Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Einladung aus Pjöngjang
Freiwürfe mit einem Diktator von Tom Kummer
Tom Kummers letzte Bücher waren autofiktional. Dieser neue Roman ist da anders, dennoch auch sehr raffiniert.
Die Grundidee wirkt absurd. Ein Basketball-Trainer hat vor 30 Jahren den heutigen Diktator von Nordkorea, Kim Jong-un, trainiert. Damals war Kim Jong-un ein Junge, der ein paar Jahre in Bern lebte.
Das basiert offenbar auf Tatsachen.
Der Trainer fühlt sich heute schuldig, damals einen Jungen unterstützt zu haben,der dann ein Monster wurde. Jetzt bekommt er eine Einladung. Er fragt sich, soll er reisen und was dann tun.
Immer wieder erzählt er seiner sterbenden Mutter davon und von der Vergangenheit. So nimmt eine Mutter-Sohn-Beziehung einen wichtigen Aspekt im Buch ein.
Das Buch ist gut gemacht, auch wenn es mich nicht so berührt hatte, wie seine letzten beiden Bücher. Aber wirklich originelle Bücher sind selten, daher empfehle ich Freiwürfe mit einem Diktator.
Porträt zweier Frauen
Sonnenspiel von Andrea Grill
Sonnenspiel ist ein sprachlich ansprechender Roman über zwei Frauen, der in Italien angesiedelt ist.
Im Mittelpunkt: Die Näherin und 3fache Mutter Loredana und die unabhängige Modejournalistin Stella, die halb Schweizerin, halb Amerikanerin ist. Sie sind sehr unterschiedlich, haben aber auch Gemeinsamkeiten.
Andrea Grill wird beiden Figuren gerecht und porträtiert sie glaubwürdig und ohne Kitsch. Man erfährt von ihren Leben.
Stella will über Loredana schreiben, das passt der überhaupt nicht.
Ungewöhnlich ist, dass Lordana schon früh im Roman genervt die Journalistin in die Speisekammer einsperrt. Das gibt dem Plot eine feine Spannungsnote.
Trotzdem verstehen die Frauen sich auf eine gewisse Weise. Es entsteht eine immer tiefer werdende Verbundenheit.
Die Erzählperspektiven wechseln zwischen ihnen, zum Teil zeitlich auch verschoben. Das ist geschickt gemacht, so kann die Geschichte in mehreren Ebenen erzählt werden.
Linnea
Mai Juni Juli von Hiltrud Baier
Die Köchin Linnea ist erfolgreich. In Göteburg, Schweden hat sie ein Restaurant und eine Fernsehshow. Aber sie ist ausgebrannt und braucht eine Auszeit. Sie denkt an die Reise, die sie von 25 Jahren mit ihrem Vater unternahm und beschliesst, nach Nordschweden zu fahren.
Die Idee der Neufindung wurde schon oft in Romanen verarbeitet, aber Hiltrud Baier ist eine erfahrene Autorin und macht etwas aus dem Plot, Auch Landschaft und kulinarisches sind reizvoll eingebunden.
Aber auch die Probleme von Linn werden herausgearbeitet, sie musste einiges durchmachen.
Sie zieht inkognito in ein Dorf ein und versucht, sich dort zu regenerieren, sie lernt Viktor und seinen kleinen Sohn Oskar kennen. Die Autorin gestaltet die Begegnung gefühlvoll.
Man begleitet Linn gerne auf ihren Weg und sieht, wie sie auflebt.
Der Preis der absoluten Freiheit
Der Vater meiner Tochter von Nenad Velickovic
Als von Nenad Veličković letztes Jahr sein 30 Jahre alter Roman Nachtgäste erschien, zeigte das ein bemerkenswertes, eindrucksvolles Buch.
Auch Der Vater meiner Tochter ist schon älter. Im Original 2002 erschienen, dennoch wirkt der dialoglastige Roman frisch.
Es zeigt einen Mann in einer emotionalen Krise.
Der Bosnienkrieg ist noch nicht lange her. Er ist beruflich unzufrieden und familiär unzufrieden. Dabei ist die Beziehung zwischen Vater und Tochter sehr liebevoll gestaltet.
Der Roman lebt von seinem Wortwitz und einer gewissen Absurdität.
Es wird eine Mischung aus Witz und Melancholie. Der Mann trägt eine Tragik in sich, die er mit Ironie bekämpft.
Das mir dieser Roman in seiner Gesamtheit so im Gedächtnis bleiben wird wie Nachtgäste, glaube ich nicht. Einige Dialoge und das ungewöhnliche Cover jedoch schon! Nenad Veličković ist von den Themen her und stilistisch ein sehr interessanter Autor.
We's Lives In Da Ghetto
Ausradiert von Percival Everett
Der Roman eines Schriftstellers über einen Schriftsteller, und den Literaturbetrieb.
Thelonious Monk Ellison gilt als elitärer, anspruchsvoller Autor. Viel Erfolg oder Leser hat er nicht. Er ist enttäuscht und verbittert und schreibt unter Pseudonym eine Parodie auf die Art von afroamerikanischer Literatur, die er verachtet.
Und genau damit hat er zu seiner eigenen Überraschung unglaublich viel Erfolg, so dass er seine fiktive Schriftstellerpersönlichkeit Stagg R.Leigh immer wieder spielen muss.
Eine andere Ebene zeigt Monks Privatleben. Sein Vater ist gestorben, seine Mutter hat Alzheimer und seine Schwester wurde ermordet. Das sind alles harte Dinge, mit denen er leben muss. Everettt schafft es beide Aspekte, die des Schriftstellers und die des Mannes deutlich zu zeigen und sie stehen im Einklang.
Das Buch ist schon 2001 entstanden, aber selbstverständlich immer noch gültig und lesenswert.
Das Buch ist sehr ironisch, oft witzig, auch ein wenig tragisch.
Zum Teil gelingt Everett seine Satire. Die Methoden des Literaturbetriebs wird er damit nicht ändern.
Das Gelächter der Möwen
Ultramarin von Ann-Christin Kumm
Lou und Raf kennen sich, seit sie Schüler sind. Sie sind mehr als Freunde, haben auch eine sexuelle Beziehung. Doch ihre Beziehung ist ungleich. Der sensible Lou, aus dessen Sicht der ganze Roman geschildert ist, ordnet sich dem coolen Raf vollkommen unter. Raf ist immer bestimmend.
Der bisexuelle Raf hat auch immer wieder Freundinnen.
Zu Lou zeigt er sich oft abweisend, doch Lou kann sich nicht lösen.
Diesen Zustand schildert die Autorin Ann-Christin Kumm in verdichtenden Worten und immer wieder mit Rückblicken. Am Schluß zeigt sich, wie weit Besitzergreifung und Abhängigkeiten gehen können.
Der Zustand
Ich erzähle von meinen Beinen von Cornelia Travnicek
Cornelia Travniceks ambitionierter Roman mit dem ungewöhnlichen Titel „Ich erzähle von meinen Beinen“ erzählt von einer Familie, die von ADHS betroffen ist.
Wally lebt mit ihrem Mann und der 11jährigen Tochter eigentlich zufrieden, doch in der Schule gibt es ein paar Probleme, da es bei der 11jährigen Val Anzeichen von ADHS gibt.
Doch schlimmer hat es eigentlich Wally getroffen, die heimlich die Tabletten ihrer Tochter schluckt, weil sie unerkannt ebenfalls im hohen Maße an Neurodivergenz leidet. Dadurch ist sie sehr chaotisch und emotional oft aufgewühlt.
Die Autorin bildet Wallys Zustand deutlich ab, dazu nutzt sie auch textliche Mittel, z.B. bei der Textgestaltung im Buch. So deutlich und eindringlich habe das noch nie gelesen.
Trotz ihres Zustandes hat Wally viel Humor und es wird immer aus ihrer Perspektive erzählt. Doch da doch einiges schiefgeht, hat der Text selbstverständlich auch eine ernste Grundlage.
Beeindruckend dann das Finale, als es zusätzlich noch eine Flutkatastrophe gibt.
Leben in einem versehrten Dorf
Die Schuldlosen von Ena Katarina Haler
Es ist die Zeit kurz nach den Bosnienkrieg. Lenka kehrt mit ihrer Tochter Iris und ihrem Sohn Relja in ihr nahezu zerstörtes Dorf in Kroatien zurück. Es liegt an der Grenze zu Bosnien. Hier lebt auch noch ihre Schwester.
Und es gibt Nino, mit denen die jugendlichen Relja und Iris eine Freundschaft eingehen.
Es ist keine einfache Zeit und irgendwann gehen die drei getrennte Wege.
Die kroatische Schriftstellerin Ena Katarina Haler wählt einen eigenwilligen Stil, zu den man wegen sehr verhaltenen Tempo vielleicht nicht auf Anhieb Zugang findet. Doch mit der Zeit findet man sich rein und bekommt einen Blick auf das Leben der Figuren in diesem zerstörtem Dorf.
Übersetzt wurde das Buch aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof, dem preisgekrönten Spezialisten für südslawische Literatur.
Wurzeln aus Böhmen
Elbland von Claudia Rikl
Der Prolog zeigt eine Szene, in der eine Familie in den Urlaub fährt. In die Gegend, in der die Mutter geboren wurde. Die Protagonistin des Romans ist ihre Tochter, die damals noch eine junge Studentin war.
Dann geht die Handlung in die Gegenwart. Die Mutter ist gerade gestorben.
Die Handlung springt ziemlich viel in den Zeit und enthüllt so Geschehnisse, die zum Zerfall der Familie führte.
Es geht sogar bis ins Jahr 1945 zurück.
Die Eltern trennten sich, die jüngste Tochter haut nach den Abi in den Westen ab und Nina kümmerte sich lange um die kranke Mutter.
Schwierig wird auch die Beziehung zwischen den Geschwistern, obwohl sie als Kinder so eng waren.
Die Autorin arbeit die Spannungen zwischen den Figuren sauber raus.
Claudia Rikl hat auch Kriminalromane geschrieben, aber Elbland ist mehr Familiendrama. Das Buch überzeugt durch seine geschickte Handlungskomposition und der Sensibilität, mit der die Autorin ihre Figuren behandelt.
Ein bemerkenswertes Buch
Dieser Drang nach Härte von Eva von Redecker
Eva von Redecker betrachtet in ihrem Buch den zeitgenösischen Rechtsruck und damit den neuen Faschismus mit philosophischen Blickwinkel und umkreist den Faschismusbegriff. Alte Definitionen werden ebenso rangezogen wie aktuelle Situationen, die als faschistisch gewertet werden können. Es wird somit das Jetzt wie das Damals gewertet.
Wichtige Beiträge stammen von Hannah Arendts Texten, die offenbar ein wichtiger Enfluß auf Eva von Redecker ist.
Es ist ein lebendiges Buch und so treibt die Autorin verschiedenen Erkenntnissen zu, die in einem überzeugenden Schlußkapitel münden.











