Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Bibliomarie:
Vielschichtig
Die Geheimnisse meiner Mutter von Jessie Burton
Rose hat ihre Mutter nie gekannt. Als Kind dachte sie sich Fantasiegeschichten aus, die sie ihren Schulfreunden erzählte. Erst als Erwachsene erfährt Rose vom Verschwinden der Mutter Elise, ihrer Liebesbeziehung zur damals berühmten Schriftstellerin Constance Holden, und dass sie ihr Baby bei einer Freundin zurückließ und spurlos verschwand.
Rose liest die beiden Bücher der Holden, die offensichtlich nach Elises Verschwinden nie wieder einen Roman schrieb und beginnt die Frau zu suchen, die zuletzt mit ihrer Mutter sprach.
Der zweite Handlungsstrang berichtet aus der Perspektive von Elise, einer bildhübschen, aber orientierungslosen Frau. Sie lernt Connie kennen und lieben, aber die Beziehung scheitert, auch an ihrer Unfähigkeit Bindungen einzugehen.
Jessie Burton hat einen Sprachstil, der mir sehr gut gefallen hat. Sehr sensitiv beschreibt sie die Frauen, deren Leben und deren Vorstellungen von Glück. Das ist fast ein wenig spröde, so wie auch ihre Frauenfiguren spröde und zerbrechlich wirken. Die Suche nach dem Glück, nach der eigenen Stärke, die Rose und vor ihr, ihre Mutter Elise durchmachten, führt auch zu dramatischen, für mich nicht immer verständlichen Aktionen. So muss ich feststellen, dass mir Elise eigentlich als Charakter immer fremd blieb und ich wenig mit ihren Launen anfangen konnte. Vielleicht werde ich ihr damit nicht gerecht, denn ihre inneren Kämpfe werden von Jessie Burton sehr empathisch beschrieben.
Rose und Elise sind ähnliche Charaktere, sie lassen sich treiben, warten auf Etwas, dass ihrem Leben eine Wende gibt. Während das bei Elise sehr früh geschieht, sie lernt mit 20 Connie kennen und lieben, ohne dass sie daraus Sicherheit zieht oder reift, treibt Rose noch mit Mitte 30 ziellos durchs Leben. Erst als ihr Vater ihr von Constance Holden erzählt, beginnt sie sich mit Vergangenheit auseinanderzusetzen.
Das Buch ist sprachlich schön geschrieben, mein Manko war nur, dass ich mit den Frauenfiguren nicht recht warm geworden bin und das mir dadurch das letzte Quäntchen bei diesem Roman fehlte.
Ein Leben für die Mode
Die Kleider der Frauen von Natasha Lester
Estella wächst inmitten von Mode und Design auf. Ihre Mutter arbeitet als Näherin in einem bekannten Atelier und Estella zeigt schon von klein an Begabung für Schnitte und Design. Aber es ist das Paris der 40iger Jahre. Besatzung und Krieg lassen wenig Platz für Mode und als Estella bei einer Mission für Widerstand einspringt, bringt sie sich in große Gefahr.
Ihre Mutter besteht darauf, dass sie Paris in Richtung New York verlässt und präsentiert ihr auch gleich ihre Geburtsurkunde. Estella hat einen amerikanischen Vater und wurde auch in den USA geboren, so dass sie ohne Schwierigkeiten das Land verlassen kann.
In New York beginnt eine steiniger Weg für Estella, bis sie für ihre Mode anerkannt und gefeiert wird.
Ein zweiter Handlungsstrang beleuchtet das Leben Fabiennes, Estellas Enkelin. Sie lebt in Australien, aber auch New York und Paris sind vertraute Familienorte für sie. Doch ihre Großmutter ist inzwischen hochbetagt und gibt Fabienne noch eine Aufgabe für ihren Paris Aufenthalt mit. Damit erfährt auch sie von einem Familiengeheimnis, dass sie unmittelbar betrifft.
Durch den Kunstgriff, die Handlung zu unterbrechen und mehrere Jahrzehnte in die Zukunft zu springen, bin ich natürlich sehr gespannt auf die Jahre dazwischen geworden und ganz allmählich wird die Geschichte aufgerollt. Zwei sehr gegensätzliche Motive – die Mode und der Widerstand während der Besatzungsjahre – ergänzen sich dabei sehr schön und machen das Lesen farbig und spannend.
Ganz besonders gut hat mir Estellas Schicksal gefallen. Eine junge, selbstbewusste Frau, die an sich glaubt und sich auch nicht verbiegen lässt, wenn das Schicksal sie herausfordert. Die Geschichte ihrer Mode, ihres Erfolgs habe in einem Zug gelesen. Eigentlich hätte mir das Thema für einen Roman sogar gereicht.
Naturgemäß bleibt die junge Fabienne dagegen etwas blasser, auch wenn ihr Part schön und romantisch zu lesen ist, mich aber nicht völlig überzeugte.
Der Roman ist sehr schön zu lesen und hielt mich wirklich für Stunden gefangen. Die Mischung aus Familiengeschichte samt vieler Geheimnisse, Liebesgeschichte und historischem Hintergrund, der sehr lebendig wurde, hat mir sehr gut gefallen.
Der freie Hund beißt wieder zu
Der freie Hund von Wolfgang Schorlau; Claudio Caiolo
Antonio Morello gelang in Sizilien ein Schlag gegen die Mafia. Danach hatte er die Wahl zwischen einem bewachten Leben in einer Kaserne oder die Versetzung ans andere Ende Italiens. Venedig gefällt ihm nicht, die Menschenmassen, die stinkenden Kanäle, die Vorurteile, die ihm an seiner Dienststelle entgegen gebracht werden, aber da muss er durch.
Gleich sein erster Fall hat es in sich, ein Student wurde erstochen. Er hat sich vehement gegen die Gefährdung der Lagunenstadt durch die Kreuzfahrtriesen ausgesprochen. Francesco Grittieri stammte aus einer vermögenden Familie und wie weit deren Einfluss reicht, erkennt Morello schon daran, dass der Questore die Freigabe der Leiche an die Familie verfügte, bevor eine pathologische Untersuchung erfolgen konnte. Aber der Commissario hat nicht umsonst den Namen „Der freie Hund“, Weisungen haben Morello noch nie aufgehalten, wenn er Verflechtungen zwischen Politik und Mafia vermutete.
Der Krimi ist ohne Zweifel spannend. Er greift auch ganz aktuelle Probleme auf, wie die Kreuzfahrtschiffe, die die Luft verpesten und die Stadt mit Tagestouristen überschwemmen. Wie der immer weniger werdende Wohnraum, der alt eingesessene Venezianer ins Umland zwingt und die steigenden Preise überall. Das macht den Plot aktuell.
Geschrieben ist der Roman sehr flott, fast würde ich sagen: zu gefällig. Kurze Sätze und viele Dialoge machen das Lesen wirklich einfach. Manchmal ist es mir fast mit Klischee überfrachtet. Der junge Taschendieb, der durch Morello geläutert und anschließend für ihn durchs Feuer geht, ist schon nah am Kitsch. Die sympathische Nachbarin, die in Morello wieder Gefühle weckt und ihn den Tod seiner Frau leichter werden lässt, bedient die Romantik.
Dass für die taffe und wehrhafte Kollegin, die nicht grade wie eine Elfe gebaut ist, der Name Anna Klotze gewählt wurde, finde ich etwas unpassend. Im Gegensatz dazu lese ich den Namen der Journalistin, die Morello für sich einnehmen kann, als eine kleine Geste an die Journalistin Petra Reski, die auch im Nachwort erwähnt wird.
Kleine eingestreute italienische Redewendungen, Grüße und Flüche sorgen für das Ambiente, genauso wie die abgedruckten Songtexte, die Morello ganz besonders gern hört.
Das alles ist nicht neu und originell, aber gut gemacht und im Ergebnis ein unterhaltsamer Venedig-Krimi, der wohl der Auftakt einer Reihe sein wird. Der freie Hund wird also wieder beißen.
Buchliebe
Happy Ever After - Wo das Glück zu Hause ist von Jenny Colgan
Nina Redford ist mit Leib und Seele Bibliothekarin. Das richtige Buch für den richtigen Leser zu finden ist ihr Lebensziel und wenn sie es wieder einmal genau getroffen hat, ist sie glücklich. Aber das soll nicht mehr lange so dauern, die kleine Bibliothek in Birmingham wird aufgelöst. Alles wird zentralisiert und die Stadtverwaltung setzt eh auf Online-Angebote und E-Books.
Da braucht man auch nicht so viel Personal.
Alles was an Büchern aussortiert und entsorgt werden soll, möchte Nina retten. Zu jedem einzelnen Buch hat sie eine Beziehung. Als sie auf eine Verkaufsanzeige für einen alten Lieferwagen stößt, kommt ihr die Idee: eine mobile Buchhandlung, das wäre doch etwas für sie. Der Lieferwagen steht zwar in Schottland, aber was macht das schon. Doch eine Idee ist eine Idee und die Realität funkt manchmal dazwischen.
Als Bücherfan kann ich kaum einem Roman widerstehen, in dem es um Bücher, Buchhandlungen oder Bibliotheken geht. Hier hatte ich ein-zwei Kapitel lang ein wenig Anfangsschwierigkeiten, aber dann hat mich das Buch richtig abgeholt. Natürlich darf in dieser Wohlfühlgeschichte auch eine tüchtige Portion „Liebesgedöns“ nicht fehlen, aber wenn das Ganze in Schottland spielt und auch den rauen Charme der Landschaft widerspiegelt, passt es doch bestens.
Eine wirklich nette Geschichte, charmant geschrieben und die Figuren sind allesamt liebevoll gezeichnet. Eine junge Frau wie Nina möchte man gern zur Freundin haben und sich von ihr die Lieblingsbücher vorstellen lassen.
Ich habe das Buch wirklich gern gelesen und mich mit Nina über ihre Idee gefreut und mit ihr gelitten. Was will man mehr, wenn man in eine Geschichte eintauchen kann.
King of Fulalu
Das kann uns keiner nehmen von Matthias Politycki
Der Erzähler reist nach gut 20 Jahren noch einmal nach Afrika um den Kilimandscharo zu besteigen. Er hat noch eine Rechnung offen, seine erste Reise endete in einem Desaster, das auch seine Beziehung zu Mara zerstörte. Er will dieses Kapitel abschließen und es stört ihn gewaltig, dass er bei seiner geplanten Übernachtung im Krater nicht allein ist.
Ein Zelt ist bereits aufgebaut und er lernt Tscharli kennen. Einen ausgemergelten Bayer, laut, prollig und unangenehm. Ein Schneesturm schweißt die beiden Reisenden wider Willen aneinander und Hans, ein gebildeter, polyglotter Hamburger, von Tscharli stets nur als „Hornbrillenwürschtl“ oder wegen seines Tuches „Windelhans“ genannt, setzt seine Reise mit ihm fort.
Die gemeinsame Woche wird beide Männer verändern, vielleicht sogar eine Freundschaft entstehen lassen…..
Beide Reisegefährten haben eine tragische, zerbrochene Liebesgeschichte im Rucksack und die zwei abwesenden Frauen sind in Gedanken und Gesprächen im Hintergrund präsent. Tscharli ist – neben seinem exzessiven Alkoholgenuss - gesundheitlich schwer angeschlagen und Hans merkt bald, dass er der Begleiter auf einer letzten Reise ist, die Tscharli noch einmal nach Daressalam und in seine Vergangenheit führt.
Politycki hat einen unnachahmlichen Erzählstil. Die Geschichte dieser beiden so unterschiedlichen Männer ist einfach wunderbar erzählt. Der afrikanische Hintergrund sehr aktuell und kenntnisreich in Szene gesetzt. Ganz allmählich machte ich als Leserin die gleiche Wandlung wie Hans durch. Meine Abneigung gegen Tscharli wandelte sich allmählich in Empathie zur Sympathie. Wenn er in seinem Bayrisch-Suaheli Pidgin redet, sich Hans voll Peinlichkeit windet und zu seinem großen Erstaunen merkt, wieviel Respekt, ja Freundschaft Tscharli von den Einheimischen entgegengebracht wird, hat das auch großen Unterhaltungswert.
Ich habe die Reise mit Spannung verfolgt und bin manchmal zwischen Abscheu und Sympathie hin und her gerissen gewesen, aber immer hat mich der Autor voll in seinen erzählerischen Bann geschlagen. Es war mein erstes Buch dieses Autors und es wird sicher nicht mein letzter Text von ihm sein.
Ruhe unruhig
Ruhet in Friedberg von Rudolf Ruschel
Friedberg ist ein Dörfchen in der tiefsten österreichischen Provinz, alles geht sehr gemächlich seinen Gang. Lediglich beim örtlichen Bestatter scheint es ganz lebhaft zu sein. Das liegt nicht an den beiden Jugendfreunden Andi und Fipsi, die als Aushilfen eine eher ruhige Kugel schieben. Allerdings bleibt, trotz exzessivem Alkoholgenuss, bei einer Beerdigung ein ungutes Gefühl zurück.
Kann denn der arme Verstorbene nach langer, zehrender Krankheit wirklich noch gut 150 Kg wiegen? Betreiben die Kollegen Hubsi und Gustl ein Nebengeschäft?
Eins vorweg: dem Autor ist nichts heilig und auf politische Korrektheit pfeift er. Das dürfte zwar dem einen oder anderen Leser vielleicht ein wenig zu heftig sein, aber wer schwarzen – nein rabenschwarzen – Humor mag, liegt mit „Ruhet in Friedberg“ richtig.
Aber nicht nur mit österreichischen Schmäh, witzigen Einfällen und Sarkasmus punktet das Buch, der Krimi dahinter ist spannend und verzwickt. Der Autor lässt seine Leser ganz schön lange zappeln und verblüfft dann mit einem wirklich überraschenden Schluss.
Mir hat die Geschichte, die in den letzten 1990iger Jahren auf dem Land angesiedelt ist, sehr gut gefallen und ich habe mich wirklich von der ersten Seite an besten unterhalten, der schnodderige Sprachstil gefiel mir ausgezeichnet und die ungewöhnlichen Figuren sind gelungen.
Wer das Buch aufschlägt, sollte auch unbedingt die Innenseite der Klappenbroschur anschauen, da werden die Protagonisten schon in wenigen Sätzen prägnant vorgestellt.
Die neue Zeit
Der Sommer, in dem Einstein verschwand von Marie Hermanson
Das Kettenkarusell in Pastellfarben auf dem Titelbild fängt schon die Atmosphäre des Buches ein. Ein heiterer, manchmal auch aufregender Sommer im Jahr 1923.
Göteborg ist in Aufruhr, die große Ausstellung soll endlich in die ländlich geprägte Kleinstadt ein Flair von Großstadt und Weltläufigkeit bringen.
Das Ausstellungsfieber erfasst die Menschen, man ist gespannt auf das Neue, will teilhaben an den modernen Zeiten. So auch Ellen, die berufstätig sein will, eine „Neue Frau“ eben, selbstständig, schick und unabhängig. Ihren ersten Job ergattert sie bei einer Zeitung, die täglich zur Ausstellung erscheint und sie ist für die kleinen Geschichten am Rand zuständig. So trifft sie auch Otto, einen kleinen Jungen vom Land, der als Betreuer der Eselin Bella für das Kinderreiten sorgt.
Aber Aufregung gibt es auch bei Albert Einstein. Er soll seine Nobelpreisvorlesung halten, denn ohne die gibt es kein Preisgeld. Aber Einstein ist in Sorge, er fühlt sich angegriffen und verfolgt. Es gibt Kreise, antisemitisch und wissenschaftsfeindlich geprägt, die offen Hetze verbreiten und nicht ungehört bleiben.
Das alles vermischt Marie Hermanson in einen unterhaltsamen und leichten Sommerroman. Er ist amüsant und unterhaltend geschrieben. Manches wird man aus Einsteins Leben kennen, aber die kleinen, sehr nett ausgedachten Episoden, bringen auch den Menschen näher. Besonders gut ist die Aufbruchsstimmung und das Lebensgefühl der Göteborger eingefangen. Die Menschen, die den Droschken nachtrauern, aber auch schon begeistert auf die neuen Automobile schauen. Ein Werbeflugzeug am Himmel ist eine Sensation. Ellen wird sich in diesem Sommer verändern, auch erkennen, dass es gar nicht so einfach ist, sich einen Platz zu erobern, wenn der Rest der Umgebung noch ganz den alten Traditionen verbunden ist. Aber es gibt keinen Zweifel, sie wird ihren Weg machen. Genau wie der kleine Otto, der in Vorblenden auf das Jahr 2002 als alter Mann von seinem Kindheitserlebnis spricht.
Die Autorin erzählt leichtfüßig und wunderschön, ich bin richtig eingetaucht in das alte Göteborg und der Umbruch und die Euphorie der Menschen war toll eingefangen. Es gibt nicht so viel richtig niveauvolle Unterhaltung, aber „Der Sommer in dem Einstein verschwand“ ist so ein Roman, den ich nur empfehlen kann.
Empfehlenswerter historischer Kriminalroman
Der rote Judas von Thomas Ziebula
Mit „Der Rote Judas“ ist Thomas Ziebula ein spannender und kenntnisreicher Kriminalroman gelungen. Er siedelt seine Geschichte in Leipzig kurz nach dem Ersten Weltkrieg an.
Paul Stainer kehrt aus der französischen Kriegsgefangenschaft zurück. Körperlich hat er die Zeit unverwundet überstanden, aber seine Seele ist beschädigt.
Heute würde man wohl eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostizieren. Nicht nur Schlafstörungen und Alpträume machen ihm zu schaffen, auch an den Folgen einer Amnesie leidet er noch. Das alles darf nicht bekannt werden, denn Stainer will und kann zurück in den Polizeidienst. Dumm nur, dass einer der Ärzte aus dem Lazarett jetzt als Pathologe in Leipzig arbeitet.
Gleich der erste Fall hat es in sich. Ein Suizid erscheint Stainer zweifelhaft und je tiefer er nachforscht, umso sicherer wird er. Er erkennt bald ein Muster bei einen weiteren Selbstmord und immer wieder stößt er auf den Begriff „Roter Judas“. Aber auch privat läuft es nicht rund. Seine Frau Edith hat nach Jahren des Wartens einen neuen Partner und bittet um die Scheidung.
Im Augenblick sind die Jahre zwischen den Kriegen als Romanhintergrund sehr häufig geworden und meine Erwartungen waren hoch. Ich war von diesem historischen Kriminalroman begeistert. Der Plot ist raffiniert und mehrere Handlungsstränge laufen auf ein sehr spannendes Finale zu. Der zeitgeschichtliche Hintergrund wirkt sehr lebendig und kenntnisreich erzählt. Das Leipzig der Zwanziger Jahre wirkt tatsächlich greifbar
Außerdem sind die Figuren wirklich sehr vielschichtig und menschlich eingefangen worden. Nicht nur der Hauptprotagonist Paul Steiner, auch Nebenfiguren, wie die Schaffnerin Fine König sind gelungen und runden die Handlung sehr gut ab.
Ein Kriminalfall aus dieser Zeit kann die Politik nicht ausblenden, das Elend der versehrten Kriegsheimkehrer und die aus der Demütigung des verlorenen Krieges entstandenen Strömungen der Weimarer Republik machen den Kriminalroman auch zu einem Stück Geschichtsunterricht.
Ein toller historischer Kriminalroman und ich bin sehr auf eine Fortsetzung gespannt.
Steuerprüfung
Schiffsmord von Katharina Peters
Romy Beccare von der Stralsunder Kripo wird zu einem Todesfall im Hafen von Sassnitz gerufen. Auf einer kleinen Yacht liegt der Finanzbeamte Florian Gerber. Ganz offensichtlich starb er keines natürlichen Todes, sein Körper weist Spuren von Misshandlung auf und der Fundort ist keinesfalls der Tatort.
Wer sollte Interesse am Tod eines honorigen Finanzbeamten haben?
Romy macht sich auf Spurensuche, dabei wird sie von Ruth Kranold aus Greifswald unterstützt, die als Springerin immer mal wieder bei Personalengpässen aushilft. Inzwischen schätzt Romy die Zusammenarbeit mit Ruth sehr.
Kleine Details im Lebenslauf des Toten machen Romy stutzig, aber keines scheint als Indiz ausreichend oder rechtfertigen gar eine weitere Suche im Lebenslauf. Aber das hat sie noch nie aufgehalten und es ist wirklich wieder ausgesprochen spannend die beiden Kriminalbeamtinnen bei ihren Ermittlungen zu begleiten.
Die Autorin schafft es immer wieder, auch kleinteilige Suchen fesselnd zu beschreiben und den Grad der Spannung im Lauf ihres Plots zu steigern. Je mehr Romy und Ruth ihre Suche ausweiten, desto mehr Ungereimtheiten kommen ans Licht. Seltsam nur, dass viele Zeugen auffällig wortkarg bleiben.
Die Rügen Krimis von Katharina Peters sind sehr atmosphärisch geschrieben, Rügen und die Küstenlinie sind immer auch ein Teil der Geschichte und ich tauche gern in den Kosmos dieser Kriminalromane ein. Vor allem weil die Geschichten sehr realistisch und nachvollziehbar aufgebaut sind. Das gilt auch für die Figuren, die sich die Autorin ausgedacht hat. Neben dem feststehenden Personal aus den Kommissariaten, die ich im Lauf der vorhergegangenen Bücher immer besser kennenlernte und deren Entwicklung mir sehr gut gefällt, sind auch die Charaktere der anderen Beteiligten sehr vielschichtig aufgebaut. Genauso vielschichtig ist auch der Plot, unterschiedliche Handlungsstränge entwickeln sich spannend bis zum Finale.
Dabei ist auch dieses Buch, obwohl bereits der achte oder neunte Band um Kommissarin Romy Beccare völlig eigenständig zu lesen. Man braucht keine Vorkenntnisse um in die Geschichte einzusteigen.
Katharina Peters steht für fesselnde Krimis mit hohen Unterhaltungswert. Ich freue ich auf jedes neue Buch der Autorin.
Blickkontakt
Der Korndämon von R. P. Hahn
Richard Deichfürst, Frührentner und Alkoholiker, lebt zurückgezogen auf Rügen. Zu seiner Ex-Frau und seiner Tochter ist der Kontakt längst eingeschlafen, sein Bruder hat sich zurückgezogen. Schon zu oft hat er im Rausch die Beherrschung und die Übersicht verloren.
Es ist ein Augenblick, der Richards Leben verändert.
Auf der Straße erhascht er einen Blick in das Innere eines Wagens uns sieht einen Jungen in Todesangst. Doch seine Anzeige bleibt erfolglos, ganz im Gegenteil, ihm wird schnell klar, dass er als unzuverlässig und betrunken eingestuft wird. Das lässt ihn mehr als einmal die Beherrschung verlieren und er macht sich auf die Suche nach diesem Auto. Dabei zwingt er sich zur Abstinenz und stellt sich seinen Dämonen. In diesem Sinn erhält der Titel auch noch eine zweite, sehr treffende Bedeutung.
Erstaunlicherweise gibt es nur eine Person, die zu ihm hält. Seine 16jährige Tochter, die ihn bei der Suche unterstützt und zu der er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine vorsichtig tastende Beziehung aufbauen kann.
Das Buch hat meine Erwartungen unterlaufen. Es ist nicht einfach ein Krimi, in der eine Privatperson ermittelt, weil er ohne echte Beweise von der Polizei nicht ernst genommen wird. Es ist eher das Psychogramm eines Trinkers, der bis an seine Grenzen geführt wird. Er muss sein Leben in die Hand nehmen und umkrempeln, das ist fordernd bis zur Schmerzgrenze und oft darüber hinaus. Er muss sich seinen verkorksten Beziehungen stellen und Rückschläge und Demütigungen einstecken. Seine Leidensfähigkeit ist enorm.
Mir hat das Buch gefallen und ich habe es in einem Rutsch gelesen. Spannend war auch die Klärung, aber viel spannender und mitreißender fand ich die Person von Richard Deichfürst. Auch das Ende mit einer offen bleibenden Frage ist sehr stimmig.











