Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Eternal-Hope:

Starker Start, dann leider enttäuschend

Crushing von Genevieve Novak

Marnie hat genug von Beziehungen. Sie ist 28 und hat das letzte Jahrzehnt damit verbracht, zu versuchen, den Richtigen für eine Langzeitbeziehung zu finden. Doch damit ist sie fulminant gescheitert, wieder und wieder wurde sie verlassen. Dabei hat sie in den Beziehungen sich selbst verloren, sich jeweils wie ein Chamäleon dem Mann und seinen Hobbys und Interessen angepasst, seine Ansichten und seinen Freundeskreis übernommen, und bei einer Trennung alles davon wieder verloren.

So steht sie mit Ende 20 unglücklich und alleine da, arbeitet unambitioniert als Kellnerin in einem Café und fragt sich, wohin ihr Leben führen soll und wer sie überhaupt ist. Sympathisch ist, dass Marnie einen spritzigen Humor und eine Menge Selbstironie hat, das hat mich am Anfang des Buches sehr begeistert und bei der Stange gehalten. Gefallen hat mir auch Marnies Beziehung zu ihrer älteren Schwester, die verheiratet ist und ein kleines Kind hat. Hier wird humorvoll und gleichzeitig realistisch der Alltag einer jungen Mutter mit allen Höhen und Tiefen aufgezeigt, sodass deutlich wird, dass auch hier nicht alles nur rosarot ist. Auch eine recht schöne Freundschaft zu einer Mitbewohnerin baut Marnie auf.

Die Frauen und ihre Beziehungen zueinander, das ist eindeutig für mich eines der Highlights dieses Buches und das waren auch die tiefgründigen und nachdenklich machenden Stellen für mich.

Tja, und dann gibt es Isaac. Er ist... Achtung, Klischee! - natürlich sehr groß, sehr attraktiv und arbeitet im Finanzbereich. Besonders hell wirkt er auf mich nicht, sympathisch auch nicht wirklich. Und er ist in einer Beziehung, flirtet aber mit Marnie, und diese freundet sich mit ihm an, eigentlich platonisch, aber natürlich mit der Hoffnung auf Mehr. Am Anfang gibt es durchaus coole, spritzige und lustige Dialoge zwischen den beiden, die auf einer Wellenlänge zu sein scheinen. Aber letztendlich hat mich die Weiterentwicklung dieser Geschichte, ohne hier Details spoilern zu wollen, nur genervt, und letztendlich fand ich sie flach und oberflächlich. Insbesondere in der zweiten Hälfte hat mich das Buch deshalb inhaltlich etwas verloren. Auch die Identitätssuche und Selbstfindung Marnies ist mir insgesamt deutlich zu kurz gekommen.

Fazit: eine gute Idee, aus der man mehr machen hätte können. Ein humorvoller, spritziger Schreibstil. Ein Buch, das unterhält und sich leicht und schnell liest. Aber leider weniger Tiefgang und Entwicklung, als ich mir gewünscht hätte.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Ein persönliches Mitmach-Experimentier-Buch

Spielen von Karen Köhler

Gehen wir spielen! Experimentieren wir mehr in unserem eigenen Leben! Tun wir Dinge, die wir noch nie getan haben: einen neuen Weg ausprobieren, neue Geschmäcker probieren, sich auf vielfältige Art und Weise mal ganz anders verhalten als bisher! Dazu möchte dieses außergewöhnliche Buch von Karen Köhler einladen.

Es ist kein normales Sachbuch, in dem man auf theoretischer Ebene etwas übers Spielen liest, auch wenn man in den einzelnen Kapiteln durchaus wie nebenbei so einiges darüber lernt, was Spielen sein könnte: Spiel. Ausprobieren. Experimentieren. Neugierde. Wettbewerb. Offenheit für neue Erfahrungen. Lernen. Und noch so vieles mehr.

Die Autorin hat das Buch zum Teil während eines Indienaufenthalts geschrieben und das merkt man auch. Immer wieder lässt sie Erfahrungen aus dem persönlichen Leben und aus ihrer Reise einfließen: etwa zur inneren Haltung, als sie fast ihren Anschlussflug verpasst hätte, aber auch sonst zu Themen wie Achtsamkeit und Im-Moment-Sein.

Jedes Kapitel beginnt mit einigen persönlichen Gedanken der Autorin zu dem jeweiligen Aspekt des Spielens, z.B. "Spaß und Vergnügen", "Lernen und Entwicklung", "Stressabbau und Entspannung", "Soziale Bindung" oder "Kreativität und Fantasie".

Hier ein Beispiel zum Schreibstil, der persönlich, nahbar und zugänglich ist: "Spielen und Kreativität sind direkt miteinander verknüpft. Wenn wir das Leben spielen wollen, ist Kreativität der Schlüssel zu allem. Bleiben Sie bitte dran, egal, für wie wenig kreativ Sie sich halten. Ich glaube: Jeder Mensch ist per Anlage ein kreatives Wesen." (S. 130)

Nach diesen persönlich-theoretischen Einführungen finden sich am Ende des Kapitels Anregungen zum Spielen auf unterschiedlichen Levels, z.B. "Essen Sie einen Tag lang nur Lebensmittel einer Farbe", "Essen Sie eine Hauptmahlzeit mit den Händen" (ja, Essen und generell Sinnliches spielt eine große Rolle in diesem Buch), "Basteln Sie ein Origamitierchen und platzieren Sie es an einem öffentlichen Ort" oder "Porträtieren Sie eine andere Person, ohne auf das Papier zu sehen und ohne den Stift abzusetzen".

Dabei versucht die Autorin ihr Bestes, die Leserinnen und Leser zu überzeugen, tatsächlich mitzumachen und das Buch nicht nur zu lesen, sondern die Experimente auszuprobieren. Ganz am Anfang soll man sich zum Beispiel einen Spielnamen ausdenken, diesen schriftlich festhalten und ein Commitment zur Teilnahme unterschreiben.

Wenn man, wie ich, eine Person ist, die sowieso offen für Erfahrungen ist, Kreativität liebt und ständig Neues probiert, kann es sein, dass man so einige der Spielanregungen schon kennt. Wer bisher nichts mit dem Thema zu tun hat, wird viele neue Ideen oder Inspirationen finden, allerdings auch vielleicht eine innere Hemmschwelle überwinden müssen, mit dem "Spielen" zu beginnen. Da ist es dann gut, dass so viele unterschiedliche Übungen auf ganz unterschiedlichen Schwierigkeitsniveaus vorgestellt werden. Für die, die ihre Erfahrungen gerne mit anderen teilen, stellt die Autorin dafür passende Hashtags und eine Plattform zur Verfügung.

Politisch und gesellschaftlich hat die Autorin eine klare Position und Haltung, scheint von ihrer Wahrnehmung der Welt sehr überzeugt zu sein sowie zu vielen Themen eine sehr starke Meinung zu haben (Gendern, Umgang mit Kindern, Relevanz verschiedener geopolitischer Herausforderungen), die manche Leserinnen und Leser teilen werden und andere vielleicht nicht. Da es so ein persönlich geschriebenes Buch ist, kommt diese Haltung an vielen Stellen durch. Das macht das Buch einerseits persönlicher, andererseits wird man sich vielleicht aber auch an mancher Stelle innerlich widersprechen sehen, so ging es jedenfalls mir gelegentlich beim Lesen. Vielleicht gehört auch das zum Spielen dazu: sich damit zu konfrontieren, mit der eigenen Haltung zu experimentieren und zu spielen.

Ich kann das Buch allen, die für eine unkonventionelle Herangehensweise offen sind, Neues probieren möchten und keine theoretische Abhandlung, sondern ein Mitmach-Experimentier-Buch zum Thema Spielen suchen, sehr empfehlen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Treffende Parodie aktueller gesellschaftlicher Verhältnisse in der sozialen Blase des Journalismus

Aufsteiger von Peter Huth

Dramaturgisch spannend beginnt "Aufsteiger", der neue Roman von Peter Huth, mit einem Leichenfund und einem ermittelnden Kommissar. Doch wer die Leiche ist und wie sie zu Tode gekommen ist, das werden wir erst ganz am Ende erfahren. Schon jetzt wissen wir aber: es wird wohl um eine sich zuspitzende Dynamik gehen, die am Ende mindestens für eine Person gar nicht gut ausgeht.

Nach diesem Einstieg lernen wir Felix Licht kennen, der, wie er meint, kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere steht. Der jetzige Chefredakteur des Magazins, für das er seit Jahrzehnten als Journalist tätig ist, hat sich einen kritischen Faux-Pas geleistet. Und wer könnte ihm nachfolgen, wenn nicht Felix Licht? Das müsse doch die logische Konsequenz all seiner Anstrengungen und Verdienste sein, niemand kenne das Magazin so gut wie er, niemand beherrsche das journalistische Handwerk so gut wie er (ach, das grenzenlos überhöhte Selbstbewusstsein so mancher Männer!), und außerdem hat er es bewusst darauf angelegt, zum neuen Eigentümer eine nahe Verbindung aufzubauen. Nun also ist es so weit, die Position wird frei und Felix Licht hat auch schon einen Gesprächstermin beim Eigentümer, er sieht sich innerlich schon feiern und plant seinen Triumph.

Doch es kommt anders, statt ihm bekommt die bildschöne, kluge, junge Zoe Rauch die Position: Zoe, mit der ihn eine Geschichte von vor über zehn Jahren verbindet, als sie als blutjunge Volontärin kurz für das Magazin gearbeitet hat. Inzwischen ist sie zu einer Lichtgestalt des neuen Journalismus aufgestiegen und hat ein Buch veröffentlicht. Vor allem ist sie aber alles, was Felix Licht nicht ist: jung, weiblich und mit dunkler Hautfarbe. Insgesamt hoffen der Eigentümer und vor allem seine Frau, damit das Magazin neu und entsprechend dem aktuellen linkswoken Zeitgeist positionieren zu können. Für Felix Licht hingegen bricht eine Welt zusammen, er kann mit der Niederlage nicht umgehen, und auch privat geht es mit ihm bergab: nach einer Entgleisung im Beisein von Frau und Tochter muss er von Zuhause aus- und ins Hotel umziehen (um 300 Euro pro Nacht, man sieht hier den extrem privilegierten finanziellen und sozialen Hintergrund) und die Trennung steht bevor. Verzweifelt möchte er das Magazin auf Diskriminierung verklagen.

So viel zum bekannten Inhalt. Dieser hat mich schon in der Ankündigung neugierig auf dieses Buch gemacht und ich wurde nicht enttäuscht. Auch wenn aus satirischen Gründen einiges auf die Spitze getrieben wurde: der aktuelle links-woke Zeitgeist wird mit diesem Buch passend porträtiert, genauso wie die manchmal verunglimpfend "alten weißen Männer" genannten älteren Herren, die sich so lange ihrer Positionen, Privilegien, Machtansprüche und dem, was ihnen vermeintlich zustehen würde, so sicher waren... bis sie von einer Welle des aktuellen Zeitgeistes überrollt und oft psychisch in den Abgrund getrieben werden. Jedenfalls nehmen sie selbst es als Abgrund wahr - realistisch betrachtet fallen sie finanziell und sozial oft sehr weich - viel weicher als all jene, die zu früheren Zeiten auch mit noch so viel Talent niemals eine Chance auf solche Positionen gehabt hätten - und haben immer noch ein bestens abgesichertes, privilegiertes Leben, doch das fragile Ego dieser Männer kann manchmal keinerlei Degradierung ertragen und hält sich noch lange verbissen an der vermeintlichen Ungerechtigkeit fest, ist oft nach Jahren noch verbittert und voll Hass.

Mein Mitleid mit diesen privilegierten Herren, für die es ein Leben lang nur beruflichen Aufstieg gegeben hat, hält sich persönlich sehr in Grenzen, denn selten habe ich von ihnen viel Mitgefühl gegenüber weniger Privilegierten erlebt, als sie selbst noch an der Macht waren. Und ich habe persönlich in meinem Berufsleben schon einige Demontagen dieser aus der Zeit gefallenen Gestalten durch selbstbewusste, junge Frauen, die plötzlich aufgrund ihrer Netzwerke und des veränderten Zeitgeistes mehr Gestaltungsmacht haben, erlebt.

Dieses Buch lässt keines der aktuellen Zeitgeistthemen aus: ob es um die Coronazeit und ihre Nachwirkungen geht, das Wiedererstarken konservativer Kräfte, die Klimakleber, gendergerechte Sprache, Transgenderthemen und vieles mehr - alles davon findet im Buch seinen Platz. Wer sich ein realistisch geschriebenes Buch erwartet, mag diese Häufung übertrieben finden, für eine satirisch-parodistische Überzeichnung der aktuellen Verhältnisse insbesondere in der links geprägten Blase des Journalismus finde ich das aber durchaus passend.

Das Buch liest sich sehr unterhaltsam und regt dabei an vielen Stellen zum Schmunzeln und Nachdenken an. Ich mochte auch, dass es für keine der Seiten klar Position bezieht, sondern die Vielfältigkeit der verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und des damit verbundenen Handelns aufzeigt. Gerade, dass keine eindeutige Botschaft und Intention des Autors daraus ablesbar ist und über seine eigenen politischen Einstellungen spekuliert werden kann, macht für mich eine der Qualitäten des Buches aus. Ich kann es allen an den aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen interessierten Menschen sehr empfehlen. Ganz besonders eignet es sich auch für Leserunden und Diskussionsabende.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Autistische Wahrnehmung aus der Du-Perspektive

Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien von Alice Franklin

Ich habe im Laufe meines Lebens schon einige Bücher gelesen, die aus der Perspektive von Menschen aus dem autistischen Spektrum geschrieben sind. Auch dieses Buch gehört dazu: die Besonderheit ist diesmal, dass nicht direkt aus der Ich-Perspektive erzählt wird, sondern eine unsichtbare Stimme sich per "Du" an das kleine "Alien" wendet, ein Mädchen mit einer ganz eigenen Weltwahrnehmung, die in vielem der autistischen ähnelt.

Die Autorin Alice Franklin wurde selbst als Erwachsene als autistisch diagnostiziert und dieses Buch ist laut Interviews ein Versuch von ihr, diese Welt anderen Menschen näher zu bringen.

Auch wenn das nirgends explizit so benannt wird, gibt es im Buch viele Hinweise auf die Besonderheiten des Erlebens und Wahrnehmens autistischer Menschen, z.B. auf das Wörtlich-Nehmen vieler Aussagen, auf Schwierigkeiten, üblichen Humor zu verstehen, körperliche Ungeschicklichkeiten oder, wie an dieser Stelle, fehlenden Blickkontakt: "In dem Dokumentarfilm spricht eine Frau mit schiefen Zähnen mit jemandem, den die Kamera nicht zeigt. Vielleicht hält diese Person genau wie du nicht gern Augenkontakt. Vielleicht ist auch in Gedanken versunken, während sie von Büchern und der Vergangenheit erzählt. Hinter der Frau befinden sich Bücher. Zudem trägt sie eine Brille. Daher weißt du, dass die Frau schlau ist, denn in der Welt des Fernsehens sitzen ausschließlich schlaue Leute vor Büchern und tragen Brillen." (S. 71)

Diese Du-Perspektive begleitet das Mädchen von der Zeit als Kleinkind über die Volksschulzeit bis ins Teenageralter, als es zufällig vom geheimnisvollen Voynich-Manuskript erfährt, das vielleicht Aliens erstellt haben könnten, sich darin wiedererkennt und es unbedingt finden und mehr darüber erfahren will: "Bisher war dir nicht klar, dass Aliens existieren, zumindest in Wirklichkeit. Bisher war dir nicht klar, dass sie ihre eigene Sprache haben. Das erscheint dir sehr einleuchtend. Es leuchtet ein, weil du manchmal das Gefühl hast, deine Sprache wäre gar nicht deine Sprache. Andere Leute sagen Dinge und du weißt nicht, was sie damit meinen. Andere Leute tun Dinge und du weißt ebenso wenig, was sie damit meinen. Da ist etwas entkoppelt, durch und durch falsch. Das spürst du ganz stark, tief in deinem Inneren." (S. 73)

Dabei führt sein Weg über verschiedene Bibliotheken und Bekanntschaften. Im Hintergrund geht es aber auch stark um die Familiengeschichte des Mädchens und insbesondere um dessen psychisch kranke Mutter, die sich hinter der Lektüre unzähliger Ratgeber versteckt, kaum auf das Mädchen und seine Bedürfnisse eingeht und mal von Lethargie, dann von Wahnvorstellungen und Verfolgungsängsten geplagt wird und auch schon mal unfreiwillig länger in der geschlossenen Psychiatrie landet.

Am Ende jeden Kapitels finden sich humorvoll ausgesuchte Literaturtipps, passend zur Lektüre der Sachbücher verschlingenden Mutter, z.B. "Wie man das volle Potenzial eines Bibliotheksausweises ausschöpft" oder "Der riskante Weg: Sind Sie gemacht für das Leben als Versicherungsmathematiker?" (S. 89)

Insgesamt ist es ein interessant und liebevoll geschriebenes Buch, das sich leicht und schnell liest und an vielen Stellen Empathie für Menschen aus dem autistischen Spektrum und generell für alle, die sich auf dieser Welt unzugehörig und anders fühlen, fördern kann. Es ist also durchaus ein bezauberndes Buch, das für das Thema sensibilisieren und zum Nachdenken anregen kann, und das eine besondere Erzählperspektive aufweist.

Dass es für mich persönlich dennoch kein 5-Sterne-Buch ist, hat vielleicht auch mit den vielen anderen Werken zum Thema zu tun, die ich kenne und von denen einige mich mit ihrer Authentizität und Tiefe deutlich mehr überzeugt haben: trotz allen Hinweisen habe ich den Eindruck, das Gesamtgefühl für eine autistische Wahrnehmung kommt für mich durch die vermeintlich allwissende Du-Außenperspektive etwas zu kurz, und die Geschichte ist für mich auch etwas zu stark vermischt mit den psychischen Problemen der Mutter. Irgendetwas macht für mich da das Bild insgesamt nicht ganz rund, sodass es ein etwas weniger starker Leseeindruck ist, als es sonst gewesen sein könnte.

Auch der Titel passt für mich nicht ganz: so richtig um Lebensweisheiten geht es für mich darin nicht, es wird die Welt des autistischen Mädchens eher beschrieben als dem Mädchen verständlich gemacht, es ist keine Aufklärung über die Welt und wie sie funktionieren könnte, und so, wie das Buch geschrieben ist, hätte es auch sehr gut aus der Ich-Perspektive des Mädchens erzählt sein können und würde genauso aufzeigen, wie das Mädchen sich fremd fühlt und viele Dinge nicht versteht, die nicht explizit erklärt werden und nur die vermutlich überwiegend neurotypischen Leserinnen und Leser verstehen werden. Es ist trotz der Du-Form viel mehr Innenperspektive einer Autistin als Dialog mit der Welt.

Von mir als Bewertung gibt es jedenfalls gut verdiente 4 Sterne und eine Empfehlung für alle, die sich für besondere und etwas andere Bücher interessieren. Es ist durchaus empfehlenswert, das Buch kurz anzulesen, um selbst entscheiden zu können, ob dieser spezielle Schreibstil einen emotional erreichen kann oder nicht.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Über die Wirkung patriarchaler Machtstrukturen

Weibliche Macht neu denken von Eva Thöne

Die Journalistin, Redakteurin und Leiterin des Kulturresorts des "Spiegel", Eva Thöne, hat ein Buch mit dem Titel "Weibliche Macht neu denken" veröffentlicht. Eine Frau, die fast gleich alt ist wie ich, und selbst in einer Führungsposition, das macht mich neugierig auf das Buch.

Als eine, die sich schon sehr viel mit diesem Thema beschäftigt hat, ist vieles, was im Buch dargestellt wird, erst einmal eine Wiederholung für mich: es geht um die uralten patriarchalen Machtstrukturen, die Frauen aus dem öffentlichen Bereich fernhalten wollen und bis heute nachwirken. Das schildert die Autorin eindrucksvoll anhand eines aktuellen Beispiels: auch heute melden sich im beruflichen Bereich in Diskussionen Frauen viel weniger zu Wort, und wenn sie das tun, werden sie damit weniger gehört, es wird auf ihre Beiträge weniger eingegangen und sie werden öfter übergangen oder abgewertet.

Dazu gibt es viele bekannte Studien und Beispiele. Es geht um den schmalen Grat, auf dem Frauen in der Öffentlichkeit sich bewegen, zwischen als zu schrill, zu laut, zu fordernd oder gar "hysterisch" abgewertet zu werden oder unsichtbar und machtlos zu bleiben. Um die einzig wirklich akzeptierte machtvolle traditionelle Frauenrolle: die der Mutter, die aber ihre eigenen Nachteile mit sich bringt, Frauen auch beruflich in ein enges Korsett zwingt, das oft ihrer Persönlichkeit gar nicht entspricht (man denke an die kinderlose und gar nicht sehr mütterliche Angela Merkel, der doch schnell der Spitzname "Mutti" samt passenden Zuschreibungen verpasst wurde) und um die Omnipräsenz männlicher Rollenbilder, Mythen und Narrative, wie sich auch etwa an dem allseits so verbreiteten Schema der "Heldenreise" zeigt.

Es geht um Frauen, denen von Haus aus nur dann Machtpositionen zugestanden werden, wenn die Erfolgschancen schon gering sind: das wird bei der Analyse von Kandidatinnen in Wahlkreisen genauso sichtbar wie bei einer amerikanischen Präsidentschaftswahl, bei der der greise Joe Biden erst spät Platz für seine Nachfolgekandidatin Kamala Harris machte, die dann bekanntlich auch gegenüber Donald Trump unterlag.

Was mir persönlich in diesem Buch ein bisschen zu kurz gekommen ist, ist tatsächlich das "neu denken" aus dem Titel. Von einem Buch mit diesem Titel hätte ich mir etwas anderes erwartet, als ich bekommen habe: nämlich nicht zu mindestens 3/4 eine Aufarbeitung von dem, was bisher war und schief läuft, sondern viel mehr neue und bisher unbekannte Ansätze für weibliche Macht. Ich hätte gern mehr darüber gelernt, wie weibliche Macht ganz anders aussehen kann als männliche, und Rollenvorbilder dafür kennen gelernt: dieses Thema kommt nach meinem Empfinden im Buch aber nur am Rande vor, als kleine eingestreute Tipps nebenbei, beispielsweise wenn es um die Archetypen der "großen Schwester" oder der "weisen Frau" in Ergänzung zur "Mutter" geht. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.

Sehr interessant wurde es für mich im Buch auch immer dann, wenn über eine allgemeine Analyse hinaus die Autorin als Mensch für mich spürbar wurde, also wenn sie gelegentlich Geschichten und Erfahrungen aus ihrem Leben geteilt und mit dem Thema des Buches verbunden hat, auch davon hätte ich gerne mehr gelesen und das würde ich mir für zukünftige Bücher von ihr wünschen, sofern sie bereit ist, das von sich zu teilen (natürlich exponiert man sich damit auch mehr, mit allen damit verbundenen Risiken, das ist mir bewusst).

Insgesamt finden sich im Buch also viele nachdenklich machende Beispiele für die Benachteiligung von Frauen, die bis heute nachwirkt. Das macht auch den größten Teil des Buches aus. Allen, die sich mit diesem Thema bisher erst wenig beschäftigt haben, kann ich das Buch sehr empfehlen, weil es fundiert aufzeigt, wie tief das Patriarchat und dessen Denkweisen nach wie vor in fast allen Bereichen unserer Gesellschaft tief verwurzelt sind.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Von dem steinigen Weg zum Wunschkind

Das Leben ist kein Kinderwunschkonzert von Marie von den Benken

Marie von den Benken weiß schon früh, dass sie unbedingt eigene Kinder haben will. Sie findet außerdem schon jung den Partner, mit dem sie sich Kinder vorstellen kann. Und so beginnen Marie und Alex schon mit Mitte 20, in der eigentlich noch besten Zeit statistisch höchster Fruchtbarkeit, damit, zu versuchen, ein Baby zu bekommen.

Doch nichts passiert, jahrelang, sodass sie schließlich die Unterstützung der Kinderwunschklinik in Anspruch nehmen, erst mit Inseminationen, dann mit IVFs. Nach einem langen, harten und steinigen Weg kommen die beiden schließlich mit dieser Unterstützung acht Jahre später zu ihrem Wunschkind (was für ein Durchhaltevermögen, wow!).

Diesen Weg beschreibt die Influencerin und Autorin Marie in diesem Buch. Nahbar und persönlich legt sie ausgewählte Tagebucheinträge aus dieser schwierigen Zeit offen und erzählt von ihrem Leben, ihrer Beziehung, den Hoffnungen und Träumen, den Auf und Abs, der gewaltigen Belastung, die diese Herausforderung für eine Beziehung herausstellt und von ihrer großen Freude, als sie dann doch noch Eltern werden.

Jedes der Kapitel beginnt mit ihrer persönlichen Geschichte und wird dann durch wissenschaftliche Fakten, statistische Daten und Interviews mit anderen Betroffenen oder mit Kinderwunschexperten ergänzt. So ist das Buch weit mehr als Maries und Alex' persönliche Kinderwunschgeschichte, sondern auch eine Schatzkiste an Informationen für andere Paare, die mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Abgerundet wird das Buch mit weiteren Kapiteln zu Spezialthemen wie Endometriose, Egg Freezing und späte Mutterschaft, mit denen die Autorin persönlich keine Erfahrung hatte, aber die für andere Kinderwunschbetroffene relevant sein könnten. Auch hierzu finden sich wertvolle Informationen in dem Buch.

Insgesamt ist es ein nahbar und persönlich geschriebenes Werk, das Betroffenen helfen kann, sich verstanden zu fühlen und ihnen gleichzeitig wie nebenbei eine Menge wertvolles Wissen zum Thema Kinderwunsch und Kinderwunschbehandlung an die Hand gibt. Leseempfehlung für alle Betroffenen und alle, die Betroffene kennen oder sich sonst für dieses Thema interessieren!

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Was ist so gefährlich wie nichts?

Dr. No von Percival Everett

Wala Kitu ist ein schräger, genialer Mathematikprofessor, weltfremd und autistisch. Er wird vom Milliardär John Sill kontaktiert, der sich zum Ziel gesetzt hat, ein Schurke zu sein und dafür hinter „nichts“ her ist, das angeblich in einem Schuhkarton in Fort Knox aufbewahrt sei und für das Wala Kitu ein Experte ist.

Soweit zur bekannten und beworbenen Hintergrundstory.

„Dr. No“ ist ein satirisch-schräger Roman, eine James-Bond-Persiflage mit Schurken, Luxusanwesen, Helikoptern, Waffen, Haifischbecken, einer hochbegabten autistischen Mathematikerin, Eigen Vector, die als Bond-Girl entfremdet wird, einem einbeinigen Hund namens Trigo, der „Fettgesicht“ genannt wird und als imaginärer Berater für Wala Kitu dient, aber auch mit vielen Einschüben aus Logik und Mathematik:

„Die Lüge ist das arithmetische Axiom, demzufolge x für jedes x auf der Welt gleich x ist. Nur der Glaube lässt dies als unwiderlegbare Wahrheit zu. Selbst wenn ich x als das Ding definiere, das zu einer bestimmten Position in der Zeit eine bestimmte Position im Raum einnimmt.“ (S. 52)

Ganz ehrlich, am Anfang wusste ich gar nicht, was ich mit dieser Lektüre anfangen soll und es hat schon einige Dutzend Seiten gebraucht, bis ich in das Buch reingekommen bin. Das mag daran liegen, dass die mathematischen Referenzen mich nicht sonderlich interessiert haben und ich außerdem nichts das klassische James-Bond-Fangirl bin, auch wenn ich im Laufe meines Lebens durchaus schon ein paar dieser Filme gesehen habe.

Interessant ist, wie in dem Buch mit dem Konzept des „Nichts“ gespielt wird. Ist nichts wirklich nichts und was wäre, wenn wir nichts als etwas behandeln würden? Dazu gibt es viele humorvolle und gleichzeitig nachdenklich machende Dialoge und Einschübe, so wie diesen hier:

- „Wir wissen, dass Sill es auf irgendwas abgesehen hat. Sagen Sie uns einfach, was Sie wissen, und alles ist im Lack.“

- „Was?“

- „Sagen Sie mir, was Sie wissen.“

- „Nichts. Ich habe von nichts eine Ahnung. Ich weiß außerdem, dass Sill es auf nichts abgesehen hat.“

- „Sie sagen also, dass er nichts plant.“

- „Das habe ich nicht gesagt. Hören Sie diesmal genau zu. Sill interessiert sich für nichts. Er will nichts. Er plant, nichts zu stehlen. Er will oder vielmehr braucht mich, weil ich mich mit nichts auskenne.“ (S. 154)

Von diesen Wort- und Denkspielerein lebt der Roman hauptsächlich. Sind sie am Anfang sehr lustig, wurde mir das Konzept aber gegen Ende ein bisschen überstrapaziert. Ähnlich ging es mir mit einigen anderen Themen, die wieder und wieder erwähnt wurden: etwa die Mathematiker, die „am Asperger-Syndrom leiden“ würden (ein veralteter und in diesem Wortlauf in der autistischen Community umstrittener Ausdruck) oder auch die vielfache Erwähnung davon, dass die Polizei schwarze Menschen anhalten und erschießen würde, nur weil sie schwarz seien… was zweifellos den Tatsachen entspricht und wichtig zu kritisieren ist, aber eben auch sehr oft erwähnt wurde.

Humor ist etwas Subjektives und in manchen Bereichen hat dieser Roman sehr meinen Humor getroffen, in anderen gar nicht. Das hat sicherlich auch mit meiner Lebensumwelt und -erfahrung zu tun und damit, wie diese sich vom Autor unterscheidet.

Insgesamt ist es ein durchaus sehr humorvolles und gleichzeitig nachdenklich machendes Buch, mit dem insbesondere Mathematikinteressierte sowie James-Bond-Fans ihre Freude haben dürften.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Wie viele Wahrheiten gibt es?

Die echtere Wirklichkeit von Raphaela Edelbauer

Die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer ist mit ihrem Roman "Das flüssige Land" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises gelandet und hat für "DAVE" den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Das lässt auf eine Autorin schließen, die anspruchsvolle Literatur verfasst.

Doch wie sieht es mit Unterhaltungsfaktor, Spannung und Lesbarkeit aus?

Tatsächlich beginnt das neueste Werk der Autorin, "Die echtere Wirklichkeit" sehr anspruchsvoll, denn wir haben es mit einer philosophischen Terrorgruppe zu tun, die erst einmal Jahre lang gemeinsam philosophische Werke liest und diskutiert, bevor es daran gehen könnte, mit konkreten Aktionen zur Tat zu schreiten.

So finden wir gleich am Anfang der Lektüre ein Manifest der Gruppe, das folgendermaßen beginnt:

"Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut. Diese Wahrheit ist weder eine soziale Konstruktion noch subjektiv oder bloß eine unter vielen Perspektiven auf die Dinge. Mögen sich im Laufe der Zeiten auch die Sicht auf die Wahrheit oder die Methoden, zu jener zu gelangen, geändert haben, und mag in vielen Fällen die Sinnesbeschränkung der Lebewesen nicht hinreichen, zu ihr zu gelangen, so ist doch hinter den Phänomenen die absolute Wahrheit jenseits allen Meinens vorhanden."

Eine gewisse Affinität zur Philosophie ist dem Lesegenuss bei diesem Buch also durchaus zuträglich. Aber, keine Sorge, so kompliziert, wie oben zitiert, formuliert zwar die philosophische Terrorgruppe, doch nicht die Autorin selbst im Hauptteil des Buches. Die philosophischen Ergüsse der Gruppe werden nur gelegentlich zitiert, ansonsten ist es ein gut lesbares und humorvoll geschriebenes Buch.

Die Charaktere sind sehr schräge Gestalten, die sonst an ihren Ansprüchen ans Leben gescheitert sind. Da gibt es Byproxy, eigentlich Petra, die junge, nach einem Unfall im Rollstuhl sitzende Ich-Erzählerin, die aus ihrer Wohngruppe geschmissen wurde und auf der Suche nach einem Obdach zufällig auf die Gruppe stößt. Diese bestand zuvor aus vier Personen: ein promovierter Philosoph, dem die Festanstellung verwehrt wurde, eine reiche Erbin, die sich von ihrer Familie distanziert hat, ein Vorbestrafter und eine weitere Person. Gemeinsam haben sie eine Wohnung in einem Wiener Abbruchhaus besetzt, lesen und diskutieren philosophische Werke und unterwerfen sich selbst einem strikten Regelwerk, so darf etwa jedes Mitglied der Gruppe nur einmal in der Woche die Wohnung verlassen. Byproxy muss sich die Aufnahme in die Gruppe und deren Vertrauen erst erarbeiten, doch mit Intelligenz, Charme und Gerissenheit schafft sie das, wird eine treibende Kraft der Geschehnisse und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

Am Anfang habe ich ein bisschen gebraucht, in die Lektüre hineinzukommen, doch war der Einstieg einmal geschafft und hatte ich mich mit dem philosophischen Rahmen und den schrägen Figuren vertraut gemacht, war es eine höchst vergnügliche und spannende, ungewöhnliche Lektüre. Sowohl das Thema als auch die Art, wie es behandelt wird, sind sehr innovativ - so etwas auf diese Art habe ich noch nicht gelesen. Wie nebenbei regt es außerdem zum Nachdenken über Wirklichkeit, Konstruktivismus, Fake-News, die Verantwortung von Universitäten und Medien und viele weitere Themen an. Man merkt, dass die Autorin sich tiefgehend damit beschäftigt hat. Örtlich ist die Geschichte in Wien und Umgebung angesiedelt, was man am Vokabular und an vielen Ortsbezügen deutlich merkt.

Insgesamt ist es ein Buch, das ich jenen, die sich für anspruchsvolle Lektüre, unkonventionelle Konzepte und schräge Charaktere interessieren, sehr empfehlen kann. Philosophisch vorgebildete oder interessierte Menschen können von diesem Buch ganz besonders profitieren, bei allen anderen kann es Interesse an diesem Thema wecken, oder man liest über die stark philosophisch geprägten Passagen einfach hinweg, auch dann ist es noch eine unterhaltsame und kohärente Erzählung. Ich jedenfalls freue mich darauf, weitere Bücher dieser talentierten und vielseitigen Autorin zu lesen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Das Leben muss man aktiv betreiben

Katabasis von Rebecca F. Kuang

Rebecca F. Kuang ist als eine Autorin bekannt, die außergewöhnliche und bemerkenswerte Bücher verfasst. Werke, die aus der Masse der Neuveröffentlichungen herausstechen, im Gedächtnis bleiben und herkömmliche Schreibkonventionen und Genregrenzen überwinden. Das macht sie so besonders, aber durchaus auch anspruchsvoll zum Lesen.

Das war schon bei „Babel“ und „Yellowface“ so, den beiden mir vor der Lektüre von „Katabasis“ bekannten Werken dieser Autorin. Schon für „Babel“ galt: es ist nur vordergründig ein fantastischer historischer Roman, dahinter liegt ganz viel Kolonialismus- und Rassismuskritik, Wissensvermittlung im Bereich Linguistik und vieles mehr. Die Bücher der Autorin sind also sehr tiefgründig und man braucht Zeit und Energie, um sich wirklich darauf einzulassen.

Das gilt noch einmal mehr für „Katabasis“. An dieser Stelle schon mal eine Warnung: wer sich aufgrund der Kurzbeschreibung eine unterhaltsame, vergnügliche, leicht und schnell zu lesende Fantasyreise durch die Hölle erwartet, der halte bitte inne und schaue sich dieses Buch genau an, lese auch hinein! Denn nein, genau darum handelt es sich hier nicht.

Ja, das Buch spielt in der Hölle und es weist einige Fantasy-Elemente auf, insbesondere die verwendete Magie. Doch selbst diese ist in einen äußerst wissenschaftlichen Kontext eingebettet und unterliegt genauen Regeln. Typische Leserinnen und Leser von Fantasyromanen, die um anspruchsvolle Literatur und Sachbücher normalerweise einen weiten Bogen machen und sich nicht für Philosophie und Wissenschaft interessieren, werden mit diesem Werk wohl keine große Freude haben.

Das eigentliche Hauptthema dieses Buches, wie ich es verstehe, ist eine beißend-sarkastische Kritik an all den Missständen im universitären Betrieb, auch an Elite-Unis: an der extremen Ausbeutung von Doktorandinnen und Doktoranden, an sexuellen Übergriffen, Manipulation und Machtmissbrauch, am Schüren von Konkurrenzdenken zwischen den Studierenden und am Wecken falscher Hoffnungen, wenn man sich nur genug anstrengen würde sowie an der einseitigen Fokussierung nur auf das Geistig-Intellektuelle, während all das, was sonst noch das Leben ausmacht, zu kurz kommt. Wer selbst den universitären Betrieb näher kennen gelernt und kritisch zu hinterfragen begonnen hat, wird so einiges wiedererkennen.

So reisen unsere zwei Helden Alice und Peter – die zwei besten Studierenden des verunglückten Magiers und ihres Doktorvaters Jacob Grimes – zwar in die Hölle, um diesen zu retten. Doch die Hölle gleicht in vielem einem Zerrbild des akademischen Betriebs, hat ganz viel mit diesem zu tun und ist an ihn angelehnt. Auch wenn Alice und Peter sich über 90 Prozent des Buches tatsächlich in der Hölle aufhalten – innerlich und auch in dem, was ihnen gespiegelt wird, haben sie Cambridge niemals wirklich verlassen.

Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass auch in den verschiedenen Höllenkreisen studiert und geforscht wird oder Dissertationen verfasst werden, nicht nur, aber zu einem großen Teil. Zusätzlich gibt es natürlich auch noch klassische Bösewichte, die unseren Helden nach dem Leben und der Seele trachten, diverse Monster und den Fluss Lethe, der alle Erinnerungen auszulöschen droht… vor allem aber ganz viel Kargheit und Einsamkeit, auch das wohl wieder ein Spiegel des so auf die geistige Sphäre reduzierten Lebens der Promovierenden in Cambridge (die Autorin arbeitet selbst gerade an ihrer Promotion an einer Eliteuni).

Die Kapitel, in denen die aktuelle Handlung des Reisens durch die verschiedenen Höllenkreise Stolz, Wollust, Gier, Zorn usw. voranschreitet, werden immer wieder von sehr theoretischen philosophischen Rückblicken auf die Studierendenzeit in Cambridge, die Anwendung akademischer Magie und die Missstände im akademischen Bereich unterbrochen. Das setzt die Bereitschaft der Lesenden voraus, sich auf umfangreiche philosophische und theoretische Exkurse einzulassen, um das Interesse am Buch nicht zu verlieren.

Mit den Figuren im Buch warm zu werden hat bei mir auch einiges an Zeit gebraucht, insbesondere bei Alice, die zumindest anfangs sehr selbstbezogen und nur auf ihre akademische Karriere bedacht wirkt. Anfangs erscheinen die beiden als intellektuell-verknöcherte, ihren unsympathischen und ausbeuterischen Professor völlig unkritisch verehrende Gestalten, doch machen beide, und noch einmal mehr Alice, im Laufe des Buches eine enorme Entwicklung und Emanzipation durch. Es ist aber nur ein Buch für Menschen, die bereit sind, sich auf erst einmal nicht sonderlich sympathische Charaktere einzulassen.

Inhaltlich steckt enorm viel Weisheit und Tiefe in dem Buch. Doch es war an vielen Stellen hart und sperrig zu lesen und ich hatte zwischendurch immer wieder den Impuls, es beiseite zu legen und ich würde für die Lektüre mehrere Wochen und begleitende Diskussionen mit Mitlesenden empfehlen, um die Motivation aufrechtzuerhalten, dranzubleiben.

Wie schon erwähnt, ist es definitiv keine einfache Unterhaltungslektüre, sondern ein Buch, das die Lesenden auf vielen Ebenen fordert. Wer sich darauf einlässt, wird schlussendlich aber doch mit einer jedenfalls im Rückblick interessanten Geschichte, viel Stoff zum Nachdenken und Hinterfragen und tiefgründigen philosophischen Gedanken belohnt. Es ist ein Buch, aus dem ich mir so einige Zitate rausgeschrieben habe und das noch länger bei mir emotional und intellektuell nachwirken wird:

"Im Kern ging es bei Magie nicht um komplizierte Mathematik oder Logik oder Linguistik, sondern darum, dass man daran glaubte. Durch den Glauben entfaltete ein Zauber seine Wirkung. Es war gar keine Frage der Algorithmen, sondern der Selbsttäuschung. Man musste genug Beweise sammeln, um sich selbst davon zu überzeugen, dass die Welt anders sein konnte, und solange man sich selbst belügen konnte, galt das auch für den Rest der Welt.“ (S. 156/157)

„Man könnte sagen, Karma verhält sich wie ein Same. Aus Samen wachsen Früchte. Karma ist eine natürliche Konsequenz. Das Schlechte sammelt sich an. Es beeinflusst, wie du lebst und die Welt wahrnimmst. Wenn du Böses tust, betrachtest du die Welt als engherzig und selbstsüchtig und grausam. Und in der Hölle erlebst du einfach nur die endgültige Konsequenz deiner ursprünglichen Bösartigkeit.“ (S. 340)

„Wenn ich sterbe, sterbe ich“, sagte Alice. „Aber anders ist das Leben nicht zu haben, glaube ich. Das Leben muss man aktiv betreiben. Man muss darum kämpfen. Sonst ist es gar kein Leben. Darum geht es. Sonst ist es nur ein Impuls. Und wir haben beide gemerkt, dass das nicht reicht.“ (S. 563)

„Da fiel ihr alles wieder ein. Das süße dunkle Gras, das Rauschen der Baumkronen, Rotkehlchen, die in ihre Nester hüpften. Stakhölzer, die ins Wasser tauchten, Fahrradreifen auf Kopfsteinpflaster. So viele Details, die sie jeden Abend beim Vorübergehen ignoriert hatte, gefangen in ihrem eigenen Schädel. Jetzt schien alles zu lebhaft, um echt zu sein; eine Projektion, ein Lichtspiel. Die Welt war so voller Dinge!“ (S. 650)

Ich empfehle das Buch ausdrücklich jenen buchinteressierten Menschen, die nicht nur hauptsächlich zur Unterhaltung lesen, sondern an intellektuell anstrengender Denkarbeit, vielen neuen Impulsen und persönlicher Weiterentwicklung interessiert sind. Für jene, die bereit sind, die damit verbundene Arbeit und Anstrengung auf sich zu nehmen, ist es ein lohnendes, interessantes und außergewöhnliches Werk.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope

Bedrückend und eindringlich, aber mit Längen

Madwoman von Chelsea Bieker

"Madwoman" von Chelsea Bieker ist ein intensiver, bedrückender Roman über Mutterschaft, Gewalt und das Erbe familiärer Traumata. Schonungslos genau wird geschildert, wie die junge Frau Clove unter dem Gewicht ihrer Vergangenheit zusammenzubrechen droht, sowohl im gegenwärtigen Leben als junge Mutter als auch in Rückblenden auf ihre Kindheit.

Aufgewachsen in einer kaputten Familie, in der der Vater die Mutter unterdrückte, terrorisierte und verprügelte und außerdem mit Suizid drohte, scheint Clove sich in ein neues, heiles Leben als erwachsene Frau gerettet zu haben: mit einem harmlosen, freundlichen, netten Mann an ihrer Seite und zwei kleinen Kindern. Ihr Mann ahnt nichts von ihrer Geschichte.

Doch die Schatten der Vergangenheit holen sie immer wieder ein: in Form von depressiven Episoden, Nervenzusammenbrüchen, extrem ängstlich-kontrollierendem Verhalten den Kindern gegenüber und einer Kaufsucht. Dann wird Clove auch noch von einem Brief aus der Vergangenheit eingeholt und fürchtet, dass ihre mühsam aufgebaute Kulisse eines perfekt wirkenden Lebens endgültig zusammenbrechen und ihre Ehe und Familie mit sich reißen könnte.

Zuerst hat mich das Buch sehr gepackt, weil es mit unglaublich starken Sätzen beginnt: "Die Welt ist nicht für Mütter gemacht. Und doch haben Mütter die Welt gemacht. Die Welt ist nicht für Kinder gemacht. Und doch sind Kinder die Zukunft." Auch sind insbesondere im ersten Teil einige Szenen aus dem Alltag einer jungen Mutter sehr realistisch, authentisch und gleichzeitig humorvoll geschildert.

Leider schafft die Geschichte es nicht, dieses prägnante und hohe Niveau über alle 300 Seiten zu halten: zwischendurch gab es so einige Längen und die Details von Cloves psychischem Zustand und Verfall werden in einer Ausführlichkeit geschildert, die mich manchmal gelangweilt hat. Auch habe ich einige der weiteren Charaktere als sehr blass gezeichnet empfunden, was möglicherweise Cloves eigener selbstzentrierter Perspektive als unzuverlässiger Erzählerin geschuldet ist, aber die Lektüre streckenweise mühsam für mich gemacht hat.

Dennoch war es insgesamt eine spannende Geschichte, die zum Nachdenken über die langen Schatten familiärer Traumata anregt, überwiegend interessant erzählt ist und neugierig auf das Ende macht. So ist es ein Buch, das ich jenen, die sich für Familiendynamiken interessieren und keine Probleme mit der Schilderung familiärer Gewalt haben sowie bereit sind, sich auf ein paar Längen einzulassen, durchaus empfehlen kann.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von Eternal-Hope