Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Macht das Nachkriegsdeutschland fühlbar
Tanzende Spiegel von Annette Byford
"Tanzende Spiegel" von Annette Byford ist eine autofiktionale Geschichte, die zum Teil auf dem Leben der Mutter der Autorin basiert. Diese war in den Nachkriegsjahren in Deutschland eine junge Frau, zu einer Zeit, als es einen großen Frauenüberschuss und damit bei weitem nicht für jede interessierte Frau einen passenden Heiratspartner gab: "Zwei von fünf Männern, die zwischen 1920 und 1925 geboren wurden, sind nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, fünf Millionen deutsche Soldaten sind gefallen, und achteinhalb Millionen befinden sich noch in Kriegsgefangenenlagern" (S.
18).
Doch erst einmal ist sie eine lebenshungrige, intelligente und gebildete junge Frau, die als Diplom-Volkswirtschaftlerin in einem Büro arbeitet und dort Wirtschaftsdaten analysieren soll. Währenddessen wirbt Walter um sie, ein junger Medizinstudent und scheinbar ein guter Fang. Sie willigt in die Verlobung ein, will sich jedoch lange auf keinen Hochzeitstermin festlegen. So richtig klar ist sie sich nicht, ob sie überhaupt heiraten soll, und Leidenschaft für Walter ist im Buch von ihrer Seite aus keine zu spüren... er wäre halt eine sehr gute Partie in einer schwierigen Zeit, und sie als seine Gattin für ihr Leben ökonomisch abgesichert. Es wäre die vernünftige Entscheidung.
Außerdem gibt es da auch noch die netten älteren Schwestern von Walter, die ihre zukünftige Schwägerin mit offenen Armen aufnehmen, sich auf sie freuen und ungeduldig auf die Hochzeit warten: "Sie scheinen sie alle sehr gern zu haben, denn Walter ist ihr kleiner Bruder, ihr Lieblingsbruder, und in ihren Augen ist meine Mutter fraglos die Richtige. Für ihn hat es nie wirklich eine andere gegeben, das wissen sie. Sie ist die Richtige, und sie werden sie liebhaben, und damit basta." (S. 59)
Glücklicherweise studiert Walter an einem Ort weiter weg, sodass sie sich nur alle paar Monate kurz sehen und sonst Briefkontakt unterhalten, sodass sie ihr freies, unabhängiges Leben als junge Frau erst einmal weiter führen kann und sich nicht entscheiden muss. Und da gibt es auch noch ihren älteren, verheirateten Chef, dessen Frau und Kinder ebenfalls weiter weg wohnen und mit dem sie sich seltsam verbunden fühlt...
Soweit zum Setting der einen Geschichte, die dieses Buch erzählt und die offenbar nah an der Lebensgeschichte der Mutter der Autorin ist. Diese Geschichte habe ich sehr gerne und mit großem Interesse gelesen und sie hat die Nachkriegszeit in Deutschland für mich, die ich erst einige Jahrzehnte danach geboren wurde, lebendig gemacht. Die Sprache ist eher einfach, dabei gut verständlich und dem Genre angepasst. Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln erzählt, immer wieder unterbrochen durch kursiv geschriebene Reflexionen der Tochter, die in der Gegenwart als Psychotherapeutin arbeitet, und insbesondere durch deren Leben in der Gegenwart.
Denn in diesem Buch gibt es noch eine zweite Geschichte, das Gegenwartssetting, in dem eine in England lebende und praktizierende, ursprünglich aus Deutschland stammende, Psychotherapeutin - die Tochter der erwähnten Mutter - ihr gegenwärtiges Leben und insbesondere ihr Verhältnis zu ihren Patientinnen und Patienten analysiert und in Verbindung zum Leben ihrer Mutter bringt. Während sie über ihre Patientinnen und Patienten nachdenkt, kommen ihr immer wieder Kindheitserinnerungen, z.B. "Ich konnte mich nicht ändern, konnte nicht ungeschehen machen, dass ich größer war als alle anderen in meiner Familie, dass mein Haar dunkel war unter all den Blonden. Immer wenn wir die Familienfotoalben herausholten, sagte meine Mutter, wie ähnlich ich ihr als Kind sah. Ich wusste damals schon, dass das nicht stimmte. Nur ihre Augen. Ich liebte ihre Augen und das half. Ich hatte ihre Augen." (S. 62)
Diese Geschichte hat mich beim Lesen etwas weniger begeistert als die Erzählung über die Mutter selbst. Zu diesen Teilen habe ich innerlich keine starke Verbindung aufbauen können, war streckenweise genervt von den auf mich unreif wirkenden Grenzüberschreitungen der eigentlich altersmäßig schon reiferen (sie hat schon einen Enkel und ist verwitwet) Therapeutin gegenüber den ihr Anvertrauten und auch von ihren Reflexionen über diese.
Zum Beispiel urteilt sie innerlich wiederholt ziemlich ungnädig über das Äußere ihrer Patientinnen, sobald diese auch nur minimal vom Idealgewicht abweichen... auch das eine Spiegelung der Mutter und ihres Verhaltens, damit durchaus interessant zu lesen, aber in der Häufigkeit eine unsympathische Figur zeigend. Hier etwa eine Stelle, bei der sie auf einem Konzert andere, fremde Menschen beobachtet und beurteilt: "Vor mir eine Frau mittleren Alters, leicht übergewichtig und aus ihrem weißen Minikleid herausplatzend..." (S. 139).
Mit dieser Therapeutin wurde ich nicht warm und besonders schräg wurde für mich die Geschichte, als sie eine Art Verliebtheit gegenüber einer Patientin aufzubauen scheint, die für mich nicht zu dieser Figur passte und ich nicht nachvollziehen konnte: "Doch in der Nacht träume ich wieder von ihr. Wir liegen im Bett, beide nackt, sie liegt hinter mir, und ich fühle ihre Hände auf meinem Körper." (S. 117).
Manchmal frage ich mich bei der momentanen Häufung dieser Themen in der Gegenwartsliteratur, ob es mittlerweile eine ungeschriebene Regel gibt, die verlangt, dass den Zeitgeistströmungen folgend in fast jedem veröffentlichen Roman queer-sexuelle Szenen vorkommen müssen, ob es sonst zum Buch nun passt oder nicht. Ich bin durchaus offen dafür, auf authentische Art und Weise über dieses Thema zu lesen, hier wirkt es auf mich aber künstlich hineinkonstruiert und unpassend.
Dieser Verliebtheit folgend überschreitet die Therapeutin mehrere ethische professionelle Grenzen, im vollen Bewusstsein dieser Grenzüberschreitungen. Das hat durchaus eine Parallele zu einigen weiteren Geschehnissen im Handlungsstrang mit der Mutter und ist insofern eine interessante Spiegelung. Dennoch habe ich diese Teile nicht sehr gerne gelesen, sie haben sich für mich beim Lesen komisch angefühlt und ich war immer froh, wenn ich wieder im Handlungsstrang mit der Mutter war, deren Geschichte ich gespannt weiterverfolgt habe.
Das mag damit zu tun haben, dass diese Psychotherapeutin - wie die Autorin am Ende des Buches darstellt - im Gegensatz zur auf wahren Begebenheiten beruhenden Geschichte der Mutter, fiktiv ist und auch ihre Patientinnen und Patienten und deren Beziehungen zu ihnen erfundene Charaktere sind. Insgesamt ist für mich die Figurenentwicklung in diesem Teil aber nicht ganz so gelungen wie im sehr authentischen und berührenden Teil, in dem es um die Mutter und ihre Lebensgeschichte geht und bei dem ich mich jedes Mal sehr gefreut habe, wenn es wieder in diesem, für mich sehr interessanten, Erzählstrang, weiterging.
Literarisch betrachtet verstehe ich aber die Intention der Autorin, dieses Setting zu wählen und es finden sich tatsächlich bei näherem Hinsehen einige interessante Parallelen und Spiegelungen im Leben der fiktiven Tochter, das von der Mutter und ihren Entscheidungen bis heute geprägt ist, und in dem sich gleichzeitig interessante Gedanken über den Therapieprozess an sich finden:
"Ich bin schließlich Psychotherapeutin geworden. Dieses Haus bewohne ich, durch diese Räume des Erinnerns und Vergessens wandere ich immer und immer wieder. Ich helfe Menschen, das zu sagen, was sie sagen müssen, zu betrauern, was sie betrauern müssen, sich dem zu stellen, was geschehen ist, sich zu erinnern. Ich tue das, weil es meinen Patienten hilft, aber ich tue es nicht nur für sie, das weiß ich schon lange." (S. 53)
"Wenn du und ich richtig zusammenarbeiten wollen, wenn du dich wirklich darauf einlässt, dann werden zwei Dinge passieren, von denen du noch nichts weißt. Erstens: Wir beide werden eine professionelle Beziehung führen, die aber zugleich seltsam intensiv und intim sein wird. Zweitens: Wenn das Ende kommt, wird es nicht schmerzlos sein." (S. 151)
Insgesamt ist es, wie erwähnt, mit ganz leichten Abstrichen in Bezug auf den Erzählstrang der Therapeutin, ein lesenswertes und interessantes Buch insbesondere für alle, die sich dafür interessieren, was es bedeutet haben könnte, in der Nachkriegszeit eine junge Frau zu sein, sowie für alle mit Interesse an transgenerationaler Weitergabe von Verhaltensmustern und -einstellungen.
Humorvoll geschriebener Versuch, sich dem Wiener Lebensgefühl anzunähern
So tickt Wien von Norbert Philipp
Was macht Wien aus? Wie kann man die Seele dieser Stadt verstehen lernen?
Diesem vielschichtigen Thema nähert sich der "Presse"-Journalist, Kulturvermittler und Fremdenführer Norbert Philipp mosaikhaft von verschiedenen Seiten an. Das Buch liest sich unterhaltsam und leicht, auch wenn es ein paar Seiten gebraucht hat, bis ich mich eingelesen gehabt habe.
In lockerem, essayartigem Stil geht der Autor auf verschiedene Aspekte Wiens ein: da geht es um die verschiedenen Architekturprojekte wie die Oper oder ein Jahrhundert später das Museumsquartier, die alle am Ende nicht ganz so aussahen als ursprünglich geplant, aber schlussendlich ihren Platz im Herzen der Menschen gefunden haben. Genauso wie um Wienerlieder, Wiener Schmäh, aus der Zeit gefallene Fiaker, aber auch die Donauinsel und Neue Donau (ein marketingtechnisch wesentlich günstigerer Name als das ursprüngliche "Entlastungsgerinne", der zeigt, wie sich Wien charmant zu verkaufen weiß), die Fußgänger- und Begegnungszone auf der Mariahilfer Straße oder die Seestadt Aspern.
Ganz viel Prägung aus der Habsburgermonarchie gibt es, die man bis heute an vielen Gebäuden insbesondere in der Innenstadt oder an den sich immer noch so nennenden k.u.k. Hofzuckerbäckereien merkt, aber auch an der legendären Gemütlichkeit der Wienerinnen und Wiener, die einerseits mit einer Abgrenzung von den preußischen Tugenden verbunden war und andererseits auch mit einer Resignation zu Zeiten des Absolutismus, als man eh nicht viel tun konnte, fürs Nichtstun aber wiederum nicht belangt werden konnte: "Man kann Wien nicht unterstellen, dass es nicht versucht hätte, sich mit der Zeit zu arrangieren. Aber eben in seinem eigenen Tempo. Dass die Zeit anderswo fließt und läuft, aber hier nur tröpfelt und strawanzt, dafür kann man ja nix." (S. 129)
Immer wieder auch die Frage danach, was Wien und die dort lebenden Menschen verbindet und zusammenhält: "Doch in die riesigste von allen bringt man die größte Gemeinsamkeit unter: die Stadt selbst, in der man lebt. Sie ist die Klammer. Sie betrifft alle zugleich. Wie das Wetter, Sonntag und Winterschlussverkauf. Wien verbindet. Ob man will oder nicht." (S. 84)
Dabei hat Wien aber auch schon immer von der kulturellen Vielfalt gelebt, die die unterschiedlichen Menschen, die hierher gezogen sind, in die Stadt eingebracht haben: "Die "Wiener Luft" zwischen Kapuziner Gruft und Spitze des Donauturms ist prall gefüllt mit den unterschiedlichsten kulturellen Molekülchen. Doch das Einzige, was hier höchstwahrscheinlich nicht herumschwirrt, ist so etwas wie ein "echter Wiener". Dieser ist inzwischen hauptsächlich eine Figur der Folklore. Und war es höchstwahrscheinlich auch immer. Oder besser gesagt: eine Figur der Mythologie. Natürlich glaubt man manchmal, eine unscharfe Silhouette von ihm an irgendeiner Ecke gesehen zu haben, aber das glaubt man vom Christkind und vom Ungeheuer von Loch Ness auch." (S. 112)
Als eine, die ihr ganzes Leben in der Nähe von Wien verbracht und auch einige Jahre dort gelebt hat, habe ich die Lektüre des Buches sehr unterhaltsam und interessant gefunden, einiges wiedererkannt und viel Neues gelernt. Insofern kann ich das Buch allen, die sich für Wien interessieren, durchaus empfehlen.
Klar sein muss einem dabei, dass es sich um eine humorvolle Kulturcharakteristik und keinen klassischen Reiseführer handelt. Im Anhang des Buches findet sich außerdem eine Literaturliste, mit der das Thema noch weiter vertieft werden kann, wenn sie auch kein richtiges Quellenverzeichnis ist, in dem man einzelne Details nachschlagen könnte, was ich ein bisschen schade finde.
Insgesamt ist es jedenfalls ein interessantes, gut geschriebenes und humorvolles Werk, das viele Aspekte der Wiener Kultur gut auf den Punkt bringt und interessante Hintergründe dazu liefert.
Psychogramm eines Opportunisten
Chamäleon von Yishai Sarid
Shai scheint als Journalist in Israel die besten Berufsjahre hinter sich zu haben: nach einem kurzen Ausflug in die Fernsehwelt war er als uncharismatisch abgestempelt worden und auch seine politischen Kommentare sind nicht mehr so gefragt wie früher. Beruflich und einkommensmäßig sieht er sich am Abstellgleis.
Auch mit seiner Ehe steht es nicht zum Besten: seine Frau wird von einem anderen Mann umgarnt, die beiden gemeinsamen Kinder sind nahezu erwachsen, das Verhältnis zu ihnen ist eher distanziert. In der Wohnung würden diverse Instandhaltungsarbeiten anstehen, die sich das Paar nicht so recht leisten kann. Es ist zwar insgesamt noch immer kein schlechtes Leben, das Shai da führt, und vieles ist immer noch angenehm und in Ordnung... doch der mangelnde Erfolg kratzt sehr am Ego des Mannes mittleren Alters.
Eines Tages schreitet er in einem Akt der Zivilcourage in Jaffa spontan ein, wird dafür von drei jungen arabisch wirkenden Männern bedroht und von deren Hund gebissen, kommt ins Krankenhaus und setzt einen wütenden Social-Media-Post ab, der ihn interessant für ein Interview in einem rechtspopulistischen Sender macht.
Schnell realisiert Shai seine Chance: wenn er, der sich bisher als politisch eher linksstehend eingeschätzt, die Dinge differenziert von verschiedenen Seiten aus betrachtet, vorsichtig formuliert und dementsprechende journalistische Kommentare verfasst hat, die Seiten wechselt und seine Botschaften zuspitzt, dann besteht die Chance, wieder gefragt zu sein. Dann darf er regelmäßig im Fernsehen auftreten, wieder viel besser verdienen, wird zu Abendessen mit wichtigen Politikern eingeladen und kommt sogar in die engeren Kreise des Premierministers. Mit so viel mehr Geld und Status könnte er auch für seine Frau wieder attraktiver werden, meint er. Was macht es schon, dafür seine bisherigen politischen Einstellungen und moralischen Prinzipien über Bord zu werfen und sich den Rechtspopulisten anzubiedern, wenn es dort so viel für ihn zu gewinnen gibt?
Wir erleben das ganze Buch aus Shais Perspektive. Dieser ist ein nicht besonders interessanter Charakter, der über keine sonderlich bemerkenswerten Eigenschaften oder Talente verfügt, selbstbezogen ist und zum Opportunismus neigt. Es ist also ein Buch über die Psyche eines eher nicht so sympathischen Menschen. Das Erzähltempo ist eher gemächlich, der Autor nimmt sich viel Zeit dafür, die langsame Zuspitzung der Ereignisse in vielen kleinen Detailszenen darzustellen. Das ist nicht unbedingt langweilig, aber man muss sich die Zeit und Ruhe dafür nehmen.
Wenn man das kann und will, ist es ein durchaus empfehlenswertes Psychogramm eines Opportunisten, das die vielen kleinen Schritte auf dem Weg zum öffentlichen Vertreten immer radikalerer Positionen und zum Verrat an den eigenen ursprünglichen Werten gut darstellt und dabei nachdenklich über die aktuelle politische Landschaft in Israel, aber auch über die Verflechtungen zwischen Medien, Kultur und Politik in diesem und in anderen Ländern macht.
In der Seele endet der Krieg nie
Blinde Geister von Lina Schwenk
Eigentlich gab es in Mitteleuropa viele Jahrzehnte der Friedenszeiten nach dem 2. Weltkrieg. Doch bei vielen, die den Krieg erlebt haben, ist das in der Seele nie angekommen und die Traumata werden auch über Erziehung und familiäre Bindungen und Muster an die jüngeren Generationen weitergegeben.
Das zeigt "Blinde Geister" von Lina Schwenk, das meiner Ansicht nach völlig zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2025 gelandet ist, sehr eindringlich.
In vielen kleinen Szenen wird eine Familie porträtiert, nicht immer in chronologischer Form und nicht notwendigerweise einem klaren Muster folgend, aber immer die Angst und den Schmerz der Traumatisierung aufzeigend.
Da gibt es den Vater Karl, der im Krieg war und diesen in den Jahrzehnten danach mit seiner Familie nachinszeniert: bei den kleinsten Anlässen muss in den feuchten, dunklen Keller geflüchtet werden, um sich vor einer vermeintlichen Gefahr zu schützen, zu einer Zeit, in der längst Frieden herrscht. Doch er ist nicht der einzige: Tochter Olivia wird im Turnunterricht regelrecht gedrillt und muss sich dort paramilitärischen Übungen unterziehen, die erst nach Elternprotesten etwas abgemildert werden. Ob und was der Mutter Rita, die "den Krieg am Land zu Hause sitzend abwarten konnte" während dieser Zeit passiert ist, darüber wird nicht gesprochen. Jedenfalls macht sie bereitwillig mit, wenn ihr Mann Karl mit der ganzen Familie seine Kellerübungen abzieht, und beginnt erst spät, diese vor den Töchtern zu hinterfragen.
Eine der Folgen all dieser Störungen in der Familie: die erwachsene Tochter Rita wird psychotisch, hört Stimmen und muss immer wieder in die geschlossene Psychiatrie eingeliefert werden, während ihre Schwester es zumindest an der Oberfläche schafft, ein normal wirkendes, angepasstes Leben zu führen.
Es ist ein relativ kurzes Buch, das aber aufgrund der nicht-chronologischen Erzählweise nicht ganz einfach zu erschließen ist und durchaus seine Zeit braucht. Die Autorin findet viele bemerkenswerte und eindringliche Sprachbilder, die die beklemmende Atmosphäre des Aufwachsens mit einem kriegstraumatisierten Vater sehr spürbar machen, hier ein paar Beispiele:
"Karl lehnte sich immer nur irgendwo an und rief nach Rita. Wenn es nichts zum Anlehnen gab, griff er nach seinen Hosenträgern wie nach einem schweren Rucksack." (S. 23)
"Ich konnte schon morgens spüren, wie der Tag werden würde, an der Art, wie Karl in die Küche kam." (S. 33)
"Ich bin jetzt erwachsen. Ich wasche meine Kleidung selbst und regele meine Arzttermine. Meine Pullis habe ich dieses Frühjahr gespendet. Es war so kalt. Sogar den Mantel habe ich abgegeben, dabei steht der wirklich niemandem. Ich konnte nicht ertragen, dass so viele da draußen frieren." (S.47)
"Du kannst meistens hören, ob du sicher bist", hatte Karl mir bei einem der seltenen Waldspaziergänge erklärt. "Lausche einfach ganz genau, sei geduldig, atme ruhig, und wenn du die Geräusche nicht kennst, warte ab." (S. 58)
"Trotzdem gibt es Dinge, die habe ich ihm nicht erzählt. Dass man einen Keller braucht. Dass es nicht falsch ist, eine gepackte Tasche im Schrank zu haben, mit Büchern und Batterien. Dass es mit Kind schwieriger wird, sich zu verstecken." (S. 91)
"Sie wusste, für Karl war Sicherheit entweder vier geschlossene Wände unter der Erde oder ein komplett freier Himmel über dem Land." (S. 155)
Mich hat das Buch sehr berührt und mich an vielen Stellen daran erinnert, auf wie viele Weisen auch mein Familiensystem nach wie vor von den Kriegstraumata der Vorgenerationen berührt wird, dabei bin ich, wie die Autorin dieses Buches, in den 1980er Jahren geboren. Kurz thematisiert das Buch auch sehr aktuelle Themen wie den momentanen Krieg in der Ukraine, und wie durch diesen alte Traumata wieder hochkommen können.
Es ist insgesamt ein sehr wichtiges Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann, sofern man im eigenen Leben gerade auch psychisch und emotional genug Raum findet, sich auf dieses schwere Thema einzulassen.
Frauenunterdrückung, Fremd-Sein und Krankheit in Körperteilen erzählt
Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt von Jegana Dschabbarowa
Die Hände der Frauen in Jegana Dschabbarowas Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt, sondern zum Arbeiten, Kochen, Nähen, Sticken und Kinder-Wiegen. Und doch, sie schreibt schon seit ihrer Kindheit und hat mit diesem autofiktionalen Roman ihr Debüt veröffentlicht, im Original auf Russisch, hier ins Deutsche übersetzt von Maria Rajer.
Die Kapitel sind jeweils nach Körperteilen benannt, so geht es beispielsweise um die Bäuche von Frauen und um das Schwanger-Werden und Gebären. Um die Münder, die bei den aserbaidschanischen Frauen in der Familie der Autorin nicht viel sprechen sollen und niemals einem Mann widersprechen: "Für eine Frau gehört es sich nicht zu sprechen, für eine Frau gehört es sich nicht zu widersprechen, eine Frau darf nie vergessen, dass sie Objekt, nicht Subjekt eines Satzes ist, doch das Wichtigste, das uns seine Fäuste lehrten, war zu schweigen, unsere Hoffnungen und Träume für uns zu behalten, unsere schrecklichen Geheimnisse niemals jemandem anzuvertrauen." (S. 29)
Um die Augenbrauen, durch die sich verheiratete von "unschuldigen", ledigen Frauen unterscheiden: nur erstere haben das Privileg, sie sich zupfen zu dürfen. Um die Schultern, die so viel tragen müssen: harte Arbeit, aber auch das Fremd-Sein, beschimpft und mit dem Leben bedroht werden als sichtbar nicht-russisch aussehende Menschen in Russland: "... ich weiß nur noch, wie meine Schultern von dem schweren Rucksack wehtaten, wie er gegen meinen unteren Rücken knallte, wie ich nach Luft rang, was für eine Angst ich hatte. Damals spürte ich die Todesnähe zum ersten Mal mit meiner Haut, eine echte animalische Gefahr, damals verstand ich, dass fremd sein heißt, gehasst zu werden, ein Gefäß für Jähzorn zu sein." (S. 52)
Das Buch folgt keinem strikten Spannungsbogen, stattdessen nähert es sich in einzelnen Erzählepisoden, die eben jeweils von einem Körperteil inspiriert sind, drei großen Themen an: dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen in der aserbaidschanischen Familie der Autorin, der damit einhergehenden Unterdrückung der Frauen und dem engen Korsett an gesellschaftlicher Kontrolle und Verhaltensregeln, um die Ehre zu bewahren. Dem Aserbaidschanisch-Sein und als fremd wahrgenommen werden, während man in Russland lebt und sich bemüht, sich sprachlich und kulturell an die russische Gesellschaft anzupassen und gleichzeitig die eigenen kulturellen Wurzeln zu bewahren. Und einer degenerativen Muskelerkrankung, die dazu führt, dass die Ich-Erzählerin immer mehr die Kontrolle über ihren eigenen Körper verliert... aber gleichzeitig auf einer anderen Ebene an Freiheit dazu gewinnt, weil von ihr dadurch weniger erwartet wird, zu heiraten und Kinder zu kriegen.
Es ist ein interessant und gut geschriebenes Buch über eine fremde Kultur, die vielen Leserinnen und Lesern im deutschsprachigen Raum nur wenig bekannt sein dürfte. Ich habe beim Lesen viele wertvolle Einblicke gewonnen, ein bisschen haben mir allerdings ein roter Faden und eine noch tiefergreifende Figurencharakterisierung und -entwicklung abseits der ganz persönlichen Eindrücke gefehlt.
Witzig-intelligente Unterhaltung mit Niveau und Tiefgang
Hustle von Julia Bähr
"Hustle" von Julia Bähr vereint für mich das Beste aus mehreren Welten: es ist ein unglaublich spritzig, witzig, humorvoll geschriebenes Buch, das sich leicht, schnell und angenehm liest und tolle Unterhaltung für entspannte Leseabende bietet. Gleichzeitig hat es aber auch Tiefgang, die Charaktere sind interessant und mehrdimensional gezeichnet und weisen eine Entwicklung auf.
Im Zentrum steht Leonie, eine junge Frau Anfang 30, studierte Biologin mit Schwerpunkt auf Pflanzen, die sich von ihrem Chef, der ihre Forschungsergebnisse als seine ausgeben wollte, ungerecht behandelt fühlt und die überhaupt Spaß daran hat, durch gezielte Racheaktionen für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen. Als sie nach ihrer Kündigung das Büro verwüstet, sorgt ihr Chef dafür, dass sie in ihrer Region in ihrer Branche keinen Job mehr findet, also bleibt nur der Umzug in eine andere Region Deutschlands: ausgerechnet ins teure München, wo ihr ein mittelmäßig bezahlter und sterbenslangweiliger Job in einem Museum angeboten wird, in dem sie Insekten kategorisieren und katalogisieren soll.
Lange dauert es nicht, bis Leonie realisiert, dass sie sich von ihrem Gehalt nie eine vernünftige Wohnung in München leisten wird können. Da lernt sie andere junge Frauen kennen, die ebenfalls mit unkonventionellen bis illegalen Methoden versuchen, ihren Lebensstandard aufzubessern, und jede nützt dabei ihre Gelegenheiten und Talente: Leonie ihre Neigung zur Planung von Racheaktionen und ihre Erfahrung auf diesem Gebiet, die sie nun auch anderen Menschen als Dienstleistung anbietet. Zahlungswillige Kunden und Kundinnen dafür findet sie in einem Forum für von Liebeskummer Betroffene mehr als genug.
Gut gefallen hat mir der spritzige Humor, der das Buch trägt, aber ebenso die Freundschaften, die für mich eines der zentralen Themen des Buches darstellen: sowohl die vier jungen Frauen sind einander loyale und treue Freundinnen, als auch sonst gibt es etwa einen besten Freund aus der alten Heimat in Leonies Leben, den sie schon lange kennt und der sie beständig, aber auch mit ehrlicher Kritik auf ihrem Weg begleitet.
Gleichzeitig kommt viel beißend-ironische Gesellschaftskritik an dem Wohnungsmangel und den überhöhten Wohnungspreisen in München, aber auch am oberflächlichen Lifestyle der Menschen aus der Oberschicht durch und es wird spürbar und nachvollziehbar, wie sehr alle, die nicht so privilegiert aufgewachsen sind, damit zu kämpfen haben, hier ein einigermaßen angenehmes Leben führen oder gar eine Familie gründen zu können.
Damit ist es insgesamt eben nicht nur ein bestens unterhaltendes Werk, sondern regt auch auf vielen Ebenen zum Nachdenken an und ist insgesamt ein Buch, das ich einer breiten Leserinnenschaft empfehlen kann, sowohl Fans von witziger Unterhaltungslektüre als auch von solchen, die, wie ich, Tiefgang und Anregungen zum Nachdenken zu schätzen wissen.
Schnell was über Entspannung lernen
Die 1-Minuten-Strategie gegen mentale Erschöpfung von Cordula Nussbaum
"Die 1-Minuten-Strategie gegen mentale Erschöpfung" von Cordula Nussbaum ist das perfekte Buch für gestresste Menschen, die sich mit Entspannung beschäftigen wollen, aber meinen, dafür keine längeren Zeitspannen am Stück aufbringen zu können. In ganz kurze kleine Häppchen unterteilt und mit vielen praktischen Tipps zum schnellen Ausprobieren und Integrieren ins Leben serviert dieses Buch viele verschiedene Anregungen, um die eigenen Alltagsgewohnheiten zu hinterfragen und kleine Verbesserungen vorzunehmen, um weniger gestresst zu sein.
Fast nebenbei gibt es dazu auch noch einiges an interessantem Hintergrundwissen über Themen wie die neuronale Wirkung von Pausen, das Zusammenspiel der verschiedenen Neurotransmitter im Gehirn oder den Monkey Mind und warum er Meditation so schwierig macht, aber besonders davon profitieren könnte.
Es ist ein leichtes, luftiges, angenehm und schnell zu lesendes Buch, aus dem man doch viel mitnehmen kann und das es schafft, das wichtigste Wissen zum Thema auf den Punkt zu bringen und effizient und verständlich zu vermitteln. Wie fast alle Bücher aus dem GU-Verlag ist auch dieses optisch sehr schön, ansprechend und übersichtlich gestaltet: mit Informationskästchen, inspirierenden Zitaten, lustigen Mini-Cartoons und Selbsttests.
Damit eignet es sich auch gut als Geschenk für vielbeschäftigte Menschen und kann insgesamt einer breiten Zielgruppe, die sich mehr Entspannung und Ruhe im Alltag wünscht, empfohlen werden. Nur wer sich schon sehr viel mit den entsprechenden Themen beschäftigt hat, für den sind eher ausführlichere Bücher dazu empfehlenswert, dieses ist klar ein Einsteigerwerk.
Eindringliches Plädoyer für einen Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit der Droge Alkohol
Trocken von Daniel Wagner
Zum Glück ist "Trocken", ein außergewöhnlich berührendes, ehrliches Memoir des Autoren und trockenen Alkoholikers Daniel Wagner, auf der "Longlist Debüt" des Österreichischen Buchpreises gelandet. Denn so bin ich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam geworden. Aus beruflichem und privatem Interesse habe ich schon viele Bücher Betroffener über Suchterkrankungen und andere psychische Probleme gelesen, doch lange hat mich keines mehr so berührt wie dieses.
Basierend auf Tagebucheinträgen und Rückblicken nimmt der Autor uns mit auf seine Reise durch die Hölle der Alkoholabhängigkeit. Wir erleben, wie auf den hochintelligenten, aber schüchternen, mit Depressionen und Ängsten kämpfenden Teenager an jeder Ecke in Österreich die Verführung zum Saufen lauert. Ja, leider ist Saufen nicht nur normalisiert in diesem Land, es besteht ein regelrechter Druck, mitzumachen, dem nur wenige unter guten Bedingungen standhalten können. Denn wer nicht trinkt, der macht sich zum Außenseiter und wird immer und immer wieder aufgefordert, mitzumachen und doch nicht so langweilig zu sein (das kenne ich als lebenslange Alkoholverweigerin in Österreich nur zu gut aus eigener Erfahrung).
Bei Daniel Wagner braucht es nicht viel, um ihn zum regelmäßigen Saufen zu verleiten: zu wohltuend ist das angenehme Gefühl der Entspannung und Erleichterung, der Enthemmung und Beruhigung, das damit einhergeht. Nur betrunken fühlt er sich wohl, sicher und kommunikativ. So kommt es schnell zu einer Gewöhnung, bis ein dauerhafter Alkoholspiegel von 2 bis 4 Promille im Blut für ihn völlig normal ist. Wozu es hingegen sehr lange braucht, ist das Eingeständnis, ein Alkoholproblem zu haben: viel zu lange verleugnet er dieses, sieht nur seine Depressionen und Angststörungen sowie die Traumata, die er erlebt hat, als seine Probleme an.
Denn zu lange fügt sich auch ein sehr problematisches Trinkverhalten immer noch recht harmonisch in die bestehende Suchtkultur in diesem Land ein: bis ihm sein Leben immer mehr entgleitet: nicht nur ist seine Mutter tragisch viel zu früh an Krebs verstorben, auch wenden sich Freundinnen und Freunde immer mehr von ihm ab, seine Leberwerte sind jenseits von gut und böse, er wandelt am Rande des Suizids und ist am schnellsten Weg zu einem sehr verfrühten Ende. Bis langsam in ihm Einsicht zu wachsen beginnt und er versucht, sich seinem "Monster", dem Alkoholproblem, zu stellen. Aber der Weg zurück wird lange und steinig sein, von Rückschlägen und Schwierigkeiten gepflastert... doch am Ende steht ein Mensch, der es geschafft hat, trocken zu werden und dieses Buch darüber zu verfassen.
Hier noch ein paar eindringliche Zitate aus dem Buch. Es sind außergewöhnlich viele für eine Rezension von mir, und ich habe mir beim Lesen noch viel mehr davon notiert, weil der Autor einfach über eine so eindringliche Sprache verfügt, die seine Gefühle und seinen inneren Kampf, aber auch seine Wut über die gesellschaftlichen Umstände in Österreich, die regelrecht zum Saufen verleiten, so treffend auf den Punkt bringt:
"Ich war betrunken, als du gestorben bist, und ich war betrunken, als du beerdigt wurdest. Es tut mir unendlich leid, Mama. Dei Bua ist jetzt trocken." (S. 5)
"Irgendwann haben wir in Österreich still und heimlich Alkohol als Kulturgut ausgerufen und beschlossen, dass wir uns gemeinschaftlich einfach so lange ansaufen, bis wir kritische Stimmen als kulturfeindlich wahrnehmen. Und wir brauchen dafür nicht einmal eine Lobby, wie die Tabak- oder Waffenindustrie. Überall, in jedem Gasthaus, auf jeder Feier, bei jeder noch so beliebigen Veranstaltung findet man sie, die ehrenamtlichen Lobbyisten..." (S. 12)
"Die Sehnsucht nach einem nüchternen Leben kämpft gegen die Sucht nach Alkohol. Die zerrende Angst und die unendliche Leere in mir kämpfen gegen den anhaltenden Rausch. Der Gewinner steht wie immer schon vorher fest. Aus meiner Trauer wird Aggression." (S. 16)
"Depression - Wenn du da bist, machst du alles andere nichtig. Du trittst meine Türen ein und verbarrikadierst dich in mir, bis ich mich dir ergebe. Bis ich dir gehöre. Bereit, von dir zerbröckelt zu werden. Alle Scheinwerfer sind auf dich gerichtet und dann beginnst du dein scheußliches Lied zu singen. Du singst vom Tod und von der Dunkelheit. Du singst all die Dämonen aus ihren Löchern hervor, die in den dunkelsten Ecken meiner Gedanken auf ihren Einsatz warten." (S. 58)
"ICH WILL LEBEN, durchführt es meinen gesamten Organismus, implodiert in mir und exlodiert aus mir heraus. Ich bekomme Gänsehaut am ganzen Körper und bebe, als würde mich diese Erkenntnis mit aller Kraft wachrütteln." (S. 61)
"Visiten, Therapien, Verlaufsgespräche. Ich fühle mich überlegen und lasse mich nicht wirklich behandeln. Ich stelle dem medizinischen Personal nur eine meiner Masken zur Verfügung, an mein Inneres lasse ich sie nicht ran." (S. 64)
"Na ja, und irgendwann steht man dann beim Billa an der Kassa. Unter Schweißausbrüchen beim Weinregal und pochendem Suchtdruck bei der Bierabteilung hat man es irgendwie dorthin geschafft und ist am Limit des Zumutbaren. Man kann weder vor noch zurück und ist verdammt, an einem Ort zu stehen, der vollgesogen ist mit Scham, Stress und Druck. Und dann stellt's ihr geldgierigen Arschlöcher da allen Ernstes Schnapsflascherln hin? WOFÜR?! Falls man für die Bratensauce am Sonntag seine 0,1 Liter Underberg vergessen hat? Bullshit." (S. 115)
Ich wünsche diesem besonderen und mutigen Buch aus tiefstem Herzen, dass es den Österreichischen Buchpreis, Kategorie Debüt, gewinnt, und damit verbunden viel Aufmerksamkeit erregt, die hoffentlich endlich zu dem längst überfälligen Umdenken führt, das einen Wandel in der österreichischen Gesellschaft bewirkt, wenn es um die Einstellung zu Alkohol geht und dem, was wir Jugendlichen damit antun, wenn wir sie regelrecht in die Arme dieser gefährlichen Sucht, dieses tückischen Monsters, drängen.
Vielleicht kann dadurch eine Bewegung entstehen, die dafür eintritt, dass keinen Alkohol zu trinken als mindestens genauso normal angesehen wird wie zu saufen, dass sich eine Kultur des Feierns, der Gemeinsamkeit und der Freude jenseits der Sauferei entwickelt und dass auch die kleinen Alkoholflaschen an den Supermarktkassen, die offensichtlich so eine Gefahr für viele trockene ehemalige Alkoholikerinnen und Alkoholiker sind, endgültig der Vergangenheit angehören. Möge es so sein!
Sehr berührendes persönliches Buch über wahre Freundschaftsgeschichten
Freundschaft - Eine andere Form von Liebe von Kerstin Schweighöfer
Freundschaften sind für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, umso mehr in Zeiten, in denen so vieles andere unsicher geworden ist. Kerstin Schweighöfer hat eine sehr enge Freundin, Jantina, die sie lange treu begleitet hat, durch einen unbarmherzigen, rasch voranschreitenden und metastasierenden Krebs an den Tod verloren.
Ihr und der Erinnerung an die gemeinsame Freundschaft hat sie dieses besondere Buch gewidmet.
In diesem Buch werden verschiedene Menschen porträtiert, die schon lange in tiefer Freundschaft miteinander verbunden sind. Es geht um solche Freundschaften, die auch die Stürme des Lebens ausgehalten haben und sich auch in schlechten Zeiten bewährt haben. Es sind wahre Geschichten, die die Autorin da erzählt und für die sie ganz besondere Interviewpartnerinnen und Interviewpartner gefunden hat, die Außergewöhnliches miteinander erlebt haben: zwei blutjunge holländische Blauhelmsoldatinnen, die zur Zeit der Jugoslawienkriege in Bosnien stationiert waren und die unglaubliche Hilflosigkeit der unterlegenen holländischen Truppen gegenüber der Übermacht der Serben, die letztendlich das Srebrenica-Massaker verübten, erleben mussten, dadurch traumatisiert wurden und sich doch gegenseitig stützen und beistehen konnten. Eine Gruppe von Freunden, bei denen eine eine schlimme Diagnose bekommt und die dennoch gemeinsam noch möglichst viel erleben möchten. Zwei Sandkastenfreundinnen, eine mit unerfülltem Kinderwunsch, eine gewollt kinderfrei, und letztere wird schließlich ersterer selbstlos eine eigene Eizelle spenden. Und noch weitere Geschichten.
Ja, es sind nicht irgendwelche Geschichten, die hier erzählt werden, es sind ganz besondere, und jede ist auf ihre Weise emotional tief berührend und macht nachdenklich über das, was das Leben auf diesem Planeten und unsere menschlichen Verbindungen zueinander ausmacht. Ergänzend werden die Geschichten jeweils durch persönliche Gedanken der Autorin zum Thema Freundschaft und insbesondere durch ihre Erinnerungen an ihre verstorbene Freundin Jantina. Dadurch wird das Buch gut abgerundet und genau diese persönlichen Kommentare machen ein stimmiges und persönlich berührendes Gesamtkonzept daraus.
Leseempfehlung für alle, denen Freundschaft etwas bedeutet und die sich von eindringlichen wahren Geschichten zu diesem Thema berühren lassen wollen.
Wahre Worte offen ausgesprochen
Links-grüne Meinungsmacht von Julia Ruhs
Die deutsche Journalistin Julia Ruhs ist bekannt dafür, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen: etwas, das eine Seltenheit geworden ist in den klassischen Medien – während bekanntlich in den diversen neuen „sozialen“ Medien jegliche Meinungen zu finden sind.
In diesem mutigen Buch spricht sie vieles aus, das auch ich als Akademikerin in einer beruflich sehr linksgrün geprägten Blase mir oft schon gedacht habe, aber gezögert habe, es auszusprechen.
Denn, wie Julia Ruhs es in ihrem Buch anführt, hat sich die Bandbreite dessen, was öffentlich oder auch nur im beruflichen Umfeld gesagt werden darf, ohne massive soziale und berufliche Konsequenzen zu riskieren, in den letzten zehn Jahren leider sehr verengt.
Und nein, da muss es nicht unbedingt um AfD-Positionen gehen oder den Bereich des strafrechtlich Relevanten berühren: es reicht schon, sich fernab des im akademischen und journalistischen Bereich dominierenden linksgrünen Mainstreams zu bewegen und etwa liberale oder klassisch-konservative CDU-nahe Positionen zu vertreten, so wie die Autorin das tut.
Wie Julia Ruhs selbst anführt, ist es ihr ein Anliegen gewesen, ein verständliches und gut lesbares Buch zu schreiben, das „keine akademische Abhandlung“ sein soll. Deshalb geht es in diesem Buch viel um ihre eigenen Erfahrungen als Journalistin, um die unzähligen Zuschriften verschiedenster Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Bevölkerung, die sie zitiert, gelegentlich ergänzt durch einzelne Positionen von Wissenschaftlern, Wissenschaftlerinnen oder Prominenten, etwa dem Hochschullehrer, Juristen und Schriftsteller Bernhard Schlink.
Die überwiegende Mehrheit der im Journalismus tätigen Menschen scheint nach eigenen Angaben ausschließlich Parteien klar im linken Spektrum zu wählen, während CDU- und FDP-Wählende kaum vorkommen und niemand angibt, mit der AfD zu sympathisieren. Damit ist dieser Berufsstand parteipolitisch und ideologisch ganz anders zusammengesetzt als die Bevölkerung insgesamt und konservative Positionen sind unterrepräsentiert. Das ist per se schon deshalb problematisch, weil absolut neutrale Berichterstattung gar nicht möglich ist: die eigene Einstellung beeinflusst selbstverständlich schon die Auswahl und Art der Präsentation der jeweiligen Themen.
Dazu kommt, dass „Haltung“ im Journalismus in den letzten zehn Jahren immer wichtiger geworden zu sein scheint, was sich für viele Menschen aus der Bevölkerung schon ab der Flüchtlingskrise 2015, aber spätestens mit der Berichterstattung über die Coronapandemie deutlich gezeigt hat. Sehr lange gab es damals, mit wenigen Ausnahmen, nur eine einzige mediale Stimme zu hören, und zwar warb diese für alle Maßnahmen, ohne diese kritisch zu hinterfragen. Dazu beschreibt die Autorin, was damals die Angst vieler im Journalismus tätiger Menschen war und zeigt gleichzeitig die damit verbundene Problematik auf:
„Wer Maskenpflicht, Impfung oder andere Maßnahmen medial zu kritisch hinterfrage, könnte den Rückhalt in die Coronamaßnahmen untergraben – und das hehre Ziel, Menschenleben zu retten, gefährden. Aber ist es nicht so, dass genau in solchen Ausnahmesituationen, in Zeiten der Krise, es einen besonders scharfen, kritischen, journalistischen Blick braucht?“ (S. 43)
Doch genau von dieser homogenisierten Einheitsmeinung haben sich viele Menschen nicht mehr abgeholt gefühlt. Besonders fällt das immer jenen auf, die sich dort gerade nicht gespiegelt fühlen – und zu je mehr einzelnen Themen die Berichterstattung und „Haltung“ dermaßen eng ist, desto größer wird die Anzahl der Betroffenen, die sich von den klassischen Medien nicht mehr repräsentiert fühlen und sich deshalb wütend und enttäuscht von diesen abwenden:
„Ich glaube, genau das ist der Punkt: Solange man sich in der Mehrheitsmeinung oder der medial gespiegelten Darstellung wiederfindet, spürt man keinen „Mainstream“ – man hält die Berichterstattung für neutral. Das Gespür für ausgegrenzte Meinungen und Weltanschauungen entwickelt man erst, wenn man selbst mit seinen Ansichten nicht mehr vorkommt.“ (S. 46)
Dazu zitiert die Autorin viele Menschen, die ihr auf verschiedenen Plattformen in Reaktion auf ihre unkonventionelle und mutige Berichterstattung geschrieben haben, so wie etwa diese Frau aus den östlichen Bundesländern Deutschlands:
„Journalisten traut sie nicht mehr über den Weg (…). Aufgewachsen ist sie in der DDR, und heute sagt sie, es fühle sich oft wieder so an wie damals. Sie spürt eine Art Unfreiheit, erzählt sie mir. Man werde auch heute wieder zu einer gewissen Unmündigkeit erzogen.“ (S. 22)
Es ist ein mutiges Buch, eines, das viele Dinge klar benennt, die sich viele der in den klassischen Medien Tätigen heute nicht mehr zu sagen trauen. Es ist ein Buch, das auch so einige gängige Argumente, man würde mit diesem oder jenem nur den Rechten in die Hände spielen, entkräftet, und klar aufzeigt, dass man genau durch den immer engeren Meinungskorridor dessen, was öffentlich noch gesagt werden darf, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, erst recht die extremen Kräfte stärkt.
Spürbar wird, dass der Autorin unsere Demokratie und Meinungsvielfalt am Herzen liegen, wie sich auch in diesen abschließenden Worten von ihr zeigt:
„Ich bin überzeugt: Wenn klassische Medien wieder für alle da sind, alle Stimmen abbilden, Empathie auch für jene zeigen, deren Meinung und Wahlentscheidung sie nicht teilen, würde dies das gesellschaftliche Klima verändern. Dann würde der Ton weniger unerbittlich, der Diskurs offener. Wir brauchen wieder einen Debattenraum, in dem niemand aus Angst vor Konsequenzen schweigt oder sich in eine Nische zurückzieht.“ (S. 181)
Von Herzen danke ich der Autorin für den Mut, dieses Buch zu schreiben und sich für stärkere Meinungsvielfalt auch in der Öffentlichkeit und in klassischen Medien einzusetzen, und dem Verlag dafür, ihr diesen Raum gegeben zu haben.
Eine absolute Leseempfehlung für alle – ganz besonders für jene, die sich vom Titel getriggert fühlen oder glauben, dass an diesem Thema nichts wahr sei: wer bisher noch nie die intellektuell-linksgrüne Meinungsblase verlassen hat, kann ganz besonders viel von diesem mit viel Engagement, Mut und Herzblut geschriebenen Buch lernen, wenn man bereit ist, sich für neue Ideen zu öffnen und die eigenen Positionen kritisch zu hinterfragen.











