Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Alo:
Fast vergessenes Trauma
Am Meer ist es schön von Barbara Leciejewski
„Wir haben unsere Narben davongetragen, und die bleiben uns bis ans Ende unseres Lebens. Ich will Gerechtigkeit. Ich will, dass man davon weiß.“ (S.309/310)
In „Am Meer ist es schön“ begleiten wir Susanne, deren Mutter im Sterben liegt. Dieses Ereignis reißt alte Wunden auf. Als Kind wurde Susanne aufgrund ihres geringen Gewichts ohne ihre Eltern in ein Kurheim geschickt.
Was sie dort erleben musste, verfolgt sie bis heute und auch ihre Mutter trägt die Schuld noch in sich.
Die Geschichte springt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, was grundsätzlich gut funktioniert, aber teilweise den Lesefluss hemmt, vor allem die Gegenwartskapitel wirken mitunter etwas zäh, die Rückblicke sind teils eindringlich, teils auch etwas schleppend. Dadurch hat auch die emotionale Tiefe gelitten. Trotz der dramatischen Erfahrungen hat mich das Buch nicht so berührt, wie es dieses wichtige Thema eigentlich sollte.
Besonders erschütternd ist die Schilderung der Zustände in den sogenannten "Verschickungsheimen", ein Thema, das fast vergessen scheint und das das Buch trotz mancher Schwächen lesenswert macht. Der Stil ist typisch Leciejewski: etwas kitschig, aber noch im Rahmen. Insgesamt liest sich der Roman zügig, die Umsetzung bleibt jedoch hinter dem wichtigen Thema zurück.
Starke Welt, schwache Story
Faebound von Saara El-Arifi
„Faebound“ von Saara El-Arifi hat mich mit gemischten Gefühlen zurückgelassen.
Der Start in das Buch war toll. Die Welt, die die Autorin beschreibt, ist sehr detailliert, und man kann sich alles gut vorstellen. Ich mag die Mystik, die mit der Handlung und der Welt verwoben ist. Außerdem ist das Buch sehr offen, was das Thema Liebe, Beziehungen und Geschlechter angeht.
Es ist schön zu sehen, dass queere Figuren ganz selbstverständlich dazugehören.
Leider gibt es aber auch viele Dinge, die mich gestört haben. Die Romance nimmt einen großen Teil des Buches ein, was im Prinzip okay ist – es ist ja Romantasy. Allerdings wirkte sie auf mich unauthentisch, ich habe es den Figuren nicht abgenommen, und es ging viel zu schnell. Die Emotionen der Figuren fühlen sich insgesamt unecht an, als würden sie gesagt, aber nicht gezeigt. Auch die Charaktere selbst entwickeln sich kaum weiter. Besonders die Nebenfiguren bleiben blass und handeln stereotyp.
Zudem wird alles so ausführlich beschrieben, dass man schnell merkt, wohin die Geschichte geht. Es gibt keine Überraschungen, keine echte Spannung. Oft hatte ich das Gefühl, viel früher als die Figuren selbst zu verstehen, was wirklich passiert. Wenn die Charaktere es dann endlich auch merken, ist man eher erleichtert als überrascht. Zudem gibt es viele Dinge in der Handlung, die keinen Sinn ergeben, wenn man genauer darüber nachdenkt.
Insgesamt hat „Faebound“ gute Ansätze, besonders in der Darstellung der queeren Themen und der Welt. Aber die Geschichte selbst, die Figuren und die Art, wie alles erzählt wird, haben mich leider enttäuscht. Ich weiß nicht, ob ich den zweiten Teil noch lesen möchte.
2,5/5 Sterne
Perlen der Erinnerung
Perlen von Siân Hughes
„Perlen“ von Siân Hughes hat mich ab der ersten Seite in seinen Bann gezogen und emotional überwältigt. Ein wunderschönes Buch, aus dem ich viel mitnehmen konnte und das ich mit Sicherheit noch öfter lesen werde.
Der Roman erzählt die Geschichte von Marianne. Als sie acht Jahre alt ist, verschwindet ihre Mutter plötzlich und kommt nie zurück.
Dieses Ereignis verändert Mariannes Leben für immer. Sie bleibt mit ihrem Vater Edward und ihrem kleinen Bruder Joe zurück. Von diesem Moment an begleiten sie Trauer, Verwirrung, Schuldgefühle und viele unbeantwortete Fragen.
Das Buch ist wie ein Tagebuch in der Ich-Form geschrieben. Besonders eindrucksvoll ist, wie die Autorin schwierige Themen beschreibt. Es geht um Verlust und Trauer, aber bspw. auch um psychische Probleme und selbstverletzendes Verhalten. Obwohl diese Themen sehr schwer sind, werden sie in einer stillen Art erzählt. Gerade das macht sie umso berührender und erschütternder. Es wären Inhaltswarnungen angebracht, leider hat der Verlag keine abgedruckt.
Die Sprache des Buches ist sehr poetisch und feinfühlig. Viele Sätze sind so schön, dass man sie sich aufschreiben möchte. Trotzdem ist es kein leichtes Buch, weil man Marianne durch viele schwere Zeiten begleitet. Doch am Ende hinterlässt das Buch ein warmes und hoffnungsvolles Gefühl.
Perlen ist eine besondere Geschichte über Trauer, Erinnerung und das Erwachsenwerden. Siân Hughes schafft es, diese Themen mit großer Einfühlsamkeit zu erzählen.
Unterhaltsam und überraschend tiefgründig
Only Margo von Rufi Thorpe
„Only Margo“ war für mich eine echte Überraschung. Der Roman ist nicht nur unterhaltsam und humorvoll, sondern auch klug erzählt und erstaunlich tiefgründig.
Im Mittelpunkt steht Margo, 19 Jahre alt, als sie von ihrem verheirateten Professor schwanger wird. Er lehnt jede Verantwortung ab, doch Margo entscheidet sich, das Kind zu bekommen.
Ohne Unterstützung und mit großen finanziellen Sorgen sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich bei OnlyFans anzumelden. Eine Entscheidung, die ihr Umfeld nicht nur gut aufnimmt.
Margo ist eine starke und glaubwürdige Protagonistin. Sie entwickelt sich im Laufe der Geschichte enorm weiter, lernt, für sich und ihr Kind einzustehen, und wächst über sich hinaus. Besonders berührt hat mich dabei die Beziehung zu ihrem Vater Jinx, einem liebenswerten Ex-Wrestler. Er war für mich eine der stärksten Figuren im Buch – herzlich, schräg und voller Wärme.
Der Roman überzeugt nicht nur durch seine emotionale Tiefe, sondern auch durch seinen Witz. Immer wieder musste ich laut lachen, und je weiter ich las, desto schwerer fiel es mir, das Buch aus der Hand zu legen, weil ich einem Happy End entgegengefiebert habe.
Only Margo ist eine Geschichte über weibliche Selbstbestimmung, Sexarbeit und das Erwachsenwerden – unterhaltsam und bewegend. Ein Wohlfühlbuch.
Zwischen Liebe, Wut und Rache
Wut und Liebe von Martin Suter
„Ich liebe ihn, aber nicht das Leben mit ihm.“
„Wut und Liebe“ von Martin Suter taucht tief in die Abgründe des menschlichen Seins ein. Mit viel psychologischem Feingefühl, wie man es von Suter kennt, werden die Charaktere lebendig und glaubwürdig dargestellt. Es geht um verletzte Gefühle, Rache und zwischenmenschliche Spannungen, die sich nach und nach zu einem komplexen Beziehungsgeflecht verweben.
Im Mittelpunkt steht Noah, ein mittelloser Künstler, der von seiner Freundin verlassen wird. Sie liebt ihn zwar noch, aber sie erträgt das Leben mit ihm nicht mehr. Diese Entscheidung wirft ihn aus der Bahn, aber möglicherweise ist die Witwe, die er eines abends kennenlernt, eine Lösung für sein Problem. Diese möchte sich am Chef ihres verstorbenen Mannes rächen. Es folgen viele unerwartete Wendungen und Verstrickungen.
Zugegeben, der Einstieg fiel mir etwas schwer. Es dauerte, bis ich in die Geschichte fand. Doch dann entwickelte sich eine starke Sogwirkung und ich konnte das (Hör)buch kaum noch aus der Hand legen. Die Spannung bleibt bis zum Ende erhalten und dieses lässt einen auch nach dem Lesen nicht los.
Das Hörbuch ist genial eingesprochen, Gert Heidenreich ist die perfekte Besetzung!
Ein spannender, psychologisch gut erzählter Roman, der nachwirkt. 4/5 Sterne
Bewegend
Der Bright-Side-Running-Club von Josie Lloyd
Jeder zweite Mensch in Deutschland erhält im Laufe seines Lebens die Diagnose Krebs. Auch Keira, die Protagonistin in Josie Lloyds "Der Bright-Side-Running-Club", erfährt, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist.
Was auf den ersten Blick durch sein fröhlich wirkendes Cover eher unbeschwert daherkommt, entpuppt sich als tief berührende, stellenweise erschütternde, aber auch sehr hoffnungsvolle Geschichte.
Der Leser begleitet Kira vom ersten Schockmoment bis hin zur Akzeptanz der Krankheit – und durch all die Höhen und Tiefen, die dieser Weg mit sich bringt.
Ich habe dieses Buch unglaublich gerne gelesen. Als jemand, der selbst chronisch krank ist, konnte ich mich in vielen Momenten wiederfinden und war oft sehr berührt. Tatsächlich hat mich das Buch so sehr zum Nachdenken gebracht, dass ich nach dem Lesen in eine kleine persönliche Krankheitskrise gerutscht bin, weil es so viel in mir angestoßen hat. Aber genau das zeigt, wie kraftvoll diese Geschichte ist.
Trotz der ernsten Thematik ist es kein reines "Krankheitsbuch". Vielmehr erzählt es von Liebe, vom Mut, vom Starksein und vom Leben selbst. Es macht Hoffnung, gibt Kraft und zeigt, dass man, auch mit einer schweren Diagnose, weiterleben, weitermachen und weiterlieben darf.
Ein kleiner Kritikpunkt ist vielleicht die Länge: Mit über 500 Seiten wirkt es stellenweise ein wenig ausgedehnt. Doch dank des angenehm leichten, lockeren Schreibstils und einer sehr gelungenen Nebenhandlung bleibt es dennoch fesselnd.
Fazit: Leseempfehlung! Berührend, ehrlich, schmerzhaft – aber gleichzeitig inspirierend, lebensbejahend und voller Herz. Wer ein Buch sucht, das unter die Haut geht und trotzdem Hoffnung schenkt, wird hier fündig. 4,5/5 Sterne
Ella und Fisch gegen den Rest der Welt
Fischtage von Charlotte Brandi
„Mit dreizehn hat Mama mich noch jedes Mal festgehalten, mit fünfzehn hat sie versucht, mit mir darüber zu reden, mit fünfzehn hat sie mich aufgegeben.“ (S.11)
In „Fischtage“ erzählt Charlotte Brandis die Geschichte der 16-jährigen Ella, die in einer ziemlich kaputten Familie lebt. Ihre Eltern interessieren sich mehr für Partys und Drogen als für ihre Kinder.
Ihre große Schwester hält lieber Abstand, ihr kleiner Bruder Luis redet kaum noch und Ella hat ein Wutproblem. Als Luis plötzlich verschwindet, wartet Ella nicht auf Hilfe, sie macht sich selbst auf die Suche.
Der Schreibstil ist flapsig und locker, anfangs vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig. Aber wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, merkt man schnell: Der Ton passt perfekt. Es steckt viel Witz, aber auch Tiefe in der Sprache. Immer wieder tauchen starke Metaphern auf, die das Lesen zu einem Genuss machen.
Ella ist als Figur sehr echt und nahbar. Obwohl sie manchmal ausfallend ist, kann man gut mit ihr mitfühlen. Man versteht, warum sie sich so verhält – ihre Wut, ihre Verletzlichkeit, ihr Wunsch nach Nähe und gleichzeitig ihre Angst davor. Der sprechende Fisch war kurz gewöhnungsbedürftig, dann aber fast mein Lieblingscharakter.
Fischtage ist eine besondere Geschichte über das Suchen. Nicht nur nach einem verschwundenen Bruder, sondern auch nach sich selbst. Lustig, spannend, berührend und klug erzählt. Ein starkes Debüt. Leseempfehlung 4,5/5 Sterne
Nordische Mythologie trifft Feminismus
Die Skaland-Saga, Band 1 - A Fate Inked in Blood von Danielle L. Jensen
„At Fate Inked in Blood“ spielt in Skaland, dem früheren Norwegen. Im Mittelpunkt steht Freya, die als Schildmaid eine wichtige Rolle in einer alten Prophezeiung spielt: Sie soll einen König an die Macht bringen. Doch anstatt selbst entscheiden zu dürfen, wird sie von mächtigen Männern wie Besitz hin- und hergeschoben.
Das Buch ist ganz klar feministisch. Freya ist wütend, und das völlig zu Recht, auch wenn sie immer wieder zwischen sich und ihren Verpflichtungen hin- und hergerissen ist. Ihre Gefühle sind greifbar, und ich konnte mich sehr gut in sie hineinversetzen. Ihre Entwicklung war spannend mitzuverfolgen.
Die Spannung zwischen Freya und Bjorn war ein echtes Highlight. Besonders ihre Wortgefechte waren witzig und charmant, und er ist eine wandelnde Green Flag! Alle anderen Figuren sind einfach nur zum Schreien, aber das ist so gewollt.
Allerdings war das Buch an einigen Stellen repetitiv. Freya kommt immer wieder in die gleichen Situationen und wälzt die gleichen Gedanken – das hätte etwas kürzer sein können. Auch das Ende war sehr vorhersehbar. Das hat mich aber nicht gestört, weil es bis dahin unterhaltsam war.
Ich freue mich auf Teil 2! 4/5 Sterne
Zu viel gewollt, aber fesselnd
Schweben von Amira Ben Saoud
Amira Ben Saouds Debüt „Schweben“ spielt in einer düsteren Zukunft, in der der Klimawandel bereits Vergangenheit ist. Die Menschen leben isoliert in kleinen patriarchalen Siedlungen, ohne Kontakt zur Außenwelt. Fragen nach dem "Davor" oder "Draußen" sind unerwünscht, das System bestimmt den Alltag.
Die namenlose Protagonistin verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie die Rolle anderer Frauen annimmt, um beispielsweise eine Ehefrau zu ersetzen.
Der Roman liest sich schnell und entwickelt eine gewisse Sogwirkung – nicht zuletzt durch die einfache Sprache und die sich zunehmend verdüsternde Atmosphäre. Anfangs ist die Spannung hoch, es liest sich faszinierend und beklemmend zugleich. Doch je weiter die Handlung voranrückt, desto verworrener wird sie. Es gibt viele Themen und Fäden, aber nicht alle führen zu einem klaren Abschluss. Die Autorin verzichtet bewusst auf Erklärungen.
Allerdings bleibt auf den knapp 190 Seiten nicht genug Raum, um allen Ideen gerecht zu werden, das Ende kommt zu abrupt. Am Schluss hatte ich nicht das Gefühl, das Gesamtbild wirklich greifen zu können. Dennoch bleibt Schweben ein atmosphärisch starker Roman, der in seinen besten Momenten fesselt, auch wenn er am Ende nicht alle Erwartungen erfüllt hat und mich etwas ratlos zurücklässt. 2,5/5 Sterne
Aufrüttelnde Gesellschaftskritik
Halbe Leben von Susanne Gregor
Susanne Gregor erzählt in ihrem Roman „Halbe Leben“ eine spannende und tiefgründige Geschichte. Auf wenigen Seiten behandelt sie ein wichtiges Thema: Ungleichheit und Abhängigkeit in der häuslichen Pflege.
Gleich zu Beginn erfährt man vom plötzlichen Tod von Klara. Sie ist eine erfolgreiche Architektin, Mutter und Ehefrau.
Doch als ihre eigene Mutter nach einem Schlaganfall Pflege braucht, holt sie Paulína aus der Slowakei als 24h Pflege in ihr Haus. Zunächst scheint alles gut zu funktionieren, doch wird das so bleiben?
Gregor schreibt klar und eindringlich. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind toll ausgearbeitet. Besonders die Frauenfiguren sind vielschichtig, inklusive der zu pflegenden Mutter. Der Roman wirft wichtige Fragen auf: Wer kümmert sich um unsere Angehörigen? Und welche Auswirkungen hat die Pflegearbeit auf die Pflegenden und deren Familien?
Das Buch macht nachdenklich. Es zeigt, wie schwierig und ungerecht die Situation oft ist. Ein wichtiges Thema, über das viel zu wenig gesprochen wird und das mich noch lange beschäftigen wird. Absolut lesenswert! 4,5/5 Sterne











