Kunden em pfehlungen
Rezensionen von CanYouSeeMe:
Ein Traum
Nachtlügen von Lisanne Surborg
"Nachtlügen" ist das erste Solo-Werk von Autorin Lisanne Surborg - und hoffentlich nicht das letzte! Ich muss zugeben, dass mir das Cover zunächst eher nichtssagend erschien, mich der Klappentext dann jedoch so neugierig gemacht hat, dass ich unbedingt in das Buch reinlesen wollte ... und dann konnte ich nicht aufhören zu lesen.
Der Schreibstil ist sehr angenehem und flüssig zu lesen, die Beschreibungen bildlich und der Handlungsaufbau von Grund auf gelungen. Die relativ kurzen Kapitel mit eingeschobenen Intermezzi tragen zum flüssigen Leseerlebnis bei. Protagonisin Isra ist eine Nachtalb, sie ist facettenreich und doch sehr markant charakterisiert. Eine Protagonistin, die sich treu bleibt, auch wenn sich innerhalb der Handlung viel Charakterentwicklung vollzieht. Auch die weiteren Charaktere des Buches sind facettenreich, bleiben dabei jedoch dezent im Hintergrund
Die grundlegende Prämisse, sich mit Albträumen und Ängsten auseinander zu setzen, hat mir sehr gut gefallen. Dabei bringen vor allem die Intermezzi verschiedene Sichtweisen auf die Thematik ein und unterstützen so eine vielseitige Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Darstellungen der Ängste und Albträume waren in meinen Augen auch nicht zu grusselig oder zu sehr auf Horrorszenarien ausgelegt, was ich als sehr angenehm empfunden habe. Es ist eine gelungene Mischung - und auch die geschaffene Welt der Alben konnte mich trotz des eher flachen Worldbuildings auf ganzer Linie abholen.
Das Ende des Buches war mir persönlich dann ein wenig zu abrupt, das Tempo war deutlich schneller als in der vorangegangenen Handlung. Hier hätte ich mir ein wenig mehr Ruhe in der Erzählung gewünscht - andererseits gehts im Leben halt manchmal auch schlagartig und plötzlich zu. Von daher hat dieser Umstang meine Freude an dem Buch nur minimal schmälern können. Insgesamt konnte mich "Nachtlügen" auf ganzer Linie überraschen und für sich gewinnen. Ein Buch, dass ich gar nicht aus der Hand legen wollte und bei dem ich immer mehr über die Welt erfahren wollte.
Rezensionen von Daggy:
Eine fantasievolle Geschichte ohne Worte mit beeindruckenden Zeichnungen
Regentag von Jens Rassmus
Das Cover zeigt die Mischung aus den mit einem schwarzen Stift gezeichneten Figuren der Geschwister und der Welt, in die sie eintauchen.
Die beiden schauen aus dem Fenster des großen Hauses in den Regen, neben der Tür stehen zwei Fahrräder. Unser Blick sieht die beiden jetzt im Zimmer, zunächst sehen wir sie am Fenster stehen, dann taucht ein Ball auf und die beiden setzen Rücken an Rücken hin.
Der Junge hat einen Gameboy in seinen Händen und schaut hinein. Das Mädchen schaut gelangweilt, scheint dann zu überlegen. Auf der anderen Seite des Buches sehen wir einen farbigen Bergrücken. Der Ball kommt ins Spiel und liegt dann auf der Bergspitze. Er rollt hinab ins Wasser. Auch bei den Kindern kommt der Ball in Bewegung. Dann sitz das Mädchen unter einen farbig gezeichneten Baum und schaut hinauf, fühlt den Regen auf dem nächsten Bild, der aber bald zu zarten Wolken wird. Der Baum verändert sich durch die Jahreszeiten und eine Ameisenarme krabbelt den Stamm hinauf. Dann sind die Bilder wieder ohne Farbe und die Kinder kitzeln sich und lachen.
So sind die Kinder in ihrer Fantasie unterwegs und es gibt sehr viel mit ihnen zu entdecken. Dabei kommt das Buch völlig ohne Worte aus und ist doch sehr gut verständlich. Sicher hat jeder beim Betrachten der kleinen und großen Bilder eine Geschichte im Kopf. Die kann man erzählen und ausschmücken, vergleichen oder einfach nur still betrachten. Die zwei unterschiedlichen Zeichenstile trennen die Realität von der Fantasie auf eine ganz klare Weise und trotzdem verschmilzt alles zu einem wundervollen Buch.
Rezensionen von Daggy:
Liebevolle Geschichte um einen Verlust
Weißt du noch? Ein Bilderbuch vom Abschiednehmen von Michael Engler
Auf dem Cover sitzen Igel, Eichhörnchen und Haselmaus mit dem Rücken zu uns auf dem großen Stein. Neben dem Schatten, den die drei werfen, sehen wir noch den Schatten des Eichelhähers. Die Schrift und die drei Tiere sind gelackt gedruckt und das gibt dem Cover etwas Besonderes.
Auf der ersten Doppelseite sehen wir Igel und Eichhörnchen im morgendlichen Wald die blaue Feder eines Eichelhähers schwebt zu Boden.
Und diesen Eichelhäher suchen die Freunde. Obwohl der alte Specht sagt, dass der Eichelhäher weg sei, machen sie sich auf die Suche. Zu ihnen gesellt sich die Haselmaus und meint: „Ich mag mir die Welt nicht ohne ihn vorstellen.“ Bald fallen allen Geschichten ein, wie der Eichelhäher sie gewarnt und ihnen das Leben gerettet hat, aber auch mit seinen Beeren und Nüssen ist er großzügig umgegangen.
So geht es suchend durch den Wald bis zu dem großen Stein, an dem der Eichelhäher sich so gerne aufgehalten hat. Aber auch hier war er wohl schon lange nicht mehr. Der Specht spricht die Wahrheit aus, dass der Eichelhäher wohl tot sei. Doch erst der Uhu spricht die weisen und tröstlichen Worte „Wenn es möglich ist, dass aus einer winzigen Nuss ein großer und nächtiger Baum wird, dann ist alles andere auch möglich.“ So bleibt der Eichelhäher in den Geschichten und der Erinnerung der Freunde lebendig.
Eine liebevolle Geschichte über den Verlust eines Freundes, der zum Leben dazugehört hat und den man schmerzlich vermisst. Die Hoffnung, die aus den Worten des Uhus spricht und die Erinnerungen der Freunde zeigen uns, dass niemand vergessen ist, wenn wir von ihm sprechen und an ihn denken.
Rezensionen von Lesendundspielenddurchsleben :
3 Streuner wittern das Abenteuer von Anja Fröhlich
King Kerl, Big Ben und Flirty sind 3 Hunde, die nach dem Leben auf der Straße in einem Tierheim landen. Aus der Sicht des Hundes King Kerl wird nun erzählt, wie sie alles dort erleben und von dort in eine Familie kommen. Ich fand diese Perspektiven und auch die Sprache sehr witzig. Also alleine die Schilderung der Erstuntersuchung war wirklich witzig.
Auch die Bilder, gehalten in schwarz-weiß-Zeichnung, paasen super zum Erzählten und lockere alles auf. Rein aus menschlicher Erwachsenensicht gab es für mich aber doch ein paar Aspekte, die ich nicht so passend empfand. Etwa die Flugszene- warum werden 3 Straßenhunde in Spanien gekauft und mit Beruhigungsmitteln flugfähig gemacht, und nicht in einem Tierheim in der Nähe gekauft? Warum wird ihnen dann gesagt, dass das Geld für das teure Futter ausgeht? Es waren aber eher Gedanken eines Erwachsenen, die da beim Lesen hochkamem. Für Kinder ist es eine richtig lustige Geschichte, die auch eine schöne Massage hat und viele Aspekte von Freundschaft vermittelt.
Rezensionen von Daggy:
Von heiter bis angsteinflößend
MORDsJAHRE von Steffen Hunder
So eine Anthologie hat ja immer etwas von einer Pralinenschachtel, manche schmecken hervorragend, andere mag ich nicht so gerne, es kann auch sein, dass ich eine angebissen weglege.
Zum Glück waren hier die meisten schmackhaft und ich kann die Mischung empfehlen.
Zunächst wir deine Leiche mehrfach verlagert, dann prahlt ein Verbrecher mit seinem tollen Plan, ein Flugzeug landet auf der A52, ein Mann lebt wie Diogenes allerdings noch vor einer Müllhalde und häusliche Gewalt ist der Thema der nächsten Geschichte.
Glück im Spiel hat eine junge Frau und Wilma meldet sich bei der Polizei, um breiten Ruhrgebietssang von Autobumsern zu berichten, danach treffen sich Witwer auf dem Friedhof, ein Walküre ruft zur Jagd und ein junges Paar verdient eine zweite Chance. Eine alte Dame bekommt Besuch von einer Polizistin, ein junge mag das Feuer, Schlagertitel werden aneinandergereiht und ein junger Mann flüchtet kopflos in die Niederlande.
Als stickum wird ein junger Mann von seinem Vater bezeichnet, Taylor Swift verdreht den jungen Mädchen im Ruhrgebiet den Kopf, eine junge Mutter belastet ihr schlechtes Gewissen, dann folgt der Versuch eines „perfekten Verbrechens“, ein Haschischplantage bringt Reichtum und ein Polizist wird es Mordes verdächtigt. Eine ganze Menge unterschiedlicher Delikte, die alle in einem Zeitungsartikel ihren Ursprung haben.
Es ist faszinierend, wie unterschiedlich die Geschichten entwickelt wurden, einige ließen mich durchaus schmunzeln, andere sind gesellschaftskritisch, belastend und brutal. Den meisten Geschichten war anzumerken, dass die Autor*innen ihr Handwerk verstehen und sie wissen, wie man eine Erzählung geschickt aufbaut.
Rezensionen von Lilli33:
Spannend, aber auch etwas wirr
Lautlose Feinde von Gil Ribeiro
Spannend, wenn auch etwas wirr
Inhalt:
Der Zöllner André Bento wird ermordet, seine Enkelin Maria entführt. Das Team der Faroer Kripo arbeitet unter Hochdruck.
Endlich geben sich Leander Lost und Soraia Rosado das Ja-Wort. Die beiden könnten nicht glücklicher sein. Doch dann wird ihr Glück durch den aktuellen Fall getrübt, denn es gibt einen Anschlag …
Meine Meinung:
Gleich zu Anfang gibt es ein Personenverzeichnis und das ist auch gut so.
Denn es mischen wirklich viele hier mit, und das zum Teil unter verschiedenen Namen. Da kann man schnell den Überblick verlieren. Wer wer ist und wer welche Funktion in diesem Katz- und Maus-Spiel hat, erfährt man aber trotzdem erst am Schluss, und dann fügen sich auch plötzlich die Teile, die vorher quer zu liegen scheinen, passend ins Gesamtbild ein.
Als etwas verwirrend empfand ich die vielen Zeitsprünge und Perspektivwechsel. Hier musste ich höllisch aufpassen, um nicht den Faden zu verlieren.
Die Idee, russische und amerikanische Geheimdienste an der Algarve agieren zu lassen, ist mal was anderes in dieser Krimi-Reihe, die vor allem durch den Lokalkolorit und den Protagonisten Leander Lost besticht, dessen logische Schlussfolgerungen, die er als Asperger-Autist zieht, zuweilen verblüffen. Viele seiner Sätze bzw. Dialoge mit ihm lassen einen aber auch schmunzeln.
Dies ist bereits der 7. Band der Reihe. Da der Kriminalfall abgeschlossen ist, kann das Buch ohne Vorkenntnisse gelesen werden. Schöner ist es natürlich, wenn man die persönlichen Entwicklungen des Polizisten-Teams von Anfang an miterlebt.
Die Reihe:
1. Lost in Fuseta
2. Spur der Schatten
3. Weiße Fracht
4. Schwarzer August
5. Einsame Entscheidung
6. Dunkle Verbindungen
7. Lautlose Feinde
Rezensionen von Gavroche:
Superspannend
Die Nacht (Art Mayer-Serie 3) Art Mayer-Serie von Marc Raabe
Auch der dritte Teil der Reihe um Art Mayer und Nele Tschaikowski hat mir wieder sehr gut gefallen. Ich habe bisher alle Teile als Hörbuch gehört und mag die Stimme von Peter Lontzek sehr.
Dieser Fall ist zwar in sich abgeschlossen, hängt allerdings inhaltlich mit den Vorgängern zusammen. Dana, die Mutter von Milla, ist immer noch verschwunden, aber Millas Oma baut geistig immer mehr ab und so kann es nicht weitergehen.
Bald gerät die Suche nach Dana in einen beruflichen Kontext. In einer Wohnwagensiedlung hat es gebrannt und dort findet sich ein Toter. Dana scheint den Richter gekannt zu haben, was Fotos zeigen.
Abwechselnd zur Geschichte in der Gegenwart gibt es immer wieder Passagen aus der Vergangenheit aus Danas Sicht, so dass wir ihre Geschichte besser kennen lernen und mehr wissen als Art und Nele, aber längst nicht alles.
Die Spannung ist gewohnt hoch, bis ganz zum Schluss. Und es gibt immer wieder Überraschungen und Wendungen, die ich so nicht erwartet habe.
Hochspannung vom Feinsten - ein mega Hörgenuss.
Rezensionen von Streiflicht:
Extreme Einblicke und beklemmend
Die Kammer von Will Dean
Schon beim ersten Blick auf die Kurzbeschreibung zu diesem Buch war mir klar, dass ich es unbedingt lesen muss. Ich finde es immer super spannend, wenn Thriller oder Krimis in einem geschlossenen Setting spielen. Niemand kann rein, niemand kann raus und plötzlich gibt es einen Toten ... was ist passiert und wer ist der Täter?
Hier geht es um ein Tauchschiff mit einer Druckkammer.
Eine total krasse Lebenswelt und Arbeitsumgebung, die mich absolut fasziniert hat. Abgesehen von der Enge würde ich verrückt werden, wenn ich so lange mit so vielen anderen Menschen auf engstem Raum leben müsste. Ohne echten Rückzugsraum, ohne jegliche Privatsphäre. Ein Alptraum und hier total gut und super anschaulich dargestellt. Man kann gar nicht mehr aufhören zu lesen und plötzlich ist einer der fünf Männer in der Druckkammer tot. Ist es ansteckend, wurde er getötet, war er krank? Fragen über Fragen, die sich quälend langsam beantworten ... Immer wieder gibt es Rückblenden und Storys aus dem Leben und der Vergangenheit der Protagonisten. Jeder hat seine Geheimnisse, eines hat mich ganz besonders überrascht und alles in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ein Wahnsinnsbuch!
Nicht ganz perfekt war für mich das Ende, weil es ein bisschen offen ist. Je länger ich aber darüber nachdenke, desto mehr passt es zum Buch und der ganzen Geschichte. Und ich denke auch, dass es so ist, wie ich es mir vorstelle.
Das Buch besticht durch seine detailreichen Beschreibungen – die manchem vielleicht zu viel werden könnten – und die Schilderungen der Lebenswelt in der Kammer, die sich sehr authentisch und echt lesen. An der einen oder anderen Stelle hatte ich durchaus selbst Beklemmungen und konnte die Enge fast spüren. Meiner Meinung nach eines der Highlights in diesem Jahr.
Rezensionen von Eternal-Hope:
Ein ganzes Frauenleben, vor, in und nach der DDR - bewegend und authentisch
Schwebende Lasten von Annett Gröschner
"Schwebende Lasten" von Annett Gröschner ist ein Roman, der bei mir noch stark nachwirkt, nachdem ich ihn vor etwa einer Woche fertig gelesen habe. Nüchtern und sachlich, aber gerade dadurch auch emotional enorm berührend, wird das Leben der fiktiven Hanna Krause geschildert, die prototypisch für so viele Frauen ihrer Generation aus dem ehemaligen Ostdeutschland stehen könnte.
Hanna ist um 1913 geboren und sie stirbt irgendwann nach der Wende. Wie viele Zeitenwandel, Krisen und Katastrophen, wie viele Umbrüche und vor allem wie viel Leid hat diese tapfere Frau erlebt!
Ich selbst bin aus Österreich und habe mit der DDR nichts zu tun... doch dieses Buch hat mir auch die Sprachlosigkeit meiner eigenen Vorfahren nahegebracht, von denen manche eine ähnliche Generation wie Hanna waren. Diese multiplen Traumen, die sie erlebt haben... dazu die Not und das Elend und eine Zeit, die erforderlich machte, hart und stark zu sein und anzupacken, um selbst und mit der eigenen Familie zu überleben - kein Wunder, dass da noch wenig Zeit und Raum für Traumaverarbeitung und die Konfrontation mit der eigenen verwundeten Seele war... und oft auch wenig Raum dafür, sich noch einmal auf tiefe Beziehungen einzulassen, wenn man mal mehrere geliebte Menschen verloren hatte.
Für diese Rezension habe ich nach passenden Zitaten aus dem Buch gesucht und dabei noch einmal bemerkt, über was für eine eindringliche Sprache dieses Buch verfügt, z.B.
S. 42: "An solchen Abenden musste er auf der Küchenbank schlafen. Eine bessere Form der Geburtenkontrolle kannte Hanna nicht."
Hanna arbeitet erst als junges Mädchen als Aushilfe im Blumenladen ihrer halben Schwester, dann heiratet sie jung und bekommt die ersten Kinder. Verhütung gibt es nicht, Abtreibung ist verboten (Hanna wird dennoch mehrere haben), regelmäßiger Geschlechtsverkehr wird erwartet und so folgt eine Schwangerschaft auf die nächste, auch in Zeiten von Krieg und Not, in denen nicht klar ist, wie ein weiteres Kind durchgebracht werden soll. Insgesamt wird Hanna sechs Kinder zur Welt bringen, von denen nur vier das Erwachsenenalter erreichen.
Dann im Krieg, S. 109: "Das war noch nicht alles, dachte Hanna in der Notunterkunft, da kommt noch mehr, und sie sollte recht behalten. Das war erst der Anfang."
Durch das ganze Buch und durch Hannas Leben zieht sich die Liebe zu den Blumen. Passend dazu wird jedes Kapitel mit der Vorstellung einer Blumenart eingeleitet. Zwar kann Hanna nur ganz am Anfang ihres Lebens tatsächlich als Blumenhändlerin arbeiten, doch findet sie immer wieder Wege, sich dennoch mit dem Thema zu beschäftigen und ihr Wissen dazu weiter zu kultivieren und einzubringen, etwa durch die Pflege eines Gemeinschaftsgartenstückchens nahe ihrer Wohnung im Plattenbau in der DDR. Und auch im Krieg und im Angesicht von Zerstörung, Tod und tiefstem Elend ist die Verbindung zu den Blumen das, was Hanna aufrecht hält: "Hanna existierte. Nicht mehr und nicht weniger. Sie hatte versucht, über das Menschsein nachzudenken, war aber zu keinem Ergebnis gekommen, außer dass Blumen ihr menschlicher vorkamen als ihre eigene Gattung." (S. 126)
In der DDR ergreift Hanna einen ursprünglich typischen Männerberuf, denn mit diesem kann sie mehr Geld für ihre Familie verdienen. Sie wird Kranfahrerin, hier zeigt sich der Bezug zum Titel des Buches, und wir erleben auch diesen Arbeitsalltag von ihr mit: "Die Kranbahn über ihr, die daran befestigten grünen Lampen, die Meisterbude rechts unten, die Drehmaschinen, die Werkstücke, die Gabelstapler und die Männer mit den Helmen, die zu ihr heraufwinkten. Sie war die einzige Frau, sie verteidigte bei der Prüfung ihr Geschlecht, sie war dabei, ins kalte Wasser zu springen." (S. 167)
Auch hier zeigt sich wieder eine klassische Qualität Hannas: sie ist anpackend, tüchtig und mutig, scheut nicht vor Herausforderungen zurück und ist bereit, sich beruflich in neue Gebiete vorzuwagen und sich zu entwickeln. Das sind Eigenschaften, die sie in ihrem Privat- und Berufsleben zeigt.
Sonderlich politisch ist Hanna aber nicht und lehnt sich weder gegen das NS-Regime auf noch setzt sie sich in der DDR für mehr Freiheit ein. Ambitionen, die DDR zu verlassen, hat sie auch keine. Sie ist eine, die sich auch sehr gut mit dem herrschenden System arrangieren kann und damit insgesamt eine ambivalente Persönlichkeit. Ein bei ihr kurz verstecktes jüdisches Mädchen schickt sie auf die Straße, nachdem der Blockwart sie darauf angesprochen hat. Später aber gibt sie hungernden Arbeiterinnen aus Polen und der Ukraine Brot. So zeigt sich in Summe eine Frau, wie es sie viele gegeben haben könnte, mit ihren menschlichen Stärken und Schwächen. Genau diese Authentizität macht das Buch in Summe auch aus.
Außerdem mochte ich an dem Buch, wie deutlich es die vielen politischen und ökonomischen Umbrüche aufzeigt, die Menschen dieses Geburtsjahrganges erlebt haben - das muss eine unglaubliche Anpassungsleistung erfordert haben.
Als Hanna schon eine alte Frau von fast 80 Jahren ist, kommt es zur Wende und damit zur Wiedervereinigung. Wieder ein Systemwechsel für Hanna. Ihr ganzes Leben lang hat sie geübt, sich mit den wechselnden Umständen abzufinden und sich anzupassen und so nimmt sie es auch jetzt hin, als Investoren aus dem Westen die Blockbauten mitsamt ihrer Wohnung kaufen, renovieren und die Miete erhöhen möchten und ihren liebevoll angelegten Blumengarten vernichten: "Als die Mietergärten verschwanden, wehrte sie sich nicht. Sie blieb einfach auf dem Sofa sitzen und sah sich bei ausgestelltem Ton die Showsternchen im Fernsehen an. Sie zog die Vorhänge zu, hörte aber, wie die Gartenarbeiter die Pflanzen mit der Wurzel ausrissen."
Mit jeweils wenigen Worten gelingt es der Autorin damit, ein eindringliches Bild der jeweiligen Zeit zu malen. Viele Details, aber vor allem die Atmosphäre dieses beeindruckenden Buches wirken in mir tief nach. Es sind viele harte Bilder, von Tod und Zerstörung, einem Magdeburg, das dem Erdboden gleich gemacht wurde, vielen Jahren der Entbehrung, einem langsamen Aufschwung und zaghafter Hoffnung, wirtschaftlich etwas besseren Zeiten mit wenig Freiheit und doch hin und wieder ein bisschen Raum für Individualität, wie beim Anlegen der Blumengärten. Ganz viel Sich-Abfinden mit den Umständen, Akzeptieren und das Beste aus dem machen, was möglich ist.
Es ist ein wichtiges Buch, ein besonderes Buch, das dazu beitragen kann, Verständnis und Empathie zwischen den Generationen zu fördern und uns allen noch einmal anders spürbar zu vermitteln, woher unsere Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern kommen und was sie geprägt haben könnte, sodass sie so wurden, wie wir sie erlebt haben und sie schlussendlich uns geprägt haben. Hanna steht hier als Beispiel für ganz viele. Danke für dieses Buch!
Rezensionen von Streiflicht:
Wunderschön und faszinierend
Klaus, die Büchermaus von José Carlos Andrés
Dieses Buch hat mich sofort und auf den ersten Blick angesprochen. Schon das Cover ist genau meins und einfach schön. Die Botschaft dieses Buchs hat mich ebenfalls direkt erreicht. Es braucht nicht nur Essen und Getränke, sondern auch Nahrung für die Seele – Bücher!
Mir geht es da genau wie Klaus und dass ich diese Welt für mich entdeckt habe, ist einfach wunderbar.
Gut, dass Klaus auch dieses Glück hat. Mich hat die Geschichte sehr berührt und auch an die Maus Frederick erinnert. Die liebe ich schon, seit ich ein Kind war, und das Buch steht immer noch in meinem Regal.
Ich mag auch die Illustrationen im Buch, die das Bild vom Cover herrlich fortsetzen und wunderbar zum Text passen.
Klaus, die Büchermaus ist ein wunderbares Buch, das jeder mal gelesen und angeschaut haben sollte.











