Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Zeit der Entscheidung
Der Leutnant und das Mädchen von Kate Breslin
Die US-amerikanische Schriftstellerin Kate Breslin legt die Handlung ihrer Romane bevorzugt nach Europa. So auch hier: England, Frankreich, Spanien sind Schauplätze.
Leutnant Colin Mabry ist englischer Soldat im ersten Weltkrieg. Im Einsatz an der Front wurde er schwer verletzt und eine Hand verloren.
Das hindert ihn nicht daran, seine Pflicht zu tun, obwohl er wegen der schlimmen Erlebnisse auch psychisch angeschlagen ist. Aber er ist ein starker Mann.
Dem Roman ist schon ein Psalm vorgestellt, und die Psalme geben Colin Kraft, z.B.
Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten
Aus dem 126 Psalm
Eine Frau namens Jewel Ryer hat Colin damals geholfen und vor Gefangennahme bewahrt. Jetzt ist Jewel verschwunden und ihre resolute Halbschwester Johanna bittet Colin um Hilfe.
Eine schwierige Sache, bei der sich die beiden näherkommen. Beides sind aufgeschlossene Charaktere, aber richtige Leidenschaft habe ich beim Lesen nicht gespürt. Für mich okay, aber etwas emotionaler wäre auch nicht schlecht.
Es gibt viele Romane über den ersten Weltkrieg und “Der Leutnant und das Mädchen” muss sich da nicht verstecken.
Aber die Geschichte ist für meinen Geschmack etwas zu kompliziert konstruiert, obwohl sie eigentlich ganz interessant ist. Der Roman ist somit kein Überflieger, aber auch kein Flop!
Sammlung von Billers Familiengeschichten
Sieben Versuche zu lieben von Maxim Biller
Maxim Billers Auftreten als fieser Literaturkritiker im Fernsehen, lässt ihn wenig sympathisch erscheinen, doch seine Kurzprosa hat Qualitäten.
Person und Werk zu trennen ist in seinem Fall auch nicht so einfach. Manche Wurzeln seiner Geschichte sind persönlich.
Es sind Geschichten, die schon erschienen waren und in diesem Band gesammelt wurden.
Gemeinsam ist ihnen das Thema Familie und Beziehungen.
Obwohl die Figuren in den Geschichten immer andere sind, haben sie Gemeinsamkeiten in Konstellation und Background, den sie manchmal mit Maxim Biller selbst teilen. Dadurch wirken die Geschichten in der Summe komplex zusammenhängend, obwohl sie zu den verschiedensten Zeitpunkten entstanden sind.
Riley und Tristan und die Gang
Lips Don't Lie 19.05.2020. Paperback / softback. von Scott Ginger
In diesem Jugendroman wechseln die Erzählperspektiven kapitelweise zwischen den beiden 17jährigen Protagonisten Tristan und Riley. Diese Erzählmethode, de viel in Young Adult-Romanen verwendet wird, mag ich im Prinzip. Aber man muss auch immer ein wenig aufpassen, wessen Gedanken gerade im Vordergrund stehen.
Tristans Gedanken sind düsterer. Er stammt aus einem kriminellen Elternhaus und ist in einer Gang. Er möchte gerne sein Leben ändern, aber das ist nicht leicht.
Riley ist selbstbewusst und doch immer bestrebt sich zu beweisen, zum Beispiel durch Basketballspiel, dass ihr den Weg zum College öffnen könnte. Und dann wird Tristan ihr neuer Basketballtrainer.
Doch die Gang lässt ihn nicht aus den Fängen und gegen Ende hin wird es dramatisch.
Ginger Scott hat einen lebendigen Schreibstil und erschafft Figuren, die unangepasst sind. Genreübliche Klischees werden aber auch nicht immer vermieden. Dennoch hat die Geschichte Glaubwürdigkeit. Ich mag die Figuren und den Roman!
Unbeschwerte Kindheit
Jovler Kotten Kotenbeis von Elmar Woelm
Jovler Kotten Kotenbeis. Mit diesem Buch reist man in die Vergangenheit, den fünfziger/sechziger Jahren in ein Nachkriegsdeutschland und den Erinnerungen des Autors an seine sorgenfreie Kindheit.
Die Erinnerungen sind sehr verklärt, oder die Kindheit war für den Jungen und den vielen anderen Kinder, mit denen er im Haus seines Großvaters aufwuchs, wirklich so ohne größere Probleme.
Dass die Erinnerungen an den Großvater, ein Original, und seinen Vater, der auch die Fotos zu diesem Buch lieferte, so hochachtungsvoll sind, ist verständlich. Beide starben, als Elmar noch jung war.
Das Buch hält, was Cover und Untertitel versprechen. Es sind Erinnerungen, Geschichten und Anekdoten. Viele dieser Anekdoten hat der Autor nicht selbst miterlebt sondern von seiner Familie erzählt bekommen und trägt sie so weiter.
Einige Passagen sind wirklich amüsant. Die positiv besetzte Umgebung prägte die Kinder.
Die Atmosphäre dieser Geschichten wird durch die vielen guten schwarzweiß-Fotos verstärkt. Durch diese Fotos glaube ich die glückliche Kindheit, die geschildert wird.
Kindheit und Jugend auf Sylt
Ozelot und Friesennerz Roman einer Sylter Kindheit. Gebunden. von Matthiessen Susanne
Die Autorin Susanne Matthiessen schafft mit Ozelot und Friesennerz ihr Syltbild, hauptsächlich in der Zeit ihrer Kindheit, den sechziger und siebziger Jahren. Somit ist es auch ein Buch, dass das Familienleben in einer bestimmten Zeit betrachtet. Damals erlebte Sylt eine starke wirtschaftliche Zeit.
Ein echter Boom! Susanne Matthiessens Familie hatte ein Pelzgeschäft und prominente Kundschaft.
Ich habe kaum einen Syltbezug und manche Details interessierten mich daher nicht so stark. Ich hatte aber mehr erzählerisches erhofft. Einen richtigen Roman sollte man aber nicht erwarten, dennoch kommt die Geschichte einer Familie zustande. Es wird episodenhaft erzählt und manches ist wirklich amüsant. Das Buch kommt ohne typische Inselklischees aus und wird von der Persönlichkeit der Autorin getragen.
Provokativ und clever!
Brad Downey. Slapstick Formalism von Matthiessen Susanne
Der 1980 geborene US-amerikanische Street Art-Künstler Brad Downey nutzt verschiedene Mittel. Er sprayt nicht nur sondern erschafft auch Skulpturen und nutzt viele Gegenstände wie Leitern, Schlüssel, Fahrräder etc..
Diese Werke sind einfallsreich und originell. Manches hat offensichtlich auch etwas von Performance.
Zum Beispiel in The Ground Walks with Time in a Box mit einem Pantomimen mit mexikanischer Totenmaske die Länge der Berliner Mauer entlang. Oder wo er Akrobaten einsetzt. Und wo er auf eine Statue von Ronald Reagan steigt.
Im Buch ist auch ein Interview mit Brad Downey integriert.
Brad Downey lebt zur Zeit in Berlin, aber seine Werke entstehen in vielen Orten, z.B. in Italien, Brooklyn und North Carolina in den USA, Prag, Malmö, Dubai, Wien und und und.
Man sollte Downeys Werke stets in einem Kontext sehen, manchmal ist der auch ein politischer. Nicht selten haben die Werke eine provozierende Komponente und manches haut den Betrachter einfach um. Ich bewundere seinen Mut!
Guter Schreibstil
Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise Roman . 24.07.2020. Hardback. von Dubois Jean-Paul
Den preisgekrönten französischen Schriftsteller Jean-Paul Dubois hatte ich vorher noch nie gelesen. Wirklich ein Versäumnis, denn sein Schreibstil gefällt mir außergewöhnlich gut. Er nennt John Updike und Philip als literarische Vorbilder und tatsächlich hat er eine vergleichbare Haltung und das drückt sich auch im Ton aus.
„Tous les hommes n'habitent pas le monde de la même façon“ ist der Originaltitel des neuen Buchs Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise.
Der Roman wird von der Erzählstimme des Protagonisten bestimmt. Sie erzeugt einen melancholischen Grundton. Verständlich, denn der Erzähler Paul Hansen sitzt in einer Haftanstalt in Montreal ein. Hier berichtet er vom eintönigen Gefängnisleben mit seinem Zellennachbar Patrick Horton, ein früherer Hells Angel und dann streifen seine Gedanken zu seinem früheren Leben. Dazu gehört auch seine Kindheitsgeschichte. er ist in Frankreich aufgewachsen. Sein Vater stammte aus Dänemark und war Pastor.
Es dauert praktisch den ganzen Roman bis man die Hintergründe erfährt, was Paul zu der Tat getrieben hat, die ihn für zwei Jahre ins Gefängnis brachten.
Es ist kein spektakulärer Roman. Manche Leser werden sich vielleicht langweilen, aber für mich war es ein interessantes und entspanntes Leseerlebnis.
dicht und konzentriert
Zwei fremde Leben von Goldammer Frank
Obwohl der Roman per se kein Krimi ist, ist der Plot am Anfang fast wie Kriminalfall gestaltet. Sogar sehr dicht und konzentriert, das geht am Anfang zu Kosten der Charakterisierung der Protagonisten, aber das kommt später noch in ausreichendem Maße.
Die Handlung wechselt zwischen 1973 in der DDR und 1994 nach der Wende.
Später sogar noch 2018.
Die Mutter, die 1973 in der DDR ihr Baby verliert, heißt Ricarda Raspe. Ihr Schicksal vermag zu berühren. Lange glaubt sie nicht, dass ihr Baby wirklich gestorben ist.
Der Polizist Rust ermittelt in dieser Sache, aber den mächtigen der Partei war das nicht gewünscht und sie hatten ihre Mittel.
Eine wichtige Schlüsselfigur ist die Hebamme Dagmar Krüger.
Erst spät wird die Situation klarer und es ist erstaunlich, wie viele beteiligt waren und wer alles IM war.
Der Autor Frank Goldammer hat viel Wert auf funktionierende Zeitenwechsel und wirksamer Figurenkonstellation gelegt.
Tempo, Cadenza, Capriccio, Da Capo
Find Me, Finde mich von Aciman André
Find me ist indirekt die Fortsetzung von Andra Acimans 2007 erschienen Roman „Ruf mich bei Deinem Namen“. Zumindest sind teilweise die gleichen Figuren da.
Ich habe den Vorgänger nicht gelesen. Ein kleiner Nachteil, aber ich konnte mich damit arragieren.
Es ist weniger die Handlung entscheidend als Acimans auffälliger Stil.
Seine Sprache hat einen eigentümlich hohe n Ton und grenzt schon fast an lyrischer Prosa. Das gefällt mir ganz gut.
Der Roman teilt sich auf in vier Abschnitte, wobei der erste „Tempo“ der längste ist. Es beginnt mit dem Professor Samuel Perlman, der auf einer Zugreise nach Rom eine Frau Namens Miranda kennen lernt. Sofort beginnt etwas zwischen ihnen.
Im zweiten Abschnitt „Cadenza“ wird dann aus der Perspektive von Elio, Samuels Sohn, erzählt. Es folgen noch 2 kürzere Kapitel: Capriccio und Da Capo, in denen es daruf hinausläuft, dass sich Elio und Oliver widertreffen.
Schon zu Beginn des Buches kann man erkennen, wie originell und gut die Dialoge gemacht sind und wie eigenständig und charismatisch die Figuren charakterisiert sind. Sie sind realistisch und glaubwürdig und das halte ich für eine hohe Qualität.
Historisch bedeutender Text
Ich rede von der Cholera von Heinrich Heine
Der Text ist eine journalistische Arbeit Heinrich Heines in Paris.
Obwohl ich befürchtete, der Vergleich Cholera 1832 mit der heutigen Corona-Situation wäre zu konstruiert, gibt es tatsächlich ein paar Details die den Vergleich zulassen.
Außerdem wollte ich mir den historischen Text natürlich nicht entgehen lassen.
Leider ist er ziemlich kurz. Damit es überhaupt als eigenständiges Buch langt, macht der Verleger Tim Jung ein treffendes Vorwort.
Beim eigentlichen Text beeindruckt Heinrich Heine durch seine genaue Beobachtungsfähigkeit und er beschreibt die Stimmung der Bevölkerung bei dieser Katastrophe mit Genauigkeit.











