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Rezensionen von Bibliomarie:
Stella in Pelati
Stella, die temperamentvolle Italienerin fühlt sich eigentlich sehr wohl in ihrer neuen deutschen Heimat. Sie ist gerne Krankenschwester und das Ansehen und die Bezahlung in ihrem Beruf ist in Deutschland einfach besser. Wenn nur das verflixte Heimweh nicht wäre! Was liegt da näher, als sich ein kleines Feriendomizil in Norditalien zu kaufen, das nur ein paar Autostunden von ihrer süddeutschen Arbeitsstelle entfernt ist.
Natürlich gibt es in ihrer Preisklasse nur sehr renovierungsbedürfte Angebote, aber das schreckt sie nicht.
So ist sie nun in Pelati angekommen und genießt das Leben, die dicken Komplimente ihrer Landsleute, (so viel geschmeidiger als in Deutschland) und das Cafè, in dem so schon nach der ersten Bestellung zur Stammkundin wurde. Bekanntschaften hat sie schon eine Menge gemacht, natürlich an erster Stelle der fesche Maresciallo Michele Michelotte, der schon mal bei Strafzetteln ein Auge zudrückt und Marta, eine sympathische Frau aus dem Nachbardorf.
Doch eines Tages wird Martas Boot leer aufgefunden, sofort kommt die alte Sage der Seehexe im Dorf auf, die sich ein Opfer holte. Aber daran glaubt Stella nicht. Sie ist überzeugt, es war ein Verbrechen. Zusammen mit Michelotti und ihrer reichen Erfahrung in Kriminalfällen – sie ist eine eifrige Krimileserin – beginnt sie zu ermitteln.
Dieser Dorfkrimi hat Charme und eine liebenswerte Protagonistin. Ich bin nur zu gern ihren Ermittlungen gefolgt und wenn sie sich über die italienische Langsamkeit ärgert, weil sie inzwischen deutsche Effizienz schätzt, ärgert sich gleich darauf über uncharmante deutsche Männer und genießt die Aufmerksamkeit ihrer Landleute. Die Autorin kann auf diese Weise sehr witzig die üblichen Vorurteile einbauen und gleichzeitig entlarven. Ich habe mich wirklich an das Ufer eines oberitalienischen Sees versetzt gefühlt, die Atmosphäre ist einfach nur stimmig und sonnig. Der lockere Schreibstil der Autorin, der Wortwitz und das Temperament, das sie ihrer Hauptfigur mitgegeben hat, machen das Lesen zum reinen Vergnügen.
Es ist ein gelungener Sommerroman mit kriminalistischen Einschlägen und einer sehr überraschenden Auflösung.
Grade jetzt, wo wir alle in der Wohnung festsitzen und Reisepläne in weiter Ferne sind, war das Buch ein kleiner Lichtblick.
Die Himmelsscheibe
Die Kinder von Nebra von Ulf Schiewe
Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein ganz besonderer archäologischer Fund. Seit ihrem Auftauchen beschäftigt sie die Wissenschaft und noch mehr die Fantasie der Menschen. Es scheint ein winziges Fenster in das Leben unserer Vorfahren, ihr Denken und ihren Glauben.
Ulf Schiewe, der in seinen historischen Büchern immer meisterhaft Realität und Fiktion vermischt und daraus spannende Geschichten webt, hat sich diese Himmelsscheibe als Mittelpunkt seines neuen Romans genommen.
Er führt mich in die Bronzezeit, in die Gegend zwischen Saale und Unstrut und zeichnet das Leben der einfachen Bauern und Handwerker. Wie sie eingebunden mit der Natur leben, ihre Existenz durch frühen Ackerbau und ein wenig Viehzucht fristen. Auch Werkzeuge und natürlich auch Waffen wurden bereits geschmiedet. Das Wissen um die Gestirne brachte Utrik von seinen Reisen mit, die ihn als junger Mann bis in den Nahen Osten führte. Eine Himmelsscheibe zu schmieden war sein Lebensziel.
Die einfachen Leute leiden unter der Willkür des despotischen Fürsten Orkor und seines Sohnes, der die Menschen unterdrückt und versklavt. Das alles im Namen eines neuen Gottes, Hador – ein grausamer und strafender Gott, der nur durch Menschenopfer besänftigt werden kann.
Rana, Utriks und Herdis Tochter, ist als Priesterin für die Göttin Destarte bestimmt und sie will die Ungerechtigkeit nicht länger hinnehmen und nimmt, mit Hilfe der Scheibe und einiger Getreuer, den Kampf gegen die übermächtigen Herrscher auf.
Eine wirklich spannende und mitreißende Geschichte. Ulf Schiewe kann mit seinen Worten farbige Bilder und vergangene Welten auferstehen lassen. Wie immer fließt exakt recherchiertes Wissen ein und gibt den Hintergrund für diesen Roman aus der Bronzezeit. Ich war von Anfang an fasziniert, obwohl ich mit ein bisschen Skepsis an das Buch ging, weil ich fürchtete, dass es vielleicht zu sehr zur Fantasy-Geschichte wird. Aber diese Befürchtung war grundlos. Natürlich muss ein Autor in einen Roman, der in der Frühzeit spielt, viel Fantasie mitbringen um die Geschichte zu füllen. Das ist wirklich hervorragend gelungen. Die Figuren – hier fand ich das Personenverzeichnis mit der Erklärung der einzelnen Stämme und Clans sehr hilfreich – sind lebendig geworden. Allen voran die Frauenfiguren, die mir besonders gut gefallen haben.
Mit großem Interesse bin ich auch in die mystische Welt der Menschen eingetaucht. Ihr Glaube an Götter, die das Schicksal vorbestimmen, eine Naturreligion, in die auch Himmelserscheinungen und die Jahreszeiten einbezogen wurden, denn diese Beobachten beeinflussten die Ernten und damit das Überleben.
Ich muss nur ein kurzes Fazit geben: Ein toller Roman !!
Wenn die Sohle dünn ist, wird das Herz trüb
Die Kunst des stilvollen Wanderns von Stephen Graham
Vor gut hundert Jahren begann der englische Journalist und Reiseschriftsteller zu Fuß die Welt zu erkunden. Im Wandern fand er alles, was für ihn zur Freiheit, Charakterbildung und Selbstreflexion gehörte. Neben seinen Reiseberichten verfasste er auch eine Art Ratgeber zum richtigen Wandern.
Das mag uns heute vielleicht ein wenig aus der Zeit gefallen erscheinen.
Die Wahl des richtigen Stiefels, genagelt oder nicht, spielt in Zeiten von High Tech Ausrüstung keine Rolle mehr. Auch wie eine durchnässte Tweedjacke getrocknet wird, damit sie wieder als wärmende Zudecke gebraucht werden kann, liest man heute eher mit Heiterkeit.
Seine Bemerkungen zu den Erfahrungen des Reisens, zur fremden Kulturen, denen er offen gegenüber tritt, können auch heute noch überzeugen. Wenn er von der Gastfreundschaft nomadischer Völker erzählt und auch wie schnell sie ausgenutzt werden können, kann man das ohne weiteres auch auf heute Abenteuer- und Rucksacktouristen übertragen.
Besonders gefallen haben mir seine Anmerkungen zur richtigen Reiseliteratur, da ist fast ein kleiner Kanon von den antiken Philosophen bis zur Bibel. Lediglich von Krimis rät er ab, die sind zu schnell ausgelesen und beschweren dann nur den Rucksack.
Ja, man kann schon ein wenig Fernweh bekommen und liest neidisch von wunderbaren Nächten unterm Sternenhimmel. Auch wenn er über Wildtiere eher naiv daherkommt, weder Pumas und Bären haben ihn auf seinen Wanderungen in den USA geschreckt, wenn sie sein Camp besuchten. Aber vielleicht war es damals so, dass Bären ein Camp nicht als Nahrungsquelle ansahen. Auch einen menschenleeren, einsamen Yosemite NP kann man sich heute kaum noch vorstellen.
„Die Kunst des stilvollen Wanderns“ ist ein Büchlein, wie in eigentlich nur ein Engländer schreiben konnte. HarperCollins hat es in sehr hübscher Ausstattung neu aufgelegt, eine Wiederentdeckung im Genre „Armchair Travel“.
Bussi in Tirol
Die Toten vom Lärchensee von Joe Fischler
Arno Bussi fristet sein Polizisten-Dasein im Archiv. Da wird er vom Innenminister Qualtinger persönlich auf einen Cold Case in Tirol angesetzt. Vor 5 Jahren kam dort ein Wirt ums Leben, aber weder Täter noch Motiv sind aufgeklärt worden. Kaum ist Arno in Stubenwald am Lärchensee angekommen, überschlagen sich dort die Ereignisse.
Ein typischer Regionalkrimi mit viel Humor und Bezug auf lokale Eigenheiten, das ist wirklich unterhaltsam zu lesen, vor allem wenn der Autor mit so viel österreichischen Schmäh aufwartet. Bussi ist ein liebenswerter Zeitgenosse, auch wenn er meist in jedes Fettnäpfchen tappt. Die Bewohner von Stubenwald sind sehr urig dargestellt, besonders der örtliche Polizeiposten hat mit Franz Bernhard ein richtig kauziges Original, wobei ihm sein Hund Bernhard, einen Lawinenhund mit sommerlicher Dienstflaute fast die Show stiehlt.
Joe Fischler verteilt Seitenhiebe auf die Politik, die Stubenwalder Bürgermeisterin bekommt reichlich ihr Fett weg, genau wie der örtliche Investor um den sie publicitysüchtig herumscharwenzelt. Auch wenn Arnos Ermittlungen manchmal aus dem Ruder laufen, es gibt Ereignisse, an die er sich am nächsten Morgen nur noch sehr undeutlich erinnert, lässt er sich nicht beirren. Er nimmt Hunger, Kälte und Mücken in Kauf, widersteht der örtlichen Spezialität, der Käse-Sahne-Torte vom Bäcker Baldauf, er gibt eben alles.
Ich mochte schon die „Veilchen“-Romane des Autors und war deshalb auf „Die Toten vom Lärchensee“ besonders gespannt. Den ersten Einsatz von Arno Bussi habe ich wohl verpasst, aber es war kein Problem gleich einzusteigen. Ein wenig habe ich den Charme der frühen „Veilchen-Romane“ vermisst, hier driftete mir der Humor doch öfters in Klamauk ab. Die Idee des Plots ist schon gelungen, besonders wenn ich an den Bezug zu Bussis erstem Kontakt mit Stubenwalds Dorfbrunnen denke, aber verliert sich fast in den ganzen Verwicklungen und kleinen Nebengeschichten.
Ein amüsanter Ösi-Krimi, aber auch mit Luft nach oben.
Witzig, skurril und spannend
Wenn die Alpen Trauer tragen von Isabella Archan
Mitzi ist eine etwas besondere junge Frau. Eine Tragödie in ihrer Kindheit hat sie geprägt und ihr ein Leben voller Schuldgefühle beschert. Vielleicht interessiert sie sich deshalb so für die Schicksale anderer Menschen. Ein Zeitungsartikel über eine alte Dame, die einen Enkeltrick-Betrüger überlistete, veranlasst sie den Kontakt mit ihr herzustellen.
Doch kurz nach der Begegnung kommt die Frau bei einem Brand ums Leben und es scheint sich um Brandstiftung zu handeln. Mitzi beginnt nun auf ihre ganz eigentümliche Art zu ermitteln. Hilfe, wenn auch anfangs nur etwas widerwillig bekommt sie von Inspektorin Agnes Kirschnagel, der Mitzis Gespür für Mord schon einmal bei einem Fall half. (Die Alpen sehen und sterben)
Agnes und Mitzi ergeben schon ein eigenwilliges Ermittlergespann und dabei bleiben einige humorvolle, manchmal sogar skurrile Szenen nicht aus. Das macht besonders viel Spaß beim Lesen. Zwar werden findige Krimileser schon bald auf die richtige Spur kommen, aber der Plot birgt noch einige trickreiche Wendungen und so bleibt die Spannung erhalten.
Ganz besonders Mitzis Aktionen haben mir beim Lesen manchmal Herzklopfen beschert, denn sie stürzt sich recht spontan in gefährliche Situationen. Aber sie scheint einen Schutzengel zu haben. Nicht zuletzt auch einen realen in der Person von Inspektorin Agnes Kirschnagel, die schließlich Mitzi und ihren Hang zu eigenen Ermittlungen kennt.
Isabella Archans Krimis gefallen mir durch ihren Schreibstil sehr. Es die Mischung aus Humor, Sprachwitz und Figurenzeichnung die ihre Geschichten so originell und unverwechselbar machen. Liebenswert finde ich auch, dass manche Figuren aus anderen Büchern einen kleinen Gastauftritt bekommen.
Der Krimi spielt in großen Teilen in der Wachau, Melk und Krems bilden einen landschaftlich schönen Hintergrund. Auch wenn Agnes Kirschnagels Dienstelle in Kufstein ist und Mitzi in Salzburg wohnt, spielen die Alpen keine besondere Rolle. Deshalb fand ich den Titel nicht ganz passend zum Inhalt. Allerdings passt er zum ersten Band der Reihe und soll wohl die Verbindung herstellen.
Ganz zum Schluss kommen auch die Leckermäuler auf ihre Kosten. In einem Krimi aus der Wachau dürfen die Marillen nicht fehlen und so gibt es noch ein Rezept für Marillenknödel im Anhang.
Erster Auftritt Lorenz Lovis
Feuertaufe von Heidi Troi
Für Lorenz Lovis kommt es knüppeldick. Sein Großonkel bittet ihn auf dem Krankenbett den Erbhof weiterzuführen und beruflich läuft es auch nicht. Er lässt sich von seinem verhassten Chef bei der Staatspolizei zur Kündigung provozieren. Nun steht er mit einem überschuldeten Bauernhof da, ohne Ahnung von der Landwirtschaft zu haben und sein regelmäßiges Einkommen fällt auch weg.
Was bleibt ihm übrig als seine Dienste als Privatermittler anzubieten. Neben einem kleinen Job um einen gemobbten Schüler, bekommt er vom wichtigsten Mann des Dorfes, Baron Cavagna, einen Auftrag.
Lovis ist ein sympathischer, aber auch ein wenig ungeschickter Mann. Es klappt weder so recht mit den Frauen, sowohl bei der Verflossenen, wie auch bei neuen Begegnungen fehlen ihm die richtigen Worte, dafür wird er rot wie ein Pennäler. Bei seinen Ermittlungen stockt es auch, aber meist hat er den richtigen Instinkt und was noch wichtiger ist, die richtigen Helfer an seiner Seite.
Auch wenn er von Landwirtschaft nichts versteht, wird ihm allmählich klar, wie wichtig der Hof für seine Identität ist und er beginnt sich dafür zu interessieren.
Der Krimi ist ein Debüt und stellt mit Brixen eine Südtiroler Stadt in den Mittelpunkt, die sonst im Schatten von Bozen und Meran steht. Inmitten der Idylle von Weinhängen und Apfelplantagen lauern Missgunst, Neid und Gier. Eh er sich versieht, steht Lovis mittendrin und gleich auch noch unter Verdacht.
Ich habe das Buch gern gelesen und mich auch gut unterhalten. Das liegt an der sympathischen Erzählweise und natürlich auch am Südtiroler Ambiente. Die Figuren hat sich Heidi Troi sehr schön ausgedacht und bei den Dialogen sorgen Dialektpassagen für Lokalkolorit. Die meisten Dialektsätze kann man gut verstehen, vielleicht wäre ein kleines Glossar für die nächsten Abenteuer von Lorenz Lovis keine schlechte Idee.
Es war jetzt nicht der spannendste Krimi, den ich gelesen habe, da gibt es sicher noch Luft nach oben. Aber der erste Band macht Lust auf mehr. Auch in idyllischen Gegenden gibt es sicher eine Menge zu ermitteln.
3,5 Sterne
Spätsommer
Spätsommer ist auch noch Sommer von Minna Lindgren
Ulla ist 74 als ihr Mann nach langer Krankheit verstarb. Die ganzen Jahre hat sie ihn gepflegt und es war weder leicht, noch war es schön, denn ihr Mann war ein Kotzbrocken mit Alkoholproblem. Doch kaum ist er tot, tauchen die Kinder Marko uns Susanna auf und wollen nun das Leben ihrer Mutter bestimmen.
Am besten gleich in ein Pflegeheim, da ist für sie gesorgt, was soll sie in ihrem Alter denn sonst noch wollen.
Doch Ulla wehrt sich, zwar sind viele Kontakte während der langen Zeit der Krankenpflege eingeschlafen, aber mit den alten Freundinnen Hellu und Pike frischt sie ihren Kontakt auf und besonders Pike lässt vom Italienischkurs und Hot Yoga bis zum Silver Online Dating nichts aus.
Minna Lindgren hat einen turbulenten und in Teilen sehr komischen Roman um das Selbstverständnis einer Frau in 70igern verfasst. Ja, ich musste häufiger schmunzeln, auch mal ein wenig innehalten, aber so ganz glücklich hat mich das Buch nicht gemacht. Lässt sich eine vitale und gesunde 74jährige wirklich so von ihren Kindern schikanieren? Hört zu, wenn sie sich über ihren Kopf weg unterhalten und ihre Unterbringung in einem Pflegeheim organisieren und versuchen ihre finanzielle Unabhängigkeit zu beschneiden?
Dazwischen sind die Treffen mit ihren Freundinnen meist eher von der schrill, Hellu will noch etwas vom Leben haben und Pike ist dringend auf der Suche nach einem Mann. Das bringt Ulla in manch peinliche Lage.
Aber auch wenn sie die Autorin überspitzt und ironisiert, einen wahren Kern hat sie durchaus getroffen.
Eine Kindheit
Rosie von Rose Tremain
Ich kenne und schätze Rose Tremain als Romanautorin. In ihrem neuen Buch erzählt sie die Geschichte ihrer Kindheit. Es ist eine autobiografische Erzählung, sie verdichtet ihre eigenen Erinnerungen zu einem eindringlichen Bild einer exemplarischen Kindheit in der englischen oberen Mittelschicht. Auch wenn der Krieg viele Einschnitte brachte, lebte man wohlhabend und sorgenfrei.
Die Sommer verbrachte Rosie – so wurde sie als Kind genannt – auf dem Anwesen ihrer Großeltern. Da fehlte es zwar auch an menschlicher Nähe, aber das Haus Linkenholt bot Geborgenheit und gleichzeitig Freiheit.
In London spürte sie noch stärker die Gleichgültigkeit und Oberflächlichkeit ihrer Eltern. Ihre einzige Bezugsperson und Vertraute war ihre Nanny, so wünschte sie sich oft, dass Nanny ihre Mutter wäre. Sehr schnell wurde sie und ihre Schwester in ein Internat geschickt, Fluch und Segen zugleich, weil sie dort anfangs noch einsamer war, aber durch ein, zwei engagierte Lehrerinnen gefordert und angeleitet wurde und so die ersten Schritte zu ihrem späteren Lebenswerk machen sollte.
Die Kindheitserinnerungen sind leicht, manchmal humorvoll, aber doch sehr eindringlich erzählt. Ich spürte die Verlassenheit von Rose, die sich an die wenigen Zeichen von Zuneigung ihrer Eltern klammerte. Der Untertitel „Szenen aus einem verschwunden Leben“ weist schon auf die manchmal anekdotische Erzählweise hin und sicher veränderten sich ihre Erinnerungen im Laufe ihres Erwachsenenlebens. Sie reflektiert ihre Kindheit und kann ohne Verbitterung und ausgesprochenen Schuldzuweisungen zurückblicken.
Es bleibt für den Leser aber der Eindruck einer lieblosen Erwachsenenwelt, die sie umgab. Die Kinder wurden wohlgenährt und gut gekleidet, aber blieben ansonsten eher ein Störfaktor im gesellschaftlichen Leben der Eltern. Das erklärt sich auch durch die eigenen Kindheitserfahrungen der Mutter, die nie Liebe erfuhr und die deshalb auch ihren eigenen Töchtern nicht weitergeben konnte.
Ganz besonders interessant fand ich, dass aus ihren kindlichen Begegnungen und Erfahrungen auch schon der Grundstock an Figuren ihrer späteren Romane gelegt wurde. Sie weist in Fußnoten auch immer wieder darauf hin. Ihre Erinnerungen enden mit dem Beginn ihres Studiums an der Sorbonne und markieren damit auch die endgültige Lösung vom Elternhaus.
Sehr gut gefallen haben mir auch die Familienfotos, die diese Erinnerungen abrunden. Dass die Autorin das Buch ihrer Nanny Vera Sturt widmet, zeigt wie wichtig ihr diese einzige Vertraute ihrer Kindheit war.
Wieder ein Buch von Rose Tremain, das mir ausgesprochen gut gefallen hat. Sie kann einfach wunderbar schreiben.
Ein richtiger Schmöker
Die stummen Wächter von Lockwood Manor von Jane Healey
1939 – in London steigt die Furcht vor deutschen Bombenangriff. Da erreicht das Natural History Museum Majo Lockwoods Angebot, einen Teil der Sammlung auf seinem Landgut Lockwood Manor unterzubringen. Die junge Kuratorin Hetty Cartwright begleitet die Evakuierung der Säugetierabteilung.
Das alte, halb verlassene und marode Landhaus bietet zwar ausreichend Platz, aber eine erschreckende Atmosphäre macht Hetty Angst.
Ausgestopfte Tiere verschwinden, die Sammlung wird trotz Bewachung immer wieder verändert und Schaukästen beschädigt. Nicht nur Mäuse und andere Schädlinge gefährden die Sammlung, auch vom Major scheint eine unheimliche Bedrohung auszugehen.
Jane Healey beschwört in ihrem unterhaltsamen und stimmungsvollen Schmöker die viktorianische Zeit herauf. Ich fühlte mich bei der Beschreibung der nicht greifbaren Bedrohung und der Ängste an Manderley aus DuMauriers Roman „Rebecca“ oder auch an Brontes „Wuthering Heights“ erinnert. Das Labyrinth der Räume auf Lockwood Manor, ein geheimnisvolles, verschwundenes Blaues Zimmer, das durch die Alpträume von Major Lockwoods Tochter Lucy geistert, nächtliche Geräusche und seltsame Erscheinungen, verstärken diesen Eindruck.
Auch der Major scheint ein dunkles Geheimnis zu hüten und längst hat er seine freundliche Maske fallen lassen zeigt seinen Jähzorn und seine Machtgelüste. Seltsame Dinge ereignen sich und seltsame Gäste bevölkern das Haus.
Irgendwie scheint der Roman aus der Zeit gefallen, aber Healey gelingt es, den viktorianischen Schauerroman neu zum Leben zu erwecken. Ich konnte mich der Atmosphäre nicht entziehen und die Geheimnisse um dieses Haus erzeugten eine Gänsehaut-Spannung, die mich richtig fesseln konnte. Zwischen Hetty und Lucy entspinnt sich eine zarte Freundschaft, gemeinsam wollen sie sich den Bedrohungen stellen.
Aufgelockert wird die Atmosphäre durch Hettys Eigenart, Menschen die ihr begegnen mit Tieren zu vergleichen, da der Major zu einem Königstiger, die Haushälterin zu einem Sandfuchs, die Vergleiche finde ich sehr stimmig und sie beschwören sofort ein Bild vor meinen Augen.
Eingestreut und durch kursiven Druck kenntlich gemacht, sind die Träume, die Lucy und auch Hetty heimsuchen. Hier möchte ich auch einen Kritikpunkt anfügen. Das Schriftbild war für mich reinstes Augengift, ein, zwei Punkte größer, wäre mein Lesevergnügen größer geworden. Ansprechend und ein echter Blickfang ist das Cover. Blütenranken, ein Kolibri und ein schwarzer Jaguar nehmen Bezug auf den Roman.
Ein unterhaltsamer Roman, auf den der Begriff „Schmöker“ wirklich passt.
Sommerfuglen
Glasflügel von Katrine Engberg
Der Morgen beginnt nicht schön für den Kopenhagener Schüler, der sich mit Zeitungsaustragen sein Taschengeld aufbessert. In einem Stadtbrunnen findet er einen Toten. Es bleibt nicht bei diesem Leichenfund. Jeppe Kørner wird auch an den Folgetagen damit konfrontiert. Alle Toten haben eines gemeinsam: sie waren in einer privaten Jugendpsychiatrie – dem Haus Sommerfuglen (Schmetterling) – tätig.
Das Heim wurde nach dem Suizid einer jungen Bewohnerin geschlossen, ihr Vater gab der Heimleitung die Schuld. Damit steht er ganz oben auf der Verdächtigenliste.
Aber es ist nicht so einfach, wie es scheint. Jeppe, der schmerzlich seine Kollegin Anette Werner vermisst, stochert im Nebel, Verdächtige haben ein Alibi, ehemalige Bewohner sind zum Teil in anderen Kliniken oder im Ausland.
Eines wird dem Leser aber schnell klar, die Missstände in Sommerfuglen gingen tief und sie stehen sicher auch den Morden in Verbindung. Außerdem zeigt die Autorin in ihrem spannenden Krimi auch die Systemfehler in einem Gesundheitssystem auf, in dem Patienten sich der Wirtschaftlichkeit unterordnen müssen. Die Überforderung der Schwestern und Pfleger ist greifbar.
So beginnt nämlich auch das Buch. Im vorangestellten Prolog werden wir Zeugen, wie eine an ihre Grenzen gekommene, labile Schwester einen hochbetagten und schwierigen Patienten per Injektion „erlöst“. Damit begleitet mich natürlich den ganzen Krimi über die Frage, ob hier schon ein Fingerzeig auf den Täter gegeben wurde.
Anette Werner fühlt sich in der Elternzeit unglaublich müde, es gibt keine ruhigen Nächte mehr, aber auch gelangweilt. Ihr fehlt die Arbeit, vielleicht auch die intellektuelle Herausforderung. Was in manchen Krimis der Part der Privatermittler ist, die der Polizei ins Handwerk pfuschen, das übernimmt nun Anette. Allerdings mit guten Ergebnissen, die Jeppe immer mal wieder auf die Sprünge helfen. Denn wer als Ersatz einen netten Kollegen bekam, der intern der „Hosenträger-Onkel“ genannt wird, kann auch jede Hilfe gebrauchen.
In einem kleinen Nebenstrang darf man sich auch auf die Schriftstellerin Esther freuen, die man schon aus den vorhergegangen Büchern kennt. Auch hier schafft es die Autorin, mich lange im Unklaren zu lassen, ob Esters Erlebnis eine Verbindung zu Sommerfuglen zeigt.
Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, die Spannung kontinuierlich hoch und wird immer wieder mal durch leisen Humor oder eine witzige Bemerkung gebrochen. Deutlich zu spüren ist auch das Anliegen, das die Autorin transportieren möchten: die Zustände in einem immer stärker belasteten Gesundheitssystem, das für Personal und Patienten gleichermaßen grenzwertig ist.










