Kunden em pfehlungen
Rezensionen von HEYN Leserunde Renate Pfeiffer:
Zeitgeschichte, schlicht und ergreifend erzählt
Ich bleibe hier von Marco Balzano
Egal, wie die Menschen sich entscheiden, ihre Heimat ist für sie verloren. Unter Mussolini müssen sie italienisch werden oder weggehen. Nach dem Krieg dann müssen sie wegen des vermeintlichen Fortschritts, für einen Staudamm, ihre Häuser verlassen. Wer nicht in die neue Siedlung zieht, muss auswandern.
Die Dorfgemeinschaft, die Freundschaften und die Familien werden auf jeden Fall zerrissen.
Ein brutaler Abschnitt der jüngeren Geschichte aus dem Südtiroler Vinschgau, der hier erzählt wird, in schlichten Worten und deshalb umso ergreifender.
Der Autor Marco Bolzano hat sehr gründlich recherchiert, er verknüpft das politische Geschehen mit dem privaten Schicksal der Familie von Trina und Erich und lässt eindringlich den tiefen Schmerz erkennen, den Willkür und Macht verursachen.
"Resto qui- ich bleibe hier" - das italienische Original kenne ich zwar nicht, aber ich denke, die Übersetzung ins Deutsche ist großartig gelungen
Das Schweigen durchbrechen
Vom Land von Dominik Barta
Geschichten vom Land stellt man sich gerne idyllisch vor, hier ist das Leben noch in Ordnung, jeder hat seinen Platz, die Arbeit ist hart, aber man weiß, wofür man lebt.
Und dann wird eines Tages die Mutter krank und nichts stimmt mehr.
Es ist ein Bruch, den Dominik Barta hier beschreibt, ein Bruch, der offenbar schon lange fällig war.
Schweigen, Unterdrückung von Gefühlen und Menschen, geduldiges Hinnehmen sind jetzt nicht mehr möglich. Jede Gewissheit gerät ins Wanken, aber auch neue Wege sind plötzlich erkennbar, der alte Bauer findet Kontakt zum jungen Flüchtling, Vertrauen kann Grenzen überwinden.
Der Einstieg in die Geschichte war etwas mühsam, weil allzu detailgenau, aber dann habe ich das Buch in einem Zug durchgelesen – eine starke Erzählung.
beim Warten zu lesen.....
Warten von Timo Reuter
Man muss auf nichts warten um dieses Buch zu lesen, etwas Geduld sollte man aber schon mitbringen. Ziemlich breit und ausführlich legt Timo Reuter seine philosophische und historische Abhandlung über unseren Umgang mit der Zeit dar. Der Bogen reicht von der griechischen Antike über Michael Endes "Momo" bis zum modernen online-Handel, der die Pakete möglichst noch am gleichen Tag liefern soll- aber macht uns das glücklich, schenkt uns diese Schnelligkeit mehr Zeit? Natürlich nicht, aber das wissen wir ja alle, wenn wir das hektische Alltagsgeschehen mit ein bisschen Distanz betrachten.
Warten können oder warten lassen, diesem Thema ist ein eigener Abschnitt gewidmet. Zeit verstreichen lassen und auf den richtigen Moment warten kann zum Erfolg führen. Die Zeit anderer absichtlich verstreichen zu lassen kann ein Zeichen dafür sein, dass man jetzt schon erfolgreich und damit mächtig ist.
Im Alltag Geduld erlernen, in der Hektik loslassen können – Ratschläge dazu gibt es viele, auch Timo Reuter hat keine neuen Rezepte, er hat sie vielleicht mit etwas mehr Zitaten und Beispielen aus Literatur, Geschichte oder Soziologie unterfüttert.
Den Weg zu mehr Geduld, zum Warten als Gewinn an Zeit und Lebensqualität muss, denke ich, jede und jeder für sich selbst finden, Anstöße dazu kann das Buch geben.
Das Vergessen nicht zulassen...
Rote Kreuze von Sasha Filipenko
Berührend und sehr beklemmend, weil man annehmen muss, dass alles wahr ist: die Unberechenbarkeit des Sowjetregimes, der rücksichtslose Umgang mit Menschen, das Zusammenspiel von Willkür und Zufall. Das alles hat auch das Schicksal von Tatjana bestimmt.
Gleichzeitig hat mich die behutsame und poetische Schilderung fasziniert, mit der der junge Sascha – und damit wir – allmählich in die Lebensgeschichte seiner 90jährigen Nachbarin eintaucht.
Ihr hat man alles genommen, den Mann, die Tochter, die Zukunft, und trotzdem hat sie Mut und Humor bis zuletzt.
Eine reale Grundlage sind die Briefe aus dem Archiv des Roten Kreuzes in der Schweiz. In ihrer Fülle etwas mühsam zu lesen, aber notwendig, damit man versteht: das sowjetische Russland lässt lieber seine Kriegsgefangenen im Stich als mit dem feindlichen Westen zusammenzuarbeiten.
Ein Kapitel russischer Geschichte des 20. Jahrhunderts, sehr lesenswert!
Ödes Gewäsch
Rate, wer zum Essen bleibt von Philipp Tingler
Ich habe mich bemüht, aber – nein, danke. Die ersten Telefonate über die richtigen Kirschen zum Dessert waren noch ganz witzig, aber dann folgt nur noch hohles Geschwätz. Mag es auch ironisch gemeint sein, als Entlarvung gesellschaftlicher Konventionen, als Spiegel der alltäglichen Pseudopsychologie oder so, es ist nur ermüdend.
Da hilft auch kein flaschengrünes Chesterfield-Sofa, auf S 117 habe ich aufgegeben.
Spannende Verwicklungen
Der Sprung von Simone Lappert
Auf dem Dach steht Manuela, unten wartet eine Menschenmenge, wann sie springt. Dass sie springen wird, wissen wir schon von Anfang an, aber das ist gar nicht die Hauptsache an der Geschichte. Im Vordergrund steht vielmehr der Reigen an Personen, die alle irgendwie mit Manuela zu tun haben.
Ihr Schicksal wird sich in der kurzen Zeitspanne des Geschehens wesentlich verändern.
Nicht Manuela, sondern die anderen verlieren das Gleichgewicht, geraten aus der Routine, entdecken alte Abgründe oder auch ganz neue Möglichkeiten. Das alles erschließt sich erst nach und nach, in kurzen Kapiteln, die man ziemlich konzentriert lesen muss, um den Überblick zu behalten, wer jetzt wer ist. Sehr spannend!
Muse der Wiener Werkstätte
"Ich will unsterblich werden!" von Margret Greiner
Schwarze Haare, markante Augenbrauen, rote Lippen, in einem Kleid aus der Wiener Werkstätte- so schaut Friederike Beer-Monti fast trotzig aus dem Gemälde von Gustav Klimt heraus. Festgehalten für die Ewigkeit, allerdings nicht ganz so bekannt wie die "Goldene Adele" Bloch Bauer oder die Klimt-Gefährtin Emilie Flöge.
Friederike Beer-Monti, geboren 1891, war Modell und Muse im Wien der Jahrhundertwende, sie war befreundet mit den Künstlern der Wiener Werkstätte, sie wurde nicht nur von Klimt, sondern auch von Egon Schiele und ihrem engen Freund und zeitweiligen Lebensgefährten Hans Böhler gemalt, und beinahe auch von Oskar Kokoschka, aber das hat der Krieg verhindert.
Die Romanbiographie über Friederike Beer-Monti von Margret Greiner gibt Einblick in die Zeit der Wiener Moderne, in die Welt der Maler, Schriftsteller und Schauspieler. Im Künstlerkreis war Friederike Freundin, Gefährtin und gelegentlich Aushilfskraft in der "Kaiserbar" ihrer Mutter, ein bunter Schmetterling.
Die Zeit, in der Friederike Beer-Monti wirklich bedeutend für die Kunstwelt wird, beginnt dann in den 1930er Jahren, da geht sie nach New York und leitet gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Hugo Stix die "Artists` Gallery". Sie entdeckt und fördert zeitgenössische amerikanische Künstler, sie unterstützt Emigranten aus Europa und wird zu einer international anerkannten Galeristin.
Aus zahlreichen Quellen hat Margret Greiner die Mosaiksteine für diese anschauliche Romanbiographie zusammengesetzt, sprachlich bleiben allerdings ein paar kleine Irritationen. Sagt eine Wienerin wirklich "es langt", wenn sie "es reicht" meint? Ganz sicher aber sagt 1877 niemand "Nimm die Bim", denn Bim für Straßenbahn taucht erst rund 100 Jahre später als Ausdruck der Jugendsprache auf. Man kann es mit dem Lokalkolorit auch zu gut meinen. Aber natürlich vermittelt das Buch ein sehr lebendiges Bild vom Leben einer interessanten Frau und der Kunstwelt zwischen Wien und New York. Historische Fotografien und Abbildungen der Gemälde ergänzen den Band. Friederike Beer-Monti wird fast 90 Jahre alt und setzt dann bei klarem Bewusstsein ihrem Leben ein Ende.
Ausgeliefert
Der Riss von Hye-young Pyun
Eine ausweglose Situation: nach einem Unfall liegt ein Mann bewegungsunfähig im Bett, in jeder Hinsicht seiner Umwelt ausgeliefert.
Innerlich aber ist er hellwach und erlebt, wie sein Dasein immer weiter eingeschränkt wird, während er gleichzeitig auf sein Leben zurückblickt- ein Zustand in der Schwebe, bis er buchstäblich in ein tiefes Loch fällt.
Er selbst scheint seine Situation mit neugieriger Distanz, manchmal sogar mit Ironie, zu betrachten, das macht die Geschichte für mich spannend.
Ein Fünf-Sterne-Buch
Der Stotterer von Charles Lewinsky
Dieses Buch habe ich sehr gerne gelesen! Selten ist jemand so schlitzohrig und charmant in seiner kriminellen Energie, wie Johannes Hosea, der grandios zu schreiben gelernt hat, weil er beim Reden stottert. Mit absolut treffsicherer Psychologie übt er seine Betrügereien aus, und auch beim Lesen kann man nie ganz sicher sein, was erfunden und was Wahrheit ist bei seinen Geschichten.
Erst nach und nach erkennt man die Abgründe in seinem Leben, die ihn vermutlich zum Stotterer gemacht haben. Ein großartiges Buch, berührend und humorvoll
nur Drogennebel
Großmutters Haus von Thomas Sautner
Ohne festen Boden wabert diese Geschichte so dahin, die Studentin besucht ihre Großmutter irgendwo mitten im Wald, ab und zu tauchen Männer auf und dürfen mitspielen, immer ist ein passender Joint bei der Hand…..dazu gibt es abgedroschene Lebensweisheiten, angebliche neue Wahrheiten und Erkenntnisse, vielleicht 1968 stecken geblieben? Mir hat das Buch nicht gefallen.











