Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Die alte Welt in Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.
Kegeljunge von Otto Jägersberg
Den aus Westfalen stammenden Autor Otto Jägersberg habe ich erst mit diesem Buch entdeckt und er ist mit seinen anekdotenhaften Kürzestgeschichten und humorvollen Aphorismen bemerkenswert.
Gelegentlich sind Bezüge zu Literatur und Philosophie in den Texten enthalten:
Knut Hamsun, Jean Paul, Thomas Mann.
Hemingway, Freud, Ernst Jünger und öfter Heidegger.
Er kommt mir aber auch vor, wie ein literarisches Relikt aus alten Zeiten und manche der Texte hätten wohl auch schon vor über 40 Jahren geschrieben sein können.
Das hat mich leicht irritiert, aber nicht gestört, denn Otto Jägersberg hat Witz.
3 Persönlichkeiten des 19.Jahrhunderts
Schokoladenblut von Radka Denemarková
George Sand lebt in Frankreich, John D.Rockefeller in den USA. Als dritte und wichtigste Hauptfigur ist die Schriftstellerin Bozena Nemkova dabei.
Das sind sehr unterschiedliche Charaktere.
Man folgt den drei Figuren durch die Zeit. Die Autorin nutzt dazu eine Zugmetapher. Ein Zug, der durch die Zeit zuckelt.
Es ist ein episch angelegter Roman über das 19.Jahrhundert. trotz Länge und Komplexität ist der Roman gut lesbar. Der Text hat viele Details und Wortwitz. Radka Denemarkova achtet auf Leichtheit bei gleichzeitig gesellschaftsrelevanten Themen, die auch unsere Zeit ansprechen, z.B. Feminismus, Emanzipation, Selbstbestimmung, Femizide.
Kritisch könnte man anmerken, dass viele Themen von der Autorin selbst diskutiert werden, ohne das sie konkret in der Handlung gezeigt werden.
Aber es bleibt
Im Feuer geboren, im Feuer verloren
Träume aus Feuer von Florian Illies
Träume aus Feuer heißt Florian Illies Novelle über einen Mann, der vom Alchemisten zum Wissenschaftler wird. Sie ist im 17.Jahrhundert angesiedelt. Schauplatz ist die Pfaueninsel in Brandenburg.
Es ist ein Porträt des Johannes Kunckel, dessen Gönner der Kurfürst ist.
Verfasst ist das Buch im typischen Florian Illies Stil, der manchmal halbdokumentarisch wirkt.
Auf Dauer ist das nicht immer einfach, aber für diesen relativ kurzen Text passt es und gibt dem Buch ein Gefühl für den Barock.
Der 250. Geburtstag einer Nation
This is America – is this America? von Johanna Roth
Dieses Buch macht eine Bestandsaufnahme der USA. Das haben andere auch schon gemacht, aber Johanna Roth macht es klar und kompakt.
Johanna Roth ist Auslandskorrespondentin für die ZEIT und hat schon lange aus den USA berichtet.
Sie macht auch einen Blick in die Vergangenheit der amerikanischen Geschichte, zeigt Entwicklungen auf und lässt nicht unerwähnt, was die jetzige US-Regierung alles zerstört hat und auf welchen desaströsen Weg die USA ist.
Man ist immer wieder fassungslos über den Weg der USA. Die Autorin kommt bei den Themen immer wieder auf den Punkt.
Johanna Roth bringt so viel Aspekte ins Buch, dass man nicht mal anfangen kann, das alles zu quoten. Nochmals muss ich diese Kompaktheit bei gleichzeitiger guter Lesbarkeit loben.
Familie und Literatur
Fliegt, Wilde Schwäne von Jung Chang
Obwohl die in London lebende Jung Chang keine politische Aktivistin ist, haben ihre Bücher durchaus Wirkung. Das gilt insbesondere für ihren Welterfolg Wilde Schwäne und dann durch ihre kritische Mao-Biographie, durch die sie den Unmut Pekings auf sich zog. Sie durfte noch in China einreisen, wurde aber überwacht und eingeschränkt.
Um ihre Mutter weiter besuchen zu können, lenkt sie ein. Sie schreibt dann unverfänglich über die Kaiserinwitwe Cixi:
Ich fand es sehr interessant von ihren Recherchereisen und Interviews zu lesen. Das wurde zuletzt schwierig für sie, denn es bestand die Gefahr, die Staatssicherheit zu ihren Interviewpartnern zu führen, was die gefährdet hätte können.
Mit ihrem irischen Ehemann Jon Halliday arbeitet sie vielfach zusammen. Er ist Historiker und mit der Geschichte Asiens vertraut.
Das Buch ist außerdem in einigen Teilen auch ein Porträt von Jung Changs Mutter, eine starke Frau.
Am Ende geben Jung Changs Schilderungen auch ein Bild des heutigen Chinas unter Xi Jinping, dass sie an Maos Zeiten erinnert.
Ein Text so nüchtern wie eindringlich
Prosopon von Anna Felnhofer
Der Roman ist durch seine Erzählform geprägt, der aus den Überlegungen einer Frau besteht, und aus wenigen Dialogen. Das hat etwas starres. Zusammen mit der gedrückten Stimmung vermittelt das eine Eindringlichkeit.
Es gab einen Vorfall. Ein siebenjähriger Junge verunglückt vor seiner Schule, wo sein Vater auf ihn warten.
Der Vater, Jakob, ist Gesichtsblind. Unklar, wie das mit ursachlich sein konnte.
Johanna, die Mutter war nicht dabei und während das Kind im Sterben liegt,m versucht sie gedanklich die Geschehnisse in seiner Gesamtheit zu rekonstruieren.
Der Roman ist in einem so nüchternen Ton gehalten, dass es nicht leicht ist, richtig Zugang zu den Figuren zu erlangen. Davon abgesehen saugt der Roman den Leser geradezu ein.
Zwischen Nostalgie und Kenshō
Die unmögliche Rückkehr von Amélie Nothomb
Eigentlich hätte ich diesmal wieder Fiktion von Amélie Nothomb erwartet, denn sie wechselt meistens zwischen Romanen und autobiografisch geprägten Büchern.
Die unmögliche Rückkehr schließt an den Büchern an, in denen es um Japan geht. Hier hat Nothomb die ersten 5 Jahre ihres Lebens verbracht, denn ihr Vater war Konsul.
Dass sie dann das Land verlassen musste, macht ihr bis heute zu schaffen und eine Liebe zu Japan ist noch da.
Zusammen mit einer Freundin fliegt sie 2023 nach Kyoto, später reisen sie auch nach Tokio. Amelie schwelgt in ihren nostalgischen Erinnerungen, oft mit Wehmut, aber vor allen auch mit Ironie. Überhaupt hat das Buch viel Witz.
Mir haben bisher alle ihre Japan-Bücher gefallen. Auch dieses ist sehr unterhaltsam und die Japanbeschreibungen sind so gut, dass man als Leser glaubt, die Autorin auf ihrer Reise zu begleiten.
Nadims Leben und die Frauen seines Lebens
Das Mosaik der Frauen von Rafik Schami
Der große deutsch-syrische Geschichtenerzähler Rafik Schami wird 80 Jahre alt und hat einen neuen Roman. Mit Nadim Suri hat er eine Hauptfigur, die einige Merkmale seiner selbst trägt, z.B. dass er aus Syrien nach Deutschland gekommen ist und schreibt. Nadim erzählt von seinem Leben und vor allen von den Frauen seines Lebens.
Das sind einige und sie haben unterschiedliche Schickale. Sie werden aber eher distanziert geschildert, so dass sie mir als Figuren fremd bleiben.
Nadim ist ein Erzähler, der oft und gerne abschweift.
Es fehlt die Lebendigkeit früherer Texte von Rafik Schami. Ein Merkmal eines Alterswerk, aber immerhin hat er alles gegeben und viel in den Roman gesteckt. Es gibt die gewohnte Detailfülle, auch den Wortwitz. Es ist somit immer noch ein guter Roman.
Eine Sache der Wahrnehmung
Links-grüne Meinungsmacht von Julia Ruhs
Der Buchtitel hat mich erstaunt, da ja eigentlich die Rechten in den letzten Jahren auf dem Vormarsch sind und ihre Meinungsmacht inzwischen vielfach übernommen wurde. Aber Julia Ruhs hat insbesondere die öffentliche-rechtlichen und etablierten Medien und Zeitungen ins Auge gefasst. Ich nehme das nicht so wahr, wie Julia Ruhs, aber sie schöpft ihre Erfahrungen aus Gesprächen und Rückmeldung an sie sowie aus den Reaktionen aus ihren Veröffentlichungen.
Hat sie anfangs auch Shitstorms ertragen müssen durch ihre konservativ-liberalen Stellungsnahmen, bekommt sie später viel Beifall.
Ich denke, Julia Ruhs vermittelt mit ihrem Buch ein verzerrtes Weltbild. Andererseits war es wirklich interessant zu lesen, wie sie zu ihrer Wahrnehmung kommt.
Im Treppenhaus gefunden
Eine Liebe ohne Sommer von Timothy Paul
Eine Liebe ohne Sommer ist ein nachdenklich stimmender Roman mit humorvollen und traurigen Momenten. Man weiß natürlich von Anfang an, was passiert und stellt sich auf das Kommende schon seelisch ein.
Es ist die Geschichte eines Paares, Rosa und Niklas, die eine viel zu kurz Zeit miteinander hatten.
Sie treffen sich im Hausflur und sofort stellte sich etwas Besonderes zwischen ihnen ein.
Auffällig, dass die Erzählperspektive ausschließlich bei der Ich-Erzählerin lag. Passagen aus der Sicht von Niklas fehlten mir. Rosa ist sympathisch, aber nicht ohne Selbstzweifeln.
Der Wortwitz im Buch funktionierte bei den Dialogen sehr gut. Zwischen Rosa und Niklas kommt es oft zum dialogischen Schlagabtausch voller Ironie.
Ob aus der Grundidee genug gemacht wird, weiß ich nicht. Ich neige eher dazu, dass es schließlich zerredet wird. Dazu trägt auch bei, dass der Roman zu lang, manchmal sogar langatmig ist. Das gilt vor allen für Teil 2.
Ein schlechter Roman ist es auch nicht. Eher so Mittel. Die guten Ansätze bleiben!











