Icon Kontrast wechseln
Logo Bücher Leporello Stöger

Kunden em pfehlungen

Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas:

Absolut nicht mein Fall

Der Duft der Kirschblüten von Rosalie Schmidt

Durch die Krankheit ihres Vaters übernimmt Clara mehr und mehr die geschäftliche Verantwortung für den Teesalon ihrer Eltern. Finanzielle Vorteile bringen sie zu der Entscheidung, ihren wohlhabenden Jugendfreud Franz zu ehelichen. Allerdings stellt sich recht schnell heraus, dass Claras ehemals bester Freund einem brutalen und rücksichtslosen Mann gewichen ist.

Hinzu kommt noch, dass Clara mehr und mehr Gefühle für den japanischen Handelsreisen Akeno hegt. Doch Clara kann sich nicht einfach aus ihrer verhängnisvollen Ehe befreien, denn damit würde sie das familiäre Teehaus mit in den Untergang reißen.


Ich ging eigentlich ohne große Erwartungen an das Buch heran, erhoffte bzw. erwartete mir kurzweilige Unterhaltung, eine cute Liebesgeschichte, die historisch angehaucht ist. Leider wurden ich auf breiter Front enttäuscht. Da ist zunächst einmal der sprachliche Stil der Autorin. Der Einstieg ins Buch verlief recht holprig, weil ich immer wieder über Satzkonstruktionen und Formulierungen stolperte, die mich ein wenig stutzig machten. Mit der zeit besserte es sich, doch der Schreibstil blieb in meinen Augen nicht mehr als gewöhnlich, und auch im Rest des Buches stieß ich immer wieder auf ein wenig merkwürdige Formulierungen, wie beispielsweise "Schienenbahn". In meinen Augen umso enttäuschender, da die Autorin selbst auch als Lektorin tätig ist. Das ist allerdings bei weitem noch nicht mein Hauptkritikpunkt. Da wäre noch der für meinen Geschmack viel zu konstruierte Plot. Eine Folge von Zufällen und Verkettungen, die ich einerseits zum Teil vorhersehen konnte, und die auf der anderen Seite ein beklemmenden Unwohlsein bei mir auslöste. Als ebenso klischeehaft stellten sich auch die Protagonist:innen bzw, deren Beziehungen zu einander heraus. Clara ist die starke und unabhängige Frau, so weit so gut; Franz der bösartige Ehemann; August der naive und übermännliche Bruder. Man merkt sehr schnell, dass der Facettenreichtum auf der Strecke geblieben ist, wenn jeder der Protagonisten eine einzige Charaktereigenschaft zugeschrieben bekommt. Und am Ende war es auch wenig überraschend, dass jede der Protagonist:innen sich zufälligerweise genau in eine andere wichtigere Figur der Geschichte verliebt hat. Für meinen Geschmack definitiv zu viel Kitsch. Auch ist es so, dass man teilweise sehr wenige Gefühlsregungen und Gedankengänge der Personen mitbekommt, sodass - vor allem Claras Liebe zu Akeno - überhaupt nicht nachvollziehbar ist. Da blieb lange etwas aus, und plötzlich sollen die beiden verliebt sein? Vor allem von Akeno hat man nichts gemerkt, dass er Gefühle für Clara haben soll. Ein weiterer Punkt, der mir aufgestoßen ist, sind, wie unpassend die Protagonist:innen in manchen Situationen reagieren. Cringe, beschreibt das noch am ehesten. Naiv, unpassend, unstandesgemäß, sodass ich mich mit der Zeit fragte, ob unser Figurenpotpourri nicht komplett hirnlos geboren wurde. Zu guter letzt möchte ich noch anmerken, dass das Buch einige kleinere Logikfehler aufweist, zwar nichts gravierendes, dass den Plot beeinträchtigen würde, doch als Aufmerksamer Leser habe ich mich dann doch ab und zu gefragt, ob dieses Buch jemals korrekturgelesen wurde. Da wäre zunächst einmal der Ausflug nach Hamburg zur Beerdigung des alten Stargart, in dem der neue Geldadel per Schnellzug auf den Holzbänken der Dritten Klasse reist. Oder aber auch, dass Claras Nachtzugreise von Amsterdam nach Berlin scheinbar wie im Flug, tagsüber und binnen eines angeregten Gespräches verging.


Wie man sehen kann, bin ich von vorne bis hinten nicht überzeugt und kann das Buch absolut niemanden weiterempfehlen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

200 Jahre Italienischer Geschichte auf 500 Seiten

An den Ufern von Stellata von Daniela Raimondi

Anfang des 19. Jahrhunderts kommt eine Gruppe des Fahrenden Volkes in ein Dorf am Ufer des Pos. Schnee, Eis und Kälte zwingen sie in besagten Dorf zu überwintern. Der schwermütige Gagé Giancomo verliebt sich Viollca, eine wilde Schönheit mit Fasanenfedern in ihrem unbändigen schwarzen Haar. Und damit nimmt das Schicksal der Familie ihren Lauf.

Alle Nachfahren der beiden teilen sich in zwei Gruppen ein: die dunkelhaarigen, denen die mystische Gabe der Weissagung gegeben ist, und die blonden, die Träumer, denen droht, von diesen in den Untergang gezogen zu werden.

Für mich vereint dieses Buch so vieles wunderbares in sich. Zunächst einmal der wunderbar klare und direkte Schreibstil, der zielstrebig keinen Raum für Interpretationen zulässt. Und trotzdem ist es nicht so, dass das italienische Dorf blass und farblos erscheint. Vielmehr ist der sprachliche Stil eine Regieanweisung, die den Leser:innen ein untrügliches Bild in den Kopf setzt. Darüber hinaus entführt Daniela Raimondi mit diesem Buch ihre Leserschaft in zweihundert Jahre bewegter italienischer Geschichte. Sie eröffnet interessante und nahbare Einblicke in Aspekte dieses Landes, die im Geschichtsunterricht leider viel zu oft ausgespart werden. Die Einigungskriege, Armut und Binnenmigration, oder auch radikaler Kommunismus im Italien der Nachkriegsjahre. Gleichzeitig wird das italienische Landleben recht gut geschildert. Hautnah bekommt man beim Lesen mit, wie Fortschritt und neue politische und gesellschaftliche Ideen in Stellata Einzug halten.

Womit mich die Autorin aber auch voll und ganz überzeugen konnte, sind die Protagonist:innen. Diese erscheint trotz übernatürlicher Elemente spannend, authentisch und facettenreich. So sind diese dermaßen gut und einzigartig gestaltet, dass es mir persönlich leicht fiel, diese auseinander zu halten. Dennoch gibt es im Buch eine Hilfestellung, und so kann bei Bedarf jederzeit im Stammbaum nachgeschlagen werden. Und auch die magischen Elemente faszinierten mich nachhaltig. Zwar versprach der Klappentext schon einige mysteriöse Momente, doch fiel es mir vor dem Lesen schwer, diese einzuschätzen. Und so war ich definitiv positiv überrascht, dass diese doch einen so bedeutenden Part in der Handlung einnehmen, und doch dezent gestreut sind und sich unauffällig im Hintergrund hielten. Ein warmes Gefühl von magischem Realismus.

Diese perfekte Mischung ist es, die das Buch auf seinen Seiten niemals langweilig werden lässt, und mich in seinen Bann zog. Definitiv eine große Leseempfehlung und ein Jahreshighlight.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

ein Blick in die nigerianische Kultur

Freundin bleibst du immer von Tomi Obaro

Zainab, Enitan und Funmi sind drei Frauen, die sich während ihres Studiums im Norden Nigerias kennenlernten und zu besten Freundinnen wurden. Auch wenn sich ihre Wege im Laufe der Jahre trennten, blieben sie immer in Kontakt. Und nun, nach dreißig Jahren treffen die drei wieder aufeinander, als es für die Tochter Funmis gilt, sich das Ja-Wort zu geben.

Inhaltlich mag das schon sehr wischiwaschi klingen, aber gerade das ist mein Hauptkritikpunkt an dem Buch. Ich habe von hinten bis vorne keinen Plot gefunden, der das Buch ansatzweise spannend machen würde, denn außer um die Hochzeit und den Gedanken der drei Freundinnen geht es um nichts anderes. Das Buch ist in drei Abschnitte unterteilt - das Wiedersehen, ein Rückblick in die Studienjahre und die Hochzeitsfeier selbst - und man kann wirklich sagen, dass der lange Rückblick ins Nigeria der Studierenden der Achtziger wirklich das spannendste war. Und das auch nur, weil die damaligen Verhältnisse und politisch gesellschaftlichen Divergenzen geschildert wurden. Auch die Protagonistinnen trugen nicht unbedingt zur Wohlfühlatmosphäre des Buches bei. Zwar sind die drei Freundinnen authentisch und facettenreich gestaltet, allerdings tun sie sich nicht gerade durch sympathisches Verhalten hervor. Besonders Funmi ist empfand ich als arrogant und rückständig. Ich vermute einmal, dass das Buch eine Art nigerianische Aufbruchsstimmung vermitteln sollte, ein Hinwenden zu einer modernen, dennoch traditionsbewussten Zukunft. Aber gerade dieses Gefühl wird in den Abschnitten, die in der Gegenwart spielen, nicht vermittelt. Viel mehr ist es so, dass die drei im direkten Vergleich mit ihren Vergangenheits-Ichs aus den Rückblenden zu konservativen, verbitterten Mütterchen wurden. Danke, aber wenn ich mir verkrampftes Festhalten an einer dekadenten Vergangenheit geben will, muss ich nicht unbedingt ein Buch dafür aufschlagen, sondern trete einfach vor meine Haustüre.

Eines kann man dem Buch allerdings zu Gute halten. Denn es vermittelt eindrucksstarke Bilder des nigerianischen Alltagslebens - vor allem als Frau - gibt Einblick in unterschiedliche Gesellschaftsschichten und gibt ein tolles Bild von Kultur und Essen. Allerdings muss man auch sagen, dass es, wenn man etwas über die nigerianische Kultur und das dortige Leben erfahren möchte, es definitiv bessere literarische Aufarbeitungen gibt.

Das Buch ist meiner Meinung nach also ein Fehlgriff, sprachlich solide, doch der Autorin scheint vor lauter Vermittelungsbegeisterung der nigerianischen Kultur, der Plot durch die Finger gerutscht sein.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

Der Schatten der amerikanischen Gesellschaft

Der Mann, der vom Himmel fiel von Walter Tevis

Thomas J. Newton taucht scheinbar aus dem nichts in Kentucky auf. Schon bald beginnt der Mann, den niemanden kennt, durch den Verkauf von neuartigen, zuvor nie dagewesenen Technologien Massen an Geld zu verdienen. Dabei zeiht er zwei Personen magisch in seinen Bann: die Alkoholikerin Betty Joe, die rasch Gefühle für den mysteriösen Fremden entwickelt, und den Chemiker Nathan Bryce, der viel mehr an den Hintergründen hinter den neuen wissenschaftlichen Produkten interessiert ist.

Walter Tevis scheint ja die literarische Wiederentdeckung des letzten Jahres zu sein. Dementsprechend war ich sehr gespannt auf das Buch. Und seinem Ruf als begnadeter Literat wird er mit seiner poetischen und einnehmenden Sprache durchaus gerecht. Dementsprechend war es für mich beim Lesen ein wahrer Genuss, vor allem, da der Autor immer wieder gesellschafts- und politisch relevante Aspekte und Kritikpunkte an der amerikanischen Gesellschaft mit einfließen lässt, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben, was im Hinblick darauf, dass die Originalfassung des Buches bereits in den 60ern erschien, wirklich beeindruckend ist. Dennoch war ich nach den ersten siebzig Seiten des Buches vom bisherigen Fortgang der Geschichte ein wenig enttäuscht. Zwar zog es sich nicht, allerdings empfand ich es so, dass das Potential der Geschichte nicht vollends ausgeschöpft wurde. Zu viele und zu große Sprünge in die Zukunft, aus denen man durchaus noch verwertbares, solides Material herausholen konnte. Allerdings verbesserte sich das mit dem Fortlauf der Geschichte immer weiter, der Plot wurde engmaschiger und für mich besser nachvollziehbarer und nahbarer. Das letzte Drittel machte dann alles hervorgegangene Wett. Hier findet sich ein wirklich solide ausgearbeiteter und vor allem überraschender Spannungsbogen.

Auch auf Ebene der Charaktergestaltung war ich vorerst ein wenig enttäuscht, hatte mir mehr erhofft. Denn sowohl Newton, Bryce als auch Betty blieben mit anfangs sehr unnahbar und kalt. Bei Betty änderte sich dies im restlichen Buch nicht, sie ist für mich rückblickend weniger, als der Klappentext verspricht, auch wenn sie zweifelsfrei vielschichtig gestaltet ist und vor allem einen wichtigen, gerne vergessenen Aspekt der amerikanischen Leistungsgesellschaft widerspiegelt. Mit Newton und vor allem Bryce wurde ich bis zum Ende der Geschichte aber durchaus warm, auch wenn bei ihnen weiterhin Luft nach oben besteht.

Insgesamt ein durchaus gutes Buch, auch wenn in Sachen Plot und Protagonisten der Anfangt noch sehr tapsig wirkt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

Ein fehlgeschlagenes Debut

Die Schule der Redner von Johann Seeger

Mitte des 13. Jahrhunderts versinkt Mitteleuropa in blutigem Chaos. In dieser Zeit wird Leon, ein Neffe des Habsburgerfürsten Rudolfs damit beauftragt, ein mysteriöses Buch, dass den Schlüssel zu ungeahnter rhetorischer Macht beinhaltet, in Sicherheit zu bringen. Und so führt Leons Weg ihn in die Schule der Redner bei St.

Gallen, in der die Jugend der europäischen Eliten in ihren rhetorischen Fähigkeiten geschult werden. Zunächst fühlt sich Leon hier in Sicherheit, doch rasch muss er erkennen, dass auch hier ihm die machbesessenen Mächte und finsteren Gestalten, die ihm schon außerhalb der Schule nach dem Leben trachteten, auf der Spur sind.

Auf das Buch wurde ich vor allem durch das Cover aufmerksam, da dieses sehr stark den Covern derjenigen Bücher ähnelt, die ich ansonsten gerne lese. Und so hatte ich mir eine vielschichtige Geschichte ähnlich derer von Ken Follett oder beispielsweise Rebecca Gablé. Allerdings musste ich auf den ersten 50 Seiten bereits feststellen, dass das Buch sowohl sprachlich, als auch von der Konstruktion der Charaktere nicht sehr viel mit dem ereignisreichen Epos gemeinsam hatte, den ich mir erhoffte.

da wäre zunächst einmal der Schreibstil. Mein erster Eindruck war, dass dieser recht unausgeklügelt und unausgefeilt, schon fast platt war. Man kann ihm zwar zu gute halten, dass er einen sehr rasanten Rhythmus erzeugt, der einen beim Lesen vorantreibt. Allerdings kam mir der sprachliche Stil je weiter ich in das Buch vordrang immer mehr so vor, als würde ich ein Jugendbuch lesen. So empfinde ich die Sprache in weiten Teilen des Buches als viel zu modern. Begriffe alten vor allem in den Dialogen Einzug, die ich niemals dem 13. Jahrhundert zuordnen würde.

Der Eindruck, mich in ein Jugendbuch verirrt zu haben, vertiefte sich vor allem im Hinblick auf den Inhalt des Buches. Zu fantastisch, zu gewollt, auf schmerzhafte Art und Weise an den Haaren herbeigezogen. Diese Worte beschreiben meine Gedanken glaube ich sehr gut. Abgesehen von einigen wenigen kleineren Seitensprüngen, deren Einordnung sich im Übrigen meist erst hunderte Seiten später ergeben, gibt es nur einen einzigen Plot, nämlich den rund um Leon, den es zu folgen gilt. Dementsprechend ist man bei den Hintergründen zu Verschwörung und Co. auf die Augen Leons angewiesen, erfährt mit ihm. Auch wenn leider dabei nicht alles zu einhundert Prozent verständlich wird. Abgesehen davon wurde ich auch so mit dem Plot nicht ganz warm. Denn oft hatte ich das Gefühl, mich in ein Fantasybuch verirrt zu haben, dass rein zufälligerweise zur Zeit Rudolfs von Habsburg spielt. Zu nennen wären dabei beispielsweise der Angriff der Assassinen, deren Rolle in der Gesamtkonstruktion der Geschichte immer noch ein wenig hochtrabend erscheint, oder aber auch die übernatürlichen Ereignisse wie Kommunikation mittels Äther und Gedanken. Zwar fand ich die Idee hinter den geheimnissen der Sprache sehr anreizend, verlor mich mit Voranschreiten der Geschichte leider immer mehr in Lachen.

Ein weiterer Punkt, der mich massiv gestört hat, ist die Ausarbeitung und Gestaltung der Protagonist:innen. Diese sind in meinen Augen viel zu flach und wenig individuell ausgefallen, Individualität blieb wirklich auf der Strecke. Dementsprechend wurde ich weder mit Leon, noch mit sonst jemanden wirklich warm, da der Blick in die Gedanken- und Gefühlslage wirklich weitestgehend fehlt, hin und wieder dann aber urplötzlich und sprunghaft auftritt. Irritiert hat mich auch, dass manche Charaktere, die bei ihrem ersten Auftreten von fundamentaler Bedeutung erschienen, plötzlich wieder Bedeutungslosigkeit versinken. Cecile sei nur als Beispiel genannt.

Was mich aber am meisten gestört hat, sind Mängel in Logik und teilweise auch in historischen Hintergründen. Es werden das ganze Buch über Situationen und Sachverhalte geschildert, die mir nur die Fragezeichen ins Gesicht getrieben haben. So verschwinden zwei burgundische Prinzen scheinbar spurlos für mehrere Monate. Wir als Leser:innen wissen, dass diese gerade auf der Suche nach Leon sind, der Rest der Welt wusste davon nichts. dementsprechend finde ich es äußerst bedenklich, dass zwei Mitglieder des europäischen Hochadels plötzlich verschwinden, ebenso plötzlich wieder auftauchen und sich niemand, wirklich niemand auch nur ansatzweise Gedanken darum macht, wo die beiden nun eigentlich waren. Ein weiterer solcher Punkt wäre die Hexenverbrennung im Mittelalter (?!), die richtig schön klischeehaft stattfindet, mit Kräuter, Scheiterhaufen und - nicht zu vergessen - roten Haaren. All diejenigen, die sich auch nur ansatzweise mit der Geschichte der Hexenverbrennungen in Europa auskennen, werden wahrscheinlich auf S. 241 das Grausen bekommen. Mal davon abgesehen, dass sich da die Hexenverbrennungsgesellschaft im Jahrhundert geirrt hat, macht es überhaupt keinen Sinn, dass die Mutter der Angeklagten bzw. deren gesamte Verwandtschaft unbescholten des Weges ziehen darf, ungestraft weiter Satans Werk vollrichtet. Hinzu kommt, dass das Urteil bzw. der ganze Prozess von einem weltlichen Adeligen durchgeführt wird, der zur großen Überraschung dann auch noch einer der großen Hauptfeinde des Buches ist. Abgesehen davon warte ich immer noch auf die peinliche Befragung... Diese Hexenverbrennung ist ein Beispiel dafür, dass der Autor generell immer wieder kleine Hintergrundgeschichten zu den Protagonisten einbaut, die komplett an aus dem Zusammenhang gerissen sind absolut keinen Sinn machen und einfach nur dafür da sind, die Leserschaft zu schocken und das Lesetempo anzuheizen. ich verstehe ja, dass man zu solch billigen Tricks greifen muss, wenn die Geschichte alleine nicht viel mehr hergibt, aber nein danke. Hinzu kommt dann beispielsweise noch die Frage, wie ein Mensch, der nie in seinem Leben Berührungspunkte mit einer Kuh bzw. deren Erzeugnissen hatte, der noch dazu aus der untersten Unterschicht stammt, weiß, wie Butter riecht, oder aber auch Kirchenbänke in der Schweiz des 13. Jahrhunderts?

Rundum war das Buch eine einzige Katastrophe für mich und ich kann es absolut nicht weiterempfehlen, da ich, wie man merkt, von keinem einzigen Aspekt des Gesamtbildes auch nur ansatzweise überzeugt bin. Die Geschichte versucht auf Zwang schockierend zu sein, verliert dabei allerdings den Bezug zur Realität. Dementsprechend wäre es wahrscheinlich besser gewesen, das Buch wäre als reiner Fantasyroman konzipiert worden.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

Über die Realität hinaus

Unser Teil der Nacht von Mariana Enriquez

Juan ist kein normaler Junge. Abgesehen von einem schweren Herzfehler, der ihn zwingt, sich mehreren schweren Operationen zu unterziehen, hat er auch noch die Gabe, als Medium in Kontakt mir der Dunkelheit zu treten. Der Orden, der diese Dunkelheit schon seit Jahren anbetet, sich von ihr das ewige Leben erhofft, hat keinerlei Skrupel Juans Kräfte dafür auszunützen, ohne jederlei Rücksicht auf seine Gesundheit.

Doch Juan lässt sich nicht unterkriegen, widersteht dem Orden und gründet eine Familie. Um seinem Sohn Gaspar den Schmerz zu ersparen, den er selbst ertragen musste, versucht Juan zusammen mit seinen engsten Vertrauten diesen vor dem Orden zu verstecken. Doch er weiß, dass dies nur ein Spiel auf Zeit ist.

Ich hatte die Autorin bereits in einer Sammlung von Erzählungen kennengelernt und fand mich sofort wieder in ihrem sprachlichen Stil wieder. Äußerst bunt und voller sprachlicher Bilder, versteckter Hommagen an das argentinische Land erzählt Mariana Enriquez die Geschichte rund um Juan und Gaspar, kreiert dabei einen tiefen und schweren Erzählfluss, der entschleunigt und zum Innehalten anregt. Geschmackssache, wobei ich persönlich diese Ruhe genießen konnte. Was mich aber am meisten freute, wieder erleben zu können, bzw. darüber lesen zu können, war die surrealen Elemente der Geschichte, die sich am ehesten noch mit magischem Realismus beschreiben lassen können. Dunkelheit, böse Wesen und die Geister der Argentinier spielen auch hier wieder eine tragende Rolle bzw. sind ein unabdingbares Element der Handlung. Dennoch bekommt man sehr eindrucksvoll ein Panorama über die argentinische Militärdiktatur und die ersten holprigen Jahre danach präsentiert. Geschildert wird, was die Menschen so bewegte, mit welcher Härte gegen die Bevölkerung vorgegangen wurde, wer die Nutznießer der Terrorherrschaft waren und wer dessen Opfer. Sehr schön arbeitet die Autorin mit abwechselnder Intensität die Geschichte ihres Heimatlandes auf. So beeindruckte mich unter anderem, wie die Autorin beispielsweise die AIDS-Krise in ihrem Heimatland aufgreift und diese intensiv und authentisch der Leserschaft weitergibt, sodass man ein eindrucksvolles und authentisches Bild der damaligen Geschehnisse bekommt.

Der Punkt, der mich allerdings am meisten von dem Buch überzeugen konnte, ist die Komplexität mit der die Figurenkomposition gestaltet ist. Man bekommt in jedem neuen Kapitel die unterschiedlichsten Facetten der Protagonisten präsentiert, begleitet diese über knapp zwei Jahrzehnte, verfolgt enorme charaktertechnische Entwicklungen und findet sich mehr und mehr in einzelnen Situationen oder Facetten der Protagonisten wieder. Dazu gehören zweifelsfrei auch die Perspektivwechsel, mit denen die Kapitelwechsel einhergehen. Jedes der großen Kapitel des Buches wird aus der Sicht einer anderen mehr oder weniger bedeutungsschweren Person geschildert. Dadurch ergibt sich auch ein komplexeres Bild der Geschehnisse aber auch, wie die Protagonisten jeweils von den anderen gewertet und bewertet werden. Ein krasses 360-Grad-Panorama, das immer wieder neue Facetten an den tag bringt, die während des Lesens zu absoluten Wow-Momenten führen.

Insgesamt ergibt sich ein für mich stimmiges und düsteres Gesamtporträt der zweiten Hälfte des argentinischen 20. Jahrhunderts, dass mit beängstigender Übernatürlichkeit aufwarten kann. Dennoch braucht man für das Buch einen langen Atem und die Muse, sich damit beschäftigen zu können.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

solide japanische Literatur

Das Leben eines Anderen von Keiichir_ Hirano

Akira Kido ist eigentlich Scheidungsanwalt. Doch nachdem er von einer ehemaligen Klientin um Hilfe gebeten wird, begibt er sich auf eine ungewöhnliche Spurensuche. Bei diesem interessanten Fall handelt es sich nämlich um die gestohlene Identität des Mannes der Klientin. Denn nach dessen frühzeitigen Tod stellte sich heraus, dass dieser in Wirklichkeit ganz jemand anderes ist, als es schien.

Fasziniert davon, seine eigene Identität aufzugeben und das bisherige Leben komplett hinter sich zu lassen, versteift sich Akiro immer mehr auf die Suche nach der Wahrheit und den Hintergründen des Identitätswechsels.

Für mich persönlich fällt es schwer, das Buch in eine bestimmte Schublade zu stecken. Den einerseits erinnert es an das typische Katz-und-Maus-Spiel eines Kriminalromanes und dieses zu verfolgen brachte einerseits eine unterschwellige und sanfte Spannung in die Geschichte, da dieser Aspekt des Buches nicht zu deutlich und tonangebend. Darüber hinaus erinnern sehr viele Elemente an einen Gesellschaftsroman. So setzt sich das Buch einerseits mit Sippenhaftung auseinander, aber auch mit anderen wichtigen Aspekten der japanischen Gesellschaft, wie der koreanisch-japanischen Geschichte oder den Vorurteilen gegenüber der koreanischstämmigen Minderheit im Japan. Hier gibt das Buch einen äußerst interessanten und wichtigen Einblick, der mir als Europäer recht unbekannt war. Darüber hinaus konnte mich auch der Schreibstil des Autors überzeugen, wenn auch nicht begeistern. Denn bei meinen bisherigen Erfahrungen mit ostasiatischer Literatur habe ich gemerkt, dass mir der recht nüchterne Schreibstil, nicht immer zusagt. Dieses mal aber war dieser weniger trocken, auch wenn er nicht voll und ganz meinen Geschmack traf.

Letztendlich ist der Roman ein solides Stück japanischer Literatur, das definitiv lesenswert ist, auch wenn ich leider nicht ganz überzeugt werden konnte.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

Universalität des Theaters

Die Feuer von Claire Thomas

Während das Umland des australische Melbourne von Buschfeuern verwüstet wird, findet in der Stadt eine Theateraufführung zu einem Werk Samuel Becketts statt. Im Zuschauerraum befindet sich die Literaturprofessorin Margot, die mit ihrer familiären Situation versucht klarzukommen, und Ivy, eine scheinbar starke Persönlichkeit, die dennoch ihre Vergangenheit nicht abschütteln kann.

Verfolgt wird die Aufführung aber auch noch von der jungen Platzanweiserin Summer, die immer noch auf der Suche nach ihrer eigenen Identität ist und Tag für Tag aufs Neue mit dieser Konfrontiert wird, mit den Gedanken aber auch bei ihrer Lebensgefährtin ist, die sich durch die Buschfeuer kämpft. Und so reflektieren die drei während dieser Theatervorstellung nicht nur ihr jeweils eigenes Leben, sondern auch den Zustand der Erde und der Gesellschaft.

Stilistisch konnte mich die Autorin schon ganz zu Beginn der Geschichte mit dem ungewohnten Aufbau der direkten Rede überraschen. Meine Neugierde wurde geweckt, was sich sonst noch so im Buch an Überraschungen in dieser Hinsicht verborgen hält. Auch wenn ich dabei nicht enttäuscht wurde, war es vor allem der Schreibstil, der mich durch die Geschichte gezogen hat. Denn sprachlich entsteht eine Sogwirkung, die gepaart mit der linearen, geradlinigen und durchaus drängenden Handlung, aber auch der einzigartigen Einfachheit und Universalität des Settings und des zeitlichen Rahmens - hier entstand für mich durchaus der Eindruck eines Theaterstückes - Potential für einen Pageturner hat. Als solcher hat sich für mich das Buch dann auch herausgestellt. Denn auch die Handlung, vor allem die Reflexion des eigenen Lebens, aber auch der gesamtgesellschaftlichen Situation im Rahmen eines wenige Stunden andauernden Theaterstückes, hat mich wirklich fasziniert. Der mehr oder weniger kritische Umgang mit Identität, Klimapolitik, Familienbildern und Feminismus hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen und mich dazu angeregt, das eigene Leben anhand dieser Filter und der im Buch aufgegriffenen Ideen und Gedanken zu reflektieren.

Kurzum hat mich das Buch von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und ich kann dieses literarische Experiment von Herzen weiterempfehlen.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

radikaler Vegetarismus in den Kinderschuhen

Vegetarianer von Felix Kucher

Karl Wilhelm Diefenbach hat ein Werte- und Lebensbild, das von dem seiner Lebenszeit, dem späten 19. Jahrhundert, sehr stark abweicht. Er predigt den Vegetarismus, setzt auf Licht, Luft und Wasser als Naturheilmethoden, lehnt Schulmedizin, Impfungen und Medikamente radikal ab und meint nur durch den Nudismus sei der Körper gesund.

Mit diesen Ideen zum gesunden, perfekten Leben, aus dem sich eine neue Menschenrasse herausbilden wird, beginnt Diefenbach Anhänger:innen um sich zu scharren und gründet vor den Augen der entsetzten Münchner Gesellschaft eine Gruppe, die die Theorie seines idealen Lebensstils lebt. Doch dabei gibt es nicht nur emotionale und finanzielle Probleme, auch der Staat wird Diefenbach mehr und mehr zur unüberwindbaren Hürde.

Ich habe mich wirklich auf das Buch gefreut, da ich darin eine Möglichkeit gesehen habe, den heutigen Vegetarismus mit dem rebellischen Anfängen in Zeiten der industriellen Revolution zu vergleichen. Dafür eignet sich das Buch auch wirklich hervorragend. Man bekommt wirklich einen sehr guten Einblick in Vorstellungen der damaligen Vegetarier, wie sich durch ihren Einsatz die Weltverändern könnte. Auch der Blick auf die Naturheilmethoden sind interessant, gleichzeitig aber auch durchaus amüsant, da viele von ihnen aus dem heutigen Standpunkt betrachtet so absurd sind, dass man es sich schwer vorstellen kann, dass es im 19. Jahrhundert Menschen gegeben hat, die darin die Heilung aller Krankheiten und Leiden sahen. So ist der historische Aspekt des Buches wirklich enorm wertvoll, auch wenn ich sagen muss, dass für mich der Versuch einer literarischen Romanbiografie teilweise gescheitert ist. Zwar ist Diefenbach wie gesagt ein durchaus interessanter Charakter und auch sprachlich konnte das Buch mich auf weiten Teilen von sich überzeugen, zwar nicht immer begeistern, aber das habe ich keineswegs erwartet. Allerdings fehlte mir im Buch einerseits die Spannung. Irgendwann war einfach die Luft raus, da sich die Geldprobleme Diefenbachs und sein Konflikt mit dem Gesetz, aber auch das Auf und Ab der Vegetarianer-Gruppe, in einem periodischen Kreislauf ständig wiederholten. Dazu kommt noch, dass mich die Protagonist:innen auf emotionaler Ebene überhaupt nicht an sich binden konnten. Vor allem Diefenbach ging mir mit seinem Gejammere und Gesudere in der zweiten Hälfte des Buches ziemlich auf die Nerven.

Dennoch ist das Buch wirklich lesenswert und bietet einen interessanten Ausblick in die Zeit, in der der Vegetarismus noch in den Kinderschuhen steckte, vor allem für Menschen, die sich mit alternativen Ernährungsmethoden auseinandersetzen also durchaus spannend.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas

kurze Geschichte, die lange nachhallt

Blinder Spiegel von Salih Jamal

Der Fluglotse Lui und Elle, die Gattin eines Geschäftsmannes, der in die Politik gehen will, treffen sich durch Zufall in einem Pariser Café. Diese Begegnung fesselt die beiden aneinander, reißt sie in einen Sog der intensiven Gefühle, aus dem sie sich nicht mehr befreien können, auch wenn beide wissen, dass es für die Liebe keine Zukunft gibt.

Zu kaputt sind die beiden, zu irreparabel die Schäden, die das Leben an den beiden angerichtet hat. Und so leben Lui und Elle den Rausch, der sie unweigerlich an die Grenzen ihres Daseins bringt.

Auf knappen 110 Seiten entsteht so ein anonymes, wenn auch durchaus intensives und vor allem sprachgewaltiges Porträt einer verzweifelten Liebe. Sprachlich wird hier ein Paris an einem grauen verregneten Tag erzeugt, das dennoch nicht von Farblosigkeit, Melancholie und Trauer geprägt ist, auch wenn diese unweigerlich Begleiterscheinungen der Geschichte sind. Fasziniert hat mich dabei vor allem, dass Lui und Elle scheinbar Stellvertreterpositionen für all die verlorenen Seelen dieser Welt einnehmen, die nur darauf warten, jemanden zu finden, um in dessen bzw. deren Armen Rettung zu finden, ebenso, wie es Lui und Elle hier tun, auch wenn der Ausgang meist tragisch ist.

Kurz und knapp handelt es sich bei diesem kurzen Buch um ein vor allem sprachlich spannendes und nachdenkliches Buch, das zum Nachdenken über das eigene Glück anregt.

im Shop ansehen weitere Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas