mai 1890 wird zum ersten Mal der Tag der Demonstration gefeiert, ein Jahr später werden Demonstranten getötet; in der Sacré Coeur wird die achtgrösste Glocke der Welt, die "Savoyarde" eingesetzt; der Panama-Skandal wird öffentlich bekannt; Alfred Dreyfus wird ungerechtfertigt verurteilt; spürbar auch das Aufkeimen eines aggressiver werdenden französischen Nationalismus. Dieses Zeitgeschehen wird eingebunden in diese Fortsetzungsgeschichte von Elise und Valérie.

Dicht gewebt erzählt die Autorin natürlich auch von der Geschichte der Moulin Rouge und der Künstlerszene in Paris. Dies alles hat sie sehr gründlich recherchiert. Am Ende des Buches geht sie noch darauf ein, was alles fiktiv oder gegebenenfalls passend für den Roman umdatiert wurde. Durch so viele verschiedene, aber sehr gut und passend eingebundene Elemente wurde auch "Traum und Schicksal" wieder ein seitenstarkes Buch. Im Gegensatz zu Band 1 wurde ich hier stärker gefesselt vom Schicksal der Protagonistinnen und der anderen Charaktere.

Dennoch kam das Ende für mich sehr abrupt. Im eBook wird man davon aus heiterem Himmel überrascht und merkt erst, dass die vorherige Seite schon das Ende war, wenn man auf Seite 475/491 plötzlich merkt, dass dies kein neues Kapitel, sondern bereits das Nachwort ist. Das Ende jedoch lässt jedem offen, wie er sich die Biografien der Protagonistinnen zu Ende denken möchte, es gibt aber auch der Autorin die Gelegenheit, irgendwann vielleicht doch noch die Leben von Elise und Valérie weiter zu spinnen.

Fazit: Eine intensiv erzählte Geschichte zwischen Tanz, Kunst, Kirche, Puff und Politik. Lesenswert!
4 Sterne.

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Pariser Jahre

Liebesrausch von Charlotte von Feyerabend

Charlotte von Feyerabend hat sich der anspruchsvollen Aufgabe gestellt, eine Romanbiografie über zwei schwierige Charaktere zu schreiben. Die Autorin zeichnet in "Liebesrausch" eine schonungslos ehrliche Anaïs Nin und einen oft sehr wütenden und gefrusteten Henry Miller.

Von ihm hab ich in meinen Jugendjahren "Das Lächeln am Fusse der Leiter" gelesen und ich dachte, ich hätte auch von Anaïs etwas gelesen, bin mir aber aktuell gar nicht mehr sicher - und nach "Liebesrausch" werde ich nichts mehr von ihr lesen, das reicht nun völlig aus.

Im Roman wird zwar viel über die Vergangenheit von Anaïs erzählt, er spielt aber ausschliesslich in ihren Pariser Jahren, von 1931 bis 1936, und stellt neben Anaïs Innenleben auch ihre Beziehung zu Henry Miller in den Mittelpunkt. Anaïs war verheiratet, aber trotzdem mit Henry liiert, ausserdem war sie fasziniert von Henrys Frau June, die sich - zum Glück für alle Beteiligten - nur selten in Paris aufhielt, und unterhielt weitere Affären mit ihrem Therapeuten.

Trotz ihres unkonventionellem Liebesleben und trotz ihrer Unfähigkeit Missbrauch festzustellen - gerade sie, die sich für Psychoanalyse interessierte und später zeitweise als Therapeutin arbeitete - kommt sie meistens sympathisch daher. Im Gegensatz zu Henry bleibt Anaïs Ehemann, Hugo Guiler, immer eine Nebenfigur. Dennoch lag ihr viel Wert an ihm, was die Autorin auch gut vermittelte. Besonders eine Szene fand ich bezeichnend, als Anaïs zwecks Aufklärung mit ihm gemeinsam ein Bordell aufsuchte.

Die Lektüre war aber leider nicht durchgehend fesselnd, was wahrscheinlich den fast immer gleichen, repetitiven Tätigkeiten (Diskutieren und Liebe machen) und Örtlichkeiten geschuldet ist. Man trifft sich entweder im Haus von Anaïs und Hugo in Louveciennes oder bei Henry in Paris. Viel mehr gibt das Leben der beiden Protagonisten nicht her, obwohl dieser Satz jetzt auch missverständlich klingen könnte. Natürlich hatten sie aufregende Leben, das hier aber auf oben Genanntes zusammen geschoben wurde. Zudem ist es aus heutiger Sicht unvorstellbar, dass man damals ohne richtige Ausbildung Therapien durchführen konnte, vor allem, wenn man selbst unter Traumata leidet.

Die Printausgabe ist sehr schön aufgemacht, auf dem Innenumschlag ist der Stadtplan von Paris abgedruckt und die verschiedenen Wohnorte eingezeichnet. Am Ende des Buches finden sich noch einige Rezepte. Nette Idee, aber für diesen Roman eigentlich überflüssig.

Fazit: Einerseits ist diese Romanbiografie ein interessanter Einblick ins Leben von Anaïs Nin und Henry Miller, andererseits machen einem es die Charaktere nicht leicht, ihre Geschichte nachzuvollziehen.
3.5 Sterne.

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