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Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Radikale Kritik am derzeitigen Wirtschaftssystem und der dahinter liegenden Ideologie
Laudato si' Über die Sorge für das gemeinsame Haus Die Umwelt-Enzyklika mit Einführung und Themenschlüssel von Papst Franziskus
Papst Franziskus stellt in seiner neuen Enzyklika 'Laudato si' klar, dass Ökologie und soziale Gerechtigkeit untrennbar verbunden seien - man müsse die Klagen der Armen ebenso hören wie die Klagen der Erde (Nr. 49). Privatbesitz sei aus christlicher Sicht nicht als absolut und unveräußerlich zu sehen; die soziale Funktion jeder Form von Privatbesitz wird betont – denn Gott habe die Welt für alle erschaffen (Nr.
93).
So enttäuschend die bisherigen Ergebnisse der diversen Klimagipfel seien, so deutlich würden sie zeigen, dass Politik immer stärker der Wirtschaft unterworfen werde (Nr. 54). Scharfe Kritik übt der Papst am derzeitigen Wirtschaftssystem, in dem Spekulation und Streben nach finanziellem Ertrag vorherrschen – Umwelt und Menschenwürde würden dabei oft ignoriert (Nr. 56). Der Mensch sei dazu übergegangen, die Natur als bloße Rohstofflieferantin zu sehen, die man bis zur Grenze und darüber hinaus 'auspressen' könne – verbunden mit der Selbsttäuschung ewigen Wachstums (Nr. 106). Die technischen und wirtschaftlichen Entwicklungen prägen vielfach unseren Lebensstil, der – oft unbewusst – bestimmten Machtinteressen dient (Nr. 107). Der Papst spricht hier vom 'technokratischen Paradigma', dessen Logik heute so dominant geworden sei, dass es schwierig ist, sich ihm zu entziehen (Nr. 108). Dabei tritt er dafür ein, Fortschritt neu zu bestimmen: wenn wirtschaftliche und technologische Entwicklung nicht zu einer besseren Welt und zu einer höheren Lebensqualität führen, dann könne nicht von einem Fortschritt gesprochen werden (Nr. 194).
Wenn Papst Franziskus den weit verbreiteten Relativismus kritisiert, so bezieht er damit keine erkenntnistheoretische Position, sondern prangert jene Haltung an, in der der Mensch sich selbst ins Zentrum stellt, seine eigenen Vorteile absoluten Vorrang haben, und alles andere relativ werde (Nr. 122). Diese Haltung führe nur dazu, andere auszunützen und als bloße Objekte zu behandeln. In der 'unsichtbaren Hand' des Marktes sieht der Papst dieselbe Logik am Werk, da weder auf die Gesellschaft noch auf die Umwelt Rücksicht genommen werde (Nr. 123).
Der Markt produziere einen unwiderstehlichen Konsum-Mechanismus, der dazu führe, dass unnötige Dinge gekauft würden. Der zwanghafte Konsumismus sei auf der individuellen Ebene das Spiegelbild für das techno-ökonomische Paradigma. Freiheit werde mit Konsumfreiheit verwechselt – wir besitzen allzu viele Mittel, um einige dürftige Ziele zu erreichen (Nr. 203). Die Selbstbezogenheit führe dazu, immer unersättlicher zu werden. „Während das Herz des Menschen immer leerer wird, braucht er immer nötiger Dinge, die er kaufen, besitzen und konsumieren kann.“ Dabei gerate nicht nur das Gemeinwohl aus dem Blick, sondern jede Begrenzung durch die Wirklichkeit erscheint inakzeptabel (Nr. 204). Der Papst glaubt, dass es möglich sei, wieder die Fähigkeit zu entwickeln, die Selbstbezogenheit zu überwinden und aus sich heraus- und auf andere zuzugehen. Die Überwindung des Individualismus sei Voraussetzung für einen alternativen Lebensstil, der eine Veränderung in der Gesellschaft möglich macht (Nr. 208). Allerdings reiche es nicht, wenn nur Einzelne ihren Lebensstil ändern. Der Papst fordert eine ökologische Umkehr, die auch eine gemeinschaftliche Umkehr sein müsse (Nr. 219).
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Kapitalismus versus Demokratie
Gekaufte Zeit von Wolfgang Streeck
Es ist ein Verdienst des Autors, viele auf den ersten Blick unübersichtliche und unzusammenhängende Ereignisse in einen größeren Zusammenhang zu stellen und damit den Spannungsbogen anzudeuten, der in der Entwicklung der letzten Jahrzehnte in Europa stattgefunden hat: Von einem langsamen, aber kontinuierlichen Rückzug des Staates hin zu einer immer stärkeren Betonung wirtschaftlicher Effizienz in allen Lebensbereichen.
Griff im Nachkriegskapitalismus der Staat - z.B. durch inflationspolitische Maßnahmen - noch steuernd in die Geschicke wirtschaftlichen Lebens ein, so änderte sich dies spätestens in den 1970er und 1980er Jahren, als der Staat durch immer größere Aufnahmen von Schulden jene Illusion wirtschaftlichen Wachstums und sozial gerechter Verteilung aufrechterhielt, die seit 2008 mit der Finanzkrise spektakulär in sich zusammenfiel. Seither sehen sich viele Euro-Staaten zu einer 'inneren' Abwertung gezwungen, d. h. es müssen Produktionsleistungen verbilligt werden - z.B. durch längere Arbeitszeiten oder Kürzung von Sozialleistungen -, weil das Mittel der Geldabwertung innerhalb des Euro-Raumes für wirtschaftlich schwächere Länder nicht mehr möglich ist.
Besonders brisant ist diese Entwicklung auch unter demokratiepolitischer Sicht: Die wichtigen wirtschaftspolitischen Entscheidungen werden immer weniger in nationalen Parlamenten gefasst, sondern von neoliberal gesinnten Technokraten in Brüssel (vgl. in diesem Zusammenhang auch das Beispiel TTIP). Letztlich läuft die Entwicklung immer mehr auf die Unvereinbarkeit der derzeit praktizierten, neoliberalen Form des Kapitalismus und einer demokratischen Gestaltung gesellschaftlichen Lebens hinaus.
Streeck sieht pessimistisch in die Zukunft: Europa sei auf dem besten Weg, ein neoliberales Korsett für seine Mitgliedsstaaten zu schnüren, das ohne Rücksicht auf kulturelle Unterschiede nur den Profit als einzigen Wert in allen Lebensbereichen anerkennt. Als Lösung schlägt Streeck die Möglichkeit eines geordneten Ausstiegs aus dem Euro vor, denn es sei abwegig zu behaupten, dass "Europa scheitere, wenn der Euro scheitert" (Angela Merkel) - was ja tatsächlich kaum einleuchtend ist ...
Das Buch liest sich streckenweise spannend wie ein Krimi und die darin geschilderten Geschehnisse bergen auch eine Menge (halb-)krimineller Energien. Mit aller Schärfe - und nicht ohne Humor - werden die Entwicklungen des Neoliberalismus in Europa nachgezeichnet. Schade nur, dass die Gedanken sprachlich auf sehr hohem Abstraktionsniveau dargelegt werden - ein Umstand, der vermutlich dazu führt, dass die Lektüre für einen breiteren Leser_innenkreis als zu mühsam erscheint. Hätte man das nicht einfacher sagen können?
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Fundierte Lektüre zu geschichtlichen Höhen und Tiefen christlicher Glaubenspraxis
Toleranz und Gewalt. von Angenendt Arnold
Der Autor versteht es vorzüglich, auf sachkundige Weise komplexe geschichtliche Zusammenhänge so zu erläutern, dass sie auch wirklich verstanden werden können.
Zu den Verdiensten christlicher Religion zählt der Autor u. a. folgende Bereiche auf:
- die Gottebenbildlichkeit des Menschen, die - ganz im Gegensatz zur antiken Umwelt - dazu geführt habe, dass allen Menschen eine gleiche und unbedingt zu achtende Würde zukommt, also unabhängig von Religion, Rasse, Geschlecht, etc.
- Das christliche Liebesgebot wird nicht nur - wie in Primärreligionen oft üblich - auf Familien- bzw. Stammesangehörige bzw. eine bestimmte Gruppe bezogen, sondern gilt allen Menschen - auch den "Feinden".
- Die Sorge um die Armen galt in der Antike nur unter dem Vorbehalt, dass es einem auch selbst einen Nutzen einbringe. Im Christentum hingegen geschah die Armen-Sorge vorbehaltlos - "eine ganze Gesellschaft wurde für die Armut sensibilisiert und zugleich die Armensorge institutionalisiert" (S. 584).
- Das Christentum habe als einzige Weltreligion die Freiheit als höchtes religiöses Ziel erklärt - denn Christus sei gekommen, um die Menschen "freizukaufen" bzw. zu erlösen. Das habe langfristig zur Abschaffung der Sklaverei geführt.
- Zur Frage der Religionsfreiheit werden einige wichtige Punkte angeführt, die das Christentum neu hervorgebracht habe wie z. B. die Ablehnung der Autorität einer weltlichen Macht in religiösen Dingen oder auch Zwang in Fragen des Glaubens auszuüben, da nur der freie Glaube als wirklicher Glaube gelten könne.
Bei all diesen Punkten gelte es aber zu beachten, dass im Laufe der Geschichte vieles geschehen sei, das nicht mit diesen christlichen Grundsätzen vereinbart werden könne wie z. B. die Kreuzzüge oder die Tötung von Ketzern im Rahmen von Inquisitionsprozessen.
Das Buch zeichnet sich durch eine sachliche und ausgewogene Darstellungsweise aus. Es stellt einen wichtigen Beitrag dar, wenn es darum geht, aus einem vorurteilbehafteten Schwarz-Weiß-Denken auszubrechen.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Ein neuer Versuch Menschenrechte zu begründen
Die Sakralität der Person von Hans Joas
Hans Joas versucht in seinem Buch einen neuen Weg aufzuzeigen, wie man Menschenrechte begründen könne - jenseits einer bloß rationalistisch-vernunftgeleiteten Methode und jenseits einer Berufung auf bestimmte religiös-kulturelle Traditionen. Obwohl er diese beiden herkömmlichen Zugangsweisen zur Begründung von Menschenrechten nicht ablehnt, sind sie ihm in ihrer Begründungsfähigkeit auf unterschiedliche Weise unzureichend: Denn die rationalistische Zugangsweise (z.
B. Kant) proklamiert bestimmte auf Vernunft basierende Eigenschaften des Menschen als Grundlage dafür, Menschenwürde zu besitzen, während religiös-kulturelle Traditionen vor der Schwierigkeit einer Universalisierbarkeit ihrer Überlieferungen stehen.
Um diese jeweiligen Engführungen zu vermeiden, schlägt Joas methodisch einen anderen Weg vor, nämlich Ausschau nach bestimmten geschichtlichen Entwicklungssträngen zu halten, die gleichsam als Vorläufer der modernen Menschenrechte ausgemacht werden können. Ergänzt wird diese historische Herangehensweise noch durch die Berücksichtigung, wie in der menschlichen Erfahrung Werte entstehen. Damit hofft der Autor, ein Konzept vorlegen zu können, das einerseits offen ist für unterschiedlichste religiös-kulturelle Traditionen und andererseits mit der empirischen Verankerung von Werten eine affektive Bindung an Menschenrechten zu erreichen, die über deren bloß kognitive Begründung hinausgeht.
So wichtig die Berücksichtigung unterschiedlichster religiös-kultureller Traditionen erscheint, so ist der Rückgriff auf die jüdisch-christliche (?) Vorstellung einer "unsterblichen Seele" doch wenig überzeugend, einmal abgesehen davon, warum man bei einer unsterblichen Seele noch den Glauben an die Auferstehung brauchen sollte. Hier wäre die Bezugnahme auf ein bekanntes Wort Jesu "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr MIR getan" (Matthäus 25,40) zielführender gewesen.
Eine weitere Schwäche des Buches ist m. E. das methodische Kapitel (immerhin gut 50 Seiten!) zur "affirmativen Genealogie", das sprachlich kaum verständlich ist und wie ein Fremdkörper wirkt. Bei der Lektüre vermisst man teilweise den roten Faden, der am Beginn gelegt und erst am Ende wieder aufgenommen wird.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Kritische und noch immer aktuelle Zeitdiagnose
Das Leben als letzte Gelegenheit von Marianne Gronemeyer
Das Büchlein ist nach über 20 Jahren (in der unveränderten 5. Auflage) vielleicht aktueller denn je, was den Grundgedanken der Zeitdiagnose betrifft: Seit mit dem Beginn der Neuzeit der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod immer stärker in den Hintergrund trat, ist das Bewusstsein dafür gewachsen, dass das Leben jedes Einzelnen zur 'letzten Gelegenheit' wird, um noch alles auszukosten, wozu man Lust hat.
Allerdings vermehren sich die Möglichkeiten in der Moderne so rasch, dass man immer weniger davon umsetzen kann - die Kluft zwischen den nicht genutzten Erfahrungen und den tatsächlich verwirklichten Wünschen wird immer größer. Viele wenden dabei unterschiedliche Strategien an, um wenigstens die begrenzte Lebenszeit möglichst effektiv 'auszupressen' und keine Leerläufe entstehen zu lassen - 'You only live once' würde man heute wohl sagen …
Einziger Kritikpunkt ist aus meiner Sicht darin anzubringen, dass die moderne Entwicklung zu pauschal negativ bewertet wird. Vieles, was die moderne Entwicklung mit sich gebracht hat, lässt sich wohl nicht nur aus dem Bedürfnis erklären, die Wirklichkeit des Todes zu verdrängen bzw. alles unter dem Aspekt eines in jeder Hinsicht möglichst auszukostenden und auszunutzenden Lebens zu sehen.
Manches, was später Hartmut Rosa in seinem Buch "Beschleunigung" geschrieben hat, wurde hier bereits vorgedacht bzw. vorweggenommen.
Das Buch ist noch immer eine zeitgemäße Gesellschaftskritik, die durch sprachlichen Ausdruck besticht und teilweise auch auf humorvoll-zynische Weise das Verhalten des modernen Menschen beschreibt.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Geistreiche und sarkastische Abrechnung mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem
Der überflüssige Mensch von Ilija Trojanow
Trojanow bringt es in seinem Essay sehr treffend auf den Punkt, worauf das kapitalistische Wirtschaftssystem - aber auch der weit verbreitete konsumistische Lebensstil - basiert: Auf Gewinner und Verlierer, auf Konkurrenz und Macht. Menschen, die nicht (mehr) am Markt - sei es als Arbeitende oder als Konsumierende - teilnehmen, gibt man das Gefühl, 'überflüssig' zu sein bzw.
zeigt ihnen gegenüber mit verschiedenen Maßnahmen, dass sie 'überflüssig' sind.
Der Essay ist spannend zu lesen, hervorragend geschrieben und besticht nicht zuletzt durch die humorvoll-sarkastische Kritik der bestehenden wirtschaftlichen Verhältnisse.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Erschütternd und ernüchternd
Sind die Menschenrechte westlich? von Joas Hans
Joas wirft in seinem Essay wichtige Fragen auf, die niemanden unberührt lassen, der bisher von einer moralischen Überlegenheit des 'Westens' ausging:
Anhand zahlreicher Beispiele aus der Geschichte der Sklaverei und der Folter kann Joas überzeugend darlegen, wie schwach religiöse Traditionen, aber auch ethisch-philosophische Überzeugungen der Aufklärung waren, um wirksam gegen diese Praxis vorzugehen.
Im Gegenteil: Es gab keine einhellige Ablehnung von Sklaverei und Folter, weder von christlicher, noch von humanistisch-aufklärerischer Seite. Vielmehr fanden sich immer wieder für beide Praktiken Begründungen, die den 'westlichen' Interessen dienten.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Diesem Glauben sollten alle Menschen zustimmen können …
Credo von David Steindl-Rast
Auf hervorragende Weise gelingt es David Steindl-Rast, dem altehrwürdigen Text des Credo neues Leben einzuhauchen und für die heutige Zeit zu aktualisieren. Das Besondere in seiner Auslegung liegt jedoch in dem Versuch begründet, bei der allgemein menschlichen Erfahrung anzusetzen und es so für alle Menschen zugänglich zu machen.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Spiritualität für unsere Zeit
Das glauben wir Spiritualität für unsere Zeit. 09.03.2015. Gebunden. von Anselm Grün; Steindl-Rast David
Das Buch gibt ein Gespräch zwischen dem ORF-Journalisten Johannes Kaup und den beiden Benediktinermönchen Anselm Grün und David Steindl-Rast wider. Dabei kommen eine Fülle von Fragen zur Sprache, die für ein gelungenes Leben und einen reflektierten Glauben wichtig sind. Neben den ansprechenden und interessanten Fragestellungen überzeugen auch die differenzierten Antworten, welche aus einer reichen spirituellen Erfahrung schöpfen.
Rezensionen von robert.wentz@gmx.at:
Ausgezeichneter Überblick über die Wachstumsdebatte
Gut leben von Barbara Muraca
In der knappen, aber sehr lesenswerten Studie gibt die Autorin einen Überblick über unterschiedliche Utopien und Visionen, die sich mit Alternativen zum derzeit herrschenden wirtschaftlichen Wachstumszwang befassen.
Ein gutes Leben für alle ist möglich, aber die Wege dorthin sind weit und nicht ohne Irrwege, wie die Autorin betont.
Die differenzierte Herangehensweise auf das Thema kennzeichnet diese Schrift und unterscheidet es damit wohltuend von so manch anderen Publikationen. Empfehlenswert!











