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Rezensionen von Eternal-Hope:

Viel Edgar Selge, wenig Jura

Juras letzter Winter von Edgar Selge

Schon in seinem vorigen Buch "Hast du uns endlich gefunden" hat der Schauspieler und Autor Edgar Selge den Kontakt mit einem Jungen, damals seinem jüngeren Ich, gesucht und dabei unter anderem die NS-Vergangenheit seiner Familie aufgearbeitet und in Bezug zu sich gesetzt. In ähnlicher Weise geht es nun in "Juras letzter Winter" weiter.

Nur, dass der Junge, um den es geht, diesmal nicht sein eigenes jüngeres Ich ist, sondern der 16-jährige Leningrader Jugendliche Jura Rjabinkin, der dort während der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1942 verhungert ist.

Es ist ein großes Verdienst des Autors, auf dieses schwere Kriegsverbrechen, das noch immer nicht überall Teil des Geschichtsunterrichts und des öffentlichen Gedächtnisses in den deutschsprachigen Ländern ist und bei dem der Hungertod von geschätzt über einer Million Zivilisten bewusst und absichtlich herbeigeführt wurde, mit seinem Buch eindringlich aufmerksam zu machen.

Edgar Selge geht in Dialog mit Jura, in einer Form, die weit über die überlieferten Tagebuchauszüge hinausgeht. Das macht das Buch einerseits lebendig und weitaus interessanter, als vermutlich eine Darstellung näher an den reinen Überlieferungen gewesen wäre. Wir erfahren auch so einiges über die historischen und biografischen Hintergründe und auch über das weitere Schicksal nicht nur Juras, sondern auch der Schwester Ira und der Mutter der beiden Kinder. Dabei stellen sich auch viele existenzielle Fragen des Menschseins und der jugendliche Jura, der nicht fassen kann, dass die fremde Armee die Stadt umzingelt, aber nicht einmal kämpfen will, um sie einzunehmen, und dass sie ihn und die anderen Menschen dort als so wertlos ansehen, dass sie sie lieber verhungern lassen, als sie für Zwangsarbeit einzusetzen, kommt uns nahe.

An vielen Stellen nimmt sich der Autor andererseits aber auch die künstlerische Freiheit heraus, sich recht weit von Jura und seinem Tagebuch zu entfernen. Ausführlich schwelgt er in Details zu eigenen Lebenserinnerungen, bei denen nur sehr entfernt und mit viel Fantasie eine Verbindung zu Jura und seinem Schicksal erkennbar ist, was der Autor im fiktiven Dialog zwischen dem verstorbenen Jungen und sich selbst auch durchaus immer wieder thematisiert.

Das empfand ich beim Hören des Hörbuches als unnötig abschweifend und ziemlich selbstverliebt und hätte mir stattdessen mehr Fokus auf Juras Schicksal und die Umstände in Leningrad gewünscht, denn diese interessieren mich weit mehr als Schwänke aus der Jugend des Autors. Auch habe ich mich während dieses Dialogs immer wieder gefragt, was daraus man wohl wirklich plausibel aus den vorhandenen Tagebucheinträgen (von denen der Autor manche vorstellt, aber eben nur relativ wenige) über die Persönlichkeit von Jura folgern kann und was wohl eher der Fantasie des Autors entspringt. Ich bin froh, dass der Autor mir Jura und sein Schicksal vorgestellt hat, doch ich wünschte, er hätte es mit etwas mehr Fokus auf dessen Leben und etwas weniger Selbstbezogenheit getan.

Als Hörbuch, sensibel und authentisch selbst eingesprochen vom Autor, kann ich es aber durchaus empfehlen, da man sich dabei dem Autor und seinem Selbstfindungsprozess im fiktiven Dialog mit dem verstorbenen Jura nahefühlen kann und auch mitfühlt, was ihm nahegegangen ist und ihn erschüttert hat. Damit spürt man beim Hören auch selbst viel Erschütterung über die damals vorherrschenden Gleichgültigkeit, den erbarmunglosen Rassismus und den daraus resultierenden Völkermord, was hoffentlich dazu beitragen kann, sich dafür einzusetzen, dass sich so etwas nicht wiederholt.

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Genies entzaubert, Musen sichtbar gemacht

Unsichtbare Musen von Elisa von Hof

Bekannt und weit verbreitet sind die Erzählungen von den großen Genies - seltsamerweise fast immer männlich und weiß - und ihren passiv dargestellten, meist weiblichen Musen. Auch im Jahr 2026 sind beispielsweise in vielen großen Kunstkalendern fast ausschließlich Männer vertreten, so, als hätte es keine guten Künstlerinnen gegeben und als hätten nicht auch viele Partnerinnen der bekannten Künstler an deren Seite und gemeinsam auch kreativ viel zu den Werken beigetragen, manchmal so viel, dass es sich eigentlich schon um gemeinsame Werke handelte.

Elisa von Hof ist es mit ihrem anspruchsvollen, dicht erzählten und umfangreichen Werk gelungen, mit dem Bild der passiven Muse gründlich aufzuräumen. Auf 340 Seiten erzählt sie Lebensgeschichte um Lebensgeschichte von berühmten Künstlern, Musikern oder Schriftstellern und den Frauen an deren Seite, manchmal eine, oft mehrere, die deren Werke erst möglich gemacht und oft daran mitgearbeitet haben. Nicht selten endete die kreative Schaffensphase eines angeblichen Genies genau zu der Zeit, als er keine solche unterstützende Frau mehr an seiner Seite hatte.

Zum Einstieg wird erst einmal geklärt, woher der Musenbegriff kommt und dass die Musen ursprünglich griechische Göttinnen, die jeweils für einen Bereich der damaligen Künste zuständig waren und aktiv die Menschen mit ihrer Inspiration beglücken konnten oder eben nicht. Da zeigt sich schon, dass ohne Musen damals keine Kreativität möglich war, sie waren die Quelle jeglichen kreativen Schaffens. Leider wurde diese Erzählung im Lauf der Zeit, wie so vieles, patriarchal umgedeutet, bis Musen an den Rand gedrängt oft namenlos und ungekannt aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwanden.

Das Buch ist in einige Überkapitel geteilt, in denen jeweils bestimmte Funktionen der als Musen tätigen (meist) Frauen - auch eine männliche Muse wird ausführlicher porträtiert - näher beleuchtet werden: da geht es um Managerinnen, Ko-Produzentinnen, Supermodels, Therapeutinnen, aber auch um ausgebeutete und benutzte Frauen.

In jedem dieser Überkapitel folgt Künstler- und Musen-Biografie auf Künstler- und Musenbiografie, ausführlichst erzählt, meist von der frühen Kindheit über die prägenden Jahre bis zum Lebensende, und eine nach dem anderen. Das erfordert beim Lesen durchaus viel Konzentration und Zeit, die man sich für dieses dicht erzählte Buch auf jeden Fall nehmen muss, es liest sich nicht schnell einmal nebenbei. Dafür wird man aber mit einem neuen Blick auf viele berühmte Männer und die manchmal bekannten, manchmal unbekannteren, Frauen an deren Seite, belohnt und eingeladen, neu über die Bedingungen des Entstehens von Kreativität und unseren gesellschaftlichen Umgang damit zu reflektieren.

Es wird deutlich, dass es an der Zeit wäre, uns vom Geniemythos zu verabschieden und zu erkennen, dass zur Entstehung genialer Werke so gut wie immer mehrere Menschen beitragen und nicht nur einer ganz alleine. Nach der Lektüre dieses Buches sieht man viele berühmte und etablierte Männer wie Picasso, Goethe, Tolstoi, Nabokov, Lagerfeld oder Lennon deutlich kritischer als zuvor und kennt nun viele ihrer Gewaltausbrüche, ihren Egozentrismus, ihr Ausnützen anderer Menschen und ihre diversen anderen charakterlichen Unzulänglichkeiten. Das wirft auch einen neuen Blick auf ihr Werk, das oft nur unter intensiver Mitarbeit, oft auch Ausbeutung anderer Menschen in schwächeren Positionen, so entstehen konnte.

Wer sich also seine Bewunderung dieser Personen nicht zerstören lassen will, für den ist das Buch eher nicht zu empfehlen. Für alle anderen aber, die sich wie ich eine Welt mit vielfältigerer Kunst wünschen, die nicht nur allein weiße, wohlhabende Männer bevorzugt und zu Genies hochstilisiert, während alle anderen im Schatten bleiben, kann von der Lektüre viel lernen und hier viel Inspiration finden. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und bin gespannt auf weitere Sachbücher dieser Autorin.

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Muss der Text zur Autorin passen?

Die Dichterin von Özge Inan

Alle feiern die Dichterin Emma Rodenstock, eine junge, attraktive Frau, die von sich erzählt, in tiefster Armut aufgewachsen zu sein, aber sich nun äußerst eloquent zu präsentieren weiß und bemerkenswerte Gedichte geschrieben hat, in pointierter Sprache, wütend, anklagend und dabei poetisch, wie man es noch kaum gehört hat!

Währenddessen kämpfen einige junge Journalismus-Volontäre um eine Festanstellung.

Klar ist, auch wenn alle von ihnen ehrgeizig, intelligent und talentiert sind und sich noch so sehr ins Zeug legen, werden die allermeisten nach dem Volontariat gehen müssen, denn viele Stellen gibt es für sie nicht. So herrscht durchaus eine freundschaftliche, manchmal auch etwas weniger freundliche, starke unterschwellige Konkurrenz zwischen ihnen. Eine davon ist die junge Journalistin Nazanin Esfahani, deren Eltern ursprünglich aus Iran stammen und in Deutschland als Universitätsprofessor und Psychologin gute Positionen in der Gesellschaft erreicht haben.

Nazanin wird auf Emma aufmerksam und möchte ein Porträt über sie schreiben, doch schon beim ersten Treffen mit der gefeierten Dichterin zeigen sich Unstimmigkeiten, als diese sich in der sozialen Brennpunktgegend, in der sie angeblich aufgewachsen sein will, gar nicht so gut auszukennen scheint. Also begibt sich Nazanin auf die Recherche, um herauszufinden, was es wirklich mit dem Phänomen Emma Rodenstock auf sich hat. Denn würde sie wirklich etwas Bemerkenswertes herausfinden, könnte ihr das vielleicht die Festanstellung sichern.

Der Roman ist abwechselnd aus den Perspektiven von Emma und von Nazanin erzählt, dabei lernen wir beide Frauen ein kleines bisschen kennen. Ein kleines bisschen und eben nicht wirklich nah, da beide nicht unbedingt Sympathieträgerinnen sind und auch die Erzählperspektive uns nicht sehr nah an die beiden heranlässt. Einen großen Teil des Romans nehmen Treffen und Gespräche mit Freundinnen, Freunden und Bekannten und Alltagssituationen mit diesen ein, wobei mir nicht bei allen davon klar war, was diese zur Handlung beitragen, bei Emma nochmal mehr als bei Nazanin.

Für keine der beiden Hauptfiguren habe ich abseits von kühl-berechnendem Verhalten ein wirklich gutes Gefühl für ihren Charakter bekommen können, möglicherweise ist das aber auch erwünscht. Spannend wurde es immer dann, wenn es zu einem Kontakt zwischen den beiden kam oder sonstwie die eigentliche Handlung rund um die Aufdeckung eines möglichen Skandals weiterging.

Sehr gut gefallen hat mir, wie das Buch viele interessante Themen aufwirft und auch unbequeme Fragen stellt, zum Beispiel:

- Welchen Anteil am Erfolg in der Buchbranche hat der eigentliche Text und welchen Anteil hat die Person, die ihn präsentiert?

- Kann es sein, dass auch sehr gute Texte viel eher Erfolg haben, wenn sie einer Person zugeschrieben werden, die ein Auftreten hat, das der Buchmarkt liebt? Und welche Rolle spielt dabei die Passung zwischen Geschichte und Autor/in?

Dazu ein Zitat aus dem Buch: "Aber du weißt ja selber, wie es ist. Man erzählt etwas im Text, und man erzählt etwas mit seinem Körper und seiner Stimme und seinem ganzen Sein." Sie wühlte ihre Hände aus der Jacke und legte sie flach übereinander. "Und das muss sich decken. Auf welche Art auch immer. Sonst funktioniert es nicht." (S. 180 im E-Book)

- Auf welche Formen der Diskriminierung blicken wir und welche übersehen wir, wenn wir im Namen von Diversity bestimmte Menschen oder Gruppen mit bestimmten Identitäten bewusst fördern und unterstützen? Kann etwa eine in Deutschland geborene Nazanin mit persischen Wurzeln, aber auch mit wohlhabenden, gebildeten, in prestigeträchtigen Berufen arbeitenden und unterstützenden Eltern weniger Nachteilen ausgesetzt sein als eine junge Frau mit deutschem Namen, aber aus armem Elternhaus? Wer hat dann besondere Förderung und Unterstützung verdient?

- "Vergiss diese Frage. Wir sind Journalisten. Wir helfen nicht. Wir berichten." (S. 173 im E-Book): Kann von den Medien auch Hilfe in schwierigen Situationen oder die Einnahme einer ethisch begründeten Haltung erwartet werden oder ist ihre Aufgabe reine Berichterstattung, zu jedem Preis?

Es sind also kluge Fragen, die dieses Buch aufwirft und zum Nachdenken darüber anregt.

Insgesamt ist es also ein sehr intelligent konstruiertes, vielschichtiges Buch, das zum Nachdenken über die Buch- und Medienbranche, Intersektionalität, Diskriminierung, Oberflächlichkeit und vieles mehr anregt, diese dabei differenziert betrachtet und viele bisher selten gestellte Themen und Fragen präsentiert, bei dem ich aber bei Handlungsfortschritt und Charakterentwicklung noch ein kleines bisschen Luft nach oben sehe. Dafür von mir gute 4 Sterne. Auf weitere Bücher dieser Autorin bin ich gespannt.

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Trost und Inspiration für Trauernde

Und es wird trotzdem wieder Sommer werden von Sebastian Becker

Sebastian Becker war erst in seinen 20ern, als er plötzlich und unerwartet seinen Vater durch einen Unfall beim Wandern verlor. Der Vater war noch keine 60 gewesen, Sebastian hatte gedacht, noch Jahrzehnte mit ihm verbringen zu können. Erst vor kurzem hatten die beiden darüber gesprochen, die in der Kindheit verpasste Zeit - aufgrund der Trennung der Eltern war Sebastian nur jedes zweite Wochenende bei ihm - nun nachholen zu wollen, doch dazu kam es leider nicht mehr.

Der Sohn trauert tief, und in diesem Hörbuch, einfühlsam und authentisch eingesprochen vom Autor selbst, erzählt er uns davon. Von den Erinnerungen an den Vater, von all dem Schönen und von den Momenten, denen er nicht genug Beachtung geschenkt hat. Als er beim Auto fahren dem Vater nicht zuhörte, wenn dieser von seinem Leben erzählte, und sich jetzt wünschte, er hätte es getan. Von unglaublichem Schmerz, für den sich kaum Worte finden lassen. Aber auch von der Hoffnung darauf, dass das Leben weitergeht, wie sich etwa in seinem Patenkind zeigt und darin, dass der Schmerz doch mit der Zeit ein bisschen nachlässt. Von schönen Erinnerungen, an denen er festhalten möchte.

Es ist ein kurzes Hörbuch, nur knapp zwei Stunden, doch findet sich viel Tiefe und unterschiedliche Facetten des Trauerns darin.

Wer auch einen geliebten Menschen verloren hat, kann in Sebastian Becker ein authentisches Rollenvorbild in Sachen konstruktiver Umgang mit der eigenen Trauer finden. Besonders interessant ist das Hörbuch für Menschen, die selbst ungewöhnlich jung jemanden verloren haben, in einer Lebensphase, in der die meisten Altersgenossen und -genossinnen dieses Schicksal noch nicht teilen und deshalb oft nicht nachempfinden können. Aber auch insgesamt für Trauernde in allen Lebenslagen findet sich viel Weisheit darin. Für mich selbst war es ebenfalls ein guter Begleiter in einer akuten Trauerphase, herzlichen Dank dafür!

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Ein umfassender Blick auf das Neue

Monofuturis von Konstantin Schamber

Monofuturis, das Werk des Sozialwissenschaftlers, Universitätsdozenten und Experten für strategische Vorausschau Dr. phil. Konstantin Schamber beschäftigt sich mit technologischem Fortschritt, ja. Aber es beschäftigt sich mit noch so viel mehr, stellt das spannende aktuelle Thema in einen großen Rahmen.

Wir werden dazu eingeladen, darüber nachzudenken, was überhaupt die Natur des Neuen ist und wodurch sich Innovationen auszeichnen, etwa auch dadurch, dass sie sich immer auch ein Stück weit der vollständigen Planbarkeit und Kontrolle entziehen, Unsicherheit mit sich bringen und eine Anschlussfähigkeit an die bisherigen Strukturen und einen Rahmen brauchen, um nicht wieder zu verschwinden.

Schon diese Ausführungen am Anfang des Buches zeigen auf: die Zukunft ist ein Ort, der nie aus der Perspektive der Gegenwart vollständig vorhergesagt können wird, auch wenn die Menschheit das seit Jahrtausenden mit Hilfe von Orakeln, Religion und später auch unter Einbeziehung der Wissenschaft versucht. Auch diese anthropologische Perspektive und ein kurzer Einblick in die Menschheitsgeschichte und wie in der Vergangenheit Innovationen wie beispielsweise die Erfindung der Schrift und dann die Verbreitung des Buchdruckes die menschliche Kultur tiefgreifend transformiert haben, werden in diesem Buch dargestellt.

Weiter geht es mit den Akteuren und Akteurinnen rund um technischen Fortschritt: da sind die, die ihn erschaffen, die, die ihn im Detail entwickeln und bauen, die, die gesetzliche Rahmen dafür bereitstellen und die, die versuchen, daraus profitable Unternehmensstrukturen zu generieren, aber auch wir als mehr oder weniger informierte, kompetente und bewusste Nutzerinnen und Nutzer, die mit unserer Annahme oder Verweigerung und mit unserem Umgang mit neuen Techniken letztendlich entscheiden, was sich in welcher Weise dauerhaft etabliert und dabei uns selbst und unsere Gesellschaften stark mitverändert.

Dabei wird auch darauf eingegangen, ob und inwieweit es überhaupt möglich ist, neue Techniken dauerhaft gesetzlich zu regulieren oder einzuschränken, schließlich gibt es ja auch noch informale und illegale Märkte, auf denen das Neue sich Bahn brechen kann, solange die Nachfrage groß genug ist.

Ich mochte dieses intellektuell anspruchsvolle und vielperspektivische, dabei aber sehr interessant geschriebene, Werk sehr. Es gibt viele interessante Anstöße zum weiterführenden Nachdenken und Betrachten der eigenen Position rund um technische Neuerungen. Dabei gelingt es dem Autor ausgezeichnet, die Komplexität des Themas Innovation darzustellen, ohne sich darin zu verlieren. Schrittweise und von verschiedensten Seiten nähern wir uns dem Thema an.

Es ist ein Buch, das wohl dazu gedacht ist, nicht nur einmal schnell durchgelesen, sondern immer wieder mal konsultiert und auf aktuelle technische und gesellschaftliche Neuentwicklungen angewandt zu werden und das sich auch bestens als Ideengeber für soziologische oder philosophische Gesprächsrunden eignet. Wer gerne philosophiert, nachdenkt und die Dinge interdisziplinär und in einem größeren Zusammenhang betrachtet, wird mit diesem Buch seine Freude haben.

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Von der Freundschaft in dunklen Zeiten

Der Betrachter von Judith Fanto

Der Ich-Erzähler Hermann, genannt "Manno", muss als Kind nach dem Tod der Mutter plötzlich aus den Niederlanden nach Wien ziehen, wo seine Tante lebt, während der ihm kaum bekannte Vater im Ersten Weltkrieg kämpft. Zuerst ist es schwer für den Jungen, den Umzug zu verkraften und auch die Tante ist nicht sehr liebevoll zu ihm.

Doch dann kommt er mit Glück zu einem Sommerferienlager mit Schwerpunkt Musik südlich von Wien, wo er die Kinder Bertl, Lotte, Max, Franzi und Béla kennen lernt und die sechs Kinder schon bald eine verschworene Gruppe bilden. Es sind Kinder und erst einmal spielen Unterschiede in Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung keine Rolle.

Aus den Kindern werden Jugendliche und junge Erwachsene, die sich am Anfang des Studiums in Wien wieder über den Weg laufen. Béla ist aus einer vermögenden ungarischen Adelsfamilie und hat großzügige Räumlichkeiten in Wien zur Verfügung, die auch von den Freunden gerne für Treffen genützt werden. Zusätzlich fährt die Freundesgruppe einmal im Jahr gemeinsam auf Sommerfrische aufs Land, zu "Baumi", einer Bekannten, die die jungen Menschen herzlich bewirtet und wo sie auf den Berg Loser steigen und im Altausseer See schwimmen können. Idylle pur und ungetrübte Freundschaft, so schön, dass es fast schon unwirklich wirkt und man sich fragt, wann die Handlung ein an Fahrt aufnehmen wird.

Dieses Buch lässt sich ausgiebig Zeit, in seine Welt, die Figuren und ihre Freundschaft einzuführen, was manchen Leserinnen und Lesern, auch mir, am Anfang durchaus etwas Geduld abverlangen kann. Es dauert mal locker ein Drittel des Buches, bis die Handlung etwas spannender wird und sich erste größere Konfliktlinien zu zeigen beginnen. Rückblickend bin ich aber sehr froh, das Buch weiter- und ausgelesen zu haben, und es wird dann auch verständlich, warum das Buch diese ausführliche Basis gebraucht hat, denn es ist wichtig für die weitere Handlung, die Charaktere ausführlich kennen gelernt zu haben.

Denn in den 1920er bis 1940er Jahren werden die Freundschaften der Freunde, nun junge bis ein bisschen gereiftere Erwachsene, auf viele harte Proben gestellt: erste Risse zeigen sich schon früh im Studium, als Bertl politisch den rechtsradikalen Burschenschaftern zugeneigt ist und stolz auf seinen "Schmiss" ist, Franzi sich leidenschaftlich für die Sozialisten engagiert und Béla seine Homosexualität erst sehr verborgen, dann aber immer offener erkundet und auslebt, wobei er ein großes Risiko eingeht, da das auch schon vor der NS-Machtübernahme zur damaligen Zeit illegal war und polizeilich verfolgt wurde.

Noch mehr spitzt sich die Lage in den 1930ern zu, als Bertl schon früh, als sie in Österreich noch verboten waren, der NSDAP beitritt, und Lotte bei erster Gelegenheit BDM-Führerin wird, während es für den schwulen Béla, aber auch für Franzi und Max, die jüdisch sind, immer schwieriger wird und die Diskriminierungen und Bedrohungen immer mehr zunehmen. Manno selbst positioniert sich kaum für die eine oder andere Seite, er wird von niemandem verfolgt, ist aber gleichzeitig lange auch der, der die Freundesgruppe zusammenhält... doch wie lange geht das noch? Wie positionieren sich die sechs Freunde angesichts von immer stärkerer Polarisierung und der damit einhergehenden drohenden Gefahr?

Judith Fanto ist insgesamt ein großartiges Werk gelungen, in dem zentrale Themen davon, was Freundschaft ausmacht, gezeigt und erlebbar gemacht werden: welche Geheimnisse müssen bewahrt werden und was macht das mit der Offenheit und dem Vertrauen in Freundschaften? Wie zeigt sich Loyalität und wo beginnt Verrat? Wie können Freundschaften überdauern, wenn die aktuellen Entwicklungen der Zeit so sehr gegen sie zu stehen scheinen? Aber auch: wo ist die Grenze zwischen Freundschaft, Romantik und Liebe, sowohl zwischen Frauen und Männern, als auch in der Beziehung zum eigenen Geschlecht, und was macht es mit der Freundschaft, wenn die romantische Anziehung - oder genau das Fehlen dieser - dazwischenfunkt bzw. die Anziehung einseitig bleibt?

Zeitlich wird die Spanne von Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Nachkriegszeit abgedeckt. Es hat mir auch sehr gut gefallen, dass das Buch nicht direkt mit Kriegsende vorbei war, sondern es dann noch eine sehr interessante Szene danach gab.

Empfehlen kann ich das Buch allen, die sich insbesondere für tiefgründige zwischenmenschliche Beziehungen und das Thema Freundschaft in schwierigen Zeiten interessieren und die die Geduld aufbringen, auch über am Anfang etwas langatmiger scheinende Passagen bei der Lektüre zu bleiben: es lohnt sich, denn am Ende klappt man ein Buch zu, das tief emotional berührt hat und sicher für lange Zeit im Herzen bleiben wird.

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Praxisnahe Einführung in Burnoutprävention

Nicht immer alles geben - Wie wir arbeiten ohne auszubrennen von Nese Oktay-Gür; Fee Kalter

Die Psychologinnen und Unternehmerinnen Fee Kalter und Dr. Nese Oktay-Gür analysieren in diesem Buch, wie die aktuelle Arbeitskultur dazu beiträgt, dass immer Menschen in verschiedenen Berufen ausbrennen. Dabei gehen sie auf gesellschaftliche Ursachen ein und zeigen individuelle Auswege aus dem Stress auf: es geht um die Beruhigung des Nervensystems, um klare Kommunikation und das Setzen von Grenzen.

Dass das nur eine Seite der Medaille ist und es auch wichtig wäre, wenn sich die Arbeitskultur in Unternehmen ändern würde, ist ihnen bewusst und auch da kommen positive Beispiele vor, etwa von Unternehmen, die die Normalarbeitszeit verkürzt haben und dabei die Produktivität noch steigern konnten. Das kapitalistische System an sich wird in diesem Buch kaum hinterfragt, das ist aber wohl auch nicht Absicht der Autorinnen.

Wer sich noch wenig mit Themen wie gesunder Abgrenzung, Stressreduktion, Burnoutprävention und psychologischen Erklärungsmodellen beschäftigt hat, der kann aus diesem Buch einiges Hilfreiches mitnehmen. Dabei wird die Theorie immer wieder durch praktische Fallbeispiele und Selbsttests aufgelockert.

Wer hingegen schon ein gutes Basiswissen in diesen Bereichen hat oder ähnliche Bücher zum Thema gelesen hat, für den wird wahrscheinlich nicht so viel grundlegend Neues dabei sein.

Damit ist es ein empfehlenswertes Buch für Menschen, die sich neu mit diesen Themen beschäftigen möchten und gerne ein paar erste Tools an die Hand bekommen möchten, um das eigene Stress- und Gesundheitsverhalten zu hinterfragen und an der einen oder anderen Stelle zu verbessern.

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Mystische Annäherung an die Geschichte der wilden Frau

Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova

Die Schriftstellerin Elli Hajek, Hauptfigur dieses Romans, ist - interessanterweise ähnlich wie die Autorin des Buches - 1987, wenige Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs, als Kind mit ihren Eltern aus der ehemaligen Tschechoslowakei in den Westen geflüchtet. Damals war sie noch Eliška Hájková, doch der Familie war es äußerst wichtig, sich in Deutschland bis zur totalen Assimilation und Aufgabe der eigenen kulturellen Identität anzupassen:

„Irgendwann begriff ich es.

Ich begriff, dass manchmal ein paar Worte reichten, um uns zu anderen zu machen, zu Ausländern. Meine Eltern achteten darauf, wie sie sich kleideten, sie übernahmen deutsche Gepflogenheiten, äußerlich waren sie bald unverdächtig, aber sobald sie den Mund aufmachten, waren sie enttarnt.“ (S. 54)

So war es eine logische Konsequenz daraus, dass bei der Einbürgerung aus Eliška Elli wurde und kaum mehr jemand weiß, dass die junge Frau nicht in Deutschland geboren wurde. In einer vergangenen Beziehung hat Elli auch nicht die besten Erfahrungen mit dem Versuch gemacht, ihre Migrationsgeschichte und die damit verbundenen Erlebnisse mit ihrem damaligen Partner zu teilen, dieser wirkte überfordert davon und die Beziehung endete kurz darauf. Seitdem lebt Elli also ihr Leben als angepasste Deutsche, doch in der Lebensmitte kommt sie in eine Krise, die Tochter ist erwachsen und braucht sie nicht mehr wirklich, und auch beruflich funktioniert es nicht mehr wie gewohnt, ihr Verlag hat ihren letzten Romanvorschlag abgelehnt.

Da macht sie sich auf nach Tschechien, in die alte Heimat, die sie seit der Flucht in der Kindheit nur wenige Male kurz besucht hatte. Denn sie fühlt sich angezogen von einem alten Volksmärchen, das die tschechische Geschichtensammlerin Božena Němcová erzählt hat. Darin geht es um eine Frau, der nachgesagt wurde, ihr Kind getötet zu haben, und die viele Jahrzehnte abgeschieden von den Menschen alleine im Wald gelebt haben soll, die wilde Viktorka. Bis heute pilgern Menschen in die Gegend, in der sie angeblich gelebt haben soll:

„Die wahnsinnige Viktorka. Diese Zuschreibung hatten sie aus der Babička ; sie war so sehr in den tschechischen Sprachgebrauch übergegangen, dass Viktorka vom Wehr ein Synonym für Wahrheit und Verrücktheit war – und gleichzeitig für eine spezielle Art von Wildheit.“ (S. 67)

Fasziniert von dieser Geschichte macht Elli sich auf, vor Ort zu recherchieren, um herauszufinden, ob Viktorka tatsächlich gelebt haben könnte und was an der Geschichte dran ist. Dabei ahnt sie noch nicht, in was für eine mystische Beziehung sie mit der Gegend und dem Wald eintreten wird und wie sie am Ende transformiert daraus hervorgehen wird.

Besonders gut hat mir an dem Buch die Verflechtung der drei Frauengeschichten, Elli, Viktorka, und auch über die Geschichtensammlerin Božena erfährt man so manches, gefallen. Die Erzählweise ist episodenhaft, und auch die Erzählperspektiven wechseln, doch gut ausgekannt habe ich mich immer.

Ich mag Geschichten, die nicht nur rein faktenorientiert sind, sondern auch eine mystische und symbolische Komponente haben. So hat auch Elli selbst eine transformative Erfahrung alleine im Wald und nähert sich damit nicht nur über den Intellekt, sondern auch über das Spüren der Verbundenheit mit der Natur der Figur der Viktorka tiefer gehend an:

„Ich musste an Viktorka denken, ich musste an all die anderen denken, über die ich erst kürzlich so viel gelernt hatte. An die Waldmenschen, an die Holzmänner und Moosweiblein. Ich wünschte mir Haut aus Flechten und Rinde gegen die Kälte. Ich wollte aus Nebel sein und davonschweben. Ich wünschte mir Viktorkas Willen, den Mut einer Wilden Frau. Ich wünschte mir das Durchhaltevermögen eines Baums, die Widerstandskraft eines Farns. Ich wünschte mir die hellsichtigen Augen eines Kauzes und die fein justierten Ohren eines Luchses. Ich wollte das alles, damit ich die Nacht überstand, denn ich verstand jetzt: Wer im Wald überleben wollte, der musste Wald werden.“ (S. 157/158)

Insgesamt behandelt das Buch viele wichtige und ganz unterschiedliche Themen: von der Flucht aus einem kommunistischen Land in den Westen und dem, was das mit Familienbeziehungen, Identität und Entfremdung macht, über die Bewahrung, Weitergabe und Erforschung alten Kulturguts in Märchen und Geschichten bis zur Frage, was für Geschichten wir über andere, aber auch über uns selbst erzählen, und was das mit unserer Weltsicht und Identität macht, steckt ein breiter Bogen darin.

Dabei gelingt es der Autorin, diese Themen auf unterhaltsame und interessante Weise miteinander zu verweben, sodass ein Buch entstanden ist, das sich einerseits angenehm und schnell liest, bei dem sich aber durchaus auch eine sorgfältige Lektüre lohnt, um die verschiedenen Bedeutungsebenen zu entdecken und zu entschlüsseln. Ich habe es sehr gerne gelesen und es wird sicher nicht das letzte Buch dieser Autorin für mich bleiben.

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Ein Stück Zeitgeschichte erlebbar gemacht

Geteiltes Haus von Alice Horácková

Aus Erzählungen Vertriebener und ihrer Nachkommen kennen viele Menschen aus Deutschland und Österreich die Beneš-Dekrete, im Rahmen derer nach dem 2. Weltkrieg mehrere Millionen zur deutschen Volksgruppe gehörende Menschen in der damaligen Tschechoslowakei entschädigungslos enteignet und oft brutal vertrieben wurden, und die formal bis heute in Kraft sind.

Damit ging eine lange Zeit des oft friedlichen, gerade am Ende aber sehr konflikthaften Zusammenlebens von deutschsprachigen, tschechischsprachigen und weiteren Volksgruppen in dieser Region zu Ende.

Woher kam dieser enorme Hass auf die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe im eigenen Land, sodass ein gemeinsames, gemischtkulturelles Weiterleben nicht nur unmöglich erschien, sondern auch mit großer Härte selbst gegen Kinder und alte Menschen vorgegangen wurde (was im Buch nur ganz am Rande thematisiert wird)? Dieses Buch zeigt die Hintergründe davon auf und macht verständlich, wie es schließlich zu diesem Ende kam. Passend dazu beginnt das Buch mit einem Brief einer vertriebenen Deutschen aus dem Exil in Deutschland an ihre tschechische Freundin, das Ende wird also schon vorweggenommen.

Die 1980 in Prag geborene Autorin Alice Horáčková hat beim Erforschen ihrer eigenen Familiengeschichte entdeckt, dass sie selbst aus einer gemischt tschechisch-deutschen Familie stammt und Teile ihrer Vorfahren nach 1945 nach Deutschland vertrieben wurden, wo deren Nachkommen bis heute leben. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, nicht nur ihre Familiengeschichte, sondern auch die Lebensumstände der damaligen Zeit detailliert zu recherchieren, um daraus ein lebendiges, zwar grundsätzlich fiktives, aber doch auch auf realen Personen und historischen Geschehnissen basierendes autofiktionales Familienepos zu erschaffen.

Herausgekommen ist dabei ein opulentes Werk von fast 900 Seiten in der gebundenen Ausgabe, das zwar aufgrund seines Umfangs durchaus einiges an Lesezeit benötigt, sich aber durch die kurzen Kapitel und die lebendige, spannende Erzählweise sehr unterhaltsam und kurzweilig liest.

Wir begleiten den Ort Benecko im tschechischen Riesengebirge und seine Einwohnerinnen und Einwohner über die Zeitspanne der österreichischen-ungarischen K.u.k.-Monarchie, den darauffolgenden Ersten Weltkrieg, der das Ende dieser mit sich bringen würde, die Erste und Zweite Tschechoslowakische Republik bis durch den Zweiten Weltkrieg unter deutscher Besatzung und in die Zeit der Dritte Republik in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg hinein. Das bei weitem längste Kapitel widmet sich dabei der Zeit des Zweiten Weltkrieges, doch auch von den Epochen davor wird ein lebendiges Zeitporträt gezeichnet und es wird spürbar, wie selbstverständlich die Menschen zwischen den Sprachen wechselten, untereinander heirateten, Freundschaften pflegten und friedlich miteinander lebten.

Mir hat es besonders gut gefallen, dass der Roman aus so vielen Perspektiven geschrieben ist und so viele unterschiedliche Personen zu Wort kommen, wodurch er für mich so lebendig und einprägsam erzählt war, dass ich das angehängte Personenregister kaum konsultieren musste und rasch ein Gefühl für die vorkommenden Personen und sozialen Beziehungen vor Ort hatte.

Da gibt es die schöne, unabhängige, freigeistige Zdenka, eine Tschechin und die Urgroßmutter der Autorin, die sich mit mehreren Männern einlässt, mitten im Krieg alleine mit einem Kind dasteht und schließlich doch ihren bisherigen Verlobten Vinzenz aus deutschsprachiger Familie heiratet, dafür aber einen hohen Preis zahlt. Vinzenz wiederum schafft es durch List, Glück, NS-Anhängerschaft und Opportunismus, aus beiden Kriegen einigermaßen unverletzt und vor allem lebendig hervorzugehen. Sein Bruder Hans, ein erfolgreicher Unternehmer, kennt nur sein Geschäft und seinen Erfolg, keinerlei Prinzipien oder Moral, übernimmt bedenkenlos zusätzlich das Unternehmen enteigneter Juden und rechtfertigt das alles auch noch damit, er habe ihnen einen Gefallen getan.

Dann gibt es den Lehrer Tomek, dem seine Schülerinnen und Schüler, aber auch Gerechtigkeit und das Überleben der tschechischen Identität sehr am Herzen liegen, der eine Dorfchronik schreibt und für seine Widerstandstätigkeit lange Jahre im Gefängnis sitzt – der aber auch eine langjährige Liebesaffäre mit Anežka, auf Deutsch Agnes, der Ehefrau des Unternehmers Hans betreibt, wobei auch letztgenannter kein Kind von Traurigkeit ist und diverse Affären hat. Anežka wiederum ist ebenfalls Lehrerin und unterrichtet, obwohl selbst zur deutschsprachigen Volksgruppe gehörend, an der tschechischen Schule.

So sind diese und noch viele weitere Personen nicht nur durch Freundschaften und Ehen, sondern auch noch im Geheimen durch diverse Liebschaften miteinander weit über Volksgruppengrenzen hinaus verbunden.

Und wer ist eigentlich der Vater von Ernst/Arnošt, Zdenkas unehelichem Sohn, und was bedeutet das für dessen Schicksal in einer Zeit, in der es immer wichtiger wird, sich über die eigene Nationalität zu definieren?

Anežka, Tochter des ehemaligen deutschsprachigen Bürgermeisters, und die Tschechin Zdenka, sind schlussendlich durch ihre Heirat mit Brüdern Schwägerinnen, doch gibt es auch so einiges, was sie potentiell trennen kann… wie wird ihre Freundschaft all diese Widrigkeiten überstehen?

Ich habe dieses Buch mit sehr viel Freude, Spannung und Interesse regelrecht verschlungen und habe mich die ganze Zeit sehr nah dran an den handelnden Personen und ihren Schicksalen gefühlt. Die sehr interessante Zeitepoche von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in der Gegend des Riesengebirges, ihre vielfältigen politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen und Zerwürfnisse und deren reale Konsequenzen für all die betroffenen Menschen sind dadurch noch einmal neu und anders für mich erlebbar geworden und ich habe den Eindruck, mir mit diesem Buch – auch wenn es eine fiktionalisierte Geschichte ist – ein Stück mitteleuropäischer Zeitgeschichte noch einmal neu erschlossen zu haben.

Deshalb kann ich dieses Buch allen, die sich für Zeitgeschichte interessieren, aber genauso auch jenen, die einfach gerne ein umfangreiches, aber kurzweiliges, spannend geschriebenes und vielperspektivisches Familienepos lesen, absolut empfehlen, und freue mich auf weitere Bücher dieser talentierten Autorin.

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Großartiges Inspirationsbuch für Kinder, Jugendliche und interessierte Erwachsene

Dieses Buch zeigt dir, wie’s geht : Kunst von Ruth Millington

Laut offizieller Empfehlung richtet sich dieses Buch an Kinder ab 8 Jahren. Ich habe eine fünfjährige Tochter und kann mit ihr durchaus schon einiges aus diesem Buch ausprobieren: in Begleitung Erwachsener ist es also auch schon für Kinder ab dem Vorschulalter oder spätestens ab Volksschulbeginn gut einsetzbar.

Sollen die Kinder sich alleine damit beschäftigen, braucht es natürlich Lesekenntnisse sowie die Fähigkeit, mit verschiedenen künstlerischen Materialien alleine umzugehen.

Das Buch ist wunderschön, bunt, ansprechend und inspirierend gestaltet: so, wie ich es liebe, und mir auch als Erwachsene das Herz aufgeht, sobald ich mich damit beschäftige!

Nach einer kurzen allgemeinen Einführung in künstlerisches Arbeiten, Materialien, die Farbpalette und die Gestaltung eines Ateliers werden jeweils auf einer Doppelseite 25 verschiedene Künstlerinnen und Künstler vorgestellt und gezeigt, für welche Methoden sie besonders bekannt sind und wie man diese spielerisch und einfach selbst ausprobieren kann. Es ist eine bunte Mischung aus sehr bekannten Kunstschaffenden wie Claude Monet, Salvador Dalí oder Frida Kahlo und bisher unbekannteren Künstlerinnen und Künstlern wie der Südafrikanerin Esther Mahlangu, der Japanerin Yayoi Kusama oder dem Chinesen Liu Bolin.

Diese Beispiele zeigen schon, dass es der Autorin offenbar wichtig war, einen internationalen und vielfältigen Blick auf die Welt der Kunst zu zeigen, sodass Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen darin vorkommen und auch viele Frauen vertreten sind (was leider bei manchen anderen Werken zu diesem Thema noch immer deutlich seltener der Fall ist). Das macht mir das Buch ganz besonders sympathisch für die Arbeit mit Kindern, denn es zeigt durch seine Vorbildwirkung, dass wirklich jede/r und ganz unterschiedliche Menschen kreative Werke schaffen können.

Auch die vorgestellten Techniken sind vielfältig: von Mosaiken über Selbstporträts und geschnitzte Skulpturen, Bilder aus kleinen Punkten (Pointillismus), Collagen und Stillleben bis zu Schnur-Skulpturen und Scherenschnitten zeigt sich eine breite Palette an Inspirationen zum Ausprobieren, manche leichter, manche ein bisschen fordernder, sodass für verschiedene Altersgruppen und Niveaus an künstlerischen Vorkenntnissen etwas dabei ist.

Es wird immer zuerst einmal gezeigt, wer der jeweilige Künstler oder die Künstlerin war, für welche Methode er oder sie besonders bekannt ist und wie die Person mit dieser Methode gearbeitet hat. Dann gibt es eine Anleitung, wie man die jeweilige Methode selbst ausprobieren kann, in einzelnen Schritten gut verständlich und nachvollziehbar erklärt, sodass das Nachmachen leicht fällt.

Dieses großartige Buch macht Kunst also wirklich zugänglich und schafft einen Zugang, nicht nur vorhandene Kunst besser verstehen zu lernen, sondern selbst kreativ zu werden und daran teilzuhaben.

Ich kann es als inspirierendes Geschenk für interessierte Kinder, aber durchaus auch für Jugendliche und Erwachsene, die gerne kreativ etwas Neues ausprobieren und sich künstlerisch besser kennen lernen möchten, genauso wie als Inspirations- und Arbeitsmaterial für alle, die mit Kindern und Jugendlichen oder auch mit Gruppen kreativ arbeiten möchten, wärmstens empfehlen.

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