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Rezensionen von Eternal-Hope:

Mutterschaft und Mutter-Tochter-Beziehungen im Spiegel des Zeitgeistes

Brüchiges Plastik von Angie Volk

Dieses Buch beginnt stark, mit einem eindringlichen Gedicht zum Thema Mutterschaft, in dem sehr viel Wahrheit steckt: "Mutterschaft macht müde, Mutterschaft macht zornig, weich, angreifbar, unzuverlässig, unpünktlich, ungehalten, Mutterschaft macht wütend. Und niemand will eine wütende Mutter sehen.

" (S. 10)

Doch leider handelt es sich dabei nur um ein Manuskript, das bei dem Verlag, den zwei der Hauptcharaktere betreiben, eingereicht, und von diesem abgelehnt wird. Worum geht es in diesem Buch sonst? Um Eve, die mit Hendrik ein Baby bekommt, Tochter Mia, und gerne eine gleichberechtigtere Aufteilung der Care-Arbeit hätte: doch das klappt nicht, Hendrik ist zu beschäftigt mit den Aufgaben im Verlag, den er gemeinsam mit seiner Kollegin Anthea leitet. Anthea ist kinderlos, Eltern gegenüber nicht sehr aufgeschlossen, und außerdem bisexuell.

Letzteres wird, den Zeitgeist bedienend, auch sonst ein großes Thema in diesem Buch sein: denn Eve bekommt zur Unterstützung Au-Pair-Mädchen Juna aus einem spanisch-sprachigen Land, aber perfekt Deutsch sprechend und auch sonst nicht sehr authentisch wirkend, zur Seite gestellt, und wird mit dieser eine lesbische Affäre beginnen.

Ansonsten gibt es noch die Perspektiven der erwachsenen Mia, die eine Fehlgeburt verarbeiten muss und sich mit dieser Erfahrung von ihrem Partner Tom unverstanden und allein gelassen fühlt. Und die von Gabriele, Eves Mutter, die eine sehr traditionelle Beziehung mit ihrem verstorbenen Mann führte und von ihren beiden Töchtern schon abgelehnt wurde, als diese noch recht kleine Kinder waren. Ja, selbst, als sie mit ihnen schwanger war, hat sie schon wahrgenommen, um was für andersartige Wesen im Vergleich zu ihr es sich bei diesen handeln würde, und danach wurde es nicht besser: "Sowohl Eve als auch Clara wurden in Windeseile zu Töchtern, die ihre Mutter als unnötige Last wahrnahmen, sich von ihr zu lösen versuchten wie Tiere, die sich gegen das Zähmen wehrten." (S. 100)

Ich könnte noch einiges aus dem Inhalt erzählen, aber darum geht es hier nicht. Und ich hätte dieses Buch so gerne gemocht, aber ich finde die Figuren einfach nur klischeehaft, den Zeitgeist bedienend bis unglaubwürdig. Ich war genervt davon, dass auch in diesem Buch wieder an vielen Stellen unbedingt lesbische Liebesbeziehungen und dementsprechende erotische Szenen eingebaut werden mussten ("Eve, die dem Bedürfnis widersteht, mit ihrem Mund Junas Nacken zu berühren, stattdessen ein Messer aus der Schublade holt, sich auf die Unterlippe beißt wie ein Kind, das sich schamhaft ertappt fühlt, viel zu fest", S. 159).

Insgesamt konnte ich auch keinen wirklichen Spannungsbogen finden, der mich gefesselt hätte. Die Kapitel sind aus verschiedenen Frauenperspektiven erzählt, aber auch das hat das Buch für mich nicht retten können.

Ich gebe dem Buch 2,5 Sterne, die ich mit viel Nachsicht für die gute Absicht, Mutter-Tochter-Beziehungen und die Problematik moderner Mutterschaft darzustellen, und insbesondere für das einprägsame Gedicht am Anfang, auf 3 aufrunde.

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Tiefgründige philosophische Kurzgeschichten

Der Fluss der Zeit von Pascal Mercier

Der Schweizer Philosoph, Autor und langjährige Universitätsprofessor Peter Bieri hat unter dem Künstlernamen Pascal Mercier umfangreiche und tiefgründige Romane wie "Nachtzug nach Lissabon", "Perlmanns Schweigen" oder "Das Gewicht der Worte" veröffentlicht. Nach seinem Tod im Jahr 2023 wurden in seinem Nachlass noch einige unveröffentliche Kurzgeschichten gefunden, die der Hanser Verlag nun in diesem Sammelband herausgegeben hat.

Die Geschichten sind jeweils aus der Sicht verschiedener, nicht mehr ganz junger Männer, geschrieben und es geht um Themen wie Erinnerung, Vergänglichkeit, Rückschau auf das eigene Leben, Freundschaften auf Augenhöhe, Abschied nehmen und Wandel.

Sehr berührend wird zum Beispiel geschildert, wie ein Mann nach vielen Jahren von einem Haus, das ein Jahrhundert im Familienbesitz war, Abschied nehmen muss, als er es an ein jüngeres Paar verkauft hat, und wie das Paar genau spürt, wie schwer ihm das fällt:

"Er berührte jeden Schlüssel kurz mit dem Zeigefinger, dabei verrutschte einer, und er schob ihn sachte zurück. "Liebevoll", sagte Anna später darüber, "es lag seine ganze Liebe zu dem Haus in der Bewegung, ich musste schlucken". Prager sah unsere Blicke. "Es sind halt meine Schlüssel", sagte er. "Oder waren es". (S. 10)

In einer weiteren Geschichte geht es um ungleiche Freundschaften und darum, was es mit uns macht, wenn ein Freund dem anderen ein großes Geschenk macht - eine komplette Eigentumswohnung - für das sich der andere nicht in gleichem Ausmaß revanchieren kann. Hier sehen wir, wie an vielen weiteren Stellen, wie der Autor komplexe philosophische und psychologische Gedankengänge geschickt und allgemeinverständlich in seine Geschichten eingebaut hat:

"Er machte eine Pause und wir spürten, dass nun etwas kam, ein Gedanke, den er sich langsam und mühsam erobert hatte: "In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die eigene Freiheit zurück." (S. 32)

Dann gibt es in einer weiteren Erzählung einen älteren Mann, der auf den entscheidenden Befund wartet, der ihm mitteilen wird, ob er an einer schweren Krankheit leidet oder doch gesund ist. Einen weiteren Mann, der sehr lärmempfindlich ist, mit seinem Stiefsohn einen unerbitterlichen Machtkampf austrägt und es am Ende nicht mehr aushält. Und schließlich ein Mann, der nach 40 Jahre in die Gegend seiner Studentenzeit zurückkehrt und in Erinnerungen schwelgt.

Im Vordergrund stehen also ältere Männer und ihre Lebensthemen. Diese werden vom Autor psychologisch äußerst treffend und sensibel dargestellt, sodass man tief in die Seele der Charaktere hineinblicken kann, sich verbunden fühlt und selbst beginnt, über tiefsinnige Themen des eigenen Lebens nachzudenken.

Dramaturgisch sind die Erzählungen ebenfalls von hoher Qualität, ziehen die Leserinnen und Leser sofort in ihren Bann und sind spannend und berührend erzählt, ohne ein überzähliges Wort.

Dieser Erzählband beweist, dass es sich beim Autor um einen herausragenden Schriftsteller handelt. Ich empfehle ihn, neben allen bisherigen Fans seiner Bücher, auch allen, die noch nichts von diesem Autor gelesen haben: das kleine, kurze Büchlein ist ein sehr guter Einstieg in sein Werk, um beurteilen zu können, ob man mehr von ihm lesen möchte. Ich werde das jedenfalls tun.

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Niederschwellige und persönliche Einführung in das Thema

Ganz normal medial von Vanessa Spaleck

Für Vanessa Spaleck sind Jenseitskontakte etwas ganz Normales. Schon seit ihrer Kindheit verfügt sie nach eigenen Angaben über mediale Fähigkeiten, die sie aber außerdem durch Ausbildungen in diesem Bereich, etwa am Arthur Findley College in Großbritannien, ausgebaut und professionalisiert hat.

Ein seriöser Zugang ist ihr wichtig, genauso wie das Aufräumen mit Vorurteilen und Mythen und das Differenzieren dessen, was in diesem Bereich denn wahrgenommen werden kann.

So unterscheidet die Autorin etwa zwischen sensitiven und medialen Fähigkeiten: während erstere sich auf eine energetische Wahrnehmung im Bereich des Materiellen hier auf der Erde bezieht, etwa auf andere Menschen oder auf Gegenstände oder Orte, geht es bei zweiteren um Kontakte mit Verstorbenen aus der eigenen Ahnenlinie, Bekannten und Freunden oder den eigenen Geistführern oder -helfern.

Wer selbst seine Fähigkeiten in diesem Bereich entwickeln möchte, für den gibt es fundierte Anleitungen für geführte Meditationen, die entweder im Buch selbst gelesen werden können - oder man nützt den angegebenen QR-Code, um Zugang zu einer gesprochenen Audio-Meditation zu bekommen. Im Grunde geht es als Basis darum, erst einmal die eigene Energie gut kennen und wahrnehmen zu lernen, um diese dann bewusst erhöhen zu können, um sich auf Ebenen zu begeben, in denen medialer Kontakt nach Angaben der Autorin möglich ist.

Wenn man sich für den Zugang, den die Autorin beschreibt, öffnet, kann das Buch außerdem Ängste vor dem Sterben nehmen, da sie aus ihren Erfahrungen mit Jenseitskontakten die Zeit danach als eine friedliche Reflexionsphase beschreibt.

Insgesamt ist "Ganz normal medial" ein herzlich und persönlich geschriebenes und gleichzeitig fundiertes, gut verständliches und ansprechendes Buch, das ich jenen, die sich für diesen Bereich interessieren, auf jeden Fall empfehlen kann.

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Zuerst die anderen beiden Bände lesen

Trag das Feuer weiter von Leïla Slimani

Von Leila Slimani habe ich schon mehrere Bücher mit Begeisterung gelesen, etwa "Dann schlaf auch du" oder "Sex und Lügen" und ich schätze die Autorin für ihre Erzählkunst und ihr Vermitteln zwischen den Kulturen sehr.

So habe ich mich auch sehr auf "Trag das Feuer weiter" gefreut.

Dieses Buch hat mich aber nicht so packen können wie ihre anderen Werke, für mich sind die Figuren zu blass geblieben und es hat lange gedauert, bis sich eine für mich interessante Handlung entwickeln konnte.

Dazu muss ich allerdings sagen, dass ich in diesem Fall leider die beiden Vorgängerwerke "Das Land der anderen" und "Schaut, wie wir tanzen" noch nicht gelesen habe, da ich dachte, dieses Buch wäre auch als eigenständiges Werk lesbar.

Das ist es wohl grundsätzlich auch so. Wenn ich mir aber die begeisterten Bewertungen derer ansehe, die alle drei Bücher gelesen habe, dann schließe ich daraus, dass die Lektüre dieses Buches sehr davon profitiert, die Vorgängerbände zu kennen. Vermutlich wirken die Figuren dann ganz anders lebendig, weil das Gelesene sofort an viel Vorwissen in Bezug auf diese vielschichtige Familiengeschichte anschließen kann.

Meine Empfehlung ist also: lest zuerst die anderen beiden Werke der Trilogie, bevor ihr euch mit diesem hier beschäftigt.

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33 Sprachnachrichten von Frauen aus dem journalistisch-künstlerischen Milieu

Frauenprobleme von Lina Muzur

Lina Muzur ist Journalistin, Autorin und Verlagsleiterin von Hanser Berlin. Für dieses Buch hat sie Frauen aus ihrem Umfeld gebeten, Sprachnachrichten in der Länge von etwa 15 Minuten aufzunehmen, in denen sie von ihren Leben und ihren Herausforderungen erzählen. Es handelt sich dabei um Frauen etwa zwischen Mitte 30 und Mitte 50, alle gut ausgebildet und in anspruchsvollen Berufen im journalistischen, literarischen und künstlerischen Umfeld.

Somit ist es sicher kein repräsentativer Schnitt der Frauen dieser Generation in der deutschen Bevölkerung. Dafür handelt es sich um sehr reflektierte Frauen, die sich schon viele Gedanken über ihre Lebensumstände gemacht haben und sich verbal sehr gut ausdrücken können. Manche der Frauen haben Kinder, andere nicht. Alle eint aber die Zerrissenheit und ein Stück weit Überforderung von all den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, in einer Zeit der wachsenden Unsicherheit und der multiplen Krisen.

Es geht beispielsweise darum, was sich in uns ändert, wenn wir uns der Mitte des Lebens nähern oder diese überschreiten:

"Meistens finde ich es gut, dass dieses Nicht-mehr-dreißig-Sein, Nicht-mehr-so-emotionsgetrieben-Sein, Nicht-mehr-so-leichtsinnig-Sein, Nicht-mehr-so-impulsiv-Handeln, wie ich das immer gemacht habe, dass das zurückgegangen ist. Und manchmal sehne ich mich doch danach, mal wieder so richtig intensiv fühlen zu können in irgendeiner Art, vielleicht auch mal wieder zu weinen. Vielleicht auch mal wieder verliebt zu sein. Andererseits kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass mir das passiert." (S. 55)

Ein ganz großes Thema in vielen der Sprachnachrichten ist die schwierige bis fast unmögliche Vereinbarkeit von Familie und einem anspruchsvollen Beruf, die speziell dieser Frauengeneration vermittelte Illusion, man könne alles schaffen, wenn man sich nur genug anstrenge, und die Dauerbelastung und starke Erschöpfung, die damit einhergeht, wie viele Zitate zeigen, von denen ich hier drei exemplarisch ausgewählt habe:

"Aber es ist natürlich auch der Preis der Erschöpfung. Wenn sich jeden Tag Care- und Erwerbsarbeit die Klinke in die Hand geben, wenn der Tag nur funktioniert, wenn wirklich alles klappt, wie es geplant ist, das widerspricht dem Leben von kleinen Kindern. Planung ist der absolute Tod mit kleinen Kindern. Und ich glaube, dass das eine Wirklichkeit ist, die viele leben, darüber spricht man mutmaßlich nicht so viel. Aber es ist kaum zu schaffen nervlich, diese Dauerbelastung ohne Pausen mit kleinen Kindern..." (S. 60)

"Irgendjemand meinte, das Leben sei so ein bisschen wie ein Herd mit vier Flammen. Eine Flamme stände für die Familie, eine für die Karriere, eine für Freundschaft und eine für Gesundheit. Und dass man niemals alle vier Flammen am Laufen halten könne, sondern dass immer eine entweder ganz aus oder auf Sparflamme laufen würde." (S. 91)

"All das kann mir heute zwar keiner mehr nehmen, aber das meiste davon habe ich nur gemacht, weil ich dem Ruf meiner Eltern oder den Vätern der BRD gefolgt bin, die mir gesagt haben, man muss Leistung erbringen. Was ja auch ein Paradox ist. Weil auf der anderen Seite sollst du Kinder haben und eine Familie und eine möglichst gute Ehefrau sein, die ganz viel Care-Arbeit leistet." (S. 141)

Dabei ist auch Thema, dass nach wie vor oft an Frauen ganz andere Erwartungen gestellt werden als an Männer und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für sie damit noch einmal schwieriger ist, wie sich an diesem Zitat zeigt, bei dem eine Frau im beruflichen Kontext dafür angegriffen wird, schwanger zu sein, obwohl sie doch eine verantwortungsvolle Rolle habe:

"Er schaute mich ganz erstaunt an und meinte: "Wie ist das passiert?" Was er damit vermutlich meinte, ist: Wie kannst du es wagen, als Direktorin einer Institution, für die man Verantwortung trägt, auch noch Mutter sein zu wollen?" (S. 91)

Neben diesen Themen geht es auch ein bisschen um Migration, Integration und Heimat-Finden. Lina selbst hat Wurzeln in Bosnien-Herzegowina, die sie in diesem Buch nicht thematisiert, die aber implizit von manchen ihrer Gesprächspartnerinnen angesprochen werden. Außerdem hat sie ein international geprägtes Umfeld, in dem sich einige Frauen finden, die aus anderen Ländern nach Deutschland gezogen sind. Manche der Sprachnachrichten waren ursprünglich sogar auf Englisch und wurden für dieses Buch übersetzt.

Da es sich bei der Auswahl der Befragten um Frauen handelt, die sich in sozialen Milieus bewegen, die meinem (und vermutlich dem vieler Leserinnen solcher Bücher) recht ähnlich sind, habe ich mich mit vielen der Aussagen sehr identifizieren können und mich verstanden und gesehen gefühlt. Dennoch ist mir klar, dass, wie eingangs erwähnt, es sich bei so einem Buch um kein komplettes oder repräsentatives weibliches Generationenporträt handeln kann: dafür stammen die interviewten Frauen zu sehr aus derselben sozialen Blase. Das ist eine kleine Einschränkung in der Bewertung eines sonst sehr lesenswerten und interessanten Buches, das ich insbesondere Frauen in einem ähnlichen Alter, die sich mit dem beschriebenen Sozialmilieu identifizieren können, zur Bestärkung und Erweiterung der eigenen Perspektive sehr empfehlen kann.

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Interessanter humoristischer Ausflug eines Comedians in die Manosphere

Alpha-Boys von Aurel Mertz

Aurel Mertz ist mit starken Frauen aufgewachsen und hat von klein auf die Power von Mama, Schwester, Oma erlebt, genauso wie einen progressiv eingestellten Vater. So hat er im Erwachsenenalter mit Erstaunen das Erstarken sehr konservativer, längst überwunden geglaubter Männlichkeitsideale in vielen Gesellschaften bemerkt.

Mir ist der Autor sehr sympathisch und man merkt ihm an, dass er sich - vielleicht auch aufgrund eigener Marginalisierungs- und Diskriminierungserfahrungen als PoC mit einem ghanaischen Großvater - selbst schon viel Perspektiven jenseits derer weißer, mächtiger Männer auseinandergesetzt hat.

Neugierig und humorvoll begibt er sich in diesem Buch auf die Spuren der sogenannten "Manosphere", beschäftigt sich mit Donald Trump genauso wie mit der Incel- und Red-Pill-Bewegung, mit Pick-Up-Artists, dem konservativen kanadischen Psychologen und Influencer Donald Peterson oder einem Männlichkeitsmentor, der im balinesischen Dschungel ein Camp für angehende Alphamänner veranstaltet.

Authentisch und humorvoll analysiert der Autor, was in diesen Bereichen der Gesellschaft los ist, welche Männlichkeitsideale dort vertreten werden und was die Auseinandersetzung damit mit ihm selbst als Mann mit progressiven, linken Einstellungen macht.

Wer sich noch nicht viel mit diesen Trends beschäftigt hat, bekommt durch dieses Buch interessante Impulse, wo man näher hinschauen könnte, um diese kontroverse Zeitgeistbewegung besser zu verstehen. Ansonsten ist es aber auch einfach eine unterhaltsame Lektüre bzw. in der Audioversion ein vom Autor selbst humorvoll vorgetragenes unterhaltsames Hörbuch, das ich empfehlen kann.

Im Nachwort erwähnt er übrigens, dass er das auf dem Cover sichtbare Tierschutzkätzchen gemeinsam mit einem zweiten Kätzchen adoptiert hat: ein weiterer Sympathiepunkt für den tierlieben Autor, Sprecher und Comedian.

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Ein moderner Klassiker der Literatur

Zeit der Mutigen von Dimitré Dinev

An „Zeit der Mutigen“ hat der Autor nach eigenen Angaben 13 Jahre lang geschrieben. Es hat sich gelohnt! Entstanden ist ein monumentales Epos, in der Printausgabe über 1000 Seiten lang, ein ganzes Jahrhundert europäischer Zeitgeschichte umfassend, leichtfüßig erzählt und dabei sorgfältig recherchiert, viel Wissen vermittelnd und dabei auf jeder Seite ein unterhaltsames und mitreißendes Leseerlebnis!

Ich habe noch nie ein so umfangreiches Buch gelesen, bei dem ich mich gleichzeitig so gut unterhalten habe und das von der ersten bis zur letzten Seite mitreißend und spannend war, und dabei gleichzeitig voll von schönen Sprachbildern, profundem Verständnis für die menschlichen Beziehungen und tiefsinnigen Gedanken über das 20.

Jahrhundert in Europa mit all seinen Schrecken, aber auch für das, was Mensch-Sein, (Wahl)-Familie und Verbindung ausmacht.

Abwechselnd werden die miteinander auf vielfältige Weisen verflochtenen Schicksale der Mitglieder dreier Familien erzählt: einer österreichischen, einer bulgarischen und einer Roma-Familie, beginnend mit der Zeit vor dem ersten Weltkrieg bis in 1990er Jahre. Es geht um Täter, Mitläufer und Widerstandskämpfer, Loyale und Verräter, Gedächtnisverlust und Rollentausch, die Frage, was Verwandtschaft ausmacht (Abstammung? Soziale Elternschaft? Eine Wahl?) und ganz viel um hehre Ideale, die sich dann in Schreckensherrschaft und Unterdrückung verwandeln können. Um Ausgrenzung und unverhoffte Freundschaft und Unterstützung. Um Kommunismus vs. Kapitalismus, Westen vs. Osten. Und um vieles mehr.

Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, originell und nicht klischeehaft. Da gibt es eine ausschließlich unter Männern aufgewachsene, sehr toughe Schafhirtin in Bulgarien, einen blonden, blauäugigen Roma und Enkel des Clanchefs, eine Stasimitarbeiterin, die doch auch ihr Herz am rechten Fleck hat, einen österreichischen Wehrmachtssoldaten, der seine Exekution durch die Sowjetarmee überlebt hat und fortan mit Gedächtnisverlust und einer Kugel im Kopf durchs Leben irrt, eine junge Frau, die ihre eigenen Suizid in der Donau überlebt hat und deren Tochter zeitlebens eine besondere Verbindung zu dem Fluss haben wird, und viele mehr. Eine stille und doch eindrucksvolle Protagonistin, die all die Schicksale immer wieder auf ihre Art verbindet und eine bestimmte Mythologie mit sich bringt, ist auch die Donau selbst, an deren Wachau-Ufer die eine österreichische Familie lebt… aber auch das bulgarische Konzentrationslager Belene ist von ihr geprägt.

Dadurch, dass aus so vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird, entsteht ein vielfältiges Bild, und mir sind selbst manche der moralisch durchaus zweifelhaften Charaktere auch ans Herz gewachsen bzw. habe ich ihre Antriebe und Motivationen nachvollziehen können.

Das Schreckliche der Kriege, Diktaturen und Konzentrationslager des 20. Jahrhunderts nimmt einen großen Raum im Buch ein. Insbesondere geht es ausführlich um das bulgarische Lager Belene, in dem jede und jeder aufgrund des kleinsten Vergehens oder auch völlig unschuldig für Jahre landen konnte und in dem viele Menschen grausam ums Leben kamen. Insgesamt befasst sich das Buch, neben den Schrecken der beiden Weltkriege, viel mit der Zeit der kommunistischen Diktatur in Bulgarien samt Bespitzelung, Überwachung und Staatssicherheit: ein wichtiges und mir bisher nicht sehr bekanntes Thema, über das ich in diesem Buch viel gelernt habe. Man merkt, dass der selbst ursprünglich aus diesem Land stammende Autor sich ausführlich und auch, wie er im Nachwort anmerkt, anhand umfangreicher Quellen, mit diesem Thema auseinandergesetzt hat.

Auch sprachlich mochte ich das Buch sehr und insbesondere die tiefsinnigen Gedanken über das Mensch-Sein, das Verständnis für ihre Psyche sowie mythologischen Bezüge haben mir ausgezeichnet gefallen:

„In einer nahezu unbekannten Sprache so viel wie möglich über sich zu erfahren, war ein schwieriges Unterfangen. „Wo bin ich?“, fragte er so lange mit Worten und Gesten, bis der andere ihn verstand. „Bei mir“, antwortete dieser. Ja, das verstand er, aber was sollte er mit so einer Antwort anfangen? Wobei dieses „Bei mir“ zwar nicht zurück zu seinem früheren Leben geführt hatte, so doch eindeutig zurück ins Leben. Und überwältigt von dieser Erkenntnis, begann er zu weinen.“ (S. 125 im E-Book)

„Ein ganz klares Bild von ihm hatte sie nie in ihrem Kopf aufbewahrt, da sie es als reine Platzverschwendung empfand. Trotzdem wusste sie genau, welche Gefühle seine Präsenz im Raum in ihr geweckt hatte. Deswegen wusste sie genau, dass dieser Mann, der wie aus dem Nichts erschienen war, nicht Helmut war. Seine Augen hatten vielleicht die gleiche Farbe, aber ein Blick hinein hatte gereicht, um ein ganz anderes Licht, eine ganz andere Welt in ihnen zu entdecken.“ (S. 270 im E-Book)

„Sie verschaffte ihrer Tochter immer neue und neue Aufgaben, kümmerte sich darum, dass sie nicht lange Zeit allein mit ihren Gedanken blieb. Vierzig Tage nach der Geburt war jede Wöchnerin sehr gefährdet, denn sie befand sich zwischen der Welt der Ahnen und der Welt der Lebenden, zwischen Leben und Tod, zwischen Gott und Teufel. Ihre Seele hatte Zugang zu allen Welten.“ (S. 700 im E-Book)

Insgesamt ist es trotz all der dunklen Themen kein hoffnungsloses Buch: dafür sorgen die liebevoll gezeichneten Charaktere, die raschen Perspektivwechsel und die vielen fast humorvollen Situationen unwahrscheinlichen Glücks, in denen unsere Helden und Heldinnen doch noch einmal davonkommen und sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation retten können, auch wenn ihnen bei weitem nicht alles Unheil erspart bleibt.

So bleibt mir nach mehreren Wochen intensiver Lesezeit ein tiefgreifendes emotionales Erlebnis zurück, das noch lange nachwirken wird. Für mich ist dieses Buch schon jetzt ein moderner Klassiker der Literatur, der sich auf unterhaltsame Weise mit vielen grundlegenden Themen des Mensch-Seins und europäischer Zeitgeschichte auseinandersetzt. Es gehört zu den wenigen Büchern, die ich jedenfalls noch ein weiteres Mal lesen möchte. Ich kann das Buch einer breiten Leserschaft nur wärmstens empfehlen!

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Interessanter Genremix als Abschiedswerk

Abschied(e) von Julian Barnes

Der renommierte, mit einem Booker Prize ausgezeichnete, Schriftsteller Julian Barnes muss sich und anderen im reifen Alter von knapp 80 Jahren nichts mehr beweisen. Er kann einfach ein Buch ganz nach seinem Geschmack schreiben, das kein durchgängiger Roman sein muss, auch kein Memoir und keine Kurzgeschichtensammlung, sondern einfach ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und insgesamt ganz viel Abschied, insbesondere von seinen treuen Leserinnen und Lesern.

Man beachte: bei diesem Buch steht auch auf dem Cover nicht das Wörtchen "Roman", wie auf so vielen anderen Büchern. Und es ist tatsächlich auch keiner. Das Buch beginnt mit recht philosophischen Gedanken des Autors zum Thema Erinnerungen, autobiografische Erinnerungen, spezifisch sogenannte IAMs, Involuntary Autobiographical Memories, im Englischen erinnert die Abkürzung an unsere Identität.

Von welchen Erinnerungen werden Menschen plötzlich eingeholt, an was erinnern sie sich bewusst und was bleibt im Verborgenen? Was bedeutet das für die Geschichte(n), die sie erzählen? Und was wäre, wenn wir uns an absolut alle Momente unseres Lebens erinnern könnten? Barnes denkt über Menschen nach, die nach Verletzungen so ein Gedächtnis haben, über Synästhetiker und über das, was berichtenswert ist oder nicht. Durchaus interessante Gedanken, allerdings habe ich mich beim Lesen gefragt, wann denn nun tatsächlich eine Erzählung losgeht.

Eine solche kündigt Barnes an und diese folgt dann auch, im Grunde sogar mehrere: einen großen Teil in der Mitte des Buches nimmt seine autobiografische Erfahrung mit seiner Krebserkrankung ein: Barnes leidet an einem Krebs, der nach Angaben der Ärztinnen und Ärzte nicht heilbar, aber beherrschbar ist, und so erwartet er, zwar nicht an ihm, aber mit ihm zu sterben, irgendwann in der unbekannten Zukunft. Eingebettet ist diese Erzählung in seine nicht vorhandene Spiritualität und seine Erwartung, dass es nach dem Tode nichts geben würde, mit der er scheinbar recht gelassen umzugehen scheint.

Nach dieser persönlichen Geschichte erzählt Barnes eine von guten Freunden von ihm, einem Mann und einer Frau, die als junge Menschen ein Paar waren, sich dann aus den Augen verloren haben und Jahrzehnte später kurz wieder zusammen gekommen sind. Es geht um die Geschichte dieser Menschen, die mittlerweile verstorben sind und denen er zu Lebzeiten versprochen hat, nicht über sie zu schreiben (wenn dieses Element denn nicht auch fiktiv ist). Aber es geht auch um das Thema, ob sich etwas Altes wieder aufwärmen und vielleicht sogar erneuern lässt, und auch um Geschichten mit Anfang und Ende, denen die Mitte fehlt.

Auf den letzten Seiten wird es wieder persönlich und hier nimmt sich Barnes ausführlich Zeit für einen persönlichen Abschied von seinen Fans.

Ich habe den Inhalt dieses Buches so ausführlich beschrieben, weil es eben aus für mich sehr unterschiedlichen Inhalten, Schreibweisen und Genres zusammengesetzt ist, die durch übergreifende Themen wie Identität, Rückblick und Abschied verbunden sind.

Für mich war dieses Buch das erste von diesem Autor und ich habe mir durchaus einige interessante Impulse zum weiteren Nachdenken mitnehmen können. Insgesamt habe ich mich aber nur zum Teil als Zielgruppe dieses Werks gefühlt und hatte den Eindruck, dass es sich überwiegend an erfahrene Barnes-Leserinnen und -Leser wendet und für diese noch einmal ein persönlicher Abschied sein soll, denn wenn man seiner Ankündigung glaubt, wird es das letzte Buch des Autors gewesen sein.

Wer sich für dieses Buch näher interessiert, dem empfehle ich, für die Kaufentscheidung nicht nur in die ersten Seiten, sondern an verschiedenen Stellen hineinzulesen, da es sich, wie gesagt, um ein Buch handelt, das aus ganz unterschiedlichen Elementen zusammengesetzt ist.

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Ein stilles Buch über Heimat und Fremd-Sein

Menschen wie wir von Thi Thanh Thao Tran

In ihrem autofiktionalen Roman "Menschen wie wir" erzählt die Autorin von dem Leben ihrer Familie zwischen Vietnam und Deutschland. Zuerst ist der Vater für 7 Jahre als Gastarbeiter in die DDR gezogen und war in dieser Zeit nur einmal für einen Monat zu Besuch bei Frau und Kind in Vietnam.

Später konnten dann die Autorin und ihre Mutter auch nach Europa ziehen, in das mittlerweile wiedervereinigte Deutschland.

In vielen kleinen Szenen geht es um Kindheitserinnerungen in Vietnam, Ankommen und Aufwachsen in Deutschland, Fremd-Sein und woanders heimisch werden - auch im Unterschied zur später schon in Deutschland geborenen Schwester, die wiederum ein anderes Verhältnis zu den beiden Ländern hat. Das alles in verschiedenen Zeitperioden, die sich von 1988 über 2002 und 2011 bis zum Herbst 2020 erstrecken. Es findet sich so einiges Interessantes in dem Buch, zum Beispiel auch Songtexte vietnamesischer Volkslieder, in denen es ebenfalls um die Liebe zur Heimat geht, und viel über kulturelle Unterschiede und Zuschreibungen.

Wenn man noch nicht viel über Vietnam und die vietnamesische Kultur weiß, lässt sich ein erstes Gefühl dafür in diesem Buch bekommen. Gefehlt hat mir aber ein bisschen ein durchgängiger roter Faden und Spannungsbogen, zwar waren viele einzelne erzählte Details durchaus interessant, aber so richtig einen Sog zum Weiterlesen hat das Buch bei mir nicht ausgelöst.

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Über die Risse hinter der scheinbar heilen Fassade

Alle glücklich von Kira Mohn

Nach ihrem Vorgängerbuch "Die Nacht der Bärin", das auf eindrückliche Art die Dynamik häuslicher Gewalt thematisierte, behandelt die Autorin Kira Mohn nun auch in diesem Werk wieder wichtige Themen der Gegenwart. Es geht um eine scheinbar heile Familie, die gut situiert ist und auf den ersten Blick alles hat: Vater Alexander hat es in einer Klinik zum Chefarzt gebracht.

Zwar schafft er es nur selten rechtzeitig zum gemeinsamen Abendessen nach Hause und auch die Wochenenden sind oft voll Arbeit, doch liebt er seinen Job und ist stolz darauf, für seine Familie so einen Wohlstand geschaffen zu haben. Mutter Nina hat ursprünglich auch Medizin studiert, doch als sich nach Schreibaby Ben dann auch noch Töchterchen Emilia ankündigte, schaffte sie es nicht mehr, das Studium erfolgreich zu beenden, sodass sie heute Teilzeit als Ordinationsassistentin in einer Arztpraxis arbeitet. Die mittlerweile 16-jährige Emilia ist verliebt in ihren ersten Freund Julian, ihr 19-jähriger Bruder Ben studiert unambitioniert vor sich hin und macht beim Computerspielen die Nacht zum Tag. Und wenn man genauer hinschaut, zeigen sich so einige Risse in der Fassade der so heil wirkenden Familie. Ist irgendeines der vier Familienmitglieder wirklich glücklich? Und womit hängen ihre Schwierigkeiten zusammen?

In unterhaltsamer und zugänglicher Sprache lässt uns die Autorin die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive aller vier Familienmitglieder erleben. Dabei entwickeln sich alle vier Handlungsstränge immer mehr in Richtung Eskalation. Das Buch regt durchaus zum Nachdenken über aktuelle gesellschaftspolitische Themen und deren Schattenseiten an. Es geht unter anderem um mangelnde Wertschätzung von Care-Arbeit, um beruflichen Aufstieg und seinen Preis im Familienleben, um den drastischen Einschnitt, wenn aus einem Paar eine Familie wird, um Frauen, die sich bemühen, ihre Söhne progressiv zu erziehen, in einer Welt, in der auch bei der Partnerwahl nach wie vor oft anderes geschätzt wird und es die nicht so einfühlsamen, aber "cool" wirkenden jungen Männer bei den jungen Frauen oft leichter haben, und um vieles mehr. Wie in so vielen momentan neu erscheinenden Romanen gibt es auch hier wieder eine lesbische Liebesbeziehung, das scheint derzeit Programm zu sein. Das Ende kam für mich etwas abrupt, da hätte ich mir durchaus gewünscht, dass so einiges noch weiter auserzählt worden wäre.

Insgesamt ist es ein leicht lesbares, unterhaltsames und gleichzeitig zum Nachdenken anregendes Buch, das ich insbesondere einer modernen, progressiv eingestellten Leserschaft empfehlen kann.

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