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Rezensionen von Eternal-Hope:
Mal ein etwas anderer Krimi mit wichtigem Aufklärungseffekt
Voll im falschen Film von Wiebke Lorenz
So mühsam hat sich Schauspielerin Nora Stern aus ihrer Alkoholsucht hinausgekämpft und ist die letzten drei Jahre trocken geblieben. Doch nun ist alles umsonst: sie wird niedergeschlagen, entführt und verschleppt, findet sich eingesperrt mit einem üppigen Buffet wieder und entdeckt dann, dass es zu trinken ausschließlich Alkohol gibt.
Durstig vom Essen kann sie sich nicht lange zurückhalten und kippt voll zurück in die Sucht. Jetzt steht alles am Spiel, nicht nur ihre Karriere, sondern auch das Sorgerecht für ihre Kinder. Und wer steckt hinter dieser heimtückischen Entführung?
Diese Geschichte ist mal ein ganz anderer Start in einen Krimi. Die Handlung steigt direkt bei der Entführung ein, wir erleben mit, wie Nora Stern mit sich kämpft und schließlich der Sucht wieder verfällt, und auch, welche Konsequenzen das langfristig hat. Denn kaum eine ehemalige Alkoholikerin kann es bei einem Mal Saufen belassen, wenn sie einmal einen Rückfall erlitten hat.
Es ist ein Buch, das sich unterhaltsam liest und gleichzeitig einiges an Wissen zum Thema Alkoholismus und Suchtdynamiken allgemein vermittelt - ein wichtiges Thema in einer Gesellschaft, in der Alkoholkonsum, auch in problematischem Ausmaß, immer noch so weitverbreitet und normalisiert ist.
Mit der Hauptfigur an sich bin ich nicht sonderlich warm geworden, ich fand sie stellenweise vulgär und nicht sehr sympathisch. Das muss in einem Krimi auch nicht der Fall sein, dadurch hat mich die Lektüre aber weniger stark innerlich involviert und gefesselt, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.
Insgesamt ist es aber ein einigermaßen unterhaltsames Buch, dem die wichtige Aufgabe gelungen ist, ein gesellschaftlich wichtiges Thema so einzubinden, dass es auch Menschen jenseits der sonstigen Zielgruppe in diesem Bereich aufklärerischer Bücher erreicht.
Persönlich und ermutigend
Odysseus' Tränen von Florian Heide
Immer noch ist es für viele Männer deutlich schwieriger als für Frauen, sich bei psychischen Problemen Hilfe zu suchen. Dabei sind keineswegs weniger Männer als Frauen davon betroffen, was man an den Suizidraten sieht, die bei Männern viel höher sind.
Der Journalist Florian Heide hat sich mit seinem Buch das Ziel gesetzt, anderen Männern ein positives Beispiel zu sein und anhand seiner eigenen Krise und seines Therapieweges aufzuzeigen, wie hilfreich das sein kann.
Das Buch beginnt mit den wenig bekannten Aspekten der Geschichte von Homers Odysseus und wie heilend es für diesen war, von seinen Erfahrungen zu erzählen. Ein sehr interessanter Einstieg in das Buch! Danach geht es um die Sozialisation vieler Männer in unserer Gesellschaft und es wird erklärt, warum es für diese immer noch schwieriger ist, sich bei Problemen Unterstützung zu suchen. Dabei geht es auch viel um Männlichkeitsideale, Leistungsdruck, Selbstbilder und vieles mehr.
Dann erzählt der Autor von seiner eigenen psychischen Krise, von der durchaus herausfordernden Suche nach einem Therapieplatz und von seinem Therapieprozess: wie er sich damit auseinandergesetzt hat, wer er ist und wer er sein möchte, was seine Werte sind und wie die Therapeutin versucht hat, ihm das Konzept der Selbstfürsorge nahe zu bringen.
Ich habe es sehr sympathisch und authentisch gefunden, wie der Autor hier so offen und ehrlich von seinen eigenen Problemen und Lösungsversuchen und dem Ablauf der Psychotherapie erzählt. Dabei räumt er auch mit verbreiteten Ängsten auf: die Verhaltenstherapie, die er gemacht hat, war so gar nicht esoterisch, sondern hat ihm handfeste Werkzeuge für seinen psychischen Werkzeugkasten zur Verfügung gestellt: diesen zu füllen, damit er dann auch ohne therapeutische Begleitung psychisch stabil und gut durchs Leben kommt, war das Ziel der Therapieform, die er gemacht hat.
Das Buch liest sich schnell und leicht, ist in gut verständliche, kurze und interessant geschriebene Kapitel aufgeteilt, die man schnell zwischendurch lesen kann, ohne viel Zeit und Aufwand für die Lektüre zu brauchen. Damit eignet es sich auch bestens für vielbeschäftigte Menschen, die einen ersten, kurzen Einblick in die Welt der Therapie speziell für Männer suchen, und ist somit eine Ermutigung, sich zu trauen, sich bei Bedarf therapeutische Unterstützung zu suchen, auch als Mann.
Mutige Stimme in Zeiten zunehmender Militarisierung
Nein von Mithu Sanyal
Aufgewachsen bin ich mit der Botschaft "nie wieder Krieg", lange war es weit verbreitet und akzeptiert, pazifistisch zu sein, in Europa wurde eher ab- als aufgerüstet, doch seit ein paar Jahren hat sich das um 180 Grad gedreht. Jetzt wird in vielen Ländern Westeuropas aufgerüstet, koste es, was es wolle, und die Bevölkerung auf den Kriegsfall eingeschworen, dieser teilweise schon als alternativlos dargestellt.
Und wer das in Frage stellt, wird schnell verbal heftig angegriffen, so, als ob Pazifismus nicht mehr legitim wäre in diesen Zeiten, insbesondere, seit wir die USA nicht mehr eindeutig als verlässlichen Schutz- und Bündnispartner an der Seite hätten und Russland militärisch wieder eine Gefahr auch für uns sei. Sind Aufrüstung und neue Kriege die einzig mögliche Zukunft für uns in Europa?
Dem stellt die deutsche Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin Mithu Sanyal ein lautes und entschlossenes: "Nein" entgegen. Klug und pointiert zeigt sie auf, was für ein breites Spektrum es im weiten Raum zwischen "Aufrüstung" und "Nichtstun" gibt und wie viel man aktiv tun könnte, um sich für Vermittlung und Frieden einzusetzen. Wie viel man bewirken könnte, wenn man auch nur einen Bruchteil der enormen Summen, die derzeit für Aufrüstung bereitgestellt werden, aktiv für Friedensarbeit einsetzen würde.
Anhand von Zahlen, Fakten und historischen Entwicklungen zeigt sie auf, wer in welcher Form von Kriegen profitiert und um wie viele eigene Interessen diverser Seiten, insbesondere wirtschaftliche und politische, fernab von dem scheinbaren Ziel der Friedenssicherung, es dabei geht, aber auch, mit welchen enormen menschlichen und finanziellen Kosten Aufrüstung und Kriege verbunden sind.
Dank der spitzen Zunge, des Humors und der Sprachbegabung der Autorin liest sich das Buch leicht und locker wie nebenbei, sie bringt Tatsachen gezielt auf den Punkt, ohne sich dabei in Oberflächlichkeit zu verlieren, zeigt Zusammenhänge auf, regt zum Nachdenken an und scheut klare Worte nicht:
"78 Prozent der Jugendlichen gaben 2024 in einer Studie der Universität Bielefeld an, dass "unsere" Politiker sich nicht um ihre Belange kümmern, gleichzeitig sollen genau diese Jugendlichen ab 2027 zwangsgemustert werden? Der Gesellschaftsvertrag ist an so vielen Stellen gebrochen, dass davon eine mindestens ebenso große Bedrohung ausgeht wie von möglichen Kriegen. Über so etwas müssen wir auch reden, wenn wir von Sicherheitspolitik sprechen." (S. 51)
Dabei spart sie auch nicht mit Kritik am Journalismus in westlichen Ländern und zeigt klar auf, wie schmal auch hier oft der Grat zwischen Information und Propaganda ist, wie weit sich viele Journalistinnen und Journalisten von der Bevölkerung entfernt haben und wie oft sie, manchmal auch ohne es bewusst zu beabsichtigen, zu einem Werkzeug der jeweils Mächtigen geworden sind.
Es ist ein sehr intelligentes Buch, das dazu anregt, selbst zu denken und vieles von dem, was uns in Mitteleuropa als Tatsachen und als alternativlos dargestellt wird, kritisch zu hinterfragen.
Dass so ein mutiges und kontroverses Buch hier erscheinen kann (auch wenn der Autorin von verschiedenen Menschen davon abgeraten wurde, dieses Buch zu veröffentlichen), zeigt zumindest auf, dass wir nach wie vor in einer liberalen Demokratie leben, und das macht wiederum Hoffnung. Möge das so bleiben und möge dieses Buch viele Menschen dazu anregen, sich für den Frieden einzusetzen!
Danke an den Hanser Verlag dafür, dieser kritischen und so wichtigen Stimme hier eine Plattform gegeben zu haben!
Ich wünsche diesem mutigen und klugen Buch viele interessierte Leserinnen und Leser!
Männer als Opfer patriarchaler Strukturen
Der Mann, das Opfer von Sophia Fritz
Von Sophia Fritz habe ich schon ihr erstes Sachbuch "Toxische Weiblichkeit" gelesen und ihre erfrischende Perspektive auf feministische Ideen sehr interessant gefunden. So war ich auch neugierig auf ihr neues Buch und Hörbuch, "Der Mann, das Opfer", bei dem diesmal im Vordergrund steht, wie auch Männer unter dem Patriarchat leiden.
Anlass dafür, das Buch zu schreiben, war für die Autorin der Tod ihres Bruders, der an den Folgen seiner Medikamentenabhängigkeit gestorben war, denn sie fragt sich, ob er vielleicht noch leben könnte, wenn das Männerbild in unserer Gesellschaft ein anderes wäre.
Schon der Titel "Der Mann, das Opfer" ist ein provokanter, der sicherlich einiges an Widerstand ernten wird. So legt die Autorin im Buch auch dar, wie wichtig es patriarchal geprägten Männern ist, sich selbst als aktiv zu definieren, wenn nötig, auch durchaus als Täter, aber keinesfalls als Opfer, denn Opfer seien schwach und alles Schwache werde mit Weiblichkeit verbunden und dadurch abgelehnt. Viel geht es im Hörbuch um männliche Sozialisation und wie kleine Buben zu den Männern gemacht werden, die wir heute in der Gesellschaft verbreitet sehen.
Sehr positiv finde ich, dass die Autorin immer wieder für das Buch das Gespräch mit befreundeten Männern sucht und ihre Perspektiven miteinfließen lässt. Dabei zeigt sich, dass es noch ein weiter Weg ist, Männer auch für feministische Perspektiven begeistern zu können und vielleicht auch grundlegend neue Ansätze braucht, von denen sie einige vorzustellen versucht.
Das Hörbuch wird von Lisa Hrdina gesprochen. Das ist für mich mittlerweile ein eindeutiges Qualitätsmerkmal: ich habe schon einige Hörbücher von dieser Sprecherin gehört und ich finde ihre Stimme und Modulation sehr angenehm, gut passend zum jeweiligen Buch, einfühlsam und sich gut an den Inhalt anpassend, ohne sich im Vergleich zum Inhalt in den Vordergrund zu drängen. Hörbücher von dieser Sprecherin höre ich also wirklich gerne und kann auch bei diesem Buch die Hörbuchvariante sehr empfehlen.
Auf humorvolle Art selbstkritisch und damit sehr sympathisch
Panikjahre von Verena Bahlsen
Verena Bahlsen ist die Urenkelin des Bahlsen-Gründers, somit Mitglied einer reichen Unternehmerfamilie, selbst Vermögenserbin und sehr privilegiert in Privatschulen, mit vielen Reisen und jedem erdenklichen Luxus aufgewachsen. Vor wenigen Jahren hat sie bekannt gegeben, sich aus der Unternehmensnachfolge zurückzuziehen.
In diesem Memoir erzählt sie nun die Geschichte ihrer jungen Erwachsenenjahre, mit Schwerpunkt auf dem Thema Beziehungen.
Das könnte jetzt ein eher langweiliges Buch einer verwöhnten Frau aus der Oberschicht sein. Ist es aber gar nicht!
Und das liegt an Verena Bahlsens unglaublich sympathischer und erfrischender Persönlichkeit: mit viel Humor, Leichtigkeit und gleichzeitig sehr ehrlicher Selbstkritik betrachtet die Autorin ihr eigenes Leben, reflektiert dabei durchaus auch ihre Privilegien kritisch und zeigt auf, an welchen Stellen ihr immer wieder von anderen gespiegelt wird, dass sie schon durch ihren, ihr selbst oft unbewussten, Habitus, sich als Mitglied einer sehr vermögenden Schicht zu erkennen gibt, ohne das wollen, aber auch, wie behütet sie aufgewachsen ist und dadurch manchmal noch naiv in einigen Lebensthemen. Auch das Thema Unternehmensnachfolge und die Entscheidung, einen anderen Weg zu gehen, sowie die Zusammenarbeit mit ihrem Vater, kommen im Buch vor, auch wenn der Schwerpunkt klar auf romantischen Beziehungen liegt.
Bis in ihre 20er hatte Verena Bahlsen nämlich noch gar keine Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht und fragt sich mit Mitte 20, ob sie überhaupt jemals eine Liebesbeziehung haben wird und ob sich überhaupt ein Mann für sie interessieren würde. So beginnt auch das Buch: mit einem Skiurlaub gemeinsam mit der Familie, den älteren Brüdern mit Lebensgefährtinnen, und Verena Bahlsen, die sich außen vor fühlt und sich vornimmt, in ihrem Leben etwas zu ändern.
Sie holt sich Hilfe durch einen Coach, stürzt sich in die Dating-Welt und lernt schließlich unverhofft einen Mann kennen, der aus einem ganz anderen Sozialmilieu ist als sie und sich gerade in einer schweren Lebenskrise befindet, und doch verliebt sie sich Hals über Kopf in ihn. Kann diese Liebe eine Chance haben? Und was macht man damit, wenn man das Gefühl hat, immer wieder mal an ganz unterschiedlichen Phasen im Leben zu stehen?
Ich habe das Buch mit sehr viel Freude gelesen. Es ist einerseits sehr interessant, wie nah uns Verena Bahlsen an ihr Leben und ihre Erfahrungen heranlässt und andererseits sehr unterhaltsam, wie humorvoll sie von ihren Erfahrungen und auch von ihren Rückschlägen erzählt, von ihrem Entwicklungsweg, ihrer Selbstreflexion und allem, was sie dabei lernt. Gerade diese sichtbare Unperfektheit und manchmal auch so offensichtliche Naivität und jugendliche Unreife, zu der sie so offen steht, zeichnet das Bild einer so sympathischen jungen Frau, mit der man sich am liebsten anfreunden möchte.
Ich habe Verena Bahlsen sehr gerne auf ihrem persönlichen Weg lesend begleitet und wünsche ihr alles Gute für die Zukunft! Empfehlen kann ich das Buch allen, die gerne humorvolle, ehrliche, persönliche Lebensgeschichten lesen.
Realistisches und sehr interessantes Szenario
Deutschland 2033 von Justus Bender
Die AfD ist auf Erfolgskurs in Deutschland, in immer mehr Bundesländern wird sie auf Landesebene stimmenstärkste Partei und auch auf Bundesebene wird sie immer stärker. Noch gibt es in vielen Bereichen die sogenannten "Brandmauer" der anderen Parteien mit dem Vorsatz, nicht mit dieser als rechtspopulistisch angesehenen Partei zu koalieren, doch wie lange wird diese noch halten? Was passiert, wenn die Brandmauer fällt? Und welche Parallelen gibt es zwischen 2033 und hundert Jahre davor?
Schon der Einstieg ins Buch ist stark.
Der Autor macht bewusst, wie leicht es rückblickend ist, zu erkennen, was wozu geführt hat, aber wie schwierig das im jeweiligen Moment der Gegenwart ist. Die Herausforderung ist, im richtigen Moment zu handeln. Denn handelt man zu früh, dann versteht niemand die Bedrohung, die man bekämpft hat. Und verpasst man den richtigen Moment, dann kann es zu spät sein, noch effektiv handeln zu können.
In diesem sehr interessanten, realistischen und nachdenklich machenden Sachbuch entwirft der Autor, ein profilierter AfD-Kenner, der auch schon ein anderes Sachbuch über diese Partei verfasst hat, ein fiktives Szenario, in dem die AfD weiterhin immer stärker wurde, die Brandmauer in der CDU/CSU gefallen ist und es schließlich im Jahr 2033 erst einmal zu einer Koalition der AfD mit CDU/CSU, unter Führung der AfD und einer Kanzlerin Alice Weidel kommt. Zu diesem Zeitpunkt hofft die CDU/CSU noch, damit die AfD entzaubern zu können, muss aber schnell feststellen, dass das nicht so einfach ist.
Das Szenario erstreckt sich über das ganze fiktive Jahr 2033 und wir erleben mit, wie die AfD immer einflussreicher wird und es schließlich nach dem Ausscheiden der CDU/CSU aus der Koalition zu einer AfD-Alleinregierung kommt. Diese hat zwar keine Mehrheit im Parlament und kann formal keine neuen Gesetze mehr beschließen, doch zeigt der Autor eindringlich auf, wie viel Handlungsspielraum der geschickt taktierenden Partei dennoch bleibt, wie sie dabei mit geschickter Rhetorik und Manipulation noch mehr Wählerinnen und Wähler für sich einnimmt, Deutschland im eigenen Sinn umgestaltet und aus den zukünftigen Neuwahlen wahrscheinlich noch einmal gestärkt herausgehen wird.
Besonders glaubhaft wird das geschilderte Szenario dadurch, dass es gar nicht die extremste aller möglichen Varianten ist, sondern eine relativ gemäßigte, die aber gerade dadurch, dass sie zeigt, was alles an letztlich gravierenden gesellschaftlichen Änderungen durch die Summe scheinbar kleiner Eingriffe möglich ist, seine besondere Brisanz aufzeigt.
Das Buch macht sehr nachdenklich über viele Themen: über den aktuellen Zeitgeist, in dem sich so viele Menschen von der momentanen Politik nicht mehr vertreten und verstanden fühlen, über ethische Prinzipien, Verstand vs. Gefühl, Wissenschaft vs. Einzelschicksale, politische Traditionen und deren Missachtung und vieles mehr. Dabei zeigt der Autor auch klar auf, dass die gängige Strategie der Ausgrenzung und Lächerlich-Machung der AfD-Anhängerinnen und -Anhänger zwar aus einer bestimmten Perspektive verständlich sein kann, aber letztendlich deren Position erst recht stärkt, und plädiert für aufrichtiges Verständnis und Ernst-Nehmen der Gefühle auch politisch Andersdenkender.
Es ist ein kluges Buch, das ich Menschen verschiedenster politischer Einstellungen sehr empfehlen kann. Bleiben wir wachsam, um den richtigen Moment für das jeweils individuell angebrachte Handeln nicht zu verpassen.
Warmherzig geschriebener, persönlicher Trauerbegleiter
Jeder Mensch kann trauern von Eric Wrede; Fee Vogel
Dieses Buch kommt mit einem so unscheinbaren Cover daher, doch versteckt sich dahinter ein wirklich einfühlsamer und hilfreicher Begleiter für alle, die gerade einen geliebten Menschen an den Tod verloren haben. So geht es auch mir gerade, ich habe vor wenigen Wochen eine liebe Angehörige begraben müssen und fühle mich von den Worten, die in diesem Buch gewählt werden, sehr abgeholt und verstanden.
Man merkt, dass hier mit Eric Wrede und Fee Vogel zwei Menschen schreiben, die als Bestatter und Trauerbegleiter ganz viel Erfahrung mit Trauernden haben.
Es tut gut, wie viel Raum für individuelle Trauer in diesem Buch gelassen wird, wie erklärt wird, dass Trauer ganz viele Formen und Facetten haben kann, mal stärker ist und mal schwächer, sich mal ein bisschen zurückzieht und dann wieder unerwartet stark hervorbricht, dass sie nicht unbedingt dem verbreiteten Phasenmodell folgen muss, und dass alles davon normal ist. Zusätzlich wird aber auch darauf eingegangen, woran man es erkennen kann, wenn die Trauer in Ausmaß und Länge tatsächlich außergewöhnlich ist und wo man sich dann Unterstützung holen kann.
Das Buch ist außergewöhnlich treffend formuliert. Es gibt auf fast jeder Seite prägnante Sätze, bei denen oft schwer ausdrückbare und ambivalente Themen rund um das Thema Tod und Trauer in Worte gefasst werden und von denen ich mich in meinem Trauerprozess sehr verstanden gefühlt habe.
Hier ein paar Beispiele aus dem Buch, die mir besonders gut gefallen haben:
"Die meisten Menschen brauchen keine Diagnose. Keine Therapie, keinen KI-Avatar und keine App auf dem Handy. Sie brauchen Raum und Zeit sowie jemanden, der nicht wegläuft, wenn es dunkel wird." (S. 12 im E-Book)
"Trauer ist nicht an konkrete Daten gebunden, nicht an Zeremonien, nicht an die Beerdigung. Sie lebt in Übergängen. Im Wechselspiel aus so vielem: Altes, das auf Neues trifft. Das erste Mal ohne den anderen. Sie lebt davon, dass du es schaffst, sie als einen neuen Bestandteil von dir zu akzeptieren und nicht gegen sie anzukämpfen." (S. 77)
"Vielleicht wird dir irgendwann klar, was du jetzt am dringendsten brauchst: Menschen, bei denen du wirklich du sein kannst. Die dich und deine Trauer aushalten. Die nicht sofort reparieren wollen. Die Stille stehen lassen können. Die manchmal die richtigen Worte finden und manchmal gar keine brauchen." (S. 85)
"Niemand hatte genau dieselbe Beziehung zu der verstorbenen Person. Niemand trägt die Erinnerung so wie du. Ein Teil deiner Trauer bleibt einzigartig, und damit bleibt auch ein Teil dieses Gefühls von Einsamkeit bestehen." (S. 99)
Gleichzeitig zeigen diese Sätze auch auf, wie nah und persönlich das Buch verfasst ist.
Für alle, die gerne nicht nur ein Buch lesen, sondern sich aktiv mit der eigenen Trauer auseinandersetzen wollen, gibt es auch Reflexionsfragen mit Platz zum Ausfüllen der Antworten oder Anregungen für Übungen, zum Beispiel dazu, die eigene Trauer zu malen oder dazu, nachzuspüren, ob man nach dem Begräbnis noch eine weitere eigene Zeremonie oder ein Erinnerungsbuch gestalten möchte, falls man mit der offiziellen Feier nicht sehr glücklich war, oder ergänzend dazu.
All diese interaktiven Elemente sind sanft ins Buch eingebettet, sodass man gut wählen kann, ob man sie machen möchte oder nicht. Auch für alle, die damit nichts anfangen können, ist das Buch gut lesbar, man kann sie auch einfach überspringen.
Inhaltlich wendet sich das Buch klar an Erwachsene, allerdings können sicherlich auch schon Jugendliche vieles Wertvolle daraus für sich mitnehmen. Auch auf spezifische Situationen, zum Beispiel den Umgang mit Kindern, die den trauernden Erwachsenen nahestehen, wird eingegangen, ebenso wie auf plötzliche oder gewaltsame Todesfälle, auch wenn das nicht der Hauptschwerpunkt dieses allgemein gehaltenen (und damit für viele Menschen in unterschiedlichsten Trauersituationen gut verwendbaren) Trauerbuches ist.
Insgesamt ist es ein sehr einfühlsames Buch zum Thema Trauer, das ein wertvoller Begleiter an der Seite trauernder Menschen sein kann und voll Inspiration und Weisheit steckt. Ich kann es allen, die eine gute Buchbegleitung während dieser dunklen Lebensphase für sich selbst oder für Nahestehende suchen, aber auch jenen, die ihr Verständnis zum Thema Trauer erweitern möchten, sehr empfehlen.
Sehr schöne und mit Zusatzinformationen angereicherte Ausgabe des berühmten Klassikers
Sturmhöhe von Emily Brontë
"Sturmhöhe" ist ein berühmter Klassiker der Literatur, dessen Inhalt an vielen Stellen ausgiebig diskutiert wird, sodass sich alle Interessierten leicht darüber informieren können. Deshalb werde ich hier in diesem Fall auf eine kurze Inhaltsangabe verzichten.
Stattdessen möchte ich darauf eingehen, was diese Ausgabe des Reclam-Verlages, zusätzlich zu der optisch ansprechenden Gestaltung, besonders macht: auch bei diesem Buch wieder hat sich der Verlag große Mühe gegeben, das Buch mit interessanten Beilagen anzureichern.
So gibt es beispielsweise eine Ahnentafel der Familien Earnshaw und Linton, die bei der leichteren Einordnung der im Roman vorkommenden Charaktere und ihrer Verwandtschaftsbeziehungen unterstützt, eine Zeittafel, die dabei hilft, das Leben der Autorin einzuordnen und zu verstehen, und ein ausführliches Nachwort, in dem ich einiges Interessantes lernen und den Roman noch besser verstehen konnte.
Zum Beispiel habe ich so erfahren, dass die Autorin wenig auf die allgemeinen sozialen Entwicklungen ihrer Zeit einging, da sie ihr Zuhause nur wenig verließ und diese vermutlich gar nicht genauer kannte, aber auch, welchen Skandal der Roman damals bei seiner Erscheinung auslöste.
Diese Zusatzinformationen des Verlages sind also sehr hilfreich für eine bessere historische Einordnung des Romans und außerdem sehr interessant zu lesen.
Ich kann also allen, die sich für diesen berühmte Klassiker der Literaturgeschichte interessieren, sehr empfehlen, dafür zu dieser Ausgabe des Reclam-Verlages zu greifen.
Ich rede, also bin ich
Ich rede, also bin ich von Julia Mailänder
Julia Mailänder hat verschiedene Studienabschlüsse in den Bereichen Sprachen und Linguistik (Germanistik, französische Philologie, Cognitive Neuroscience of Language). Mit diesem Buch hat sie sich das Ziel gesetzt, aktuelles Wissen zu diesen Themen unterhaltsam und niederschwellig zu vermitteln.
Dieses Ziel ist ihr geglückt: in 42 kurzen Kapiteln wird leicht verständlich und sehr interessant geschrieben viel Wissen zu diesen Themen vermittelt: da geht es zum Beispiel darum, bis zu welchem Alter die Muttersprache verlernt werden kann, was zweisprachige Erziehung für das Gehirn bedeutet, welcher Mensch die meisten Sprachen gelernt hat, was die Funktion von Humor ist und vieles mehr.
Die Themen werden jeweils kurz angerissen, sodass man einen ersten Überblick bekommt. Somit ist es insgesamt eindeutig ein Buch, das mehr in die Breite als in die Tiefe gehen will, damit ein breites Lesepublikum anspricht und für das Thema begeistern will. Für ausführlichere Informationen zu dem einen oder anderen Thema bräuchte es spezifischere Fachbücher.
Dennoch sind so viele unterschiedliche Informationen darin enthalten, dass auch für Menschen, die sich schon viel mit Sprache beschäftigt haben, die eine oder andere neue dabei sein wird.
Damit komme ich auch schon zu meinem einzigen kleinen Kritikpunkt an dem ansonsten sehr unterhaltsamen und interessanten Buch: an manchen Stellen finde ich die Phänomene so oberflächlich beschrieben, dass die Erklärung bei genauerem Hinsehen fast schon als falsch oder zumindest lückenhaft angesehen werden könnte, zum Beispiel, wenn es um das "Double Empathy Problem" zwischen autistischen und neurotypischen Menschen geht und die Autorin schreibt, "dass beide Seiten Schwierigkeiten haben, die Empathie des anderen zu erkennen" (S. 143).
Tatsächlich geht es dabei um weit mehr als darum, die gegenseitige Empathie zu erkennen, nämlich um Schwierigkeiten mit der gesamten Einfühlung in die jeweils andere Lebenswelt und darum, dass diese auch und gerade für neurotypische Menschen sehr schwierig ist, wenn es um die für sie sehr andersartig wahrgenommenen autistischen Lebenswelten geht: beide Seiten haben also nur begrenzt Empathie für das jeweils andere Erleben.
Ein weiteres Beispiel ist das Kapitel zu Legasthenie, in dem von "phonologischem Bewusstsein" (S. 145) gesprochen wird, während der korrekte Fachausdruck in diesem Zusammenhang "phonologische Bewusstheit" wäre.
Wenn man ganz genau hinsieht, haben sich also an der einen oder anderen Stelle kleine Unkorrektheiten eingeschlichen. Das wird den meisten mit den Themen nicht so vertrauten Leserinnen und Lesern vermutlich gar nicht auffallen, hätte aber bei einem sehr sorgfältigen Lektorat noch korrigiert werden können (vielleicht eine Anregung für eine mögliche zweite Auflage?).
Insgesamt bleibt es aber dennoch ein sehr interessantes, unterhaltsames, leicht lesbares und informatives Buch, das ich gerne gelesen habe, das vor Begeisterung für Sprache nur so sprüht und aus dem ich einiges Neues lernen konnte.
Polemisch, oberflächlich und pauschalisierend
Die Zukunft der Männer. Eine Generation zwischen Wut und Utopie von Tristan Horx
Tristan Horx ist der Sohn des bekannten Zukunftsforschers Matthias Horx und arbeitet selbst im selben Bereich. Tatsächlich konnte ich es gar nicht glauben, als ich das Geburtsjahr des Autors recherchiert habe: 1993! Denn an vielen Stellen klingt das Buch für mich so, als ob es ein Mann geschrieben hätte, der altersmäßig wesentlich weiter von der derzeit jungen Generation entfernt ist.
Das Buch will darstellen, warum sich heute so viele Männer benachteiligt fühlen und sich zornig Bewegungen wie den Incels zuwenden oder die AfD wählen. Wer diese Phänomene wirklich verstehen will, für den gibt es mittlerweile schon einige sehr fundierte, gut recherchierte Bücher am Markt. Dieses hingegen behandelt die besprochenen Themen nur sehr oberflächlich und verliert sich in vielen Stellen in Pauschalisierungen und unnötiger Polemik, ohne differenzierten Blick auf komplexe Phänomene.
Hier ein paar Beispiele dafür:
"Fast jeder Neunte zwischen vierzehn und neunundzwanzig Jahren ist in therapeutischer Behandlung, weil wir ihnen lieber instagramtaugliche Frühstücksboxen zubereitet haben, anstatt sie auf das Leben vorzubereiten." (S. 81)
Von welchem "wir" spricht der Autor hier, wenn er selbst gerade 33 Jahre alt ist? Wohl nicht von seinen eigenen Kindern. Warum habe ich hier beim Lesen das Gefühl, es schreibt ein verbitterter 60-jähriger? Inhaltlich ist dieser Satz natürlich völlig unzureichend als Erklärung, warum einerseits psychische Erkrankungen und andererseits aber auch die Bereitschaft, sich dafür Unterstützung zu suchen (was grundsätzlich etwas sehr Positives ist, weil damit die Chance verbunden ist, nicht nur selbst ein glücklicheres Leben zu führen, sondern die eigenen Probleme auch aufzuarbeiten und nicht später an die eigenen Kinder weiterzugeben), so stark zugenommen haben.
"Nun ist es aber so, dass die Boomer auf einem beachtlichen Geldberg sitzen: ungefähr der Hälfte des deutschen Privatvermögens. Das bedeutet mit anderen Worten: Die MIllenials und die Generation Z müssen viel länger auf ihr Erbe warten als vorherige Generationen. Wir haben noch keinen anderen Mechanismus zur Wohlstandsverteilung zwischen Generationen gefunden..." (S. 96)
Auch hier wieder: simpelste Gedanken zu einem sehr komplexen Phänomen. Natürlich gäbe es andere Mechanismen zur Wohlstandsverteilung, hier ein paar Stichworte dazu: Erbschafts-, Schenkungs- und Vermögenssteuern, Höhe der Renten, Renteneintrittsalter, Lebensverdienstkurven und vieles mehr. Es gibt viele andere kluge Bücher, die diese Themen diskutieren und analysieren, dieses gehört nicht dazu.
Und schließlich:
"Während die Babyboomer mit vierzig Jahren etwa 20 Prozent des gesamtdeutschen Privatvermögens besaßen, liegen bei den Millenials im gleichen Alter heute gerade einmal 7,8 Prozent davon auf dem Konto." (S. 102)
Hier wird im weiteren null darauf eingegangen, was für ein unzulässiger Vergleich das ist, schon allein deshalb, weil die Generation der Millenials aufgrund des damaligen Geburteneinbruchs zahlenmäßig viel kleiner ist als die der Boomer, es sich also um weniger Menschen handelt. Geschweige denn auf weitere Faktoren, die nichts mit der individuellen Leistungsbereitschaft zu tun haben und es jungen Menschen heute aber schwerer als früher machen, sich Vermögen aufzubauen, stattdessen schimpft der Autor in der Folge wiederum nur polemisch auf seine eigene, angeblich so unfähige Generation.
Nein, was solide Wissensvermittlung angeht, kann ich diesen Autor nicht ernst nehmen, in dieser Hinsicht ist von ihm nichts zu lernen. Viel zu schlecht recherchiert und zu wenig durchdacht ist das Buch, fundierte neue Einsichten kann ich mir daraus keine mitnehmen.
Bleibt noch das Thema, unter dem das Buch angekündigt ist, nämlich die Desillusionierung junger Männer. Wer sich mit diesem Thema noch überhaupt nicht auseinandergesetzt, kein bisschen, und eine oberflächliche, polemische Einführung darin sucht, etwa, um zum ersten Mal etwas über Incels zu hören, der kann an der einen oder anderen Stelle auf Phänomene aufmerksam gemacht werden, die es sich lohnen könnte, mit anderen, differenzierteren Werken, von denen es am Markt schon eine Menge gibt, näher zu erforschen. Dafür zwei Mitleidssterne von mir.











