Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Renate Pfeiffer:
Muß nicht sein
Am Beispiel des Affen von Kumar Amitava
Auf die Dauer macht mich das Buch nervös, vor lauter Einschüben, Zitaten und Abschweifungen zerfällt die ganze Geschichte. Außerdem müsste man ständig irgendwo nachschlagen um alle Beschreibungen und Anspielungen zu verstehen.
Eine Zeitlang laviere ich mich so durch diesen Roman, in dem ein indischer Student in Amerika studiert, aber eigentlich vor allem Sex haben will, dann gebe ich auf, über Teil 5 bin ich nicht hinausgekommen.
Mein Fazit: ziemlich affig, das Ganze
wer an den Teufel glaubt.....
Geisternächte von Mumot André
Brutale Gewalt, ermordete Kinder, Exorzismus und Geisterbeschwörung, alte Seilschaften aus finsteren Zeiten, ein Priester auf Abwegen und dunkle Familiengeheimnisse – es ist viel Böses in der Geschichte. Die rechte Spannung will sich trotzdem nicht einstellen, es sind zu viele Fäden, die da zu einem Knoten geschnürt werden sollen.
Oder ist doch der Spiegel des Teufels schuld? Nur mittelspannend.
Diktatur bis ins Schlafzimmer
Mag’s im Himmel sein, mag’s beim Teufel sein von Evelyn Steinthaler
Sie waren berühmt, sie waren Stars, ihre Filme waren Kassenschlager, aber auch über ihr Privatleben wollte man alles wissen. "Wer mit wem" war natürlich auch am Beginn des 20. Jahrhunderts schon ein Thema- interessant für die Fans, aber möglicherweise gefährlich mit der Machtübernahme der Nazis.
Die sogenannten Nürnberger Gesetze zur "Reinhaltung des deutschen Blutes" galten auch für die Stars aus Theater und Film, besondere Publikumslieblinge konnten aber unter Umständen besondere Ausnahmeregelungen bekommen.
In ihrem neuen Buch greift Evelyn Steinthaler vier Paare heraus, bei denen ein Partner- in drei Fälle ist es die Partnerin- gefährdet, weil nicht "rein arisch" war. Welchen Schikanen waren sie ausgesetzt, wie sind sie mit dem ständigen Druck des Regimes umgegangen?
Wer sich für das Thema interessiert, hat die Lebenslinien von Stars wie Hans Albers. Heinz Rühmann, aber auch von Zarah Leander, Magda Schneider oder auch der Familie Hörbiger/Wessely wahrscheinlich verfolgt, aber immer noch ergeben sich neue Aspekte oder genauere Informationen.
Evelyn Steinthaler schreibt über Hans Albers und Heinz Rühmann, sie haben sich irgendwie arrangiert, sie sind bis heute bekannt und ihre Filme werden immer noch gespielt. Nahezu vergessen ist hingegen Joachim Gottschalk, der mit seiner jüdischen Frau Meta Wolff und dem gemeinsamen Sohn Selbstmord begangen hat. Nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt sind Lotte Lenya und Kurt Weill nach ihrer Emigration, sie haben auch aus dem Exil in den USA gegen die Naziherrschaft protestiert.
Diktaturen üben Druck aus auf alle, die nicht der Linie entsprechen. Man kann sich aber nicht immer darauf verlassen manches Gesetz lässt sich umgehen, manche Freiheit ist möglich- und gerade diese Unwägbarkeit ist verlockend und gefährlich zugleich. Wer Goebbels missfiel, hatte vielleicht gerade in Hitler einen besonderen Fan…
Wer hat Stellung bezogen, wer hat sich dem Regime verweigert, wieviel Anbiederung war nötig, damit man überleben konnte? Die Fragen, die Evelyn Steinthaler stellt, sind nicht leicht zu beantworten. War Hans Albers "mutiger", weil er sich Repräsentationsterminen entzogen hat, oder hat der große Blonde mit dem Auftritt "hoppla, jetzt komm ich" schon allein durch sein imponierendes Wesen mehr Respekt genossen? Hat sich Heinz Rühmann zu sehr angebiedert, zu sehr den kleinen Mann verkörpert, der er auch im Film oft war?
Ein Star ist jemand, der nach oben kommen, Erfolg haben will, und dafür auch den nötigen Ehrgeiz und Egoismus mitbringen muss, sonst bleibt man Durchschnitt.
Aber ist die Konzentration auf den Beruf, auf die eigene Kunst, nicht auch schon eine politische Haltung in politisch schwierigen Zeiten?
Fragen in Evelyn Steinthalers neuem Buch über Stars und die Liebe unter dem Hakenkreuz, durchaus mit Bezügen zur aktuellen Situation in Europa.
Evelyn Steinthaler, 1971 in Klagenfurt geboren, engagiert sich unter anderem in politischer Bildung, sie gestaltet zum Beispiel Bezirksführungen in Wien zum Thema Widerstand.
Für das Buch "Frauen 1938" hat sie den Bruno-Kreisky-Anerkennungspreis für das Politische Buch erhalten, 2015 ist der Band "Wien 1945" im Milena-Verlag erschienen.
Reisen mit allen Sinnen
Der Geschmack Europas von Lojze Wieser
Europa als großes Thema – das ist ein Vorhaben, das Lojze Wieser schon länger verfolgt: zum Beispiel als Verleger mit der erfolgreichen Reihe "Europa erlesen" und mit seinem Lexikon WEEO- Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens, ebenfalls erschienen im Wieser Verlag
Und seit einiger Zeit ist Lojze Wieser in Europa jetzt kulinarisch unterwegs, auf der Suche nach dem "Geschmack Europas" .
Zur gleichnamigen Fernsehserie gibt es als Nachlese auch ein Buch, jetzt schon den zweiten Band. Diesmal geht es von Istrien über Epirus und Flandern nach Böhmen, Dänemark und Sizilien bis in die Südoststeiermark.
Ein Journal mit Rezepten, heißt es im Untertitel, und es ist ein ziemlich umfangreicher kulinarischer Reisebericht geworden, der auch in abgelegene Regionen und sehr gerne in mehrsprachige Gebiete führt. Es ist ein Europa der Vielfalt in jeder Hinsicht. Lojze Wieser ist unterwegs um Landschaften zu erforschen, Leute kennenzulernen und ihre Geschichten zu hören. Und natürlich wird dabei auch gemeinsam gekocht, gegessen, getrunken und philosophiert. Küchenphilosophie hat ja immer etwas Bodenständiges und spiegelt auch den kritischen Blick der "kleinen Leute" auf das Geschehen im großen Europa.
So hat "Der Geschmack Europas" im weiteren Sinn auch eine politische Komponente, es ist ein Buch, aus dem man viel über die Geschichte der einzelnen Regionen erfahren kann, und natürlich ist es kulinarisch und vor allem literarisch bemerkenswert, denn Lojze Wieser ist ja nicht nur Koch und Feinschmecker, sondern auch Geschichtenerzähler, ein Mann des Wortes.
Rezepte zum Nachkochen sind immer wieder dazwischengestreut, dann bleibt man wieder bei einer interessanten Episode aus dem Reisetagebuch hängen, findet ein bemerkenswertes Zitat oder Sprichwort, und ein ganz besonderer Genuss sind auch die zahlreichen Fotos. "Der Geschmack Europas" ist ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, als Nachlese zu Reisen, bei denen offensichtlich das gesamte Fernsehteam mit Freude dabei war.
Mosaik einer Revolution
Eine allgemeine Theorie des Vergessens von José Eduardo Agualusa
Ein Geschichte voller einzelner Fundstücke, Episoden aus Zeiten von Umbrüchen und Revolution, manche poetisch und berührend, manche alltäglich oder hart und brutal, und manche verstehe ich einfach nicht.
Wie bei einem Mosaik fügt sich Einiges nach und nach zu einem Bild zusammen, aber es bleiben noch genug Steine übrig, die nirgends hineinpassen- von Angola und seiner Revolution weiß ich einfach zu wenig.
Trotzdem spannend erzählt, ein durchaus lesenswertes Buch
Langweilige Abgründe
Der Abgrund in dir von Dennis Lehane
F
ast 30 Jahre lang sucht Rachel nach ihrem Vater und findet ihn schließlich- erstes Drittel des Buches.
Den Rest der Geschichte schlägt sie sich herum mit einem Netz von Lügen, in die ihr Mann Brian verstrickt ist. Gebremst wird alles durch quälend langweilige Schilderungen über Zustände und Umstände ihrer Beziehung, über Panikattacken, über die Verwicklungen des Verbrechens, über den Sinn des Lebens überhaupt…
Viele Tote, viel Gewalt, aber so ein richtig dunkles deutsches Märchen ist aufregender!
Ein Leben ohne Kompromisse
Die Frau, die liebte von Lewis Janet
Es hat eine Zeit gedauert, bis ich mich mit dieser Geschichte angefreundet habe, aber sie hat mich schließlich überzeugt.
Alles beginnt 1539 mit einer Kinderhochzeit und endet Jahre später mit einem Todesurteil. Dazwischen liegt das Leben von Bertrande, geprägt von der strengen bäuerlich- katholischen Tradition in der Gascogne, und lange Zeit ohne den Mann an ihrer Seite.
Er kommt vermeintlich zurück und sie könnte glücklich sein, aber sie sucht die Wahrheit. Der Gedanke an ihr Glück, an das Wohl ihrer Kinder oder die Zukunft von Haus und Hof können sie nicht umstimmen. Diese absolute Kompromisslosigkeit ist nicht leicht nachvollziehbar, aber beeindruckend.
Janet Lewis greift einen tatsächlichen Rechtsfall auf und findet dafür einen Stil, der auch in der Übersetzung ebenso beeindruckt wie die Geschichte.
Ein Buch, über das man lange nachdenken kann.
Der deutsche Titel allerdings ist ebenso nichtssagend wie das liebliche Blütencover.
Rache?
Jud von Georg Thiel
Es tut mir leid, aber diese Geschichte glaube ich nicht.
Selbstverständlich ist es zu respektieren, wenn jemand so ein Trauma aus der Vergangenheit verarbeiten will oder muss, seien es eigene Erfahrungen, Geschichten aus der Familie oder Erzählungen von anderen.
Hier aber scheint mir, nimmt der Autor nur ein paar Versatzstücke zur Hand (weil Gedenkjahre sind?) und bastelt daraus eine Geschichte über Vergangenheitsbewältigung.
Und das geht verblüffend einfach: da ist Rupert, der alles zahlt, Erika, die von Brüssel aus alles organisiert und Paula, die in Wien alle Türen öffnet. Und den früheren Täter trifft dann als Rache auch gleich der Schlag - Geschichte erledigt, Trauma bewältigt, und darauf einen Schnaps!
Stellenweise recht ironisch-witzig, aber überzeugt hat mich dieser Versuch über eine Spurensuche in der Vergangenheit nicht.
Eine Kosmopolitin aus Wien
Margaret Stonborough-Wittgenstein von Margret Greiner
Margaret Stoborough-Wittgenstein ist eine außergewöhnliche Frau, aufgewachsen in einer außergewöhnlichen Familie zur Zeit der aufregenden ersten Jahre des 20. Jahrhunderts.
Die Familie Wittgenstein, damals eine der reichsten Familien in Österreich, hat natürlich das Gesellschaftsleben in Wien geprägt, bei ihren Festen waren Persönlichkeiten aus Politik und Kultur zu Gast, Johannes Brahms war ein Freund des Hauses, die Maler der Secession und die Künstler der Wiener Werkstätten wurden unterstützt und gefördert.
Das Porträt, das Gustav Klimt 1905 von der 23jährigen Margaret malt, hängt heute in der Münchner Pinakothek.
Was Vater Karl, ein Stahlmagnat, begonnen hat, hat seine Tochter Margaret fortgesetzt. Eine Grande Dame der Wiener Moderne nennt sie die Biographin Margaret Greiner, die aus Briefen, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen der Familie ein lebendiges und vielschichtiges Bild zeichnet.
Die acht Wittgensteinkinder, künstlerisch begabte, eigenwillige Persönlichkeiten und sicherlich auch schwierig, sind ziemlich frei aufgewachsen, sehr privilegiert, aber doch dominiert von einem übermächtigen Vater. Es gab Hauslehrer für Mathematik und Latein, alles andere sollen sie aus Büchern lernen oder es "fliegt ihnen zu". Ein faszinierendes Erziehungskonzept, von dem vor allem die Mädchen der Familie profitieren. Für die Söhne gilt die freie Entfaltung nur bedingt, der Ernst des Lebens liegt in Finanzgeschäften, in Eisen und Stahl. Die älteren Brüder zerbrechen daran, sie begehen Selbstmord. Erst die beiden jüngsten, Paul und Ludwig, werden in öffentliche Schulen geschickt und wählen später ihren Beruf selber- Paul die Musik, Ludwig die Philosophie.
Margaret wird zu einer selbstbewussten und tatkräftigen Frau, sie interessiert sich für Naturwissenschaften, holt die formelle Ausbildung nach, macht die Matura und beginnt ein Studium. Und das alles bei einem Wanderleben mit ihrem amerikanischen Ehemann, das sie nach Berlin, New York, Zürich, Paris und wieder nach Wien führt – ein internationales, bewegtes Leben, und doch immer verbunden mit der Familie und mit Wien.
Obwohl die unverheiratete älteste Schwester Hermine als Familienoberhaupt gilt, gewinnt man den Eindruck ,dass Margaret ein stabiler Anker für alle ist, sie zieht die Fäden, organisiert und managt vieles im Hintergrund, auch in den schweren Jahren nach dem "Anschluss" Österreichs ans Deutsche Reich, als die Familie Wittgenstein wegen ihrer jüdischen Abstammung von den Nürnberger Gesetzen betroffen ist.
Ihren Reichtum und ihre Privilegien sieht Margaret Stonborough-Wittgenstein immer als Verpflichtung anderen zu helfen, sie zu fördern und sich selbst hohe Ziele zu setzen.
Sie ist nicht der Star im Rampenlicht, sondern eher die Regisseurin und Mäzenin in den Kulissen, sie nützt ihre Unabhängigkeit und geht selbstbewusst einen eigenständigen Weg in allen Zeiten der Umbrüche, die sie erlebt hat.
Eine umfangreiche Literaturliste im Anhang regt an, sich (wieder einmal) mit den Wittgensteins, Gustav Klimt, Sigmund Freud und ihrer Zeit zu befassen, man wird ihnen heuer zu den verschiedenen Gedenkterminen ohnehin immer wieder begegnen.
"Alles" hätte mehr versprochen...
Alles über Heather von Weiner Matthew
Ein amerikanisches Mittelstandsleben, recht trocken heruntererzählt: Mark und Karen geht es gut, aber für den großen Erfolg reicht es nicht ganz. Die Tochter hingegen ist ein wahres Wunder, schön, charmant, intelligent und einfühlsam, schon als Kleinkind. Das kann man glauben oder auch nicht, hinschreiben lässt sich schnell etwas und für den Lauf der Geschichte spielt es keine Rolle, die Eltern sind auf jeden Fall entzückt von ihrer Heather.
Dann kommt der Underdog, Kind einer drogensüchtigen Mutter, vorbestraft und chancenlos. Der wirft seine lüsternen Blicke auf Heather, der Vater sieht das Idyll bedroht und beseitigt ihn durch einen Stoß aus dem Fenster. Die Gefahr ist gebannt, der Mittelstand putzt sich ab- nicht wirklich überraschend, nicht richtig böse, eher patschert.
Ein kleines Werk, recht groß präsentiert: das Layout sehr großzügig, die Danksagungen des Autors überaus enthusiastisch und ausführlich- und immer noch ein paar leere Seiten, weil Heather halt doch nicht so viel hergibt.











