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Rezensionen von Pusteblümchen:

Ein Gedankenexperiment über Politik in den 1970er Jahren

Die Frau der Stunde von Heike Specht

Ich lese sehr gerne historische Romane, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Dieser ist fiktiv, also wie ein Science-Fiction in der Vergangenheit.
Die Autorin baut hier ein Gedankenexperiment, das in der damaligen Zeit undenkbar war.
Wir befinden uns in den 1970er Jahren. Die Politikwissenschaftlerin Catharina Cornelius wird überraschend Außenministerin und Vizekanzlerin.

Da sie eine Frau ist, stößt sie auf massiven Widerstand. Neben ihr gibt es weitere starke Protagonistinnen, die bedeutsame Posten belegen.

Während die Charaktere fiktiv sind, ist es der Hintergrund der Handlung nicht. Politische Ereignisse der damaligen Zeit im In- und Ausland sind eng mit der Geschichte verwoben. Obwohl ich wusste, dass das alles niemals so stattgefunden hat, konnte ich mir gut vorstellen, dass das alles genau so hätte ablaufen können.

Hier wird Politik für jeden zugänglich gemacht und unterhaltsam präsentiert. Gleichzeitig ist es ein wenig erschreckend wie wenig sich seitdem verändert hat. Politik ist nach wie vor eine Männerdomäne und die starken weiblichen Charaktere dieses Romans sind bis heute die Ausnahme geblieben.

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Eine bewegende Familiengeschichte

Das Flüstern der Marsch von Katja Keweritsch

Karl Hansens 80. Geburtstag steht an und die Familie trifft sich in der Marsch. Als die Enkelin Mona eintrifft, ist ihre Großmutter Annemie verschwunden. Während Karl nur wenig Besorgnis zeigt, beginnt Mona mit der Suche. Dabei taucht sie nach und nach immer tiefer in die Geschichte ihrer Familie ein.

Die Geschichte wird aus unterschiedlichen Perspektiven in verschiedenen Zeitebenen erzählt.

In der Gegenwart berichten Mona und Janne, 1994 Freya und 1964 Annemie. Durch diese Wechsel erfährt man nach und nach immer mehr über die Familie. Es ist wie bei einem Puzzle, aus vielen Einzelheiten ergibt sich letztendlich ein stimmiges Gesamtbild.

Wie schon die vorherigen Bücher beschreibt Katja Keweritsch auch hier die Landschaft und die Natur der Marsch sehr bildhaft.

Es werden viele verschiedene Themen aufgegriffen. Es geht um Familie, die Rolle der Frau, Doppelbelastung, Missbrauch und vieles mehr. Dadurch ist der Roman keine einfache Unterhaltungslektüre, sondern einer der zum Nachdenken anregt.

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Schockierend und humorvoll zugleich

Gym von Verena Keßler

Die Handlung wird aus Sicht der Protagonistin geschildert. Sie ist Mitte 30 und gerade ein wenig aus der Form gekommen. Um das zu beheben, möchte sie in die Fitnessbranche wechseln und beginnt dort mit einer dicken Lüge, der viele weitere folgen. Mehr über die Handlung möchte ich an dieser Stelle lieber nicht verraten.

Es geht um Selbstoptimierung, Körperkult, Lifestyle, Fitness und gesunden Lebensstil, der schnell ins Gegenteil umschlägt. Die Protagonistin ist in allem was sie tut sehr konsequent und setzt ihre Ziele ohne Rücksicht auf Verluste durch, egal, ob es gegen sich selbst geht oder ob sie dafür andere ausnutzt. Sie weiß aus Erfahrung, dass Einsatz belohnt wird und zum Erfolg führt. Sympathisch ist sie nicht, aber dennoch wollte ich mehr über sie erfahren.
Das Buch ist wirklich anders als alles, was ich bisher gelesen habe und ich finde es unglaublich gut geschrieben. Es ist sehr ehrlich, faszinierend, abstoßend und schockierend zugleich. Dennoch musste ich immer wieder lachen, eine Kombination, die ich mag.

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Das Leben einer ungarischen Adelsfamilie

Lázár von Nelio Biedermann

Das Buch beginnt mit der Geburt von Lajos Lázár. Seine Familie lebt im Waldschloss im südlichen Ungarn.

Schon mit den ersten Seiten bin ich an den Beginn des 20. Jahrhunderts gereist. Der Autor beschreibt alles sehr detailliert, das Leben der Familie Lázár, ihr Schloss und die Atmosphäre dort.

Alles wirkt ein wenig steif, passt aber auch gleichzeitig gut ins Zeitgeschehen und die Familienhierarchie.

In diesem Roman hat Nelio Biedermann seine Familiengeschichte und das historische Zeitgeschehen miteinander verwoben. Der Leser begleitet die Familie durch drei Generationen, lernt ihre Traditionen kennen und erlebt wie ihr Leben durch äußere historischen Ereignisse verändert wird. Gleichzeitig gibt es Einblicke in das innerste der Charaktere und ich bin im Nachhinein beeindruckt wie das alles auf so wenige Seiten gepasst hat.

Es ist ein beeindruckendes und intensives Leseerlebnis, das durch Krieg, politische Veränderungen, staatliche Macht seine Leser fordert, aber durch seinen angenehmen Schreibstil auch gut unterhält.

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Der zweite Fall Fall für Svea und Jon

Schwüre, die wir brechen von Roman Voosen; Kerstin Signe Danielsson

In Malmö gibt es einen äußerst bizarren Leichenfund. Die Leiche hat einen Krokodilskopf und bei ihr findet sich eine verschlüsselte Nachricht. Damit haben Kommissar Jon Nordh und seine Kollegin Svea Karhuu ihren zweiten Fall. Es bleibt nicht bei einer Leiche und die Protagonisten und das Ermittlerteam haben jede Menge zu tun.

Es gibt nicht nur den Erzählstrang in der Gegenwart, sondern auch Rückblicke in die Vergangenheit. Die Zusammenhänge waren mir zunächst vollkommen unklar, aber jeder Handlungsstrang für sich ist spannend und interessant. Ebenso interessant gestalten sich die Ermittlungsarbeiten.

Die Protagonisten Svea und Jon sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und absolut keine Mainstreamcharaktere. Sie und das Team arbeiten Hand in Hand, so dass es Spaß macht den Ermittlungsarbeiten zu folgen.

Der Fall ist gut gelöst, es bleiben lediglich Fragen im privaten Bereich der Protagonisten offen.

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Musik ein Lebensgefühl

Deep Cuts von Holly Brickley

In diesem Roman geht es um Musik, um die Musik der 1990er und 2000er Jahre, eine Zeit, in der ich selbst permanent Musik gehört habe.
Die Protagonistin Percy spielt weder ein Instrument noch singt sie, aber sie liebt Musik, beschäftigt sich mit ihr, indem sie die Texte und Akkorde zerlegt und durchleuchtet.

Joe schreibt Songs und möchte dazu ein Feedback von Percy, da er schnell merkt, welches Talent in ihr steckt. Ihr Blick auf die Musik, die Bedeutungen und Emotionen, die dahinter stecken in Worte zu fassen, ist beeindruckend. Die Beziehung zwischen Percy und Joe ist von Anfang an kompliziert und basiert auf ihrer gemeinsamen Leidenschaft für die Musik. Neben Percy und Joe lernen wir u.a. noch Zoe, Joes Freundin, kennen, die immer mit dabei ist.
Die Gespräche über die einzelnen Songs sind interessant, teilweise auch ausgesprochen witzig. So habe ich mir bekannte Musik von einer anderen Seite kennengelernt. Percys Begeisterung für Musik wird richtig spürbar und ist ansteckend. Schon während des Lesens habe ich permanent Musik gehört und nehme sie auch nun noch mit anderen Ohren war als zuvor.

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Ostberliner Kindheit

Adlergestell von Laura Laabs

Die Ich-Erzählerin wird 1990 gemeinsam mit Lenka und Chaline in Berlin eingeschult. Es ist die Zeit des Umbruchs, alles verändert sich. Dabei ist der Blick der jungen Protagonistin auf die Ereignisse ausgesprochen interessant. Diese rückblickende Sicht aus Kinderaugen ist ungewöhnlich, wird hier aber gut umgesetzt.

Durch weitere Perspektiven ergibt sich ein rundes Bild der damaligen Zeit, der Stimmung unter den Menschen und der Atmosphäre im Land.
Die Zeitebenen wechseln, die Charaktere haben sich in unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt. Ich habe diese Entwicklung gerne verfolgt.
Obwohl die Handlung eher ruhig ist, bleibt es spannend das Aufwachsen in der Nachwendezeit und wie diese das Leben der Menschen geprägt hat, mitzuerleben.

Da ich diese Zeit miterlebt habe und diese parallel zu meiner Kindheit und dem Erwachsenwerden lag, kam es mir vor als ob ich ein Stück Geschichte, einen Teil meines Lebens erneut erlebe.

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Unfassbare Schicksale

Der Sommer am Ende der Welt von Eva Völler

Ich lese sehr gerne historische Romane, bin aber immer wieder erschüttert über das, was in der Vergangenheit passiert ist. In diesem Buch geht es um ein Stück Zeitgeschichte, über das ich bisher nur wenig wusste, das zeitlich nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt ist und das sich mit dem Schicksal der Verschickungskinder befasst.

Die Mutter der Journalistin Hanna ist 1963 zu einer Kinderkur nach Borkum geschickt worden und hat dort Schreckliches erlebt. Hanna möchte mehr darüber erfahren und begibt sich zum Nachforschen nach Borkum. Dort hilft ihr der Inselarzt Ole in den sich Hanna prompt verliebt und dessen Familie eine dunkle Vergangenheit hat.
Das Schicksal der Kinder, die damals zur Kur nach Borkum kamen, ist einfach schrecklich. Ich musste beim Lesen mehrfach pausieren, da mich die Ereignisse so mitgenommen haben. Durch die Liebesgeschichte in der Gegenwart werden die heftigen Ereignisse der Vergangenheit dankenswerterweise ein wenig abgemildert.

Das Buch hat mich wirklich mitgenommen und war alles andere als leichte Kost. Dennoch finde ich es wichtig, dass es gelesen wird, damit diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten.

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Schmerzhaft und voller Poesie

Öffnet sich der Himmel von Seán Hewitt

James ist sechzehn, lebt auf dem Land und möchte das ewig gleiche Dorfleben nur noch hinter sich lassen. Er fühlt sich fremd, ist unsicher und wird von seinen Mitschülern ausgegrenzt. Als der siebzehnjährige Luke in sein Leben tritt, wächst in ihm eine unglaubliche nie dagewesene Sehnsucht.

Die Ereignisse werden aus der Ich-Perspektive von James erzählt.

Dadurch wird seine Verletzlichkeit, sein Gefühl der Verlorenheit so greifbar, dass es beim Lesen schmerzt. Die Beziehung zwischen ihm und Luke steckt voller Spannungen. Eine unerfüllte Liebe, ein schwierige Freundschaft, Annäherung, die immer durch Distanz gekennzeichnet ist, da die beiden einfach zu unterschiedlich sind.

Ich war tief beeindruckt von der poetischen Sprache, der empathischen Erzählung, die mich berührt und ganz für sich gefangen genommen hat.

Das ist für mich der beste Coming-of-Age-Roman gewesen, den ich bisher gelesen habe und das sowohl inhaltlich als auch literarisch.

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Auf der Flucht!

Deckname: Bird von Louise Doughty

Die gesamte Handlung dreht sich um Heather Berriman genannt Bird. Sie arbeitet für eine Abteilung des britischen Geheimdienstes. Völlig unerwartet gerät sie während einer Besprechung in die Rolle der Verdächtigen. Dank ihrer jahrelangen beruflichen Erfahrung weiß sie, was das bedeutet. Sie muss weg, jetzt und sofort.

Ihre Flucht liest sich wie eine Reise durch unterschiedliche Länder. Dabei muss sie immer wieder neue Rollen einnehmen.
Es ist ein spannender Thriller, der weniger von Action, sondern mehr von seiner atmosphärischen, stets leicht beklemmenden Stimmung lebt und der mit Tiefgang brillant geschrieben ist.
Der Schreibstil ist ruhig und beobachtend, aber stets voller Spannung, eine Kombination, die mich beeindruckt hat. So war ich von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt.
Für mich war es das erste Buch von Louise Doughty, aber nun bin ich durchaus gespannt auf weitere Werke von ihr.

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