Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde H. Schellander:
Überwindung zum Hinschauen
Marschlande von Jarka Kubsova
Am Ende des zweiten Drittels wollte ich dieses Buch endgültig nicht mehr weiterlesen und habe es für eine Woche weggelegt. Es war mir einfach zu viel der unentrinnbaren Hoffnungslosigkeit. Zwei Frauen, Abelke im 16. und Bettina im 21. Jahrhundert, erleiden in den Marschlanden bei Hamburg Schicksale, die nur auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben.
Hexenjagd dort, „modernes“ Frauenleben hier. Jarka Kubsova verknüpft die beiden Geschichten und spitzt sie so zu, bis es mir eben fast reichte. Zum Glück nahm ich den Lesefaden wieder auf. Denn im letzten Drittel und dem Nachwort schwingt sich die detaillierte Darstellung der Einzelschicksale zu einer Zustandsbeschreibung der Welt auf. Die ist heute so geworden, weil es damals so war, vermittelt die Autorin. Die Männer kommen schlecht weg dabei. Auch sie sollten sich überwinden und diesen Roman lesen. Frauen werden es sowieso tun. Dafür, dass sich wirklich etwas ändert an den Machtstrukturen und dem Miteinander, müssen wir uns alle einsetzen, gleich welchen Geschlechts. Die Autorin hat Wesentliches dazu schon beigetragen, in dem sie Geschichte neu schreibt, uns die Augen öffnet und zum Hinschauen auffordert.
Atemberaubendes Kopfkino
Going Zero von Anthony Mccarten
„Wenn die Wahrheit klingt wie eine Wahnvorstellung, was zum Teufel soll man dann machen?“ Das fragt sich Kaytlin Day, die mitten in einem Experiment steckt, in dem die US-Regierung ihre neuen Werkzeuge zur Massenüberwachung testet. Und das frage ich mich auch als Leser, denn Science Fiction ist das leider schon lange nicht mehr, was Anthony McCarten in seinem Roman Going Zero beschreibt, sondern Alltag.
Es geht um die Manipulation ahnungsloser Bürger, um den Übergang von der Überwachung durch den Staat zur Steuerung, „das letzte Kapitel in der langen Geschichte der Demokratie, der freie Wille verformt zu bedingungslosem Gehorsam.“ (S 232) Wie der oscargekrönte Drehbuchautor diesen Alptraum als Count- und Showdown beschreibt, das gehört zum Atemberaubendsten, was ich seit langem gelesen habe. Der aktuelle Stoff mit seinen bemerkenswerten Haupt- und Nebenfiguren reicht für mehrere Thriller-Staffeln. Angeblich stehen die Hollywoodstars schon Schlange, um eine Hauptrolle zu ergattern. Mir reicht vorerst das Kino im Kopf - das erzeugt schon genug beunruhigende Bilder.
Eine schiefe Geschichte
Männer sterben bei uns nicht von Annika Reich
Schon beim sehr ansprechenden Buchcover muss ich mehrmals hin schauen und nach recherchieren: Das darauf abgebildete Stillleben stammt nicht von einem alten Meister, sondern von der Fotografin Paulette Tavormina. Auch in Annika Reichs Roman „Männer sterben bei uns nicht“ ist nichts so, wie es scheint.
Die titelgebenden Männer sind in der Geschichte schmerzlich abwesend und bestimmen das Geschehen doch entscheidend mit. Sie bleiben in einer diffusen Grauzone, wie viele der weiblichen Gestalten auch. Herausstechend sind die Ich-Erzählerin Luise und ihr alle und alles beherrschende Großmutter, die ihr Anwesen „patriarchalisch“ führt. Sie schart lauter in irgend einer Weise beschädigte Frauen um sich und schließt jene aus, die nicht parieren. Unversehrt bleibt keine, oder letztlich doch? Eine ziemlich „schiefe“ Geschichte, um ein Lieblingswort der Autorin zu benutzen, die mich interessiert aber nicht ergriffen hat.
Sätze zum Einrahmen
Wovon wir leben von Birgit Birnbacher
Die unaufgearbeitete, komplexe Familiengeschichte lastet schwer auf Lunge und Herz der Ich-Erzählerin. Asthma „knapp vor dem Sauerstoff“ und bevorstehende Arbeitslosigkeit treiben sie zurück ins Elternhaus, ins Innergebirg. Dort will sie umsorgt werden, doch die Mutter ist nach Sizilien abgehauen und der Vater hilflos verwaist.
Wird es der Protagonistin gelingen, aus vorgegebenen Frauenrollenbildern und dem erwarteten Pflichtbewusstsein auszubrechen und ihren eigenen Weg zu gehen? Was bestimmt, wie und wovon wir leben? Birgit Birnbacher, Bachmann-Preisträgerin 2019, erweist sich ihrer Wahl als würdig und begeistert mich mit starkem Erzählfluss, überraschenden Wendungen und einigen Sätzen, die ich mir am liebsten rahmen lassen möchte.
Kraftvoll und zugleich behutsam
Jahre mit Martha von Martin Kordic
Željko will es seinem Bruder, seiner Familie und ganz Deutschland beweisen: Aus Kindern wie ihm, die mit ihrer Familie aus Kroatien nach Deutschland geflüchtet sind, kann viel mehr werden als die ihnen zugewiesene Rolle in der zweiten oder dritten Reihe der Gesellschaft. Helfen wird ihm dabei die um einige Jahre ältere Professorin Martha, in die er sich als 15jähriger verliebt.
Vieles, was Željko alias Jimmy wie ein Besessener anstrebt, gelingt ihm auch im Äußeren eine Zeit lang - hauptsächlich durch Anpassung und Selbstverleugnung. Martin Kordić beschreibt stringent, kraftvoll und zugleich behutsam Jimmys Weg von seiner „balkanesischen Verlorengegangenheit“ bis zu dem, was ihn wirklich ausmacht - Wanderjahre, in denen Martha an entscheidenden Weggabelungen immer wieder auftauchen wird. Und am Ende fließen bei mir auch ein paar Tränen … und das heißt immer: Ich habe die Romanfiguren lieb gewonnen.
Sprachlich furioser Trip
Utopia Avenue von David Mitchell
Was für eine großartige, detailreiche Biographie über eine Band in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts, die darin äußerst lebendig geschildert werden! ... sha-lala ... Die vier Musiker*innen Elf, Dean, Jasper und Griffin wachsen mir ans Herz und sind doch ebenso reine Erfindung des Autors David Mitchell wie ihre Band namens Utopian Avenue.
Der Roman hat einen unvergleichlichen Beat und wirkt auf mich wie ein Lied, das auf ein fruchtbaren Geist stösst. ...Klopf-klopf ... Was dann passiert, lässt der Autor seinen Gitarristen Jasper beschreiben: „Dann entstehen Gefühle und Ideen. Freude, Trost, Anteilnahme. Zuversicht. Erlösende Trauer. Die Idee, dass das Leben besser sein könnte, besser sein muss. Eine Einladung, für kurze Zeit in die Haut eines anderen zu schlüpfen ...“ All das und noch viel mehr hat Utopian Avenue. Nimm dir Zeit für diesen auch sprachlich furiosen Trip! ... Klick, skrit-skrit ...
Mitreißend vom Anfang bis zum Ende
Schmelzwasser von Tschan Patrick
„Das geht ja gar nicht“ hört Emilie Reber gleich bei ihrer Ankunft in dem Bodensee-Städtchen den Schiffsschaffner schimpfen. „Der Sprung vom Schiff auf das Festland war ihr wichtig gewesen: Für den Rhythmus der kommenden Jahre, für die Festigkeit ihrer Zuversicht, ihre neue Lebensaufgabe umzusetzen“, schreibt Patrick Tschan gleich auf der ersten Seite seines Romans „Schmelzwasser“.
Festigkeit, Zuversicht und Freunde wird Emilie brauchen, um hier kurz nach dem Zweiten Weltkrieg den Altnazis die Stirn bieten und mit ihrer aufrührerischen Buchhandlung Fuß fassen zu können in ihrem Heimatland, aus dem sie fliehen musste. Tschan verknüpft die Verwandlungen der Menschen wunderschön mit den unterschiedlichen Aggregatzuständen des Wassers. Die Geschichte, in präzisen Sätzen geschrieben, reißt mich von Anfang an mit und und überzeugt mich auch durch das großartige Ende.
Etwas zuviel von allem
Bekenntnisse eines Betrügers von Rahul Raina
„How to Kidnap the Rich“ lautet der Titel der Originalausgabe des Debütromans von Rahul Raina und trifft damit den Kern der Geschichte wesentlich besser als der Titel der deutschen Ausgabe. Wie in einem Karussell, das sicher immer schneller dreht, folgt am Schauplatz New Delhi eine Entführung, eine wahnwitzige Wendung der anderen und die Protagonisten sind ständig bedroht, aus dem Spiel des Lebens geschleudert zu werden.
Der Vergleich zum Bestseller „Rupien, Rupien" liegt auch wegen des zentralen Plots nahe, doch Rahul Rainas Einblick in die „größte Demokratie der Welt“ scheint mir noch bitterer und zynischer. Lichtblicke in dem ganzen Chaos sind einzig die freundschaftlichen Beziehungen, die sich trotz aller sozialen Unterschiede entspinnen dürfen. Schrill, spannend, gut lesbar und für mich letztlich etwas zuviel von allem.
Spannendes Sittenbild
Der große Fehler von Jonathan Lee
An Andrew Haswell Green, dem New York City seine städtebauliche Gestalt verdankt, erinnert nur eine abgelegene Steinbank in dem von ihm geschaffenen Centralpark, auf der zu lesen steht, dass er „Father of Greater New York“ sei. Dem Schriftsteller Jonathan Lee ist es wiederum zu verdanken, dass er diese Bank bei einem Spaziergang entdeckt und dadurch inspiriert wurde, den vorliegenden Roman zu schreiben.
Lee gelingt es grossartig, die Geschichte vom Aufstieg des verachteten Farmersohnes, der ein Leben lang seine Gefühle und Leidenschaften unterdrücken muss, zum Juristen und Stadtplaner nachzuzeichnen. Rund um den Mord an Green, der gleich zu Beginn detailreich beschrieben wird, entsteht ein spannendes Sittenbild der USA an der Wende zum 20. Jahrhundert.
... bis es weh tut
Du existierst nicht von Miha Mazzini
Was für eine unglaubliche und unglaublich gut recherchierte Geschichte! Miha Mazzini richtet mit diesem Roman das Scheinwerferlicht auf ein Gesetz, das der slowenische Staat 1992 still und heimlich erlassen und damit 25.000 BürgerInnen aus ethnischen Gründen aus den Registern gelöscht hatte. Was das konkret bedeutete, schildert der Autor am Beispiel von Zala und ihrem Baby bis es wirklich weh tut.
Kollektives Wegschauen ist nach dieser zu Herzen gehenden Lektüre hoffentlich nicht mehr möglich. Möge sich Mazzinis Wunsch erfüllen und nun endlich die deutsche Ausgabe seines Buches die längst fällige öffentliche Debatte über diese Auslöschung in Slowenien entfachen - etwas, was ihm selbst mit seinem Dokumentarfilm Erased nicht gelungen war.











