Kunden em pfehlungen
Rezensionen von Eternal-Hope:
Über die vielen Wege, dem eigenen Land zu dienen
Beduinenmilch von Nirit Sommerfeld
Wir befinden uns im Jahr 2014, noch knapp ein Jahrzehnt vor der aktuellen Eskalation in Israel. Die Deutsch-Israelin Talia ist, nach ein paar ersten Jahren in Israel, mit ihren Eltern in Deutschland aufgewachsen. Sie hat eine nahe, liebevolle Beziehung zu ihren Eltern und ist deren einziges Kind: mamapapaich, so nennt sie das Miteinander in ihrer Familie.
Doch nun ist sie kurz davor, 18 Jahre alt und damit volljährig zu werden, hat ihr Abitur hinter sich gebracht und ist voller Idealismus und Tatendrang.
Wie so viele Sommer verbringt sie auch diesen in Israel, bei ihrer Oma und im Kreise von Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins. Eine Großfamilie, wie wunderbar! Hier fühlt sich Talia noch einmal so richtig daheim, aufgehoben und beschützt! Sie liebt Israel, idealisiert das Land und alles, was damit zusammenhängt. Als deutsch-israelische Doppelstaatsbürgerin, die ihren Lebensmittelpunkt nicht in Israel hat, konnte sie sich vom auch für Frauen verpflichtenden mehrjährigen Wehrdienst in diesem Land befreien lassen und ihre Eltern rechnen damit, dass Talia wie angekündigt im Herbst in Deutschland ihr Architekturstudium beginnen wird.
Doch nun hat es sich die gerade erwachsen werdende Frau anders überlegt: sie möchte ihrem geliebten Land dienen und es vor seinen Feinden verteidigen. Deshalb gibt sie schon bei der Einreise an, dass sie sich einen Einberufungsbefehl wünscht: dem wird stattgegeben und schon kurze Zeit danach hat Talia ihre Einberufung ins Militär für einen Termin im September im Briefkasten in Tel Aviv. Ihren Eltern, die sicher schockiert wären, erzählt sie erst einmal nichts davon. Ihre Cousine Noa, die ebenfalls im September einrückt, ist begeistert von der Aussicht, gemeinsam die Zeit beim Militär zu verbringen.
Vor der Einrückung liegt nun noch der Sommer und in diesem passieren verschiedene Dinge, die dazu führen, dass Talia ihre anfangs so naiv-enthusiastische Einstellung zum Dienst an der Waffe nach und nach kritisch zu hinterfragen beginnt. Ist alles wahr, was im israelischen Fernsehen so berichtet wird und ist es die einzige legitime Sicht? Geht es wirklich ausschließlich um Selbstverteidigung gegen böse Terroristen? Wie behandelt der israelische Staat die Menschen in den besetzten Gebieten, in die Israelis niemals reisen dürfen, aber Talia mit ihrem deutschen Pass durchaus? Stimmt es, dass man Arabern nie glauben darf? Was ist mit dem alten arabischen Mann, der behauptet, dass die verlassenen Ruinen um Jerusalem mal das Dorf waren, in dem er als kleiner Junge mit seiner Familie gelebt hat und aus dem sie gewaltsam vertrieben wurden?
Aus der Perspektive der jugendlich-naiven Talia erleben wir ein großartiges Coming-of-Age-Buch vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konfliktes. Differenziert und klug werden dabei verschiedenste Sichtweisen eingewoben: Talia begegnet unterschiedlichen Menschen, die ihre Erlebnisse und Überzeugungen mit ihr teilen: da sind die, die sagen, ein Land erobere man mit dem Schwert und würde die israelische Armee nicht oft so hart vorgehen, dann gäbe es das Land längst nicht mehr, denn die Feinde würden alle Juden ins Meer treiben wollen.
Es gibt die, die nach ihrem Militärdienst traumatisiert sind oder davon so abgestoßen waren, dass sie einen Weg hinaus gesucht haben. Israelis, die sich für den Frieden und die Völkerverständigung mit den Palästinensern einsetzen und auf verschiedensten Wegen dafür kämpfen. Eine mutige Pflichtverteidigerin, die sich gemeinsam mit Talia dafür einsetzt, dass ein als illegal angesehener Arbeiter aus den besetzten Gebieten dafür nicht unschuldig jahrelang ins Gefängnis kommt. Eine mutige und mitfühlende Großmutter, die Zivilcourage zeigt, aber gleichzeitig um ihre Enkelin bangt.
Und dann gibt es noch Saba, den vor kurzem mit fast 100 Jahren verstorbenen Opa, geboren 1919, der viele Verwandte in der Shoah verloren hat, während er in den 1940er Jahren in der Haganah für die Unabhängigkeit Israels gekämpft hat, und der seiner Enkelin seine alten deutschen Briefe und Tagebücher hinterlassen hat, die noch einmal ein neues Licht auf die Geschichte der Zeit der Staatsgründung Israels werfen.
"Beduinenmilch" ist ein außergewöhnlich gutes Buch: unterhaltsam, spritzig und absolut authentisch aus der Perspektive einer 18-jährigen geschrieben, die sich noch eine jugendliche Naivität bewahrt hat, die auch dadurch gefördert wurde, dass sie in Deutschland aufgewachsen ist, wo Kriege und die damit verbundenen Gefahren (im Jahr 2014) weit entfernt scheinen, man sich für Pazifismus einsetzt und die Wehrpflicht seit ein paar Jahren Geschichte ist. Im Laufe des Sommers reift Talia durch all die Begegnungen und Erlebnisse immer mehr heran, bekommt die Gelegenheit, Mut und Zivilcourage zu zeigen und ihre eigene Position zu finden, sich für das Gute in ihrem geliebten Israel einzusetzen. Nebenbei lernt man auch sehr viel über die Geschichte des Staates Israel.
Insgesamt empfinde ich den Israel-Palästina-Konflikt äußerst feinfühlig und differenziert dargestellt, sodass ich nach der Lektüre des Buches tiefes Mitgefühl für die betroffenen Menschen beider Seiten empfinde und mit allen friedliebenden Menschen dort darauf hoffe, dass sich irgendwann eine für alle an einem friedlichen Zusammenleben Interessierten eine gute Lösung finden wird, wie auch immer diese aussehen könnte. Dann könnten auch die alten Traumata, transgenerational und historische genauso wie aktuelle, auf beiden Seiten endlich zu heilen beginnen.
Dieses Buch lege ich allen mitfühlenden und interessierten Menschen ans Herz, die sich für dieses Thema interessieren, mehr über den Israel-Palästina-Konflikt lernen möchten oder auch einfach gerne eine wirklich gut geschriebene Coming-of-Age-Geschichte lesen wollen. Absolute Leseempfehlung!
Berührendes Buch über das Ende der jüdischen Gemeinden im Irak
In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied von Usama Al Shahmani
Für mich war "In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied" das erste Buch des schweizerisch-irakischen Autors Usama Al Shahmani, doch es wird sicher nicht mein letztes von ihm gewesen sein. Gleich nach der Beendigung der Lektüre des Buches habe ich nachgelesen, was der Autor sonst noch veröffentlicht hat und werde mir diese Bücher demnächst besorgen - ein sicheres Zeichen für ein Buch, das mich begeistert hat.
Schon der poetische Titel und das Cover des Buches haben mich angezogen und neugierig gemacht, und ich wurde nicht enttäuscht. Es ist ein ruhiges Buch und entfaltet genau dadurch seine ganz besondere Tiefenwirkung: im Zentrum steht der irakisch-israelisch-schweizerische Universitätsdozent Gadi, der seit langem in Zürich lebt und meint, vieles aus seiner Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Da erreicht ihn aus Israel ein Anruf seiner Schwester Tamar, mit der er in den letzten Jahren auch keinen Kontakt hatte: sein Vater, mit dem er vor 30 Jahren als Jugendlicher nach der Trennung der Eltern innerlich gebrochen hatte, liege in einem israelischen Spital im Sterben und wünsche sich, den Sohn noch einmal zu sehen und sich zu versöhnen.
Gadi nimmt den nächsten Flug nach Israel, zögert aber dann, ins Spital zu fahren, fährt in die Richtung, dann wieder zum Flughafen und schließlich doch noch ins Spital, wo er den Vater aber nicht mehr bei Bewusstsein erlebt und dieser bald darauf stirbt, ohne dass es zu einer Aussprache gekommen ist. Jedoch hat der Vater seinen letzten Willen, gemeinsam mit umfangreichen Tagebucheinträgen, schriftlich festgehalten: seine Asche möge zur Hälfte in Israel, seiner neuen Heimat, und zur Hälfte im Irak verstreut werden. Im Irak ist der Vater geboren und aufgewachsen, doch er musste ihn dann gemeinsam mit seiner Mutter nach dem Verschwinden des Vaters im Zuge antisemitischer Unruhen verlassen, dabei die irakische Staatsbürgerschaft für immer aufgeben und zusichern, niemals zurückzukehren.
Nach anfänglichem Zögern entscheidet sich Gadi, sich gemeinsam mit einem arabischen Freund in den Irak aufzumachen, die Gegend kennen zu lernen, in der sein Vater aufgewachsen ist und die Asche zu verstreuen. Und er beginnt, die Tagebucheinträge zu lesen und kommt damit der Familiengeschichte und dem entfremdeten Vater näher.
Es ist ein ruhiges, angenehm zu lesendes Buch, ohne viel Dramatik in der Handlung auf der Gegenwartsebene, dafür mit poetischen Formulierungen, berührenden zwischenmenschlichen Begegnungen sowie vielen sehr interessanten und für mich neuen Informationen über die Auslöschung der einst so großen und bunten jüdischen Gemeinden im Irak, ein bisher wenig beleuchtetes Gebiet der Geschichte des Nahen Ostens, zu dem der Autor umfangreich recherchiert hat.
War Bagdad früher mal eine tolerante Stadt voll von Muslimen, Christen und Juden, mit vielseitigen Kontakten zwischen den Religionen, vielen Synagogen und einem blühenden multikulturellen Leben, ist davon heute kaum mehr etwas übrig. Erste Verfolgungen der jüdischen Gemeinden Bagdads begannen schon in Kooperation mit dem NS-Regime und wurden leider auch danach fortgesetzt, sodass die Anzahl der sich offiziell zu dieser Religion bekennenden Juden in Bagdad in dem 2019 angesiedelten Roman so gering ist, dass es nicht einmal mehr für einen Minjan, für den man zehn volljährige jüdische Männer bräuchte, reicht. An vielen Beispielen wird im Roman beschrieben, wie jüdische Einzelpersonen im Irak und in anderen Ländern für die Politik des Staates Israels angegriffen und bedroht werden, auch wenn sie damit nichts zu tun haben: ein sehr aktuelles Thema, wie sich gerade leider auch hierzulande wieder in den Nachrichten zeigt.
Die im Figur vorkommenden Personen sind fiktiv, das historische Hintergrundgeschehen nicht. Dem Autor ist es damit gelungen, auf ein interessantes und bisher wenig bekanntes Kapitel der Geschichte des Nahen Ostens aufmerksam zu machen. Die Figuren im Buch sind alle liebevoll und authentisch gezeichnet und ich mochte insbesondere die Stellen sehr, an denen sich immer wieder zeigt, wie Freundschaft, gegenseitige Unterstützung und Verbundenheit auch zwischen den Angehörigen verschiedener Religionen möglich sein können, in der Vergangenheit genauso wie heute. Trotz allem Traurigem, das im Buch geschildert wird, sind die Hauptcharaktere, die wir auf ihrer Suche begleiten, liebevoll, freundlich und sich gegenseitig unterstützend, das war sehr schön zu lesen und macht hoffnungsvoll. Ich danke dem Autor für sein völkerverbindendes Buch gerade in dieser geopolitisch so herausfordernden Zeit!
Authentische Schilderung eines gewissen Milieus
Heimat von Hannah Lühmann
Jana ist vor kurzem mit ihrem Mann Noah und den beiden Kindern Louis und Ella aufs Land gezogen. In der Stadt und im Speckgürtel war Wohnen immer teurer geworden und sie sehnten sich nach einem schönen grünen Umfeld für die Kinder und Erholung für sich. In ihrem städtischen Umfeld war es üblich, dass beide Eltern Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten und die Kinder schon früh ganztags in der Kindertagesstätte sind, dort wurde niemand dafür schief angeschaut.
Doch nun ist Jana eine der letzten, die nachmittags ihre beiden Kinder von dort abholt... und das, obwohl sie vor kurzem ihren Job gekündigt hat, nachdem es von ihrer Chefin nicht sehr wohlwollend aufgenommen wurde, dass sie nun mit dem dritten Kind schwanger ist. So ganz angekommen ist Jana auch noch nicht auf dem Dorf.
Doch das wird sich bald ändern, als sie die charismatische, strahlende, hübsche Karolin kennen lernt. Karo hat sogar fünf Kinder, doch sie wirkt immer entspannt und gut gelaunt, bastelt fröhlich mit den Kindern, hält das Haus blitzblank und macht mit Freude Apfelkuchen mit selbstgemachter Vanillesauce mit echter Vanille. Sie ist bewusst bei den Kindern zu Hause und stolz darauf, diese Botschaft verbreitet sie auch als Influencerin auf Social Media.
Sie wohnt mit ihrem Mann in einem Haus mitten im Wald, die jüngeren Kinder sind ganztags zu Hause und die älteren gehen nur deshalb in die Schule, weil der Staat das leider so verlangen würde. Jana ist erst einmal beeindruckt von Karos Freundlichkeit und Selbstbewusstsein, folgt ihr nur zu gerne auf Instagram und freundet sich mit ihr an.
So lernt sie auch Karos Freundinnen kennen und wird Teil einer Frauenleserunde, in der Erziehungsratgeber diskutiert werden, die Fremdbetreuung verteufeln. Stück für Stück taucht Jana immer mehr in dieses neue Milieu ein, in dem sehr simple Lösungen für gesellschaftliche Probleme propagiert werden, wie selbstverständlich AfD gewählt wird und die Frau dem Mann untertan sein soll, während gleichzeitig ihre eigene Ehe immer mehr in Schieflage gerät.
Das Buch liest sich leicht und unterhaltsam, mit vielen Dialogen und bildhafter Schilderung eines ganz bestimmten, oft ländlichen Milieus, in das auch die Lesenden damit tief eintauchen können. Ich kenne solche Milieus auch und empfinde die Darstellung als sehr authentisch, es verkommt auch nicht zum Klischee, sondern wird durchaus differenziert dargestellt, einschließlich seiner Schattenseiten und der oft großen Unterschiede zwischen der Außendarstellung, speziell auf Social Media, und dem, was wirklich gelebt wird.
Insgesamt habe ich das Buch sehr gerne gelesen, denn es bietet interessanten Stoff zum Nachdenken und Diskutieren über verschiedene gesellschaftliche Milieus, die Prägung des jeweiligen Umfeldes und den Sog, den ein neues Umfeld auf Menschen ausüben kann, speziell, wenn sie gerade sozial noch nicht gut angebunden sind und sich einsam fühlen.
Außerdem macht die Beschäftigung mit den im Buch skizzierten Themen und Milieus nachdenklich über die große Herausforderung der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die auch in der aktuellen Müttergeneration viele moderne und gut ausgebildete Frauen so deutlich spüren und für die unsere Gesellschaft bis jetzt nur unzureichende Antworten und Lösungen bietet, was mit ein Faktor dafür sein könnte, dass rechte Parteien in den letzten Jahren so viel an Zulauf gewonnen haben und das Modell der traditionellen Hausfrau für manche junge Frauen wieder attraktiv geworden ist.
Es ist ein kluges und gut geschriebenes Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann. Schade habe ich nur das Ende gefunden, das für mich zu abrupt kam und einige Handlungsstränge offen gelassen hat, etwas, was ich nicht so schätze.
Wenn bei aller Dunkelheit ein Zauber bleibt
Onigiri von Yuko Kuhn
… dann weiß ich, ich habe ein besonderes Buch gelesen. Von Herausforderungen und schwierigen Lebensthemen sind die Halbjapanerin Aki und ihre Familie nicht verschont geblieben.
Ihre Mutter Keiko ist als junge Frau mutig und voller Hoffnung alleine ins unbekannte Deutschland ausgewandert, hat die Sprache gelernt, in engen Unterkünften gewohnt, sich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen und dann einen Deutschen aus alteingesessener, sehr wohlhabender Familie geheiratet und mit ihm zwei Kinder bekommen.
Doch ihren Mann, Akis Vater, jagen seine ganz eigenen Dämonen: aufgewachsen in einem eher kühlen Elternhaus mit oft abwesendem Vater und einer distanzierten Mutter mit Promotion in Biologie, scheitert er selbst an den internalisierten Ansprüchen seiner Herkunftsfamilie, schafft seine eigene Promotion nicht, fühlt sich am Leben gescheitert und unternimmt einen Suizidversuch, während er seine Babytochter im Kinderwagen in einem Kaufhaus stehen lässt. Zeitlebens wird er unter psychischen Problemen leiden. So kommt es auch zur Trennung der Eltern und die Kinder werden den Vater nur noch gelegentlich sehen.
Aki wächst in diesem Milieu auf, zwischen zwei Kulturen, mit einer ursprünglich so starken Mutter, die nun immer erschöpft zu sein scheint und Ruhe braucht. Zwischen den Eltern und den durchaus die Enkelin sehr liebenden Großeltern väterlicherseits, deren ambivalentes Verhältnis zur japanischen Schwiegertochter, Akis Mutter, sich aber auch auf sie auswirkt. Dann gibt es noch die sehr sympathischen und warmherzigen Verwandten in Japan und deren gelegentliche Besuche.
Vor diesem Hintergrund unternimmt die erwachsene Aki eine letzte Japanreise mit ihrer Mutter, die leider schon relativ jung an Demenz erkrankt ist, zu deren Wurzeln und zu den dort lebenden Verwandten.
Diese Reise ist ein Teil des Buches, aber bei weitem nicht der einzige: die meisten Kapitel sind in zwei Teile geteilt: zuerst gibt es einen biografischen Rückblick auf bedeutende Kapitel aus Akis und Keikos Leben und dann aktuelle Szenen aus der Japan-Reise.
Das Buch ist insgesamt in einem mosaikhaften Stil geschrieben: viele kleine, scheinbar unverbundene Szenen, aus denen sich nach und nach das komplexe Bild der Familie zusammensetzt. Zentrale Themen des Buches sind die Demenzerkrankung der Mutter und der Umgang der Angehörigen damit, aber auch interkulturelle Identitäten zwischen Japan und Deutschland.
Für mich war es ein sehr leicht zu lesendes und angenehmes Buch, das trotz der Schwere der beschriebenen Themen immer wieder auch seine eigene Leichtigkeit mit sich brachte: in liebevollen Begegnungen, in der Beziehung zueinander und zum Essen, in der Art, wie sich aus den vielen kleinen Teilen dann doch ein für mich sehr kohärentes Ganzes einer Familie, die trotz allem auch über sehr viel Resilienz verfügt, zusammengesetzt hat. Zurück bleibt bei mir ein warmes Gefühl im Bauch und die Hoffnung, dass sich bei aller Schwere und allen Herausforderungen immer auch Schönes, Gutes und Verbindendes finden lässt.
Im Kopf einer sehr eigensinnigen Persönlichkeit
Die Probe von Katie Kitamura
Das Buch "Die Probe" von Katie Kitamura ist auf der Longlist des renommierten Booker Prize gelandet. Oft ist das ein Anzeichen für eine lohnende, aber herausfordernde Lektüre, die man nicht so schnell wegliest, sondern die tiefer gehende Beschäftigung von den Leserinnen und Lesern erfordert.
So ist es auch hier. Es ist ein kurzes, aber sehr gehaltvolles Buch.
Das Buch besteht aus zwei Teilen, die ähnlich und dann doch wieder ganz unterschiedlich sind. Beide erleben wir ausschließlich aus der Perspektive einer 49-jährigen Schauspielerin. Wir sind als Lesende mit ihr in ihrem Kopf und erleben die Welt so, wie sie sie erlebt. Das ist eine Welt, in der es sehr wichtig ist, wer man ist und wen man darstellt, wie man sich gibt und wie und mit wem man gesehen wird. Ständig ist die Frau damit beschäftigt, zu analysieren, wie andere vermeintlich auf sie reagieren und was sie daraus schließt. Dabei stellt sie ihre eigenen Deutungen kaum in Frage, sondern baut sich daraus ihr sehr eigenes Weltbild zusammen.
Wenn man selbst, so wie ich, charakterlich ganz anders gestrickt ist, kann es faszinierend, aber auch mühsam sein, ein ganzes Buch aus so einer Perspektive zu lesen. Eine Sympathieträgerin war die erwähnte Frau für mich nicht unbedingt, muss sie aber wohl nicht sein. Ich kenne Menschen, die ähnlich ticken wie sie, insofern ist sie durchaus authentisch dargestellt.
Inhaltlich dreht sich das Buch unter anderem um Familienthemen: um einen jungen Mann, der meint, der Sohn der Ich-Erzählerin zu sein und der damit Recht hat oder auch nicht... darum, was dieses Thema mit ihr und anderen Menschen macht und vieles mehr (ohne zu viel verraten zu wollen). das Buch spielt mit den verschiedenen Perspektiven im Kopf der Ich-Erzählerin (und vielleicht auch in ihrem Leben, das weiß man nicht so genau), mit einem Was-wäre-wenn, mit echten oder falschen Erinnerungen und mit so einigem mehr... und lässt dabei bis zum Ende vieles offen.
Auch nach einer umfangreichen Diskussion mit anderen sowie der Analyse einiger Interviews mit der Autorin selbst bleibt vieles in diesem Buch für mich rätselhaft. So ist es vermutlich auch gedacht, das öffnet wiederum für die Lesenden einen breiten Interpretations- und Spiegelungsraum. Wer das mag, kann mit diesem Buch sicher einiges anfangen. Jedenfalls gibt es Stoff zum länger darüber diskutieren und nachsinnen. Wer hingegen Bücher mit zumindest einigermaßen verlässlichen Erzählstimmen und klaren Auflösungen bevorzugt, wird mit dieser Lektüre wohl nicht sehr glücklich werden, oder jedenfalls herausgefordert, die eigene Lesekomfortzone zu erweitern.
Eine junge Frau kreist um sich selbst
Junge Frau mit Katze von Daniela Dröscher
Von Daniela Dröscher habe ich schon die autofiktionalen Werke "Lügen über meine Mutter" sowie "Zeige deine Klasse" gelesen, die mir beide auf ihre Art sehr gut gefallen haben. So war ich sehr neugierig auf ihr neuestes Buch "Junge Frau mit Katze", in dem das Kind Ela aus dem Mutter-Buch nun eine erwachsene Frau ist.
Die Lektüre des Buches lässt mich mit zwiespältigen Gefühlen zurück. Worum geht es? Ela plagt sich seit fünf Jahren mit ihrer Promotion in Literaturwissenschaften herum. Ansonsten lebt sie ein sehr vergeistigtes, stressiges und von ihrem Körper abgespaltenes Leben alleine in einer kleinen Wohnung mit ihrem Kater. Eine weitere wichtige Rolle in ihrem Leben spielt ihre gute Freundin Leo, für deren 5-jährige Tochter Ela immer wieder mal die Babysitterin spielt.
Ansonsten gibt es noch, in deutlicherer Distanz, den im Ausland lebenden schwulen Bruder, der seine Hochzeit plant, einige entferntere Freunde und Bekannte, einen wissenschaftlichen Kollegen, mit dem sie ihr kleines Zimmer am Institut teilt, den Doktorvater und die Zweitprüferin, eine Psychotherapeutin sowie, nochmal weiter weg, die Schatten aus der Vergangenheit: die Mutter Elas, mit der sie regelmäßig telefoniert, die sie aber kaum sieht, und den Vater, zu dem nur mehr wenige Male im Jahr Kontakt besteht. So weit zu Elas sozialer Einbettung.
Ansonsten konzentriert sich Ela auf den Abschluss ihrer Promotion. Unbedingt will sie dabei die Bestnote erzielen, denn sie ist sehr ehrgeizig und außerdem fürchtet sie, sich nur so eine der wenigen begehrten Postdoc-Stellen sichern zu können. Eine solche hat ihr der Doktorvater schon in Aussicht gestellt und lange sieht Ela die Fortführung der wissenschaftlichen Karriere hin zur ersehnten Professur als einzige erstrebenswerte berufliche Möglichkeit für sich. Das macht natürlich enorm Druck.
So hat es mich als Leserin nicht verwundert, dass Ela - die bisher ihrem Körper wenig Beachtung geschenkt hat und sich in Abgrenzung zu ihrer Mutter und den abwertenden Blick des Vaters auf diese mit übernehmend als attraktiv und dünn und damit vermutlich automatisch auch als gesund angesehen hat - diverse scheinbar unzusammenhängende körperliche Symptome entwickelt: beginnend mit einer anhaltenden Entzündung im Hals ohne klar erkennbare Ursache über Herzrhythmusprobleme bis hin zu heftigen allergischen Hautreaktionen.
So beginnt eine Odyssee zu Ärzten und Ärztinnen, Heilpraktikerinnen und Energetikern, die meiste Zeit im Hintergrund begleitet von einer Psychotherapie sowie von ihren Ängsten und Neurosen. Ela muss sich damit konfrontieren, möglicherweise den geplanten Promotionstermin nicht einhalten zu können und nicht mehr so leistungsfähig zu sein wie bisher, was ihr anfangs sehr schwer fällt. Immer noch ist sie extrem darauf bedacht, ein gewisses Bild nach außen zu wahren, so versucht sie etwa, innerhalb von sechs Wochen Japanisch von null auf Konversationsniveau zu lernen, nachdem aufgrund eines Missverständnisses, das sie nicht den Mut hat aufzuklären, am Institut vermutet wird, sie beherrsche diese Sprache.
Es zeigt sich das Bild einer enorm getriebenen, kopflastigen und leistungsorientierten jungen Frau, die immer noch sehr mit ihrem Herkunftsmilieu kämpft und dessen Schatten nicht loswird.
Sprachlich ist es ein unterhaltsam und gut geschriebenes Buch, Daniela Dröscher beherrscht ihr Handwerk, wie sie ja auch schon in ihren vorigen Büchern gezeigt hat. Inhaltlich hat mich das Buch aber eher enttäuscht: die vielen Arztbesuche nehmen einen enormen Anteil des Buches ein, bei dem sich für mich erst spät eine Weiterentwicklung und ein relevanter Erkenntnisgewinn gezeigt hat.
Das alleine hätte mich aber noch nicht so sehr gestört wie etwas anderes: der weitgehend unreflektiert negative Blick der Tochter und des Sohnes auf die Mutter allein aufgrund von deren Figur sowie für mich kleinlich anmutende Schuldzuweisungen an diese aufgrund vermeintlicher Fehler. Es ist ein sehr ungnädiger Blick der erwachsenen Kinder auf die Mutter, der sich hier offenbart.
Die Tochter meint, ihr Bruder würde die Mutter am liebsten von seiner eigenen Hochzeit ausladen, weil er so ein Faible für Schönes hätte und sich für deren Übergewicht schämen würde. Sie selbst definiert sich in Abgrenzung zur Mutter: "So ungefähr, dachte ich immer, verhält es sich mit uns. Meine Mutter ist dort, ich bin hier, sie ist die sehr Dicke, ich bin die Dünne. Oder in den Worten meines Vaters: Ich bin die Schöne, sie ist die Hässliche." (S. 9)
Als die Mutter nach der Trennung von ihrem abwertenden Ehemann neu ihr Glück findet, einen liebevollen und freundlichen neuen Partner an ihrer Seite hat, unternehmungslustig mit diesem durch die Welt reist, fitter wird und abnimmt, kann ihr die Tochter dieses Glück auch kaum gönnen, sondern beklagt, dass sie als junge Frau mit ihren Krankheiten kämpfe, während die Mutter herumreise, obwohl es nach ihrem Gerechtigkeitsempfinden eher umgekehrt sein solle.
Ein autofiktionaler Roman ist keine Biographie und somit soll und kann man Ela sicher nicht komplett mit Daniela Dröscher gleichsetzen, zum Glück. Denn die Ela aus diesem Roman empfinde ich als ziemlich undankbar, abwertend, um sich selbst kreisend und wenig reflektiert. Aus einem grundsätzlich sehr privilegierten Leben mit vielseitiger Unterstützung in eine temporäre, aber am Ende lösbare, gesundheitliche Krise geworfen, bemitleidet sie sich selbst und hat wenig Mitgefühl für andere.
Das wird auch nicht ganz kompensiert durch die kurzen Minikapitel zwischendurch, bei denen es um die Mutter und deren in den Augen der Tochter ungelebtes Leben geht. Am interessantesten am Buch war für mich noch der Aspekt, ob und auf welche Weise es durch die langwierige Krankheitsgeschichte zu einem Perspektivenwechsel Elas auch in Bezug auf ihre beruflichen Möglichkeiten und ihre Prioritäten kommt.
Insgesamt ist es für mich das bisher schwächste mir bekannte Buch dieser sonst von mir durchaus geschätzten Autorin. Dass die Autorin viele Themen sehr wohl vielseitiger und kritischer reflektieren kann, hat sie in ihren anderen Büchern bewiesen, hier zeigt es sich mir zu wenig. Deshalb empfehle ich dieses Buch eher nur Fans der Autorin, die sich für einen weiteren Aspekt der bekannten Geschichte interessieren. Wer die Autorin hingegen noch nicht kennt und sie neu entdecken möchte, dem rate ich eher zu einem ihrer anderen Werke.
Kein Weg aus der Eskalationsspirale heraus
We Burn Daylight von Bret Anthony Johnston
Der Roman „We burn daylight” von Bret Anthony Johnston hat einen wahren Kern: die fiktive Geschichte spielt in einem Setting, das es so tatsächlich gegeben hat: die Sekte der Branch Davidians in Waco, deren Belagerung durch das FBI und schließlich der ausgebrochene Brand, bei dem viele der Sektenmitglieder ums Leben kamen.
Vor diesem Hintergrund lernen wir die fiktiven Charaktere dieses Romans kennen: Jaye, ein Mädchen im Teenageralter, das mit seiner Mutter, die dem Sektenführer „Lamb“ und seiner Botschaft verfallen ist, nach Waco gezogen ist, selbst nicht viel von „Lamb“ hält, sich von der trostlosen, verfallenen Umgebung abgestoßen fühlt und am liebsten wieder nach Hause ziehen würde. Auf der anderen Seite Roy, der Sohn des örtlichen Sheriffs, der seinen älteren Bruder vermisst, der in einem fernen Krieg kämpft, zufällig Jaye kennen lernt und sich in sie verliebt. Aus diesen beiden Perspektiven werden die meisten Kapitel des Buches erzählt, ergänzt durch die nicht chronologisch abgebildeten Folgen eines Podcasts, in dem 30 Jahre später unterschiedlichste Personen zu den damaligen Vorfällen interviewt werden.
Die beiden Jugendlichen sind beide keine Anhänger des Sektenführers und sehen ihn, seine Botschaften und sein Verhalten sehr kritisch. Ihre Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines sich latent aufbauenden und verstärkenden Bedrohungsszenarios der Weltuntergangsfantasien der Sekte kombiniert mit der beginnenden Belagerung bildet den Kern dieses Buches. Durch die beiden Jugendlichen erfahren wir also nicht viel darüber, warum Menschen einer Sekte verfallen, dies kommt nur als Außenperspektive über manche der Interviewten im Podcast sowie über den Blick Jayes auf ihre Mutter als Thema in das Buch hinein.
Das Buch beschäftigt sich also durchaus auch mit der Dynamik von Sekten und Kulten, aber nicht nur. Es geht auch um die Angemessenheit oder Unangemessenheit staatlicher Interventionen bis zu Gewalt und um sich aufbauende Eskalationsszenarien, aus denen keine Seite mehr einen guten Ausweg findet. Über viele Seiten passiert im Buch vordergründig nicht viel, während die Lage im Hintergrund zunehmend eskaliert und die Lesenden insbesondere durch die Informationen aus dem Podcast einen tragischen Ausgang befürchten und mit den Jugendlichen zittern. Gegliedert ist das Buch in kurze Kapitel, die sich grundsätzlich schnell lesen, auch wenn es zwischendurch einige Längen gab. Insgesamt ist es ein gut geschriebenes Buch, das ich allen an dieser Thematik Interessierten durchaus empfehlen kann.
Bin ich noch ich, wenn ich immer glücklich bin?
All Better Now von Neal Shusterman
"All better now" von Neal Shusterman wird als Jugendbuch vermarktet und hat mich mit seiner herausragenden Qualität sehr überrascht. Ich habe mir eine lockere Unterhaltung erwartet und ein spannend geschriebenes Buch bekommen, das mich beim Lesen nicht nur komplett gepackt hat, sondern auch nach Beendigung der Lektüre noch tief nachwirkt mit den tiefgründigen identitätspsychologischen und ethischen Fragen, die es aufwirft.
Das Buch spielt in der Zeit ein paar Jahre nach der Corona-Pandemie, die in den Köpfen der Charaktere immer noch sehr präsent ist und auf die es im Buch viele Referenzen gibt (auf eine Art und Weise, die gut gepasst und mich überraschenderweise nicht gestört hat, obwohl ich gedacht hätte, von diesem Thema schon genug zu haben).
Nun grassiert ein neues Virus, passenderweise in Anlehnung an Corona CrownRoyale genannt, die Krone der Coronaviren sozusagen. Genauso wie Corona überträgt es sich durch die Luft, aber es gibt einen bedeutenden Unterschied: jeder 25. Infizierte stirbt daran, doch alle anderen werden zu Genesenen, die unbeschwert, entspannt und glücklich wirken. Was bedeutet so ein Virus für die Menschheit und für jeden Einzelnen? Ist es erstrebenswert, dass sich möglichst viele infizieren, wenn sie danach glücklich sind, auch um den Preis der Todesfälle? Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn eine kritische Masse glücklich und zufrieden ist, was passiert mit Wirtschaft, Politik, Arbeitsmarkt? Und sind das überhaupt noch dieselben Menschen, wenn sie sich so grundlegend verändert haben? Müssen die Menschen fürchten, sich selbst und ihre echte Identität zu verlieren, wenn sie sich infizieren und dann von dieser Krankheit genesen?
Alle diese und noch viele weitere spannende Fragen stellt dieses Buch. Wir erleben es aus den Perspektiven mehrerer Menschen, die aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus stammen: da gibt es Rón, Sohn von Blas Escobedo, des drittreichsten Menschen der Welt. Mariel, die mit ihrer Mutter, die sich nie von Long Covid erholt hat, auf der Straße lebt und mit ihr gemeinsam um ihr Überleben kämpfen muss. Morgan, hochbegabt, aber mit einer Mutter, die an einer Frühform von Demenz leidet, ist schon sehr jung zu der Erkenntnis gekommen, dass die Welt ein Null-Summen-Spiel und ein Kampf sei, und ist fest entschlossen, zu den Siegern zu gehören, als sie eine einmalige Chance erhält. Eine vermögende alte Frau, die sich mit Crown Royale infiziert und fürchtet, ihre Persönlichkeit zu verlieren. Und noch so einige mehr.
Besonders machen das Buch die facettenreichen Figuren. Es gibt kaum schwarz-weiß und alle Figuren haben differenzierte Charakterzüge, die sich allesamt auf die eine oder andere Art und Weise nachvollziehen lassen, sodass sich mit allen mitfiebern lässt. Auch in Bezug auf die Konsequenzen der immer größer werdenden Anzahl der Genesenen für die Welt sind verschiedene Deutungen möglich. Das Buch fordert also dazu auf, die eigene Position immer wieder kritisch zu hinterfragen. Gleichzeitig ist an vielen Stellen auch eine kritische Aufarbeitung der Corona-Zeit eingearbeitet, beispielsweise, wenn für die Genesenen von verschiedenen Interessensgruppen neue Bezeichnungen in Umlauf gebracht werden: sind diese etwa beeinträchtigt? Oder umschlungen? Da wird deutlich, wie sehr eine bestimmte Wortwahl unser inneres Bild von etwas prägt.
Dieses Buch ist der erste Teil einer Dilogie, der zweite Band ist für Herbst 2027 angekündigt. Insofern ist verständlich, dass nicht alle offenen Fragen in diesem Buch vollständig beantwortet werden. Dennoch ist es dem Autor gelungen, das Buch zu einem guten, runden Abschluss zu bringen, der mich die Lektüre mit einem hoffnungsvollen Gefühl beenden hat lassen und gleichzeitig dafür sorgt, dass ich mich auf den zweiten Band freue.
Ich empfehle dieses Buch allen ab 14 Jahren: Jugendlichen und jungen, aber auch schon etwas älteren Erwachsenen, die an einem spannenden und tiefgründigen Buch interessiert sind, das sich leicht und interessant liest und dabei doch Tiefe aufweist. Für mich wird es definitiv nicht das letzte Buch dieses talentierten Autors gewesen sein.
Aufrüttelnd, berührend und authentisch
Eden von Jan Costin Wagner
"Eden" - eine Utopie, das gelobte Land, das wir nie wieder erreichen können, das verlorene Paradies... danach sehnen sich Markus und Kerstin, die verwaisten Eltern von Sofie. Ihre Tochter war ein Sonnenschein, clever, fröhlich, immer ein Lächeln auf den Lippen. Die drei hatten ein richtig schönes, gut situiertes Familienleben, alles war harmonisch, materiell waren sie gut situiert, bis die Katastrophe passierte.
Am Ende des Konzertes des Stars, den die Tochter so bewundert, kommt es zu einem Attentat, ein IS-Anhänger zündet eine Bombe und Sofie befindet sich direkt daneben und ist auf der Stelle tot. Vorbei ist es mit dem Paradies, nie wieder wird sie zu ihren Eltern zurückkommen, nie wieder lachen, tanzen und fröhlich sein. Von einem Augenblick auf den anderen mitten aus dem Leben gerissen.
Dieses für Eltern schrecklichste und vorstellbare Ereignis wird im neuen Roman von Jan Costin Wagner sehr authentisch, berührend und aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Abwechselnd erzählen die Eltern Kerstin und Markus, aber auch der Schulkollege Toby, der heimlich für Sofie geschwärmt hat und nun erschüttert um sie trauert, und die Perspektive des Attentäters und seiner Familie kommt vor.
Wir begleiten die Familie und Freunde über mehrere Monate nach dem Todesfall, erleben mit, wie unterschiedlich die Eltern trauern und wie das bei aller langjährigen Verbindung und Liebe zueinander sie nun auch auseinander zu treiben und zu entzweien droht.
Wie insbesondere der Vater nach Antworten, Sinn und Begreifen sucht, dabei sogar die Mutter und den Bruder des Attentäters direkt bei sich zu Hause besucht und konfrontiert. Wie er sich aber gleichzeitig nicht zum Werkzeug der Neuen Rechten machen will und nicht pauschalisieren möchte, wie er den Hass hasst, aber sich selbst nicht zum Werkzeug von diesem machen will.
Es ist ein aufrüttelndes und berührendes Buch zu einem in dieser Zeit leider hochaktuellen Thema. Neben der persönlichen Geschichte und dem Aufzeigen der verschiedenen Trauerprozesse macht es auch nachdenklich über die Bewegungen am Rande der Demokratie in Mitteleuropa, sowohl von Seiten islamistischer Hassprediger als auch von denen, die seit einigen Jahren immer mehr ins Milieu der Verschwörungstheoretiker abdriften, in dem leider ebenfalls viel Hass verbreitet wird (exemplarisch dargestellt durch Tobys Vater, von dem sich Toby dadurch immer mehr distanziert).
Insgesamt ist es ein sprachlich sehr gut geschriebenes, auf seine Weise trotz des tragischen Themas auch unterhaltsames und sehr wichtiges Buch, das ich einer breiten Leserschaft empfehlen kann.
Lieber verrückt als einer von euch?
Botanik des Wahnsinns von Leon Engler
Es gibt ein Klischee über Psychologinnen und Psychologen: die hätten das alle studiert, um sich selbst besser zu verstehen. Oder zumindest ihre verrückte Familie. Ich habe selbst Psychologie in Wien studiert und kann aus Erfahrung sagen: da ist durchaus ein bisschen was dran. Wer aus einer absolut glücklichen Familie ohne Probleme kommt - falls es so etwas irgendwo geben sollte - entwickelt selten so ein tiefgreifendes Interesse für die Menschen und ihre seelischen Abgründe.
Selbst Erfahrung mit psychischen Erkrankungen im persönlichen Umfeld zu haben, kann aber auch durchaus ein Vorteil für die berufliche Arbeit in diesem Bereich sein: wenn diese Erfahrung gut verarbeitet und reflektiert wurde.
Ein leuchtendes Rollenvorbild dafür ist der Psychologe und Autor Leon Engler. In seinem autofiktionalen Roman erzählt er berührend, einfühlsam und zugleich humorvoll von seiner eigenen Familiengeschichte und seinem Weg hin zur Psychologie sowie von seinen Erfahrungen mit einer einjährigen Tätigkeit als Psychologe an einer Wiener stationären Psychiatrie nach seinem Studium, wo er auf verschiedenen Stationen mit an Schizophrenie Erkrankten, Depressiven sowie Suchtkranken arbeitet.
Seit frühester Kindheit prägen die diversen psychischen Erkrankungen seiner Eltern und Großeltern sein Leben: die Großmutter überlebt zwölf Suizidversuche, bis sie am Ende doch in höherem Alter an einer körperlichen Erkrankung stirbt. Geplagt von Depressionen und Angstzuständen, verriegelt sie ständig alle Fenster und Türen, verdunkelt das Heim mit Vorhängen und lebt doch in ständiger Angst vor imaginierten Feinden und Verfolgung. Ihre Tochter, die Mutter des Autors, ist fest entschlossen, nicht in ihre Fußstapfen zu treten, übt das ständige Lächeln und Fröhlich-Sein, schafft es mit hoher Begabung und Glück trotz kaum formaler Ausbildung zur erfolgreichen Journalistin... und wird doch später ebenfalls von Depressionen und Alkoholsucht eingeholt.
"Sie war so kraftlos, so hoffnungslos, so lebenslos, lag herum wie die Wäsche, die sie nicht mehr wusch, und die Briefe, die sie nicht mehr öffnete." (S. 147)
"Ich habe Jahre damit zugebracht, mir diese Frage zu stellen: Warum? Es hätte doch nicht sein müssen." (S. 148)
Auch auf der väterlichen Seite sieht es nicht viel besser aus: der Vater des Autors wurde von seiner minderjährigen Mutter zur Adoption freigegeben, er war als Kleinkind mehrmals längere Zeit in Waisenhäusern, die erste Adoptivmutter starb, die nächste erlebte er als nicht sehr fürsorglich. Auch er wird zeitlebens mit Depressionen kämpfen und schließlich fast mittellos ein Leben am Rande der Gesellschaft führen.
Was bedeutet das für den Autor? Die hohe erbliche Komponente psychischer Erkrankungen ist bekannt und auch der Autor, der schon vor dem Psychologiestudium Werke diverser Autoren und Autorinnen in diesem Bereich geradezu verschlingt, erfährt bald davon. Er liest sich in das Thema ein und er ist der erste in seiner Familie, der nicht einfach von psychischen Erkrankungen eingeholt werden und darüber schweigen will, sondern sich schon im Vorfeld aktiv damit beschäftigt und konfrontiert. Denn so wie seine Familie möchte er es nicht machen:
"Wir sagten nicht, was wir gerne gesagt hätten, das taten wir nie. Wir waren aber auch nie zufrieden mit dem, was wir stattdessen sagten. Es blieb an der Oberfläche. Darunter sammelte sich, wie Staub unter einer alten Couch, das Nicht-Gesagte." (S. 13/14 im E-Book)
In Wien freundet er sich mit seinem Nachbarn an, einem eigensinnigen, aber sehr gebildeten älteren Herren, der ihm am Ende einen großen Teil seiner Fachbibliothek hinterlässt und dessen weise Sprüche den Autor noch über dessen Tod hinaus prägen werden. Beispielsweise überlegt er als junger Mann lange, was er studieren solle, ob Theaterwissenschaft, Literatur oder doch Psychologie (schließlich wird er mit Theaterwissenschaft beginnen und später Psychologie als Zweitstudium dazunehmen). Der Nachbar rät ihm dazu, sich mit den großen Werken der klassischen Literatur zu beschäftigen, da lerne er mehr über die Menschen als im statistiklastigen Psychologiestudium:
"Dann erzählt er mir von seinem Lieblingsbaum. Halb Orange, halb Zitrone. In der Orangerie stehe dieser Baum. Die Literatur, das seien die Zitronen, die Psychologie die Orangen. Beides eine Familie, beides hänge am selben Stamm. Aber die Zitrone sei botanisch gesehen älter." (S. 21)
Die Frage nach den psychischen Erkrankungen in seiner Familie und deren Erblichkeit lässt den Autor aber sowieso nicht los. Er beschäftigt sich auch mit der historischen Entwicklung des gesellschaftlichen Umgangs mit Menschen, die in Verhalten oder Erleben von der damaligen Norm abwichen, und lässt uns im Buch an seiner Reise teilnehmen. An dieser Stelle hat das Buch auch Sachbuchkomponenten und man erfährt so einiges Interessantes und Wissenswertes über den Wandel in der Einstellung gegenüber psychisch Erkrankten:
"In Europa ging man mit Geisteskranken lange vor allem so um: Man grenzte und stellte sie aus. (...) In Wien widmete man den Narren im 18. Jahrhundert einen fünfstöckigen Turm mit Wänden dick wie Festungsmauern, eine der ersten Irrenanstalten der Welt." (S. 37)
Schließlich konfrontiert sich der Autor nach abgeschlossenem Psychologiestudium ganz bewusst mit dem Ort, an dem so viele seiner Vorfahren immer wieder gelandet wird und zu denen es dort zum Teil bis heute dicke Akten gibt:
"Ein seltsames Gefühl: sich in der Psychiatrie gut aufgehoben zu fühlen. Aber warum nicht? Hierhin kann ich den Weg meiner Familiengeschichte verfolgen wie die Spur einer Schnecke. Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit." (S. 57)
Ehrlich und reflektiert beschreibt er, wie sehr auch die Ärztinnen und Ärzte, Psychologen und Psychologinnen oft immer noch im Dunkeln tappen, wenn es darum geht, ihren psychisch kranken Patienten zu helfen. Und dass oft gar nicht so leicht erkennbar sei, wer Helfer und wer Patient sei: als er einmal sein Namensschild nicht trug, wurde er von einer Pflegerin aus dem Pausenraum geschmissen, weil sie ihn für einen Patienten hielt und ihm nicht glaubte, dass er ein Psychologe sei, denn das würden auch die Patienten ständig von sich behaupten.
Klar gibt es viele wissenschaftliche Modelle, Theorien und Studien zu den diversen psychischen Erkrankungen, doch die einzelnen Patienten funktionieren nicht unbedingt nach Manual, und am besten müsse man für jeden seine individuelle Therapie erfinden:
"Wir besprechen mit den Patienten die unzähligen Theorien, Fakten und Modelle zur Depression. Doch ebenso besprechen wir die unzähligen Ungewissheiten, Mysterien und Zweifel." (S. 111)
Nicht zu viel erwarten solle man vom Aufenthalt in der Psychiatrie oder von der Therapie. Oft sei es schon ein großer Erfolg, aus einem extremen Elend ein ganz normales Unglück zu machen... denn absolut glücklich sein? Das sei ein sehr hohes Ziel, das auch die meisten scheinbar normalen, in unserer Gesellschaft bis jetzt funktionierenden Menschen nicht vollständig erreichen würden.
Sehr sympathisch finde ich auch, dass der Autor im Buch immer wieder klarstellt, dass das, was wir als psychisch krank definieren und die Umstände, die dazu führen, dass Menschen in der jeweiligen Gesellschaft nicht so funktionieren (können oder wollen), wie wir das gerne hätten, immer auch sehr viel mit der jeweiligen Gesellschaftsordnung zu tun hat:
"Evolutionär betrachtet ist der Schmerz nicht die Krankheit. Er ist ein Warnlicht, das darauf hinweist, dass es ein Problem gibt. Ich glaube nicht, dass mein Vater das Problem war." (s. 152)
Das ist etwas, was die Psychiatrie aber kaum adressieren oder verändern könne, dort sei nicht der richtige Ort für gesellschaftliche Veränderungen, und das Personal dort schon mit der täglichen Arbeit, den Personalengpässen und den vielen hilfsbedürftigen Patienten voll ausgelastet bis überfordert.
"Botanik des Wahnsinns" ist ein liebevoll geschriebenes, humorvolles und zutiefst berührendes, persönliches Buch über den Umgang eines sehr weisen und reflektierten jungen Menschen mit einer herausfordernden Familiengeschichte. Trotz all der Dunkelheit scheint so viel Wärme und Liebe aus diesem Buch und es wird spürbar, wie sehr dem Autor sowohl seine Familie als auch insgesamt Menschen, die sich schwer tun, ihren Platz in unserer leistungsorientierten Gesellschaft zu finden, am Herzen liegen und wie er ehrlich nach Antworten auf seine Fragen sucht.
Ich kann das Buch allen, die sich für das Thema psychische Erkrankungen in der Familie und im Wandel der Zeit interessieren, nur sehr ans Herz legen: in diesem persönlichen Memoir liest man nicht nur eine berührende Geschichte, sondern kann auch jede Menge lernen und wird selbst aufgefordert, die Gesellschaft, in der wir leben, zu hinterfragen.
Dazu noch ein letztes der unzähligen schönen Zitate aus diesem besonderen Buch: in dieser Szene beendet der Autor seinen einjährigen beruflichen Aufenthalt auf der Psychiatrie und erhält ein Abschiedsgeschenk:
"Ich packe das Geschenk aus. Eine Kaffeetasse: Lieber verrückt als einer von euch." (S. 154)











