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Rezensionen von Bibliomarie:

Provinzposse

Bülent Rambichler und der störrische Karpfen von Anja Bogner

Bülent Rambichler, ein Hauptkommissar hat sich geschworen, nicht mehr freiwillig in seinen fränkischen Heimatort zu kommen. „Heimweh ist’s, wenn’s daheim weh tut“ so definiert er das für sich. Aber als in Strunzheim der allerseits beliebte zweite Bürgermeister kopfüber im Karpfenteich gefunden wird und auf dem Allerwertesten eingeritzt auch noch eine bezeichnende Botschaft prangt, bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Zu allem Übel wird ausgerechnet sein Vater verdächtigt. Da verlangt es schon die Familienehre, dass er ermittelt.

Aber was heißt schon ermitteln in diesem Krimi, der alles an schenkelklopfendem Humor mitnimmt. Das wäre auch gar nicht so schlimm, wenn die Autorin nicht öfters mal die Grenze zur Vulgarität und zur Fäkalsprache nach unten schiebt. Weil die Ehefrau des Verstorbenen aus Oberbayern stammt, darf neben dem fränkischen auch gleich der bayrische Dialekt benützt werden.

Die Figuren sind ulkig bis zur Karikatur gezeichnet, ein greises, aber fideles Zwillingspaar, ein tiefenentspannter Schulfreund von Rambichler (so viele Synonyme für die Selbstgedrehte aus heimisch angebautem Kraut habe ich selten gelesen) und nicht zuletzt Bülents Vater, Erkan Rambichler.

Die Handlung nimmt dann auch ihren gemächlichen Verlauf, Bülents Erkenntnisse kommen eher per Zufall zu ihm, wenn er sich aus den diversen Fettnäpfchen befreit hat. Das ist auch immer wieder lustig, wenn man derben Humor mag.

Für mich war an diesem Buch von allem zu viel und deshalb hielt sich auch mein Lesevergnügen in Grenzen.

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Lee Miller in Paris

Die Zeit des Lichts von Scharer Whitney

Die junge Amerikanerin Lee Miller kommt Ende der Zwanziger nach Paris, dem Zentrum der Kunst, Literatur und ein Hotspot für Amerikaner, die in das Lebensgefühl dieser Jahre eintauchen wollen.

Lee hat ein gewisses Ansehen als Model erworben, aber sie möchte nicht länger vor der Kamera posieren, sie möchte selbst fotografieren und gestalten.

Als sie dem schon arrivierten Man Ray begegnet und er sie nach einiger Zeit als Assistentin engagiert, scheint sie ihrem Ziel schon sehr nahe. Die Zusammenarbeit beginnt sie zu inspirieren, sie wagt immer häufiger fotografische Experimente und bald wird sie die Geliebte und Muse Man Rays.

Doch je sicherer sie sich ihrer Kunst und ihrer Persönlichkeit wird, umso mehr fühlt sie sich von ihm eingeengt und vereinnahmt. Sie fühlt, dass er sie nie als gleichberechtigte Künstlerin anerkennen wird.

Dieser Roman fängt sehr farbig das Lebensgefühl jener Zeit ein. Die Autorin hat sich für ihr Debüt eine interessante Frauenfigur als Protagonistin gewählt, deren Lebensweg sehr abenteuerlich und von vielen Brüchen durchzogen ist. Allerdings beschränkt sie sich nur auf einen kurzen Zeitraum. Von Lee Miller, der Kriegsberichterstatterin erfährt der Leser nur in kurzen eingeschobenen „Vorblicken“.Anfangs hatte ich mehr einen biografischen Roman erwartet und war deshalb fast enttäuscht, dass so vieles vom Leben dieser Frau im Dunkeln blieb, allerdings nahm mich der Schreibstil der Autorin bald richtig gefangen. Whitney Scharer kann hinreißend erzählen und lässt die Pariser Jahre richtig lebendig werden. Sie lässt die Leser eintauchen in die Welt der Boheme, Cocteau, Picasso, Kiki, die Dadaisten und Surrealisten, sie alle tauchen in Man Rays und Lee Millers Umfeld auf.

Ganz besonders gelungen fand ich den Prolog des Buches, er zeigt eine alternde, alkoholkranke Lee, die auf einer Farm in England lebt und die die Erinnerungen und Arbeiten aus ihrer Pariser Zeit im hintersten Winkel ihres Gedächtnisse und auf dem Dachboden verborgen hat. Doch dann wird sie durch einen Auftrag für einen Artikel wieder daran erinnert….

Ein schöner Roman, der Lust macht mehr über die faszinierende Lee Miller zu erfahren.

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Der nächtliche Jäger

Bei Einbruch der Nacht von Vargas Fred

Im Nationalpark Mercantour wurden einige Wölfe aus den Abruzzen ausgewildert. Nicht zur Freude der heimischen Schäfer. Begleitet wird das Experiment von dem kanadischen Experten, der sich bei der Erforschung der Grizzleys einen Namen macht. Das er immer noch in Frankreich ist, liegt vielleicht auch an der schönen Camille.

Sie hat nach der wiederholten Trennung von Kommissar Adamsberg Paris verlassen ist nun mit Lawrence zusammen.

Als sich immer mehr gerissene Schafe finden und die Bisswunden viel größer als von einem normalen Wolf scheinen, macht sich in der ländlichen Gegend die Furcht vor einem Werwolf breit, dann geschieht das Gefürchtete: die Bäuerin Suzanne wird tot aufgefunden, auch an ihren die Bisse des riesigen Wolfs.
Camille macht sich nun zusammen mit Soliman, Suzannes Adoptivsohn und ihrem alten Schäfer, der nur der Wächter genannt wird auf die Jagd nach dem Wolf.
Doch immer wieder kommen sie zu spät, egal wo sie suchen, der Wolf war schon vor ihnen da. Schweren Herzens entschließt sich Camille, Adamsberg einzuschalten. Doch der hat schon längst Witterung aufgenommen, seit er Camille in einer Nachrichtensendung sah.

Fred Vargas Kriminalromane sind immer etwas Besonderes. Ihr Ermittler Adamsberg passt in kein bekanntes Schema. Er ist ein Frauenheld, fast Widerwillen, denn er liebt nur Camille, kann aber nicht mit ihr und auch nicht ohne sie leben. Seine Intuition ist legendär und für ihn sind Schwingungen genauso aussagekräftig wie handfeste Spuren. Alle ihre Figuren sind in gewissem Maße Sonderlinge, Eigenbrötler und Einzelgänger, aber sie werden von ihr so hinreißend beschrieben, dass man sich auch im realen Leben mehr von ihnen wünscht. Der Plot ist ganz handfest, obwohl man beinahe versucht ist, auch an ein übernatürliches Phänomen zu glauben. Aber es stimmt auch hier, „der Mensch ist des Menschen Wolf“.

Die Reise der Wolfsjäger auf einem umgebauten Lieferwagen ist nicht nur spannend, sie ist stellenweise richtig komisch. Dazu tragen vor allem die Dialoge zwischen ihnen bei. Sehnsüchte, Lebensweisheiten und Plänkeleien machen Spaß und bieten immer wieder Atempausen bei der Jagd nach dem geheimnisvollen, gefährlichen Wesen.

Ich glaube an Fred Vargas scheiden sich die Geister. Entweder man liebt ihre Krimis oder man kann gar nichts mit ihnen anfangen.

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Das Fest der Liebe - mal anders

Swinging Bells von René Freund

Sandra und Thomas sind mit ihren Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt. Zum ersten Mal fahren sie Heilig Abend nicht zur Familie. Ausgerechnet an diesem Tag hat das schon lang inserierte Doppelbett einen Interessenten gefunden und als es klingelt, bittet Sandra das Paar herein um alles abzuwickeln. Doch Elisabeth und Leo packen erst mal eine Flasche Prosecco aus und wollen gar nicht so schnell auf das Thema Bett kommen.

Ein grandioses Missverständnis das sich nur allmählich löst. Elisabeth und Leo haben sich in der Hausnummer geirrt, ist wollen das Paar aufsuchen, mit dem sie sich in einem Swinger Forum verabredet haben. Doch seltsam – je länger die Paare miteinander sprechen, umso weniger eilt es mit der Verabschiedung.

Der Klappentext klingt wie eine Screwball Komödie, sexy und schnell – aber es wäre nicht der Autor René Freund, wenn er es dabei beließe. Ganz allmählich und immer sehr unterhaltsam für den Leser, geht er den Persönlichkeiten auf den Grund. Wenn die tiefschürfendsten Gespräche eines Paares um die Vorzüge von Bio-Salat und Grammatikfehler geht, merkt man sehr schnell die Vermeidungsstrategie.

Schicht um Schicht fällt der Schutz, den sich das Paar geschaffen hat und allmählich müssen sie sich unangenehmen Wahrheiten stellen. Es geht natürlich um Sex, aber auch um Vertrauen, Liebe und geheime Sehnsüchte. Renè Freund beschreibt das alles sehr witzig und mit Augenzwinkern, aber auch mit tiefen Verständnis für die Wirrungen seiner Figuren. Er lässt dabei keinen Stein auf dem anderem und mit den Protagonisten setzt auch beim Leser ein Gedankenspiel ein.

Ich habe mich bestens unterhalten und doch auch sehr mit dem Paar Sandra und Thomas mitgefühlt. Das liegt sicher am – von einigen Lesern so genannten – René Freund Gen, das seine Bücher ausgezeichnet. Amüsant und liebenswert und immer mit dem Blick auf den Menschen.

Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art, aber ehrlich und passend zum Fest der Liebe.

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Das Mädchen im Jardin du Luxembourg

Leas Spuren von Bettina Storks

Zu ihrer großen Überraschung erbt die deutsche Historikerin Marie Bergmann die Hälfte eine Pariser Eigentumswohnung. Der andere Erbe ist der Journalist Nicolas, der Enkel des verstorbenen Victor Blanc. Die Erbschaft ist an eine Bedingung geknüpft: sie sollen der Spur eines im Krieg verschollenen Aquarells des jüdischen Malers Jacob Stern ausfindig machen und das Bild den rechtmäßigen Erben überbringen.

Bald klärt sich die Verbindung Blancs zu Marie Bergmann, sie ist die Großnichte seiner großen Liebe Charlotte. Sie haben sich im besetzten Paris getroffen, als Charlotte Angestellte in der Deutschen Botschaft war. Eine große, schwierige Liebe in gefährlichen Zeiten.

Marie und Nicolas machen sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten auf die Spurensuche und müssen sich unbequemen Wahrheiten und Untaten aus der Vergangenheit stellen.

Der zweite Handlungsstrang führt in die Vergangenheit und stellt Victor und Charlotte in den Mittelpunkt. Wie waren sie in die Beutekunst Raubzüge der Nazis involviert? Haben sie Schuld auf sich geladen, die Victor Blanc nun nach seinem Tod begleichen will?

Dieser Roman hat mich von der ersten Seite an mitgenommen und tief berührt. Bettin Storks ist eine Meisterin in der erzählenden Geschichtsschreibung. Sie beschreibt das historische Paris so lebendig, dass ich beim Lesen durch die Straßen gelaufen bin und in farbige Bilder vor Augen hatte. Das gelingt, weil die Autorin nicht nur akribisch recherchiert, auch ihre Liebe zu Frankreich und Paris spürt der Leser. Es hat mir gefallen, wie die historischen Ereignisse mit der erdachten Rahmenhandlung verbunden werden. Ich bin ganz tief in die Geschichte eingetaucht, habe mitgefiebert und gelitten. So nahe kommt mir selten ein Roman.

Es schien, als ob Victor Blanc zwei Generationen später noch einmal in den in Lauf der Geschichte eingreifen und Schicksal spielen möchte. Denn durch seinen Nachlass wird ein dunkles Kapitel beleuchtet und Marie muss das Schweigen ihrer Großmutter, Charlottes jüngerer Schwester, durchbrechen. Unwillkürlich stellte ich mir beim Lesen die Frage, was haben eigentlich deine Großeltern erzählt?

Besonders intensiv wird das Leseerlebnis durch die Verknüpfung von historisch belegten Figuren und Ereignissen aus der Zeit. Was in Geschichtsbüchern fern und anonym bleibt, wird von Bettina Storks durch ihren Erzählton ganz unmittelbar und persönlich. Wie immer gelingt es ihr dabei eine spannende Handlung mit stark gezeichneten Charakteren zu schaffen. Ihre Protagonisten sind lebensecht und sind deshalb dem Leser gleich nah und vertraut.

„Leas Spuren“ hat mir außerordentlich gefallen und ich kann ihn nur wärmstens empfehlen.

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Austernkrieg

Winteraustern von Alexander Oetker

Was wäre Weihnachten und Silvester in Frankreich ohne Austern? Deshalb ist der kalte Dezember für die Züchter im Bassin d’Arcachon auch der heißeste Monat. Sie können der Nachfrage kaum Herr werden, wobei den größten Umsatz natürlich Chevalier macht. Ein Produzent, der nach und nach alles aufkaufte, was ihm in die Finger kam, für die kleineren Produzenten bleibt in der Regel der aufwendigere Marktverkauf.

In diesen Nächten fährt die Brigade nautique nächtliche Streifen im Bassin, die Zahl der Austerndiebstähle hat enorm zugenommen und Lieutenante Giroudin hat Luc Verlain und seinen todkranken Vater auf eine dieser Fahrten eingeladen. Es ist eine Geste für Alain Verlain, der selbst Austernzüchter war und nun im Pflegeheim lebt. Doch wird diese Fahrt kein Vergnügen, auf einer Sandbank wird ein Züchter gefunden, der niedergeschlagen wurde und vor der herannahenden Flut gerade noch die Rettung rufen konnte. Doch für zwei junge Austernfischer kommt die Hilfe zu spät, sie wurden niedergeschlagen, gefesselt und der Flut überlassen.
Alexander Oetker kann Stimmung und Atmosphäre, das beweisen seine drei Aquitaine-Krimis. Um den spannenden Plot, der wie immer sehr speziell mit Gegend verbunden ist, entwickelt sich ganz viel Frankreich-Feeling. Es geht um das gute Essen und die guten Weine, es geht um Leidenschaft für die typischen Landesprodukte – hier eben die berühmte Auster – und natürlich auch um die Liebe.
So ist Luc Verlain vor einiger Zeit aus Paris gekommen, ein richtiger Lebemann, der nichts anbrennen ließ, hat aber in Anouk, seiner Kollegin auch eine Partnerin gefunden, die ihm mehr bedeutet, als jede Freundin zuvor. Die Bindung mit seinem Vater ist wieder eng geworden, auch wenn nicht mehr viel Zeit bleibt, Versäumtes nachzuholen.
Man nimmt am rauen Geschäft der Fischer teil, erfährt von der harten Arbeit unter unwirtlichen Bedingungen, von Sehnsüchten und Hoffnungen und Enttäuschungen, wenn sich die Pläne nicht erfüllen. Das alles macht den Charme der Krimis von Alexander Oetker aus. Dazu kommt der gut ausgedachte Handlungsrahmen, der spannend angelegt ist und sich zum Finale noch mit einer richtigen Überraschung steigern kann. Der Krimi hat alle meine Erwartungen erfüllt, es war wieder eine Reminiszenz an Land und Leute und macht einfach Laune und nicht zuletzt Lust auf Frankreich.
Die Aquitaine-Krimis von Oetker müssen den Vergleich mit den Bretagne Krimis von Bannalec nicht scheuen.

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Rheingauer Riesling

Rieslingsommer von Heike Wanner

Luise Schwanthaler entstammt einer alteingesessenen Winzerfamilie. Doch ihr war das Leben im Rheingau bald zu eng geworden und als Hotelfachfrau ist sie viel in der Welt herumgekommen. Die letzten Jahre lebte sie mit Tochter Amelie in Wiesbaden, wo sie als Service Chefin ein bekanntes Restaurant leitet.

Als sie aus der Villa des Ex-Mannes ausziehen muss, will sie nur ungern für einige Zeit auf das Weingut zurückkehren. Zu schlecht ist das Verhältnis zu ihrer Schwester Bianca, die ein wenig schrullig und versponnen, nie das Elternhaus verlassen hat.
Die Rückkehr löst erst mal einen Schock aus. Bei den kurzen Besuchen zu Feiertagen oder an den Wochenenden ist ihr nie bewusst geworden, wie heruntergewirtschaftet das Gut ist. Es ist alles zu viel für ihre früh verwitwete Mutter geworden. Das ehemals renommierte Weingut steht kurz vor dem Ruin. Doch dann taucht auf Reparaturarbeiten im alten Weinkeller ein Dokument auf, dass das Leben der vier Generationen Schwanthaler Frauen durcheinander wirbelt.
Heike Wanner hat einen leichten Sommerroman geschrieben, in dem es ums Heimkommen und Ankommen geht. Das übermittelt schon beim Lesen ein wohliges Gefühl. Die Geschichte kommt mit wenigen Figuren aus, aber die sind alle liebenswert charakterisiert und die schwesterlichen Differenzen bringen Würze und auch witzige Szenen in diesen Roman. Natürlich müssen bis zum Happy End einige Schwierigkeiten geschultert werden, aber man begleitet die Schwanthaler Frauen gern dabei.
Es gibt auch einige offensichtlich unvermeidbare Klischees, aber wenn ich einen typischen Frauenroman wähle, dann weiß ich das und störe mich nicht daran. Vor allem wenn es gut in die Story eingebettet ist und nicht in zuckersüßen Kitsch ausartet. Wenn ich die Analogie zum Weinthema ziehen darf: süffig und frisch, aber wenig Nachhall.
Nette, unkomplizierte Unterhaltung, die 3,5 Sterne verdient.

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Das Mädchen im Koffer

Moses und das Mädchen im Koffer von Ramadan Ortwin

Stefan Moses ist Kriminalkommissar bei der Hamburger Polizei. Er stammt aus einer vermögenden alteingesessenen Reeder Familie und doch ist er etwas anders. Denn er ist als kleines Kind allein aus Afrika gekommen und wurde adoptiert. Seine frühkindlichen traumatischen Erlebnisse von Flucht und dem wochenlangen Aufenthalt im Bauch eines Containerschiffs verfolgen ihn noch heute.

Aber Schwäche lässt er nicht zu und er reagiert unwirsch, wenn ihn seine Freundin auf seine Alpträume anspricht.

In dieser angespannten Situation kommt ein grausiger Fall auf ihn zu. Aus einem angeschwemmten Überseekoffer wird eine Mädchenleiche geborgen, geschminkt und gekleidet wie eine kleine Prinzessinnenpuppe.

Gleichzeitig wird ein weiteres Mädchen vermisst. Aber es gibt keine Gemeinsamkeiten, keine Verbindungen. Moses und sein Team arbeiten auf Höchsttouren, doch die Zeit ist gegen sie. Vor allem weil es keine Spuren zu geben scheint, bis ein kleiner Hinweis Moses auf eine Idee bringt.

Sehr spannend ist die Suche nach den kleinsten Hinweisen und wenn auch die Polizeiarbeit nicht immer ganz realistisch geschildert ist, wird der Spannungsbogen hochgehalten und steigert sich bis zum Ende noch einmal.

Das ist bereits der zweite Fall für Stefan Moses und die Figur hat mit all ihren kleinen Ecken und Kanten viel Potential. Auch wenn der Aufbau der Geschichte recht konventionell ist und auch die Nebenhandlungen nicht unbedingt originell sind. So gibt es natürlich eine kapriziöse Freundin, die nicht immer Verständnis hat, wenn Moses fast Tag und Nacht durcharbeitet und alles um sich herum seiner Arbeit unterordnet. Die Assistentin Helwig ist als kompletter Gegenentwurf gezeichnet. Sie kommt aus prekären Verhältnissen, ist von Kinderheim und Jugendamt geprägt und schießt schon mal übers Ziel hinaus. Zwischen dem vermögenden, großbürgerlich geprägten Moses und ihr knallt es schon mal.

Der Krimi hat mich gut unterhalten, die Sprache ist gut zu lesen und es wird farbig und temporeich erzählt. Besonders gespannt ist der Leser natürlich auf Moses Vergangenheit und das lässt mich schon neugierig auf den nächsten Band warten.

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Zweiter Fall für Helle Jespers

Helle und die kalte Hand von Judith Arendt

Es ist ein regnerischer Herbst in Skagen. Helle Jespers kann sich kaum noch an einen trockenen Tag erinnern. Der viele Regen hat eine Wanderdüne ins Rutschen gebracht und eine Frauenleiche freigeben. Es handelt sich um eine junge südostasiatische Frau ohne Papiere, die anscheinend nicht vermisst wurde.

Doch der Leichnam ist unter dem Sand gut erhalten geblieben und eine Phantomzeichnung führt bald zu einer heißen Spur.
Allerdings scheinen Mitglieder der dänischen Nationalpartei damit zu tun zu haben und damit bekommt der Fall eine politische Dimension. Denn die neuen Rechten, die gegen Einwanderung und Flüchtlinge und offene Grenzen wettern, habe eine eigene Auffassung von Recht und Ordnung.
Helle Jespers, die nicht mehr ganz junge und nicht mehr schlanke Ermittlerin aus Skagen hat bereits mit ihrem ersten Fall (Helle und der Tote im Tivoli) überzeugt. Mit Spannung erwartete ich den zweiten Band und wurde auch hier nicht enttäuscht. Die Handlung überzeugt durch einen komplexen Kriminalfall, der überaus realistisch und aktuell ist. Arbeitssklaven aus Drittweltländern, die von skrupellosen Schleusern ins Land geschmuggelt und ausgebeutet werden – das ist inzwischen Realität in Europa. Mir gefiel, wie die Autorin hier Haltung zeigt.
Ein Gegengewicht bildet das Privatleben von Helle, die immer wieder von ihrem Mann Bengt aufgefangen und bekocht wird. Zwar hat auch sie genügend Stress und wird von Hitzewallungen geplagt, aber endlich wird mal das Stereotyp vom ausgebrannten und kaputten Polizisten beiseite gelassen.
Auch die anderen Figuren sind von der Autorin gut in Szene gesetzt. Amira, die Computerspezialistin mit Migrationshintergrund ist eine sympathische Frau und Freundin für Helle geworden. Wie überhaupt das Klima in der Polizeistation ziemlich ausgeglichen und freundschaftlich ist. Vielleicht liegt es am in Dänemark gebräuchlichen „Du“ für jedermann. Lediglich der alte Stationschef und Mentor von Ingvar darf ab und an ein wenig grummeln.
Mir hat dieser Krimi wieder gut gefallen, Spannung und Gesellschaftskritik haben hier eine gute Mischung ergeben. Judith Arendt hat einen flüssig und fesselnd zu lesenden Kriminalroman geschrieben, den ich gerne empfehle.

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Den Autor muss man sich merken

Wisting und der Tag der Vermissten von Horst Jørn Lier

Jedes Jahr nimmt sich William Wisting einige Kartons mit den Unterlagen zum Vermisstenfall Katharina Haugen vor. Er konnte diesen Fall nie auflösen und er fühlt sich für ihn wie ein Stachel an, der immer wieder in die Haut bohrt. Zum Ehemann Martin Haugen, der auch als Verdächtiger galt, hat er im Lauf der Jahre ein besonderes, fast freundschaftliches Verhältnis aufgebaut, obwohl sich Wisting sicher ist, dass Haugen etwas vor ihm verbirgt.

Man sieht sich hin und wieder und der Jahrestag des Verschwindens von Katharina hat sich als Treffen eingebürgert.

Doch dieses Jahr kommt eine neue Dynamik in den Fall. Adrian Stiller, ein junger, sehr ehrgeiziger Kommissar, der eine EU Einheit zu Cold Cases leitet, hat eine neue Spur entdeckt. Fingerabdrücke aus einem nie geklärten Entführungsfall, die erst jetzt im Rahmen der fortschreitenden Technik Martin Haugen zugeordnet werden können. Stiller bezieht auch die Presse mit ein, ganz gezielt wählt er Wistings Tochter Line aus, die freiberufliche Journalistin arbeitet.

Ein Krimi, der eigentlich ganz unspektakulär daher kommt, aber einen unglaublichen Sog entwickelt. Die Polizeiarbeit wird in ihrer Kleinteiligkeit durchaus realistisch geschildert, ist aber dabei überhaupt nie langatmig. Eine besondere Faszination übten die Protagonisten auf mich aus. Der Autor hat zwei ganz gegensätzliche Ermittler beschrieben. Wisting, als älterer, abgeklärter Ermittler, der sich in seine Gegenüber hineinversetzen kann und auch auf kleinste Regungen in Mimik und Sprache achtet und deuten kann. Stiller ist eher das Gegenteil, ein auf Erfolg geeichter Ermittler, der mit Manipulation und Provokation zu seinem Ziel kommen möchte. Das sind zwei Generationen und zwei Charaktere mit ganz unterschiedlichen Ansätzen.

Der Leser lernt die Protagonisten aus verschiedenen Perspektiven kennen und kommt deshalb auch dem Geschehen sehr nah. Besonders intensiv empfand ich die Gespräche zwischen Wisting und Haugen, die um das Verschwinden Katharinas kreisen und in den vieles unausgesprochen bleibt, aber jeder Satz, jede Geste eine ganz besondere Bedeutung haben.

Das Buch entspricht genau den Erwartungen, die ich an einen intelligenten Krimi habe und hat mir deshalb auch ausgesprochen gut gefallen. Dass ich schon sehr früh ahnte, wohin Wisting Martin Haugen steuerte, war das Ende keine Überraschung, aber völlig schlüssig gelöst.

Das ist ein Autor, den ich im Auge behalten werde und auf dessen andere Bücher ich schon sehr gespannt bin.

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