Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Alo:
Gutes Buch mit teilweise fragwürdigem Frauenbild
Lázár von Nelio Biedermann
„Lázár“ ist ein spannender und atmosphärisch dichter Roman, der vor allem durch seine Sprache und die psychologische Tiefe überzeugt. Die Geschichte zieht einen schnell hinein, sie ist geheimnisvoll, düster und gleichzeitig fein beobachtet. Der Autor hat ein gutes Gespür für Stimmungen und dafür, wie widersprüchlich Menschen sein können.
Trotz all dieser Stärken hat mich beim Lesen etwas gestört: das Frauenbild in dem Buch. Manche Szenen wirken überholt oder einfach unreflektiert. Besonders schwierig fand ich, dass ein Mann fälschlicherweise einer Vergewaltigung beschuldigt wird. So etwas ist ein heikles Thema, das hier ohne wirkliche Notwendigkeit eingebaut wurde und leicht falsche Vorstellungen bestärken kann. Für die Handlung wäre das gar nicht nötig gewesen.
Vielleicht liegt das daran, dass der Autor noch sehr jung ist und manche Dinge unbewusst übernimmt. Dabei merkt man eigentlich, wie klug und sprachlich stark er ist. „Lázár“ zeigt viel Talent und Tiefe, aber auch, dass zu einem wirklich reifen Roman mehr gehört als eine gute Sprache, nämlich auch Verantwortung für das, was man erzählt. 3,5/5 Sterne
Stimmen nach der Stille
Da, wo ich dich sehen kann von Jasmin Schreiber
Jasmin Schreiber widmet sich in ihrem neuen Roman „Da, wo ich dich sehen kann“ einem Thema von bedrückender Aktualität: dem Femizid. Statt eine vermeintliche „Beziehungstat“ oder „Familientragödie“ zu erzählen, wie es in Medienberichten oft verharmlosend heißt, benennt sie das Verbrechen klar – als das, was es ist: die Ermordung einer Frau, weil sie eine Frau ist.
Im Zentrum steht Emma, die von ihrem Mann getötet wird. Doch Schreiber wählt keinen klassischen Erzählansatz. Stattdessen entfaltet sie die Geschichte aus sehr vielen Perspektiven. Diese multiperspektivische Struktur macht das Buch zu einem Mosaik aus Stimmen: die kleine Tochter, die beste Freundin, Eltern, das Opfer, sogar der Hund erhält eine eigene Stimme. Jede dieser Perspektiven beleuchtet einen anderen Aspekt des Geschehens, der Trauer und der Schuld.
Diese Vielfalt ist zugleich Stärke und Schwäche des Romans. Auf der einen Seite ermöglicht sie einen beeindruckend vielschichtigen Blick auf das Geschehen: Wir erleben, wie unterschiedlich die Menschen mit Emmas Tod umgehen, wie sie Schuldgefühle entwickeln oder versuchen, das Unbegreifliche zu rationalisieren. Auf der anderen Seite ist der Roman stellenweise überfrachtet, es sind zu viele Abzweigungen, die der emotionalen Wucht manchmal im Weg stehen. Statt zerstörerischer Trauer bleibt beim Lesen gelegentlich eine gewisse Distanz.
Besonders gelungen ist Schreibers Einsatz unterschiedlicher Textformen. Zwischen die Erzählstimmen mischen sich fiktive Zeitungsartikel, Notrufprotokolle und andere Dokumente, die nicht nur Authentizität erzeugen, sondern auch zeigen, wie Femizide medial verzerrt oder verharmlost dargestellt werden. Dadurch entsteht ein vielschichtiges literarisches Dossier über Gewalt gegen Frauen und über die Nachwirkungen solcher Taten.
Wie schon in früheren Werken verknüpft Schreiber auch hier ihre biologische und naturwissenschaftliche Perspektive mit der Erzählung. Diesmal spielt die Astrophysik eine zentrale Rolle. Nicht immer wirkt diese Verbindung ganz stimmig, manchmal etwas überladen, doch häufig gelingt Schreiber eine poetische Balance zwischen wissenschaftlicher Metapher und emotionaler Tiefe.
Trotz kleiner Schwächen bleibt „Da, wo ich dich sehen kann“ ein starkes, mutiges Buch, das literarisch und gesellschaftlich Relevantes leistet. Es bricht das Schweigen über Femizide, ohne voyeuristisch zu werden, und zeigt, wie vielschichtig das Leid der Zurückgebliebenen ist.
Fazit:
Ein vielstimmiger, bewegender Roman über Gewalt, Trauer und Erinnerung. Stellenweise überfrachtet, aber von großer erzählerischer und moralischer Kraft.
Leseempfehlung: Ja, unbedingt.
Magisch, atmosphärisch und tief berührend
Grand Hotel Avalon von Maggie Stiefvater
Drei Dinge habe ich an Grand Hotel Avalon von Maggie Stiefvater ganz besonders geliebt, sie machen dieses Buch für mich zu einem echten Highlight.
Maggie Stiefvater schreibt unglaublich stimmungsvoll. Ihre Sprache ist poetisch, detailreich und gleichzeitig so lebendig, dass man das alte, ehrwürdige und leicht geheimnisvolle Hotel beim Lesen fast spüren kann.
Ich war sofort verzaubert und wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen.
Die Direktorin des Hotels, von allen nur „Hoss“ genannt, ist eine Figur, die einem schnell ans Herz wächst. Sie lebt für ihren Beruf und ist gleichzeitig warmherzig, eigenwillig und faszinierend. Je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr erkennt man, wie viel Tiefe und Stärke in ihr steckt. Ich habe sie von der ersten Seite an geliebt – und am Ende noch viel mehr.
Und zu guter Letzt: dieses Buch ist magisch und zwar auf ganz unterschiedliche Weise. Zum einen steckt darin viel Alltagsmagie: das Gute im Menschen, das kleine Wunder im Gewöhnlichen. Zum anderen gibt es auch echte, greifbare Magie. In dem Hotel befindet sich eine besondere Heilquelle, deren Wasser eine geheimnisvolle Wirkung hat. Diese Mischung aus Realität und magischem Realismus verleiht der Geschichte eine fast träumerische Stimmung. Selbst wer sonst keine Fantasy liest, könnte hier auf seine Kosten kommen.
Mehr als Biologie: feministisches Sachbuch für Mädchen
Vulva! von Nadine Beck; Rosa Schilling
Das Sachbuch "Vulva! Wissen unter der Gürtellinie" von Nadine Beck und Rosa Schilling, mit Illustrationen von Sandra Bayer, richtet sich vor allem an jugendliche Mädchen.
Das Buch erklärt viele Themen rund um die Vulva und die Pubertät. Es macht klar, dass es ganz normal ist, neugierig zu sein und Fragen zu haben, die man sich vielleicht nicht zu stellen traut.
Die Autorinnen schreiben offen und einfach. So wirkt das Buch nicht peinlich oder belehrend.
Besonders gut ist, dass nicht nur biologische Fakten erklärt werden, sondern auch Gefühle, Unsicherheiten und gesellschaftliche Erwartungen. Es geht darum, den eigenen Körper besser kennenzulernen, sich zu akzeptieren und sich selbst ernst zu nehmen, ein sehr feministisches Buch! Die Illustrationen lockern den Text auf und machen viele Inhalte anschaulich. Selbst erwachsene Leserinnen nehmen da noch einiges mit.
Meine Tochter, 11 Jahre, meint:
Ich finde das Buch sehr interessant mit vielen Einblicken in die Gesundheit und Krankheiten der Vulva. Es ist gut und witzig illustriert mit vielen Tipps für Pflege der Vulva und Erklärungen, wie es unter der Gürtellinie so abgeht.
Außerdem wird beschrieben was Gynäkologen und Gynäkologinnen machen und was in der gynäkologischen Praxis so gemacht wird, das fand ich sehr spannend und ich denke, ich werde nun weniger Angst vor meinem ersten Arztbesuch haben.
Unglaublich berührend und klug erzählt
Treppe aus Papier von Henrik Szántó
Ich habe gerade "Treppe aus Papier" beendet und selten hat mich ein Buch so sehr aufgewühlt und gleichzeitig bereichert. Schon der erste Satz hat mich sofort gepackt, und mit jeder weiteren Seite wurde ich tiefer in die Geschichte hineingezogen. Am Ende fühlte ich mich emotional völlig ausgelaugt, aber auf die beste Art und Weise.
Das Besondere: Erzählt wird die Geschichte von einem Haus. Dieses Haus ist die Stimme des Romans, es erinnert sich an all die Menschen, die in ihm gelebt, geliebt und gelitten haben. Aus dieser ungewöhnlichen Perspektive entfaltet sich ein Bogen von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart. Dadurch wird Geschichte greifbar, persönlich und unmittelbar, statt bloß eine Wiederholung bekannter Fakten zu sein.
Doch Szántó geht weit über das bloße Nacherzählen hinaus. "Treppe aus Papier" ist ein Buch über Schuld und Aufarbeitung, über die Frage, was Verantwortung in der eigenen Familie bedeutet, und darüber, wie Vergangenheit bis heute in unser Leben hineinwirkt. Es geht ebenso um Widerstand, ein Thema, das aktueller ist denn je.
Mich hat besonders beeindruckt, wie klug und zugleich eindringlich das alles erzählt ist. Als jemand, der sich beruflich intensiv mit Geschichte beschäftigt, dachte ich, schon vieles zu wissen. Und doch habe ich hier noch einmal ganz neue Perspektiven gewonnen und zahlreiche Stellen angestrichen, die mich sprachlos gemacht haben.
Neben der inhaltlichen Tiefe besticht das Buch auch durch seine Sprache: Henrik Szántó schreibt klar, poetisch und so mitreißend, dass man kaum aufhören kann zu lesen. Trotz der Schwere des Themas macht es Freude, in diesen Text einzutauchen, weil er sprachlich so kunstvoll gestaltet ist.
Am Ende bleibt ein starkes Gefühl: Dieses Buch hallt nach, zwingt zum Nachdenken und berührt zugleich das Herz. Für mich eine unbedingte Leseempfehlung.
Feministischer Familienroman
Das Flüstern der Marsch von Katja Keweritsch
In „Das Flüstern der Marsch“ von Katja Keweritsch geht es um Mona, die zum Geburtstag ihres Großvaters in die Marsch reist. Doch dort erwartet sie eine überraschende Nachricht: Ihre Großmutter Annemie ist verschwunden. Nach und nach entfaltet sich ein geheimnisvolles Familiendrama, das weit in die Vergangenheit reicht und bei dem lange verborgene Wahrheiten ans Licht kommen.
Katja Keweritsch erzählt die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven von Frauen und über mehrere Zeitebenen hinweg. Anfangs wirkt das wie viele kleine Teile, die noch nicht zueinander passen. Doch am Ende fügen sie sich zu einem stimmigen Gesamtbild. Durch diese Erzählweise war ich das ganze Bücher über gefesselt und habe mich gefreut, wenn sich wieder ein Stückchen zusammengefügt hat. Sehr eindrücklich ist zudem die Beschreibung der Marschlandschaft. Sie schafft eine besondere Atmosphäre.
Das Buch ist zudem stark von feministischen Themen geprägt. Beim Lesen spürt man oft Wut darüber, wie mit den Frauen in der Geschichte umgegangen wird. Umso befriedigender ist es, ihre Entwicklung mitzuerleben und zu sehen, wie sie sich behaupten.
Ein spannender, vielschichtiger Roman, der Familiengeheimnisse, Landschaftsbeschreibungen und gesellschaftliche Themen gekonnt miteinander verbindet. 4,5/5 Sterne
Bittersüß und pointiert: Maya Rosas Blick auf Russland
Moscow Mule von Maya Rosa
„Nichts machte uns zynischer als genau diese Weisheit, nämlich, dass man nur ein Leben hat und dass es nicht schlecht wäre, es woanders zu verbringen, wo man immer noch die Möglichkeit hätte, sich an eine vertraute Birke anzulehnen, ohne zwischendurch im Kerker zu landen. Bürgerrechte zu haben.
Sich bei keinen Behörden anzubiedern und nirgendwo Schmiergeld zu zahlen.“ (Moscow Mule, S. 22)
Karina ist Studentin und wohnt in Moskau, die wünscht sich nichts sehnlicher als mit ihrer Freundin Tonya auszuwandern. Allerdings scheitert dieses Vorhaben an ihren finanziellen Möglichkeiten und an den politischen Gegebenheiten.
Die Themen in diesem Buch sind vielfältig. Es geht um beispielweise Freundschaft, Familie und man bekommt einen Einblick in die russische Gesellschaft. Aber in aller erster Linie geht es hier um weibliche Selbstbestimmung.
Beim Lesen musste ich öfter schlucken, es ist bittersüß. Obwohl das im Russland von vor 20 Jahren spielt, ist es aktueller den je und die Situation hat sich vor Ort durch den Ukrainekrieg höchstens noch verschärft. Dieser Einblick war für mich total spannend und ich habe die zwei Protagonistinnen gerne begleitet.
Am besten hat mir aber der Schreibstil von Maya Rosa gefallen. Sie schreibt unglaublich pointiert und mit ganz viel Wortwitz. Ich hoffe, wird dürfen noch ganz viel von ihr lesen. Empfehlung!
Yagisawa enttäuscht nie
Die Tage im Café Torunka von Satoshi Yagisawa
Nachdem ich bereits die anderen Werke von Satoshi Yagisawa gelesen und sehr geschätzt habe, war für mich klar: Auch sein neues Buch möchte ich unbedingt lesen und ich wurde nicht enttäuscht.
Die Tage im Café Torunka ist ein stilles, warmes Buch, das genau das richtige ist, wenn man nach einer Geschichte zum Wohlfühlen sucht.
Es liest sich leicht und kurzweilig, entfaltet aber gleichzeitig eine wohltuende Tiefe, die zum Nachdenken anregt.
Das Buch ist in drei gleich lange Teile gegliedert, die jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt werden. Alle drei Geschichten spielen rund um das Café. Zuerst begegnen wir einem Studenten, der im Café aushilft. Danach lernen wir einen älteren Stammgast kennen, bevor im dritten Teil die Tochter des Cafébesitzers im Mittelpunkt steht. Allen gemeinsam ist, dass sie während ihrer Zeit im Café nicht nur viel über die Liebe lernen, sondern auch über Freundschaft, Selbstliebe und das Leben an sich.
Die Figuren sind liebevoll gezeichnet, glaubwürdig und auf Anhieb sympathisch. Man begleitet sie gerne auf ihrem Weg, teilt ihre kleinen Sorgen und Freuden und verlässt das Buch am Ende mit einem warmen Gefühl im Herzen.
Atmosphärisch stark
Schattengrünes Tal von Kristina Hauff
Kristina Hauff entführt ihre Leserinnen und Leser in ihrem dritten Buch „Schattengrünes Tal“ in den Schwarzwald. Schon der Schauplatz vermittelt eine bedrückende Atmosphäre, die von Beginn an spürbar ist.
Eine Fremde checkt in ein Hotel, das seine besten Jahre lange hinter sich hat, ein. Die Frau hat wahrscheinlich etwas Schlimmes erlebt, gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass sie ein Geheimnis verbirgt.
Hauff entwickelt daraus ein Kammerspiel, das von subtiler Spannung lebt. Nach und nach bröckelt die Fassade der Figuren, und die düstere Stimmung des Schwarzwalds verstärkt das Gefühl, dass ein großes Unglück bevorsteht.
Besonders stark gelingt der Autorin die Gestaltung der Atmosphäre: Die Spannung baut sich leise, fast unmerklich auf, bis man unweigerlich in den Bann gezogen wird. Das Ende fällt im Vergleich etwas ab, es wirkt hastig erzählt und kann mit dem sorgfältigen Aufbau nicht ganz mithalten. Dennoch schmälert dieser Punkt das Lesevergnügen nicht entscheidend.
Fazit: Schattengrünes Tal ist ein psychologisch dichtes, atmosphärisch starkes Buch, das Fans von subtiler Spannung und dunklen Stimmungen begeistern dürfte. Ich habe nun auch Lust die anderen Romane von Kristina Hauff kennenzulernen. 3,5/5 Sterne
Familiengeschichte
Wo die Moltebeeren leuchten von Ulrika Lagerlöf
Wo die Moltebeeren leuchten von Ulrika Lagerlöf ist der Auftakt einer dreiteiligen Reihe, die sich an Leserinnen und Leser richtet, die ruhige Familienromane mit starkem Naturbezug mögen.
Die Geschichte wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Zum einen begleiten wir die 17-jährige Siv, die in den schwedischen Wäldern als Köchin für Waldarbeiter arbeitet.
Anfangs widerwillig, entdeckt sie in der Abgeschiedenheit ein neues Gefühl von Freiheit. Zum anderen gibt es Eva, die in der Gegenwart lebt und als PR-Beraterin in einem Konflikt zwischen Umweltschützern und einem Flusskraftwerksbetrieb vermitteln muss. Für sie wird die Arbeit zugleich zu einer Reise in die eigene Vergangenheit.
Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie Ulrika Lagerlöf die Natur beschreibt. Die Wälder, die Gerüche und die Atmosphäre werden so lebendig, dass man sich mitten hineinversetzt fühlt. Gleichzeitig greift die Autorin wichtige gesellschaftliche Themen auf, etwa den Umgang mit den Samen oder Fragen des Klimaschutzes. Die Verbindung von Naturbildern, familiären Geschichten und gesellschaftlicher Relevanz macht den Roman besonders.
Auch wenn es sich um den ersten Teil einer Reihe handelt, bietet das Buch einen runden Abschluss, sodass man es unabhängig von den Fortsetzungen lesen kann.











