Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Sehr therapeutisch und wissenschaftlich, nur ein paar persönliche Übungen am Ende
Bin ich einsam? von Barbara Steinhilber
Wenn ich ein Buch mit dem Titel "Bin ich einsam? Die eigene Einsamkeit erforschen und sich wieder verbinden" sehe, dann würde ich auf den ersten Eindruck erwarten, dass es sich um ein sehr persönliches Arbeitsbuch handelt und es im Großteil des Buches um meine eigene Einsamkeit als Leserin geht.
So ist es schließlich angekündigt. Auch der Text auf der Rückseite lässt auf so ein Buch schließen.
Tatsächlich handelt es sich aber um etwas anderes: einen großen Teil des Buches nimmt die biographische Geschichte der Patientin "Anna" ein. Wir erfahren ganz viel über Annas Leben und Einsamkeitserfahrungen: von der frühen Kindheit über die Schulzeit, Jugend, das erste Verliebtsein, die Beziehung mit einem Mann, Mutterschaft und später ihre Weiterentwicklung in einer Therapie.
Ergänzend dazu werden verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung von Einsamkeit vorgestellt: von psychoanalytischen Theorien über die Bindungsforschung und evolutionäre Blickwinkel bis zur Vererbung. Durchaus unterhaltsam lässt die Autorin dabei an mehreren Stellen im Buch Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen Perspektiven miteinander zu dem Thema diskutieren, etwa Charles Darwin, Sigmund Freud, eine Yogalehrerin, eine Unternehmensberaterin und weitere Personen. Hier werden humorvoll, kurzweilig und prägnant die verschiedenen Sichtweisen deutlich.
Schließlich werden noch praktische Ansätze zur therapeutischen Arbeit zum Thema Einsamkeit vorgestellt: eine Therapiegruppe und therapeutisches Schreiben.
Von all dem kann man sich durchaus für die Erforschung der persönlichen Einsamkeit etwas mitnehmen, wenn man in der Lage ist, die allgemeinen Ansätze auf die eigene Situation umzulegen. Konkrete Übungen zur Erforschung der eigenen Einsamkeit finden sich auch noch einige, und zwar auf den Seiten 190 bis 193, ganz am Ende des Buches.
Ich persönlich hätte mir aufgrund der Art, wie das Buch sich nach außen präsentiert, eine viel stärkere Einbindung der Einladung zur persönlichen Reflexion samt Übungen gewünscht, die sich durch das ganze Buch ziehen würde, nicht nur eine kurze Übungsliste ganz am Ende.
So kann ich dieses durchaus interessante und wissenschaftlich fundierte Buch jenen mit Vorkenntnissen in diesem Bereich sehr empfehlen, also Psychologinnen, Therapeuten und anderen professionell Tätigen aus dem psychosozialen Bereich. Für diese ist es eine sehr gute Arbeitsgrundlage und gibt auch gute Ideen für die eigene therapeutische Arbeit mit Einzelnen und Gruppen in diesem Bereich.
Für interessierte Laien könnte es hingegen stellenweise zu theoretisch sein. Wer ein Buch mit vielen persönlichen Übungen und Reflexionsfragen für die individuelle Analyse des eigenen Lebens sucht, wird womöglich nicht ganz glücklich damit werden.
Von Herzen danke - ich fühle mich endlich gesehen und verstanden!
Stolz und Zweifel. Eine Verteidigung der Mutterschaft von Marlen Hobrack
Endlich, endlich, endlich existiert das Buch, von dem ich mir schon seit Jahren, seit ich selbst Mutter geworden bin, gewünscht habe, es zu finden! Denn seit ich meine Tochter auf die Welt gebracht habe, habe ich mich so oft nicht gesehen und nicht verstanden gefühlt, so als wäre ich politisch und intellektuell plötzlich heimatlos geworden.
Denn in Bezug auf die komplexe Herausforderung zwischen der unglaublichen Transformation, die die Mutterschaft mit sich bringt, und allem, was mich sonst noch ausmacht, habe ich mich weder von den vielen, oft gefeiert kinderfreien Feministinnen, die auf Social Media so laut sind, noch von konservativer Seite, die so viel von dem, was mich insgesamt ausmacht, nicht sehen will, wirklich verstanden gefühlt:
"Es gibt keine Möglichkeit, Mutter zu werden und neurologisch wie psychologisch dieselbe zu bleiben. Leider finden wir werden kulturell insgesamt noch in der feministischen Theorie im Speziellen positive Bilder oder überhaupt Bilder und Worte für diese Verwandlung. Die (...) Abwesenheit von Ritualen des Übergangs lässt die Verwandlung in einem luftleeren Raum stattfinden; so muss diese zwangsläufig zu Gefühlen von Verlust und Trauer führen. An die Stelle des Alten tritt zumeist kein Gefühl des Neuen." (S. 151)
Dazu kurz eine Anmerkung von mir: das war vor ein paar Jahren zweifellos so, wie Marlen Hobrack das hier beschreibt. Zum Glück sind aber gerade in der letzten Zeit einige Werke zum Thema "Muttertät", "matrescence" usw. erschienen, die hier zumindest einen Anfang in Richtung Bewusstseinsschaffung machen.
Und doch: so oft habe ich feministische Forderungen gehört, in denen Mutterschaft abgewertet wird, auf jegliche Arbeit im Haushalt und mit den Kindern verächtlich herabgeblickt wird und als einzige Lösung für alle Probleme gebetsmühlenartig "Ausbau der Kinderbetreuung" geschrien wird, am besten Kinderbetreuung von früh bis spät, abends, nachts und am Wochenende, damit das Ideal der ach so unabhängigen Frau sich völlig unabhängig davon verwirklichen kann. Ja, ich treibe es gerade polemisch etwas auf die Spitze, doch ganz so weit von dem, was ich so oft höre, ist es nicht entfernt.
Doch jetzt hat Marlen Hobrack endlich ein Buch herausgebracht, das neue Gedanken enthält und nicht die immer gleichen Thesen wiederholt. Klug und reflektiert verbindet die Autorin ihre eigene Erfahrung als Mutter von drei Kindern mit der intellektuellen Auseinandersetzung mit diversen feministischen Theorien. Sie beschreibt sich selbst als Feministin und grundsätzlich als eher progressiv, stimmt aber nicht in den Chor der Abwertung von Mutterschaft ein:
"Ich betrauere nicht den Verlust traditioneller Rollen, sondern den fehlenden Durchstoß zu neuen. Ich werde in diesem Buch an vielen Stellen das Nullsummenspiel des Feminismus kritisieren, der den Frauen zur Erlangung der Freiheit immer nur Mehrarbeit (in und außerhalb des Hauses) anbieten kann, weswegen die Befreiung von der Mehrarbeit nur durch die Befreiung von den Kindern gelingen kann. Das ist kein guter Feminismus." (S. 68)
Die Autorin zeigt klar auf, über was für einen blinden Fleck weite Teile des heute verbreiteten Feminismus in Bezug auf die Mütter und Kinder verfügen und wie dieser sich historisch entwickelt hat, auch dadurch verstärkt, dass viele der lautesten feministischen Stimmen (Simone de Beauvoir, Alice Schwarzer, Gloria Steinem, bell hooks,...) historisch betrachtet keine Kinder hatten und wollten, oder jedenfalls nicht in einer heterosexuellen Beziehung mit einem Mann.
Damit ist die Perspektive der heterosexuellen, in einer Beziehung mit einem Mann lebenden und gemeinsam Kinder aufziehenden Frau in vielen feministischen Strömungen stark unterrepräsentiert, ebenso wie aber auch die vieler Alleinerzieherinnen und von Müttern in verschiedensten Lebenssituationen insgesamt:
"Die Rede vom Ende der Geschlechterbinarität hat nur über den Ausschluss der Mütter funktioniert." (S. 40)
Am lautesten sind oft die Stimmen der Feministinnen, die ihr Leben unbeeinflusst von Kindern gestalten und aus dieser Erfahrung auch für andere Frauen Lebensentwürfe fordern, die für viele Mütter nicht lebbar sind und sie vor eine unlösbare Zerreißprobe stellen, oder überhaupt keinen Blick für die Bedürfnisse und Wünsche vieler Mütter haben.
Heutige Frauen mit Kindern werden oft von allen Seiten heftig attackiert: von konservativer Seite dafür, wenn sie vermeintlich nicht genug für ihre Kinder da seien, aber auch von vermeintlich progressiv-feministischer Seite dafür, wenn sie vorübergehend weniger oder Teilzeit arbeiten, ihre Karriere und die ach so gepriesene Selbstverwirklichung nicht mehr so vorantreiben und damit selbst schuld seien, wenn sie sich vom Mann abhängig machen würden oder mal kaum Rente bekommen würden. Dabei wird ein systemisches Problem, das daher kommt, dass unsere Sozialversicherungssysteme immer noch auf dem vollzeitarbeitenden Mann als Ideal aufgebaut sind, individualisiert:
"Die vom zeitgenössischen Feminismus verschleierte Wahrheit lautet, dass Mütter inzwischen nicht mehr (oder nicht mehr nur) am Patriarchat leiden, sondern ebenso stark an den Anforderungen, die feministische Politik formuliert." (S. 68)
"Der häufig vorgebrachte Einwand, eine Frau, die längere Zeit die Erwerbstätigkeit unterbricht, "gefährde ihre Rente", ist eine ideologisch manipulierende Aussage: nicht die Frau gefährdet ihre Rente, sondern das Sozialsystem, das Mütter systematisch benachteiligt. Es war und ist ein Skandal, dass diejenigen, die durch die Geburt von Kindern überhaupt das umlagefinanzierte Rentensystem ermöglichen, von diesem fundamental benachteiligt werden." (S. 90)
Kein Wunder, dass immer mehr Bücher erscheinen, deren Autorinnen beklagen, wie mühselig Mutterschaft geworden sei - auch das erwähnt die Autorin mehrfach in ihrem Buch, denn sie hat viele dieser Werke gelesen und rezensiert - und dass immer mehr junge Frauen sich gegen Kinder entscheiden und gleichzeitig konservative Rollenbilder, auf die Spitze getrieben von den Influencerinnen namens Trad-Wives, für manche wieder Sehnsuchtsfantasien darstellen:
"Was bietet die symbolische Mutter, was bietet der Begriff und alle damit verbundenen Imagos der Person, die Mutter wird? Was übersah der Feminismus, als er begann, die Mutter durchzustreichen, sie zu dekonstruieren?" (S. 43)
"Es tut weh, das zu tippen: Aber tatsächlich hat das Widererstarken konservativer Rollenbilder sehr viel mit feministischen Abwertungsprozeduren zu tun, die keine positiven Rollenidentifikationen mehr zulassen." (S. 64)
Grundsätzlich ist es in vielen Teilen ein anspruchsvolles Buch auf hohem intellektuellem und theoretischem Niveau. Aufgelockert wird das immer wieder auf sympathische Art dadurch, wie die Autorin persönlich aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen erzählt: davon, wie sie ganz jung ihren ersten Sohn bekommen hat, alleinerziehend war, aber viel durch ihre Mutter unterstützt wurde, sodass sie trotzdem ihr Abitur machen und studieren konnte. Wie viel Abwertung als ganz junge Mutter sie ertragen musste und wie bezeichnend es für sie war, dass sie für ihren Bachelorabschluss Stolz und Bewunderung bekam, aber nicht für ihre Mutterschaft. Wie sie später mit ihrem Partner dann noch zwei weitere Kinder bekam.
Und wie sie gerade unter ihrer persönlichen Linse der Introvertiertheit und Neurodivergenz in ihrer Familie die Vorzüge der von feministischer Seite oft so kritisierten Kleinfamilie als Schutz und Rückzugsraum, in dem persönliche Authentizität gelebt werden kann, beschreibt:
"Es mag eine Persönlichkeitsfrage sein oder eine Frage der Neurodivergenz, die ja in meiner Familie weitverbreitet ist, aber ich betrachte gerade die Überschaubarkeit und Nähe/Enge der Gemeinschaft als Vorteil der Kernfamilie. Vor meinem Partner und vor meinen Kindern bin ich ich. Ich kann mich nicht dauerhaft vor ihnen verstecken, kann nicht performen, kann mich nicht verstellen. Ich muss es auch gar nicht. Sie akzeptieren mich so, wie ich bin (es bleibt ihnen nichts anderes übrig)... Familie war und ist für mich Sicherheit, Fluchtraum. Sie ist für mich Raum des Authentischen, in dem Intimität gelebt werden kann..." (S. 74)
Auch hier wieder schreit es in mir: ja, ja, ja! So geht es mir auch! Endlich eine, die das so benennt und dazu steht!
In der Vergangenheit hat die im Osten Deutschlands geborene und in einem nicht sehr privilegierten Milieu aufgewachsene Autorin schon weitere Bücher ("Klassenbeste", "Erbgut") auch über das Thema der sozialen Unterschiede und der Klassenfrage geschrieben. Auch in diesem Buch blickt sie scharfsinnig auf das Thema der Klassenunterschiede und des Kapitalismus und weist etwa darauf hin, dass viele prominente Feministinnen aus sehr privilegierten Verhältnissen auf die Welt blicken.
Pointiert zeigt sie auf, dass für eine Frau, die freiberuflich als Feministin Bücher schreibt und damit eine Tätigkeit sehr nah an der eigenen Selbstverwirklichung hat - so wie die meisten prominenten Feministinnen - ganz anders auf die für sie vergleichsweise hohe Eintönigkeit von Kindererziehung und Hausarbeit blickt als eine Arbeiterin in der Fabrik, für die Zeit mit den Kindern daheim eine angenehme Auszeit von der anstrengenden Erwerbsarbeit sein kann, die von Erfüllung weit entfernt ist.
Damit räumt sie auch mit dem Mythos auf, dass die Arbeitswelt so gestaltet sei, dass die meisten Menschen in ihren Jobs sich verwirklichen, Erfüllung finden und Spaß haben würden, viel mehr, als wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbringen würden.
Es ist ein kluges und differenziertes Buch, das viele neue Gedanken aufzeigt, bei denen es nicht darum geht, dass alle von uns jedem einzelnen zu 100 Prozent zustimmen müssen, aber bei denen ich sehr froh bin, dass sie mit diesem Buch nun endlich öffentlich in der Welt sind und hoffentlich von vielen Menschen rezipiert, diskutiert und weiterentwickelt werden.
Ganz besonders wünsche ich mir auch, dass viele von denen, die von diesem einseitigen, kinder- und mütterfeindlichen Feminismus beeinflusst sind, der immer noch so stark viele feministische Diskurse prägt, auf dieses Buch aufmerksam werden, es lesen und sich mit den Gedanken darin auseinandersetzen, vielleicht eigene Positionen überdenken, beginnen, mit Müttern ins Gespräch zu kommen und ihnen zuzuhören.
Vielleicht kann dann eine neue gesellschaftliche Bewegung entstehen, die Mutterschaft wieder mehr schätzt, es Frauen leichter macht, Mütter auf eine Art zu werden und zu sein, die sie nicht ständig zerreißt und ausbrennt und es damit auch jenen jungen Frauen, die grundsätzlich Kinderwunsch hätten, aber ihn sich nicht mehr umzusetzen trauen, leichter macht, Rahmenbedingungen für sie zu schaffen, gut Mütter zu sein zu können.
Vielen Dank für dieses differenzierte, kluge, mutige Buch!
Solide Einführung ins Manifestieren
Selbstbestimmt von Eva-Maria Zurhorst; Annalena Zurhorst
Vorausschicken möchte ich, dass ich sehr neugierig auf dieses Buch war, weil ich schon einige der früheren Bücher von Eva-Maria Zurhorst kenne und ihre persönliche und hilfreiche Schreibweise geliebt habe. Ich hatte dabei immer das Gefühl, hier hat jemand das Leben in seiner Weisheit wirklich durchdrungen und erzählt mir nahbar und hilfreich davon.
Ansätze davon gibt es auch in diesem Buch wieder, das Eva-Maria gemeinsam mit ihrer Tochter Annalena Zurhorst verfasst hat. Das Buch ist im Kern eine Anleitung fürs erfolgreiche Manifestieren. Wichtige Grundsätze dieser Technik, die mittlerweile durch verschiedenste Ratgeber unterschiedlicher Qualität einen Eingang ins Massenbewusstsein gefunden hat, werden erklärt und anschaulich anhand des 7-Schritte-Modells dargestellt. Dabei wird auch auf mögliche Missverständnisse und Hürden eingegangen, zum Beispiel darauf, dass es innere Widerstände oder Zwiespältigkeiten am Weg zum Erfolg geben kann oder dass man, wenn man sich innerlich sehr weiterentwickelt und dadurch auch das eigene Leben im Außen stark verändert, durchaus auch Freunde verlieren kann.
Zwischendurch gibt es immer wieder mal kurze Einblicke in die persönlichen Erfahrungen der beiden Autorinnen. Diese habe ich sehr interessant gefunden, hätte mir aber mehr Details gewünscht. Zum Beispiel habe ich mich bis zum Ende des Buches gefragt, wie sich nun die Geschichte zwischen der Autorin und ihrem Mann und Vater der gemeinsamen Tochter, der eine Affäre hatte, entwickelt hat, ob dieser zu ihr zurückgekommen ist oder sie mit einem neuen Partner zusammen gekommen ist und ob sich das irgendwo im Buch findet oder ich es überlesen habe. Ja, klar, das ist das Privatleben der Autorin, aber schließlich erzählt sie diese Geschichte und macht mich neugierig darauf, dann hätte ich auch gerne ein konsistentes Ende davon in meinem Kopf. Ähnlich bei Tochter Annalena und deren Wunsch nach einem Partner, auch hier habe ich im Buch kein für mich rundes Ende der Geschichte entdecken können.
Die Vergleichslatte der früheren Bücher, von denen viele Bestseller waren, ist eine sehr hohe. Dennoch habe ich insgesamt den Eindruck, dass dieses Buch deutlich hinter jenen zurückbleibt und an vielen Stellen habe ich den durchgängig persönlichen Zugang vermisst. Insgesamt bleibt es eine solide Einführung in die Technik des Manifestierens, die insbesondere für jene Menschen hilfreich ist, die sich noch nicht tiefgehend damit beschäftigt haben (für alle anderen wird vielleicht nicht viel Neues dabei sein) und sich einfach mal auf technische Art und Weise damit auseinandersetzen wollen, aber nicht zu viel Wert auf das Gefühl einer persönlichen Verbindung mit den Autorinnen legen.
Der Fluss fließt dahin und sie wird nicht schwanger
Gemalte Feuer von Eva Hegge
Schon die erste Szene des Buches setzt den Ton für die ganze Geschichte: die junge Frau Rebekka ist zu diesem Zeitpunkt noch Studentin, oft besucht sie die Bibliothek, um zu lernen und an ihrer Abschlussarbeit zu schreiben. Detailliert beschreibt sie jedes Detail dort, die Bücher, die Bibliothekarin, den Tag, an dem diese nicht da ist, sondern eine Aushilfe, den Tag, an dem die Bibliothekarin aufgewühlt wirkt und noch so einiges mehr.
Viele Details, viel Atmosphäre, wenig voranschreitende Handlung. Aber dafür ein tiefer Blick ins Innenleben von Rebekka und wie sie die Welt wahrnimmt. Zu diesem Zeitpunkt träumt sie noch von einer strahlenden Zukunft, die sich dann nicht erfüllen wird.
Im weiteren Verlauf des Buches ist Rebekka fertig mit dem Studium und wünscht sich ein Kind. Sie ist in einer Beziehung mit Bernard, aber diese Beziehung wird nur am Rande erwähnt. Mehr Raum nimmt die Freundschaft zu Jenny ein, mit der Rebekka schon als Säugling gemeinsam auf einer Matte gelegen hat. Denn Jenny wird erfolgreich schwanger, einfach so, und Rebekka nicht. So beobachtet Rebekka weiter ihr Leben.
Auch beruflich hat sie es nicht zu viel gebracht: nach abgeschlossenem Studium im Literaturbereich kann sie dort nicht so wirklich Fuß fassen, macht nur nebenbei kleinere Aufträge im Bereich Lektorat, ansonsten arbeitet sie als Verkäuferin in einem Möbelgeschäft. Und beobachtet dabei die Welt und macht sich Gedanken über alles Mögliche. Geht zur Frauenärztin und in die Kinderwunschpraxis und wird und wird nicht schwanger, während Jennys Schwangerschaft voranschreitet.
Wie ich dieses Buch bewerten soll, habe ich länger überlegt. Am Anfang schienen mir viele Szenen viel zu belanglos, viel zu detailliert beschrieben, und ich spürte eine Ungeduld, weil die Handlung so gar nicht wirklich vorankam und so vieles erzählt wurde, das mich nicht wirklich interessierte.
Im weiteren Leseverlauf wurde mir bewusst, dass all diese Banalität des Alltags, all diese scheinbar unwichtigen Details wohl spiegeln sollen, wie es Rebekka mit der erfolglosen Kinderwunschbehandlung geht: der Alltag zieht weiter, es passiert dieses und jenes, es gibt keine großen, beeindruckenden Veränderungen im Leben, andere werden schwanger und sie wird einfach nur älter, aber hat keine wirklichen Erfolge vorzuweisen.
Dieses Gefühl schafft das Buch durchaus eindringlich zu vermitteln und kann damit einen Einblick darin geben, wie es sich vielleicht anfühlen kann, wenn sich all die eigenen Träume so gar nicht verwirklichen und man in keinem Lebensbereich merklich voranschreitet, das Gefühl hat, wenig unter Kontrolle zu haben und das Leben dabei weiter an einem vorbeizieht.
Insofern war das Buch für mich zwar kein großer Lesegenuss, aber psychologisch betrachtet durchaus ein interessantes Psychogramm einer Frau, die ein Problem hat, das gerade in der heutigen Zeit sehr viele betrifft.
Hier noch zwei Zitate, die ein bisschen zeigen, wie unsere Hauptfigur Rebekka so drauf ist:
"Ich verstand nicht, dass Musik der Feinheit und der Zartheit bedurfte. Zartheit war etwas, das mir widerwärtig schien, denn es hatte etwas mit Liebe zu tun. Ich hasste jedoch alles in dieser Richtung, und das leise, einfühlsame Spielen hätte Geduld und Genauigkeit erfordert, und so kam es mir gar nicht erst in den Sinn." (S. 80 im E-Book)
"Ich dachte an den alten grünen Fluss vor unserem Fenster. Er hatte in den letzten Jahren mehrmals im Jahr Hochwasser gehabt, es kam mir nicht so vor, als handelte es sich um einen vorbestimmten Kreislauf mit einem festen Rhythmus, mal kamen die Hochwasser im Winter, mal im Frühjahr, dann zweimal hintereinander im Herbst, und sogar im Sommer hatte es eins gegeben, das mehrere Wochen andauerte, im Jahr darauf jedoch gab es überhaupt kein Hochwasser, sondern ein langes Niedrigwasser während einer großen Hitze. Der Nil im alten Ägypten hingegen schien damals zu funktionieren wie ein Uhrwerk und war heilig. Er war der längste Fluss der Erde und floss schon seit dreißig Millionen Jahren in dieselbe Richtung. Die Magie heilte die Kranken und spendete Trost, wenn alles fehlschlug und ein Ausweg verschlossen schien." (S. 95 im E-Book)
Um dieses Buch zu genießen, sollte man sich also auf die Hauptfigur Rebekka und ihre Sicht auf die Welt einlassen können. Wenn man das einmal geschafft hat, ist es ein durchaus interessantes Leseerlebnis und ein Einblick in die Psyche einer jungen Frau. Empfehlen würde ich das Buch aber nur allen, die selbst gerade kein akutes Thema mit unerfülltem Kinderwunsch haben, denn viel Hoffnung zu diesem Thema vermittelt es nicht, sondern könnte vorhandene eigene Ängste und herausfordernde Gefühle nur noch verstärken.
Von Nähe, Distanz und Lücken
Nach Hause kommen von Per Petterson
Ich blicke auf die Lektüre dieses Buches zurück und fühle Entschleunigung und Ruhe. Ich sehe die skandinavischen Landschaften vor mir, durch die ein alter Mann fährt, als ihm plötzlich ein Reh vor das Auto läuft und verletzt wird. Atmosphärisch war ich die ganze Zeit tief drin im Buch, das zeigt, hier schreibt ein Autor, der sein Handwerk versteht.
Doch zurück zur Geschichte...
Der alte Mann, sein Name ist Kasper, überlegt, was er tun soll und ist sich nicht ganz sicher, was das Richtige ist. Er wartet erst mal ab und dann passieren verschiedene Dinge. Manche seiner darauf folgenden Handlungen sind vielleicht auch etwas obskur. Denn Kasper ist eine etwas verschrobene Persönlichkeit, das wird schon hier, ganz am Anfang, spürbar.
So beginnt dieses Buch und gemeinsam mit dem alten Mann steigen wir in seine Erinnerungen ein, in die Erinnerungen vor über drei Jahrzehnten, als er noch ein viel jüngerer Mann war, verheiratet mit Inger, Vater zweier kleiner Kinder, in einer Fabrik arbeitend. Da gibt es Signe, in die er sich verliebt, was er seiner Frau auch erzählt, woraufhin diese ihn auffordert, Signe die Liebe zu gestehen. Es ist also keine heimliche Affäre und doch scheint sie Konsequenzen gehabt zu haben, die sich Kasper so nicht erwartet hätte. So wie überhaupt Kasper auf mich seltsam entfremdet wirkt von einem wirklichen Verständnis für die Menschen und insbesondere für die Frauen.
Die beiden Frauenfiguren, Inger und Signe, die Gattin und die Geliebte, bleiben seltsam blass und austauschbar. Zwar steigen wir mit Kasper in seine Vergangenheit ein, doch so wirklich verständlich wird das Geschehen aus der Rückschau für ihn wohl nicht... und damit auch für uns als Lesende nicht.
Vieles bleibt stückhaft und unverständlich, zwar erfahren wir so manches, was passiert ist und manches andere, das später vielleicht daraus resultierte oder sowieso passiert wäre, so genau wissen wir das nicht. Vielleicht durchaus ein Spiegel für das wirkliche Leben, das ja nicht immer so klare Kausalketten bereithält, wie wir Menschen das gerne hätten? Vielleicht ist genau das eine besondere Qualität des Buches, hier nicht zu suggerieren, alle Zusammenhänge wären so eindeutig erkennbar, zumindest im Nachhinein?
Interessant sind in diesem Buch besonders die vermeintlichen Nebenschauplätze: da gibt es eine fast tragische Szene am Fluss, was offenbart sie uns über Kaspers Reifegrad zu diesem Zeitpunkt? Da gibt es einen Busfahrer, dem Kasper sich sehr verbunden fühlt, fast fühlt sich diese Bekanntschaft, fast schon Freundschaft, näher an als die Beziehung zu seiner Frau und seiner Geliebten. Es gibt eine distanzierte Schwester, die früher eine Schutzfunktion für ihn hatte und über deren Leben er nicht wirklich viel weiß, eine weitere Frau, die eher blass bleibt. Es gibt Hinweise auf eine unglückliche Kindheit, und es gibt einen treuen, lebenslangen Freund.
In Summe habe ich den Eindruck, diesem Kasper sind Männer näher als Frauen, ohne sich erotisch zu ihnen hingezogen zu fühlen. Freundschaft und Kameradschaft mit Männern, das scheint etwas zu sein, was ihm liegt und verständlich ist, mehr als die mysteriösen Frauen, mit denen er zwar eine Beziehung oder Affäre haben kann, die ihm aber wohl doch etwas Fremdes und Rätselhaftes bleiben, und deren Gekränkt-Sein, wenn es sich mal zeigt, ihn erstaunt zurücklässt?
Ja, wenn ich so zurückdenke an dieses Buch, dann liegt durchaus viel Tiefsinnigkeit darin. Viel, über das man nachdenken, diskutieren, nachspüren und nachsinnen kann. So einiges, was im Unklaren bleibt, vermutlich beabsichtigt. Es ist ein Buch für jene, die sich von einer guten Lektüre keine Eindeutigkeit erwarten, sondern auch das bis zum Ende nicht ganz Verständliche und das Lückenhafte - ein Spiegelbild für das Leben - gut aushalten und vielleicht sogar genießen können.
Macht sehr betroffen
Jung, jüdisch, wütend von Hanna Veiler
Hanna Veiler wurde 1998 in einer jüdischen Familie in Belarus geboren und ist als kleines Mädchen im Jahr 2004 gemeinsam mit ihren Eltern im Rahmen des Aufnahmeprogramms für jüdische Kontingentflüchtlinge aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Sie engagiert sich in verschiedenen jüdischen Initiativen sowie für die Grünen, und war Vorsitzende der Jüdischen Studierendenunion JSUD.
In diesem sehr persönlichen und mutigen Buch zeigt die Autorin auf, mit welchen großen Hoffnungen auf ein gutes und sicheres Leben nicht nur ihre Familie, sondern viele weitere jüdische Menschen in den 1990er und 2000er-Jahren nach Deutschland gekommen sind und wie sie schrittweise immer mehr desillusioniert wurden. Nicht nur gab es von Anfang Diskriminierung, Ausgrenzung und Vorurteile und die oft hohen akademischen Qualifikationen der Eingewanderten - sie selbst ist etwa aus einer Ärztefamilie - wurden nur schwierig anerkannt, sodass viele sehr lang weit unter ihrer Qualifikation arbeiten mussten. Auch das Versprechen des deutschen Staates, gerade aufgrund seiner historischen Schuld, jüdische Menschen ganz besonders zu schützen, scheint immer brüchiger zu werden.
Dazu hat die Autorin in ihrer Position als Vertreterin jüdischer Studierender viele Geschichten mitbekommen und schreibt selbst dazu: "Ich habe viele Studierende getroffen, die mir gesagt haben, dass sie sich nicht mehr sicher sind, ob sie noch ein politisches Zuhause haben und ob sie überhaupt ein Zuhause haben, eine Gegenwart und eine Zukunft in Europa." (S. 26)
Noch einmal verschlimmert hat sich das Ganze nach dem 7. Oktober 2023, als die Hamas Israel überfiel und viele Menschen - junge Menschen, die auf einem Festival getanzt hatten, ältere Menschen in einem Kibbuz, Wehrpflichtige, aber sogar auch Kinder und Babys - verschleppt, gefoltert, gefangen gehalten und brutal ermordet wurden.
Während für jüdische Menschen eine Welt zusammenbrach, hatte die Autorin den Eindruck, dass viele Deutsche in ihrer Umgebung davon seltsam unberührt waren, es wenig Empathie und Solidarität gab und sich sehr bald insbesondere links eingestellte Menschen einseitig mit den Palästinensern solidarisierten, was Juden und Jüdinnen, von denen viele sich bisher auch der linken Szene zugerechnet hatten, politisch noch einmal mehr heimatlos machte.
Es ist an vielen Stellen verständlicherweise ein sehr wütendes Buch, aber dadurch auch ein sehr energetisches und lebendiges. Man spürt, dass der Autorin ihr Anliegen wichtig ist und sie hofft, damit viele Menschen zu erreichen, für wieder mehr Empathie gegenüber Jüdinnen und Juden und für einen Dialog: "Lebendige Jüdinnen:Juden sind unbequem. Das habe ich in diesem Buch bereits geschrieben, und ich werde es weiter schreiben, bis es verstanden wird. Wir stellen Fragen. Wir widersprechen. Wir erinnern. Wir fordern. Wir lassen uns nicht mehr nur betrauern. Genau darin liegt für viele Menschen das Problem. Für tote Jüdinnen:Juden kann man Kränze niederlegen. Mit lebendigen Jüdinnen:Juden muss man sprechen. Genau dieses Sprechen müssen wir wieder lernen." (S. 116)
Mich hat dieses Buch sehr berührt und betroffen gemacht und ich wünsche der Autorin und ihrem berechtigten Anliegen, dass es viele Menschen erreicht und genauso wie mich zum Nachdenken bringt.
Es ist absolut okay, eine Familie mit einem Kind zu sein
Ein Kind ist ein Kind von Bellinda Baum
Mein Mann und ich sind Eltern eines Kindes und wahrscheinlich wird es auch bei diesem einen Kind bleiben. Beide sind wir mit mehreren Geschwistern aufgewachsen und kennen es also nicht aus eigener Erfahrung, wie es ist, ein Einzelkind zu sein. Da macht man sich schon so einige Gedanken, ob es dem Kind schadet, kein Geschwisterchen zu haben, und auch aus dem Umfeld kommen immer wieder neugierige Fragen zu dem Thema.
Ich habe also in den letzten Jahren immer wieder aktiv nach Büchern zum Thema Einzelkindeltern gesucht und auch schon einige andere gelesen, aus denen ich mir durchaus das eine oder andere mitnehmen konnte. So überzeugt wie dieses Buch von Bellinda Baum hat mich aber noch keines.
Dieses Buch ist einfach bestärkend, wertschätzend und wertvoll, von der ersten bis zur letzten Seite! Es hat einen klaren Fokus und dabei geht es ausschließlich darum, als Familie mit einem einzigen Kind zu leben (und es wird nicht, wie in manchen anderen Werken, zwischendurch dann doch die Frage gestellt, ob man nicht mehr Kinder kriegen sollte und welche Vorteile das haben könnte).
Schon vom ersten Abschnitt "Klarheit als Einzelkind-Familie bekommen" habe ich mich sehr abgeholt gefühlt: man wird aktiv dabei begleitet, die eigene Entscheidung zu reflektieren und dahinter zu stehen. Verbreitete Glaubenssätze zum Standard der 2-Kinder-Familie werden hinterfragt. Es geht darum, wie man einen eventuellen weiteren, unerfüllten, unerfüllbaren oder einseitigen, Kinderwunsch gut loslassen, einer eventuellen Traurigkeit begegnen und Frieden mit der eigenen Familiensituation finden kann.
Am Ende des Kapitels hatte ich das gute Gefühl, dass wirklich jede Familienform ihre Vor- und Nachteile hat und dass es um nichts schlechter ist, ein Kind zu haben, im Vergleich zu einer Familie mit mehreren Kindern, es ist einfach etwas anderes und hat ebenfalls viele Vorzüge, auch für das Kind.
Schön finde ich auch, dass in das Buch diverse Gastbeiträge eingebaut sind, meist kurze Interviews mit Menschen mit eigenen Erfahrungen zum Thema Kinderwunsch und Ein-Kind-Familie, oft auch ergänzt durch Links zu deren Instagram-Profilen oder Podcasts zum Reinhören. Das macht das Buch noch einmal persönlicher und vielperspektivischer.
Auch die wissenschaftliche Perspektive fehlt nicht und es wird zum Beispiel auf Studien eingegangen, die gängige Vorurteile zu Einzelkindern widerlegen und außerdem herausgefunden haben, dass gerade Einzelkinder von der intensiven Eltern-Kind-Beziehung sehr profitieren, meist sozial angepasst, integriert und emotional stabil sind sowie Kindern mit Geschwistern in den Bereichen Leistungsorientierung, Intelligenz, Bildungsgrad und Verantwortungsbewusstsein oft voraus: klare Studienergebnisse, die überwiegend in der Allgemeinbevölkerung noch nicht sehr bekannt sind.
Im Mittelteil des Buches, der auch den größten Umfang hat, gibt es praxisorientierte Hilfestellungen für herausfordernde Situationen im Alltag als Einzelkind-Familie. Hier werden einzelne Sätze, die Einzelkindeltern oft entgegengeschleudert bekommen, analysiert und Ideen für schlagfertige Antworten und hilfreiche Neueinordnungen gegeben.
Es wird jeweils eine Situation geschildert, das dahinterliegende Problem und der theoretische Hintergrund analysiert und dann mögliche Lösungen aufgezeigt, wie man auf Sätze wie "Ein Kind ist kein Kind", "Na wann kommt denn bei euch das zweite Kind?", "Du gehst in deiner Mutterrolle einfach nicht so auf" etc., die Einzelkindeltern erst einmal sehr treffen können, wertschätzend und empathisch, dabei aber auch die eigenen Grenzen und den eigenen Standpunkt klar aufzeigend, reagieren kann.
Ich finde es großartig, wie es der Autorin hier gelingt, eine Brücke zu bauen zwischen Für-sich-selbst-einstehen und dennoch in Verbindung bleiben: die vorgeschlagenen Lösungen und Antworten sind überwiegend freundlich, ziehen aber eine klare Grenze, sodass sie dabei unterstützen, die eigene Position zu bestärken und die andere Seite zum Nachdenken anzuregen.
Sehr gut gefallen hat mir auch das letzte große Kapitel zum Leben als Ein-Kind-Familie, das auch viele inspirierende Tipps gibt, zum Beispiel dazu, sich jeweils zu überlegen, was an dem heutigen Tag möglich war genau dadurch, dass es in dieser Familie eben dieses eine Kind gibt und nicht mehrere. Oder bewusst zu sagen: "Wir haben ein Kind" statt "Wir haben nur ein Kind".
Toll finde ich auch die Listen zu den vielfältigen Vorteilen davon, ein Kind zu haben, und zwar nicht nur für die Eltern, sondern auch für das Kind, das dadurch oft zu Hause eine viel entspanntere, ruhigere Atmosphäre genießen kann, nicht mit Geschwistern verglichen wird, oft eine engere Beziehung zu den Eltern hat und vieles mehr.
Auch optisch ist das Buch wunderschön gestaltet und übersichtlich strukturiert, mit Einleitungen, Überleitungen, praktischen Übungen und Zusammenfassungen der wichtigsten Punkte. Es ist ein bestärkendes und inspirierendes Begleitbuch für Ein-Kind-Eltern, das man sicherlich nicht nur einmal durchliest, sondern immer wieder mal zum Nachschlagen zu Rate zieht, wenn man gerade Bestärkung braucht. Von Herzen vielen Dank für dieses wunderbare Buch!
Zur Geschichte des Umgangs mit Neurodivergenz
Normal war nie der Plan von Angelina Boerger
"Normal war nie der Plan" ist nach "Kirmes im Kopf" das zweite Buch der Journalistin und Autorin Angelina Boerger, die sich selbst als neurodivergent beschreibt und nach eigenen Angaben ADHS hat. Auch dieses Buch ist grundsätzlich ein persönliches, in dem die Autorin so einiges aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Lebensgeschichte teilt.
Einen noch größeren Teil nimmt aber die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Neurodiversität insgesamt ein, sodass das Buch in vielen Bereichen mehr unterhaltsames, informatives Sachbuch als persönliches Memoir ist (was seine Qualität nicht mindert).
Die Autorin nimmt sich ausführlich Zeit, zu erklären, wie es in den letzten Jahrzehnten zur Entwicklung des Konzeptes der Neurodiversität kam, warum ein einzelner Mensch neurodivergent, aber nicht neurodivers sein kann (denn letzteres können nur mehrere Individuen zusammen sein) und wie sich in der Geschichte der Medizin, Psychologie und Psychotherapie das Bild auf nicht in die gesellschaftliche Norm passende Menschen entwickelt und gewandelt hat.
Auch die sehr unschönen Entwicklungen der Vergangenheit, mit furchtbaren Bedingungen in Psychiatrien, Zwangssterilisationen und Ermordungen als abweichend wahrgenommener Menschen in der NS-Zeit usw. werden ausführlich beschrieben, ebenso wie die Antipsychiatrie-Bewegung der Zeit danach, die Entwicklung des ersten DSMs zur medizinischen Erfassung auch psychischer Besonderheiten und die Weiterentwicklung neuerer Versionen davon, hin zu einem differenzierten Blick, der nicht ausschließlich rein medizinisch und krankheitsfokussiert ist, sondern auch die Ressourcen in den Blick nimmt.
In weiten Teilen ist es also auch eine historische, soziologische, kapitalismuskritische und medizingeschichtliche Perspektive, die hier gezeigt wird.
Dabei kommt insgesamt eine ressourcenorientierte und positive Perspektive auf Neurodiversität nicht zu kurz: es wird gezeigt, wie in einer Population Vielfalt ein Vorteil sein kann, sowohl für die Population, als auch für das Individuum. Überlegt wird auch, was uns fehlen könnte ohne neurodivergente Menschen, beispielsweise sind Menschen mit ADHS oft besonders abenteuerlustig, neugierig und kreativ und Menschen im Autismus-Spektrum können sich durch Eigenschaften wie besondere Ehrlichkeit, Genauigkeit, fokussiertes Arbeiten und vieles mehr auszeichnen. Am Schluss wird auch noch darauf eingegangen, wie wir eine Welt gestalten könnten, die den individuellen Bedürfnissen aller mehr gerecht wird, sodass alle Menschen glücklicher leben und ihre Potentiale entfalten können.
Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema Neurodiversität und Geschichte des Umgangs mit vermeintlicher psychischer Normalität und den Abweichungen davon interessieren, und gerne Sachbücher lesen, sehr empfehlen, es ist in dieser Hinsicht sehr interessant und lehrreich geschrieben. Wer sich hingegen rein einen persönlichen Erfahrungsbericht zum täglichen Umgang mit der eigenen Neurodivergenz wünscht, für den sind vielleicht andere Werke geeigneter.
Berührendes Buch über Freundschaften zwischen Menschen verschiedener Seiten
Unwahrscheinliche Freundschaften von Isabel Schayani
Isabel Schayani ist eine Journalistin mit deutsch-iranischen Wurzeln. Passend dazu, dass sie dadurch selbst eine Brücke zwischen zwei Kulturen ist, hat sie für dieses Buch sechs berührende Geschichten über unwahrscheinliche Freundschaften zwischen jeweils zwei Menschen, die in politischen Konflikten auf unterschiedlichen Seiten stehen, recherchiert.
Zuerst geht es um sie selbst und ihre Freundschaft mit einem AfD-Anhänger, dann um eine Israelin und einen Palästinenser, die beide nahe Angehörige im Konflikt verloren haben, aber sich davon nicht ihre Freundschaft nehmen lassen.
In weiteren Geschichten geht es um eine iranische Baha'i, die im Iran von Muslimen verfolgt wurde und diesen in Deutschland, als sie versehentlich in einem muslimischen Sprachzentrum landet, erst wieder zu vertrauen lernen muss. Oder um eine junge Frau, die aus der Ukraine geflüchtet ist und sich auf einmal ideologisch auf der anderen Seite als ihre eigenen Eltern befindet, die sich von russischer Propaganda stark beeinflussen lassen. Der Kontakt bleibt bestehen, doch am Telefon kann man nicht ehrlich miteinander reden, zu groß ist die Angst, dass die Eltern abgehört und für ein falsches Wort verfolgt werden könnten.
Weiter geht es mit einem gemischten republikanisch-demokratischen, interkulturellen Freundeskreis alter Männer in den USA und mit einem muslimischen Bosniaken, dessen Onkel im Balkankrieg von den Serben getötet wurde und der sich dann doch mit einer serbischen Friedensaktivistin nah anfreundet.
Im Epilog finden sich noch hilfreiche Ideen zur Verbindung mit Menschen der anderen Seite in herausfordernden Zeiten.
Das Buch liest sich schnell und leicht zwischendurch, jede der Geschichten braucht nur wenige Minuten Lesezeit. Emotional wirken die wahren und berührenden Geschichten aber umso stärker nach und sind ein leidenschaftliches Plädoyer für Toleranz, Offenheit und Verbindung zwischen verschiedenen Seiten und für die Kraft der Verbindung, des sich füreinander Interessierens und offen Zuhörens, das ich gerade in so herausfordernden Zeiten wie jetzt allen Menschen nur wärmstens empfehlen kann.
Bleibt hinter dem Vorgänger zurück
Die Rückkehr zur Hütte von William Paul Young
Vor fast zwanzig Jahren ist William Paul Youngs erstes Buch “Die Hütte - ein Wochenende mit Gott” erschienen. Ich habe es damals gelesen und war sehr beeindruckt von dem modernen Gottesbild. Inhaltlich geht es um einen Mann, der verzweifelt ist und mit allem hadert, nachdem seine jüngste Tochter Missy verschleppt und ermordet wurde und der dann in einer Art inneren Vision in einer Hütte Gott Vater, Sohn und dem heiligen Geist begegnet, in unkonventionellen Gestalten, und Inspiration und Heilung erfährt.
Ich habe damals die kurzweilige, moderne Schreibweise und den unkonventionellen, frischen Ansatz sehr gemocht und einige gute Gedanken mitnehmen können.
Dieses Buch will nun die Fortsetzung davon sein. Es sind zehn Jahre seit Missys Ermordung vergangen, gerade haben die immer noch trauernden Eltern Mac und Nan anlässlich ihres 16. Geburtstages an die verstorbene Tochter gedacht, voneinander haben die beiden sich entfremdet. Da wird Mac vom FBI kontaktiert: der Mörder ihrer Tochter sitze in der Todeszelle und wolle Mac gerne kennen lernen und 10 Stunden mit ihm verbringen, denn er frage sich immer noch, wie er damals überführt werden konnte. Im Austausch für Macs Einwilligung sei er bereit, offenzulegen, wo er die Leichen weiterer ermordeter Mädchen versteckt habe, sodass deren Angehörige endlich Frieden könnten.
Soweit zur Rahmengeschichte, die im Zentrum des Buches steht. Leider dauert es gefühlt das halbe Buch, bis wir überhaupt im Gefängnis ankommen. Davor gibt es unzählige eher uninteressante Nebenhandlungen, die in allen Details geschildert werden. Und selbst, als es um die Begegnung mit dem Mörder im Gefängnis geht, werden die an sich durchaus interessanten Gespräche immer wieder durch längere Pausen und einen Tag ohne Kontakt unterbrochen. Insgesamt bestand für mich dieses Buch also zu etwa 80 bis 90 Prozent aus Füllmaterial, das mich nicht wirklich überzeugen konnte.
Auch psychologisch geht es mir nicht tief genug: die Entfremdung zwischen den trauernden Eheleuten wird nur eher am Rande behandelt, die übrigen vier erwachsenen Kinder kommen abseits von einer eher klischeehaft mit Alkoholismus kämpfenden älteren Tochter kaum vor. Und selbst die Begegnung mit dem Mörder war für mich ziemlich klischeehaft. Somit überzeugen die Figuren nicht unbedingt durch Tiefe, und auch der Schreibstil war nicht wirklich mitreißend.
Bleibt die religiös-spirituelle Komponente: auch diese habe ich im Vorgängerwerk deutlich stärker wahrgenommen. Es gibt noch einige Begegnungen mit den drei Facetten Gottes und ein durchaus interessantes Gespräch zu Parallelen zum Gottesbild und zur Beziehung zu Jesus/Isa im Islam, aber insgesamt ist auch dieser Teil weitaus schwächer als im Vorgängerbuch. Positiv zu erwähnen ist, dass das Buch zum Nachdenken über die Sinnhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit der Todesstrafe in den USA anregt. Hier spürt man, dass der Autor sich mit diesem Thema tiefergehend auseinandergesetzt hat, was er auch im Nachwort dann erzählt.
Insgesamt ist es ein nicht sonderlich unterhaltsames und literarisch nicht besonders gut geschriebenes Buch, aus dem man aber bei Interesse ein paar spirituell-religiöse Botschaften mitnehmen kann.











