Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde H. Schellander:
Starke Hülle, dünne Fülle
Alles über Heather
Das Buch liegt dank dickem Kartoneinband gut in der Hand. Doch das erweist sich als Verpackungstrick: Die Qualität der Fülle hält jener der Hülle nicht stand. Für mich ist „Alles über Heather“ eine aufgemotzte, typisch US-amerikanische Familiengeschichte, die erst gegen Ende etwas an Spannung gewinnt.
Der Drehbuchautor und Regisseur Matthew Weiner verzichtet in seinem ersten Roman auf Dialoge und sprachliche Finessen. Da sind seine Vorlagen für TV-Serien wie Mad Men und The Sopranos jedenfalls besser gelungen.
Volltreffer
Die zwölf Leben des Samuel Hawley von Hannah Tinti
Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, nahm ich es nochmals zur Hand und kehrte zum ersten Satz zurück, der lautet: „Als Loo zwölf Jahre alt war, brachte ihr Vater ihr das Schießen bei.“ Der Vater, das ist der Titelheld Samuel Hawley, der in Hannah Tintis Roman zwölf Kugeln abbekommt und überlebt – wie ihm das gelingt, weiß man oft nicht so genau.
Klar wird im Lauf der abenteuerlichen Geschichte mit ihren irrwitzigen Wendungen, warum er sein mörderisches Verbrecherdasein immer wieder fortsetzt. Er will seine Tochter schützen. Bis zum Schluss spannt Tinti einen Spannungsbogen, in dessen Verlauf ich mich bange gefragt habe, ob Loo dieser Serie der Gewalt wird entkommen können. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich die letzten Sätze zitiere: „Auf was wirst du schießen?“, fragte er (der Vater, Anm.) „Auf alles“, antwortete Loo. Dann hob sie den Arm und drückte ab.
Ein Volltreffer, dieses Buch.
Gleich drei Genies
Das Genie von Hannah Tinti
Ein Genie ist laut Wikipedia eine Person mit überragend schöpferischer Geisteskraft. Klaus Cäsar Zehrer erzählt die wahre Geschichte gleich zweier Genies - jene von Boris Sidis, der aus der Ukraine flieht, nach New York auswandert und in den USA eine unglaubliche Karriere als Psychologe macht. Und jene seines Sohnes William James Sidis, den er durch eine selbst entwickelte Methode zum Genie heranbilden will.
Auch wenn der Sohn letztlich gegen den Vater revoltiert, so sind sich beide in ihrer Unbeugsamkeit gegenüber den herrschenden Systemen ähnlich. Nach den Kriterien des Mainstreams scheitern sie zwar, doch bleiben sie sich selbst und ihren Überzeugungen treu. Zehrer ist ein exzellent recherchierter und durch die Vielzahl einprägsamer Charaktere und Schauplätze kurzweiliger Debütroman gelungen, womit sich der Autor als drittes Genie im Bunde erweist.
Ein literarisches Kleinod
Acht Berge von Paolo Cognetti
Im Schein der Leselampe glitzert der Sternenhimmel, der das obere Viertel des Buchumschlages einnimmt. Die Aquarellzeichnung darunter stellt eine Gebirgslandschaft mit Wald, See und Hütte dar. In diesem archaischen Grundszenario entwickelt Paolo Cognetti die Geschichte einer Freundschaft, die über Jahrzehnten allen Gegensätzlichkeiten und Unbilden der Natur trotzt.
Der Roman Acht Berge glänzt durch schlichte, schöne Sprache und starke Bilder. Ich werde dieses literarische Kleinod sicher öfter zur Hand nehmen, den Sternenhimmel außen betrachten und drinnen die Parabel mit den acht Bergen nachlesen – auch um nachzusinnen, wohin der eigene Lebensweg wohl führen soll...
Geniales Wechselspiel der Perspektiven
Underground Railroad von Colson Whitehead
Mit Underground Railroad bin ich in das Universum Mensch mit all seinen bewundernswerten und seinen schrecklichsten Ausprägungen eingetaucht. Im Fall des Pulitzer-preisgekrönten Romans von Colson Whitehead heißt der Angelpunkt dieses Universums Cora, die Anfang des 19. Jahrhunderts als Sklavin in eine von weißen Farmern brutal geführte Baumwollfarm in Georgia hineingeboren wird.
Mit welch? unbändiger Überlebenslust Cora ihren Leidensweg meistert, schildert der Autor in einem genialen Wechselspiel der Perspektiven aus Sicht der Sklaven, ihrer vermeintlichen Eigentümer und Jäger und ihrer todesmutigen Helfer. Das alles führt auf einen Fluchtpunkt hin ? eben die Underground Railroad, die es als geheimes Netzwerk für geflüchtete Sklaven tatsächlich gegeben hat. Dass Colson Whitehead die Railroad wörtlich nimmt und eine unterirdische Eisenbahnlinie als Flüchtlingsroute erfindet, entspricht zwar nicht der historischen Wahrheit, verschafft dem Roman jedoch mehr Spannung und Spielraum. Das ist nicht nur für Cora sondern auch für mich als Leser befreiend, der nach all den drastisch geschilderten Grausamkeiten ein Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Und diese Perspektive brauchen wir auch heute ganz dringend.
Sinnlos
Geständnisse von Minato Kanae
Der Philosoph Peter Sloterdijk hat einmal die Bemerkung gemacht, dass Menschen, die ein Racheprojekt verfolgen, damit von Sinnkrisen erst einmal befreit sind. Als Leser des Romans Geständnisse von Kanae Minato ? der Geschichte eines gefinkelten Rachfeldzuges - geriet ich allerdings in eben diese Krise und fragte mich dauernd: Wozu schreibt jemand so eine (handwerklich durchaus gut gemachte) Geschichte? Nur um einmal mehr den Beweis zu erbringen, dass das Böse immer und überall ist? Und warum sollte ich das dann lesen? Ergibt für mich keinen Sinn.
Komplexes Spiel mit Perspektiven
Geständnisse von Minato Kanae
Vom Umfang her scheint Graham Swifts Roman ?Ein Festtag? schmal und inhaltlich anfangs auch recht leicht. Im Zentrum steht die Geschichte der berühmten Schriftstellerin Jane Fairchild, als diese noch Dienstmädchen auf einem englischen Landsitz war und eine leidenschaftliche Liebesaffäre mit dem jungen Adeligen Paul hatte.
Klingt wie ein Drei-Groschen-Roman, entwickelt sich aber mit fortschreitender Handlung zu einem komplexen Spiel unterschiedlicher Perspektiven. Der Autor Swift reflektiert aus der Sicht seiner Romanfigur über deren Leben und Schreiben. Gegenwart und Vergangenheit überschneiden sich, gesellschaftliche Konventionen und Erwartungen werden gebrochen. Zum Schluss darf der Leser ein paar Fragzeichen aushalten, denn, so Swifts Conclusio: ?Es ging darum .... der Tatsache treu zu sein, dass viele Dinge im Leben, oh, so viel mehr als wir uns vorstellen, nie erklärt werden können.? Lesenswert.
Gut gemacht - leider Horror
Das Floß der Medusa von Franzobel
Bewundernswert, wie Franzobel es schafft, die (marine) Welt des beginnenden 19. Jahrhunderts mit großem Personal wieder auferstehen zu lassen und sich als Autor und uns als Leser mit einzubeziehen. Sein Roman ?Das Floß der Medusa? zeichnet sich durch Sprachgewalt und viele Perspektivenwechsel aus.
Schade, dass Franzobel seine Kunst einem derart grauenvollen Ereignis mit detailreichsten Schilderungen der "Bestie Mensch" widmet. Daher klappte ich etwa auf Seite 150 das Buch zu und las nicht mehr weiter. Ich schaue mir auch keine Horrorfilme an, mögen diese noch so gut gemacht sein. Jedenfalls ein außergewöhnlicher Roman, wie auch meine KollegInnen der Heyn-Leserunde finden, die das Buch zu Ende gelesen haben.
Der Stoff, aus dem die Jugend war
Strandbadrevolution von Kurt Palm
Kurt Palm läßt sie wieder auferstehen ? die Erinnerung an die eigene Jugendzeit am Wörthersee, an erste Liebe und Rock-Konzerte, an (oft mißglückte) Annäherungs- und Schreibversuche, an pubertären Widerstand gegen Eltern, Gott und den Rest der bösen Welt. Palms ?Strandbadrevolution? in der Provinz kommt zuerst als leichtgewichtiges Sommerbuch daher, gewinnt aber rasch an Tiefe.
Die Geschichten des Ich-Erzählers und seiner Gang bieten genug Stoff zum Weinen und zum Lachen. Unvergesslich: Die Schilderung der Jugoslawien-Reise im Uralt-Opel über den Wurzelpass! Für mich waren allerdings die in anderen Zeitebenen eingeschobenen familiären Tragödien etwas zuviel des Guten - außer der Autor hat bereits eine Fortsetzung im Kopf.
Anregung zum Denken und Handeln
Zukunftskraft: 21. Jahrhundert von Scala-Hausmann Cornelia M.
Wie schreibt man Briefe an die Zukunft? Cornelia Scala-Hausmann tut das schon seit einigen Jahren beinahe monatlich. Was die Gründerin des Instituts für Zukunftskompetenzen, Visionärin und Weltumseglerin an brisanten Themen aufwirft und wie sie diese humorvoll umkreist, ist ein nachhaltiges Lesevergnügen.
Denn Scala-Hausmann packt nicht nur die Themen, sondern auch die Leserin/den Leser beim Schopf und regt damit eigenes Denken und vor allem Handeln an.










