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Rezensionen von Eternal-Hope:

Eindringliche Worte für ein Aufwachsen im Elend

Mit beiden Händen den Himmel stützen von Lilli Tollkien

Wieder ein autofiktionaler Roman, in dem es um das Aufwachsen eines Kindes unter Bedingungen der Verwahrlosung geht. Ich muss mir Mühe geben, dieses Buch objektiv zu beurteilen, weil ich merke, dass ich dieser Thematik in den letzten Jahren schon ein bisschen müde geworden bin. Sind doch unglaublich viele autofiktionale Bücher zu diesem Thema in den letzten Jahren erschienen.

Diesmal ist es eine links-alternative Männer-WG, in der die kleine Lale in den 80er Jahren aufwächst: einer davon ihr leiblicher Vater, die anderen seine Sauf- und Drogenkumpanen, dazu deren wechselnde Bettgenossinnen. Die leibliche Mutter Anne ist drogensüchtig und pendelt zwischen Gefängnis und Notunterkünften hin und her, kann ihre Mutterrolle kaum erfüllen und wird früh sterben. Lale selbst wird in der Männer-WG hauptsächlich sich selbst überlassen, zwischendurch aber auch mal verprügelt und ein anderes Mal von einem der Männer sexuell missbraucht. Für die halbjährlichen Besuche des Jugendamtes wird vorher geputzt, aufgeräumt und das Mädchen instruiert, eine heile Welt vorzuspielen. So ist es kein Wunder, dass auch Lale früh abstürzt, mit Drogen in Kontakt kommt, schwanger wird, abtreibt und dann doch jung Mutter wird. Was sie vielleicht ein bisschen rettet, sind ihre Intelligenz - überraschenderweise schafft sie das Abitur - und ihr Schreibtalent. Dieses zeigt sich, für den Fall, dass die Autorin zumindest zum Teil mit ihrer Ich-Erzählerin gleichzusetzen ist (wie sie schreibt, beruht das Buch ja zum Teil auf wahren Begebenheiten), schon auch in diesem Buch und es finden sich immer wieder eindringliche Sprachbilder für das, was Lale erlebt hat, z.B.

"Ich werde stolpernde Schritte in die feindliche Außenwelt tun, werde versuchen, mich freizuschwimmen und die üblichen Fragen stellen, beim Wachsen und Erwachsenwerden, warum habt ihr, wieso hier und weshalb so anders als die anderen." (S. 62)

"Wenn ich am Abend nicht ruhig liegen kann, endlich schlafen will, komme ich mir vor wie ein Tier ohne Fell. Meine Beine müssen sich bewegen, die Füße unaufhörlich zappeln." (S. 71)

"Nach dem Urlaub trennt er sich von mir, und ich kann es ihm nicht verübeln, habe ich mich doch selbst längst von mir getrennt." (S. 153)

Was mir persönlich etwas zu kurz gekommen ist in diesem Buch, sind weitergehende Erkenntnisse über die umfangreiche Schilderung all des Elends von Lales Aufwachsen unter diesen Umständen hinaus. Ich hätte nämlich gern noch mehr darüber erfahren, wie sie schließlich vielleicht doch den Weg hin zu einer funktionierenden Erwachsenen findet. Stattdessen hätte es nach meinem Geschmack die Hälfte der Vernachlässigungsszenen auch getan, um ein vollständiges Bild davon zu vermitteln. Für mich war es also zu viel Elend und zu wenig Weiterentwicklung in diesem Buch, und dadurch - neben der Sprache - nicht so viel, das es von anderen Werken mit einer ähnlichen Thematik unterscheidet.

Dennoch bewundere ich den Mut, sich aus so einem Hintergrund herauszuarbeiten und die Sprache zu entwickeln, so ein Werk darüber zu verfassen. Für Leserinnen und Leser, die noch nichts zu dieser Thematik gelesen haben, wird es auch sicherlich interessant zu lesen sein.

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Über die Kraft, die aus der Herkunft kommt

Halber Stein von Iris Wolff

"Halber Stein" ist das Romandebüt der vielfach ausgezeichneten deutschen Autorin Iris Wolff. Die Wurzeln der Autorin liegen selbst in Siebenbürgen, sie stammt aus einer deutschsprachigen "sächsischen" Familie in Rumänien und ist als Kind gemeinsam mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert.

In diesem Roman erzählt sie von Friedesine, genannt "Sine", eine fiktive junge Frau, die ein ganz ähnliches Schicksal teilt, als Kind Siebenbürgen für Deutschland verlassen hat, dort nun ihr Studium beendet hat und anlässlich des Todes der geliebten Großmutter Agneta zum ersten Mal nach Jahrzehnten wieder für eine kurze Zeit die alte Heimat besucht. Sine selbst steht an einer Weiche in ihrem Leben, weiß nicht so recht, wohin mit sich beruflich und auch sonst.

Sine kommt in Siebenbürgen an und streift erst einmal herum. Sie begegnet Julian, einem alten Freund aus der Kindheit. Die beiden haben damals miteinander gespielt, nun sind sie in unterschiedlichen Ländern und Welten erwachsen geworden, begegnen einander wieder, nähern sich an, erkunden gemeinsam Sines alte Heimat, dabei entwickelt sich eine zarte, nur angedeutete Romanze zwischen ihnen.

Dieses Buch lebt nicht von großen, dramatischen Ereignissen. Es ist ein stilles, poetisches Buch mit eindringlicher, wunderschöner Sprache, das mich emotional tief mit der mir bisher unbekannten ländlichen Gegend Siebenbürgens verbunden hat, denn es ist voll von detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Hintergrundinformationen über die Region:

"Ich blieb stehen. Das undurchdringliche Blaugrün eines Gletschersees lag vor uns. Die Berge umrundeten ihn im Halbkreis, eine einzelne Wolke hob sich fast senkrecht über der spiegelglatten Oberfläche in die Luft. Büschelweise lila Enzian und Silberdisteln, so weit das Auge reichte. Vereinzeltes Geröll lag übers Gras verstreut, das nicht wie in Michelsberg verdorrt und ausgebleicht die Erde bedeckte, sondern hellgrün leuchtete. Ich hatte mehr noch als unten in der transsilvanischen Ebene das Gefühl, der Herbst habe sich zwischen den Jahreszeiten verloren." (S. 181/182)

Dazu kommen die Erinnerungen an die verstorbene Großmutter und an die Zeit als Kind in der siebenbürgischen Heimat... so viele Erinnerungen sind mit dem alten Haus verknüpft, doch nun wohnt keiner mehr darin, Sines Vater und Onkel haben es geerbt, der eine möchte es behalten, der andere verkaufen.

Immer wieder eingewoben in das Buch sind auch historische Bezüge, wenn der passionierte Hobbyhistoriker Julian, der von einem Geschichtestudium träumt, von der Vergangenheit erzählt und dabei lebendig wird, welchen Herausforderungen die Vorfahren der Siebenbürger Sachsen ausgesetzt waren: "Mit welchem Gefühl baut man ein Dorf wieder auf, nachdem es niedergebrannt wurde? Wie schafft man es, sich wieder am selben Ort anzusiedeln, wenn eine ganze Dorfgeneration versklavt wurde? Nicht aufzugeben, obwohl man in diesem Gebiet so vielen Gefahren und Unwägbarkeiten ausgesetzt war?" (S. 45)

Dann geht es wieder um die etwas jüngere Vergangenheit, um die schwierigen Zeiten unter den Kommunisten, Verschleppung von Deutschsprachigen, aber auch Diskriminierung von ethnischen Rumänen durch diese. Später dann die vielen Deutschsprachigen, die gegangen sind, sobald sie konnten. Zurück bleiben verlassene Felder und geräumige Höfe, Spuren der einst so lebendigen Gemeinschaft in dieser Gegend, und die wenigen, die noch geblieben sind. Es gibt Begegnungen mit Menschen, die Agneta kannten, und oft auch Sine als Kind. Blicke zurück in die Vergangenheit, auf die Großmutter, auf die eigene Herkunft, das eigene Erbe.

Am Ende des Buches ist die Oma begraben und sonst im Außen nicht so viel passiert. Doch zurück bleibt das Gefühl, dass es vielleicht für Sine nun ein bisschen leichter werden kann, sich zu orientieren im Leben. Denn in diesen wenigen, aber tiefgründigen und bedeutungsvollen Tagen in Siebenbürgen hat sie sich wieder tiefer mit ihren Wurzeln und ihrer Herkunft verbunden und wird daraus vielleicht Kraft schöpfen können für den weiteren Weg, den sie nun geht.

Mich hat dieses Buch sehr berührt und mir viel Wissen, aber vor allem auch Gefühl für Siebenbürgen und die deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner dieser Gegend vermittelt, ja, sogar Lust darauf gemacht, diese interessante Gegend zu besuchen und selbst zu erkunden. Es eignet sich insbesondere für Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf ein ruhiges, poetisches und dafür umso tiefgründigeres Buch einzulassen, ohne besonders viel Spannung oder ein schnelles Voranschreiten der Handlung zu erwarten.

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Herkunft, Identität und Klasse im modernen Amerika

Real Americans von Rachel Khong

"Real Americans" wird schon am Cover als herausragendes Werk angepriesen, auch auf der Rückseite und auf den Innenklappen finden sich viele Lobpreisungen, der Verlag vermarktet es unter dem Slogan "Deutschland liest ein Buch". Das wunderschöne Cover mit der Auster macht neugierig, genauso wie der Titel.

Insgesamt weckt das alles hohe Erwartungen an ein außergewöhnliches Werk.

Tatsächlich handelt es sich auch um ein sehr lesenswertes Buch, das viele aktuelle Themen, die insbesondere die USA, aber im weiteren Sinn auch die Welt beschäftigen, behandelt. Es geht um Migration, Herkunft, Identität, Familiengeschichte, soziale Klassen, Macht, Geld und die damit verbundenen Privilegien, um Liebe zwischen Familienmitgliedern, Enttäuschungen, Entfremdung und Verrat, darum, was uns prägt und wer wir sind, wie wir uns innerlich fühlen und was uns von außen zugeschrieben wird. Auch Genetik, Epigenetik und aktuelle ethische Fragen der Biomedizin insbesondere im Bereich Kinderwunsch spielen eine Rolle, ebenso wie das kommunistische China und kulturelle Unterschiede und Normen.

All diesen Themen nähert sich das Buch aus drei Perspektiven an, die nicht chronologisch erzählt sind und jeweils eines der Mitglieder einer chinesisch-amerikanischen Familie ins Zentrum rücken. Die Geschichte beginnt mit Lily Chen, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, als Tochter aus China eingewanderter Eltern, die als Forscher in der Biomedizin-Branche arbeiten und sich erhofft hätten, auch die Tochter würde sich für die Naturwissenschaften begeistern. Doch diese hat sich den eher brotlosen Geisteswissenschaften zugewandt und bis jetzt nach ihrem Studienabschluss nur ein unbezahltes Praktikum in einem Medienkonzern gefundet, sodass sie nach wie vor auf die finanzielle Unterstützung der Eltern angewiesen ist.

Insgesamt ist die Beziehung zwischen Tochter und Eltern, und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung, eine schwierige, hat die Mutter doch im kommunistischen China nicht gelernt, Gefühle offen zu zeigen. Zwar sagt sie der Tochter immer wieder, dass sie diese liebe, denn sie hat gelernt, dass man das in Amerika so macht, doch emotional kommt es bei Lily nicht so ganz an. Auch sonst hat es Lily nicht so leicht: mit ihren asiatischen Gesichtszügen wird sie, obwohl in den USa geboren, perfekt Englisch sprechend und hochgebildet, immer wieder von anderen nicht als ganz vollwertige Amerikanerin, "real American" angesehen und muss so einiges an Diskriminierungen ertragen. In dieser Situation lernt Lily auf einer Firmenveranstaltung Matthew kennen, unendlich reicher Erbe eines Pharmaimperiums, und die zwei verlieben sich ineinander, doch Lily leidet darunter, das Gefühl zu haben, in Bezug auf ihre Klasse und gesellschaftliche Position so weit unter ihrem Partner zu stehen, und unter dem Machtgefälle, das das mit sich bringt.

So ist es auch nicht ganz verwunderlich, dass wir im zweiten Teil Lily als alleinerziehende Mutter ihres Sohnes Nick kennen lernen und diesen Teil vor allem aus Nicks Perspektive erleben. Lily hat Nick von allen technologischen Errungenschaften unserer Zeit ferngehalten, er wächst ohne Handy, Computer und E-Mail auf, hat nur einen einzigen Freund, fühlt sich als Außenseiter und versucht verzweifelt, herauszufinden, wer sein Vater sein könnte. Auch Nick hat mit den Zuschreibungen anderer Menschen zu kämpfen, aber ganz anders als Lily: er kommt äußerlich sehr nach seinem kaukasisch-weißen Vater, in seinen Gesichtszügen ist trotz chinesischstämmiger Mutter nichts Asiatisches zu entdecken und insbesondere später am College, in einer Zeit, in der es so wichtig wird, sich über die eigene Ethnizität zu identifizieren, wird ihm sein asiatisches Erbe immer wieder von anderen abgesprochen, was seine Orientierungslosigkeit und sein Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit verstärkt.

Im dritten Teil lernen wir schließlich noch die Perspektive von Mai, Lilys Mutter, kennen, die im kommunistischen China aufgewachsen ist, einiges an Entbehrungen unter Mao miterleben musste, in China Naturwissenschaften studiert hat und schließlich auf dramatische Art und Weise das Land verlassen und in die USA auswandern konnte. Insbesondere dieser Teil war für mich sehr interessant zu lesen, weil ich so einiges Neue über Chinas Vergangenheit lernen konnte und auch einen erweiterten Blick darauf bekommen habe, was für eine Herausforderung es für Auswanderer aus dieser Kultur bedeuten kann, in den USA neu Fuß zu fassen und wie bemerkenswert gut das viele von ihnen trotzdem hinbekommen haben.

Insgesamt war das Buch für mich sehr interessant zu lesen. Am Anfang habe ich ein bisschen gebraucht, um in die Geschichte reinzukommen bzw. hat sie für mich umso mehr Tiefe entfaltet, je weiter die Erzählung vorangeschritten ist und die Charaktere aus den verschiedenen Generationen der Familie vorgestellt wurden. Auch die Familienbeziehungen haben durch die verschiedenen Perspektiven für mich an Reichhaltigkeit dazu gewonnen. Es war ein spannendes und unterhaltsames Leseerlebnis, mit einigen überraschenden Wendungen und tiefgreifenden Fragen zu vielfältigen Themen, die zum Nachdenken und Diskutieren anregen.

Streckenweise gab es Abschnitte, die mich etwas weniger interessiert haben als die anderen, das war insbesondere am Anfang beim langen Kennenlernen von Lily und Matthew der Fall und später während Nicks ausführlich geschilderten Collegeerfahrungen. Bei manchen Details im Bereich Biogenetik war ich mir auch nicht ganz sicher, wie realistisch die im Buch beschriebenen Szenarien sind. Sprachlich empfand ich das Buch als solide, aber nicht außergewöhnlich.

Ausgeglichen wurden diese kleinen Mängel aber durch die gelungene Verflechtung vieler spannender, zeitgenössischer Themen und ein insgesamt unterhaltsames und vielseitiges Buch, das bestens zum aktuellen Zeitgeist passt und interessante Debatten dazu inspirieren kann.

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Humorvoll, tragisch, voller Weisheit und zu Tränen rührend - lesen!

Zugwind von Iryna Fingerova

Auf dem Buchumschlag steht "Roman" und es geht im Buch um die fiktive jüdisch-ukrainische Ärztin Mira Zehmann, die seit einigen Jahren in Deutschland lebt und praktiziert. Doch unschwer lassen sich viele Parallelen zwischen der Autorin und ihrer Romanheldin erkennen: auch die Autorin ist jüdisch-ukrainischer Abstammung, hat in der Ukraine Medizin studiert, in Deutschland Prüfungen abgelegt, um ihre Qualifikation anerkennen zu lassen und arbeitet nun als Hausärztin in Dresden.

Somit ist anzunehmen, dass so manches aus dem Buch autobiographisch inspiriert sein könnte oder das Buch zumindest einen autofiktionalen Einschlag hat. Verfasst hat Iryna Fingerova das Buch im Original zum Teil auf Ukrainisch und zum Teil auf Deutsch, diese Ausgabe hier ist natürlich ausschließlich Deutsch.

In vielen kleinen Episoden berichtet Mira Zehmann aus ihrem Leben in Deutschland, aus ihrer Arbeit als Hausärztin, Zeit mit ihrer Familie und einer gefährlichen Reise in ihre Heimatstadt Odesa. Sie ist eine unglaublich toughe, ehrgeizige und hart arbeitende junge Frau, hat es mit Ende 20 schon zur Hausärztin geschafft, und das in einem fremden Land und einer fremden Sprache, und eine kleine Tochter hat sie auch noch.

Mira ist noch vor dem Ukrainekrieg nach Deutschland ausgewandert, doch natürlich lässt sie der in der alten Heimat tobende Krieg ganz und gar nicht kalt und sie wird auch jeden Tag durch die Medien, durch ihre vielen russischen und ukrainischen Patientinnen und Patienten und durch zurück gebliebene Verwandte und Bekannte damit konfrontiert. Später kommt auch noch der Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg als weitere Belastung hinzu.

Das Buch lebt davon, dass wir Mira durch ihren Alltag als Ärztin begleiten: es ist voll von Begegnungen mit Menschen in ihrer Arztpraxis, alles vor dem Hintergrund der Kriege. Ich habe mich Mira durch diese Alltagsbegegnungen sehr nahe gefühlt und war tief berührt von ihrer Resilienz, aber auch von ihren Emotionen: durch das Buch zieht sich die titelgebende Metapher des Zugwindes, der sich bei Mira eingenistet habe, seit der Krieg begonnen hat. Ein Frösteln, ein Wind, den sie in sich spürt, selbst wenn alle Fenster eigentlich dicht geschlossen sind und es eigentlich keinen Zugwind geben sollte:

"Es kam vor, dass sich mein Leben abrupt änderte, als würde ein Pflaster von der Wunde gerissen. Kurz und schmerzlos. Aber nie zuvor hatte sich ein Zugwind in mir eingenistet."

Die junge Autorin besitzt ein großes Talent für Sprache und ein Gefühl dafür, prägnant, treffend und berührend zu formulieren:

"Im Winter 2022 zogen Idealisten in den Tod. Schriftsteller, Ärzte, Journalisten, Ingenieure. Junge, leidenschaftliche, hingebungsvolle Menschen, die mit Geschichten darüber aufgewachsen sind, dass jeder Voldemort am Ende in Flammen aufgeht."

Ich habe dieses Buch als Hörbuch gehört, gesprochen von Lisa Hrdina. Mir hat die Modulation und Interpretation der Sprecherin sehr gut gefallen, sie wirkte auf mich sehr authentisch für dieses Buch und ich hatte den Eindruck, dass auch die ukrainischen, russischen und hebräischen Begriffe richtig ausgesprochen wurden. Ich kann es also auch in dieser Variante sehr empfehlen.

Insgesamt ist es ein sehr berührendes Buch, das einem die Kriege der letzten Jahre und die davon betroffenen Menschen noch einmal auf eine ganz neue, eindringliche Art und Weise näher bringt und dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche!

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Humorvolle, warmherzige Unterhaltung für entspannte Stunden

Einatmen. Ausatmen. von Maxim Leo

Marlene ist das Klischee einer kalten Karrierefrau, wie sie im Buche steht: ambitioniert, hart arbeitend und unempathisch hat sie es fast bis an die Spitze des Unternehmens geschafft. Ihre Erfolge werden respektiert, ihre scharfen Bemerkungen sind gefürchtet, für Sensibilitäten hat sie kein Verständnis.

Doch genau das steht ihr nun im Wege: den angestrebten Höhepunkt ihrer Karriere, Vorstandsvorsitzende zu werden, kann sie nur erreichen, wenn sie sich auf Wunsch ihres scheidenden Chefs auf ein zweiwöchiges Achtsamkeitstraining einlässt und sich danach zeigt, dass sie bereit ist, an ihrer Persönlichkeit zu arbeiten. Denn wenn sich weiter ständig alle Mitarbeiter über sie beschweren, ist sie in der heutigen Zeit in so einer Position nicht tragbar.

Und so landet Marlene auf einem Schloss, das ein nach außen hin strahlender, aber innerlich ebenfalls mit seinen Herausforderungen kämpfender Coach gemietet hat und lässt sich erst einmal nur sehr unwillig auf die Coaching- und Gruppenangebote ein. Doch im Laufe der zwei Wochen wird es zu allen möglichen amüsanten Fügungen und Wandlungen kommen, die nicht nur bei Marlene einen tiefgehenden Wandlungsprozess auslösen werden.

Es handelt sich hier klar um ein Werk der humorvollen Unterhaltung. Als solches ist es aber bestens gelungen. Das Buch liest sich mit Leichtigkeit und Freude, ich bin nur über die Seiten hinweggeflogen beim Lesen und es hat mir ein paar sehr vergnügliche Lesestunden bereitet.

Die Geschichte ist voll von eigenwilligen, aber doch auf ihre Weise sympathischen Charakteren, die beim näheren Hinblicken alle das Herz an der rechten Stelle tragen: neben den beiden schon erwähnten gibt es etwa einen studierten Hausmeister, der sich in diese Position zurückgezogen hat und sich um seine sterbende Mutter kümmert, ein Teenager-Mädchen, das von zu Hause weggelaufen ist und nach liebevollen Erwachsenen sucht, ein Protestcamp gegen die Rodung eines Waldstücks und so einige wild gewordene Waldtiere.

Dabei regt das Buch bei aller Leichtigkeit aber auch zum Nachdenken darüber an, was im Leben wirklich wichtig ist, wie wir Sinn finden können und wie sich ein Ausgleich zwischen Verstand und Gefühlen finden lässt, nimmt dabei liebevoll die Achtsamkeits- und Coachingsszene auch etwas aufs Korn, ohne sie komplett zu verreißen.

Insgesamt hat mir das Buch nicht nur schöne Lesestunden beschert, sondern auch ein warmes Gefühl im Bauch beschert und ich habe es mit einem Lächeln zugeschlagen. Ich kann es allen empfehlen, die ein leichtfüßiges und dabei aber nicht banales, sehr unterhaltsames Buch für eine angenehme Zeit suchen.

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Von Liebe keine Spur

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen von Christien Brinkgreve

Christien Brinkgreve hat lange Jahre als Soziologieprofessorin an niederländischen Unis geforscht und gelehrt und ist nun in Rente. Wie jeder nach 3 Sekunden googeln herausfinden kann, war ihr verstorbener Mann Arend Jan Heerma van Voss. Da nützt es auch nichts, dass sie diesen in diesem autobiografischen Rückblick mit A.

abkürzt, anonym wird so eine wahre Geschichte über ein öffentlich bekanntes Paar nicht sein.

Nun ist A. also verstorben und Christien blickt auf ihr Leben und auf die Beziehung mit ihm zurück. Leider lässt sie dabei kaum ein gutes Haar an ihm: durch ihre Augen erleben wir einen ziemlich unsympathischen Mann, der von ihr gefordert hatte, ihr eigenes Haus zu verkaufen, der für die unangenehme Atmosphäre in dem neuen gemeinsamen Haus von ihr als hauptverantwortlich angesehen wird und der sie auch in ihrem Selbstwert eher schwächt und sie beruflich nicht unterstützt. Warum das Buch "Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen" heißt, ist mir ein Rätsel, denn von Liebe war für mich zumindest von Seiten der Autorin im Rückblick auf ihren verstorbenen Mann für mich wenig zu spüren.

Sich selbst betrachtet die Autorin weit weniger kritisch und man hat fast den Eindruck, als ob ihr ihre bemerkenswerte Karriere als Soziologieprofessorin mit Schwerpunkt auf Geschlechterbeziehungen gegen alle Widerstände gelungen wäre. Am interessantesten waren für mich noch die Einblicke in die frühe Zeit der Frauenberufungen auf Professuren und darauf, wie wenig Platz für die Verbindung von Mutterschaft und Karriere war, damals wohl noch ein Stück mehr als heute:

"Musste man sich als arbeitende Frau aller Kinderspuren entledigen, zerstörte mna mit Brei auf der neuen Bluse das sorgfältig aufgebaute Image innerhalb der männlichen ARbeitswelt? Sollte man bei der Frage nach einem Kinderwunsch, die bei Bewerbungsgesprächen unverfroren gestellt wurde, lügen? Man konnte beides kombinieren, Kinder und Arbeit, das war ein Gewinn, aber es waren die Frauen, die sich verbiegen und ihre wichtigsten Eigenschaften zurückstellen mussten, um das zu bewerkstelligen." (S. 59)

Zu diesem Thema gibt es einige durchaus interessante Reflexionen und historische Einblicke. Den Großteil nimmt allerdings der Rückblick auf die Beziehung zu ihrem verstorbenen Mann ein, und dieser ist, wie gesagt, in vielem sehr gnadenlos. Wie der Verstorbene wirklich war, können wir Lesenden nicht beurteilen. Ich wünsche aber keinem, das auf so eine Art öffentlich auf ihn zurückgeblickt wird. Fast schon fühlt sich das Buch für mich wie eine späte Rache einer verbitterten Frau an, wofür auch immer.

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Jüdisch sein in Mitteleuropa nach dem 7. Oktober 2023

Balagan von Mirna Funk

Amira ist aus einer jüdischen Familie, die in Berlin lebt. Sie ist Anfang 30 und hat es nicht leicht mit der Welt, und die Welt hat es nicht leicht mit ihr. Ihr Vater Wolf hat sich das Leben genommen, als sie gerade eingeschult wurde, Mutter Nina ist pünktlich mit der Volljährigkeit der Tochter nach Israel abgehauen.

Auch zur restlichen Verwandtschaft gibt es keine sonderliche gute Beziehung. Geschäftstüchtig und fleißig ist die junge Frau durchaus, hat ein erfolgreiches Online-Magazin gegründet, das aber nun auch die besten Zeiten hinter sich hat. Speziell seit dem Hamas-Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, der Geiselnahme und den darauffolgenden Bombardierungen des Gaza-Streifens fühlt sich Amira als Jüdin in Deutschland auch immer weniger wohl und hat den Eindruck, dass Antisemitismus immer salonfähiger wird, speziell in den kunstaffinen, politisch linken Kreisen, in denen sie sich bewegt.

Viele Belastungen im Leben einer jungen Frau. Und so irrt Amira durch ihr Leben, sauft sich regelmäßig an, nimmt Drogen, schläft mit verschiedenen Männern parallel und macht sonst so einige unreife Dummheiten, ist auch zu guten Freunden oft ruppig, schroff und unzuverlässig und insgesamt eine ziemlich unreife und selbstbezogene Persönlichkeit.

Wirklich geliebt gefühlt hat sich Amira von ihrem Opa Max Altman, der ein Vaterersatz für sie war und immerhin über 100 Jahre alt geworden ist... doch nun ist er verstorben. Amira trauert tief und muss sich gleichzeitig mit dem Erbe befassen. Während sie noch tief trauert, ist die Verwandtschaft schon dabei, eilig Post-Its mit der eigenen Farbe in der Wohnung des verstorbenen Großvaters auf Gegenständen zu verteilen, um Besitzansprüche zu markieren. Dann wird bekannt, dass die verschollen geglaubte Kunstsammlung der Altman-Familie doch schon seit langem wieder im Besitz des Großvaters war und er diese an Amira alleine vererbt. Der geschätzte Wert liegt im dreistelligen Millionenbereich. Amira ist mit dieser Nachricht völlig überfordert und verhält sich so, wie es ihrer unreifen Persönlichkeit entspricht: sie postet erst einmal im besoffenen Zustand ein Selfie von sich mit einem der Kunstwerke auf Instagram. So erfährt die restliche Verwandtschaft gleich davon, ist empört und will den eigenen Anteil am Vermögen einklagen (schließlich gibt es in Deutschland juristisch ein Recht auf einen Pflichtteil für nahe Verwandte), dazu stürzen sich die Medien auf das Thema. Amira muss einige weitreichende Entscheidungen treffen und ist einmal sehr überfordert, ihre Persönlichkeitsentwicklung kann nicht so schnell mit dem neuen Vermögen Schritt halten.

In diesem Buch begleiten wir also diese verlorene, unreife junge Frau dabei, wie sie mit diesem unerwarteten Erbe umgeht. Der Charakter Amiras ist konsistent gezeichnet und sie verhält sich gemäß ihrer Persönlichkeit: impulsiv und wenig durchdacht, was natürlich alle möglichen Komplikationen und Probleme nach sich zieht. Am interessantesten war es für mich, über diesen Roman ein Bild davon zu bekommen, um wie viel schwieriger es seit 2023 geworden sein könnte, sichtbar in Deutschland jüdisch zu sein und in was für eine schwierige Position ständigen Rechtfertigungsdrucks in Bezug auf Israels Aktionen alle jüdischen Menschen seitdem geraten sind. Dass sich manche oder viele von ihnen dadurch noch weniger heimisch in Mitteleuropa fühlen als schon davor. Und dass selbst gut gemeinte Erinnerungsaktionen bei manchen etwas anderes auslösen können als intendiert: etwa die "Stolpersteine", die zwar der Ermordeten gedenken, aber auch Angst machen können, weil sie daran erinnern, was möglich war und jederzeit wieder geschehen könnte.

Die Handlung spielt sich an mehreren Orten ab: Berlin, Genf und dann Tel Aviv und weitere Orte in Israel. Auch in Israel wird spürbar, wie viel sich seit dem 7. Oktober verändert hat: nicht nur sind die Sicherheitsvorkehrungen überall stärker geworden, sondern das Gedenken der Ermordeten und die Forderung nach Freilassung der Geiseln sind auch überall präsent, dazu sieht man laufend Militärflugzeuge Richtung Gaza fliegen oder von dort zurückkehren. Von all diesen schweren Themen muss sich Amira regelmäßig ablenken, deshalb nehmen Alkohol, Drogen und auch ausführlich und bis ins Detail geschilderte Sexszenen mit mehreren Männern auch recht viel Raum ein in diesem Buch.

Immer wieder geht es aber auch um Resilienz und Überlebensfähigkeit, um Weisheiten aus dem Judentum und die Herkunft mancher hebräischer Wörter, aber vor allem um die Widerstandskraft des jüdischen Volkes. Dabei kommen auch so einige Fachbegriffe und hebräische Begriffe vor, die nicht alle im Detail erklärt werden (hier wären ein paar Fußnoten oder Anmerkungen dazu gut gewesen). Es lohnt sich also für ein vollständiges Verständnis dieses Buches, schon einiges an Vorwissen zum Thema Judentum mitzubringen oder die Bereitschaft zu haben, parallel zur Lektüre in weiteren Quellen dazu nachzulesen. Zusätzlich schwingt auch einiges an Abgeklärtheit bis Enttäuschung und Desillusionierung in Bezug auf die Deutschen und ihre heutige Haltung zu Juden und Israel mit.

Insgesamt ist es ein spannend erzähltes und nachdenklich machendes Buch, das ich allen, die kein Problem mit einer nicht sonderlich reifen, nicht sehr sympathischen und promiskuitiven Hauptfigur haben, und sich für aktuelle Themen Israels und des Jüdisch-Seins in Deutschland interessieren, jedenfalls empfehlen kann.

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Viele neue Blicke aufs Liefern

Liefern von Tomer Gardi

Insbesondere in den urbanen Ballungszentren rund um den Globus sind sie überall präsent: die Männer, manchmal auch Frauen, auf ihren Fahrzeugen, die sich durch den Verkehr schlängeln und versuchen, möglichst schnell warme Speisen oder frische Lebensmittel zuzustellen. Denn eine schnelle Lieferung sorgt für zufriedene Kunden und gute Bewertungen, und außerdem kann man dann rasch den nächsten Auftrag annehmen, denn viel bekommen sie pro Lieferung ja kaum bezahlt.

Es ist eine prekäre wirtschaftliche Existenz, oft sozial wenig abgesichert, dem Verkehr, der Wetterlage und den Gefahren der Großstadt ausgesetzt, und unter ständigem Druck zu arbeiten, in der Hoffnung auf eine gute Bewertung und ein bisschen Trinkgeld.

Der Autor Tomer Gardi hat für diesen Roman jahrelang recherchiert. Gelungen ist ihm ein vielfältiges Kaleidoskop der universalisierbaren Erfahrungen rund ums Liefern. In diesem Episoden- oder Kollektivroman lernen wir verschiedene Charaktere rund um den Globus kennen, deren Leben zum Teil lose miteinander verflochten sind. Da gibt es Filmon, der aus Eritrea nach Israel geflüchtet ist, während seine Partnerin Daniat und die gemeinsame Tochter es nach Deutschland geschafft haben. Der versucht, über Videotelefonate die Verbindung und ein bisschen Intimität mit Daniat aufrechtzuerhalten und seine bald jugendliche Tochter noch nie live gesehen hat, seit er sich von seiner schwangeren Partnerin trennen musste, um das Land zu verlassen. Um in Israel als Lieferfahrer arbeiten zu können, muss er erst einmal beim Vermittler Shai, der kräftig mitkassiert, einen gefälschten Account dafür kaufen, denn die Wartezeiten, um regulär als Fahrer aufgenommen zu werden, sind bei den Lieferdiensten lang und unkalkulierbar.

In Delhi wartet eine Familie aus einer besser gestellten Sozialschicht auf die bestellten Burger, die nicht kommen, weil die Fahrerin Sachin - eine mutige Alleinerziehende, die von ihrem Mann verlassen wurde und sich auf diese Weise durchschlägt - einen Unfall hat, der wiederum das Leben von Nina aus Deutschland, die gerade im Rahmen ihres Studiums ein paar Wochen in Indien verbringt, dauerhaft verändern wird.

Die bisher erwähnten Personen sind nur ein paar der vielfältigen Charaktere und Perspektiven, die dieses Buch prägen. So tauchen wir beim Lesen immer wieder tief in das Leben einer Person ein, begleiten sie in ihrem rasanten Lieferalltag mit ein bisschen Privatleben drumherum und beginnen, mit ihr mitzufühlen, bis es dann auch schon um die nächste Region und eine neue Perspektive geht... doch insgesamt einen sie alle die Herausforderungen dieser Tätigkeit, die rund um den Globus oft von Menschen am Rande der Gesellschaft ausgeübt wird.

Das bunte Kaleidoskop an Perspektiven, das dabei entsteht, zeigt sehr gut die Universalität der Erfahrung prekärer Arbeit in diesem Bereich auf, genauso wie Klassenunterschiede, die oft von den Mächtigeren ausgenützt werden, und aber auch, was die Arbeit für manche "Rider" und insbesondere "Riderinnen" noch schwieriger oder gefährlicher macht als für andere: beispielsweise für solche ohne legalen Aufenthaltsstatus oder für Frauen, die noch einmal mehr den Gefahren gewalttätiger Übergriffe ausgesetzt sind, wie sich z.B. hier an Sachins Beispiel in Delhi zeigt:

"Alle Riders wussten, welches die gefährlichen Orte waren, und keiner wollte dorthin. Die Bestellungen wurden von einem Algorithmus an die Lieferanten verteilt, es war also reine Glückssache, eine Art Russisch Roulette. Technisch war es möglich, eine Lieferung abzulehnen, und ab und zu tat Sachin das auch, wenn sie die Gefahr manchmal nicht ertragen konnte oder wenn sie spürte, dass Vivaan an dem Tag besonders verletzlich war und sie ihn nicht in noch größere Ängste stürzen wollte. Aber jede Ablehnung einer Bestellung bedeutete einen automatischen Punktabzug auf der Bonanza-App und eine mögliche Senkung ihres Rankings. Für dieselbe Fahrt bekam ein Gold Status Rider dreimal so viel Geld wie einer auf Blue." (S. 99)

Interessant ist, dass sich in der Mitte des Buches ein längeres Kapitel findet, das der Autor im Gegensatz zum Rest des Buches ursprünglich in seiner Muttersprache Hebräisch verfasst hat und das für dieses Buch übersetzt wurde: dieses spielt in Istanbul und es geht unter anderem um Haartransplantationen, aber auch hier findet sich natürlich wieder ein Bezug zu den Riders und zu prekären Arbeitsbedingungen im Allgemeinen.

Insgesamt ist ein großes Kunstwerk entstanden, in dem es gelingt, so vielfältige und dabei oft universalisierbare Erfahrungen rund ums Liefern zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzuweben. Es ist aber durchaus ein anspruchsvolles Buch, das auch aufgrund der vielen Charaktere und Ortswechsel einiges an Aufmerksamkeit beim Lesen braucht. Geendet hat es für mich etwas abrupt und offen, hier hätte ich mir eine stimmigere Zusammenführung einiger offener Stränge gewünscht, aber das war vielleicht gar nicht die Intention des Autors.

Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und auch einige Wochen nach der Lektüre schwingt es bei mir emotional nach und hat meinen Blick auf die "Riders" und deren Lebensrealitäten stark erweitert. Ich kann das Buch allen, die bereit sind, Zeit und Energie in ein interessantes, aber durchaus forderndes Werk zu investieren, um ihre Perspektive aufs Liefern zu verändern, jedenfalls empfehlen.

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Interessanter Ansatz zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance

Work Life Remix. von Carsten Meier; Nina Meier-Hahasvili; Gregor Kalchthaler

Die Autoren, zwei Männer und eine Frau, kennen sich noch aus dem Studium und betreiben seit Jahren erfolgreich die New-Work-Agentur "Intraprenör" in Berlin, mit der sie Organisationen zu modernen Arbeitsmodellen beraten. Nun haben sie, basierend auf ihrer Leidenschaft zur Musik, dieses unkonventionelle Arbeitsbuch zur Neubetrachtung der eigenen Work-Life-Balance herausgebracht.

Durch das ganze Buch ziehen sich konsequent Metaphern aus der Musik: so heißen die Kapitel etwa Sound, Break, Mischpult, Remix oder Synthesizer. Inhaltlich beginnt es zuerst mit einer Einführung in Konzepte der New Work und den Einfluss aktueller Zeittrends und der Pandemie-Zeit.

Nach dem ersten Drittel des Buches geht es mit "Mischpult" praktisch weiter und die Einladung zur Analyse der eigenen Work-Life-Balance beginnt. Die Dimensionen, anhand denen diese analysiert wird, heißen "Raum" (hier geht es um Arbeits- und Lebensorte, einen oder mehrere oder mobiles Arbeiten), "Takt" (etwa die Grade an Freiheit und Selbstbestimmung bei der Einteilung der Arbeit oder des Alltags), "Arrangement" (Routinen und Struktur), "Bass" (Verpflichtungen und Abläufe) und "Echo" (Sozialkontakte und Resonanzquellen).

Dazu gibt es jeweils Tabellen, um sich einzuordnen und der eigenen Arbeit und dem eigenen Leben eine Stufe zuzuordnen. Basierend darauf kann dann in späteren Kapiteln analysiert werden, wie die jeweiligen Stufen zueinander passen und ob und welche Veränderungen man im eigenen Leben, beruflich wie privat, gerne vornehmen würde.

Dafür finden sich weiter hinten im Buch noch viele praktische Übungen, die in ähnlicher Form auch aus anderen Coachingformaten bekannt sind, z.B. ein Work-Life-Journal oder der Song des Tages, sowie, nach Analysekategorie eingeteilt, Ideen für kleine Schritte zur Veränderung des beruflichen und privaten Alltags.

Es ist ein ungewöhnlicher und neuartiger Ansatz, Arbeit und Leben auf diese Art und Weise zu betrachten. Das hat mir einerseits gefallen, weil es dadurch Möglichkeiten für ganz neue Blickwinkel darauf öffnet.

Andererseits hat es mir aber auch beim Lesen einiges an Konzentration abgefordert, dass die Musikmetaphern so omnipräsent waren - vielleicht hat das aber auch mit mir als Leserin zu tun, die mit der Musikwelt sicher weniger vertraut ist als die Autoren. Ich finde, man merkt dem Buch auch ein bisschen an, dass die Autoren vermutlich meistens mit Gruppen in Organisationen arbeiten und weniger mit Einzelpersonen.

Bei vielen der Übungen hatte ich das Gefühl, dass ich diese zwar alleine machen könnte, mich aber vom Buch nicht so richtig dazu eingeladen fühle, und sie angeleitet in einer Gruppe stärker ihre Wirkung entfalten würden. Gefehlt hat mir auch ein bisschen der tiefere Blick abseits der Strukturen, z.B. auf die Werte, die einen im Leben anleiten.

Insgesamt ist es aber jedenfalls ein originelles und interessantes Buch, das ich jenen empfehlen kann, die einen unkonventionellen und gleichzeitig analytischen Zugang schätzen und für sich selbst oder für die berufliche Arbeit mit Gruppen neue Tools zur Analyse und Veränderung der eigenen Work-Life-Balance suchen.

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Sehr unterhaltsam und gleichzeitig wissenschaftlich fundiert

Resilienz - Zwischen Coach und Couch von Henrik Walter

Dieses unterhaltsame und gleichzeitig wissenschaftlich fundierte Sachbuch beginnt gleich mit einem persönlichen Bekenntnis des Autors: er möge keine Ratgeber. Denn diese würden einem immer nur das gleiche über ein gesundes Leben erzählen: Allgemeinplätze, die jeder kenne, aber an die sich dann doch kaum jemand halten würde.

Und so ist es sein Bestreben, ein unterhaltsames Buch zu verfassen, in dem man gleichzeitig wissenschaftlich fundiert und praxisnah viel Neues über Resilienz erfährt. Es ist ihm gelungen!

Als Klinische Psychologin kenne ich so einiges an Literatur in diesem Bereich. Dieses Buch kann ich wirklich empfehlen, denn es ist die perfekte Mischung aus interessanter Lektüre, bei der auch Fachpersonen noch so einiges Neues lernen können, Praxisnähe und Zugänglichkeit.

Zum Einstieg geht der Autor darauf ein, welche psychischen Erkrankungen es überhaupt gibt, wie diese diagnostiziert und eingeteilt werden, aber auch, wie stark diese jeweils durch Genetik, Epigenetik und Umweltfaktoren beeinflusst werden. Es wird deutlich, wie verbreitet psychische Erkrankungen in der Gesamtbevölkerung sind und dass die allermeisten Menschen irgendwann in ihrem Leben selbst oder in ihrem nahen Umfeld mit diesem Thema konfrontiert werden. Aber auch, dass selbst eine Neigung zu einer psychischen Krankheit nicht ausschließt, dennoch insgesamt in vielen Bereichen ein glückliches Leben führen zu können, hierzu stellt der Autor ein sehr interessantes mehrdimensionales Modell vor.

Im Hauptteil des Buches geht es schließlich um die Faktoren der Resilienz, beginnend mit dem Ansatz der Positiven Psychologie (einschließlich der Kritik daran) über resilienzstärkende individuelle Charakter- und Signaturstärken (z.B. Fairness, Liebe, Humor,... hier gibt es auch einen Link zu einem kostenlosen Selbsttest im Internet) bis zum Sinnerleben, etwa dadurch, nicht nur ein glückliches Leben leben zu wollen, sondern etwa auch das Ziel zu haben, etwas beizutragen oder viele unterschiedliche Erfahrungen zu machen, um Weisheit zu erlangen. Auch das Leib-Seele-Problem und moderne Ansichten dazu, Stichwort Neurobiologie der Resilienz, sind Thema. Das Buch schließt mit vielen praktischen Tipps zum Thema psychisch gesund bleiben bzw. psychisch gesünder werden ab.

Es ist ein bestärkendes und positives Buch, das dabei unterstützt, sich selbst besser kennen zu lernen und zu überlegen, welche Faktoren man in sich trägt oder entwickeln möchte, um ein individuell gutes und möglichst gesundes Leben zu haben - aber auch voll mit Anregungen, andere Menschen dabei zu unterstützen. Eines der Bücher, die ich gerne dauerhaft in meinem Bücherregal als Begleiter haben möchte, um immer wieder mal nachzuschlagen.

Ich kann das Buch allen interessierten Fachkräften aus den Bereichen Psychologie, Psychotherapie, Medizin und Pflege wärmstens empfehlen. Aber auch gebildete Laien können mit diesem zugänglichen und interessant geschriebenen Buch sicher viel anfangen. Leseempfehlung!

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