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Rezensionen von Bücher in meiner Hand:
Mitreissendes Finale
Wolfstal von Alexander Oetker
Der bereits neunte Band der "Luc Verlain"-Reihe spielt in der Ortschaft Espelette im französischen Baskenland. Das Dorf ist bekannt für seine Gorria-Schoten, gemahlen bekannt als Piment d'Espelette. Ausserdem geht hier eine Etappe des Jakobweges entlang.
Eine Pilgergruppe wird oberhalb des Dorfes von einem Schuss davon abgeschreckt, näher zu den Schafweiden von Jacques aufzuschliessen.
Auch im Tal haben sie Angst vor Jacques, weil, wie er selbst sagt, er kaum spricht und die Bewohner deshalb nicht wissen, was er denkt. Viel mehr, ausser, dass er wie ein Eremit lebt und Wolfsschützer ist, weiss man tatsächlich nicht über ihn.
In den ersten Kapiteln werden neben Jacques andere ausgewählte Einwohner von Espelette vorgestellt, dies sehr akkurat, so dass man diese Figuren gut kennenlernt.
Erst als jemand ermordet wird, kommt Luc - und nein, leider nicht Yacine - sondern Commissaire Gilen Etxeberra aus Biarritz - aber okay, Gilen hat sich total gewandelt und kann sogar nett sein plus gut mit Luc zusammenarbeiten - und eine neue Kommissarin namens Rose Schillinger ins Spiel. Die neue Kollegin, die nach einem Jahr Pause ihren Dienst wieder aufnimmt, ist schon älter und ein ziemliches Reibeisen. Man ist gespannt, wie sie sich entwickeln wird. In Luc und Gilen findet sie jedenfalls keine Freunde, so unlustig, harsch und sonderlich, wie sie sich gibt.
Vor Ort treffen Luc, Gilen und Rose nicht nur auf die anfangs vorgestellten Dorfbewohner, sondern auch auf die junge Brigadière Inaki, eine junge Dorfpolizistin, die leider öfters wegsieht. Einerseits versteht man ihre Beweggründe, andererseits sollte sie zumindest mit den Kommissaren kooperieren. Denn dieser Mordfall wird ohne Zusammenhänge zu erkennen nicht zu lösen sein. So tappen die Ermittler, am Ende verstärkt durch Anouk, lange im Dunkeln, bis es schon fast zu spät ist und vielleicht noch jemand getötet wird.
Alexander Oetker lässt die Spannungskurve in "Wolfstal" kontinuierlich aufsteigen. Er erläutert ausserdem aktuelle Probleme dieses Landstreifens, blickt auf alte Konflikte zurück wie zum Beispiel die ETA und nimmt uns mit ans Meer. Die Region Pyrénées-Atlantiques und der weite Ozean werden sehr anschaulich geschildert, so dass man unweigerlich Meerweh bekommt und die salzige Meeresluft fast schon riechen kann.
Im Epilog gibt es einen, trotz Mord-Tragik, humorvollen Ausblick auf Band 10, der bereits im Frühling 2026 erscheinen soll. Ein Toter am FKK-Strand und nur die Kommissare wissen, um wen es sich dabei handelt.
Fazit: "Wolfstal" ist längst nicht so mild wie Piment d'Espelette, sondern hat Würze und gipfelt in einem mitreissenden Finale.
5 Sterne.
Prag im Herbst
Das kleine Zuhause in Prag von Julie Caplin
Im neuesten "Romantic Escapes"-Band geht es um Leo, den wir bereits in "Die kleine Villa in Italien" kennengelernt haben. Dort wurde er von seinem Bruder Ralph nicht wirklich verstanden, da Leo ziemlich lebensfreudig und neugierig ist und dadurch unzuverlässig wirkt.
Dies denkt auch Anna, Leos Ex-Frau, die genau wie er in Prag weilt, um während einem halben Jahr ein Praktikum in einer Brauerei zu absolvieren.
Sie ist überrascht ihn zu sehen, erst noch in der Wohnung, die sie für die Dauer des Praktikums teilen müssen. Ihrem aktuellen Freund Steve, der sie nach Prag begleitet hat, verschweigt sie allerdings, dass sie Leo bereits kennt. Und Leo spielt mit.
Schnell freundet er sich mit Nachbarn und seinen Mitarbeitern in der Brauerei an. Anna ist eifersüchtig, was sie aber nie zugeben würde, da sie Leo bereits wieder Dinge unterstellt, die er nie getan hat. Dabei ist er durchaus sensibel und treu.
Immerhin freunden sich beide mit ihren Nachbarn an: mit Michaela und Jan, einem jungen Paar, die unter ihnen wohnen und mit Ludmilla, die weise Frau hat gute Ratschläge parat.
Während Anna und Leo versuchen, sich aus dem Weg zu gehen und ihre Nachbarn sie trotzdem verkuppeln wollen, essen und trinken sich die beiden durch tschechische Spezialitäten und schauen sich das herbstliche Prag an, ein toller Schauplatz. Als Leserin kann man da durchaus mal Hunger bekommen. Biertrinker bekommen sicher auch Lust die einheimischen Biere auszuprobieren. Zum Glück gab es auch Weintipps, die mich mehr interessierten, da ich kein Bier trinke. Den Roman würde ich wohl nochmals lesen, wenn ich selbst vor Ort wäre und mir Prag anschauen würde.
Annas Verhalten ist manchmal speziell, und ich hätte sie mir zwischendurch mutiger gewünscht. Aber aufgrund ihrer Biographie versteht man ihr unsicheres Verhalten und ihre Vorurteile gegenüber Leo. Die zwei sind sehr gegensätzlich: Leo ist lustig und kommunikativ, sehr extrovertiert und Anna eher introvertiert, jemand der sich schnell verschliesst, aber sehr kreativ ist. Auch bei ihren beiden Chefs bestehen grosse Gegensätze, obwohl sie miteinander verwandt sind: der junge innovative Karel und sein traditionsbewusster Onkel Jakub. Die Praktikumsplätze wurden clever zugeschanzt, obwohl ich gerne gesehen hätte, ob Anna bei Karel ein anderes Bier gebraut hätte. Mir gefiel nicht nur die Entwicklung der zwei Protas, sondern auch jene von Karel und Jakub und besonders, wie der mit dem Praktikum verbundene Wettbewerb am Ende entschieden wurde.
Auch mit diesem Band lässt uns Julie Caplin mit ihren Protagonisten auf eine Reise gehen und sie entführt uns hier einige schöne Lesestunden nach Prag. Im empfehle, diesen Band im Herbst zu lesen, weil er zu dieser Jahreszeit spielt und viele saisonale Gerichte gekocht, gegessen und probiert werden. Und auch wenn sich auf den ersten Blick der Titel mit dem "Zuhause" ein wenig anders anhört als bisher, er ist treffend.
Fazit: Eine schöne und gefühlsbetonte Story, die den Herbst versüsst.
4 Sterne.
Ein Stalker verunsichert Florenz
Signora Commissaria und die kalte Rache von Alexander Oetker
In Florenz folgt nachts ein Unbekannter jungen Frauen auf dem Heimweg. Zuhause angekommen, ist jede einzelne Frau froh, dass nichts passiert ist und sie in Sicherheit ist. Bis sie am nächsten Morgen vor ihrer Haustüre Vermisstenplakate entdecken, mit aktuellen Fotos samt Adressen der Frauen versehen - gruselig.
Giulia und Enzo sind alarmiert, und Luigi wird von ihnen alsbald aus seiner Bar in Sante Croce abgeholt.
Die drei setzen Puzzlesteine zusammen, machen Fortschritte und Rückschritte, bis Luigi einen flüchtigen Gedanken, der ihm seit Tagen im Kopf herum spukt, endlich fassen kann. Keine Sekunde zu früh, denn niemand weiss, wie weit der unbekannte Täter noch gehen wird.
Während Enzo und Luigi hervorragende Arbeit leisten, ist Giulia auf einmal gedanklich abwesend: die Geschichte vom Unfall ihrer Eltern beschäftigt sie bekanntermassen immer wieder, doch jetzt gibt es diesbezüglich plötzlich eine krasse Wendung. Bisher wurde von Giulias Familie dezent erzählt, doch nun, mit den neuen Entwicklungen, nimmt die Sache mehr Raum ein als bisher. Es ist gerade noch im akzeptablen Bereich, mehr hätte mich gestört, denn ich mag es nicht so, wenn ein normaler Kriminalfall von solchen Hintergrundgeschichten, von denen immer nur ein bisschen erzählt wird, unterbrochen wird. Deshalb bin ich gespannt, ob sich Band 4 dann nur darum oder noch um einen anderen Fall drehen wird. Ich hoffe auf Ersteres, damit Giulias Vergangenheit abgeschlossen wird - auch wenn es interessant ist -, damit man sich auf das jetzt und hier konzentrieren kann.
Der Fall um "Die kalte Rache" ist gut erzählt, vor allem die abendlichen Szenen sind bildhaft geschildert, so dass man mit den jungen Frauen mitfühlen kann und das nicht nur, weil wahrscheinlich jede Frau ähnliche Szenarien aus eigener Erfahrung kennt. Schmunzeln musste ich bei den Verfolgungsszenen im Ruderclub und bei Giulias temperamentvoller Störung eines geschäftlichen Mittagessen.
Die Figuren entwickeln sich von Band zu Band weiter. Hier, wie oben geschrieben, ist es vor allem Giulia. Enzo ist nach wie vor mein Lieblingscharakter in dieser Reihe. Beeindruckend, wie er zwischenmenschliche Schwingungen wahrnimmt und durch seine genaue innerliche Beobachtungsgabe Dinge wahrnimmt, die Sehende nicht bemerken.
Wie bereits im Vorgängerband beinhaltet der Krimi einige Rezepte, die Luigis Frau Carla kocht. Dieses Mal runden sie die jeweiligen Kapitel ab und werden sogar mit dazu passender Weinempfehlung aufgewertet.
Fazit: Ein gelungener Lesespass dank dem gewohnt tollen Schreibstil des Autors, verbunden mit einem interessanten Fall.
4 Sterne.
Ein originelles Orakel
Mister Welcome von Claire Parker
Das Cover von "Mister Welcome" ist noch schöner als das von "Tee auf Windsor Castle" und ich war gespannt, ob die Geschichte über den fragenden Papagei dem Vorgängerroman die Teetasse reichen kann.
Manchmal braucht es zum Glücklichsein ein bisschen Hilfe von aussen, weil man selber denkt, keine Antworten oder nicht die richtigen zu haben.
Da kommt Papagei "Mister Welcome" wie gerufen, denn eine seiner Angewohnheiten bringt Menschen dazu, die richtigen Antworten auf ihre Fragen zu finden.
Trish Fisher ist die Erzählerin ihrer Lebensgeschichte, die zeitgleich auch ihre Geschichte mit "Mister Welcome" ist. Erst besucht sie ihn nur, da sie mit Elinor Carter geschäftet. Doch als Elinor stirbt, erbt Trish das Vogelvieh. Bald spricht sich herum, dass der Papagei bei wichtigen Entscheidungen helfen kann, und schnell stehen nicht nur die Dorfeinwohner vor Trishs Tür, auch Menschen aus der Umgebung - sogar die Presse interessiert sich für den Papagei.
Für Familie Fisher bedeutet das einen grossen Aufwand, denn nicht alles an der Aufmerksamkeit ist positiv und Trish weiss nie, ob sie "Mister Welcome" behalten darf oder ihn abgeben muss. Irgendwann kommen auch noch die Royals ins Spiel, was erneut für Aufregung sorgt.
Es ist eine witzige, originelle, aber auch nachdenkliche Geschichte, die mich aber nicht ganz abholen konnte. Das Ende fand ich gut, allerdings fehlte mir auf dem Weg dorthin manchmal etwas, die Story fesselte mich leider zu wenig.
Familie Fisher mochte ich gut und fand sie sehr gut gezeichnet. Die Mutter, die eigentliche Hausherrin, die gerne bäckt und Dinge in die Hand nimmt, während der Vater ein verpeilter Autor und Künstler ist, dem nichts so richtig gelingen will. Von Bruder Michael erfährt man nicht so viel, von Trish schon eher, aber sie blieb für mich immer die Erzählerin und nicht eine Protagonistin, die einem ans Herz wächst.
Fazit: Eine nette Geschichte, die gut unterhält, aber bei der mir trotz aller Originalität das gewisse Etwas fehlte.
3.5 Sterne.
Weitermachen oder aufgeben?
A Taste of Cornwall: Eine Prise Liebe von Katharina Herzog
Sophie Dubois weiss nicht, wo ihr der Kopf steht: Tochter Riley rebelliert, Mutter Tanya in der Altersresidenz ebenfalls und dann fährt Sophie bei der Eröffnung eines neuen Restaurants aus ihrer Haut, was ihr fast den Job kostet. Als Wiedergutmachung soll sie fernab von London in Cornwall ein kleines Pub auf Vordermann bringen.
Für alle Probleme gibts eine Lösung, doch mit diesem Motto kommt Sophie im Smugglers' Inn nicht weit. Port Haven wär eigentlich ein malerisches Dorf. Doch das Pub hat schon bessere Tage gesehen. Zudem muss das ganze Personal übernommen werden und im Gastraum darf nichts baulich verändert werden. Als Sophie einen Tisch verschiebt, verscherzt sie es sich auch bei den Stammkunden. Koch Lennox versucht zu vermitteln. Und dann ist ja auch Annabelle Scott, die es seit dem Vorfall in London auf Sophie abgesehen hat.
Das Setting in Cornwall, besonders das Smugglers' Inn, konnte ich mir bildlich vorstellen. Ich wäre wie Sophie auch nicht begeistert gewesen, wenn man in so einem dunklen Raum nichts modernisieren dürfte.
Thematisiert werden Familienkonstellationen und Lebensziele. Dass nicht nur Erfolg zählt, sondern man auch scheitern darf und trotzdem noch genau so viel Wert ist.
Mir hat diese leichte Auftaktsgeschichte zur neuen Trilogie "A Taste of Cornwall", bei der mehrere Charaktere etwas zu verbergen versuchen, gut gefallen. Die Figuren machten alle eine glaubhafte Entwicklung durch, angefangen von Sophie und ihrer Familie bis hin zu Annabelle. Manchmal fehlte mir allerdings etwas Tiefe.
Fazit: "Eine Prise Liebe" ist ein kurzweiliger und unterhaltender Roman aus der Feder von Katharina Herzog. Somit werden wir die Figuren auch im nächsten Jahr weiter begleiten können. In Band 2 wird Anabelle Scott im Zentrum stehen.
4 Sterne.
Urlaub? Na ja....
Urlaub für den Commissario von Dino Minardi
Urlaub für den Commissario? Nicht wirklich. Denn Pellegrini macht überraschend Vaterschaftsurlaub und ist total übermüdet, da ihn die sechs Wochen alte Emma nachts wach hält. Der Neue im Team, Tonio Gruber, hält auf dem Kommissariat die Stange, da auch Claudia aufgrund eines Todesfalles in der Familie einige Wochen frei genommen hat.
Und er macht es gut! Man freut sich schon, wenn man alle drei irgendwann wieder gemeinsam offiziell ermitteln dürfen.
Als Stammgäste der Pension von Pellegrinis Eltern verunglücken, weist erst alles auf einen Unfall hin. Doch den beiden Kommissaren und der Ispettrice lässt es keine Ruhe und sie schauen genauer hin. Das Verhalten von einigen Beteiligten gibt den Ermittlern ein komisches Bauchgefühl. Claudia steigt schnell offiziell wieder ein, Pellegrini inoffiziell. Letzteres ist auch gut so, denn er kennt die Familie des Opfers und kann von der Pension aus Erkundigungen einholen. So kann er auch seine beiden Leben miteinander verbinden, da er die Arbeit sehr vermisst.
Auch Marcos Mutter ist davon überzeugt, dass es eben kein Unfall war und gibt keine Ruhe. Auch sonst nicht, sie weiss eh alles besser, besonders was Emma betrifft. La Mama hat mich in diesem Band total genervt, ich fand sie sehr aufdringlich. Pellegrini hat sich viel gefallen lassen, ich schiebe es mal auf den Schlaf- und Espressomangel.
Was es damit auf sich hat, wird in "Urlaub für den Commissario" schön erzählt, besonders die Hintergründe über die Vaterschaft und Franca. Das war genau in richtigem Masse, nicht zu viel und nicht zu wenig. Das Ende macht dann auch neugierig auf eine Fortsetzung.
Dieser fünfte Band ist ein etwas anderer Fall als üblich, aber eine Krimi-Lektüre, die Spass macht. Der Plot, das Setting und auch das Team, jetzt ohne Fabio sowieso, ist toll.
Fazit: Ein interessanter und gut unterhaltender fünfter Band. Urlaub hat Pellegrini ja nicht wirklich, aber ohne Ermittlung wird es ihm schnell langweilig.
5 Sterne.
Locker und originell - ohne Plan
Sommer ohne Plan von Johanna Swanberg
Cassi hat den Wunsch zu fliehen, erst landet sie in ihrem Heimatdorf, dann kauft sie sich spontan ein Häuschen im Wald. Der ideale Ort um alleine zu sein. Der Makler versteht aber etwas falsch und streut Gerüchte: Cassi gäbe diverse Kurse und sei eine Heilerin. Erst ist sie zu müde, irgendwas zu erklären, aber bald schon findet sie den Gefallen daran, sich sozusagen neu zu erfinden und legt los.
Dabei freundet sie sich mit einigen Dorfbewohnern an und schaut hinter deren Kulissen. Die Geschichten, die sie entdeckt, machen auch etwas mit ihr. Vor allem aber erobert Pavel ihr Herz. Der alte Mann nimmt sie, wie sie ist und hilft ihr beim sachten Renovieren des baufälligen Hauses. Irgendwann bricht Cassis Lügengebilde zusammen - eigentlich lügt sie ja nicht, sie lässt die anderen vermuten und erzählt selbst aber nichts - und nun wird es interessant, wie es weiter geht.
Pavel war mein Lieblingscharakter, sein Schicksal tat mir leid. An Cassi kam man nicht so recht ran, aber das passte sehr gut zur Geschichte und machte sie glaubhaft.
Ich mochte die Idee des Romans, doch Cassis Bornout ist mir ein bisschen zu hoch gegriffen - es wird nach und nach aufgelöst. "Aberwitzig", wie es im Klappentext steht, empfand ich den Roman nicht, eher melancholisch und sanft humorvoll. Er nimmt das grosse Geschäft mit den vielen Selbsthilfe-Coaches auf die Schippe, doch am Ende geht es einfach nur um Freundschaft und um Mut.
Fazit: "Sommer ohne Plan" ist ein lockerer und origineller Roman, in dem es ums Mensch sein und Zuhören geht.
4 Sterne.
Ein langes, aber interessantes Auf und Ab
Montmartre - Licht und Schatten von Marie Lacrosse
Sofort war ich mitten drin im Montmartre anno 1866. Streifte mit Elise unerlaubt durch das Quartier, beobachtete das Leben von Valérie Dumas, die Tochter des bekannten Kunsthändlers.
Licht und Schatten - ein passender Titel. Das Licht leuchtet eher auf Valérie, die in eine wohlhabende Familie geboren wird.
Elise dagegen erlebt täglich den Schatten des Lebens. Sie arbeitet als Wäscherin bei ihrer Mutter. Marianne, die alte und weise Hebamme, war bei beiden Geburten dabei.
Abwechselnd wird das Leben von Valérie und Elise, die man beim Erwachsen werden begleitet, erzählt. Ausbildung, Job, erste Liebe - und beides je einmal im Licht (Reichtum) und auf der Schattenseite (Armut). Dabei kreuzen sich die Wege der beiden immer mal wieder, das macht die Geschichte enorm interessant. Behandelt werden auch die grossen Fragen des Lebens, zum Beispiel das Thema Verhütung, wer meint es gut mit dir, wer nutzt dich nur aus - das und vieles mehr müssen die beiden und ihre Familien teilweise schmerzhaft lernen.
Marie Lacrosse bringt uns Montmartre näher und wer sich mit der Hoch-Zeit der Impressionisten in Paris ein bisschen auskennt, trifft immer wieder auf bekannte Namen, die den beiden Protagonistinnen begegnen.
Die Begeisterung, mit der ich bis nach der Mitte diesen ersten Band las, verebbte danach langsam, denn es ging immer weiter mit dem Auf und Ab der Geschichte der Charaktere und wollte kein Ende und leider auch keinen Höhepunkt haben. Vielleicht gibt es den dann im zweiten Band, auf den ich mich trotz der erneuten Länge freue.
Fazit: Eigentlich ein sehr toller erster Band, der uns die Geschichte von Montmartre anhand spannender Figuren näher bringt, aber viel zu ausführlich auf 624 Seiten erzählt.
4 Sterne.
Drei Sommertage
Das Leben fing im Sommer an von Christoph Kramer
Ich war ja schon sehr sehr skeptisch, denn generell mag ich Romane mit jugendlichen Protagonisten gar nicht. Dennoch hat mich Christoph Kramer mit seinem Debüt positiv überrascht. "Das Leben fing im Sommer an" erzählt von drei Tagen im Sommer des autofiktiven Protagonisten Chris. Die erste Liebe, der erste Kuss, ein Roadtrip und Freundschaft, die teilweise immer noch anhält.
Ja, heiss war er tatsächlich, der Sommer 2006. Daran kann ich mich gut erinnern, nicht nur weil ich da hochschwanger war und in der Hitze gelitten habe. Von diesem Sommer bleiben mir deshalb natürlich ganz andere Erinnerungen als jene des Protagonisten, obwohl auch ich die Fussball-WM (die kaum vorkommt übrigens) geschaut habe. Ich konnte mich aber gut hineinversetzen in den Roman, denn bei den einen oder anderen Erlebnissen der Charaktere gibt es ähnliche nostalgische Erinnerungen an die Sommer, in denen ich um die 16 Jahre alt war. Capri-Sun wurde damals bei uns in der Schweiz zwar nicht getrunken, wir hatten andere Getränke, die in meiner Jugend hip waren. Aber mit solch erinnerungswürdigen Getränken, Speisen und anderen Dingen konnte der Autor sicherlich einige Leser und Leserinnen mal kurz in die eigene Vergangenheit zurück führen.
Mir hat gefallen, wie der Protagonist dazu stand, ruhiger als andere zu sein, einige Werte hochgehalten hat und authentisch blieb, und trotzdem, dem Alter entsprechend, Dinge ausprobieren wollte. Andererseits gibt es einige Szenen, bei denen ich denke, dass das Alter der Jungs durchaus aufgefallen sein müsste, also wenig realistisch - aber eben, Autofiktion, darf also durchaus auch mal nicht realistisch sein.
Die ersten drei Tage der Geschichte, die Christoph Kramer erzählt, nehmen einen Grossteil des Romans ein. Interessant wurde es meiner Meinung nach aber erst in den letzten drei Kapitel, insbesondere im letzten Kapitel "Ein ganzes Leben später". Genau dieses letzte Kapitel macht für mich aus, dass dieser Roman gelungen ist, weil erst dann diese ersten drei Tage Sinn ergeben. Von daher: dran bleiben und zu Ende lesen!
Fazit: Für mich ein überraschend gelungenes Debüt, das mich gut unterhalten hat!
4 Sterne.
Sommerliches Highlight
Wenn die Tage länger werden von Anne Stern
"Wenn die Tage länger werden" ist so ein Buch, das man nur mal schnell anlesen will und dann nicht mehr weglegen kann.
Manchmal kommt alles zusammen, zusammen hoch. Lisa ist alleinerziehend, mit Job und Kind kaum zur Ruhe kommend, und dann stehen einige freie Tage an. Erst ist Lisa überfordert, was tun mit plötzlich so viel freier Zeit für sich allein, im Kopf hätte man viele Pläne, aber weil Freizeit so ungewohnt ist, braucht sie einige Tage, bis sie sich daran gewöhnt hat.
Und plötzlich ist da die Lust vielleicht wieder mal Geige zu spielen, das Instrument das sie vor Jahren weggeschlossen hat, weil sie dem Leistungsdruck der eigenen Mutter entgegentrat. Doch nun muss die Geige erst mal wieder generalüberholt werden. Sie bringt sie in eine ihr neue Werkstatt, mitten auf dem Lande, der Restaurator, Hans, ein ruhiger alter Herr, seine Tochter Ute auch nicht mehr jung, noch wortkarger als er. Und doch ist da etwas, was Lisa in den beiden sieht.
Hans entdeckt in der Geige ein Herkunftsschild, das ihm komisch vorkommt. Dadurch ploppt plötzlich wieder die Frage nach Lisas Vater auf. Eine, die weder er noch die Mutter ihr je beantworteten. Es nagt in Lisa, wie schon früher, jetzt will sie dem Geheimnis endlich auf die Spur kommen, da war dieser eine Satz, den sie mal hörte und der nie mehr aus ihrem Gedächtnis verschwand.
Es geht u.a. um Themen, die in der Generation von Hans, Ute und Lisas Mutter gerne verschwiegen werden, weil "darüber spricht man nicht". Doch am Ende lernen sie alle zu sprechen, sogar Lisas Ex, der - ins kalte Wasser geworfen - plötzlich doch merkt, was es heisst alleinerziehend zu sein.
Anne Stern schreibt hier wunderschön und bildhaft. Ihren Sätzen ist eine Leichtigkeit inne, obwohl die Thematik nicht gerade leicht ist. Mir hat diese bewegende Geschichte, die oft melancholisch anmutet, sehr gut gefallen.
Fazit: Eine nachdenkliche, melancholische und bewegende Geschichte, die vollends überzeugt. Ein sommerliches Highlight.
5 Sterne.











