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Rezensionen von MeinSohnPrinzAndreas:

Le Grand Est

Connemara von Nicolas Mathieu

Hélène scheint mit 40 Jahren das Leben zu führen, dass sie sich selbst in ihrer Jugend immer gewünscht hat. Sie ist erfolgreich, hat Karriere gemacht und ist der ostfranzösischen Provinz entflohen und aus den dortigen Zwängen und Rollenbildern ausgebrochen. Doch trotz ihrer beiden Kinder ist die Frau nicht glücklich.

Ihr Leben beginnt nimmt dann eine neue Richtung, als Christophe die Bühne betritt, der die Heimatstadt der beiden in Ostfrankreich nie verlassen hat und dort ein ruhiges Durchschnittsleben führt. Eine Affäre beginnt, die beide in die Vergangenheit zurückwirft und alte Wunden wieder ans Licht bringt.

Nicolas Mathieu erzeugt mit diesem Roman ein eindrückliches Bild des halbprovinziellen Lebens Ostfrankreichs und was es bedeutet, in einem immer währenden Kampf aus dem gewohnten Umfeld auszubrechen und in eine andere soziale Schicht aufzusteigen. Er seziert mittels Rückblenden, wie es für die beiden Charaktere war, aufzuwachsen und schließt dann mit der Handlung des Haupthandlungsstranges an und zeigt auf, womit Hélène und Christophe immer noch zu kämpfen haben. Dabei werden neben gesellschaftlichen Aspekten auch immer wieder ökonomische und vor allem politische Aspekte aufgerollt, sodass sich ein rundes Bild eines Ganzen ergibt.

Sprachlich verpackt der Autor das Ganze in ein vielschichtiges Konstrukt aus intensiven Beschreibungen von Umgebung und Lebensgefühl verpackt. dadurch reduziert sich das Lesetempo zwar, im Generellen ist es aber so, dass das Buch nicht durch ein hohes Tempo auffällt. Vielmehr ist es so, dass man sich auf ein intensives und genaues Studium der beschriebenen Leben einlässt. Dadurch bleibt wiederum Platz für die ausschweifende Sprache Mathieus aber auch für eine komplexe Ausgestaltung der Protagonist:innen. Gerade Hélène und Christophe glänzen durch ihre Authentizität und ihre Vielschichtigen Wesenszüge. und gerade auch, weil die beiden nicht perfekt sind, das ganze Buch über Dinge tun, die an anderen Stellen von der Gesellschaft verurteilt werden würden, wirken sie viel perfekter als manch andere Figur in einem Buch.

Insgesamt also eine intensive und bunte Erfahrung, auf die man sich allerdings einlassen können muss, Zeit und Ruhe dafür aufwenden können muss.

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intensiv, mitreißend österreichisch

Die Rotte von Marcus Fischer

In einer beschaulichen Siedlung in den österreichischen Bergen kommt in den frühen 70ern ein Mann abhanden. Irgendwann wird er für tot erklärt und es liegt an dessen Tochter Elfie, den heimatlichen Hof zu übernehmen. dabei wird sie von allen Seiten bedrängt, von ihrer Mutter, dem Nachbarsbauern, der auf Elfies Grund aus ist, und vom Franz, der die Elfie heiraten möchte, denn so ein Bauernhof ist nichts für zwei alleinstehende Frauen.

Die Stimmung wird immer aufgeheizter, und keine der kriegsführenden Parteien lässt etwas unversucht, um an ihr Ziel zu kommen.


Marcus Fischer schafft mit diesem Roman ein Charakter- und Sittenbild der ländlichen Regionen Österreichs. Eine düstere und kalte Atmosphäre, die einen permanent an mühselige Arbeit, pergamenten Nebel und Kälte denken lässt. Hinzu kommt noch, dass sich der Autor einer ungewöhnlichen Sprache bedient, die auf Außenstehende befremdlich wirken mag, in denen man sich als Österreicher jedoch recht schnell wiederfindet. Dabei hat das Ganze aber nicht von einem kitschigen Heimatfilm, der das Leben der Bergbauern romantisieren soll, sondern viel mehr mit der rohen Gewalt der Alpen und der 70er Jahre. denn neben dem Kampf um die Vorherrschaft und das Überleben in der kleinen Siedlung sieht man sich beim Lesen auch immer wieder mit Situationen konfrontiert, die der damaligen Wirklichkeit entsprachen, über die wir heute aber nur mehr die Köpfe schütteln sollten. Sei es Alkoholmissbrauch in weiten Teilen der Gesellschaft oder der Umgang mit psychischen Erkrankungen, aber auch Misshandlung von Mensch und Tier.


Diese kleinen Details am Rande erzeugen eine authentische und überzeugende Atmosphäre, in die sich der Kampf Elfies um ihren Hof einbettet. Dabei wird vom Autor gekonnt ein Spannungsbogen gezogen, der sich mit jedem der fünf Kapitel weitersteigert, bis hin zu einem Finale, das die einen die Luft anhalten lässt, bevor es einem in ein rundes und stimmiges Ende entlässt.


Was Marcus Fischer in meinen Augen aber besonders gut gelungen ist, ist die Ausgestaltung der unterschiedlichen Charaktere, den diese sind ganz Kinder ihrer Zeit und ihrer sozialen Stellung. So haben wir mit Elfie die eingeschüchterte Kleinbäuerin, die sich auf den ersten Blick alles gefallen lässt, in der dennoch ungeahnte Kräfte schlummern. Hinzu kommt eine Sammlung an weiteren Charakteren, die jede wie auf einem Schachfeld eine bestimmte Rolle einnimmt. So haben wir mit dem Firnbichler den typischen Provinzfürsten, der großspurig meint, dass sich jeder seiner Macht zu fügen habe, mit seiner Frau als manipulative Fürstenbraut an seiner Seite. Und viele mehr, sodass sich ein authentisches Konstrukt einer Dorfgesellschaft gibt, in dem man sehr gerne für Lesestunden versinkt.


Definitiv also ein Buch, dass die Gemüter erregt und einem an der Gerechtigkeit und am Verstand längst vergangener Tage zweifeln lässt.

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Simon de Montfort und der Versuch einer Demokratie

Drachenbanner von Rebecca Gablé

England im 12. Jahrhundert: In Waringham wachsen die junge Adela von Waringham und der Leibeigene Bedric mit einander auf. Eine Freundschaft entsteht, die unzertrennlich ist. Doch das stürmische Mädchen wird an den Hof Eleanors, der Schwester des Königs geschickt, während ihr Jugendfreund auf den heimischen Äckern sein schweres Dasein fristen muss, eingeklemmt zwischen Rechtlosigkeit und der Grausamkeit Adelas älteren Bruders.

Eines Tages jedoch sieht sich Bedric dazu gezwungen, zu fliehen und Waringham hinter sich zu lassen, gleichzeitig nicht ahnend, dass die heimliche Liebschaft mit Adela, die aus der einstigen Freundschaft entstanden ist, Früchte getragen hat. Doch die Wege der beiden führen unaufhaltsam auf einander zu, als Bedric in den Dienst des charismatischen Simon de Montoftr tritt, zu dessen Haushalt auch Adela gehört.

Wieder einmal hat es Rebecca Gablé wundervoll geschafft, ein Panorama Englands über die Jahre von 1238 bis 1265 zu spannen. So startet die Leserschaft einen Besuch sowohl dem Königshof ab, vor allem in der Mitte des Buches, als auch dem damaligen Leben in der Großstadt London, aber auch dem einfachen Leben auf dem Land. Eingebettet ist das Ganze wieder in ein akribisch recherchiertes, und dennoch nicht langweilig anmutendes historisches Setting, das die Leserschaft mit einem verblüffenden Detailreichtum in seinen Bann zieht.

Auch was die Gestaltung der historischen und fiktionalen Personen der Geschichte angeht, hat rebecca Gablé nichts von der Stärke verloren, wie wir sie aus ihren hervorgegangenen Romanen kennen. Dieses Mal haben wir zwei starke Protagonist:innen in der Mitte der Geschichte, die wir auf ihren getrennten und gemeinsamen Wegen begleiten. Die Reihe der Gegenspieler ist wunderbar abwechslungsreich. Zwar haben wir wieder einen typischen Antagonisten, der von vorne herein als solcher erkennbar ist. Aber nicht jeder, der sich letztendlich als Gegenspieler herausstellt, ist von Beginn an als solcher zu erkennen. Aber auch die Mitstreiter:innen von Bedric und Adela sind sehr abwechslungsreich gestaltet, wodurch sich insgesamt ein charakterlich interessantes Sammelsurium bildet.

Auch an Spannung mangelt es in der seitenstarken Geschichte nicht. Zwar spürt man von den historischen Hintergründen und dem sich anbahnenden politischen Konflikt im ersten Drittel der Geschichte noch nicht so viel, umso präsenter sind diese Themen dann dafür im späteren Verlauf der Geschichte. nabenbei sind dann wie üblich in einem historischen Roman auch noch der Kampf um Liebe und Familiendramen von nicht wenig tragender Rolle. Insgesamt ergibt sich also eine bunte Mischung, die für Spannung sorgt und die Leserschaft am Ball hält.

Insgesamt hat Rebecca Gablé wieder einmal einen wundervollen Roman geschaffen, der es schafft, einen über Stunden zu fesseln und zu begeistern und einem dabei einen Teil der englischen Geschichte näher bringt.

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Leben als ständige Flucht

Anleitung ein anderer zu werden von Édouard Louis

Eddy verbrachte seine Kindheit in der nordfranzösischen Provinz. Aufgewachsen zwischen Armut und Homophobie ist schon früh klar, dass es hier nicht weiter geht. Ein anderes Leben ruft. So ist das Gymnasium der erste Stopp auf einer hungrigen Suche nach Klassenaufstieg, Akzeptanz und auf der Flucht vor der Scham.

Doch das reicht noch lange nicht, und so scheint auch in Paris das Ende noch nicht gefunden zu sein.

Die Tatsache, dass das Buch eine autobiografische Aufarbeitung der Entwicklung des Autors selbst ist, hat mich weniger gereizt, als der Wunsch, das bestehende Klassensystem zu sprengen, und mit Bildung und einem wachen Geist in höhere gesellschaftliche Sphären aufzusteigen. Gerade in Frankreich, wo das in meiner Wahrnehmung schwerer ist, als in Deutschland. Und so war ich von den ersten 100 Seiten des Buches wirklich gefesselt, verfolgte, wie Éduard sein Leben in Armut und dem bildungsfernen Umfeld seiner Gemeinde wahrnimmt, ausbricht und beginnt seinen eigenen Weg zu gehen, sich von seiner Familie immer mehr abkapselt. Allerdings hatte ich gewisse Schwierigkeiten damit, dass das Buch als reine Autobiografie verfasst ist, dabei aber teilweise Empfindungen und fundamentale Entscheidungsprozesse auf Charakterebene unterschlagen wurden. Konsequenterweise empfand ich dann stellenweise Éduard als unnahbar und unsympathisch. Die immer weiter voranschreitende Flucht wirkte auf mich als gierig und Éduard als unzufrieden. Auch empfand ich es so, dass die Handlung mit Voranschreiten des Buches immer mehr abflachte. Die bahnbrechenden Umwälzungen im Leben, die das erste Drittel und auch weiter hinein das Buch prägten, fehlten mir im letzten Drittel massiv. Viel mehr hatte ich das Gefühl, in einem Hin- und Hergehetze zwischen den unterschiedlichen Sexualpartnern des Ich-Erzählers gelandet zu sein. Was mir stilistisch wiederum sehr gefallen hat, ist, dass das Buch aufgebaut ist, als würde Éduard eine Aussprache mit seinem Vater führen, und sich immer wieder findet, wie dieser in Éduards Vorstellungen dazu äußern würde.

Insgesamt verdient das Buch aber in meinen Augen es nicht, Roman genannt zu werden, wie es auf dem Cover steht, da es sich viel mehr um eine interessante, aber dennoch nicht weltbewegende Autobiografie handelt.

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in einem unauffälligen Mietshaus...

Der Hausmann Roman mit Graphic Novel. Gebunden. von Kolosowa Wlada

Tim und Thea sind umgezogen und finden sich nun in einer kleinen Wohnung in Berlin Neukölln wieder. Thea ist diejenige, die in einem Startup für vegane Hundeernährung arbeitet und das Geld nachhause bringt, während es sich bei Tim um einen mehr oder weniger erfolglosen Künstler handelt, der den Haushalt schmeißt.

Schnell freundet sich Tim auch mit den Nachbarn an, hilft der betagten 80-jährigen aus der Wohnung über ihm in Angelegenheiten des Internets und bringt dem ukrainischen Asylwerber Deutsch bei. Doch eines Tages stehen vor seiner Haustüre unerwartet zwei Männer, die ihm ohne zu zögern ins Gesicht schlagen.

Ich habe das Verlagsprogramm von Leykam immer im Blick, da hier immer recht interessante literarische Werke erscheinen, und so war ich auf diesen Roman besonders gespannt, da er als Genremix aufgebaut ist. So haben wir neben einem Handlungsstrang auch einen in normaler Prosa, aber auch einen in Form eines Blogeintrags oder eines Graphic Novels. Und diese Mischung hat für mich erstaunlich gut funktioniert. Denn jede der Erzählweisen gibt sehr viel über den Charakter und das Denken des jeweiligen Protagonisten preis.

Die Protagonisten sind es auch, die sehr gut gestaltet sind. Man bekommt beim Lesen ein sehr authentisches Gefühl, findet sich selbst immer wieder in den einzelnen Protagonisten wieder, vor allem in deren Lebenslagen. Denn das ist auch etwas, womit der Roman aufwarten kann: Gesellschaftskritik. Thea ist in einem Job gefangen, der sie körperlich und emotional auslaugt, Maxim lebt in ständiger Furcht vor einer Abschiebung und Dagmar - die Pensionistin - lebt in gesellschaftlicher und finanzieller Einsamkeit. Diese Gesellschaftskritik wirkt dabei allerdings keineswegs an den Haaren herbeigezogen oder erzwungen, sondern bettet sich sehr schön in den Gesamtkontext des Buches ein.

Auch hat das Buch einen sehr stark unterhaltsamen Aspekt, sodass es insgesamt, trotz der Thematik nicht zu bedeutungsschwer erscheint.

Insgesamt also ein gelungener Roman, der einerseits unterhält und auf der anderen Seite auch zum Nachdenken anregt.

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nicht allzu ferne Zukunftsmusik

Auf See von Theresia Enzensberger

Yada wächst in einer abgeschotteten Community auf einer künstlichen Insel vor der Küste Deutschlands auf. Einst wurde diese Schwimmende Bastion errichtet, um einen sicheren Zufluchtsort vor den Katastrophen und gesellschaftlichen Umwälzungen zu bieten, die den Rest der Erde heimsuchen. Doch mittlerweile scheint das Projekt mehr und mehr zu verkommen.

Dann ist da auch noch Yadas Vater, einer der Mitbegründer der Seestatt, wie die Kolonie heißt, der seine Tochter vor allen äußeren Einflüssen der alten Welt schützen will. So auch vor dem Einfluss von Yadas Mutter, die unter einer seltsamen psychischen Krankheit litt. Doch mehr und mehr zeigt sich, dass Yada überall nur auf Lügen stößt.

--Ich erhoffte mir ehrlich gesagt einen rasanten und dystopischen Roman, der gleichzeitig mich auch noch mit literarischen Aspekten in Sprache und Stil begeistern konnte. Allerdings stellte sich Yadas Welt aus heutiger sicht eher weniger dystopisch heraus. Ich erwartete mir, Deutschland in Trümmern zu sehen, in denen keine großartige Zivilisation mehr Fuß fassen kann, allerdings ist das Deutschland in diesem Buch einfach nur das Deutschland, das wir kennen, nur dass sich die bekannten Probleme drastisch zugespitzt haben. Probleme mit der Nahrungsmittelversorgung, Massenobdachlosigkeit und das Gespenst des Neoliberalismus sind bekannte Gesichter in der Geschichte. Wie dem auch sei, das Setting gefiel mir trotzdem, denn bei dystopischen Büchern kann man auch sehr schnell übertreiben, sodass das ganze ziemlich abgespact wird, was hier zum Glück nicht der Fall war. Für mich hat alles seine Glaubwürdigkeit. Auch ist die Handlung rasant und spannend, allerdings stellte sich bei mir keine Sogwirkung ein, da ich die Protagonisten als sehr schwach gestaltet empfinde. Davon abgesehen fehlt mir irgendwie auch ein Ende, da es weder zu einem Showdown kommt oder ähnlichem, sondern viel mehr ein Motto nach dem Ende "wir lassen jetzt einfach mal alles im Sand verlaufen". Wir haben zwei Hauptprotagonistinnen, durch deren Augen die Geschichte erzählt wird. Doch keine der beiden wird gefühlsnahe und authentisch beschrieben, sodass sich bei mir nicht wirklich Sympathien einstellten. Für mich also nur Trägerinnen der Geschichte und keine Menschen zum Mitfiebern. Das gilt auch für die Nebencharaktere, die immer halb im Schatten verschwinden und nicht wirklich bedeutsam sind. Schade.

Abschließend hat man also einen soliden Roman in der Hand, der einen Ausblick in eine sehr realistische Ferne blickt. Lesenswert, auch wenn das Figurenset wirklich zu wünschen übrig lässt.

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Trauer in seinen Facetten

Schlangen im Garten von Stefanie vor Schulte

Nach dem Tod der Mutter versinkt die Familie Mohn in undurchdringbarer Trauer. Jedes der drei Kinder und auch der Vater geht anders damit um, doch alle haben sie eines gemeinsam: sie alle ziehen sich mehr und mehr aus der Normalität des Alltags zurück. Doch das gefällt nicht jedem, der Verdacht der Trauerverschleppung kommt auf.

Der Klappentext spielte bei mir anfangs überhaupt keine Rolle, da ich vom Debutroman der Autorin, vor allem aber deren Schreibstil, enorm ansprechend fand. Dementsprechend ging ich recht uninformiert an das Buch heran. Und der Schreibstil hat mich auch nicht enttäuscht. Die Autorin schreibt äußerst poetisch, bunt und blumenhaft. Man bekommt schöne Passagen präsentiert, aber auch welche, die einem zum Nachdenken inspirieren. In dieser Hinsicht alles tip und top. Allerdings muss ich sagen, dass ich mit der Handlung nicht ganz warm wurde. An und für sich ist individuelle Trauerbewältigung auch nicht die plotgetriebenste Handlung. Auch habe ich mich noch nicht intensiv mit der Thematik des Trauerns auseinandergesetzt, als dass mich die Handlung brennend interessieren würde. So war für mich vor allem der Mittelteil des Buches sehr schwach. Hingegen das Ende konnte mich vor allem mit der Atmosphäre begeistern aber auch, da die Handlung hier ein wenig Fahr auf nimmt. Für mich entstand so ein meisterlicher und märchenhafter Höhepunkt der sich fließend entlud. Darüber hinaus sind die Charaktere in alter Manier der Autorin wunderbar bunt und facettenreich gestaltet, erstrahlen als einzigartige und unvergleichbare Individuen am Literaturhimmel. Sie sind es, die bei mir Sympathiepunkte für sich selbst, aber auch das Buch insgesamt gewinnen konnten.

Insgesamt also ein Buch, das vor allem durch seine Sprache und Atmosphäre lebt, dementsprechend auch leider nicht mit dem anderen Buch der Autorin mithalten kann.

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Spaziergang durch ein Wien der Vergangenheit

Isidor von Shelly Kupferberg

Shelly Kupferberg, die sich bisher mit dem Verfassen nichtliterarischer Texte befasst hat, arbeitet mit diesem Buch die Vergangenheit ihrer eigenen Familie auf, begibt sich auf Spurensuche danach, was war und was vielleicht für immer in Vergessenheit geraten zu sein scheint. Wir erleben aus ihrer Feder ein jüdisches Schicksal, dass einzigartig ist, und dennoch so viel mit Millionen anderen gemeinsam hat.

Ich war wirklich gespannt auf das Buch, da mich einerseits die Ausgrenzung von gesellschaftlichen Minderheiten im Generellen, das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in diesem Fall, sehr interessiert. Auch versprach das Buch eine Zeitreise in ein Wien, das der Vergangenheit angehört. Diesen Spaziergang habe ich definitiv präsentiert bekommen. Ich kenne mich mehr oder weniger recht gut in Wien aus und war immer von kindischer Freude erfasst, wenn Straßennamen usw. fielen. Auch war der Lerneffekt durchaus gegeben, da man sehr viel über das Leben von assimilierten Jüd:innen erfährt aber auch Sidefakts, die mir bislang unbekannt waren, wie beispielsweise, dass der 2. Bezirk auch noch in der Zwischenkriegszeit eine bevölkerungsstarke jüdische Minderheit hatte.


Allerdings muss ich sagen, dass ich sprachlich mich ein wenig auf der Strecke gelassen gefühlt habe. Hier hätte das Buch definitiv mehr Tiefgang vertragen. Ich persönlich habe deutlich gemerkt, was die Autorin in einem Interview angegeben hat, nämlich, dass es ihr schwer gefallen ist, sich auf das Schreiben eines literarischen Textes einzustellen. So empfand ich das Buch ingesamt sprachlich recht trocken.


Tiefgang hätten meiner Meinung nach aber auch der Inhalt vertragen. Mir ist klar, dass die Autorin nicht mit Fiktion hantieren konnte. Dennoch empfand ich es so, dass die Handlung teilweise nur n der Oberfläche umherplätscherte.


Insgesamt aber dennoch ein lesenswertes und vor allem aber bedeutungsschweres Buch, auch wenn ich nicht unbedingt so weit gehen würde, es als Literatur zu bezeichnen.

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Ein Buch zum Nachdenken

Susanna von Alex Capus

Mit diesem stilistisch ungewöhnlichen Roman arbeitet Alex Capus die Geschichte der Susanna Faesch auf, die Malerin, die sich auf eine Reise zu Sitting Bull machte. Dabei entführt er die Leserschaft in ein Amerika am Aufbruch zur Moderne mit all den Kontroversen des späten 19. Jahrhunderts.

Rasch merkt man, dass das Buch einen anderen Fokus auf das Leben Susannas setzt, als es im Klappentext noch beschrieben wird.

So machen die Berührungspunkte Susannas mit den Indigenen Nordamerikas nur einen recht kleinen Teil aus, der auf mich wie die Krönung einer Selbstfindungsphase wirkt. Viel mehr werden anhand von Susannas Leben und dem ihres Umfeldes gerade heute so bedeutende Aspekte des gesellschaftlichen Lebens angesprochen, wie Klassismus, Zerstörung von Umwelt, Verdrängung von Kulturen oder aber auch die Hustlerkultur in der Arbeitswelt. Dabei deckt das Buch einen Zeitrahmen von etwa 50 Jahren von Susannas Kindheit an ab. Basel, New York der Wilde Westen. Alex Capus beschreibt dabei auf poetische und äußerst malerische Weise, wie das Leben an den jeweiligen Handlungsorten von statten ging.

Abgesehen von der Fähigkeit des Autors, ganze Landstriche binnen weniger Seiten in Klarheit und Anmut auferstehen zu lassen, habe ich mich recht schnell auch in die metaphernreiche Ausdrucksweise verliebt. Denn recht schnell wir deutlich, dass das Buch weder plotgetrieben ist oder von den Charakteren lebt, viel mehr sind es Sprache und geistreiche Ideen, die den Motor der Geschichte am Laufen halten. Alex Capus fängt seine Leser:innen zunächst einmal mit prachtvollen Aufzählungen und Metaphern ein, bevor er anschließen einen Kokon aus Ideen und Denkansätzen formt, in dem man sich zum Sinnieren niederlässt. Und so habe ich für mich selbst sehr viel aus dem Roman mitgenommen, vor allem im Hinblick auf Zeit und Leben.

Insgesamt hat Alex Capus einen anspruchsvollen, aber nicht minder interessanten Roman erschaffen, der vor allem durch stilistischen und sprachlichen Wagemut glänzt.

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Weltliche Macht der Geistlichkeit

Matrix von Lauren Groff

Die siebzehnjährige Marie ist wahrlich keine Schönheit. Groß, von knochiger Statur, aber wachen Geist, eignet sie sich nicht, um am Heiratsmarkt im Reich Eleonore von Aquitanien verschachert zu werden. Und so wird sie vom Hof verbannt und von der Königin als Priorin im feucht-nebeligen Angleterre eingesetzt.

Anfangs von ihrem ärmlichen Leben schockiert erkennt Marie schon bald, dass ihr neues Amt ihr die Möglichkeit bringt, um weltliche Macht zu erlangen. Ein dramatischer Höhenflug beginnt.

Ich war wirklich gehypt auf das Buch, da mich der sprachliche Stil der Autorin in der Leseprobe bereits vollends überzeugen. Und das blieb auch so das restliche Buch über. Denn Lauren Groff legt hier einen sehr experimentellen und anspruchsvollen Schreibstil an den Tag. So haben wir sehr lange und verschachtelte Sätze, mittels deren die Geschichte geschildert wird, und auch, findet sich keinerlei - oder kaum - direkte Reden. Dem geschuldet reduziert sich zwar das Lesetempo, was mich an und für sich nicht störte, und der Fokus verlegte sich vom Plot hin auf die Schönheit der Sprache. Und hier liegt auch der Hauptkritikpunkt meinerseits. Den das Buch ist weder Plot - noch Charaktergetrieben sondern lebt wirklich nur von der Sprache. Den auf beiden Seiten spart die Autorin sehr stark aus. Das Buch beschreibt einen Zeitraum von etwa 55 Jahren auf knapp 320 Seiten. Von der im Klappentext versprochenen Machtaufstieg merkt man nicht fiel. Zwar liest man darüber, was Marie macht, in die Wege leitet und welche Konsequenzen das mit sich zieht, allerdings nur in der Sparversion. Ich hätte mir da viel mehr Tiefe erhofft. Man nimmt alles nur am Rande war und kommt sich ein wenig so vor, als würde man eine Doku schauen, interessant, aber nur minder spannend. Das gleiche gilt auch für Marie. Auf emotionaler Ebene herrscht gähnende Leere. Mann nimmt Marie nur sehr blass, wie durch einen milchigen Schleier war. Und da ist auch das Problem. Sie und ihre Handlungen wirken nicht immer nachvollziehbar und auch ist es nicht so, dass Marie besonders nahbar und sympathisch wirken würde.

So ist hinterlässt mich das Buch wahrlich zwiegespalten. Schreibstil topp, Plot und Charakterstudie allerdings nicht überzeugend.

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