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Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas:
Die sozialen Abgründe einer Gesellschaft am Abgrund
Shuggie Bain von Douglas Stuart
Shuggie wächst im Glasgow der Achtzigerjahre auf. Ein Leben zwischen den schäbigen Arbeitersiedlungen und der Ungewissheit, ob es am Ende der Woche noch genug zu Essen geben wird. Denn Shuggies Mutter hat ein Problem, ein Problem, das mehr und mehr Geld verschlingt und den Familiensegen mehr und mehr zerstört.
Doch Shuggie hat auch noch ein anderes Problem. Er schafft es nicht, den männlichen Idealvorstellungen der Arbeitergesellschaft gerecht zu werden, und landet so immer weiter am Rande des erträglichen Lebens. Geschlagen und getreten, wie es sich für jemanden gehört, der nicht normal ist. Doch der Junge hat noch einen Stern an seinem Himmel. Seine Mutter, deren Schönheit er idealisiert, auch wenn sie droht, ihn in den Abgrund ihrer eigenen Probleme mit hinab zu reisen.
Ich war unglaublich gespannt, auf die Geschichte, da ich die sozialen Brennpunkte der britischen Industriezentren zur Zeit von Thatcher extrem interessant finde, selbst aber viel zu jung bin, um diese selbst wahrgenommen zu haben. Und gerade diese Milieustudie ist extrem gut und anschaulich gelungen. Gepaart mit einem Schreibstil, direkt, einvernehmlich und voller Schmerz, wird diese Epoche und ihre Probleme deutlich greifbar. Massenarbeitslosigkeit trifft auf veraltete Rollenbilder, sodass als Endergebnis finanzielle Abhängigkeit und Armut unbarmherzig zuschlagen. Thematisch werden auch noch andere gesellschaftliche Probleme wie Homophobie, toxische Männlichkeit und Alkoholmissbrauch in die Geschichte miteingeflochten, immer wieder in den Fokus gerückt. Insgesamt bildet sich ein erdrückendes Gesamtkonstruckt, depressiv und ohne jede Hoffnung auf Besserung. Hinzu kommen noch die Nebencharaktere, die beispielgebend für die Doppelmoral dieser Gesellschaft sind. Herablassend werden die eigenen Unzulänglichkeiten und Inkompetenzen unter den Teppich gekehrt und diejenigen, die es wagen, die Pfade der gesellschaftlichen Zwangsvorstellungen verlassen, mit beißendem Spot übergossen. Extrem gut gelungen sind auch die Protagonist:innen. Shuggie, seine Mutter, sein Vater und sein Bruder sind extrem facettenreich gestaltet, einzigartig und extrem authentisch in ihrer Geltungssucht und ihren Problemen. Auch die Konflikte, die inneren und die äußeren sind von einer überzeugenden Authentizität, sodass sie dieses triste Stimmungsbild noch weiter verstärken. Besonders intensiv wird neben Alkoholismus in allen Stadien auch Homophobie aufgegriffen, und zwar in einem Ausmaß, mit dem ich vor Lesebeginn noch nicht gerechnet habe. Hier werden dieses gesellschaftliche Problem so akribisch aufgegriffen, dass es beim Lesen schon wehtut, und man dermaßen froh ist, bis jetzt sich nie in vergleichbaren Situationen wiedergefunden zu haben. Gerade diese Homophobie und der Alkoholismus haben an Tagesaktualität in keinster Weiße eingebüßt, womit der Autor eine Brücke in die Gegenwart schlägt. Einzig und alleine die Übersetzung hinkt hinsichtlich des Slangs der Unterschicht ein wenig, allerdings in einem Maße, dass ich mich beim Lesen nicht eingeschränkt gefühlt habe. Trotzdem ergibt sich bei den Dialogen und Monologen ein Gefühl davon, in welchen gesellschaftlichen Kreisen sich die Geschichte bewegt.
Im Nachhinein, nachdem ich die Geschichte noch ein wenig nachklingen habe lassen, kann ich sagen, dass es sich um eine außergewöhnliche Milieustudie gepaart mit Kritik an dem niederträchtigen Umgang gesellschaftlicher Probleme handelt, deren Lektüre sich zwar eindeutig lohnt, aber definitiv schwere Kost ist.
Rebellion in einem technisch fortgeschrittenem Britannien
Florance Bell und die Melodie der Maschinen von Steenbergen Carsten
1820 ist Britannien kein unabhängiges Königreich mehr, sondern eine Provinz im großen französischen Reich Napoleons. Das Waisenmädchen Florance wächst auf einem Herrensitz in der nähe der Stadt Leeds auf, wo sie als rechte Hand des französischen Meistermechanikers tätig ist. Sie ist überaus talentiert und wissbegierig, und so ist es ihr großer Traum, eines Tages eine technische Akademie zu besuchen, die allerdings nur von französischen Bürgern besucht werden kann.
Eines Tages wird allerdings ihre heile Welt jäh zerstört, als britische Rebellen den Landsitz angreifen und eine kostbare Maschine des französischen Königs stellen. Durch Zufall befindet sich Florance gerade im Inneren dieser, und so befindet sie sich gegen ihren Willen als blinde Passagierin auf dem Luftschiff der Rebellen. Doch auch der Weg zurück ist ihr verwehrt, denn plötzlich gilt sie - eines der Opfer der Rebellen - als deren Mitverschwörerin.
Nachdem ich mir die Leseprobe durchgelesen hatte, war ich richtig gespant auf die Geschichte. Ich erhoffte mir ein flottes Steampunk-Abenteuer, actionreich und atmosphärisch, war mir aber dennoch bewusst, dass es sich hierbei um ein Jugendbuch handelt. Insofern hatte ich in Bereichen wie sprachlicher Stil oder ausgezeichnet ausgearbeiteten Charakteren meine Ansprüche wieder ein wenig heruntergeschraubt. Diese Ansprüche wurden dann mehr oder weniger erfüllt, der Schreibstil ist in Ordnung, lässt sich gut und flott lesen, ist aber nichts besonderes und auch nicht gerade sehr atmosphärisch. Im Generellen hat mir hier ein wenig die Steampunk-Atmosphäre gefehlt. Man hat zwar durch die für 1820 sehr fortgeschrittene Technik, Flugschiffe, Motordroschken und andere technische Spielereien. Insgesamt hat mich das ganze aber ein wenig an Europa im beginnenden 20. Jahrhundert erinnert. was mich aber besonders gestört hat, ist der Slang und die Sprache der handelnden Personen. Dieser ist viel zu modern, wenig authentisch und wirkt gezwungen jugendlich. Auch mit einem Teil der Protagonist:innen wurde ich nicht ganz warm. Insgesamt zeichnen sich aber alle durch ein wenig Klischeehaftigkeit und einem geringen Facettenreichtum aus. Wobei man hier berücksichtigen muss, dass es sich bei der Geschichte um ein Jugendbuch fällt, und dies deswegen nicht so ins Gewicht fällt. Allerdings war Florance gefühlt auch schon die einzige Sympathieträgerin der Geschichte. Mit den anderen Protagonist:innen wurde ich nicht so warm. Über mache Dinge musste ich aber besonders schmunzeln. Britannien, geeinigt, versucht die Unabhängigkeit von Frankreich zu erreichen. Wirkt ein wenig wie der Hundertjährige Krieg, nur in umgedreht und erfolgreicher. Getriggert hat mich hier aber, dass Schottland an der Seite Englands für ein geeintes britisches Königreich unter einem englischen König kämpft. So weit sind wir heute noch nicht. Im Generellen empfand ich die Handlung manchmal als ein wenig konstruiert, im großen und ganzen aber überzeugend, nur das Ende empfand ich als überraschend ungut.
Im Großen und Ganzen ist das Buch aber eine gelungene Unterhaltung für Jugendliche auch wenn sie einige wenige Mängel hat, die allerdings im Anbetracht dessen, dass es sich hierbei um ein Jugendbuch handelt, nicht so ins Gewicht fallen.
Mystisch, düstere Geschichte
Junge mit schwarzem Hahn von Stefanie vor Schulte
Martin, elf Jahre alt, hat schon vor langem seine komplette Familie verloren. Ihm bleibt nur mehr ein schwarzer Hahn, der sein treuer Begleiter ist. Dieser schwarze Hahn, kombiniert mit Martins klugen und offenherzigem Wesen, macht er sich immer mehr zum Opfer des Hasses und Furcht der Dorfbewohner. Er ist einfach zu anders, übersteigt den Verstand aller anderen Menschen in seinem Umfeld.
Und so ergreift er die Chance, als ein Maler in das Dorf kommt, mit diesem das Dorf und sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. So wird Martin vom Maler eingeführt in eine Welt, die das Spiegelbild Martins zu sein schein: kalt, unbarmherzig und schauerlich.
Beim Lesen taucht man sehr schnell in die Geschichte ein. Geradlinige Erzählung, immer wieder nur unterbrochen von kurzen Rückblenden aus dem Leben Martins. Und gerade dieser geradlinige, reduzierte sprachliche Stil erinnert beim Lesen der Geschichte sehr stark an ein Märchen. Zusätzlich haben wir auch keine genauen Orts- und Zeitangaben, teilweise schon klischeehaft gestaltete Protagonisten und eine recht knapp bemessene Protagonistenpalette. Außerdem arbeitet die Autorin sehr intensiv mit Symbolen und Anspielungen auf Vergangenheit und auch Gengenwart, sodass man mit offenen Augen durch das Buch gehen muss, um diese auf unsere heutige Gesellschaft projizieren zu können. Auch die figürliche Gestaltung ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen. Wir haben einen sehr starken und interessanten Hauptcharakter - Martin, den die Leserschaft ins Herz schließt, und der mit seiner Weisheit und seiner ehrlichen Art, die beides für einen elfjährigen Jungen ungewöhnlich anmuten mögen, beim Lesen immer wieder überrascht. So bekommt Martin schon beinahe übernatürliche Charakterzüge, wohingegen die anderen Protagnisten recht klischeehaft, knapp und facettenlos erscheinen, und damit genau die Stilmittel eines Märchens bedienen. Wir haben naive Dorftrottel, die sich für die Größten der Welt halten, treu ergebene Freunde und böse Hexen, die die Welt in Atem halten. Und trotz dieses Märchenhaften Settings scheinen immer wieder die Verbindungen zur Gegenwart durch und jeder dieser Protagonisten lässt sich auch heute noch finden.
So hat Stefanie vor Schulte mit ihrem Debüt ein ganz schönes Stück Literatur geschaffen, das zwar einen regen Geist erfordert, aber noch lange nachklingen wird.
Ein packender Roman aus dem Herzen Nigerias.
Das Mädchen mit der lauternen Stimme von Abi Daré
Adunni, vierzehn Jahre alt, hat nur einen Wunsch. Das nigerianische Mädchen möchte in die Schule gehen, einen Wissensschatz aufbauen und sich immer weiter zu bilden, denn Wissen ist Macht und bedeutet Freiheit, die für das nigerianische Mädchen bedeutender ist, als alles andere. Doch aus Adunnis hochtrabenden Plänen wird nicht, als ihr schlimmster Albtraum Realität wird.
Sie wird an den Jahrzehnte älteren Kofu als Drittfrau verheiratet, nur damit ihr Vater seine Geldsorgen begraben kann. Doch dafür muss Adunni ihre Träume begraben. Doch sie gibt nicht auf und so schafft sie es, eines Tages nach Lagos zu fliehen, in die große Metropole, die Freiheit und Bildung verspricht. Doch auch hier wird sie schnell ins kalte Wasser geworfen und Adunnis Träume von Freiheit und Bildung scheinen ferner denn je.
Sprachlich legt Abi Daré ihrer Leserschaft hier ein wahres Meisterwerk zu Füßen. Anfangs mag es zwar wie ein Jugendbuch anmuten. Simple Sprache, kaum Beschreibungen oder Ähnliches. Aber schnell stellt sich heraus, dass die Geschichte, erzählt durch die Augen Adunnis, sich perfekt an die Protagonistin anpasst, diese umschmeichelt und einnimmt. Die Sprache entspricht der einer vierzehnjährigen Person, jung, bunt und verträumt, ohne weit in die Zukunft zu blicken und sich Sorgen zu machen, ohne dabei jedoch die Realität aus den Augen zu verlieren. Hierbei sei gleich gesagt, dass Adunnis Muttersprache Yoruba ist, sie trotz einiger Jahre Englischunterrichts aber nicht perfekt Englisch spricht. So schlägt sich dies in den Dialogen und Monologen wieder, Aussprachen von Wörter entsprechen nicht deren Schreibweise, sondern werden so geschrieben, wie sie ausgesprochen werden. Fulminant wird es dann aber, dass sich die Sprache des Buches mit Adunni mitentwickelt. Mit jedem Schritt des Selbstvertrauens und je mehr sich Adunni weiterbildet, wächst auch das Buch sprachlich, wächst Adunnis Sprache. Adunni wächst mit der Sprache des Buches und umgekehrt. Hier fehlen mir schon fast die Worte, um zu beschreiben, was dieser sprachliche Hochgenuss in mir ausgelöst hat. Doch eines steht fest: definitiv Bewunderung. Bewunderung für Abi Daré, Adunni und für Simone Jakob, deren ausgeklügelte Übersetzung das Buch in deutscher Sprache erst möglich gemacht hat. Abgesehen von den sprachlichen Hochgenüssen und Außergewöhnlichkeit hat das Buch auch thematisch einiges zu bieten. So findet man hier eine beeindruckende Geschichte über Frauenrechte, dem Wunsch nach Bildung und Freiheit und der Selbstfindung eines jugendlichen Mädchens. Alltagstauglichkeit für Westafrika ist somit gegeben und trifft damit genau den Nerv der Zeit. Abi Daré räumt in ihrer Geschichte hier mit den Männern auf, setzt sie jeweils in die schwächere Position als die weiblichen Protagonisten. Hier bricht sie auch mit dem typischen Dualismus Gut gegen Böse, die Protagonisten verbinden - so wie im echten Leben auch - negative und positive Aspekte. Durch die dadurch entstehenden psychischen und charakterlichen Spannungen und Differenzen zwischen den Protagonisten und in diesen selbst entsteht ein unglaublicher Spannungsbogen, der die Geschichte noch thematisch aufwertet. So entsteht in Kombination mit Adunni als mutiger und starker, sympathischer und authentischer Protagonistin eine wirklich gelungene Geschichte.
Abschließend kann ich hinsichtlich dessen, dass das Buch eine feministische Antwort auf die Probleme Nigerias ist, sagen, dass ich wirklich beeindruckt von der Geschichte bin, und diese mich noch sehr lange begleiten wird.
Ein Romandebüt das es in sich hat
Rochade von Reinhard Tötschinger
Österreich befindet sich dabei, unter der Herrschaft eines jungen und aufstrebenden Kanzlers sich immer mehr in eine illiberale Demokratie zu verwandeln. Als nun eines der berühmtesten Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum Wiens einem Terroranschlag zum Opfer fällt, wirft dieser nun ein begehrliches Auge darauf.
Er will es für sich haben, der Öffentlichkeit entreißen. Doch das passt Clemens Hartmann, dem Restaurator, der dafür verantwortlich ist, dass das Gemälde restauriert wird, überhaupt nicht. Er wird dazu gedrängt, es schneller zu restaurieren, als normalerweise an Zeit notwendig für qualitative Arbeit wäre. Das Risiko, dabei das Gemälde zu beschädigen ist in seinen Augen verantwortungslos hoch und auch ist Hartmann davon überzeugt, dass solch berühmte und wichtige Gemälde und Kunstgegenstände in Museen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden müssen. Und so beginnt Clemens Hartmann damit, Pläne zu bereiten, wie er den Kanzler täuschen kann, ohne dabei jedoch sich selbst ins Schussfeld zu manövrieren.
Thematisch bietet das Buch ein Potpourri an Themen in Sachen Kunst und Politik. Beides wird gekonnt vom Autor in die Geschichte mit einbezogen. So erfährt man während des Lesens immer mehr über die Geschichte von Vermeers Die Malkunst, die ja das Gemälde ist, welches zur Begierde des Kanzlers geworden ist. Vor allem erfährt man vieles über die Methoden und die Arbeit der Gemälderestauratoren , aber auch Fälscher. Hier begleitet man beim Lesen unseren Protagonisten bei seiner Arbeit und erfährt in langwierigen Prozessen, was er da so macht. Für manche mag dies langweilig wirken, allerdings sind hier die interessanten Fakten so in die Geschichte mit eingebunden, dass sie Lesefluss in keiner Weise stören, sondern viel mehr notwendig für das Verständnis dieser sind. Neben der Kunst hat das Buch aber noch ein anderes ganz großes Thema, das unterschwellig, aber dennoch eine Omnipräsenz innehatte. Und zwar die Politik, oder, wenn man es genauer nehmen will, Kritik an Populismus und dem Bundesbasti. Beim Lesen fällt schon stark auf, dass die Figur des Kanzlers vom Verhalten, den politischen Ausrichtungen und auch dem Aussehen sehr stark an Sebastian Kur angelehnt ist. Und so gibt es auch immer wieder kleine Momente oder Nebenbemerkungen in der Geschichte, die diese Theorie füttern. "Drei Tageszeitungen wurden von einem Milliardär aufgekauft, einem Freund des Kanzlers." S. 277. Hier brauche ich nichts mehr zu sagen. Ich glaube, wer sich ein bisschen mit Kurz und seiner Gang beschäftigt hat, weiß, worauf der Autor hier anspielt. Neben der Thematik, die das buch für mich so außerordentlich spannend und lesenswert gemacht hat, hat das buch auch ein enormes sprachliches Niveau. Die Geschichte ist aus der Sicht von Clemens Hartmann geschrieben. Eigentlich bin ich kein großer Fan vom Ich-Erzähler, wohingegen er hier so eingesetzt wird, dass man als Leser:in das Gefühl bekommt, mit unserem Protagonisten schon lange bekannt bzw. befreundet zu sein, und er einem nun die Vorkommnisse und seine Gefühle schildert. So bekommt man nicht sehr viel über ihn durch charakterliche Beschreibungen präsentiert, sondern viel mehr, anhand seiner Gedanken und seiner Handlungen, seiner Reaktionen auf die Handlung. So zeichnet sich ein recht genaues Bild von ihm. Ich weiß zwar nicht, ob man unseren Protagonisten als Antihelden bezeichnen könnte, aber man merkt hier schon deutlich, dass er mit sich nicht ganz zufrieden ist, und auch äußerliche Faktoren, wie beispielsweise die Altlast seiner Nazifamilie ihm scher auf den Schultern liegen. Und hier ist es auch interessant, wie Clemens Hartmann bzw. seine Familie vom Autor in direkten Bezug zur Geschichte von Vermeers Gemälde gesetzte wird. Gefallen hat mir auch die Atmosphäre der Geschichte. Auf der einen Seite ist diese dunkel, düster und richtig packend, auf der anderen Seite bringt aber Hartmann als Protagonist eine enorme Ruhe in das Geschehen mit hinein. Diese strahlt er selbst aus und gibt sie an sein Umfeld, damit das Setting der Geschichte und die Geschichte selbst, weiter. Aufgefallen ist mir auch die enorme Qualität der Monologe Hartmanns und der Dialoge im Buch. Selten habe ich in einem solch authentische Gespräche verfolgen können.
Nach der Lektüre kann ich jetzt bestätigen, was ich währenddessen schon gewusst habe. Bei Rochade handelt es sich um ein ganz großes Meisterwerk der österreichischen Literatur, politisch und künstlerisch interessant.
Im Übrigen glaube ich nicht, dass die Farbe des Lesebändchens Zufall war...
Aufstieg des Hauses Ronnefeldt
Die Teehändlerin von Susanne Popp
Frankfurt 1838: Frederike ist vierfache Mutter und zufriedene Kaufmannsgattin. Hin und wieder gönnt sie sich ein wenig Zeit, um im Teeladen ihres Mannes mitzuhelfen. Ihr Mann Tobias hat neben dem Tee noch eine andere große Leidenschaft: Er forscht nach Pflanzen und Tieren und liebt es, auf Expeditionsreisen zu gehen.
Und so verknüpft er beides bei einer mehrere Monate andauernden Expeditionsreise nach China, um dem Land das Geheimnis des Tees zu entlockend. Derweil muss Frederike immer mehr den Teehandel übernehmen, da der Prokurist, der von ihrem Mann vor seiner Abreise eingestellt wurde nicht ehrlich zu sein scheint, aber auch Frederike hat ein Geheimnis, dass ihre Standhaftigkeit ins Wanken bringen könnte.
Ich bin wirklich gut in das Buch eingestiegen. Der Schreibstil der Autorin spricht mich wirklich an: flott, unterhaltsam und atmosphärisch. Die Zeit des Biedermeiers, die aufkommende Industrialisierung und das städtische und gesellschaftliche Leben wird wirklich sehr gut beschrieben, nahbar und greifbar. Im Generellen ist das Setting sehr gut gestaltet. Man kann sich Frankfurt und die Gegenden darum sehr gut Vorstellen. Auch wird das Leben der Bürgerlichen Familie, die damaligen Gesellschaftlichen Konventionen sehr ausführlich dargestellt. Das Ringen zwischen liberalen, demokratischen Kräften und konservativen Befürwortern der Rekonstruktion, aber auch der damals herrschende Antisemitismus und das Rollenbild der Frau. In dieser Hinsicht greift die Autorin den Geist des Vormärz sehr gut auf. Äußerst spannend empfand ich es aber, wie das Geschäft des Teehandels abläuft. man bekommt einen sehr guten Einblick in die Welt des Handels in frühindustriellen Zeiten. Enorme Spannung boten aber Friederikes Geheimnisse und die Intrigen des Prokuristen, sowie die Expedition Tobis' nach China. Hier boten auch die historischen Hintergründe mit dem Opiumkrieg Britanniens einen geschichtlichen Mehrwert. Handlungstechnisch muss ich aber sagen, dass mich die Auflösung des Handlungsstranges rund um Feng recht enttäuscht hat. Die Auflösung der geheimen Identität Fengs ist für mich nicht schlüssig, wirkt abhackt und übertrieben gehetzt. da hätte die Autorin in meinen Augen auf den letzten Metern sich mehr Mühe geben können. Dies ist dann aber auch mein einziger Kritikpunkt, da mich die Protagonistinnen und Protagonisten wiederum voll und ganz überzeugt haben. Auch wenn ein Dualismus, eindeutig gute gegen eindeutig böse Personen, herrscht, sind diese facettenreich und umfangreich gestaltet. Hier konnte mich die Autorin wieder voll und ganz überzeugen.
So empfinde ich das Buch trotz dieses kleinen Mangels als lesenswert und gelungen. Ich bin schon wirklich auf die Fortsetzung gespannt.
Möglicherweise eine Streitschrift für das Recht Mutter zu sein
Mutter werden. Mutter sein. von Barbara Rieger
Bei dem Buch handelt es sich um eine Zusammenstellung von Beiträgen unterschiedlichster deutschsprachiger Autorinnen, die eines gemeinsam haben: Sie alle haben ein Kind (oder mehrere) zur Welt gebracht uns sich dann anschließend mit den positiven und negativen Seiten davon auseinandersetzen müssen.
Uns so findet sich hier eine Bandbreite, hin von Kritik am gesellschaftlichen Bild der Familie bis zu Selbstreflexion des Kinderwunsches und was es bedeutet, Kinder in die Welt zu setzen.
Sprachlich befinden sich unter den Beiträgen der Autorinnen wahre sprachliche Schätze. Man wird mitgerissen, bildet sich eine eigene Meinung bzw. erweitert diese und kommt aus dem Lachen und Weinen nicht mehr heraus angesichts der schreienden Ungerechtigkeiten, mit denen sich Frauen, insbesondere Mütter in unserer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft herumschlagen müssen und der herzerwärmenden Geschichten, wie die Autorinnen zusammen mit ihren Kindern über Grenzen hinausgewachsen sind.
Mich am meisten begeistern konnten letztendlich aber die schon fast streiterisch und aufrührerisch anmutenden Apelle an alle Mütter, Frauen, ja an die ganze Welt. Bei den schreienden Ungerechtigkeiten, die man leider viel zu schnell wieder aus seinem Kopf versucht zu verbannen, die hier aber eiskalt angesprochen werden, blieb mir als Mann, der es wagt, sich als Feminist zu bezeichnen, nichts anderes über, als mit ausgestreckter Faust und erhobener Fahne die Barrikaden zu erklimmen, im Kampf für die Gleichheit aller Menschen. Bei armutsgefährdeten Alleinerziehenden denen die Kinder wirklich wie ein Klotz am Bein erscheinen muss, den sie vom Staat umgeschnallt bekommen, selbstzufriedenen Männern, die es wagen, die Bedürfnisse der Frau nach Selbstbestimmung durch ihr familiär destruktiv erscheinendes Verhalten und den Vorurteilen, die man sich ausgesetzt sehen muss, nur weil man unter Schweiß, Blut und Tränen ein Kind aus seinem Leib herausgepresst hat, kommt einem letztendlich das essen wieder hoch und man fragt sich, was mit unserer Welt eigentlich falsch gelaufen ist. Der Appell, der hier im Buch verpackt ist, hat mich auf ganzer Ebene erreicht und gezeigt, dass es für den Kampf für die Mutter niemals zu spät ist. Alleine deswegen, dass dieses Buch mir gezeigt hat, was es heißt Mutter zu sein, kann ich es nur weiterempfehlen und möchte es schon fast jedem Mann, dem ich begegne in die Hände drücken. Ich bin Begeistert.
Eine scheinbar starke Protagonistin
Das Auktionshaus von Amelia Martin
Sarah Rosewellwächst Anfang des 20. Jahrhunderts in einem der Elendsviertel Londons auf. Ihr leben scheint Zukunfts- und Perspektivlos, bis sie durch einen glücklichen Zufall die vermögende Kunstliebhaberin Lady Sudbury kennenlernt. So nimmt diese Sarah in ihren Haushalt auf und beginnt, diese als Kunsthistorikerin und Spezialistin für Antiquitäten auszubilden.
Und so endet Sarah letztendlich im großen Auktionshaus Varnham's wo sie trotz Neid, Krieg und ihrer unrühmlichen Herkunft beginnt, erfolgreich in die Zukunft voranzuschreiten.
Ich muss sagen, dass ich wirklich hin und hergerissen bin, zwischen 3 und 4 Sternen. Denn einerseits hat mich die Geschichte wirklich gut unterhalten und ich bin auch wirklich nur so durch die Seiten geflogen. Der Unterhaltungswert steht also außer Frage, allerdings fand ich den Schreibstil der Autorin nicht überragend spannend oder herausragend, aber für einen Unterhaltungsroman bzw. einen historischen Roman durchaus passend. Was mir allerdings nicht ganz so gefallen hat, waren die Protagonisten. Ich fand sie recht flach und nicht besonders facettenreich. Sarah ist noch einigermaßen in Ordnung. Zwar hat auch sie einen recht einseitigen Charakter und sie hätte mehr Feinschliff bedürfen, aber sie war trotzdem in Ordnung. Die Nebenfiguren verschwammen aber recht schnell zu einem grauen Brei aus einheitlichen Protagonisten, die sich nur grob durch ihre Namen und gegebenenfalls durch ihr Aussehen unterscheiden. Etwas merkwürdig fand ich auch den hohen Verschleiß Sarahs an Feindinnen und Feinden, bzw. Bekannten, die sich dann urplötzlich gegen sie wenden. Das war mir dann oft zu schnell vorbeigezogen und wirkte auch nicht immer Authentisch. Thematisch hat mir die Geschichte wiederum recht gut gefallen. Das Auktionshaus als Setting empfand ich als einzigartig und spannend und es gab wirklich tolle Hintergrundinfos und Kunstwerke zu bestaunen. Auch die Flucht aus der sozialen Unterschicht und der Kampf für die Gleichberechtigung der Frau war in ersten Zügen vorhanden, hätte meiner Meinung nach aber noch mehr ausgebaut werden können.
Letztendlich hat das Buch einen recht hohen Unterhaltungswert, ist aber nichts Weltbewegendes. Trotzdem kann ich das Buch an diejenigen empfehlen, die gute und leichte Unterhaltung wünschen, und ich freue mich schon auf den zweiten Teil.
Tiefsinniger, stimmiger Roman über ein Zugunglück und noch vieles mehr.
Besichtigung eines Unglücks von Gert Loschütz
Im Dezember 1939 kommt es zwischen Berlin und Magdeburg zu einem katastrophalen Zugunglück. Unzählige Menschen sterben dabei, Existenzen werden zerstört, Menschen verlieren ihre Liebsten. Das ganze liegt jetzt aber nun schon einige Jahrzehnte zurück, als der Journalist Thomas Vandersee beginnt, nach Fakten zu graben und die Geschichte von vorne und hinten aufzurollen.
Er will herausfinden, wie es zu diesem schlimmen Unglück kommen konnte, merkt aber bereits sehr schnell, dass er seine Mutter, die die ersten drei Jahrzehnte ihres Lebens in der Stadt des Unglücks verbracht hatte, in Verbindung setzten kann, und so auch etwas über sie und letztendlich über sich selbst herausfinden kann.
Thematisch ist die Geschichte aufgeteilt in mehrere Themenbereiche, die mit dem Unglück zusammenhängen, und nach und nach vom Erzähler erforscht werden. So berichtet der Autor mit einem nüchternen, schon fast klinischem Stil über das Unglück selbst, die Stunden davor und danach, über Carla und Richard, zwei Menschen deren Leben durch das Unglück aus den Angeln gehoben wurde, und schließlich über Vandersees Mutter, wie sich ihr Leben und damit auch seines verändert hat, ob durch den Einfluss des Zugunglücks oder nicht. An und für sich hat mich der sprachliche Stil des Autors wirklich sehr angesprochen. Faktenbasiert, unübertrieben und ehrlich. Allerdings muss ich sagen, dass mir die Geschichte vor allem in der ersten Hälfte ein wenig zu clean war. Ich habe es einfach nicht geschafft, mich in einem solchen Maße mit den Protagonisten zu verknüpfen, wie ich es gerne gewollt hätte. In dieser Hinsicht ging mir dann aber in der zweiten Hälfte definitiv der Knopf auf. Es kam mir vor, als würde ich Vandersee schon lange kennen, mit ihm eine gemeinsame Geschichte und ein gemeinsames Schicksal teilen. Ich konnte mich hervorragend in seine Situation versetzen und seine philosophischen Gedanken waren beim Lesen wirklich ein Hochgenuss. Diese philosophischen Aspekte sind es - mal ganz abgesehen von der hervorragenden Recherchearbeit des Autors zu dem Unglück - was mich so für die Geschichte begeistern konnte. Man wird zum nachdenken angeregt, nimmt Weisheiten mit auf den Weg und ist, nachdem man das Buch beendet hat um mehrere Sichtweisen und -punkte reicher im Leben.
Nachdem ich das Buch beendet habe kann ich sagen, dass es einen unglaublichen Mehrwert hat, und die Leser:innen nicht nur über eines der tragischsten Zugunglücke der deutschen Geschichte informiert, sondern sehr viel mehr bietet. Ich kann das Buch wirklich an alle weiterempfehlen, die sprachlich vollendete Literatur schätzen, auch wenn ich mir anfangs ein wenig schwer damit getan habe.
Ein emotionaler und bewegender Roman
3 1/2 Stunden von Robert Krause
Es ist der Tag des Mauerbaues. Noch ahnt niemand, was nur die Zuständigen in den obersten Stellen wissen. Die DDR wird abgeriegelt, sodass niemand mehr ungesehen hinein- oder herauskommt. Und so beginnt auch am Münchner Hauptbahnhof der Tag wie jeder andere. Der Interzonenzug D-151 verlässt planmäßig den Bahnhof in Richtung Berlin-Ost, voll mit DDR-Bürgern, die auf den Weg zurück in ihre Heimat sind.
Auf dem Weg zwischen München und der Grenze kommen dann allerdings doch Gerüchte die schnell zur Gewissheit werden, dass dies vielleicht die letzte Möglichkeit ist, das sozialistische Regime hinter sich zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Und so bleiben den Menschen an Bord des Zuges nur noch wenige Stunden in denen sie die Weichen für ihr komplettes weiteres Leben stellen.
Das Thema des Buches ist unglaublich interessant und ich muss sagen, dass meine hohen Erwartungen erfüllt wurden. Der Schreibstil ist angenehm, rasant und zur Geschichte passend, sodass man wirklich gut durch die Geschichte kommt. So habe ich das Buch an einem Tag in einem Rutsch durchgelesen. Toll fand ich vor allem die Atmosphäre des Buches. Es beginnt schon mit einer diffusen und unterschwellig düsteren Atmosphäre und Unruhe ganz am Anfang des Buches, die sich immer weiter steigert und aufbaut, wodurch auch die Spannung immer mehr zunimmt, bis sie ihren Höhepunkt kurz vor der Grenze, beim letzten Halt im Westen erreicht. Danach, das Ende des Buches, kam für mich ein ernüchtertes und leeres Gefühl auf. Gefühlstechnisch hat das Buch hier definitiv einiges bewirkt. Wo ich zu Beginn des Buches noch ein wenig skeptisch war, ist, dass die Kapitel sehr kurz sind, und man durch die ständigen Personenwechsel immer einen anderen der Protagonisten begleitet. ich hatte die Befürchtung, dass dadurch der Geschichte ein wenig der Tiefgang fehlen würde und ich nicht diesen Zugang zu den Protagonisten finden würde, den ich mir erhofft hatte. Allerdings blieben meine Befürchtungen unbegründet. Ich habe mich trotzdem hervorragend mit den Protagonisten verbinden können und gerade dieses etwas Fremde und Unbekannte zeichnet die Protagonisten in meinen Augen auch schließlich aus, da man sie ja nur für mehrere Stunden während einer Bahnfahrt begleitet. Man fühlt sich, als währe man selbst einer der Mitreisenden und lerne die anderen genauso erst kennen, wie die verschiedenen Protagonisten untereinander. Generell finde ich es unglaublich spannend, sich als Leser selbst in diese Position zu setzten und sich die frage zu stellen, was man selbst in der damaligen Situation getan hätte.
Insgesamt finde ich das Buch nicht nur unglaublich spannend und historisch wertvoll, sondern auch unglaublich berührend. Die Geschichte hat mich wirklich mitgenommen und zum Nachdenken angeregt. Insofern kann ich das Buch wirklich jeden weiterempfehlen, der sich mit der Deutsch-Deutschen Geschichte auseinandersetzen möchte.











