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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Eternal-Hope:

Unterhaltsam und interessant

Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie erkennen von Amanda Montell

In ihrem neuen Buch "Cultish" widmet sich Amanda Montell, die sich auch in ihren vorigen Büchern schon mit interessanten psychologischen Phänomenen auseinandergesetzt hat, der Verbindung zwischen Sprache und destruktiven Kulten. Anhand historischer Beispiele bekannter Sekten wie Scientology oder Peoples Temple, aber auch moderner Beispiele zu Pyramidensystemen, Multi-Level-Marketing, Fitnessgurus und Influencern mit sektenhaften Zügen zeigt sie auf, wie es Organisationen schaffen, Anhänger zu gewinnen, an sich zu binden und für ihre Zwecke auszubeuten.

Es ist ein persönliches und gut recherchiertes, umfangreiches Buch, in dem man viel über diese Themen lernen kann und das ich gerne gelesen habe.

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Großartiges Buch mit vielen weisen Botschaften

Die Mitternachtsreise,1 Audio-CD, 1 MP3 von Matt Haig

Matt Haig ist mir und vielen anderen Menschen als Autor des internationalen Bestsellers "Die Mitternachtsbibliothek" bekannt. Seitdem hat er verschiedene andere Werke verfasst, einige mit deutlichem autobiographischem Anteil und zu psychischen Erkrankungen, sowie Liebesromane. Allen gemeinsam ist, dass es auf die eine oder andere Art auch um den Sinn im Leben geht.

An dieses Thema schließt auch die Mitternachtsreise an. Ging es bei der Mitternachtsbibliothek um die junge Nora, die noch weite Teile ihres Lebens vor sich haben könnte und verschiedene mögliche Lebenspfade betrachtet, so haben wir nun einen alten Mann, Wilbur, der vor kurzem mit über 80 nach einem langen Leben gestorben ist und nun als Geist auf sein Leben zurückblickt.

Begleitet vom Geist einer ehemaligen Inhaberin eines Bücherladens, den er als Junge gerne besuchte, und die damals und auch jetzt eine Art Mentorinnenfunktion für ihn einnimmt, fährt der Geist von Wilbur mit einem Zug durch sein vergangenes Leben, kann so einiges im Schnelldurchlauf betrachtet und bei markanten Stationen aussteigen und Wendepunkte in seinem Leben näher betrachten.

Es ist auch eine schmerzhafte Reise für den Geist des alten Mannes, dem bewusst wird, wie viel an seinem Leben er bedauert und er gerne anders gemacht hätte. Wie er rückblickend Prioritäten anders setzen würde, weniger Wert auf Karriere, Status und Vermögen legen würde und mehr auf zwischenmenschliche Beziehungen, und bei vielem genauer hinschauen würde.

Insgesamt ist es ein langsam und gemütlich erzähltes Buch, das sich Zeit nimmt für Tiefsinnigkeit und ausführliche Dialoge zwischen den Personen. Es findet sich viel an Weisheit darin, die dazu einlädt, auch über das eigene Leben und die eigenen Prioritäten genauer ausführlicher nachzudenken.

Dem gedruckten Exemplar würde ich wohl volle fünf Sterne geben. In dieser Audio-Version des Argon-Verlages wurde das Audiobuch aber leider von einem Sprecher eingesprochen, dessen Sprechweise zumindest für mich den Hörgenuss ziemlich geschmälert hat. Insbesondere die diversen weiblichen Figuren werden mit einer Art männlicher Piepsstimme vorgetragen, die mich beim Zuhören sehr genervt hat und die ich als unauthentisch empfunden habe. Dafür in dieser Version einen Stern Abzug und meine Empfehlung an alle am Hörbuch Interessierten, vor dem endgültigen Kauf ausführlich reinzuhören und zu überlegen, ob einem persönlich dieser Sprecher zusagt oder man das Buch lieber in der gedruckten Version genießen möchte.

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Großartiges 4-Generationen-Porträt

Unerwünschte Töchter von Miriam Carbe

Miriam Carbe, geboren 1967, stammt aus einer Linie von intelligenten und selbstreflektierten Frauen, die alle Tagebuch geschrieben haben und von denen deshalb viel an schriftlichen Lebenserinnerungen erhalten ist. Basierend auf diesem Material hat sie einen berührenden, spannenden und auch zeitgeschichtlich äußerst interessanten autofiktionalen Roman geschrieben, der sich beginnend mit ihrer Urgroßmutter Margarethe über ihre Großmutter Marianne und ihre Mutter Monika bis zur Autorin selbst erstreckt.

Erzählt wird weitgehend chronologisch, mit kleinen Einschüben in Form von Kurzkapiteln aus der heutigen Sicht der Autorin, in denen sie darauf eingeht, wie das Geschehene sie geprägt hat, sich bis heute auf sie auswirkt und sich in ihrem jetzigen Leben spiegelt.

Urgroßmutter Margarethe wächst als älteste von mehreren Töchtern in einem großbürgerlichen Haushalt auf, erst spät wird der erwünschte Sohn und Stammhalter geboren. Man lebt in einer Villa, kann sich von Dienstboten bedienen lassen und genießt das gute Leben, doch bald wird das Glück von den Ereignissen der Zeit, insbesondere vom 1. Weltkrieg, überschattet. Weiters gibt es diverse Beschränkungen des Zeitgeistes, ein Verehrer aus ursprünglich jüdischer, aber zum Protestantismus konvertierter Familie, der um Margarethes Hand anhält, wird von ihren Eltern brüsk abgelehnt. Und wo der Platz einer Tochter aus gutem Hause sein soll, ist gesellschaftlich auch ganz klar: unterstützend und liebend an der Seite ihres Ehemannes, die Kinder großziehend, aber auf keinen Fall einen Beruf ausübend. Dabei möchte Margarethe so gerne Kindergartenpädagogin werden und nach einigem Drängen erlauben ihr die Eltern auch die Ausbildung dazu, allerdings soll sie danach nur ehrenamtlich in diesem Bereich tätig sein, alles andere wäre nicht standesgemäß. Schließlich heiratet Margarethe und bekommt Tochter Marianne, doch bald muss ihr Mann und der Vater des Babys fort in den 1. Weltkrieg, aus dem er nicht lebend zurückkehren wird.

Margarethe ist also erst einmal auf sich allein gestellt, die Zeiten sind insgesamt herausfordernde und sie muss ihre durchaus vorhandene Geschäftstüchtigkeit einsetzen, um auch als Witwe den Wohlstand der Familie zu gewährleisten. Bald wird sie neu heiraten, doch der weit weniger geschäftsfähige neue Ehemann wird den sozialen Abstieg der Familie eher beschleunigen. In Zeiten von Weltwirtschaftskrise, hoher Inflation und verbreiteter Arbeitslosigkeit laufen die Massen in den 1930er Jahren in Deutschland bekanntlich in Scharen einem gefährlichen Verführer zu. Auch Tochter Marianne lässt sich von diesem und seinem Gedankengut stark beeinflussen, während Margarethe selbst kritisch und misstrauisch bleibt.

Wieder zu Kriegszeiten, diesmal gegen Ende des 2. Weltkrieges, bringt Marianne Tochter Monika auf die Welt. Der Vater, ein Jurist und Offizier im Dienste des Regimes, ist in den letzten Kriegstagen gefallen, und wieder muss eine Mutter ihre Tochter alleine aufziehen. Monika wiederum wächst in der langen Friedenszeit nach dem Ende des Krieges auf, ursprünglich in Ost- und dann in Westdeutschland, ist sehr intelligent, aber hat mit vielfältigen psychischen Problemen und einem niedrigen Selbstwert zu kämpfen. Sie ist es, die letztlich die Mutter der Autorin sein wird, heftig gegen bestehende Familiennormen rebelliert und gegen den Druck ihrer Mutter, die eine Abtreibung von ihr verlangt, die kleine Miriam, Tochter eines nigerianischen Vaters, der im Rahmen eines Entwicklungshilfeprogrammes als Student in Deutschland ist, auf die Welt bringt. Diese Miriam ist es, die uns die Geschichte erzählt, die Aufzeichnungen, Erzählungen und Erinnerungen ihrer Familiengeschichte aufgearbeitet, strukturiert und daraus diesen spannenden Roman gemacht hat. Über ihr Leben selbst erfahren wir aber nur am Rande etwas, im Zentrum der detaillierten Geschichten stehen klar die drei Vorfahrinnen.

Es ist ein Buch, das mit seinem Umfang von knapp 600 Seiten, dem langen Zeitraum, über den es sich erstreckt und der Detailgenauigkeit durchaus einiges an Lesezeit und Konzentration braucht. Ganz am Anfang hat es ein bisschen gedauert, bis mich die Geschichte wirklich gepackt hat, da mir insbesondere die Kindheit Margarethes etwas zu detailreich erzählt für meinen Geschmack vorkam. Das betraf aber wirklich nur die ersten paar dutzend Seiten, denn danach hat aber die sehr interessante Handlung an Fahrt aufgenommen und ich habe das Buch sehr gerne gelesen, habe mit den differenziert gezeichneten Figuren sehr mitgefühlt, mich für ihr weiteres Schicksal interessiert und mit viel Freude und Interesse bis zum Ende weitergelesen.

Auch die zeitgeschichtlichen Entwicklungen sind so fundiert beschrieben und dabei gleichzeitig interessant und figurennah erzählt, dass bestimmt viele Leserinnen und Leser - auch ich - so einiges aus den Erzählungen unserer eigenen Familiengeschichten wiedererkennen und gleichzeitig noch ein tiefer gehendes Verständnis für die Geschichte des vergangenen Jahrhunderts entwickeln können. Ein weiteres zentrales Thema dieses Buches sind natürlich die diversen Mutter-Tochter-, aber auch Oma-Enkelin- bzw. sogar Uroma-Urenkelin-Beziehungen, die ebenfalls differenziert und psychologisch plausibel in ihrer Bandbreite und Entwicklung dargestellt sind.

Damit handelt es sich insgesamt um ein literarisch hochwertiges, sehr interessant erzähltes, spannendes Buch, das ich einer breiten Leserinnenschaft und jedenfalls allen, die sich für Familiengeschichten und/oder für Zeitgeschichte interessieren, sehr empfehlen kann!

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Eine Frau flieht in ihren Intellekt

Orion von Petra Morsbach

Dieses Buch zu rezensieren fällt mir nicht leicht. Das hat wohl damit zu tun, dass es sich um ein komplexes, anspruchsvolles Werk handelt, das sich auch nicht unbedingt einheitlich liest. Auf den ersten etwa 200 Seiten hatte ich ein recht angenehmes Leseerlebnis: wir folgen der jungen Nora durch die Stationen ihres Lebens, angefangen in ihrer Kindheit, in der die ersten Grundsteine ihrer Liebe zu den literarischen Klassikern gelegt werden, über die Zeit als junge Lehramtsstudentin für Deutsch und Geschichte, die nebenbei in einem Archiv arbeitet, über erste Annäherungen zwischen ihr und ihrem auch dort arbeitenden promovierten Vorgesetzten Theseus, bis zur Zeit nach dem Studium, als sie als Lehrerin arbeitet, Theseus heiratet und einen Sohn bekommt.

Ein "normales" Leben einer deutschen Frau aus der gebildeten Mittelschicht also.

Danach folgten etwa 100 Seiten, die für mich deutlich uninteressanter waren, weil sie sich in unzähligen kurzen Ausschnitten aus Lebensgeschichten verschiedener Figuren verlieren, denen Nora auf einer Bank einer Kuranstalt begegnet und die ihr, analog zu den Büchern die ihr Leben begleiten, kurz mehr oder weniger spannende Episoden aus dem eigenen Leben erzählen. Diese Menschen vergleicht sie mit den Büchern, die sie liest:

„Bei der fünften Kehre bog er nach links ab zum Haupthaus ohne einen weiteren Blick zur Bank. Trotzdem, Ebner, schön, dass du da warst, dachte ich. Schon der Umschlag dieses Buches hat mich inspiriert. Vielen Dank.“ (S. 265)

Gegen Ende wurde das Buch wieder interessanter für mich, als es wieder mehr um Nora selbst und ihr Leben ging.

Dabei ist aber die Frage, ob es dem Buch überhaupt anzulasten ist, dass dieser Zwischenteil für mich nicht so spannend zu lesen war. Das, was mich am meisten daran gestört hat, nämlich, dass mir all die geschilderten Figuren emotional überhaupt nicht nahegegangen sind, hat nämlich sehr viel mit der Persönlichkeit unserer Hauptperson Nora zu tun.

Nora ist eine zutiefst Intellektuelle, die es vor allem zur klassischen Literatur hinzieht. Zwar vergleicht sie diese ein bisschen mit ihrem Leben (weit weniger, als die Buchbeschreibung mich vermuten hätte lassen - ein weiterer Kritikpunkt), doch scheint es so, als ob ihr Klassiker umso lieber seien, je weiter diese zeitlich und inhaltlich von einem heutigen Leben in Mitteleuropa entfernt seien. Nicht nur kommt zeitgenössische Literatur, in der sich viele Perlen der Weisheit finden lassen könnten, so gut wie überhaupt nicht vor, auch bei den älteren Werken gehören die der Bronte-Schwestern noch zu den neueren Büchern, mit denen sich Nora neben hauptsächlich antiken philosophischen und literarischen Werken der alten Griechen, etwa Homers Odysseus, auseinandersetzt.

Diese Frau flieht also regelrecht emotional vor ihrem eigenen Leben in eine weit entfernte Vergangenheit und in die Intellektualität. Dazu passt auch ihre sonstige Herangehensweise an ihr eigenes Leben: sie wählt sich einen Partner, der ihr in dieser Hinsicht sehr ähnlich ist, und führt mit ihm eine distanzierte Ehe. Selbst die Beziehungspflege zu ihren eigenen Eltern (zu den Schwiegereltern sowieso) überlässt sie Mann und Sohn. Und erfährt sie in ihrer Tätigkeit als Lehrerin von Skandalen etwa um einen Kollegen, der sich schon lange an junge Schülerinnen ranmacht, scheint auch das sie eher intellektuell-forschend zu interessieren als emotional wirklich zu berühren, zumindest war das mein Leseeindruck. Eine andere als die rein intellektuelle Ebene kennt sie nur kaum und es kommt ihr nicht in den Sinn, zu hinterfragen, ob ihr vielleicht im emotionalen Bereich etwas fehlen könnte in ihrer Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen:

„Es hatte eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet Tobi und Enni, die meinem pädagogischen Eifer am stärksten ausgesetzt gewesen waren, mein Bildungsangebot so komplett verworfen hatten. Was hatte ich falsch gemacht? Falls ich nichts falsch gemacht hatte, folgte daraus, dass Bildung für die meisten Menschen viel weniger attraktiv war als für mich.“ (S. 344)

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass die Alltagsflucht dieser Protagonistin noch größer wird, als sie mit einer existenziell bedrohlichen Nierenerkrankung konfrontiert ist, dialysepflichtig wird, auf Rehabilitation fährt und dort eben auf besagter Parkbank sich die Geschichten irgendwelcher Menschen anhört. Die Geschichten berühren mich beim Lesen nicht, vielleicht als Spiegelung davon, dass auch diese Frau sich von nichts so wirklich berühren lassen will, zu groß muss wohl ihre Angst vor tiefgründigen Emotionen sein. Auch Entscheidungen in Bezug auf das Eingehen einer Partnerschaft trifft sie aus intellektuellen Überlegungen heraus:

„Das ist offenbar der Ernst des Lebens, dachte ich. Nein, ich dachte: das ist die Wucht der Existenz. Bisher war alles glänzend verlaufen: gefördert, gut ausgebildet, sinnvolle Arbeit, nette Kollegen. Irgendwie hatte ich angenommen, dass es allen so gehen würde, und merkte nun, dass Lehrer auch an diesem privilegierten Ort schlechte Ehen führten oder dem Alkohol verfielen und dass, noch schlimmer, Schüler nicht nur empfindlich und explosiv, sondern verzweifelt und gefährdet sein konnten; dass also, kurz gesagt, das Leben vertrackt war und Probleme bereitete, die nur mit großer Anstrengung zu lösen seien und dass man sie vermutlich leichter aushalten würde, wenn man nicht allein wäre.“ (S. 46)

Damit ist es zwar kein durchgängig leicht zu lesendes Werk, aber ein psychologisch hochspannendes Psychogramm einer Frau, die ihr ganzes Leben damit verbringt, andere Menschen auf Distanz zu sich zu halten und sich auch vor sich selbst und der Konfrontation mit emotional existenziellen Themen in möglichst abstrakte Intellektualität zu flüchten. Dabei ist sie durchaus eine interessante Frau mit spannenden Gedanken, die immer wieder doch vergnüglich zu lesen sind und nachdenklich machen, wie sich zum Beispiel hier zeigt, als sie anlässlich einer Klassenfahrt darüber nachdenkt, was wohl von ihren Erläuterungen bei ihren Schülerinnen und Schülern ankommt:

„Nichts bedeuteten ihnen die Begriffe „Aufklärung“ und „Säkularisation“. Ich nahm das gelassen. Dichtung verstehen sie schon in diesem Alter, denn Subjektivität, Gefühl und Fantasie erleben sie direkt; es scheint eine natürliche poetische Erregbarkeit zu geben, die leider selten die Jugend überlebt. Geschichte dagegen ist ein Fach für Erwachsene. Objektivität, Distanz, Übersicht erwirbt man, wenn überhaupt, erst jenseits des Abiturs. Ich hörte die Kids also im Bus hinter mir lärmen und rechnete mit einer mühseligen Partie.“ (S. 314)

Insgesamt ist es also ein höchst lehrreiches Werk darüber, was sich zwar einerseits auf intellektueller Ebene durch klassische Bildung gewinnen lässt, wie einseitig aber andererseits eine rein intellektuell ausgerichtete Bildung die Persönlichkeit prägen kann, wenn diese nicht gleichzeitig von einer Entwicklung emotionaler und sozialer Kompetenzen im ähnlichen Ausmaß begleitet wird.

Damit ist das Buch ein kluger Spiegel der Unzulänglichkeiten, mit denen ein klassisch geprägtes Bildungssystem bis heute in vielen Bereichen zu kämpfen hat und das dann Gefahr läuft, Akademikerinnen und Akademiker zu produzieren, die sich zwar für hochgebildet und intellektuell halten, aber kaum in Kontakt mit dem eigenen Herzen sind und denen es an ganzheitlicher Persönlichkeitsentwicklung fehlt.

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Sehr atmosphärisches Buch über eine tragische Liebesgeschichte

Meine Berge bist du von Francesco Vidotto

"Meine Berge bist du" von Francesco Vidotto ist eine sehr atmosphärisch erzählte, tragische Liebesgeschichte in den italienischen Dolomiten, die mich sprachlich und emotional sofort in ihren Bann gezogen hat. In der Gegenwart besucht der Ich-Erzähler Francesco immer wieder einen alten Mann aus seinem Heimatdorf, der die Briefe aufgehoben hat, die vor langer Zeit ein Onesto an die Berge geschrieben hat.

Es geht darin um seine tragische Liebe zur schönen Celeste, in die aber auch sein geliebter Zwillingsbruder Santo verliebt war und dem er diesbezüglich den Vortritt gelassen hat. Geboren wurden die beiden Brüder zur Zeit des ersten Weltkrieges, sind alleine bei der verwitweten Mutter aufgewachsen und haben den Vater nie kennen gelernt. Auch der zweite Weltkrieg wird ihr Leben prägen, so wie noch einige andere tragische Ereignisse.

Das Buch lebt von den Begegnungen der Menschen, oft ohne viele Worte, eingebettet in eine wunderschöne Berglandschaft, die sinnesnah beschrieben wird. Die Erzählweise passt zur geschilderten Umgebung, man wähnt sich beim Lesen selbst dort und kann tief in die Atmosphäre eintauchen: "Meter um Meter füllte sich der Himmel mit silbernen Strichen. Die leichten Tropfen bespielten die hölzernen und blechernen Dächer und Gauben, zuerst die weiter entfernten, dann die in der Nähe, in einem friedlichen Trommeln. Das Grün der Kiefern wurde dunkel, der Duft des Waldes intensiver. Zusammen mit dem einförmigen Klang stellte sich die Melancholie ein, die den Geist im Herbst befällt, wenn der Kreis des Lebens sich sanft schließt, um sich kurz darauf wieder zu öffnen." (S. 68 im E-Book)

Es ist ein ruhig erzähltes Buch und doch voll der tragischen Ereignisse in den Leben von Onesto, Santo und Celeste. Besonders ist die Perspektive der Briefe an die Berge, in denen auch die besondere Perspektive auf die Natur und eine tiefe Liebe zu ihr spürbar werden.

Außerdem möchte ich aber auch darauf aufmerksam machen, dass es einige sehr drastische Schilderungen von Gewalt an Tieren und Menschen in diesem Buch gibt, auf die mitfühlende Leserinnen und Leser vorbereitet sein sollten und die empathischen Menschen im Herzen weh tun können.

Abgesehen davon ist es aber ein großartiges, atmosphärisches und emotional lange nachhallendes Buch, das ich allen, die sich für Naturbeschreibungen und tragische Liebesgeschichten interessieren, sehr empfehlen kann.

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Schwul sein, wo es nicht erlaubt ist

John of John von Douglas Stuart

Es sind die 1990er Jahre, als der 22-jährige Cal nach seinem Kunststudium in der Großstadt und erfolgloser Jobsuche, pleite und obdachlos, aufgrund eines Anrufes seines Vaters, dass die älter werdende Großmutter Unterstützung brauche, in seine Heimat auf die schottische Hebrideninsel Harris zurückkehrt.

Auf Harris ist die Familie in eine sehr strenggläubige christliche Gemeinde eingebunden, Vater John hat dort eine wichtige Rolle inne und auch von Cal wird erwartet, sich in der Gemeinde einzubringen und sich vor allem ihren unerbittlichen Regeln insbesondere in Bezug auf Sexualität und Sexualmoral zu unterwerfen.

Abweichendes Verhalten ist nicht vorgesehen und wird verdammt, und besonders verdammenswert sind für diese Gemeinde jene, die „bei einem Mann liegen wie bei einer Frau“, denn das sei, in Bezug auf einzelne Bibelstellen, die für diese Gemeinde sehr viel Bedeutung haben, „dem Herren ein Gräuel“.

Nun, das ist ein großes Problem für Cal, denn Cal ist schwul und das darf hier auf Harris erst einmal keiner wissen, schon gar nicht sein strenger Vater:

„In der Vordertasche steckte eine kostenlose Schwulenzeitschrift – keine Ahnung, warum er sie noch hatte – doch, als er sich nach einem Mülleimer umsah, bekam er Angst, dass der Wind sie aufwirbeln und über die Insel wehen könnte. Er faltete die Zeitung klein und schob sie ins Futter seines Rucksacks, weil er zu dem Schluss kam, dass es sicherer wäre, sie später zu Hause zu verbrennen. Am Ende stopfte er seine schmutzige Wäsche in den Rucksack und krönte das Ganze stolz mit der alten Bibel seiner Mutter.“ (S. 25)

Die Jahre des Studiums fernab der Insel waren eine Zeit der Freiheit und Selbsterkundung für ihn, doch wie soll Cal nun damit umgehen, dass er nun einmal ist, wie er ist, und auch gerne entsprechend leben würde (aber wie einen schwulen Partner finden auf einer Insel, auf der sich kaum jemand dazu zu bekennen traut?).

Außerdem hat Cal eine herausfordernde Beziehung zu seinem Vater John, der ihn zwar auf eine konservativ-verquere Art zu lieben meint, seine künstlerischen Talente sieht und wertschätzt, aber große Angst davor hat, der Sohn könnte mit seinem abweichenden Äußeren und Verhalten zu negativ auffallen und deshalb mit unerbittlicher Strenge gegen jedes abweichende Verhalten des Sohnes vorgeht:

„John hatte einen Jungen, der mit einer Gabe gesegnet war, und das Beste daran war, er hatte eine Gabe für alles, was mit Stoff zu tun hatte, was John das Gefühl gab, sein eigenes Leben wäre keine Verschwendung gewesen. Aber Dundee, Glasgow und Edinburgh stießen bei ihm auf Widerstand. Als Presbyterianer hatte John Macleod zwar eine Hochachtung vor Bildung, aber das College-Leben barg so viel Unbekanntes, und Kunsthochschulen hatten ein Image, das bei ihm moralische Panik auslöste.“ (S. 51)

„Geh nicht zum Inn“, John klopfte auf den Tisch, um Cal zur Aufmerksamkeit zu rufen. „Ich will, dass du mit uns betest. Du bist auf Abwege geraten.“ (S. 79)

Wenn Cal sich den unerbittlichen religiösen Regeln nicht genug unterwirft, beispielsweise, indem er sich nicht so kleidet und die Haare schneidet, wie es von einem „richtigen Mann“ in dieser Gemeinde erwartet wird, kommt es auch schon mal zu brutaler Gewalt des Vaters gegenüber dem erwachsenen Sohn, die letzterer erst einmal unterwürfig über sich ergehen lässt, allerdings später heimlich rebelliert.

Es ist eine tragische Vater-Sohn-Beziehung, die im Zentrum dieses Romans steht. So viel Entfremdung und Gewalt bei zwei Menschen, die sich eigentlich nahestehen könnten und sich auf irgendeine Weise auch lieben.

Aber das ist bei weitem nicht die einzige tragische Beziehung in diesem Roman. Denn, wie wir bald erfahren, ist auch John selbst im Geheimen homosexuell und führt seit langem eine vor allen verborgene Beziehung mit seinem Geliebten Innes, während er nach außen hin den sittenstrengen Vater und glaubensstarken Mann gibt:

„Damals hatte John sich regelmäßig davongestohlen, und für Innes war es ein Fest. Sie unternahmen mit den Hunden unnötig lange Wanderungen, bis sie irgendwo in den Bergen eine Senke fanden, eine trockene Stelle, wo sie vor den Augen der Nachbarn verborgen waren. Die Landschaft war so karg, dass es nicht leicht war, ein Versteck zu finden, aber über die Jahre hatten sie die Orte im Kopf kartiert, an denen sie zusammen sein konnten, und sie erkannten sie an den Blumen, die dort wuchsen, oder an der Felsformation, unter der sie verborgen waren.“ (S. 238)

Im Zentrum der Geschichte stehen also klar diese drei Männer: Cal, John und Innes, doch auch einige sehr interessante Frauen kommen vor und haben durchaus wichtige Rollen in diesem Roman: da ist die nach außen hin duldsame und anpassungsfähige, doch innerlich doch so mutige und clevere Großmutter Ella, Schwiegermutter von John und Oma von Cal, die sich entschieden hat, mit ihrem Schwiegersohn und Enkel zu leben, als ihre Tochter Grace die Familie verlassen hat.

Grace, die in einiger Entfernung mit einem anderen Mann weitere Kinder bekommen hat und vor allen als die böse Ehebrecherin dasteht, die ihren kleinen Sohn zurückgelassen hat, doch ist es wirklich so leicht? Oder auch Isla, eine Jugendfreundin von Cal, blitzgescheit und mit viel Potential, und doch auch selbst mit den Einschränkungen und Rollenbildern der Insel ihre Schwierigkeiten habend.

Das Buch liest sich durchaus angenehm, flüssig und unterhaltsam, die Handlung ist sehr dialoggetrieben, es wird viel miteinander gesprochen und doch oft so wenig wirklich gesagt.

Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Entfremdung darzustellen, die sich in zwischenmenschliche Beziehungen einschleichen muss, wenn konservative moralische Normen so rigide und verurteilend sind, dass es nicht mehr möglich ist, so zu leben und sich zu zeigen, wie es der eigenen Identität und dem eigenen Empfinden entspricht.

Dadurch ist es ein aufrüttelndes Buch, das Empathie insbesondere mit queeren Menschen fördert, aber auch mit sonst allen, die nicht in die starren Raster sehr konservativ verstandener Religiosität passen.

Der Autor Douglas Stuart ist selbst mit einem Mann verheiratet und alle seine bisher veröffentlichten Bücher scheinen mit dem Thema Homosexualität zu tun zu haben. Man merkt, dass er weiß, wovon er schreibt. Auch handwerklich ist es ein sehr gutes Buch und atmosphärisch bekommt man viel vom Leben in den 1990ern Jahren auf den Hebriden-Inseln mit, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander in diesem Umfeld sind tiefgründig, vielschichtig und authentisch dargestellt.

Für mich war es das erste Buch dieses Autors, doch nun bin ich neugierig auf seine anderen Bücher geworden, denn es gefällt mir sehr, wie authentisch, vielschichtig und empathisch er auch Lesenden, für die das Thema vielleicht nicht so nahe an der eigenen Lebenswelt ist, einen literarischen Zugang dazu schafft. Empfehlen kann ich es allen, die sich für ein oft auch traurig machendes, aber dabei tiefgründiges und auf jeden Fall sehr nachdenklich stimmendes Buch zu den Themen Homosexualität, Identität, Vater-Sohn-Beziehung und Zu-sich-selbst-stehen interessieren.

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Mutiges Debüt mit wichtiger Botschaft

Weltenwechsel von Marion Kraft

"Weltenwechsel" ist das Debüt der afrodeutschen Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft, das sie mit 79 Jahren veröffentlicht hat und autobiografische Anteile hat. Allein diese Tatsachen verdienen Respekt.

In der autofiktionalen Erzählung geht es um drei starke Frauen einer ungewöhnlichen Familie: die Großmutter Berta, die sich nach dem Krieg entschlossen von ihrem mit den Nazis sympathisierenden Ehemann trennt und mutig ihre Tochter unterstützt.

Tochter Margarete, die sich direkt nach dem 2. Weltkrieg in einen dunkelhäutigen amerikanischen GI verliebt und mit ihm die kleine Julia bekommt. Und schließlich Julia, Enkelin von Berta und Tochter von Margarete und Robert, die es als Kind mit etwas dunklerer Hautfarbe im rassistischen Nachkriegsdeutschland gar nicht leicht mit dem Aufwachsen hat.

Es ist eine berührende Geschichte, die hier erzählt wird, und ein wenig bekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte, also insofern ein sehr wichtiges Buch. Die Erzählweise habe ich als eher distanziert wahrgenommen, sodass ich mich den meisten Figuren nicht sehr nahe gefühlt habe und sie auch literarisch nicht ausführlich charakterisiert gefunden haben.

Das Buch lebt weniger von der Tiefencharakteristik der Figuren als von der insgesamt interessanten Geschichte, in der viele Ereignisse und Begegnungen erzählt werden. Persönlich habe ich tiefen Respekt vor dem Lebenslauf der Autorin und vor ihrem Debüt. Die Botschaft, die für Rassismus sensibilisiert, ist ebenfalls eine sehr wichtige. Literarisch ist eventuell das eine oder andere noch ein bisschen ausbaubar.

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Unterhaltsam und wissenschaftlich fundiert

Im Schein von Gold und Feuer von Eleanor Barraclough

Ein Hörbuch, das es schafft, über fast 12 Stunden Audiozeit durchgehend spannend und unterhaltsam zu sein - das ist schon etwas Seltenes und ganz Besonderes. "Im Schein von Gold und Feuer" schafft dieses Kunststück, denn es handelt sich um ein Buch, das von der Autorin Eleanor Barraclough äußerst unterhaltsam und zugleich fundiert, differenziert, tiefgründig und auf historischen Quellen basierend verfasst wurde und von der sehr sympathischen und talentierten Sprecherin Sandra Voss sehr nuanciert, abwechslungsreich und höchst empathisch vorgetragen wird: ein wahrer Genuss, bei dem man gleichzeitig noch viel über die Wikingerzeit lernt!

Mein Bild von den mutigen, unerschrockenen, kämpferischen Menschen aus dem Norden, die auf ihren Schiffen loszogen, um fremde Gebiete zu erobern, wurde durch dieses Hörbuch stark erweitert und differenziert.

Besonders gut gefallen hat mir, dass das Hörbuch nicht nur einseitig die kämpfenden Männer porträtiert, sondern es geht auch sehr viel um die gesamte Bevölkerung aus dem Norden (und aus den Ländern, auf die sie Einfluss hatten): auch um gebärende Frauen, Kinder, alte Menschen, Gefangene und Versklavte, Kranke,... und auch um die allgemeinen Herausforderungen, die kalten Winter in die Heimat oder auch die Gefahren in den neu eroberten Gebieten zu überstehen.

Sehr interessant ist auch die Einteilung der Kapitel: es geht beispielsweise um Themen wie "Liebe", "Körper", "Glaube", "Spielen", Zuhause" oder "Unfreiheit" und ihre vielen Facetten in der Wikingerzeit. Dabei habe ich viele interessante Details gelernt: etwa über die altnordische Mythologie, die auch Jahrhunderte nach der offiziellen Bekehrung zum Christentum in vielem noch sichtbar ist, über die Bedeutung des Spielens auch schon vor vielen Jahrhunderten, über alte Lieder und Sagen, Liebe und Enttäuschung, und über einen unerschütterlichen Überlebenswillen.

Auch in Bezug auf seine historische und wissenschaftliche Qualität wirkt das Hörbuch auf mich sehr hochwertig: es wird immer wieder hinterfragt, was wir aus welchen erhaltenen Quellen plausibel und mit einiger Wahrscheinlichkeit schließen können, wo wir höchstens vage Vermutungen anstellen können und welche Bereiche eher im Dunkeln bleiben, weil hier zu wenig erhalten bleibt. Auch die Außensichten auf die Wikinger von Seiten christlicher oder islamischer Reisender werden durchaus kritisch hinterfragt.

In Summe ist es ein höchst unterhaltsames und interessantes Hörbuch, bei dem ich auf spielerische Weise wie nebenbei sehr viel gelernt habe und das ich allen an Geschichte interessierten Menschen nur wärmstens empfehlen kann!

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Von den Schatten der Vergangenheit

Unterwasserblau von Petra Hucke

Mit ihrer Schwiegerfamilie fühlt Jessica sich so richtig wohl. Was für eine nette Familie das ist, was für ein freundlicher, unbeschwerter, regelmäßiger Umgang miteinander, nette Gespräche unter den Erwachsenen, fröhlich spielende Kinder drumherum, so eine Idylle! Wie schön, dass sie diese Schwiegerfamilie schon so lange in ihrem Leben hat, denn ihre eigene Herkunftsfamilie ist von Distanz, gegenseitigen Anschuldigungen, Entfremdungen und alten Traumata geprägt.

Vordergründig zelebriert Jessi auch mit ihrem Partner Ingwer die vielen schönen Jahre und glücklichen gemeinsamen Momente in ihrer Beziehung - tatsächlich hat sie aber, wie man schon früh erfährt, eine Affäre mit einem ihrer Schwager.

Nein, eine wirkliche Sympathieträgerin ist Jessi nicht, auch wenn man aufgrund ihrer schwierigen Herkunftsverhältnisse und dem frühen Tod ihrer Zwillingsschwester, der ihr Leben überschattet, durchaus mit ihr mitfühlen kann. In einem leichten, lockeren und schnell lesbaren Stil thematisiert das Buch, welche Schatten die Erfahrungen in der Kindheit auch im Erwachsenenalter auf unsere Persönlichkeit und unsere Beziehungen werfen können, und wie manche Menschen damit umgehen.

Es ist eher ein unterhaltendes als ein literarisch tiefgründiges Werk und somit sind die Figuren zwar durchaus interessant, aber nicht sonderlich tiefgründig komplex gestaltet. Ein Buch, das man schnell gelesen hat und das doch auch ein bisschen zum Nachdenken anregt.

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Für eine Sicht auf die DDR und ihre Menschen

Ausradiert? von Carsten Gansel

In den letzten Jahren sind angesichts diverser Jubiläen und aktueller politischer Entwicklungen viele Bücher und Artikel erschienen, die sich auf die eine oder andere Weise mit der ehemaligen DDR und den dazugehörigen "neuen" deutschen Bundesländern sowie den dort lebenden Menschen befassen.

Davon habe ich schon einige gelesen, manche zugänglicher, andere für Außenstehende schwieriger zu erschließen, manche aus einer Innensicht, andere mit einem Blick von außen.

Selten habe ich aber von einem Sachbuch so viel über die ehemalige DDR und die Zeit danach gelernt und vor allem durch die Lektüre so viel Empathie für die Herausforderungen und das Nicht-Gesehen-Werden der Menschen aus dieser Region entwickeln können, wie durch dieses Werk des in Ostdeutschland geborenen und aufgewachsenen Literaturwissenschaftlers und Hochschullehrers Carsten Gansel, der beide Teile des heutigen Deutschlands gut kennt und versteht.

Man könnte anhand des Titels meinen, es ginge in diesem Buch ausschließlich um die vergessene und zum Teil tatsächlich auf Mülldeponien achtlos oder sogar bewusst vernichtete in der DDR entstandene Literatur. Und ja, um diese geht es natürlich auch. Der Autor stellt uns unzählige interessante Werke aus dieser Zeit vor, beschreibt die Situation der Literaturschaffenden zwischen Anpassung, Beschreibung ihrer Lebenswelten und Kritik und sensibilisiert für die Vielfalt der in vier Jahrzehnten DDR entstandenen literarischen Werke, von denen viele einen näheren Blick wert sind, um Kunst, Kultur und Leben der Menschen in dieser Zeit und deren Auswirkungen bis heute besser zu verstehen.

Doch die Botschaft, die ich aus diesem Buch mitnehme, geht weit über die Beschreibung der Literatur heraus: es ist ein Entsetzen, das ich (als Österreicherin mit einem mitfühlenden Blick von außen) spüre, wenn ich davon erfahre, wie sehr die im ehemaligen Ostdeutschland aufgewachsenen und sozialisierten Menschen sowie ihre Kunst, Kultur und Lebenserfahrungen im Zuge der Wende und auch danach, immer wieder und bis heute, marginalisiert und entwertet werden, als gäbe es absolut nichts Wertvolles, das sie in dieser Zeit geleistet oder entwickelt hätten und als wäre es nur gut und richtig, wenn jegliche Kultur und Kunst aus der DDR-Zeit vergessen würde und komplett in der Kultur der ehemaligen BRD aufgehen würde. So wenig Interesse besteht und bestand oft von Seiten des ehemaligen "Westens" für reale Lebenserfahrungen der Menschen aus der ehemaligen DDR, aus denen doch ebenfalls Weisheit gewonnen werden kann!

Da verwundert es nicht, wenn manche von ihnen sich bis heute nicht zugehörig oder stark abgewertet fühlen, und, auch aufgrund eigener Erfahrungen, für undemokratische Entwicklungen, die es auch heute gibt, sensibilisiert sind.

Wie der Autor gegen Ende des Buches treffend schreibt und damit die besonderen Kompetenzen vieler dieser Menschen sieht und würdigt: "Eine Demokratie benötigt Kritiker, Nein-Sager, Aufstörer, die die als alternativlos gezeichneten Botschaften hinterfragen, ja in Frage stellen. Gefährdungen einer Demokratie vermögen daher besonders jene zu erkennen, die den schleichenden Prozess der "Zerwicklung" einer Gesellschaft am eigenen Leibe erlebt haben. Auf den Punkt gebracht: Man kann und sollte der beständigen Rede von den Ostdeutschen als defizitären Wesen endlich einmal eine andere Erzählung entgegenstellen - nämlich jene von den Ostdeutschen, die durch ihre Erfahrungen in der DDR und im Transformationsprozess gefeit sind gegen allzu übertriebene Versprechungen und Ideologien, die realistisch die Wirklichkeit beobachten und daher sensibel erkennen können, wann demokratische Rechte in Gefahr sind (...) Insofern vermögen die Ostdeutschen als Seismographen der Demokratie zu funktionieren. Man muss sich nur die Mühe machen, einen Blickwechsel vorzunehmen, und ihren Sichtweisen ernsthaft auf den Grund gehen." (S. 364)

Vielen Dank dem Autor für ein empathieförderndes, erhellendes, aufklärendes Werk und dem Reclam Verlag für die Bereitschaft und den Mut, es herauszubringen! Ich kann es einer breiten Leserschaft in ganz Deutschland sowie darüber hinaus Interessierten aus anderen Ländern aus ganzem Herzen empfehlen!

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