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Rezensionen von Daffodil:
Entscheidungen
Kinderklinik Weißensee - Jahre der Hoffnung von Antonia Blum
1914: Marlene Lindow setzt erfolgreich ihr Studium zur Kinderärztin fort, als ihr Verlobter Max seinen Wehrdienst als Arzt in einem Lazarettzug antreten muss. Nach dem sehr erfolgreichen Abschluss des Studiums tritt sie 1918 ein Praktikum in der Kinderklinik Weißensee an und trifft dort alte Bekannte, die sie während ihrer Schwesternausbildung kennengelernt hat.
Dank den Schwestern bekommt man einen guten Einblick sowohl in die ärztlichen als auch die pflegerischen Tätigkeiten in der Klinik. Das Schicksal der kleinen Patienten ist oft tragisch.
In den eilig errichteten Lazaretten spielen sich Dramen ab. Es gibt unzählige Tote und Verwundete, dazu die an der Spanischen Grippe Erkrankten. Auch sie werden im Kinderkrankenhaus untergebracht, chaotische Zustände brechen aus.
Antonia Blum schildert diese schwere Zeit anschaulich und eindrucksvoll. Sie beschreibt die Gefühle und das Engagement der Lindow-Schwestern glaubhaft, fügt geschickt historische Hintergründe ein. Auch die Liebe spielt eine wichtige Rolle.
Ein ausgesprochen gut zu lesender Roman aus dem Ullstein Verlag, der den dritten Teil gespannt erwarten lässt.
Kluftinger fast allein zu Haus
Morgen, Klufti, wird's was geben von Volker Klüpfel; Michael Kobr
Wenn die Frau mal weg muss, ist Klufti ein wenig überfordert. Ein bissle Chaos richtet er an, ganz knapp vor Weihnachten. Als besonderes Ereignis kündigt sich auch noch der japanische Schwiegervater an. Der liebt es ordentlich und aufgeräumt. Dann ist da noch der Wohltätigkeitsmarkt ... . Das bayerische Urgestein steckt tief in der Bredouille.
Klüpfel und Kobr lassen den Herrn Kommissar gewohnt schlitzohrig und effektiv agieren. Grantig, tollpatschig, liebevoll, jedoch immer authentisch, interagiert er mit seinen Mitmenschen. Seine Frau weiß ihn zu nehmen. Wenn sie denn da ist. Die Autoren kennen keine Gnade mit ihrem Helden. Er muss sogar Joschis Neuinterpretation der Weihnachtsgeschichte sowie eine Busladung Chinesen ertragen. Es trifft ihn hart. Ist Weihnachten noch zu retten? Wieder ein unterhaltsamer und höchst amüsanter Lesespaß aus dem Ullstein Verlag.
Gemeinsam macht es mehr Spaß
Spielst du mit, kleines Schaf? von Zedelius Miriam
Gemeinsam macht es mehr Spaß
Auf einer Wiese treffen sich viele Tiere, sie wollen zusammen spielen. Aber was? Jeder hat seine Vorlieben, aber es gibt zunächst nichts, was allen gefällt. Doch! Eine gute Idee: Wir spielen Zirkus und jeder führt vor, was er am besten kann. Tanzen, Gewichte heben, Quatsch machen oder Einrad fahren.
Nur das Schaf möchte nichts zeigen. Soll es traurig daneben stehen?
Miriam Zedelius lässt ihre Helden eine sehr schöne und gerechte Lösung finden. Es macht Spaß, dieses Buch mit den lustigen Tieren anzuschauen. Manches Kind wird eigene Verhaltensweisen oder die seiner Freunde wieder erkennen. Die Zeichnungen sind farbenfroh, witzig, übersichtlich. Hilfsbereitschaft, Rücksichtnahme und Kompromissbereitschaft wirken positiv auf die Kleinsten.
Für Kinder ab vier Jahren, herausgegeben vom Hummelburg Verlag.
Einsamkeit und Mut
Das geheime Leben des Albert Entwistle von Matt Cain
Einsamkeit und Chancen
Albert liebt seinen Job als Postbote im kleinen Toddington. Es ist nicht ganz das, was er als Jugendlicher wollte: Menschen mit Briefen glücklich machen. Er ist aber zufrieden, sein Leben verläuft geordnet. Kurz vor seiner unwillkommenen Pensionierung wird ihm seine Einsamkeit bewusst.
Warum hat er nie eine Familie gegründet, warum meidet er jegliche Kontakte? Albert hinterfragt sein Leben. Flashbacks blitzen auf.
Nicole Ashton ist junge Single-Mom, lebt in einer Sozialwohnung und macht eine Weiterbildung zur Kosmetikerin. Mobbing ist ihr nicht fremd, sie musste einige Enttäuschungen verkraften.
Können sie sich gegenseitig helfen?
Matt Cain zeigt seinen eigenbrötlerischen Albert sehr authentisch, schildert seine Gedanken nachvollziehbar. Man versteht seine Ängste und Empfindungen gut und nimmt teil an seinem Leben, das anders hätte laufen können, ja, sollen. Nach und nach wird alles anders. Gut zu lesen, nachdenklich machend und gleichzeitig eine Aufforderung, sich Problemen zu stellen. Manche Reaktionen auf Alberts Entscheidungen finde ich allerdings überzogen.
Interessant zu lesen, gefühlvoll geschrieben, ein Wohlfühlroman aus dem Hause Ullstein.
Übersetzt aus dem Englischen von Marie Rahn.
Starke Frauen
Ein Koffer voller Schönheit von Kristina Engel
Anne ist Hausfrau, kümmert sich um die 13-jährigen Zwillinge und möchte mehr. Sie hat Geschick im Umgang mit Farben und Formen im Frisiersalon ihre Schwiegermutter bewiesen und kann sich einen Beruf als Kosmetik-Beraterin vorstellen. Dazu braucht sie die Zustimmung ihres Mannes. Ein sehr konventioneller Gatte, der sogar wöchentlich das Haushaltsbuch vorgelegt haben möchte.
Unvorstellbar! Natürlich weigert er sich zunächst, gibt aber nach monatelangem Streit nach und hofft auf das Scheitern seiner Frau. Nix da! Mit Geschick, Lernwillen und guten Ideen bringt Anne als erste Avon-Beraterin in Deutschland ihre Produkte an die Frau, verschafft ihnen Erfolgserlebnisse und hilft ihnen, sich attraktiver und gepflegter zu fühlen.
Kristina Engels beschreibt die Zustände in Westdeutschland Ende der 50er Jahre. Das Wirtschaftswunder ließ die Menschen von mehr Wohlstand und Anschaffungen träumen, Frauen wollten gleichberechtigter leben und auch Annehmlichkeiten und Schönheit selbst erarbeiten. Sie beschreibt Sorgen und Nöte der Frauen, gibt aber auch Einblicke in die Gedanken des Ehemannes, verurteilt nicht, sondern macht verständlich, dass er auch Probleme hat.
Ein interessant erzählter historischer Roman, der Einblick in die Verhältnisse der 60er Jahre gibt, sich sehr gut liest und sogar Schminktipps vermittelt.
Verlegt von Droemer Knaur.
Herr Schmidt ist nicht Barbara
Barbara stirbt nicht von Alina Bronsky
Herr Schmidt findet seine Frau befremdlicherweise nicht bei der Kaffeezubereitung, sondern im Bad liegend. Er bereitet den Kaffee also selber zu, wie, liest man mit Grausen. Dass seine Frau sehr krank ist, bekommt er gar nicht mit, will es nicht wahrhaben. Seine Meinung über sie: „Aber sie tat einfach nie, was sie sollte und vor allem wann sie sollte.
“
Herr Schmidt ist als Partner lange Zeit ein Totalausfall. Zudem ist er ein notorischer Besserwisser, Ignorant und Despot. Jagte die Kinder selbst am Wochenende um sieben aus dem Bett. Aber nun macht Herr Schmidt sich so seine Gedanken. Man merkt, bisher hat er sich nie gefragt, wie ein Haushalt funktioniert. Jetzt aber läuft gar nichts mehr. Er muss umdenken.
Wie er das macht, schildert Alina Bronsky witzig, bitterböse und ironisch. Der Leser darf teilhaben an Herrn Schmidts Lernprozess, an seinen ersten Schritten online, als er sich traut, um Hilfe zu fragen (er ist der naive Unterhaltsame im Kochchat), an der Erkenntnis, dass Barbaras Lebensmitteleinkäufe mehr waren als planlos Dinge in den Wagen zu werfen. Frau Bronsky schafft es, dass der schrullige Herr Schmidt Verständnis findet. Ja, er hat seine Macken, aber immerhin merkt er, was er an seiner Barbara hat. Er gibt sich wirklich Mühe, das verdient Anerkennung. Sehr schön erzählt, glaubhaft, authentisch, echt, herzzerreißend. Tolles Buch, das mit Humor und wichtigen Erkenntnissen punktet.
Bitte mehr davon!
Verlegt von Kiepenheuer und Witsch.
Die Frau, die mehr kann
Die Teehändlerin von Susanne Popp
Frankfurt 1838, Friederike ist jung und schön, hat vier Kinder und ist mit dem fünften schwanger. Ihr Mann, mehr oder weniger erfolgreicher Teehändler, wird bald auf eine nicht ungefährliche einjährige Reise nach China aufbrechen. Forschung, Einkauf und Anerkennung in der Wissenschaftsszene sind sein Ziel.
Sein Prokurist, der ihn vertreten soll, hat ganz eigene, eigennützige Pläne. Jedoch verunfallt er und eine unliebsame Jugendbekanntschaft soll ihn ersetzen. Tobias, sturer Esel der er ist, reist trotzdem. Naiv verteilt er auch noch Darlehen, gönnt seiner Frau aber keine Hilfe, sieht ihre Sorgen nicht. Dafür jammert er in ellenlangen Briefen.
Friederike allerdings ergreift Initiative. Ihre Zweifel werden nachvollziehbar beschrieben, die Lösung ist einfach. Dann ist da ja auch noch der kluge und sympathische Paul. Bahnt sich da etwas an? Dramatisch wird es auf jeden Fall.
Susanne Popp schildert anschaulich das bürgerliche Leben in Frankfurt, Wohnverhältnisse, Sehenswürdigkeiten, sogar das Frankfurter Sängerfest, spart aber auch politische Hintergründe nicht aus. Unterschiedliche Religionen bereiten Probleme. Zudem trifft man auf interessante Namen bekannter historischer Personen der Biedermeierzeit. Sehr gut nachvollziehbar wird Friederikes Kampf um Selbstbestimmung aufgezeigt, eng verbunden mit demAufstieg einer berühmten Kaufmannsfamilie, den Ronnefeldts, die auch heute noch auf dem Teemarkt eine Rolle spielt.
Teil 1 der Ronnefeldt-Saga, die auf historischen Gegebenheiten beruht, läßt auf Fortsetzung hoffen.
Herausgegeben vom Fischer Verlag.
Das Chalet
Der Ort der verlorenen Herzen von Claire Stihlé
Was für eine schöne Idee: Menschen, die ganz allein sind, dürfen sich hier, in den idyllischen Vogesen, zu Weihnachten erholen. Der jetzige Besitzer von Anouks Elternhaus lädt fünf Personen ein. Anouk zieht eigentlich die Einsamkeit vor. Nachdem ihre Eltern starben, als sie 17 war, igelt sie sich ein.
Auch die anderen vier Gäste haben Sorgen, wollen ein unbelastetes Weihnachten verleben. Es kommt anders, der Gastgeber verschwindet, die Hütte schneit derart ein, dass sich die Bewohner plötzlich in einer Art Insellage wiederfinden. Kurz darauf bekommt Anouk Briefe, die ihre Welt verändern. Sie schafft es, sich mit ihrem Leben tiefgründig auseinanderzusetzen. Hat der Aufenthalt in den Bergen etwas bewirken können? Viele Emotionen, viel Nachdenkenswertes wird von Claire Stihlé aufgerufen, sensibel und kritisch wird ihre Anouk geschildert. Das wirkt authentisch, ist interessant zu lesen. Aber: was ist mit Antoine? Kein unbedingter Weihnachts- oder Wohlfühlroman, aber gut zu lesen!
Teuflisches an Bord
Der Tod und das dunkle Meer von Stuart Turton
Detektiv Sammi Pipps und Leutnant Arent Hayes, sein Bodyguard, haben schon erfolgreich einige Fälle von Mord und Diebstahl aufgeklärt. Auch ein gestohlenes wertvolles Stück konnten sie dem brutalen Generalgouverneur von Batavia wiederbeschaffen. Statt einer Belohnung droht Sammy der Galgen. Jedoch muss der Gouverneur zuvor nach Amsterdam, das bedeutet acht Monate Segelschifffahrt.
Aber was für eine Fahrt! Eine Mannschaft aus Dieben und Gaunern, dazu korrupte Beamte, Soldaten, Passagiere und mysteriöse Gestalten. Es gab eine Warnung, dass das Schiff nie ankommen würde. Der Teufel bzw. der Alte Tom würde dafür sorgen. Das galt es zu verhindern. Es folgt eine Reihe ausführlich dargestellter Schilderungen dessen, wie der Alte Tom versucht, die Menschen zu üblen Taten anzustiften. Überall taucht sein Zeichen auf, alle fürchten sich. Das zieht sich hin, Böses geschieht.
Stuart Turton hat eine dramatische Fantasy mit scheinbar historischem Hintergrund geschrieben. Raffinierte Pläne wurden geschmiedet, Grusel hinzugefügt und mit Aberglauben gewürzt. Auf so einem Schiff möchte Niemand mitgesegelt sein, eine unheimliche Reise führt zu einem unglaublichen Ende.
Kriminalroman aus dem Englischen von Dorothee Merkel übersetzt, vom Tropen Verlag herausgegeben.
Abenteuer in der Nacht
Anouk, die nachts auf Reisen geht (Anouk 1) von Hendrikje Balsmeyer; Peter Maffay
Anouk geht gern ins Bett! Na klar, erlebt sie doch in der Nacht spannende Abenteuer, sie verweilt bei Indianern, Piraten, im Zirkus, bei den Rittern, auf dem Bauernhofund an anderen spannenden Orten. Überall trifft sie nette Kinder, die aber alle ein Problem haben. Anouk ist sehr klug und hilfsbereit.
Sie hat tolle Ideen, aber ob sie helfen kann? Auf jeden Fall erfährt sie viel darüber, wie andere Kinder leben und wie nützlich es sein kann, wenn man eine Menge weiß. Für eine knapp Siebenjährige kennt sie sich allerdings schon erstaunlich gut aus. Sie wendet Hebelgesetze an, säubert Pferdeställe und kann mit einem Kopierer umgehen. Ihre Abenteuer sind spannend, auf solche „Träume“ würde sich jedes Kind freuen. Hilfsbereitschaft, Mut und Fantasie sind ganz wichtige Eigenschaften, von ihr kann man viel lernen.
Ein tolles Kinderbuch mit schönen Einschlafgeschichten, die Altersempfehlung ab fünf erscheint jedoch sehr ambitioniert.
Zu den Zeichnungen: sie sind fantasievoll, aber die meisten Gesichter sowohl der Kinder als auch der Erwachsenen gefallen der vorgeschlagenen Altersgruppe nicht. Die Farben sind recht trist, sehr viel grau, braun, grün. Schade.
Hendrikje Balsmeyer, Peter Maffay, Illustr. Joëlle Tourlonias.
arsEdition











