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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von stina23:

Wie wird erinnert?

Und mittendrin der Birnbaum von Ute Mank

Dora ist über 80, als sie beschließt in ihr Heimatdorf zurückzukehren und um dort in ein Seniorenheim zu ziehen. Ihre Schwägerin, die ebenfalls in Hausen lebt, ist eine Ansprechpartnerin für Dora, mit ihrem Bruder verbindet sie wenig. Dennoch will sie in ihrem Alter einen letzten Neuanfang wagen.

Womit die rüstige Frau nicht gerechnet hat, sind die Erinnerungen, die sie in ihrer alten Heimat einholen. Dora erinnert sich besonders an ihre Kindheits- und Jugendfreundin Fanny, die jüdischen Glaubens war und die mit ihrer Familie während des zweiten Weltkrieges ermordet wurde. Doch Dora findet bei ihren Spaziergängen heraus, dass Fanny kein Erinnerungsstein/Stolperstein vor ihrem ehemaligen Haus gewidmet ist. Dora beginnt Nachforschungen zum Schicksal ihrer damaligen Freundin, wird dabei immer wieder von Schuld geplagt und von der Verdrängungskultur im Dorf ausgebremst. In der jungen Studentin Pina findet Dora eine Mitstreiterin. Gemeinsam gehen sie einen Weg, der vielen unbequem ist, jedoch das wahrhafte Erinnern lebt.
In Dora findet man eine Protagonistin, die für mich bisher einzigartig ist. Zuvor hatte ich noch kein Buch gelesen, in dem die Erlebnisse einer über 80ig-Jährigen im Mittelpunkt standen. Eine Frau, die auf viel Lebenserfahrung zurückblicken und diese nutzen kann, um vorwärtszukommen und um gleichzeitig Vergangenes neu zu sehen, hat mir imponiert. Dora war mir auch schnell sympathisch. Klug, eigenwillig, wissbegierig und selbstbewusst. Sie setzt sich recht schonungslos mit ihrer eigenen Verantwortung am Leid ihrer jüdischen Freundin auseinander und zeigt das vermeintliche Unwissen und Wegsehen im Dorf damals und heute auf. Schuld hat dabei viele Gesichter. Den Mut sich für diejenigen einzusetzen, denen Leid und Unrecht angetan wird, hatten nur einzelne.
Mich hat das Buch tief berührt. Es erzählt leise, aber mit Nachdruck von Menschen, wie sie waren und wie sie auch heute sind und von dem, was es bedeutet, welchen Weg man einschlägt.

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Toxisch gut

Das habe ich wegen dir getan von John Lanchester

Kate und ihr Ehemann Jack leben ein sehr privilegiertes Leben in London. Geld und Ansehen sind im Übermaß vorhanden. Die beiden sind Ende 50 und gehören zur Boomer-Generation, die im Gegensatz zu den ihnen nachfolgenden Generationen, in aufstrebender Wirtschaft und Sicherheit aufgewachsen ist. Phoebe ist um die 30 und kann von finanzieller Sicherheit nur träumen, bis ihr als Autorin ein absoluter Hit gelingt, der als Streaming-Serie im ganzen Land Zuspruch findet.

Gleichzeitig erlebt Kate eine doppelte Tragödie. Eine etwas abgewandelte Version ihres Lebens mit Jack ist es, dass die Menschen so begeistert. Ihre tiefsten Geheimnisse werden in alle Öffentlichkeit getragen, während sie mit Verlust und Neustrukturierung ihres Lebens zurechtkommen muss.
Der Autor stellt kapitelweise Kate oder Phoebe als Ich-Erzählerin in den Mittelpunkt der Geschehnisse. Zeitsprünge, helfen die Vergangenheit und den Werdegang der Protagonistinnen kennenzulernen und zu verstehen. Was beide Frauen verbindet, ist eine sehr gute Beobachtungsgabe bezüglich menschlicher Verhaltensweisen, auch der eigenen. Die beiden nutzen dies zu ihrem Vorteil. Dabei handeln sie moralisch höchst fragwürdig, aber auch durchaus menschlich. Für mich hat sich die Toxizität, die von einer Figur des Buches ausgeht und die Grundlage für deren Handeln bildet, als treibende Kraft in der Geschichte herausgestellt. Es ist gleichzeitig interessant und erschreckend, welche Kreise sie zieht und wie sie das Leben der beiden Protagonistinnen beeinflusst.
Mich hat fasziniert, wie facettenreich die Persönlichkeiten der Protagonistinnen herausgearbeitet wurden. Die beiden Frauen wirken menschlich, nah an der Realität und ich kann nachvollziehen, jedoch nicht befürworten, warum sie handeln, wie sie es tun. Für mich waren einige der Twist in der Geschichte überraschend, einige weniger. Sie haben auf jeden Fall einen Sog entwickelt, der mich das Buch kaum aus der Hand legen ließ.

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Nicht nur die LebensZEIT zählt

72 Stunden mit dir von Darianne Schramm

Sydney trägt ein Geheimnis mit sich, das sie mit niemandem teilen will, da sie selbst nur schwer damit umgehen kann. Die Teenagerin lebt ein zurückgezogenes Leben, ganz anders als ihre MitschülerInnen und ihre Schwester Jules. Immer lauert in ihr die Angst, eine Uhr zu sehen, eine Uhr, die den Countdown zu den letzten 72 Stunden im Leben eines Menschen anzeigt und als leuchtend pinke Ziffern über dem Kopf des sterbenden Menschen auftaucht – nur sichtbar für Sydney.

Als Peter als neuer Schüler in ihre Klasse kommt, bringt er Sydney dazu neue Aspekte ihn ihrem Leben zu erkennen und wieder etwas Licht hineinzulassen. Doch wo Licht ist, ist auch Schatten…
Die Geschichte handelt hauptsächlich von Teenagern und die Autorin fängt deren Lebensumwelt und ihre Sprache gut ein. Die Handlung wird aus Sydneys Sicht in der Ich-Form beschrieben und gestaltet sich oft wie ein innerer Monolog, da sie ihre innersten Gedanken ungeschönt weitergibt. Die junge Frau geht sehr kritisch mit ihrer Umwelt und auch mit sich um. Durch diverse Schicksalsschläge und vor allem durch ihre Gabe oder ihren Fluch, wie sie es selbst bezeichnet, ist sie von Negativität, Angst, Vorsicht und Zynismus geprägt. Deshalb will Peter, der von all dem das Gegenteil repräsentiert, nicht in ihr Leben passen. Doch das sieht der junge Mann anders, findet Sydney in ihrer Andersartigkeit attraktiv und schleicht sich mit Beharrlichkeit in die Düsternis der jungen Frau. Durch seine Aufmerksamkeit und seine Einfühlsamkeit kommt er schnell hinter Sydneys Geheimnis. Es ist schön herausgearbeitet, wie langsam einzelne Lichtstrahlen durch Sydneys Mauern kriechen und sie nach und nach dem nachgibt, nach dem sie sich eigentlich sehnt: Lebensfreude, Sinn, Leichtigkeit, Hoffnung und Liebe.
Und dann passiert das, was der Titel des Buches schon ahnen lässt. Es wird ein recht intensives Leseerlebnis, gleichzeitig schwingt auch viel Akzeptanz mit. Das hat sich beim Lesen auch auf mich übertragen und hat mich irgendwie verwirrt, jedoch auf keine unangenehme Weise. Die Liebesgeschichte zwischen Sydney und Peter ist etwas kitschig, aber auch wunderschön. Besonders hat mir gefallen, wie unterschiedlich die beiden die Welt erleben und sich darüber austauschen. Es gibt einige Textstellen, die (be)merkenswert sein.
Ein schönes Buch mit vielen Emotionen!

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Die fast perfekte Illusion

Yesteryear von Caro Claire Burke

Natalie ist die Mutter von fünf Kindern, mit dem sechsten auf dem Weg. Sie lebt ein Leben, das für viele bewundernswert, für viele abstoßend ist. Natalie stellt ihr Leben auf einer Farm in den USA online, zeigt ihren traditionellen Lebensstil, vermarktet ihn und kann gut davon leben. Als Trad-Wife polarisiert sie, aber die kritischen Kommentare tut sie als Neid von frustrierten Frauen ab.

Doch die wunderbare Idylle hat mehr als nur eine Schattenseite und die Fassade beginnt zu bröckeln. Plötzlich findet sich die junge Frau in einer Umgebung wieder, die ihr vertraut ist, jedoch jeglichem Luxus des 21. Jahrhunderts entbehrt. Was ist passiert und kann sie wieder in ihr altes Leben zurück?
Caro Claire Burke greift in ihrem Buch ein aktuelles Thema auf. Die auf Social Media verbreitete Idylle eines in traditionellen Rollenbildern gelebtes Frauenleben findet Zuspruch genauso wie Ablehnung. Mit Natalie hat sie eine Protagonistin geschaffen, die diese Widersprüche in sich vereint. In Rückblicken wird ihr Werdegang beschrieben, die religiös-traditionelle Kindheit, ihre Studienzeit, die erste große Liebe bis hin zu der Geschäftsfrau, die ihr Leben vermarktet. Der Weg, der auf den ersten Blick linear und leicht erscheint, ist alles andere als das. Natalie ist eine Kämpferin und Überlebenskünstlerin und sieht, um ihr Ziel zu erreichen, über vieles hinweg, verliert gleichzeitig zwangsläufig auch vieles aus dem Blick. Ich war anfänglich der Meinung, Natalie sicher nichts Gutes abgewinnen zu können, doch relativ schnell konnte ich ihr näherkommen und ihre Beweggründe verstehen. Die Autorin hat sie mit viel Humor und Zynismus ausgestattet, was der Geschichte Leichtigkeit verleiht und mir Natalie auch sympathisch machte.
Ich war von diesem Buch überrascht, da das Geschehen von vielen Blickwinkeln beleuchtet wird, Tiefgang hat, realistische und teils vielschichtige Figuren beinhaltet und dabei leicht zu lesen ist. Ich bin froh, einer Leseempfehlung gefolgt zu sein, das Buch war für mich sehr lesenswert!

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Rasanter Endspurt

Mystery Eye von Susann Blum

Im dritten und letzten Band der Mystery-Eye-Reihe sieht sich das Sharonn neuen Aufgaben und Gefahren gegenüber. Isaac will seinem Bruder Eliot, der im Koma liegt und für den es keine Hoffnung mehr zu geben scheint, mithilfe seiner Freunde das Leben retten. Das Sharonn entwickelt sich weiter und neue Aspekte eröffnen sich.

Durch ein Portal können Tamy und ihre Freunde die Vergangenheit besser verstehen und erhalten Unterstützung durch die vorhergehende Sharonn-Generation. Doch die kriminelle Vereinigung, Geno7, ist ihnen immer dicht auf den Fersen und versucht mit allen Mitteln, das Portal für sich zu nutzen. Die Jugendlichen sind ständiger Gefahr ausgesetzt, aber mit einem gemeinsamen Ziel vor Augen wollen sie nicht aufgeben.
Ich konnte die Fortsetzung der Geschichte um die Gruppe Jugendlicher kaum erwarten, da am Ende des 2. Bandes einige offene Fragen blieben. Mit „Portal“ geht die Story nahtlos weiter. Ein kurzer Rückblick fasst die vorhergegangenen Ereignisse gut zusammen. Wie von den anderen Bänden gewohnt geht es recht rasant zu, da es ja Leben zu retten gilt und die Fähigkeiten der Mädchen und Jungen Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Es bleibt aber auch genug Zeit, um zwischenmenschliche Beziehungen zu vertiefen. Da sich das Sharonn verändert, verändern sich die Rollen der Mitglieder auch ein wenig. Das empfand ich als einen spannenden Aspekt, an dem Susann Blum auch das jugendliche Alter der Protagonistinnen gut einfing. Unsicherheiten, romantische Gefühle, Selbstüberschätzung, aber auch eine Menge an Mut, Risikobereitschaft und Zusammenhalt prägen die Geschichte. Eine gute Idee der Autorin war es, den Jugendlichen einen weiteren Erwachsenen an die Seite zu stellen. So wurden zum Beispiel die grenzüberschreitenden Reisen, die lange Abwesenheit von der Familie und einiges mehr leichter und realistischer in die Geschichte integrierbar.
Meines Erachtens ist der Autorin das Ende sehr gut gelungen. Es hat mich zufrieden zurückgelassen, mehr Spoiler gibt es hier nicht.
Eine tolle Trilogie mit viel Tempo, Jugendlichen mit sehr verschiedenen Charakteren, viel Mystik, Humor und Spannung, der man unbedingt eine Chance geben sollte!

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Roadtrip

Mystery Eye von Susann Blum

Susann Blum setzt Tammys Geschichte im zweiten Teil der „Mystery Eye“-Serie fort. Um sich in der Storyline zurechtzufinden, ist es von Vorteil, den ersten Band („Mystery Eye – Telepathie“) gelesen zu haben. Am Anfang des Buches gibt jedoch auch einen kurzen Rückblick auf den ersten Teil.
Nahtlos geht die Story weiter.

Tammy und ihre FreundInnen erholen sich gerade von den aufregenden Ereignissen, denen sie mit Geschick und vor allem Zusammenhalt entkommen sind. Doch es gibt noch sehr viele offene Fragen und lose Enden, weshalb es schnell mit dem Abenteuer weitergeht. Besonders das Schicksal von Isaacs Bruder und die Vorfälle im Jugendinternat Kingsstep treiben die Gruppe Jugendlicher an, mehr erfahren zu wollen. Dabei werden die Mitglieder des Scharonns immer sicherer im Umgang mit ihren Fähigkeiten und Tammy und Isaac wird klar, dass sich die Energie des blauen Auges materialisieren kann. Neue Informationen über den Ursprung ihres Scharonns bekommt die Gruppe, als sie erfährt, wer die unbekannte Person ist, die ihnen immer wieder durch Nachrichten Unterstützung zukommen lässt.
Wie auch schon im letzten Band, stehen die Themen Freundschaft, Zusammenhalt und Akzeptanz im Vordergrund von Susann Blums Buch. Die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Freundesgruppe gestalten sich vielschichtiger, werden einerseits tiefer, andererseits kommen auch erste Unstimmigkeiten auf. Die Charaktere entwickeln sich weiter, wobei sie mit ihren 14 Jahren oft schon fast zu erwachsen wirken. Da sind Szenen, in denen sie etwa unbeschwert im Wasser plantschen oder auf Bäume klettern, altersadäquater. Insgesamt ist das Tempo nicht so hoch wie im ersten Band. Trotz der ständigen Bedrohung, vor der die Teenager fliehen müssen, liegt meines Erachtens der Fokus der Geschichte auf der Weiterentwicklung der Charaktere und dem Brückenschlag zum dritten und finalen Buch. Dabei ist leider der Humor, der mir im ersten Buch positiv aufgefallen ist, etwas auf der Strecke geblieben. Trotzdem ist die Geschichte angenehm zu lesen, das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere ist durchdacht und natürlich bleibt die Story spannend. Für mich ist der dritte Band („Mystery Eye – Heilung“) deshalb ein Must-Read!

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Ein Buch, das stärkt!

Konfetti im Kopf von Doreen Aldugan

ADHS – wie erkläre ich das? Diese Frage habe ich mir schon öfter gestellt. Ja, ich kann ein paar Fachbegriffe raushauen, die ich mir mit der Zeit so angeeignet habe oder von meiner Erfahrung als Mutter von Kindern mit ADHS aus dem Alltag erzählen. Oft hat sich keines davon richtig und stimmig angefühlt.

Und da kommt für mich dieses wundervolle Buch ins Spiel! Geschrieben von einer Frau mit ADHS und illustriert von einer Frau mit ADHS! Somit wird ADHS von Menschen in Worten und Bildern erklärt, für die es ein Teil ihres Lebens ist. Und das hat eine besondere Qualität. Begleitende Worte einer Diplom-Psychologin und ADHS-Expertin bringen noch eine weitere Perspektive in das Buch ein.
Ganz bunt kommt das Buch daher, so bunt, wie das Leben mit ADHS auch sein kann. Damit lädt es auf jeden Fall zum Lesen und Anschauen ein. Die Metapher mit der Konfettimaschine im Kopf ist einerseits lustig, veranschaulicht andererseits aber auch die Arbeitsweise eines neurodivergenten Gehirns. Der Aufbau des Buches ist gut gelungen, man wird Schritt für Schritt durch die Themen geführt, wobei jede Doppelseite ein Thema behandelt. Immer im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Kinder mit ADHS. Dadurch geschieht die Wissensvermittlung auf Augenhöhe, die Erklärungen sind leicht verständlich und an die junge Leserschaft angepasst. Trotzdem und deshalb ist dieses Buch für alle Altersgruppen geeignet. Das komplexe Thema wurde auf eher einfache Worte und Erklärungen heruntergebrochen, was sicher nicht ganz so einfach war, aber genial umgesetzt wurde!
Neben der Wissensvermittlung gibt es auch noch alltagstaugliche Tipps, die Kindern mit ADHS beispielsweise helfen können, sich zu konzentrieren, sich zu organisieren oder das Zuviel im Kopf auszuhalten. Immer wieder werden die Kinder aufgefordert, zu verbalisieren, wie sie sich gerade fühlen beziehungsweise was sie gerade brauchen. Das halte ich für einen der wichtigsten Tipps, da Außenstehende, so wie ich, doch immer wieder von den eigenen Mustern und Bedürfnissen ausgehen und leicht übersehen, dass das Gegenüber gerade etwas ganz anderes braucht.
Ich bin von diesem Buch einfach nur begeistert! Es ist eine große Bereicherung für mich und meine Familie und ich denke, dass es das auch für andere sein kann.

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Eine Geschichte aus vielen kleinen Puzzleteilchen

Die Straße von Robert Seethaler

Robert Seethaler schreibt in seinem neuesten Buch über die Menschen, die in der Heidestraße wohnen und/oder arbeiten. Diese Straße am Rand einer deutschen Stadt beherbergt die unterschiedlichsten Charaktere, die oft nur nebeneinanderher leben und nur wenige Berührungspunkte haben. Das alljährliche Fest im November rahmt die Handlung ein.

Was das Buch besonders macht, ist dass die Menschen mit ihren Beobachtungen. Gedanken und Erlebnissen zu Wort kommen, ohne dass ihre Erzählungen in eine verbindende Geschichte eingebettet sind. Allein aus der Ich-Perspektive berichten sie in kurzen Abschnitten von ihrem Alltag, ihrem Leben, von Dingen, die sie bewegen. Man lernt die Protagonistinnen nach und nach kennen, nur selten wird von anderen BewohnerInnen der Heidestraße ihr Äußeres, ihr Alter oder Ähnliches erwähnt. So bleibt einerseits einiges der Fantasie der Lesenden überlassen, andererseits lernt man viel über das, was die ProtagonistInnen wirklich ausmacht, ihren Ängsten, Wünschen und Lebensrealitäten.
Für mich war es, als ob ich ein Geschichten-Puzzle zusammensetzen würde. Robert Seethaler schafft es hervorragend, dass bei jedem kurzen Abschnitt klar wird, mit welcher Figur aus der Heidestraße man es gerade zu tun hat. Das Lesen war für mich sehr kurzweilig, da die Aufmerksamkeit mehr gefordert war als bei manch anderen Büchern. Der Alltag der Menschen steht im Mittelpunkt der Geschichte, sie birgt jedoch oder gerade deshalb einiges an Gesellschaftskritischem.
Obwohl ich das Lesen des Buches genossen habe, fehlte mir, als ich es beendet hatte, die verbindende Geschichte doch mehr als erwartet. Ich vermisste das Gefühl, mich in eine Handlung vertieft zu haben.
Wer ein etwas anderes Leseerlebnis sucht, ist mit diesem Buch gut beraten.

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Große moralische Fragen

Die Gesetze von Liebe und Logik von Debra Curtis

Die Schwestern Lily und Jane erleben früh in ihrem Leben einen Schicksalsschlag. Ihre Mutter stirbt und das verändert ihre Welt natürlich. Die Mädchen werden katholisch und feministisch erzogen und wachsen in einem wissenschaftlich sehr interessierten Umfeld auf. Besonders ihre Mutter ist ein großes Vorbild für sie.

Nach ihrem Tod schlagen die charakterlich recht unterschiedlichen Schwestern verschiedene Wege ein, bleiben einander jedoch immer sehr nah. Jane lebt und feiert ausgiebig, Lily findet Halt in ihrer Beziehung zum Highschool-Footballstar. Die beiden wollen ihr Leben, ihre Zukunft miteinander verbringen, bis zu dem einen Ereignis, das alles verändert.
Im Fokus der Geschichte steht Lily. Recht ausführlich wird ihre Kindheit in den 1970ern, die sehr von ihrer gebildeten, modernen, aufgeschlossenen und toleranten Mutter und dem katholischen Glauben geprägt ist, beschrieben. Die Verbindung dieser Aspekte lässt Lily und Jane zu selbstbewussten Menschen heranwachsen, die die Umbrüche ihrer Zeit, besonders in den Themen Feminismus und Rassismus, unterstützen. Gleichzeitig stellt sich Lily, im Gegensatz zu ihrer freiheitsliebenden Schwester, eine Zukunft in der Ehe mit ihrem Freund vor. Als Lilys Welt nach einem Unfall zum zweiten Mal zusammenbricht, muss sie die Beziehung zu dem Jungen abschließen und hinter sich lassen. Die Anziehung, die zwischen den beiden bestanden hat, kann die Zeit jedoch nicht auflösen. Obwohl Lily in einer anderen Beziehung glücklich ist, lassen sie die Gedanken und Gefühle an ihre erste Liebe nicht los.
In kleineren und größeren Zeitsprüngen führt die Autorin durch Lilys Leben. Dabei fängt sie die sozialen Lebensumstände der verschiedenen Jahrzehnte gut ein. Sehr realistisch schreibt sie über die Veränderungen, die die Gesellschaft aber vor allem Lily und Jane durchmachen. Die großen Fragen, die sich stellen, sind moralische und handeln unter anderem von Schuld, Treue und Vergebung.
Die Geschichte hat mich durch ihre Tiefe und ihren Realismus überzeugt. Die dadurch mitschwingende Schwere ist für mich persönlich der einzige Makel.

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Archäologie für Kinder aufbereitet

Der rätselhafte Verwandte aus der Eiszeit von Silke Vry

Im siebten Band der „Dusty Diggers“ wird einer Menschenart auf den Grund gegangen, die es in dieser Form nicht mehr gibt – den Neandertalern. Zu Beginn begegnet man zwei italienischen Arbeitern, die beim Zerhacken einer dicken Lehmschicht in einer Höhle im deutschen Neandertal auf Knochen stoßen.

Durch mehrere glückliche Zufälle und beharrliche Menschen wird dieser Fund der Wissenschaft zugänglich gemacht und nach und nach stellt sich heraus, welche Sensation dahintersteckt. Einige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen kommen zu Wort und es wird über die neuesten Erkenntnisse über die Lebensweise der Neandertaler berichtet.
Ich habe mit dem siebten Buch mein erstes aus der Dusty-Diggers-Reihe gelesen und mir hat es sehr gut gefallen. Zwar passe ich nicht ins Profil der hauptsächlich angesprochenen Leserschaft (für Leser und Leserinnen ab 8 Jahren), aber auch als Erwachsene darf man sich mit und über Kinderbücher freuen. Und tat ich! Ich war vor allem von der Art, wie (Archäologie-) Geschichte vermittelt wird, begeistert. Die oft so harten Fakten der Geschichte sind in eine schöne Story verpackt, und man lernt einfach nebenher etwas Neues (zB: Warum musste die harte Lehmschicht weggehackt werden?). Mich erinnert die Herangehensweise an einen Podcast, den mein Kind sehr gerne hört und sich dabei einiges über Geschichte merkt. Die Sprache ist an das Alter der angesprochenen Leserschaft angepasst. Am Ende des Buches gibt es einige Seiten, auf denen Wörter, die im Text mit einem Sternchen markiert wurden, erklärt werden. Die Autorin schafft auch etwas sehr Wichtiges - sie gibt Frauen der Wissenschaft einen Platz im Buch. Im 19. Jahrhundert waren es zum allergrößten Teil Männer, die Erwähnung und Beachtung fanden. Silke Vry lässt die Leserschaft an der Arbeit von zwei Frauen und einem Mann im 21. Jahrhundert teilhaben und macht so auch für Kinder sichtbar, dass jede und jeder eine Stimme hat, die gehört werden soll.
Die Illustrationen von Marie Geissler sind wunderbar. Sie begleiten die Geschichte nicht nur sehr gut, sie machen das Buch zu einem Erlebnis. Die bunten und mit Liebe zum Detail gemachten Zeichnungen laden zum Betrachten ein und unterteilen den Text, was für einige junge Leserinnen und Leser motivierend sein kann („schau mal, ich hab bis zu diesem Bild gelesen“).
Ich bin von diesem Buch begeistert und werde die Reihe auf jeden Fall weiterverfolgen und auch weiterempfehlen!

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