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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von HEYN Leserunde Renate Pfeiffer:

Wer sind wir, wer die anderen?

Jahre mit Martha von Martin Kordic

Hier aufgewachsen und integriert ist mir vermutlich die Zerrissenheit nicht immer bewusst, die "Gastarbeiterkinder" auch in der zweiten und dritten Generation noch prägen kann. Jede bemühte Anpassung, jedes
–ić im Namen, jedes Familienfest macht Grenzen deutlich.
Martin Kordić hat für seine Geschichte eine recht eigenwillige, interessante Sprache gefunden, das Buch erinnert an Szenen aus einem Tagebuch, mit vielen Brüchen und unerwarteten Wendungen, nicht alles davon ist interessant.

Und Martha? Sie ist Mentorin, Vorbild und Geliebte über viele Jahre, was der junge Željko für sie bedeutet, kann man nur erraten. Bei den Szenen inniger Vertrautheit zwischen den beiden habe ich mich diskret verabschiedet, so detailliert will ich es gar nicht wissen.

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Utopien der Sixties

Utopia Avenue von David Mitchell

Es wäre einmal eine Band gewesen, die hätte es bis ganz nach oben geschafft!
David Mitchell hat sich UTOPIA AVENUE ausgedacht, um am Beispiel dieser Band ein Buch über die Musik der 1960er zu schreiben. Ausführlich und einfühlsam schildert er die Persönlichkeiten der einzelnen Mitglieder und ihren gemeinsamen Weg zum Erfolg.

Als Verankerung in der Realität schickt er ihnen auch immer wieder Stars aus dem echten Leben vorbei, sie treffen Davie Bowie, John Lennon, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Leonard Cohen, Joni Mitchell, Frank Zappa…dazu gibt’s Drogen, die harte Wirklichkeit abseits der Musik, Studentenunruhen, Polizeigewalt, Vietnam - sehr viele Themen auf einmal, aber meistens nur gestreift.
Die Hauptrolle soll natürlich die Musik spielen, aber Schreiben ist nicht Hören, Erzählen ist nicht Erleben. Bei den musikalischen Fachsimpeleien habe ich viele Seiten überblättert, und dazwischen geht es auch nur sehr zäh weiter. Die Erwartungen an ein Buch über diese wilden Jahre sind wahrscheinlich zu hoch.
Und UTOPIA AVENUE? Sie könnten ihren Weg auch zu einer anderen Zeit machen, aber weil einer von ihnen gestorben ist, gibt es sie jetzt nicht mehr. Die Nachlese im Kapitel der "Letzten Worte" liest sich fast ein bisschen spießig.

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Petrarca, Hesse, Brezina...

Mit Moby Dick aufs Containerschiff von Roland Schwarz

Eine ganz nette Sammlung von Geschichten über das Lesen. Wie haben Hermann Hesse, Petrarca, Goethe, Marlen Haushofer, J.K.Rowling, Thomas Brezina und viele andere ihre Leserinnen und Leser beeinflusst? Man kann sich von den durchwegs recht bekannten Büchern zur eigenen Lektüre inspirieren lassen, oder auch selber nach anderen literarischen Anregungen suchen, die dem Leben vielleicht neuen Schwung geben.

Und wer seine Erfahrungen gerne mit anderen teilt, kann dann an den Autor schreiben, er sammelt Geschichten für ein mögliches weiteres Buch. ….Es erinnert ein bisschen an ein Literaturseminar.

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Bücher und Blue Jeans

Schmelzwasser von Patrick Tschan

Die Welt nach dem Krieg verändern? Dazu braucht man nur die richtige Literatur (die nötigen Bücher werden alle aufgezählt), und schon kann man nach und nach - fast – alle überzeugen. Gesellschaftliche Verkrustungen in der Kleinstadt werden gelöst und das Schweigen der alten Nazis und Mitläufer gebrochen.

Dazu die richtige Musik (auch alle Titel aufgezählt), echte Blue Jeans aus Amerika, James-Dean- Frisuren, Beate-Uhse-Kataloge, und die neue Zeit kann beginnen!
Eine Geschichte vom Aufbruch in den Nachkriegsjahren, auf mich wirkt sie recht betulich und belehrend. "Polarrot" von Patrick Tschan hat mir gut gefallen, das "Schmelzwasser" kann mich nicht überzeugen.

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Unterhaltsam und frech

Bekenntnisse eines Betrügers von Rahul Raina

Am Anfang steht wirklich harte Arbeit. Das vergisst man manchmal im Lauf der Geschichte, in der sich Ramesh aus den indischen Slums zum Millionär hocharbeitet. Nicht nur sein Wissen, sondern mehr noch sein psychologischer Instinkt und seine Frechheit lassen ihn in der Welt von Reichtum und Korruption so erfolgreich werden.

Es ist eine turbulente Geschichte, sehr witzig, boshaft und ironisch geschrieben, es ist gleichzeitig ein aufschlussreiches Bild der indischen Gesellschaft und der Welt hinter den glitzernden Kulissen der Fernsehshows. Sozialkritik als absolut unterhaltsames Lesevergnügen!

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Der unbekannte Mr. Green

Der große Fehler von Jonathan Lee

Das Leben, das Werk und die Ermordung eines Mannes als historische Spurensuche: Andrew Haswell Green, Jahrgang 1820, wird vorgestellt als Vater von Greater New York, der wesentliche Großprojekte in der Stadt verwirklicht hat, aber offenbar kaum bekannt ist.
Jonathan Lee beschreibt die Stationen von Greens Leben unterschiedlich spannend, mit feiner Ironie und klugen psychologischen Betrachtungen, mit überraschenden Formulierungen, manchmal aber auch ziemlich langatmig.

Das Lebensgefühl der Stadt und ihre Geographie spielen eine wesentliche Rolle in der Geschichte, aber ich war noch niemals in New York, bin von der Stadt auch nicht fasziniert und kann daher vieles nicht nachvollziehen.
Sehr gut gefällt mir das Cover mit dem Elefanten und auch die Story, die dahinter steht, mit dem hartnäckigen Mordermittler, aber ich nehme als Fazit zum Buch doch ein Zitat von Seite 116 in Anspruch:
"ich war, wie ich zu meiner eigenen Überraschung feststellte, irgendwie gelangweilt"

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Alles Firlefanz

Die Königsbraut und Das fremde Kind von Sophie Reyer; E. T. A. Hoffmann

Der Karottenkönig fühlt sich mit Ännchen verlobt und möchte sie zu seiner Gemüsekönigin machen. Er baut ihr einen seidenen Palast, aber darin findet sie dann nur Schlamm und Würmer.
Sophie Reyer hat zwei Märchen von E.T.A.Hoffmann neu erzählt, bevölkert mit allerlei wunderlichen Gestalten und phantastischen Begebenheiten.

Der Schulmeister Tinte ist eine fette Fliege und will den Kindern die Flausen austreiben, zum Glück aber begegnet den Geschwistern im Wald ein fremdes Kind, das ihnen den Zauber und das Leuchten der Natur nahebringt.
"Die Königsbraut" und "Das fremde Kind", zwei Kunstmärchen in einem Band, ersonnen von E.T.A.Hoffmann, nacherzählt von Sophie Reyer. Diese Märchenwelt ist voller Magie, aber Gnome, Sylphiden, Salamander und andere Wesen sind den Menschen nicht nur wohlgesonnen, nichts ist wie es scheint und auf nichts sollte man sich verlassen. Die Elementargeister können auch recht boshaft sein, und den richtigen Weg erkennt man nicht immer gleich.
Das alles wird erzählt in einer wunderbar märchenhaften Sprache, mit feiner Ironie und mit sehr viel, fast schon zu viel Phantasie. Manchmal wünscht man sich zwischen all dem Zauber ein kleines Stück harte Realität. Dafür entschädigt allerdings das Wiederfinden des wunderbaren Wortes "Firlefanz".
Am schönsten aber sind die zauberhaften Illustrationen von Poul Dohle, die das Buch zu einem kleinen Kunstwerk machen. Erschienen ist es zum 200.Todestag von E.T.A.Hoffmann im Verlag Herder.

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Überraschend und sehr lesenswert

Doppelporträt von Agneta Pleijel

Es ist ein unerwartet spannender Roman über die Begegnung zweier Persönlichkeiten, die 1969 in London tatsächlich stattgefunden hat. Oskar Kokoschka, 85 Jahre alt, muss erst überredet werden die Königin des Kriminalromans Agatha Christie zu malen. Die Schriftstellerin selbst ist auch nicht gerade begeistert über den Wunsch ihrer Familie, zu ihrem 80.

Geburtstag porträtiert zu werden.
6 Sitzungen werden schließlich vereinbart, in fiktiven Dialogen zeichnet Agneta Pleijel diese Treffen auf, die zu faszinierenden Gedanken und Erinnerungen rund um das Leben, die Kunst und die Liebe führen. Man möchte den beiden wünschen, dass diese Gespräche wirklich so oder ähnlich stattgefunden haben.
Anfangs redet Oskar Kokoschka mehr von sich, offenbar ist Agatha Christie geschickter darin, andere zum Erzählen zu bringen. Aber auch sie taut allmählich auf, interessiert sich zwar kaum für das, was Kokoschka da malt, aber sie gibt Einblicke in Winkel ihres Lebens, die sie sonst eher verborgen hält.
Aus diesen Gesprächen entsteht ein wirklich spannendes Doppelporträt, klug und pointiert geschrieben, und sehr glaubwürdig. Mit diesem Buch bringt uns die schwedische Autorin Agneta Pleijel (in der Übersetzung von Gisela Kosubek) zwei Persönlichkeiten, von denen man ja viel zu wissen glaubt, noch ein Stück näher.
Der Maler und die Schriftstellerin bleiben nach diesem Treffen in Kontakt, schreiben einander lange Briefe, wie es heißt, aber sie sehen sich niemals wieder. Das Bild, das Kokoschka von Agatha Christie gemalt hat, ist nach wie vor im Besitz ihrer Familie, es wird gelegentlich bei internationalen Ausstellungen gezeigt. Man findet Abbildungen davon natürlich auch im Internet, als Beleg für eine Begegnung, von der man eigentlich bis jetzt wenig gewusst hat.

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ausgelöscht und abgeschoben

Du existierst nicht von Miha Mazzini

Die "Ausgelöschten" waren mir nur ungefähr ein Begriff, also habe ich das Buch mit der "Nachbemerkung zum historischen Hintergrund" begonnen. Dieses Kapitel hat mich wirklich berührt und erschüttert, staatlich verordnete Grausamkeit in solchem Ausmaß hätte ich mir nicht vorgestellt.

Durch die literarische Verarbeitung des Themas habe ich mich dann eher mühsam durchgekämpft, verloren zwischen langatmigen Banalitäten und blumigen Formulierungen.
Trotzdem vier Sterne für ein wichtiges Thema, und für den entlarvenden Schlußsatz "…wir müssen dem gehorchen, was uns der Computer sagt."

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verdämmert....

Das Dämmern der Welt von Werner Herzog

Der Dschungel ist dicht, feucht und schlammig, die Umgebung feindlich, der Soldat einsam und unbeirrbar auf seinem Weg, denn er folgt einem Befehl. Ein Szenario, wie es Werner Herzog gefallen muss, denke ich mir: Aguirre, Fitzcarraldo, und jetzt Onoda.
Es geht um Verteidigung in einem Krieg, der längst nicht mehr geführt wird, um ein Leben im Dschungel, ohne Verbindung zur Realität, und das dreißig Jahre lang.

Eine tragische Geschichte, ein einsames, verschwendetes Leben, ein Schwanken um die Frage, was ist wahr, was nur ein Traum. Werner Herzog versucht sich dem mit nahezu filmischen Bildern zu nähern, aber der Inhalt ist mir zu dünn, nur sehr poetisch formulierte heiße Luft.

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