Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Nantucket
Eine Geschichte der Sehnsucht von Ben Shattuck
Wer Ben Shattucks Erfolgsbuch Die Geschichte des Klangs kennt, wird sich auch in diesem Buch gleich zu Hause fühlen, denn es kommt aus der gleichen Ursprungsquelle und hat eine vergleichbare Struktur. Zwei Kapitel, die wie eigenständige Erzählungen wirken und doch durch ein Element und dem Schauplatz miteinander verbunden sind.
Eins der Kapitel ist in der Vergangenheit und eins in der Gegenwart angesiedelt. Shattuck schreibt sorgfältig und erzeugt eine leicht melancholische Atmosphäre.
Mir persönlich hatte Die Geschichte des Klangs noch besser gefallen, aber auch das neue Buch ist sehr lesenswert.
Das Buch ist so kurz, dass man als Leser das Gefühl hat, nicht „satt“ gworden zu sein, aber dafür taugt dieses Buch mehr als einmal gelesen zu werden.
Die Rolle der Journalistin
Erzählen, was ist von Katrin Eigendorf
Katrin Eigendorf zählt zu den Journalistinnen, deren berichte ich aufgrund der Glaubwürdigkeit und Konsequenz besonders schätze.
Nach einem kurzen Einblick in ihren beruflichen Werdegang, z.B. ihre Zeit in den 1990ziger Jahren in Russland, führt sie uns an die Brennpunkte, von denen aus sie berichtet: Afghanistan, Israel, Ukraine.
Sie zeigt auch Entwicklungen, da sie öfter dort war und in größeren Zeitabständen berichtete.
Interessant sind auch die Passagen, in denen die Autorin die Rolle des Journalismus diskutiert. Kann man immer Distanz halten, neutral sein? Katrin Eigendorf kann nicht vorgeben, unbeteiligt zu sein. Sie will ihre Haltung zu Unrecht nicht verleugnen. Aber sie strebt nach Allgemeingültigen. Sie schlüpft nicht in die Rolle einer Aktivistin.
Katrin Eigendorfs Haltung imponiert mir. Da sie nicht gleichgültig bleibt, berühren einen die Berichte, z.B. die Situation der Frauen in Afghanistan, die alle ihre Rechte verloren haben, umso mehr.
Katrin Eigendorf nutzt die Möglichkeiten der Textform, die ein Buch gegenüber einem journalistischen Film besitzt und erweitert somit ein weiteres Mal ihr Werk.
Marie ist tot
Gromzell von Dirk Bernemann
Einen Heimatroman lese ich sehr selten. Dieser hier ist ein sehr düsterer.
Gromzell ist ein Ort, in dem 1086 Menschen leben. Maria, die mit 108 älteste, ist gerade gestorben. Das bringt das Dorf aus der Ruhe und bewirkt eine Reihe von Eskalationen. Der Tod scheint allgegenwärtig.
Es ist ein kurzer, dichter Roman.
Dirk Bernemann setzt auf symbolträchtige Elemente, z.B. der große schwarze Vogel. Vielleicht braucht es einen Gewaltausbruch, damit das Dorf wieder zur Ruhe kommt.
Dirk Bernemann enttäuscht seine Leser nicht.
Auf dem Schwebebalken
Die Routinen von Son Lewandowski
Die Routinen ist ein Roman, der in mehreren Ebenen handelt.
Es spielt nicht nur 2023 sondern auch in Passagen in der Vergangenheit, die bis in die sechziger und siebziger Jahre zurückgeht.
Im Mittelpunkt die erfahrene Turnerin Amik, die sich bis zu ihren Anfängen zurückerinnert und oft aus einem Kollektiv heraus erzählt.
Ihre junge Kollegin ist Izzy. Ihr harter Trainer ist Wolf.
Die Passagen der Vergangenheit mit den Wettkämpfen haben dokumentarischen Charakter.
Man taucht in diesem Buch tief ein in die Welt des Turnens als Leistungsport.
Es zeigt die jungen Turnerinen in verschiedenen Phasen. Es wird gezeigt, wie das spielerische Moment des Turnens durch die routinemäßgen Wiederholungen zu sportlicher Leistung wird.
Thema ist auch der Drill, die harten Methoden, dem Verlust von Kindheit und sogar Missbrauch.
Es ist ein Buch, dass den Leser packt.
Nur dadurch, dass die Autorin ihre spezielle Form des Erzählens gefunden hat, lässt sich der Stoff in seiner ganzen Komplexität darstellen.
Gewalttätige Impulse
The Exes von Leodora Darlington
Leodora Darlington hat in ihrem Erstlingswerk mit Natalie eine zwiespältige Protagonistin geschaffen. Ihr Leben wird von Beziehungen mit Männern bestimmt, die sie schlecht behandeln. Mehrere Exfreunde sind tot.
Jetzt lebt sie mit ihrem Mann James.
Der Romanaufbau ist ein ziemliches hin und her. Jetzt, damals, Briefe, Boyfriend 1, Boyfriend 2, früher usw.
Hinzu kommen noch Therapiesitzungen. Das ist schon viel, aber man kann sich da rein finden.
Bei Natalie stört mich, dass sie so stark von ihren Gefühlen beherrscht wird. Es gibt anscheinend eine Vorgeschichte von Gewalt in der Kindheit. Das sie immer wieder auf gewalttätige Männer trifft, kann kein Zufall sein.
Natalie tut mir leid, aber als likeable Charakter nehme ich sie nicht wahr.
Mit zunehmender Handlung kommen einige massive Wendungen.
Das Buch ist nicht ganz einfach einzuordnen. Ein konventioneller Thriller ist es nicht, aber nur als Drama sehe ich es auch nicht. Das Buch ist nicht direkt spannend, aber überwiegend packend. Mit hat es so Mittel gefallen. 3,5 Sterne!
Der Berliner Doro
Café Finito von Sybil Volks
Cafe Finito ist ein im positiven Sinn gediegenes Buch, dass von einer Reihe von Menschen erzählt, die mit Verlusten konfrontiert sind.
Da ist z.B. Iris, die ihre Mutter bis zu deren Tod gepflegt hat.
Auch Matthias, Mira, Lizzie und weitere haben wichtige Menschen verloren.
Die Figuren hält zusammen, das sie sich regelmäßig auf dem Cafe Finitio auf dem Friedhof treffen, das von Kristof geführt wird.
Die Charakterisierung der Figuren geht nicht sehr in die Tiee, aber für einen Unterhaltungsroman ganz ordentlich.
Der Schauplatz mit dem Berliner Friedhof Doro bildet einen eigenen Kosmos.
Sybil Volks hat ein zugängliches Buch über die Themen Tod, Trauer und Weiterleben geschrieben.
Triest 1920 - 1946
Bambino von Marco Balzano
Der Icherzähler Mattia war noch ein Kind in Triest, als seine vermeintliche Mutter ihm sagt, das er nicht ihr Kind ist.
Orientierungslos und ohne klare Identität gerät er mit 20 zu den Schwarzhemden. Dort wird er Bambino genannt und findet Zugehörigkeit und bleibt doch ein Außenseiter.
Aufgrund seiner Gewalttätigkeit steigt er in der Gruppe auf.
Mattia ist wahrlich kein Sympathieträger, doch der Autor gestaltet die Figur so, das man nah an ihr dran ist. Umso härter wirken seine Taten, z,B. die Denunziationen in der Zeit der deutschen Besatzung.
Dann folgt 1945 der Einmarsch der jugoslawischen Partisanen. Der Roman zeigt den historischen Wandel in dichter Form.
Kennzeichnend für den Roman ist die fast sinnliche Wahrnehmung der Stadt Triest, aber auch die Schrecken der Zeit. Immer wieder wird Mattias moralischer Kompass geprüft und immer wieder versagt er.
Marco Balzano hat hier sein vielleicht härtestes Buch geschrieben. Man fühlt sich nach dem Lesen wie benommen.
Die Recherche
Heim holen von Katherina Braschel
Ein Roman mit einem relevanten Thema, sehr reserviert geschrieben.
Die ca. 30jährige Lina, deren Großeltern nach Österreich vertriebene Donauschwaben waren, beginnt über diese Wurzeln zu recherchieren und nachzudenken.
Für ihre Mutter ist Lina Recherche nicht einfach zu verkraften, denn sie wusste vieles nicht.
Schließlich reist Lina sogar nach Serbien zu dem ehemaligen Haus des Großvaters.
Katherina Braschel gestaltet ihr Buch sorgfältig und man spürt die Emotionalität ihrer Protagonistin, aber schade, dass so verhalten erzählt wird.
Daressalam
Diebstahl von Abdulrazak Gurnah
In seinem neuen Roman schreibt Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah gewohnt souverän und gelassen. Er erzählt eine Familiengeschichte in Tansania. Während die ersten Passagen in Sansibar angesiedelt sind, wird schließlich Daressalam Handlungsort.
Im Mittelpunkt stehen drei Menschen, die alle ihre eigenen, wechselnden Kapitel haben und deren Leben fest miteinander verbunden sind.
Karim, Badar, Fauzia.
Durch Gurnahs einfühlsame Figurenführung lernt man die drei gut kennen.
Auch Nebenfiguren gibt der Autor Profil.
Das Hörbuch wird von Richard Barenberg gut gelesen. Seine warme Baritonstimme ist absolut passend. Kein Wunder, dass er dafür als bester Interpret für den deutschen Hörbuchpreis nominiert ist.
Mit knapp 9 Stunden Spieldauer hat das Hörbuch eine angenehme Länge.
Roman aus Kriegszeiten
Dämmerung von Kjell Westö
Dämmerung ist ein bemerkenswertes Buch, das in Finnland Anfang der vierziger Jahre handelt. Dass Kjell Westö hier mehr als nur Unterhaltung abliefert, liegt an der Sprache und den Figuren, die gegen den Strich gebürstet sind. Die Schauspielerin Molly und der Kriegsreporter Henry wirken echt. Ihre Beziehung steht im Mittelpunkt des Buches.
Sind sind in einer beklemmenden und belastenden Zeit, denn es ist Krieg.
Die Perspektiven wechseln zwischen Molly und Henry in langen Abschnitten.
Eine Anspannung durchzieht den Roman. Nicht umsonst ist der Untertitel Roman aus Kriegszeiten.
Im Nachwort sind noch einige Fakten dazu.
Natürlich liest man das Buch wegen den gegenwärtigen Kriegen auch mit Betroffenheit. In der Nachschrift schreibt der Autor, dass er das Buch halb fertig hatte, als 2022 der Angriffskrieg in der Ukraine startet und dass dem Buch eine weitere düstere Kontur gab.
Abschließend möchte ich das großartige Cover erwähnen, dass im unteren Abschnitt sehr detailliert ist und im oberen farblich dem Titel Dämmerung gerecht wird.











