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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von HEYN Leserunde H. Schellander:

Herzog-Film im Kopf

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Die Geschichte vom Soldaten Hiroo Onoda, der 29 Jahre lang eine abgelegene Insel im Pazifik verteidigte ohne zu wissen, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ist, ging Mitte der 70er Jahre um die Welt. Mir war sie neu und ich bin Werner Herzog zutiefst dankbar, dass er Onodas scheinbar so sinnlosen Kampf in seinem Buch „Das Dämmern der Welt“ für die Nachwelt festgehalten hat.

Die beiden haben sich tatsächlich getroffen. Wie, das beschreibt Herzog schon auf den ersten beiden Seiten so, dass ich den Atem anhalte. Es ging ihm weniger um Detailtreue, sagt Herzog, sondern er wollte „auf etwas Wesentliches“ hinweisen, wie er es bei seiner Begegnung mit dem Protagonisten zu erkennen glaubte. Diese Erkenntnis wird für jeden Lesenden wohl etwas anders sein. Ich wurde daran erinnert, wie sehr ich selbst meine Wirklichkeit konstruiere und wie lange es oft braucht, von Illusionen und vorgefassten Ansichten abzurücken. Ein poetisches, ergreifendes Buch, das mehrmals zu lesen sich lohnt und dabei einen Herzog-Film im Kopf erzeugt.

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Eine ganz andere Schreib-Art

Salonfähig von Elias Hirschl

Elias Hirschls Roman „Salonfähig“ kann als detailgenaue Analyse österreichischer Innenpolitik gelesen werden und/oder als Horrortrip eines/mehrerer Psychopathen. Ich erfreute mich an dem famosen Umgang des jungen Autors mit der deutschen Sprache, die Hirschl experimentell fast bis zu deren Auslöschung ausreizt.

Das entspricht durchaus dem Fortgang der Geschehnisse, überschreitet und verwischt der namenlose Erzähler doch alle Grenzen, auch die zwischen Realität, Fiktion und Identitäten. Eine Lesevergnügen der ganz anderen Art.

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5 Sterne plus

Der Kolibri von Sandro Veronesi

Grosses Welttheater aus Italien, atemberaubend in Aufbau und Sprache: Kein Wunder, dass Sandro Veronese dafür seinen zweiten Literatur-Preis Premio Strega erhielt. Es geht ums (Über)Leben, persönlich und kollektiv, ob und was wir aus der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft lernen, wie wir Trauer und Schmerz annehmen und wandeln, um vielleicht - letztlich doch - die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden.

Marco Carrera, der titelgebende „Kolibri“, bekommt seine Antwort auf das „Warum“ im richtigen Augenblick ... seinem dunkelsten ... Für diesen genialen Wurf gibt es von mir 5 Sterne plus.

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Schon vergessen

Rose Royal von Nicolas Mathieu

Leider kann ich mich den großteils lobenden Rezensionen nicht anschließen: Die Würze, die angeblich in der Kürze liegt, vermisse ich in diesem Büchlein. Ich nahm's zur Hand, las es in einem durch, legte es aus der Hand. Da war's auch schon vergessen.

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Einfach zum Liebgewinnen

Kalmann von Schmidt Joachim B.

„Es gibt diesen Film, in dem alle Gletscher geschmolzen sind und das Wasser so hoch steht, dass es kein Land mehr gibt. Der Held ist halb Mensch, halb Fisch. Er kann unter Wasser atmen, sieht aber noch immer gut aus, nicht wie ein Fisch. Das nennt man Evolution. Und wer nicht an Evolution glaubt, ist behindert …“ Sagt Kalmann, zum Beispiel.

Der ist eigentlich das Faktotum von Raufarhöfn, einem Kaff im Nordwesten von Island. Für den Ich-Erzähler Kalmann findet Joachim B. Schmidt eine Sprache, die komplizierte Zusammenhänge (siehe Beispiel Evolution, aber auch Finanzkrisen, Klimawandel, Sozialkontakte …) einfach und mit einem Augenzwinkern erklärt. Manchmal hatte ich das Gefühl, der Autor irrt beim Schreiben der (Kriminal)Geschichte wie seine Figuren durch den allgegenwärtigen isländischen Nebel. Letztlich nahm er aber die richtigen Abzweigungen und ich hatte das Buch lieb gewonnen wie diesen seltsam hybriden Typen Kalmann und seinen Großvater und die Polizistin Birna. Bloß mit dem Gammelhai fremdle ich noch immer …

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Leicht süsslich

Für die Ewigkeit von Helmut Krausser

Helmut Kraussers neuer Roman liest sich, wie die darin beschriebenen Apreggi, die von den beiden Protagonisten Cis und Jörg (Jorge) in ihren ersten gemeinsamen Klavierstunden gespielt werden: leicht, ein bisschen süsslich, keine großen Anforderungen stellend. Das Buch hatte ich an einem Tag ausgelesen, Krausser überrascht kaum durch seine Sprache als vielmehr durch die Finte, dem Titel des Buches erst ganz zum Schluss eine Sinn zu geben.

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In die Tiefe geschaut

Ich bleibe hier von Marco Balzano

Diesen Roman würde es nicht geben, hätte sich der Autor wie die Massen der Busreisenden damit begnügt, ein Selfie mit der Spitze des Kirchturms des ehemaligen Dorfes Graun zu machen, die aus dem Stausee ragt. Doch Marco Balzano hat in die Tiefe geschaut, hat die ganze Kirche, das ganze Dorf, das ganze Tal mit seinen Menschen und Schicksalen aus den Fluten des Vergessens geholt.

Dafür und für seine Art, präzise zu recherchieren, zu schreiben und uns mitleben und -leiden zu lassen, gebührt ihm Lob und Dank. Balzano beschreibt die kleine und enge Welt im südtirolerischen Grenzgebiet von den dreißiger bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts als scheinbar unentrinnbaren Kreislauf von Macht, Profitgier, Unterdrückung und Krieg. Wie die beiden Hauptfiguren Trina und Erich vor den Diktaturen Mussolinis und Hitlers und dem Bau des gigantischen Stausees im Tal warnen, das alles überleben und dabei Haltung, Menschenwürde und -achtung bewahren, kann als Vorbild dienen - auch und gerade im Jahr 2020.

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Die warme Hand der (Groß)Mutter

Vom Land von Dominik Barta

In diesem Dorf scheint alles am richtigen Platz zu sein: die Kirche, das Gasthaus, die Bank, das Heimatmuseum, die Bauernhöfe und Häuser, der Siloturm. Doch als die Bäurin Therese einfach nicht mehr kann, bricht in Familie und Dorfgesellschaft auf, was viel zu lange vertuscht und verdrängt wurde.

Dominik Barta seziert in seinem Debütroman mit knappen, klaren Sätzen eingefahrene Familien- und Gesellschaftsstrukturen. Obwohl er dabei kaum ein aktuelles Thema auslässt, gelingt es dem Autor, seine Romanfiguren mit Tiefe und Emotion zu beschreiben. In einigen entscheidenden Szenen spürt man die warme Hand der (Groß)Mutter Therese über das eigene Gesicht streifen. Und da wünschen wir, sie hätte mehr Selbstbewusstsein und Lebensfreude für sich entwickeln und weitergeben können. Dieses Land, in das uns Barta führt, kennen wir alle. Es könnte so weit sein wie unsere Seele oder doch so engstirnig wie vieles in diesem Landstrich. Dass er letztlich neue Hoffnung für ein besseres Zusammenleben keimen lässt, macht diesen Roman besonders lesenswert.

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Kreuze und Kreuzungen

Rote Kreuze von Sasha Filipenko

Dieses erste auf Deutsch erscheinende Buch des weißrussschen Autors Sasha Filipenko weckt große Erwartungen auf die Übersetzungen von drei weiteren seiner Romane, die demnächst zu erwarten sind. Dabei legt sich Filipenko die Latte mit „Rote Kreuze“ selbst sehr hoch. In seiner Doppelbegabung als Journalist und Schrifsteller dokumentiert er präzise ein lange Zeit (und jetzt) wieder unter Verschluss gehaltenes grausames Kapitel des Stalin-Regimes und erzählt mitreißend die Lebenswege zweier leidgeprüfter Menschen aus unterschiedlichen Generationen.

Kreuze in unterschiedlichen Bedeutungen, Größen und Farben säumen diese Wege, die sich in einem Haus in Minsk – ja – kreuzen. Zweifelsfrei belegt dieser Roman, dass der Mensch alles andere als die Krone der Schöpfung ist und dass – dem zum Trotz – ein Fünkchen Hoffnung für uns besteht, wenn wir bereit sind, aufeinander zuzugehen. 5 Kreuze, pardon, Sterne.

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Verwässerter Eintopf

Rate, wer zum Essen bleibt von Philipp Tingler

Man nehme: den (leicht abgewandelten) Titel eines bekannten Filmes, verwende bekannte Ingredienzien (für die Karriere wichtiges Abendessen, in das eine unangepasste Person platzt, die unheile Welt von Akademikerpaaren, die Suche nach sich selbst ...), würze zurückhaltend mit ein paar gelungenen Dialogen und dekoriere übermäßig mit Lebensweisheiten.

Heraus kommt in diesem Fall ein verwässerter Eintopf, in dem man vergeblich nach Gehaltvollem stochert.

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