Kunden em pfehlungen
Rezensionen von leopol:
eine Parodie auf Agententhriller, die jedoch den Zeitgeist gut einfängt
Die Reise ans Ende der Geschichte von Kristof Magnusson
In den 90igern steht die Welt der Spione vor einem Umbruch – der Eiserne Vorhang ist gefallen, und die Situation und Zukunftsmöglichkeiten ändern sich für viele Leute. Was macht Dieter Germeshausen, ein bisheriger Doppelagent für den BND und Russland nun? Er muss sich Geld beschaffen und möchte sich damit zur Ruhe setzen.
Als Unterstützer dafür wirbt er Jacob Dreiser, einen jungen Dichter an. Denn dieser soll als junger, international gefeierter Dichter seine Tarnung sein.
Ein Buch, dass in der Zeit einer der größten Umbrüche spielt – der Eiserne Vorhang ist gefallen. Es bieten sich so viele Möglichkeiten und Chancen an, gleichzeitig fehlt aber auch der bisherige Halt und die Orientierungspunkte. Durch große Euphorie und gleichzeitige Unsicherheit ist die Zeit gekennzeichnet, was in diesem Werk gezeigt wird. Gut transportiert wird dies durch den jungen Dichter und den ehemaligen Doppelagenten. Ein junges Talent, dem nun alle Türen offen zu stehen scheinen, aber dennoch irgendwie durch die Situation stolpert ohne Halt zu verspüren. Und ein ehemalgier Doppelagent, der nunmehr keinen Beruf bzw. keine Rolle mehr hat, da sich die Situation verändert hat. Exemplarisch kann man beide für die jeweiligen Generationen bzw. Berufe in der realen Geschichte betrachten.
Durch einen lockeren Schreibstil in den Bann gezogen, folgt man nun vor allem dem jungen Dichter und weniger dem ehemaligen Doppelagenten in so manche abstruse Situation. Es wird Fiktion mit realer Zeitgeschichte verknüpft. Der klassische Agententhriller wird hierbei auf die Schaufel genommen, aber sehr intelligent und mit feiner sprachlicher Klinge. Man stolpert mit dem Dichter durch diverse Orte wie Rom, Kasachstan, St. Petersburg und handelt mit so ziemlich jedem militärischen Gerät. Manche Frage der Geschichte und das Ende bleibt doch eher offen, jedoch wünscht man dem doch sehr sympathischen Protagonisten, dass es für ihn ein gutes Ende nehmen möge.
Ein kurzweiliger Roman, der eher als Parodie auf klassische Agententhriller zu verstehen ist. Gleichzeitig schafft er es allerdings wunderbar das damalige Zeitgefühl einzufangen, indem er es den Leser durch die Figurenerfahren lässt.
ein ruhiger Roman, der die Liebe zu Briefen hervorhebt
Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand von Baek Seungyeon
Wu Hyoyeong nimmt nach einigen Turbulenzen einen Aushilfsjob in einem kleinen Briefladen in Seoul an, dem „Letter Shop“. Eröffnet hat diesen ihr ehemaliger Kommilitone Kang Seonho, der sein Schauspielstudium abbrach, da er zu wenig Talent für seine Leidenschaft hatte. Auch Hyoyeong trägt ein Päckchen aus der Vergangenheit mit.
Einerseits ist auch sie als Regisseurin nicht erfolgreich, andererseits lastet auch das Schicksal ihrer älteren Schwester Hyomin auf ihr. Wurde das Wunderkind der Familie doch von einem Geschäftspartner um Geld betrogen und ist seitdem bis auf Briefe, die sie an Hyoyeong schreibt, spurlos verschwunden.
Sachte taucht man in die Geschichte ein. Durch den detaillierten und atmosphärischen Schreibstil wird man richtiggehend in den Laden und seine Umgebung gesaugt. Schritt für Schritt lernt man Hyoyeong und auch ihren Boss kennen. Und immer tiefer taucht man in das Konzept des Letter Shops ein, die liebe zum Schreiben speziell zum Briefe schreiben zu entfachen. Durch die Idee des Penpal Services, also der anonymen Brieffreundschaft, lernt man im Buch auch immer mehr die Kunden kennen. Suchen diese sich doch auf Grund von Schlagworten Briefpartner aus und bekommen damit die Gelegenheit ihr Herz einem Unbekannten auszuschütten. Jeder mit anderen Sorgen, Ängsten, Wünschen und obwohl jeder in unterschiedlichen Lebenssituationen ist, doch auch eine Hilfe für den anderen sein kann. Im Austausch mit ihren Kunden lernt auch Hyoyeong wieder das Schreiben zu schätzen und versucht den Mut zu finden, ihre eigene Geschichte zu schreiben.
Gelungen an diesem Buch ist sehr vieles:
Die Gestaltung des Buches ist so wie auch die des Briefladens, der den Handlungsort spielt – edel, harmonisch, atmosphärisch. Es wird mit verschiedenen Textsorten gespielt, denn Notizen und Briefauszüge wechseln sich mit dem klassischen Romantext ab. Auch die Bindung und Seitengestaltung vermittelt ein spezielles Gefühl, als gäbe es eine haptische Verbindung zum Laden.
Das Figurenregister inklusiver kurzem Steckbrief macht das Lesen auch für Leser aus dem Nichtkoreanischen Sprachraum einfacher.
Und auch die Tatsache, dass die verwendeten Briefe tatsächliche Briefe aus dem als Inspiration zu Grunde liegenden Letter Shops sind, ist besonders erwähnenswert wie ich finde.
Ein Roman, der einfach schön ist und zum Nachdenken anregt. Mit etwas Handlung, aber vor allem viel Raum für Gedanken und Wärme.
Spannung in der Unwetterkatastrophe
Grenzfall – Ihr Grab in den Fluten von Anna Schneider
In der Grenzregion Karwendel geht ein heftiges Unwetter nieder – so stark, dass Bäche über die Ufer treten und etliche Vermisste gemeldet werden. Minütlich werden die Meldungen mehr und die Polizei in beiden Ländern ist gefordert. Während Alexa Jahn auf der deutschen Seite voll gefordert ist, ist Chefinspektor Bernhard Krammer in Österreich nach einer Verletzung noch nicht voll dienstfähig.
Schließlich wird in einer Schlucht ein Toter entdeckt. Doch es ist nicht ein Opfer des Unwetters, sondern wurde ermordet.
Auch wenn dies bereits der sechste Band einer Reihe um das Ermittlerduo Jahn und Krammer ist, lässt er sich auch gut ohne Vorkenntnisse lesen.
Die Sprache ist wie für Anna Schneider typisch flüssig, detailreich lebhaft. Man bekommt im Unwetter richtig gehende Beklemmungen und bekommt die Gefährlichkeit gut transportiert. Der Spannungsbogen baut sich langsam und sukzessive auf, von einem Prolog der einen passenden Vorgeschmack liefert, landet man in einer Region, in der das Unwetter immer größeren Schaden anrichtet. Stündlich steigt die Gefahr und diese wird auch transportiert. Die Spannung durch den Fund der Leiche tritt erst spät auf, ab Mitte des Buches. Allgemein werden einige Einzelfälle präsentiert und man rätselt als Leser über die Zusammenhänge. So wie auch bei den immer wieder eingestreuten Briefen einer Mutter. Die Ermittlungen bzw. die Auflösung war für mich zwar logisch, allerdings auch etwas abrupt.
Wie auch in den Vorgängerbänden ist auch hier das Ermittlungsduo sehr charmant und authentisch. Alexa Jahn kämpft von Beginn an mit der Anzahl an Anrufen und Problemen. Man merkt die innere Zerrissenheit und Verzweiflung nicht ausreichend Hilfe zur Verfügung stellen zu können. Bernhard Krammer, Alexas Vater, durchleuchtet Alexas neuen Partner und zeigt damit seine fürsorgliche Seite. Aber auch er bekommt auf der österreichischen Seite bald mit einer Gruppe junger Abiturenten in Not zu tun.
Für mich ein würdiger sechster Band der Reihe, der für mich allerdings vor allem durch die detaillierte atmosphärische Schilderung des Unwetters getragen wird.
Die Rache eines gefangenen Bauern im Dreißig Jährigen Krieg
TINTE und SCHWERT – Verwandlung (Band 1) von Matthias Soeder
Im Bachthal, einem kleinen Ort im Umfeld zu Würzburg, wächst Jacob als katholischer Bauernsohn auf. Durch Förderung des örtlichen Pfarrers lernt er lesen und schreiben, und soll eine Ausbildung zum Priester beginnen. Doch im letzten Sommer vor Beginn, wird Jacob im Zuge eines Überfalls verschleppt und Teil eines Söldnertrupps, der nach Böhmen unterwegs ist.
Heinrich von Hohenfels ist der skrupellose Kommandant dieses Trupps der sich als Söldner General Mansfeld anschließen möchte. Auch in seiner Zeit als Schanzknecht bei der Belagerung der Stadt Pilsen schwört Jacob Rache an seinen Angreifern und Mördern seiner Familie. Eine schwierige Aufgabe mit vielen Hindernissen.
Der Autor erzählt die Geschichte im Großen und Ganzen aus drei Blickwinkeln – man folgt Jacob, Heinrich von Hohenfels und General Mansfeld auf ihren Erlebnissen um die Zeit Belagerung der Stadt Pilsen. Während Mansfeld und Heinrich von Hohenfels ihrem Charakter grundsätzlich sehr treu bleiben und beständig handeln, wenn auch nicht sehr sympathisch, macht Jacob die größte Entwicklung durch. Von einem unscheinbaren, aber talentierten Bauernjungen, der von anderen Burschen drangsaliert wird, gewinnt er Kraft durch den Wunsch Rache auszuüben. Ist er von seinen Erfahrungen, dem Glauben und seiner Herkunft geprägt, erfährt er auch auf Grund des Dienstes als Schanzknechts und der rauen Realität des Krieges eine Verwandlung. Seine bisherigen Glaubenssätze und Moralvorstellungen kommen in Wanken. All das sehr glaubwürdig.
Natürlich ist die Geschichte um Jacob erfunden, jedoch ist diese glaubwürdig in ein geschichtliches Netz eingebunden. Beschreibung der Zeit und der Situation im Lager sind detailliert und dürften auf Grund gründlicher Recherche des Autors so gut fundiert sein, wie sie scheinen. Auch werden manche Situationen exemplarisch für so viele Einzelschicksale sein.
Generell wird die Geschichte sehr dicht und atmosphärisch erzählt. Die Sprache ist der Zeit und den handelnden Personen angepasst. Die eher kurzen und nicht zu komplexen Satzkonstruktionen erlauben eine gute Lesbarkeit und sorgen auch für gewisses Tempo. Nichts wird beschönigt und so wird der Leser auch mit Brutalität im Krieg und im Rundherum konfrontiert.
Etwas kompliziert war es für mich, da ich wenig Ahnung vom militärischen Hintergrund hatte. Grundsätzlich war dies allerdings nicht hinderlich für den Lesefluss und man lernt dadurch ja auch. Auch die Zahl an Personen, vor allem Militärs und Befehlshabern, ist doch groß und sorgte ab und an für Verwirrung bei mir. Eine Orientierungshilfe bietet hier die Liste an historischen Personen im Anhang.
Das Buch ist definitiv zu empfehlen, wenn man einen historischen Roman dieser Zeit sucht, der nichts geschönt, sondern realistisch darstellt. Spannend ist er auch, weil es erst der Auftakt einer Serie ist.
Roman? Psychologischer Thriller?
The Exes von Leodora Darlington
Natalie hat einen sehnlichen Wunsch – sie wünscht sich eine perfekte Familie. Doch irgendwie läuft immer etwas schief und sie landen auf der Liste ihrer Exmänner. Mit James soll nun alles anders werden – doch eine Entdeckung bedroht die Beziehung. James entdeckt, dass die Exfreunde von Natalie nicht einfach so aus ihrem Leben verschwunden sind.
Sie haben Natalie nicht nur hintergangen und verletzt und sind daher verschwunden – sie sind alle drei tot. Natalie war außerdem immer in der Nähe. Nun wird es gefährlich, denn James weiß zu viel.
Dieses Werk ist ein Thriller, ja Psychothriller über Beziehungen und ihre Abgründe – aber er enthält auch viele Elemente einer klassischen Charakterstudie. Es streift so viele Themen um Familiendynamiken, Selbstwertgefühl und Selbstreflexion, Machtverhältnisse und der Suche nach Liebe. Auch stellt sich die Frage wie sehr ein unterschiedlicher ethnischer Background und sozioökonomischer Hintergrund eine Beziehung beeinflusst.
Der Roman ist gekennzeichnet durch Erzählungen aus der Ich-Perspektive in kurzen Kapiteln und häufige Rückblicke – in die Zeiten ihrer Kindheit und ihre vorherigen Beziehungen. Eingeleitet ganz pragmatisch mit Kapitelüberschriften – damals und jetzt. Briefe an die Exfreunde lockern die Erzählstruktur auf. Der Einstieg ins Buch ist doch eher gemütlich – ein ausloten. Man denkt, man erhält einen ersten Einblick in Natalies Psyche und nimmt das Gedachte Großteiles als Tatsache hin. Je weiter die Geschichte erzählt wird, desto mehr zweifelt man an den Aussagen von Natalie bzw. an Natalies eigener Wahrnehmung. Durch neue Entdeckungen und Andeutungen, Rückblenden erhöht sich die psychologische Spannung. Kann man der Protagonistin trauen?
Ein Psychologischer Thriller, der große Elemente einer Charakterstudie miteinschließt. Vor allem die Themen toxische Beziehungen und Rachegelüste aber auch familiäre Prägung.
Historischer und philosophischer als erwartet
Eine vergessene Schuld von Arne Jensen
Auf einen pensionierten Verfassungsrichter Rudolf Heppner wird ein Anschlag in einem Fernsehstudio verübt. Durch seine Äußerungen zur Militärjustiz speziell zum Umgang mit Deserteuren und den doch spannend inszenierten Tatort, scheint etwas unklar in welcher politischen Seite der Angreifer zu verorten ist, und ob dies nicht als Angriff auf den Staat als solches zu verstehen ist.
Daher wird eine junge Kriminalpsychologin Jasina Behrens zu den Ermittlungen hinzugezogen. Doch je mehr diese über Heppners Äußerungen erfährt, desto mehr ist sie mit ihrer eigenen Familiengeschichte – der Flucht aus Syrien in jungen Jahren und dem Zurücklassen ihres Bruders – konfrontiert. Auch zeigt sich, dass Heppner eine Last aus der Vergangenheit mitträgt, und diese auch in der NS-Zeit zu verorten ist.
Ein Roman, der sich zu Beginn anders präsentiert, als er schließlich weiter geht. Erwartet man beim Lesen der ersten Kapitel, einen Kriminalroman, der vielleicht Bezüge zur Vergangenheit angreift, wird die kriminalistische Arbeit im Laufe der Zeit immer mehr zum Nebenschauplatz, der einfach einen Rahmen für die Geschichte darstellt. Sukzessive rückt zuerst der Handlungsstrang, der zu Zeiten des zweiten Weltkrieges spielt und später auch ein Handlungsstrang um den jungen Rudolf Heppner in den späten 1960er Jahren in den Mittelpunkt. Und schließlich landet man bei der Einordnung des Themas und einer eher philosophischen Betrachtung des Thema Schuldes und wie sehr dies Generationen beeinflussen kann.
Wie schon angedeutet wird die Geschichte auf mehreren Zeitebenen vorangetrieben, aus dem Blickwinkel verschiedenster Personen – etwas das sehr gut funktioniert und auch nachvollziehbar bleibt. Die historischen Passagen waren dabei mein Highlight und dürften meiner Ansicht nach sehr gut recherchiert sein. So wird trotz fiktiver Elemente eine authentische Stimmung transportiert und entsprechend handelnde Personen erscheinen glaubwürdig.
In der Gegenwart erscheint mir so manches Ereignis nicht so realistisch, wie die Tatsache, dass Jasina trotz allem offiziell weiter ermitteln darf und – ohne zu spoilern, daher etwas kryptisch – wie es zum krönenden Abschluss einer langen Suche kommt. Die Passagen des Schlagabtausches zwischen Rudolf Heppner und der Psychologin Jasina Behrens gestalten sich bis Weilen etwas langatmig, allerdings ist es in der Realität auch oft nicht einfach, den Problemen auf den Grund zu gehen.
Ein Buch, das zum weiteren Nachdenken anregt, aber definitiv keine leichtfüßige Lektüre für zwischendurch. Speziell die historischen Kapitel, kann ich wärmstens empfehlen.
Entschleunigung und Reflexion in der Gegenwart von Büchern
Yu-jins Bücherküche der großen Träume von Jee-Hye Kim
Yu-jin gründet im kleinen ländlichen Ort Soyangri eine Pension mit angeschlossenem Büchercafe. In ruhiger und schöner Landschaft bietet die „Bücherküche“ die Möglichkeit sich dem Lesen und Schreiben zu widmen, allein oder bei Events. Gemeinsam mit zwei Mitarbeiteten schafft Yu-jin eine ruhige Atmosphäre und einen Rückzugsort für verschiedene Menschen.
So erliegt eine Sängerin, eine erfolgreiche Anwältin, der Nachfolger einer durch seinen Vater betriebenen Firma, ein Auslandskoreaner und eine Freundesgruppe dem Charme des Ortes. So unterschiedlich all diese Personen sein mögen, so sehr ähneln sie sich im Grundgedanken, sie sind unzufrieden oder unsicher in ihrer derzeitigen Lebenssituation. Etwas plagt sie.
In einer ruhigen und sehr auf Details bedachten Schreibweise taucht man in die Bücherküche ein. Der Alltag und die Natur werden detailliert beschrieben man wird sanft durch die Geschichte getragen. In jedem Kapitel lernt man einen neuen Charakter kennen, seine Geschichte und Ängste. Durch die Atmosphäre des Ortes oder im Gespräch mit den Mitarbeitern der Bücherküche kommt es zur Reflexion. Gedanken werden angestoßen, nicht nur beim Charakter, sondern auch beim Leser.
Etwa störend bzw. einfach ungewohnt sind die Namen der Personen, die sehr ähnlich klingen, speziell wenn man mit dem Koreanischen nicht vertraut ist. Ein Personenregister wäre hier sicher eine Bereicherung.
Für mich ein Buch, das entschleunigt. Man darf sich keine weit getriebene Handlung erwarten, man bekommt passend zum Tempo des Buches Momente der Reflexion und des Nachdenkens präsentiert. Ich kann sehr gut verstehen warum das Buch in Korea, einem Land mit viel Leistungsdruck und gesellschaftlichen Erwartungen ein großer Erfolg ist.
Für mich ideal um kurz aus dem Alltag auszusteigen und innezuhalten.
Weihnachtsgeschichten mit schwarzem Humor
Arsen und Butterplätzchen von Christine Rechl
Eine Sammlung von 17 Kurzgeschichten, die in der Winter- bzw. Weihnachtszeit spielen. Doch dem nicht genug, beschäftigen sie sich, wie der Titel schon vermuten lässt mit Tod, Mord und/oder schwarzem Humor.
Jede Geschichte wurde von einem anderen Autor verfasst und greift das grobe Thema auch etwas anders auf.
Natürlich ist damit auch der Erzählstil etwas anders. Man findet bekannte Namen unter den Autoren und bekommt bei unbekannten wirklich oft auch Lust sich deren andere Werke anzusehen.
Generell wird geschickt mit den oft sehr hohen Erwartungen um Weihnachten gespielt, aber schon einen Absatz weiter ist alles gleich vollkommen anders als gedacht. Ich staune ob der Talente auch in wenigen Seiten einer Kurzgeschichte so geschickt eine wandelbare Geschichte zu transportieren.
Auch die Gestaltung des kleinen Büchleins darf nicht unerwähnt bleiben, greift doch auch die weihnachtliche Einleitung der Kapitel das Thema Mord kunstvoll auf.
Definitiv empfehlenswert, wenn man nicht die klassischen Weihnachtsromane möchte und vielleicht auch etwas sucht, dass man auch leicht zwischendurch lesen kann. Vielleicht darf man sich noch auf eine Variante zu einer anderen Jahreszeit freuen.
alles neu bei Jo Nesbo- neuer Ort, neuer Ermittler
Minnesota von Jo Nesbø
Eine Geschichte, die in mehreren Ebenen erzählte, wird: 2022 folgt Holger Rudi den Spuren eines Verbrechens aus dem Jahr 2016, über das er schreiben möchte. Für dieses True-Crime-Buch ist er auf Recherchereise in Minneapolis und an den jeweiligen Schauoplätzen.
Im Jahr 2016 ist Ermittler Bob Oz, recht eigenwillige und psychisch angeschlagen, verantwortlich für einen Fall um einen illegalen Waffenhändler Marco Dante.
Jener wurde angeschossen, lebt allerdings noch. Das Besondere – der Schuss dürfte mit einem Scharfschützengewehr abgegeben worden sein und es besteht die Möglichkeit, dass dahinter vielleicht ein legendärer Auftragskiller steht. Auf der Jagd nach dem Mörder, ist dieser immer einen Schritt voraus. Außerdem kämpft Oz mit sich selbst und seinem Schicksal – eine tote Tochter, eine Ehefrau, die ihn verlässt und Freunde, die sich zurückziehen.
Beide Erzählebenen sind von Beginn an verwoben – die Orientierung war für mich leicht, auch da die Orientierung anhand der Kapitelüberschriften einfach war. Jedoch gewinnt das Buch vor allem ab dem Moment, als man die Person Oz besser kennen lernt: Ab und zu wird noch in Rückblicken auf Bob Oz Schicksal eingegangen, so dass man den Ermittler immer mehr versteht. Es rollt sich also alles parallel auf – die Suche nach dem Täter und die Tatsache, dass Oz mit all dem bisherigen und jetzt erlebten, zurechtkommen muss.
Der Typus des Ermittlers ist dem der Vorgängerbücher Jo Nesbos ähnlich – ein Antiheld, wie auch schon bei Harry Hole. Beide kennzeichnet ein klarer Moralkodex, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn und beide sind traumatisiert. Er wird von Schuld und Verdrängung geprägt, tendiert dazu als Einzelkämpfer zu arbeiten und ist ein ausgezeichneter Ermittler.
Im Gegensatz zu bisherigen Werken des Autors, verlässt dieses Buch auch die Nordeuropäische Region und spielt eben in Minnesota, USA. Entsprechend werden auch Besonderheiten amerikanischer Großstädte aufgegriffen wie liberaleres Waffenrecht, Bandenkriminalität aber auch aktuelle Bezüge zu Trump, George Floyed und Covid werden geschickt eingewoben.
Nach allen Perspektivenwechseln laufen die Erzählungsstränge zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammen, zu einem Plot mit Tiefgang und Aktualität. Eine Empfehlung wenn man einen Krimi mit ebensolchem Tiefgang sucht.
spannend, lehrreich- so lernt man Geschichte gerne kennen
Kommissar Gennat und der Raubmord am Ku'damm von Regina Stürickow
Nahe des Berliner Kurfürstendamms wird im Januar 1936 ein Geldbote im Zuge eines Überfalls tödlich verletzt Lissy Kaminski, Frau von Reporter Max Kaminski, findet ihn gemeinsam mit Angestellten der Nahen Geschäfte. Das Team um Kommissar Gennat übernimmt die Ermittlungen, auch wenn diese sich auf Grund des Zeitgeistes schon etwas anders als früher gestalten.
Der Druck für erfolgreiche und rasche Ermittlungen ist hoch, möchte doch die neue Regierung der NSDAP ein makelloses Deutschland nach außen hin präsentieren, speziell da die Eröffnung der Winterolympiade bevorsteht.
Ein definitiv spannendes Werk, verknüpft es doch Tatsachen wie die Grundzüge des Falles und so mancher Personen mit fiktiven Charakteren wie dem Reporter Kaminski. So war Ernst Gennat, umgangssprachlich auf Grund der Körperfülle auch „Buddha“ oder „der Volle Ernst“ genannt, eine reale und vor allem wichtige Person in der Kriminalistik und in Berlin im Speziellen. War er doch maßgeblich dafür verantwortlich, dass Ermittlungen strukturierter abliefen und mehr systematisch dokumentiert wurde. So sollen das legendäre Mordauto – ein mobiles Büro für die Spurensicherung- und eine Verbrecherkartei auf seine Ideen zurückgehen.
Auch der Raubmord und den entsprechenden Täter hat es so auch gegeben und die Befragungen wurden nach originalen Protokollen nacherzählt. Die gesamte Ermittlungsarbeit wurde im Buch wirklich detailliert übernommen und macht das miträtseln zum Vergnügen.
Ebenso gelungen sind die allgemeinen Einblicke in das Berlin der Zeits, bzw. den Zeitgeist allgemein. Vieles davon wird durch die Erlebnisse der fiktiven Charaktere Max und Lissy Kaminsky und Georg Hawliczek transportiert. Erstere auf Grund ihrer Jüdischen Herkunft nicht mehr in ihren Berufen aktiv und in der Überlegung Berlin auf Grund des Antisemitismus zu verlassen. Letzterer als ausländischer Reporter mit Blick von außen auf das „Neue Deutschland“. Die Stimmung wird gut – und auch bedrückend transportiert. Ebenso die Tatsache, dass nicht alle zufrieden mit der neuen Situation waren.
Auch wenn dieses Werk, ein Band einer ganzen Reihe um die Person Kommissar Gennat ist, lässt es sich wunderbar eigenständig lesen. Ich bin froh die Reihe entdeckt zu haben, und werde in absehbarer Zeit auch die Vorgängerbände lesen.











