Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde H. Schellander:
Das Beste ist das Cover
Honey von Victor Lodato
Das schwarz-weiße Cover mit dem Profilfoto einer gestylten älteren Dame sticht auf jedem Büchertisch hervor. Endlich rückt eine sonst eher vernachlässigte Generation ins Rampenlicht, denke ich mir. Damit die Story der 82jährigen „Honey“ (selten war ein Spitzname so treffend unpassend gewählt) jedoch etwas hergibt, fährt Victor Lodato mit so ziemlich jedem Klischee des american way of life auf.
Für meinen Geschmack, trotz einiger köstlicher Szenen mit Sprachwitz, zu viel Extravaganz und Parfum mit zu wenig Inhalt und Sinn. Was mir am Ende in Erinnerung bleibt? Das eindrückliche Cover.
Ein Highlight dieses Jahres
Sing, wilder Vogel, sing von Jacqueline O'Mahony
Erstmals gibt es ein Buch der irischen Schriftstellerin Jacqueline O‘Mahony in deutscher Sprache … und es macht große Lust auf mehr. Der Titel „Sing, wilder Vogel, sing“ bezieht sich ebenso auf das Rotkehlchen, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, wie auch auf die Protagonistin Honora, die darum kämpft, ihr Leben in Freiheit führen zu können.
Während das Rotkehlchen laut Autorin als einziger Vogel alle Töne der Tonleiter schier endlos singen kann, muß Honora ihre Stimme, ihre Sprache und ihr (Selbst)Vertrauen in einer Welt voll Hunger, Hierarchien und Ablehnung erst finden. Die inneren Monologe, die sie hält und die sie am Leben erhalten, zählen zu den stärksten erzählerischen Mitteln des Werks, das für mich ein Highlights dieses Jahres ist.
Ein Schwarz-Weiß-Film in Buchform
Malnata von Beatrice Salvioni
Schon der erste Satz und die darauf folgenden zwei Seiten der Einleitung sind mitreißend geschrieben. Und Beatrice Salvioni gelingt es, die Spannung den ganzen Roman aufrecht zu erhalten. Eine Geschichte über Außenseitertum und Anpassungszwang in der Mussolini-Ära und wie es vielleicht trotzdem gelingt, sich selbst treu zu bleiben.
Ein Schwarz-Weiß-Film in Buchform. Empfehlung!
Grandiose Grundidee mit Längen
Das andere Tal von Scott Alexander Howard
Scott Alexander Howard ist ein Spezialist für die Themen Erinnerung, Emotion und Literatur. Er hat an der Harvard University zu diesem Thema geforscht, seine Dissertation darüber geschrieben und nun auch seinen Debütroman. In „Das andere Tal“ läßt er die Grenzen zwischen Science fiction und Thriller verschwimmen .
Die Grundidee ist grandios - als Zeitmaschine funktioniert hier, vereinfacht ausgedrückt, eine Welt aus geographisch identen Tälern, die durch Bergrücken getrennt sind. Der Clou: Die Täler im Westen liegen jeweils 20 Jahre in der Zukunft voraus, jene im Osten 20 Jahre in der Vergangenheit. Im „Jetzt“, mit dem der Roman beginnt, ist Ich-Erzählerin Odile 16 Jahre jung und inmitten vielfältiger Umbrüche. Rundherum werden ihr nur Grenzen gesetzt, von der Mutter, vom gnadenlosen Überwachungssystem, das im scheinbar so idyllischen Tal herrscht, bis zum mit Rohrstock strafenden Lehrer und einer sie großteils ausschließenden Klassen-Clique. Odile erfährt aber gerade durch die Außenseiter, was es heißt, sein eigenes Leben zu führen und wird dementsprechend zahllosen Prüfungen ausgesetzt. Liegt es an der deutschen Übersetzung, am akademischen Hintergrund des Autors, an der teils unaufregenden Sprache, an den zahlreichen für mich langweiligen Stellen - jedenfalls hat das Buch in mir nicht jene Begeisterung ausgelöst, die es offensichtlich im nordamerikanischen Raum gefunden hat. Eine TV-Serie ist schon in Planung - dafür bietet dieser Roman jedenfalls Längen und Stoff genug.
Nur halb entflammt
Die Entflammten von Simone Meier
Die Geschichten von Vincent van Gogh und seinem ihn unterstützenden Bruder Theo sind mir bekannt. Doch über Theos Gattin Jo van Gogh-Bonger wusste ich bisher nichts. Dabei war sie es, die nach dem Tod der beiden das revolutionäre Werk Vincents durch unermüdlichen Einsatz erst weltberühmt machte.
Die Schweizer Autorin und Kulturjournalistin Simone Meier entwirft für ihre Doku-Fiction teils gelungene Sprachbilder, die im Gedächtnis bleiben, vor allem im historischen Teil. Der Titel „Die Entflammten“ könnte auch für die reale Autorin Meier passen, die im Roman die Kunststudentin Gina auf Stoff-Recherche gehen und immer mehr mit Jo zusammen wachsen lässt. Diese in der Gegenwart spielenden Passagen einer parallelen Familiengeschichte wirken für mich etwas zu aufgesetzt und vor allem am enttäuschenden Ende zu lang. Letztlich klappte ich das Buch nur halb entflammt zu.
Grenzüberschreitung der Komfortzone
Trophäe von Gaea Schoeters
Hab‘ ich das geträumt? Oder hab‘ ich es tatsächlich gelesen? Wem fällt so eine Geschichte ein? Und wer kann diese so schreiben, dass ich mir fassungslos fasziniert zuschaue, wie ich in diesem Herz der Finsternis gefangen werde. Und letztlich eine Leser-Trophäe der niederländischen Autorin Gaea Schoeters bin.
„Die westliche Moral ist ein Luxusprodukt, das man sich leisten können muss.“ Dieser Satz, der mir etwa in der Mitte des Buches sauer aufstösst, fordert mich Seite für Seite heraus, bis ich ihn - widerwillig - verstehen kann. Afrika und der Westen sind beides Traum und Albtraum zugleich … so wie dieser Roman, zu dem ich ohne Heyn-Leserunde schon des Jagd-Themas wegen niemals gegriffen hätte, den ich nach der Lektüre aber als Grenzüberschreitung der eigenen Komfortzone empfehlen kann.
Stilistisch und inhaltlich herausragend
Packerl von Anna Neata
Wo hat Anna Neata nur so schreiben gelernt? Diese Frage stellt sich mir schon im ersten Kapitel ihres Debütromans Packerl. Und erst recht, nachdem ich das ganze Buch gelesen hatte. Von den 1940ern bis ins Hier und Jetzt spannt die Autorin die Geschichte Österreichs anhand dreier Frauen - Oma, Mutter und Enkelin - auf, die alle ihr Packerln zu tragen haben.
Und damit ist nicht nur die schon auf den ersten Seiten angesprochene Krankheit namens Depression gemeint. Stilistisch herausragend und einzigartig, inhaltlich fesselnd - muß mann und frau gelesen haben. Und die Antwort auf die oben stehende Frage? Anna Neata hat Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien studiert.
Zu viel Geplapper
Die Formel der Hoffnung von Lynn Cullen
Für mich ein Beispiel, wie ein interessanter Stoff für einen Roman vergeigt werden kann. Immerhin entreißt die Autorin Lynn Cullen die Virologin und Klinikerin Dr. Dorothy M. Horstmann dem Vergessenwerden. Von den 40er bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts widmete sich Horstmann mit Leib und Seele dem Kampf gegen die weltweit wütende Kinderlähmung.
Trotz entscheidender Entdeckungen heimsen die männlichen Wissenschafter die Lorbeeren ein - eine Story, wie sie im Buch „Eine Frage der Chemie“ schon mitreißender erzählt wurde. In "Die Formel der Hoffnung" dauern die Hahnenkämpfe und Beziehungsgeschichten endlos. Zu viel Geplapper - manche Dialoge klingen wie aus einem Schnulzenroman - auf zu viel Seiten deckt für mich das bewegende Thema zu.
Oh what a Christmas Crime!
Mit dem Schnee kommt der Tod von Nicola Upson
Eine ganze Krimiserie der britischen Autorin Nicola Upson in deutscher Fassung kommt ab Oktober auf uns zu. Als „Appetizer“ durften wir „Mit dem Schnee kommt der Tod“ (Originaltitel „The Dead of Winter“) vorab lesen - ein „Christmas Crime“, das vor allem von zwei interessanten Hauptdarsteller*innen lebt: Einmal St.
Michael’s Mount, eine Gezeiteninsel an der Südwestspitze Englands, die mit Hafen, Dorf, Schloss und Kirche (mit speziellem Turm) ein detailreich beschriebenes und eingesetztes Ambiente für diesen Krimi hergibt. Und dann Marlene Dietrich (ja, DIE Dietrich), die knapp vor Ausbruch des II. Weltkrieges einen großzügigen Betrag für den von der Hausherrin gegründeten Fonds für jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland spendet und als Dankeschön zum Weihnachtsfest mit zwölf anderen Gästen auf den abgeschiedenen Adelssitz eingeladen wird. Es passieren von Anfang an genug Morde, einer davon fast wie beiläufig, und die Auflösung ist durchaus mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Doch insgesamt schafft die Autorin eine dichte Atmosphäre mit feinen Charakteren, sodass ich als Nicht-Krimileser vielleicht doch zu einem weiteren Buch dieser Serie greifen würde.
Verloren im Buchstabenwald
Schönwald von Philipp Oehmke
Ganz schön dicht ist dieser Wald an Geheimnissen, Vertuschungen und (un)erfüllten Hoffnungen, in dem die Familie Schönwald im gleichnamigen Debütroman von Philipp Oehmke herumirren muß. Dem Autor merkt man an, dass er sich als Spiegelredakteur u.a. auf Politik und Popkultur (Tote Hosen) spezialisiert hat.
Das und unsagbar viel mehr kommt in diesem Roman zur Sprache. Alles sehr am Punkt der Zeit, gesellschaftskritisch, unterhaltend und durchaus in manch’ gelungene Szene verpackt. Doch für mich bleibt das Reportage, die zudem im (angelesenen?) Psychologen-Literaturwissenschafts-Sprech stecken bleibt. Die zahlreichen Haupt- und Nebenfiguren, die trendigen Schauplätze, das Finale wirken mir zu konstruiert und hängen mich im Buchstabenwald ab. Schön, dass es vorbei ist.











