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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Eternal-Hope:

Macht richtig Lust aufs Wiederverwerten

Das, was da ist von Konrad Staisch

Mit "Das, was da ist" hat der Künstler und Illustrator Konrad Staisch ein wunderbares, sehr niederschwelliges, persönliches Sachbuch geschrieben, um Menschen wie mir, die nicht viel Erfahrung mit Heimwerken haben, den Einstieg ins Recycling gebrauchter, aber wertvoller Rohmaterialien zu erleichtern.

Nach einer kurzen Einführung in das Thema Nachhaltigkeit und in die Arbeit mit verschiedenen Materialien wie Holz, Metall oder Glas finden sich viele hilfreich bebilderte Schritt-für-Schritt-Anleitungen etwa zum Bauen eines Bücherregals, eines Tisches oder eines Sofas aus Materialien, die man schon zu Hause hat oder von Bekannten oder am Schrottplatz finden kann.

Alles ist so einfach erklärt und so gut illustriert, dass es tatsächlich vorstellbar scheint, mit wenig bis gar keinen Vorkenntnissen direkt ins Heimwerken und Recyclen einzusteigen. Am Ende gibt es auch noch Ideen dazu, wie wir gemeinsam unsere Gesellschaft nachhaltiger gestalten können, zum Beispiel durch das Tauschen und Gemeinsam-Nutzen von Dingen, die man nicht jeden Tag braucht.

Ein unglaublich ermutigendes Buch, das einen wichtigen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leistet und dafür sensibilisiert, wie wertvoll all die Dinge sind, die wir schon haben und die sonst schnell ungenützt auf dem Schrottplatz landen.

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Unzugänglich und einseitig

Babyelefant und Hausverstand von Ruth Wodak; Markus Rheindorf

Die Autoren möchten in ihrem Werk die Kommunikation, vor allem jene in verschiedenen österreichischen und zum Teil internationalen Medien, sowie durch die Politik, während der Corona-Zeit analysieren. Erhofft hätte ich mir dabei eine ausgewogene Perspektive, die Empathie für verschiedene Teile der Bevölkerung und ihre Betroffenheit durch die damals sehr zugespitzte, polarisierende Rhetorik zeigt.

Stattdessen wird aber wieder mal, wie auch damals schon so häufig, deutlich, auf welcher Seite die Autoren stehen und dass auch sie nicht sehen möchten, wie sehr damals impfkritische Menschen diffamiert, massiv unter Druck gesetzt und durch 2G und die tatsächlich in Kraft getretene Impfpflicht in Österreich gesetzlich und gesellschaftlich ausgeschlossen und an den Rand gedrängt wurden.

Ich kann ein Buch nicht ernst nehmen, das einerseits nur so mit elitär-akademischer Sprache und einem Zitat nach dem anderen um sich wirft, sich dabei oberflächlich betrachtet wissenschaftlich geben will, aber damit nur für wenige Bevölkerungsgruppen zugänglich ist und alle anderen von der Lektüre ausschließt (Beispiele dafür sind etwa nativistisch, manichäisch etc., - Fachbegriffe, die ohne Erklärung auch viele sehr gut gebildete Akademikerinnen und Akademiker ohne weiteres Nachrecherchieren nicht unbedingt sofort verstehen) und andererseits so schlampig recherchiert, dass behauptet wird, die Impfpflicht in Österreich sei nie in Kraft getreten (wie jeder leicht nachrecherchieren kann, ist sie das sehr wohl; nur wurde sie ausgesetzt, bevor das rechtliche Konsequenzen haben hätte können; individuelle Konsequenzen auf Beruf und gesellschaftliche Position vieler Menschen hatte sie dennoch) und wiederum das oft medial wiederholte, aber empirisch wenig haltbare Narrativ bedient wird, das Problem sei die mangelnde Umsetzung der Impfpflicht und nicht die vorhergehende Polarisierung und überhaupt die Einführung dieser gegen den Widerstand großer Bevölkerungsteile gewesen.

Dazu kommt auch hier wieder der Versuch der Diskreditierung der erlebten Ausgrenzungserfahrung vieler Menschen in Österreich, indem behauptet wird, Menschen ohne Impfung seien während 2G nicht tatsächlich von weiten Teilen des öffentlichen Lebens ausgeschlossen gewesen, sondern das hätten nur die bösen Boulevardmedien behauptet (auch hier kann man nur von mangelhafter Recherche, gepaart mit wenig Verständnis und Empathie, sprechen).

Es ist also insgesamt ein Buch, das sich von außen her als wissenschaftlich und faktenbasiert darstellen möchte, dem aber eine klare politische Positionierung zugrunde liegt, die aber nicht offen gelegt wird, weil es sich scheinbar neutral geben will. Damit ist es ein weiterer Baustein, um gesellschaftliche Polarisierung zu verstärken und das bekannte Narrativ der bösen Rechten zu bedienen, statt zu versuchen, Menschen mit anderen Positionen zu verstehen und zur Versöhnung und Aufarbeitung beizutragen, was unsere Gesellschaft dringend nötig hätte. So gesehen ist es ein Glück, dass das Buch in weiten Teilen sprachlich so unzugänglich geschrieben ist, dass es vermutlich nicht viele Menschen erreichen wird. Empfehlen kann ich es keinem.

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Interessante feministische Utopie/Dystopie

LAHEA von Lisa-Viktoria Niederberger

"Lahea" ist das Romandebüt der österreichischen Autorin Lisa-Viktoria Niederberger, die davor unter anderem schon ein persönliches Sachbuch zum Thema "Dunkelheit" verfasst hat. Es ist ein außergewöhnliches Buch, wie ich in dieser Form noch keines gelesen habe.

Die Autorin nimmt uns mit in eine ganz neue Welt, die Insel Ebria, in einer nahen Zukunft, in der mutige Pionierinnen versuchen, in einer plastikverseuchten und ausgebeuteten Welt eine ganz neue Gemeinschaft aufzubauen: eine ohne Konkurrenz und Hierarchien, mit einem friedlichen und freundlichen Miteinander, Verbrauch von möglichst wenig Ressourcen und menschliche Begegnungen auf Augenhöhe, ohne Statusunterschiede zwischen Berufen oder gesellschaftlichen Milieus.

Die Alten erinnern sich noch an die Zeit, bevor sie mit dem Schiff auf die Insel gezogen sind, während die Jüngeren schon dort geboren sind und kein anderes System mehr kennen.

Geld gibt es nicht, die Ressourcen, z.B. Mahlzeiten, werden von zentralen Stellen nach Bedarf verteilt, die Mitglieder arbeiten den größten Teil ihrer Zeit in selbst gewählten Berufen, dazu übernehmen aber auch alle im Wechsel die eher unbeliebten, aber für die Gemeinschaft wichtigen Aufgaben wie Abwaschen oder Reinigungstätigkeiten.

Es ist ein sehr einfaches Leben mit geringer Mobilität: die Distanzen zwischen den verschiedenen Inselorten werden zu Fuß zurück gelegt, Autos gibt es nicht, nur Lastenträger für alte oder beeinträchtigte Menschen, die sich nicht mehr selbst weiterbewegen können. Für das tägliche Leben gibt es das, was auf der Insel angebaut werden kann und das, was das Meer anschwemmt sowie alle Rohstoffe, die aus dem Schiff ausgebaut werden konnten, mit dem ursprünglich vor einigen Jahrzehnten die Insel angesteuert wurde. Die Welt außerhalb Ebrias scheint es noch zu geben, davon zeugen immer wieder angeschwemmte Funde von Sportschuhen, Plastiktüten und vielem mehr, aber man weiß nicht viel über sie und es ist auch nicht erwünscht, die Insel zu verlassen, um den Rest der Welt zu erkunden.

Es gibt Frauen, Männer und Variani (Menschen, die sich keinem der beiden anderen Geschlechter eindeutig zuordnen oder sich anders identifizieren, als das ihnen ursprünglich zugeschriebene Geschlecht) und diese leben in frei gewählten Familienkonstrukten miteinander oder auch alleine. Die titelgebende Protagonistin Lahea, eine junge Frau und die Tochter der bisherigen Dorfvorsteherin ihres Heimatortes, lebt beispielsweise in einem Dreierkonstrukt mit zwei Männern, die außerdem miteinander eine homosexuelle Beziehung unterhalten, und das Dreiergespann hat auch eine kleine Tochter, um die sich alle drei kümmern.

Freie Sexualität, sowohl in den gewählten Beziehungen, als auch mit anderen Bekanntschaften oder im Rahmen des Besuches von Badehäusern, spielt eine große Rolle und wird detailreich beschrieben. Jugendliche wählen selbst einen neuen Namen und legen im Rahmen des Erwachsenwerdens ihren von den Eltern gewählten "Kindernamen" ab und in vielen Bereichen wird Rücksicht auf speziell weibliche Bedürfnisse genommen, beispielsweise gibt es unterschiedliche Zusätze zur allgemeinen Nahrung je nach individueller Zyklusphase.

Regiert wird die Insel von einem ausschließlich weiblichen Ältestenrat in der Hauptstadt, der sich aus ehemaligen Dorfvorsteherinnen zusammensetzt. Vor einiger Zeit soll es einen Aufstand gegeben haben, der niedergeschlagen wurde und über den man nicht wirklich viel weiß. Es wird versucht, allen Menschen zu vermitteln, dass diese Gesellschaftsform die beste, friedlichste und freundlichste von allen sei und keine Nachteile habe.

Und tatsächlich ist einiges von dem, was momentan in feministischen Kreisen als Utopie diskutiert wird, hier real umgesetzt, siehe zum Beispiel dieses Zitat:

"Außerdem mag Enian die Alten, liebt ihre Geschichten. Wenn sie von damals erzählen, kann er es fast nicht glauben. Dass früher alles selbst getan werden musste, putzen, kochen, auf die Kinder aufpassen, sie erziehen, lieben, ihnen Sicherheit geben. Jede Familie für sich allein. Dass es verpönt war, wenig zu arbeiten, und gleichzeitig alle erschöpft waren. Dass Arbeit wichtiger war als Gesundheit, Gemeinschaft, Kreativität. Vieles hat sich verändert, seit sie auf der Insel sind. Die größte Veränderung ist vielleicht ihre Einsicht, dass es für die Aufrechterhaltung der Versorgung und der zentralen Abläufe gar nicht notwendig ist, den ganzen Tag zu schuften. Dass das, was getan werden muss, in ein paar Stunden erledigt ist, und danach noch viel Zeit übrig bleibt für die Dinge, die wirklich wichtig sind." (S. 38/39)

Doch heißt das, dass wirklich alle glücklich und zufrieden sind? Was passiert mit den Bedürfnissen und Wünschen, etwa nach stärkerer individueller Unterscheidbarkeit, dem Wunsch nach einem Leistungsprinzip und damit verbunden nach Geld und sozialen Unterschieden, nach Abenteuern usw., die in dieser Gesellschaftsform kaum gelebt werden können? Was ist mit jenen, die meinen, in Ebria benachteiligt und zu wenig berücksichtigt zu werden? Die wiederum diese Utopie für eine Dystopie halten und von einer ganz neuen, oder auch alten, Utopie träumen? Werden die Männer es dauerhaft akzeptieren, politisch keine Macht mehr zu haben? Und was ist mit jenen Männern, mit denen niemand eine partnerschaftliche und/oder sexuelle Beziehung haben möchte? Und ist dieser Rat aus älteren Frauen die beste aller möglichen Regierungsformen? Wer findet das und wer nicht? Wissen die Menschen in Ebria alles, was es zu wissen gibt und was sie wissen sollten?

Die Autorin nimmt sich ausführlich Zeit dafür, ihre Welt vorzustellen. Das hier ist eben keine typische Dystopie, die stark handlungsgetrieben schnell viel Spannung aufbaut. Stattdessen lernen wir, durchaus gut passend zu so einer feministischen Welt, erst einmal Lahea und ihre Lebenswelt gut kennen und begleiten sie auf eine Reise durch die Insel. Die bestehenden sozialen Spannungen deuten sich erst einmal langsam an und es dauert lange, bis es zu einer Eskalation kommt, auch das ein durchaus realistisches Szenario.

Insgesamt ist es ein Buch, das in eine sehr interessante neue Welt entführt und klug und reflektiert deren Sonnen- und Schattenseiten aufzeigt. Dabei wird deutlich, wie wichtig es ist, Utopien nicht zu einseitig zu gestalten, sondern nach Möglichkeit die Interessen und Wünsche aller miteinzubeziehen und Mechanismen einzubauen, die es möglich machen, sich frühzeitig einzubringen und Änderungswünsche zu äußern, ohne dafür gleich eine Revolution starten zu müssen. Die hier gezeichnete Utopie/Dystopie ist eine feministisch-sozialistischer Prägung, zeigt dabei auch die verschiedenen damit verbundenen Vor- und Nachteile auf und regt insgesamt zum Reflektieren über verschiedene Gesellschaftsformen und die darunter liegenden Werte an.

Ich empfehle das Buch insbesondere jenen, die sich für Feminismus, Sozialismus vs. Kapitalismus und verschiedene Gesellschaftsformen interessieren. Unterhaltsam liest sich der Roman durchaus auch, wenn man bereit ist, tief in die vorgestellte neue Welt einzutauchen und sich kein schnelles Erzähltempo erhofft. Für mich ist es jedenfalls ein besonderes Buch, das sehr zum differenzierten Nachdenken anregt und noch lange nachwirken wirkt.

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Trifft das Lebensgefühl vieler Frauen in den 30ern

Dabei waren wir uns immer so nah von Jette Kötschau

"Dabei wir uns immer so nah" ist das Romandebüt von Jette Kötschau und ein sehr berührendes Buch, das auch als Hörbuch, einfühlsam, unterhaltsam und authentisch gesprochen von Rebecca Veil, sehr überzeugt. Ich habe das Hörbuch gerade beendet und fühle mich emotional immer noch sehr verstanden in Bezug auf das, was auch ich in meinen 30ern erlebt habe und was so viele Frauen in der heutigen Zeit verbindet und aber gleichzeitig auseinanderbringt: die unzähligen Lebensthemen und Herausforderungen, die auf uns alle in dieser Zeit einströmen, aber oft eben nicht zugleich, sodass es sich anfühlt, als ob unsere Leben immer mehr auseinanderdriften würden und es so schwierig ist, an der ehemals so nahen Freundschaft und Verbundenheit festzuhalten.

So geht es auch Henri, Merle und Katharina, die in Schul- bzw. Studienzeit allerbeste Freundinnen waren, ständig voneinander gehört, viel miteinander unternommen und all ihre Sorgen und Probleme miteinander geteilt haben.

Doch ganz leise und subtil haben sie begonnen, sich voneinander zu entfremden: ausgerechnet Merle, von der die Freundinnen angenommen hätten, sie wolle mit ihrem Partner für immer ein DINKS-Leben ohne Kinder genießen, ist nun Mutter eines kleinen Sohnes.

Dass sie darüber aber nicht merklich jeden Tag nur überglücklich ist und strahlt, sondern mit Einsamkeit, Überforderung und kaum mehr Zeit für sich zu kämpfen hat, fällt wiederum Katharina sehr schwer zu sehen, denn diese hat seit Jahren einen heimlichen unerfüllten Kinderwunsch, von dem die Freundinnen gar nichts wissen. Schon seit Jahren möchte sie gerne mit ihrem Partner beginnen, ein Baby zu bekommen, doch dieser vertröstet sie immer weiter und es ist nicht klar, ob das überhaupt noch etwas wird mit ihm.

Henri hingegen hat kein Kind und will auch keine, doch auch sie kämpft mit ihren ganz eigenen Herausforderungen: einer schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter und der Begleitung der geliebten Großmutter, die im Sterben liegt. Dabei könnte sie die emotionale Unterstützung ihrer Freundinnen ebenfalls gut brauchen, die haben aber viel mit ihren eigenen Themen zu tun und weniger Zeit als früher.

Dem Roman gelingt es unglaublich gut, zu beschreiben und spürbar zu machen, wie die drei jungen Frauen alle mit ihren Herausforderungen zu kämpfen haben und sich eigentlich die alte Verbundenheit zurückwünschen, wie schwierig das aber für sie ist, obwohl alle drei eigentlich sympathische junge Frauen sind, die ihre Freundinnen aufrichtig schätzen. Doch die 30er bringen ihre ganz besonderen Schwierigkeiten mit sich und das noch einmal mehr in Zeiten, in denen Lebensentwürfe so stark auseinanderdriften wie kaum in einer Zeit zuvor.

Ich kann das Hörbuch allen, die selbst ungefähr in ihren 30ern sind und mit ähnlichen Themen zu tun haben, wärmstens empfehlen: man fühlt sich beim Hören einfach nur sowas von verstanden, die Autorin findet so passende Worte für all diese schwierigen Gefühle in dieser Zeit. Aber auch, wer sich in einem anderen Lebensalter befindet, aber Menschen in diesem Alter kennt und schätzt, kann von dem Hören dieses Hörbuches profitieren, denn nicht nur lernt man dabei viel über heutige Millenials, sondern es ist auch noch eine gute Unterhaltung.

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Vielfältige Einblicke in modernes jüdisches Leben in Deutschland

In jedem Menschen begegnet uns eine Welt von Anna Lutz

In diesem Buch werden zehn jüdische Menschen porträtiert, die zumindest zeitweise in Deutschland leben und sich der Autorin geöffnet haben, ihr über ihre Geschichte, ihre Lebenseinstellungen und ihre Erfahrungen zu erzählen.

Alle zehn sind sehr sympathische Menschen, bei denen man spürt, wie wichtig es ihnen ist, in ihrer Umgebung etwas zu bewirken und etwas Positives zur Welt beizutragen: ob als Dirigentin, als Politiker und Buchautor, als Präsident eines Sportvereins oder als Gründerin eines Frauenmagazins für unter anderem auch jüdische Perspektiven.

Es geht in den Geschichten um das Leben dieser Menschen im heutigen Deutschland, um ihre Familiengeschichten, die leider oft von Verfolgung und Shoah geprägt sind, und auch darum, wie es ist, nach dem 7. Oktober als sichtbar jüdisch auftretende Person im heutigen Deutschland zu leben. Auch über den jüdischen Glauben und seine Prinzipien lernt man wie nebenbei so einiges, etwa über die lebendige Debattenkultur oder verschiedene Feiertage.

Für mit diesem Glauben noch nicht so vertraute Leserinnen und Leser findet sich am Ende ein Glossar.

Insgesamt ist es ein sehr interessant zu lesendes und positives Buch, das ich allen, die sich für heute in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden und ihre Erfahrungen interessieren, sehr empfehlen kann.

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Genreübergreifendes Meisterwerk zu Krieg, Schnecken, Heiratsindustrie und Autorinnensein

Ein Königreich für eine Schnecke von Maria Reva

Die ukrainische-kanadische Autorin war gerade dabei, ein Buch über den Heiratstourismus hoffnungsvoller Junggesellen aus westlichen Ländern in die Ukraine zu schreiben, als im Februar 2022, nach einigen Vorboten im Jahrzehnt davor und dennoch unerwartet und schockierend, Russland die Ukraine überfiel und in einen seitdem bestehenden Krieg verwickelte.

Was macht man als Autorin in so einem Fall?
Einfach weiterschreiben, als ob nichts geschehen wäre? Unmöglich!
Das bestehende Romanvorhaben aufgeben? Das wäre doch schade gewesen.

Stattdessen ist der begabten und für die Longlist des Man Booker Prize 2025 nominierten Autorin ein ganz besonderes Kunststück gelungen: ihr bestehendes Romanfragment um die in die Gegenwart einbrechenden Ereignisse zu erweitern und daraus ein überzeugendes, genial konstruiertes, genreübergreifendes Meisterwerk aus beklemmender, tiefschwarzer Gesellschaftssatire mit naturwissenschaftlichen Einsprengseln zum Artensterben am Beispiel der Schnecke, kombiniert mit der Vermittlung von Wissen über die aktuelle Situation der Ukraine und als Sahnehäubchen einer intensiven Selbstreflexion des Schaffensprozesses als Autorin, zu erschaffen, das literarisch auf hohem Niveau und gleichzeitig äußerst unterhaltsam und damit zugänglich geschrieben ist.

Mit diesem Werk hat die Autorin etwas ganz Neues geschaffen, das ich auf diese Art noch nicht gelesen habe und meine Perspektiven auf die Ukraine, aber auch auf Schnecken, den internationalen kommerziellen Heiratsmarkt und auf die Art, wie eine Autorin in Kontakt mit ihren Themen und mit sich selbst geht, in vielfacher Weise erweitert hat.

Was lesen wir, wenn wir dieses Buch lesen?

Zuerst einmal einen scheinbar "normalen", schwarzhumoristisch geschriebenen und detailliert betrachteten, unterhaltsamen ersten Teil über Männer aus westlich geprägten Ländern, die in ihren Heimatländern nicht viel Erfolg mit der Suche nach einer Partnerin hatten und denen die angeblich so perfekten ukrainischen Frauen von den jeweiligen Agenturen in den schillerndsten Tönen gezeichnet wurden:

„Sehen Sie her! schrien die Internetseiten. Bestaunen Sie das Phänomen der ukrainischen Frau! Gut gepflegt, mit den Beinen einer Antilope und den Augen einer Katze. Das Haar der ukrainischen Frau ist lang und ihr Körper ist schlank, aber sie hat einen Masterabschluss und beherrscht mehrere Musikinstrumente! Ein ehemaliger US-Präsident und Eigner des Miss-Universe-Wettbewerbs bestätigte, die Ukraine sei unter den Teilnehmerinnen stets gut vertreten.“ (S. 77)

Dabei werden die Junggesellen durchaus differenziert dargestellt und es gibt auch den einen oder anderen Sympathieträger unter ihnen, etwa Pascha, in Kanada lebend und selbst mit ukrainischen Wurzeln und auf der Suche nach der großen Liebe:

„Auf seinem Bildschirm lockten die Sirenen mit ihrem wallenden Haar und ihren meerblauen Augen. Natürlich war er nicht dumm. Er wusste, dass nicht alle Frauen in seinem Heimatland so aussahen. Aber was konnte es schon schaden, sich die Website anzusehen?“ (S. 139)

Vor allem aber lernen wir die Frauen kennen, die dort eine Rolle vorspielen, aber gar nicht diesem Klischee entsprechen und bei denen es sich um sehr intelligente, unabhängige und selbstbewusste Frauen handelt, die teilweise sehr mit sich kämpfen müssen, um sich zu verstellen:

„Das Problematische war ihr Gesicht. Nicht sein Aussehen an sich – mit dem richtigen Make-up hatte Nastja nie Schwierigkeiten, bei den Touren angenommen zu werden -, sondern wozu es in der Lage war. Obwohl sie sich intensiv mit dem warmherzigen Gemüt der ukrainischen Frau auseinandergesetzt hatte, das diese Junggesellen erwarteten, fiel es ihr schwer, diese Erwartungen zu erfüllen.“ (S. 69)

Eine davon ist Schneckenforscherin Jewa. Eigentlich asexuell und nicht wirklich interessiert an einer Beziehung, verdient sie sich mit den Hoffnungen der Junggesellen das Geld, das ihre naturwissenschaftliche Berufung nicht abwirft. In Wirklichkeit schlägt ihr Herz nur für ein Thema: möglichst viele Schneckenarten vor dem Aussterben zu bewahren. Wenn das letzte Exemplar einer Spezies stirbt, dann wird das wie folgt vermerkt: „Ein Zeitstempel. Genauer gesagt, ein Todeszeitstempel. Der Moment, in dem eine Art für immer verschwand.“ (S. 31)

Dieses "Buch im Buch" endet mitten im Buch abrupt. Mit Abschluss und Danksagung. So, wie der bisherige Alltag der Ukrainerinnen und Ukrainer im Februar 2022 für immer endete, plötzlich und schockierend.

Dann ist auf einmal alles anders, außer erst einmal die Realität der Junggesellen in deren Köpfen, denn da kommt es zu Täuschungen und Verwirrspielen, auf die sich die wohlstandsverwöhnten Männer, die nicht mit einem plötzlichen Krieg rechnen, nur allzu bereit einlassen und lieber an "den Weihnachtsmann", also einen landesweit stattfindenden Pyrotechnikwettbewerb glauben wollen, der die plötzlichen Explosionen erkläre, als an einen tatsächlichen Krieg, weil nicht sein kann, was nicht sein darf:

„Heute sei ein besonderer Tag, hatte die sanfte Frauenstimme den Junggesellen über die Lautsprecheranlage des Wohnmobils mitgeteilt. Jedes Jahr finde in der Ukraine ein landesweiter Pyrotechnik-Wettbewerb statt. Das hätten die Männer drei Stunden nach Beginn ihrer Reise zu hören bekommen – die Feuerwerker versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen; landauf, landab verlobten sich Liebende unter dem funkelnden Firmament. Was könnte romantischer sein?“ (S. 220)

Ab da entwickelt sich die Handlung rasant weiter, doch Details verrate ich natürlich keine, um nicht zu spoilern. Sehr gefallen haben mir aber auch die eingeschobenen kurzen Zwischenkapitel der Autorin zu ihrem Schreibprozess und zur Beantragung von Förderungen dafür in ihrem kanadischen Heimatland, die oft die Absurdität des Autorinnendaseins in Verbindung mit einem Land, in dem Krieg herrscht, so deutlich aufzeigen, hierzu noch eine Stelle:

„Schildern Sie im Detail, wie Sie durch die Einhaltung der Covid-19-Sicherheitsvorschriften sichere Arbeitsbedingungen für sich selbst und andere gewährleisten werden:

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ziehen sich die russischen Truppen aus Kyjiw zurück, um ihren Angriff auf die Donbass-Region im Osten zu konzentrieren, wodurch der Zugang zu Covid-19-Testkliniken, soweit es sie noch gibt, wieder möglich wird. (…) Sollte ich mich während eines Luftangriffs mit nicht meinem Haushalt angehörenden Personen zusammen in einem Schutzraum befinden, werde ich den angemessenen Abstand von anderhalb Metern einhalten und die Menschen in meiner Umgebung aktiv dabei unterstützen, dies ebenfalls zu tun; für ein wenig Aufklärung über öffentliche Gesundheit ist kein Moment unpassend.“ (S. 187/188)

Aus diesem Buch habe ich außergewöhnlich viel zitiert, weil es mir wichtig war, Interessierten einen Einblick in die Schreibweise und Themenvielfalt dieses ganz besonderen Werkes zu geben.

Insgesamt kann ich sagen, dass es definitiv eines meiner Jahreshighlights und ein ganz besonderes Buch war, das nicht nur mit seinen Themen, sondern mit der außergewöhnlichen Art und Weise, wie es sich diesen annähert, bei mir intellektuell und emotional noch lange nachhallen wird und das ich allen für neue Schreibweisen offen eingestellten Menschen, die sich für das aktuelle Weltgeschehen interessieren und gerne tolle Literatur dazu lesen, absolut empfehlen kann!

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Manifest für die Liebe zum eigenen Körper

Unshame von Louisa Dellert

Louisa Dellert war früher Fitness-Influencerin und hat beispielsweise mit Sport- oder Proteinshakemarken zusammen gearbeitet, um deren Produkte und ihre Fitnessroutinen auf Social Media zu bewerben. Heute sieht sie die Schönheits- und Fitnessindustrie, alles, was damit zusammenhängt, und auch ihren eigenen Anteil daran, äußerst kritisch und setzt sich dafür ein, uns von überzogenen Schönheits- und Fitnessidealen zu befreien.

In ihrem Buch "Unshame", das auch unter dem gleichen Titel sehr unterhaltsam und gleichzeitig einfühlsam gesprochen von Luise Georgi als Hörbuch erschienen ist, zeigt sie die perfiden Mechanismen einer riesigen Industrie auf, die insbesondere Mädchen und Frauen vermitteln will, nie gut genug zu sein, um beständig neue Produkte zum Schlanker- und Fitter-Werden, für mehr vermeintliche Perfektion und gegen das Altern zu kaufen. Sehr oft arbeiten diese Marketingstrategien zumindest implizit auch mit Beschämung und tragen dazu bei, dass sich so viele Mädchen und Frauen unwohl in ihrem eigenen Körper fühlen.

Es ist ein kluges und mutiges Hörbuch, das auf viele verschiedene Facetten des Themenbereichs eingeht: auf Anti-Falten-Produkte, die sogar schon Teenager als Werbezielgruppe haben, auf Bodyshaming und den Kampf der neuen Rechten gegen die Body-Positivity-Bewegung, auf den Heroin Chic der 1990er Models, auf Barbie-Puppen mit völlig realitätsfremden Körpermaßen und ohne Intimbereich und auf vieles mehr. Dabei gelingt es Louisa Dellert sehr gut, sorgfältig recherchierte statistische Daten und interessante Studienergebnisse zu dem Thema mit ihren eigenen Erfahrungen mit dem Thema zu verbinden.

Wir erleben beim Hören oder Lesen eine nahbare und sich verletzlich zeigende junge Frau, die ehrlich erzählt, wie sie selbst von klein auf von den unerreichbaren Idealen dieser erbarmungslosen Industrie, die sich tief durch viele Gesellschaftsbereiche ziehen, beeinflusst und beschämt wurde, sich immer schlecht und unzureichend in ihrem eigenen Körper fühlte, so sehr, dass sie sogar eine Essstörung entwickelte, während sie nach außen hin immer noch die erfolgreiche und glückliche Fitnessinfluencerin spielte.

Dabei bestärkt die Autorin, basierend auf ihrem eigenen Erleben und mit Vorbildwirkung, insbesondere Mädchen und Frauen darin, einen neuen Blick auf und ein besseres Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln. Am Ende jedes Kapitels finden sich dazu Reflexionsfragen und Übungen, zum Beispiel jene, im Kopf ab jetzt jede Bewertung ihres Körpers mit "da" zu ersetzen, also z.B. statt "mein Bauch ist zu dick" zu denken: "Mein Bauch ist da." Sehr sympathisch ist, dass einige der Übungen auch darauf abzielen, die Solidarität und Verbundenheit unter Frauen zu stärken, internalisierte Abwertungen der Körper anderer Frauen zu bemerken und zu verändern.

Insgesamt ist es ein sehr wertvolles Hörbuch/Buch, das ich allen Mädchen und Frauen, aber auch interessierten Männern, nur ans Herz legen kann, weil es ein gesellschaftlich sehr wichtiges und viele Menschen unnötig verletzendes Thema auf positive und bestärkende Weise behandelt, sodass man sich danach inspiriert fühlt, aktiv zu werden, um dazu beizutragen, dass sich mehr Menschen in ihrem Körper wohl fühlen und ein gutes und gesundes Verhältnis zu ihm entwickeln können. Vielen Dank für dieses großartige Buch und für den Mut, darin so offen über die eigene Geschichte zu sprechen!

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Über Zerrissenheit und Entfremdung angesichts von Krisen

Luft nach unten von Tamara Stajner

Dieses Buch gehört zu denen, bei denen man etwas anderes erwartet, wenn man den Text auf der Rückseite des Buches und den Klappentext liest, als man dann tatsächlich bekommt. Angekündigt ist ein Familiengeheimnis im Zusammenhang mit dem verstorbenen ehemaligen Kindermädchen der Hauptfigur Iva, sowie das Mutter- und Tochter-Sein als zentrales Thema.

Beides kommt im Roman zwar vor, im Zentrum stehen aber ganz andere Geschichten.

Iva ist eine junge Frau mit Wurzeln aus dem ehemaligen Jugoslawien, sie spricht neben Deutsch auch Kroatisch und Slowenisch, ist in Slowenien aufgewachsen und besucht nun anlässlich des vermutlichen Suizides ihres ehemaligen Kindermädchens dessen Begräbnis am Ohrid-See in Nordmazedonien. So beginnt das Buch und die Handlung. Weitere bedeutende Orte für das Buch sind Wien, wo die Hauptfigur mit ihrem Mann lebt und sich in bisher erfolgloser Kinderwunschbehandlung befindet, sowie Slowenien, wo ihre Eltern leben und sie anlässlich einer akuten Erkrankung der Mutter hinreisen wird.

"Luft nach unten" ist ein vielschichtiges Buch, das verschiedenste Themen verhandelt: gut spürbar ist die Atmosphäre bei den Reisen in die verschiedenen Staaten des ehemaligen Jugoslawiens, bei denen auch viele einzelne Phrasen und Teile der Dialoge auf Kroatisch und Slowenisch wiedergegeben werden.

Da ich über Sprachkenntnisse verfüge, die mir ermöglicht haben, all diese Phrasen und Sätze zu verstehen, hat es für mich zur Authentizität der Lektüre beigetragen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass Leserinnen und Leser ohne Kenntnisse südslawischer Sprachen davon ein bisschen genervt sein könnten - Fußnoten oder Übersetzungen gibt es nämlich keine dazu.

Das Buch liest sich insgesamt gut und unterhaltsam und die Situation in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens und damit verbundene Themen - etwa die Emigration vieler gut ausgebildeter junger Menschen in die immer noch mehr Wohlstand versprechenden Länder Mittel-, West- und Nordeuropas, während die Großeltern sich um deren zurückgelassene Kinder kümmern - ist authentisch dargestellt, genauso wie die Zerrissenheit zwischen verschiedenen Kulturen und Zeiten, und damit verbundene familiäre Herausforderungen, sowie die Entfremdung, die eine über Jahre gehende erfolglose Kinderwunschbehandlung oft bei Paaren bewirkt.

Ganz schön viele Themen, die aber geschickt so miteinander verflochten sind, dass es auf mich nicht konstruiert wirkte und es insgesamt ein Buch ist, das zum Nachdenken anregt und das ich außerdem sehr gerne gelesen habe. Ein bisschen enttäuschend war für mich nur der Schluss, der die Handlung nach meinem Geschmack nicht ganz so über die Ziellinie gebracht hat, wie ich es mir erwünscht hätte, und einiges offen gelassen hat.

Empfehlen kann ich das Buch insbesondere allen, die sich für die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens und für das Thema Kinderwunschbehandlung - letzteres bekommt im Buch sehr viel Raum, mehr als alles andere - interessieren.

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Von all den leeren Stellen

Frieda von Geraldine Oetken

Im Falle des Buches der jungen, 1990 geborenen, Autorin Geraldine Oetken lohnt es sich, genau hinzuschauen, wie dieses Buch auf der Vorderseite angekündigt ist: "Frieda - Die Suche nach meiner vergessenen Urgroßtante", mit Betonung auf dem Wort "Suche". Genau darum geht es in diesem Buch nämlich: um eine Suche.

Nicht unbedingt um ein Finden. Und schon gar nicht um eine ausführlich erzählte Lebensgeschichte.

Wir begleiten die Autorin dabei, wie sie sich auf die mühsame und oft ergebnislose Suche nach näheren Informationen über das Leben und den Tod ihrer 1941 in einer Psychiatrie unter mysteriösen Umständen verstorbenen Urgroßtante Frieda macht. Geschichtlich Interessierten ist schon seit einiger Zeit bekannt, dass in dieser Zeit auch viele psychisch Erkrankte, Behinderte oder sonstwie von dem Regime als "unnütze Esser" eingestufte Menschen sterben gelassen bis aktiv ermordet wurden. Darüber gibt es auch schon einige andere Bücher, die solche Schicksale aufarbeiten, oft mit wesentlich mehr Informationen zur Biografie der Ermordeten, als es in diesem Buch der Fall ist.

Über Frieda erfahren wir tatsächlich nur sehr wenig, genauso wie die Autorin selbst. Viele ihrer Aktenanfragen und Recherchen führen zu keinen Ergebnissen, und das, was sie an einzelnen Informationen erhält, ist sehr spärlich. In der Familie selbst herrscht über vieles großes Schweigen, insbesondere, da es sich um eine Generationen zurück reichende, vermögende Unternehmerfamilie handelt, wovon die Autorin auch bis heute materiell profitiert und was sie auch kritisch reflektiert.

In der Familie wird so getan, als wäre zwischen 1933 und 1945 in Bezug auf die Familiengeschichte und das Unternehmen einfach nichts passiert, und auch hier versucht die junge Frau nachzuforschen und genauer hinzusehen. Für diesen Mut hat sie auf jeden Fall meinen großen Respekt, denn das ist sicher nicht leicht in so einer Familie, und es braucht auch innere Stärke, sich da öffentlich so zu exponieren.

Wer dieses Buch lesen möchte, dem rate ich, nicht mit falschen Erwartungen heranzugehen. Es zeigt authentisch auf, wie schwierig es sein kann, die eigene Familiengeschichte aufzuarbeiten und an nähere Informationen zu gelangen. Dramaturgisch ist es dadurch aber auch leider nicht sehr spannend: über weite Strecken recherchiert die Autorin und findet wenig bis nichts, dabei begleiten wir sie, wie sie in ihrem Kopf Vermutungen über die unbekannte Urgroßtante und die damalige Zeit anstellt, versucht, eine innere Verbindung zu ihr aufzubauen, ihr eigenes Entsetzen über die schrecklichen Zeiten damals äußert und mittendrin Details aus ihrem Beruf oder ihrem Leben erzählt.

Dazu finden sich einige allgemeine Informationen über die NS-Zeit und die damaligen Unrechtspraktiken, die aber vermutlich den meisten Menschen, die sich mit diesem Thema schon ein bisschen befasst haben, schon bekannt sind. Es ist eben nicht das erste Buch über diese Zeit, sondern eines, das sich in eine lange Reihe von Werken einreiht, und in dieser Hinsicht hat es für mich wenig Neues geboten. Wer sich wirklich detailliert informieren möchte, findet außerdem viele historisch wesentlich fundiertere Werke mit weniger Mutmaßungen und mehr tatsächlichen historischen Belegen.

Dieses hier ist eher eine persönliche Annäherung, die mich aber nicht wirklich packen konnte. Ich habe also das Leseerlebnis eher mühsam und über weite Strecken langatmig und eher uninteressant gefunden. Hängen geblieben ist bei mir hauptsächlich, wie mühsam Ahnenforschung sein kann, wie wenige erhaltene Akten es gibt, wie schwer zugänglich diese sind und wie viel davon wohl in den letzten Kriegsmonaten bewusst vernichtet wurde, um Verbrechen zu verschleiern und Spuren zu verwischen. In dieser Hinsicht ist das Buch also durchaus lehrreich und interessant. Wer aber eine tatsächliche Biografie einer ermordeten Person aus der damaligen Zeit sucht, die sich auch noch spannend lesen soll, der greife eher zu anderen Büchern zu dem Thema.

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Anspruchsvoller Therapie- und Selbsterkenntnisbegleiter

Tiefenpsychologie auf der eigenen Couch von Jens Winkler

"Tiefenpsychologie auf der eigenen Couch" des Psychologen und Psychologischen Psychotherapeuten Jens Winkler trägt den Untertitel "Das Begleitbuch für Therapie und persönliche Entwicklung" und damit zeigt es schon gut auf, was es sein kann und was nicht: es ist ein großartiges Werk, um Therapieprozesse, allgemein und insbesondere solche der tiefenpsychologischen Schule, besser verstehen zu können und einschätzen zu lernen, was in einer Therapie passieren kann, um welche Themen es gehen kann, mit welchen Methoden gearbeitet wird und was man vernünftigerweise davon erwarten kann und was nicht.

Es ist aber nicht dazu da, bei schweren psychischen Erkrankungen eine Psychotherapie zu ersetzen.

Zuerst geht es viel um allgemeine Themen wie darum, was überhaupt Psychotherapie ist, was man unter psychisch krank oder psychisch gesund verstehen kann, wovon psychische Erkrankungen beeinflusst werden und vieles mehr. Besonders interessant fand ich dabei die Betrachtung einer Depression unter verschiedenen Blickwinkeln und Erklärungsmodellen: je nachdem, mit welcher Linse das Thema betrachtet wird, stehen beispielsweise kognitive Erklärungsansätze und verhaltenstherapeutische Modelle, neurophysiologische Erklärungen, der humanistische Blick auf ungelebtes Leben oder die traumatherapeutische Perspektive im Vordergrund - und jede dieser Perspektiven kann etwas Hilfreiches zum tiefergehenden Verständnis eines komplexen Phänomens beitragen. Auch die gesellschaftliche Dimension psychischer Erkrankungen wird diskutiert.

An diesem Beispiel zeigt sich schon, dass das Buch durchaus für Laien gut verständlich und zugänglich geschrieben ist, sich insgesamt aber schon eindeutig an eine Zielgruppe mit guter Vorbildung, hohem Sprachverständnis und entwickelter Selbstreflexionsfähigkeit widmet. Es ist kein ganz niederschwelliger Ratgeber für die Allgemeinbevölkerung insgesamt, sondern eher Menschen zu empfehlen, die regelmäßig auch anspruchsvollere Sachbücher lesen.

Für diese liest es sich aber mit großem Gewinn: immer wieder gibt es auch persönliche Beispiele und sehr ansprechende und interessante Selbstreflexionsübungen am Ende jedes Kapitels, die persönlich gestaltet sind und therapiebegleitend oder auch selbständig ausprobiert werden können, um sich selbst besser kennen zu lernen. Außerdem gibt es weiterführende Literaturtipps zu vielen Themen, sodass man diese bei Interesse noch weiter vertiefen kann.

Später geht es dann noch um weitere interessante Themen, die für ein gelingendes Leben wichtig sind: gute Beziehungen, die Fähigkeit zu Selbstregulation, eine gesunde Beziehung zum eigenen Körper, ein stabiles Selbstwertgefühl und vieles mehr. Auch Spiritualität und Achtsamkeit kommen in diesem vielseitigen und ganzheitlich orientierten Buch vor.

Reflektierte und reife, gebildete Menschen können also daraus begleitend zu einer Therapie oder - bei stabiler psychischer Gesundheit, hoher Motivation und guten Selbststeuerungsfähigkeiten auch alleine - auf vielfältigen Ebenen einiges aus diesem Buch mitnehmen und sowohl viele neue interessante psychologische und therapeutische Erklärungsmodelle und Studienergebnisse kennen lernen, als auch die Einladungen annehmen, die praktischen Übungen und Reflexionen auszuprobieren und dabei Neues über sich selbst zu erfahren.

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