Kunden em pfehlungen
Rezensionen von La Calavera Catrina:
Ungewöhnlich fordernde Oktopussuche
Das White Octopus Hotel von Alexandra Bell
«Alles war so rätselhaft, dass er Kopfschmerzen bekam, wenn er versuchte, die Puzzleteile zusammenzufügen.»
Das Leben von Eve Shaw, deren Kindheit früh durch ein tragisches Familienunglück seine Unschuld verlor, und sie zu einer distanzierten, einsamen und freudlosen Frau werden ließ, verändert sich, als ein älterer Herr sie als Kunstgutachterin aufsucht und sie auf das White Octopus Hotel aufmerksam macht.
Als Eve recherchiert, erfährt sie, dass das Hotel nur noch ein «vermooster Palast für Geister» ist. Sie lernt Menschen kennen, die das Grandhotel besucht haben und erfährt von Schlüsseln, deren Zimmer nicht auffindbar sind und einem magischen Briefpapier, mit dem man die Vergangenheit ändern kann.
Spannend und melancholisch baut die Autorin Alexandrea Bell eine mystische Atmosphäre auf, und beschreibt die auffälligen und versteckten Elemente so, dass ich tief in die eigene Vorstellungskraft eintauchen konnte, und den Besuch im historisch-stilvollem White Octopus Hotel mit dem festlich, eleganten Ambiente genoss. Der Roman ist voller Feinheiten und Puzzlestücke, die sich zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen. Unterschiedliche Zeitdistanzen und undurchschaubare Strukturen schaffen Konflikte und Herausforderungen, durch die Eve und Max wachsen, voneinander lernen und neue Seiten an sich entdecken. Die differenzierte Darstellung ist bewegend, emotional und einnehmend. Für mich waren Eve und Max tiefgründige Figuren, die in einem komplexen Gefüge agieren. Die traumatischen Schilderungen vom ersten Weltkrieg waren schwer auszuhalten und sicherlich einer der sichtbarsten Kontraste, die ich nicht erwartet hätte. Obwohl es auflockernde Elemente gibt, geht es doch vermehrt um herausfordernde Emotionen und belastende Ereignisse in der Vergangenheit. Möglicherweise belastend, wenn man sich magische Leichtigkeit erhofft hat. Umso schöner fand ich die magischen Details, wie das Oktopustattoo, welches lebendig ist und mehr verkörpert, als Eves Faszination für die Meereskreatur. Mehr Magie hätte der Geschichte nicht geschadet, aber darüber hinaus beschreibt die Autorin auch die Magie, die für uns alle zugänglich ist, wenn uns Erinnerungen, Musik oder Kunst tief bewegt.
Wenn am Ende die Zusammenhänge sichtbar werden, zeigt sich die meisterhafte Erzählkunst der Zeit als formbares Element, verwebt mit Geheimnissen, dem Setting eines Grandhotel in den Schweizer Alpen und einen Hauch Magie. Es ist eine Liebesgeschichte, die Spannung durch Zeitreise-Paradoxie bietet und zum Nachdenken über Vergänglichkeit, Geschichte und Schicksal anregt. Unerwartet neuartig und fordernder als angenommen.
Gerissen und skrupellos beim Hauskauf
Tödliches Angebot von Marisa Kashino
Es ist kurz nach der Corona-Pandemie, die umkämpfte Immobilien-Marktlage ist schwierig. Die 37-jährige Margo und ihr Mann Ian wohnen im Westen der USA und suchen seit 18 Monaten ein Haus, in einem bevorzugtem Baustil, in einer bevorzugten Wohngegend. Als Margo ihr Traumhaus findet, will sie es haben, egal, was sie dafür tun muss.
Es beginnt harmlos, aber es wird schnell deutlich, dass Margo besessen von ihrer Vorstellung vom Familienglück im Traumhaus ist. Lügen gehen ihr leicht über die Lippen, und ihre Ehe ist von Kontrolle, Manipulation sowie dem Verlangen nach einem gehobenen Lebensstil belastet. »Dass ich mich manchmal so fühle, als könne mein Zorn sich jeden Moment durch meine Haut brennen und alles in ein Inferno verwandeln.« Der ist mit steigendem Druck alles zuzutrauen, dachte ich, und war trotzdem schockiert, wie sich alles hochschaukelt, wobei der Buchtitel schon erahnen lässt, dass Eskalation droht. Die Intensität nimmt ab einem bestimmten Punkt zu, an dem alles (noch mehr) kippt. Absolut verrückt und so gut geschrieben, dass es sich trotzdem nachvollziehen lässt, wo Margo falsch abgebogen ist, was sie antreibt und warum sie ist, wie sie ist, und ich richtig mitfiebern konnte. »Kein Haus, kein Baby. Kein Haus, keine Familie. Kein Haus, kein Leben. Ich bin hier, um meinen Traum wahrzumachen. Nichts ist wichtiger als das.« Ein bisschen Sympathie, für die moralisch sehr fragwürdige Margo, hatte ich trotzdem irgendwie, denn sie ist aufmerksam, liebt den Hund Fritter, was sie nahbar wirken lässt, und dann ist da die ehrliche Verzweiflung, trotz Kinderwunsches nicht schwanger zu werden und sich mit der Care-Arbeit im Stich gelassen zu fühlen. Auch ihr Wunsch nach einem schönen Zuhause ist nachvollziehbar, während ihr für all das die Zeit wegläuft. Trotzdem habe ich gehofft, dass diese Verrückte mit allem scheitert, aber die Hilfe bekommt, die sie braucht. Im Mittelteil gabs zugegebenermaßen ein paar Längen, die Spannung rausnehmen, aber plausibel sind.
Für mich ein packender Psychothriller, der trotzdem glaubhaft ist, und den ich wunderbar wegsacken konnte. Diese Frau ist gefährlich, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Intensiv spannend, eskalierend und hochaktuell.
Enttäuschend wenig Spannung und viel Spice
To Cage a Wild Bird von Brooke Fast
«To Cage a Wild Bird – Verlier dein Leben. Oder dein Herz.» ist das Dystopie-Romance-Debüt und Reihenauftakt der Booktokerin und Autorin Brooke Fast.
Es ist eine dystopische Welt, in der die Oberschicht im Wohlstand lebt, während im Unteren Sektor Armut und Hungersnot herrscht. Die 23-jährigen Kopfgeldjägerin Raven tut alles, um ihren kleiner Bruder zu beschützen, seit ihre Eltern gestorben sind.
Als er in die Haftanstalt Endlock gesperrt wird, plant Raven einen Fluchtplan, um sein Leben zu retten – denn Gefängnisinsassen werden zum Vergnügen der Oberschicht und für Credits gejagt und getötet. Raven ist unglaublich tapfer und entschlossen, wenn es um ihren kleinen Bruder geht. Sie stellt auch unter Beweis, dass sie keine herzlose Kopfgeldjägerin ist, sondern heldenhaft und selbstlos agiert, wenn es darauf ankommt. Die Zeit in Endlock ist für Raven eine prägende Grenzerfahrung in Vertrauen, Freundschaft und Überlebenskampf, die ihr Leben auf den Kopf stellt.
Unter den harten Bedienungen und der Angst, jederzeit gejagt, entlarvt und getötet zu werden, wollte Brooke Fast wahrscheinlich intensive Spice-Szenen erzeugen, die in der zweiten Hälfte übermäßig zunehmen und explizit beschrieben werden. Leider wurde es dadurch nur noch anstrengend. Es kommt kaum noch Spannung auf, obwohl der Beginn noch vielversprechend war. Wachmann Vale verfolgt auch eigene Ziele, aber so überraschend und geheimnisvoll es für Raven ist, so enttäuschend und vorhersehbar für mich. Hier stimmte die Mischung und die Dynamik einfach gar nicht. Die Muster ähneln sich und es fühlt sich wie ein nicht gelungener Abklatsch an. Nicht vergleichbar mit «Die Tribute von Panem», wo man bei den Hungerspielen wirklich mitfiebern konnte.
Der Schreibstil jedoch ist flüssig, die Prämisse erstmal spannend, aber was daraus gemacht wurde, konnte mich nicht packen. Für mich war es leider eine oberflächliche Enttäuschung, abgesehen vielleicht vom Found Family-Trope, die den Fokus auf Spice legt.
Das Flussmädchen und das Traumbild der Liebe
Die Jagd nach den magischen Münzen von Jessie Burton
Hauptfigur ist die 12-jährige Bo, die mit ihrem Bruder und ihrer Mutter im Jahr 1918 im historischen London lebt. Die Familie hat nicht viel Geld, aber Bo kann die Schule besuchen und muss keinen Hunger leiden. Trotzdem denkt Bo nicht daran die wertvolle Münze zu verkaufen, die sie im Schlamm der Themse gefunden hat.
Der Fluss sprach zu ihr und sie hatte eine Vision. Bo weiß, da steckt mehr dahinter. Gemeinsam mit ihrem neuen Freund Billy, der von einer zweiten Münze weiß, beginnt das Abenteuer um das Rätsel der magischen Münzen.
„Billy lachte sein wundervolles Lachen, das Bo von innen wärmte, und dazu der Geschmack der köstlichen Karamellbonbons. Hier unten am Fluss war das Leben schön.“ 119
Eine kindgerechte und langsam aufgebaute Geschichte, mit einer geradlinigen Handlung und vielen Rätseln, die nach und nach gelüftet werden. Erwachsene werden diese schneller durchschauen, aber für Kinder ist es eine berührende und mitreißende Story, die zum Wegträumen in eine andere Zeit einlädt, und sie überraschen wird. Durch die überschaubare Anzahl an Figuren und der einfachen Erzählweise, kann man der Handlung gut folgen. Besonders in Bo kann man sich gut einfühlen, ohne das es jedoch zu tiefgreifend wird. Die Kapitel haben eine angenehme Länge für geübte Lesende und ich würde das Buch ab 10 Jahren empfehlen.
Für alle, die eine poetische Geschichte suchen, die im alten London spielt, aber nicht bedrückend, sondern magisch, atmosphärisch und rätselhaft erzählt wird. Die tiefere Botschaft und das Ende hinterlassen als besonderes Abenteuer einen nachhaltigen Eindruck.
Lügen und große Gefühle - Hörbuch
Firewatch von Colin Hadler
„Ich muss demjenigen schmeicheln, den ich auf der ganzen Welt am meisten verabscheue. Nur so gelange ich an die Wahrheit.“
Die rückblickenden Kapitel mit Aaron, der später vermisst wird, haben mir besonders gut gefallen, weil ich die Vorstellung von einem Ferienjob als Fire-Observer in einem kalifornischen Nationalpark aufregend finde.
Man erfährt auch einiges über den Ablauf und seine Arbeit. Für den extrovertierten Aaron ist der Job aber vor allem eintönig und einsam. Deshalb muss er ständig an den attraktiven Kian denken, der dreißig Meilen entfernt auf seinem Turm ist, und mit dem er in Funkkontakt steht, aber ihn noch nie gesehen hat.
Zehn Monate später weiß Robin immer noch nicht, was mit seinem Freund Aaron passiert ist, aber er hat einen schwerwiegenden Verdacht und will Gerechtigkeit. Robin ist eigentlich schüchtern, einfühlsam und aufrichtig. Doch er ist so entschlossen, Kians Vertrauen zu gewinnen und herauszufinden, was mit Aaron passiert ist, dass er lügt, manipuliert und sich dabei zu verlieren droht. „Als die Tränen aufhören, fühle ich mich armselig. Es ist einfach über mich gekommen. So wird sich Kian nie in mich verlieben, und ich werde ihn nie ausliefern können. Aaron war anders. Stark. Nicht so verletzlich. Kian sucht jemanden wie ihn, nicht wie mich.“ Dazu kommt die Tatsache, dass er Kian mag und gleichzeitig hasst. „Dieser Zerrissenheit und seiner Erkenntnis ‚Das bin nicht ich‘ zu folgen, macht es psychologisch nervenaufreibend und spannend.“ Ich konnte mit ihm mitfiebern und sein Handeln nachvollziehen, obwohl es einen Moment gab, wo ich fassungslos war, wie er das tun konnte. Es ist eine Gratwanderung, sich mit einem Mann einzulassen, den man verdächtigt, einen Mord begangen zu haben. Die Atmosphäre ist dementsprechend bedrohlich und aufgeladen. Bei allen Charakteren wird klar, sie verbergen etwas. Ein falsches Spiel, das Autor Colin Hadler souverän beherrscht und eine ungewöhnliche Kombination aus Spicy Romance und Psychothriller, unvorhersehbar und einnehmend. Es gibt zwei spicy Szenen, die explizit beschrieben werden. Ich mag es lieber, wenn es bei Andeutungen bleibt, aber da sind die Geschmäcker ja verschieden.
Meine Wahl für das Hörbuch habe ich nicht bereut. Sprecher Nicolás Artajo passt großartig. Ich konnte mir sowohl Aaron als auch Robin sehr gut mit der Stimme vorstellen, die kraftvoll und ein bisschen rau ist, in ihren Nuancen variiert, Emotionen klar rüberbringt und der ich stundenlang zuhören konnte. Einzig die Augenblicke, (leider auch zwei Kapitel) wo er flüstert, lagen mir gar nicht. Die lassen sich aber überspringen, ohne das man Wichtiges verpasst.
Manchmal zieht sich alles ein bisschen, aber die Auflösung ist heftig und erschütternd. Da wird so einiges losgetreten, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Also ein spannendes und ungewöhnliches Hörerlebnis mit teilweise waldigem Setting, großen Gefühlen der ersten Liebe und zahlreichen Geheimnissen. Für alle, die Lust auf queere Liebe und Nervenkitzel haben.
Kein Entkommen!
Happy Head von Josh Silver
«Happy Heat» ist ein packender Near-Future-Fiction-Thriller und Auftakt einer Reihe, in dem Autor Josh Silver die psychische Gesundheit junger Menschen in einer zunehmend zerstörerischen Welt mit einer queeren Liebesgeschichte vor dem Hintergrund eines experimentellen Mental-Health-Programms kombiniert.
Der siebzehnjährige Seb ist Hauptfigur und nimmt nur widerwillig am HappyHeat-Program teil. Keiner seiner Freunde und Mitschüler wurde ausgewählt, seine Mutter gibt ihm deshalb zu verstehen, wie einzigartig diese Chance ist, sein Leben wieder auf die Spur zu bringen. Obwohl man seine Familie nur auf der Hinfahrt kennenlernt, legen Sebs Erinnerung die Vermutungen nahe, dass seine gläubigen Eltern nicht glücklich über sein bisheriges Verhalten sind und er sie stolz machen möchte, um sich geliebt zu fühlen. Dort setzt das Programm an und ich hab mich gefragt sich, ob Seb sich treu bleiben oder die an ihn gerichteten Ansprüche erfüllen wird.
Mir hat besonders gefallen, dass sehr nah aus der Perspektive von Seb erzählt wird, der über ein bisschen Humor und viel Sympathie verfügt. Dazu gehört auch, dass man durch seine Bewusstlosigkeit blind wird und auf seinem Kenntnisstand bleibt. Das gibt einem das Gefühl, selbst am Programm teilzunehmen. Ich war durchweg gespannt, welche Aufgabe das Giftgrüne Team von Seb oder nur ihn allein als Nächstes erwartet. Davon gibt es einige und sie sind alle abwechslungsreich und spannend – auch was die Textgestaltung angeht. Die Mitarbeiter sind unheimlich gut gelaunt, die Regeln sind streng und für Gehorsamkeit und Erfolge winken Belohnungen. Der rätselhafte Finn, zu dem Seb sich hingezogen fühlt, und Seb verhalten sich ganz unterschiedlich. Finn rebelliert, während Seb Vertrauen aufbaut und die Anerkennung genießt. Jedoch bringt die Zuneigung zu Finn ihn dazu, sein Verhalten zu hinterfragen. Der Traum vom Ende des Unglücklichseins, der in London tragisch seinen Anfang nahm, regt zum Nachdenken an. Autor Josh Silver bringt seine beruflichen Erfahrungen ein und trifft den richtigen Ton, der vermittelt, aber den Spaß nicht vermissen lässt. „Einem Ort, an dem sie dazu ermutigt würden, auch mal ein Blick über den Tellerrand zu werfen und sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Dazu, zu verstehen, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Dazu, sich einmal zu fragen, was Erfolg eigentlich ist und welchen Wert er für diese Gesellschaft – und für sie ganz persönlich – hat.“
Von jemandem der Teilnehmer fällt früh der Vergleich mit ‹Squid Game›, einer südkoreanische Netflix-Serie, bei der es um tödliche Überlebensspiele geht, der auch vom Verlag aufgegriffen wird. In meinen Augen weckt der Vergleich falsche Erwartungen oder schreckt wohlmöglich ab, denn «Happy Head» ist unproblematischer. Obwohl einige sensible Themen vorkommen (die ausführlich aufgelistet sind), wird auf unnötige oder reißerische Darstellungen verzichtet, und ich hatte den Eindruck, dass diese sprachlich verantwortungsvoll und altersgerecht behandelt wird. Man bleibt größtenteils im Unklaren, wofür die Aufgaben sind und welche Schlüsse daraus für die Teilnehmenden gezogen werden, was es spannender macht. Ich hätte am liebsten jede freie Minute weitergelesen. Es ist nicht wild konstruiert, was mir gut gefallen hat, allerdings auch weniger wendungsreich, als ich gedacht hätte.
Obwohl die queere Liebesgeschichte zwischen Seb und Finn nicht im Mittelpunkt steht, gibt es herzerwärmende Augenblicke, die Seb Kraft geben. Wenn ich an den unterhaltsamen Badezimmerpakt denke, ist Sebs Entwicklung greif- und nachvollziehbar, und nimmt ebenso zu, wie der Spannungsbogen, der auf den letzten Seiten zu explodieren scheint, während man in einem Cliffhanger zurückgelassen wird. Auf die Fortsetzung muss ich mich bis zum Herbst 2026 gedulden, aber ich kann es kaum erwarten, wieder in Sebs Rolle einzutauchen und zu erfahren, wie es weitergeht.
Wunderschön illustriertes Bilderbuch über einen hektischen Hasen
Eilig, so unglaublich eilig! von Christian Merveille
Das französische Bilderbuch dreht sich um einen anthropomorpher Hasen, der zügig an sein Ziel kommen will. Er saust durch das kleine britisch angehauchte Städtchen, immer auf dem Sprung, um geschwind anzukommen, vorbei an Geschäften, Cafés und Häusern und nimmt nichts um sich herum wahr.
Auf dem Buchrücken steht, er wäre ein Bilderbuch zum Innehalten und Immer-wieder-Anschauen.
Das trifft es auf den Punkt. Ich werde es immer zur Hand nehmen, wenn ich in dieses Gefühl eintauchen möchte, das ich sofort hatte, als mich schon beim Aufschlagen das Vorsatzpapier einladend in diese Welt zog, und ich dachte, wow, ist das wunderschön. Der wenige Text und die Wiederholungen schaffen einen angenehmen Rhythmus, der das Vorlesen lebendig und spannend macht. Wo will der Hase nur so schnell hin? Die seitenfüllenden Illustration sind kunstvoll, atmosphärisch und strahlen eine Ruhe aus, die man spürt, und die einen sanften Kontrast zur Eile des Hasen bildet. Die lebhaften Grüntöne und die malerische Landschaft lassen vom Frühling träumen, sodass man sich ganz ins idyllische Gemeinschaftsgefühl des wimmelnden Treibens träumen darf. Hier gibt es viel zu entdecken. Besonders amüsant fand ich die spielerischen Wiederholungen der Charaktere, die einem das Gefühl geben, der Hase würde viel länger brauchen, obwohl er so schnell ist. Ich würde am liebsten in dieses kleine Städtchen ziehen und dort leben.
Das Bilderbuch erinnert daran, das Tempo runterzuschrauben und innezuhalten. Es ist eine Einladung zur Ruhe zu kommen und ein bisschen in dieser Idylle zu verweilen. Ich finde es besonders wertvoll für Kinder und Erwachsene, die sich ausschließlich auf das Ziel konzentrieren und vergessen, eine Verschnaufpause einzulegen, um die Aussicht zu genießen.
Großartig verrückt
Die Enthusiasten von Markus Orths
„Für dieses Buch würden sie töten! Sie alle drei!“
Dem vierundvierzigjährigen Vincent Bär fiel das Erzählen schon immer leichter als das Schreiben. Deswegen lässt er als Ich-Erzähler daran teilhaben, wie im März 2018 sein Leben zu kippen begann. Als großer Bewunderer des irischen Schriftstellers Laurence Sterne reist Vincent jedes Jahr nach Coxwold und trifft dort seine Kollegin Bianca und Ole.
Zusammen sind sie große Anhänger des meisterlichen Pioniers der modernen Literatur, denen ein ungeahntes Wunder begegnet: ein Mann namens Morton Minelli behauptet, ein unbezahlbares Manuskript des zehnten Buches zu besitzen, von dessen Existenz niemand wusste – es gab nur Gerüchte. Er will den Inhalt von ihnen auf Echtheit prüfen lassen. Vincent ist Feuer und Flamme. „Sie hatten nicht die geringste Ahnung, wozu ich fähig und was ich zu riskieren bereit wäre…“
In den Rückblicken erfährt man viel über Vincents Familie, die lese- und wortverrückte Kindheit der drei Geschwister und wie einschneidend es die Familie verändert hat, als die Mutter spurlos verschwand. So manche bezaubernde Erinnerung wird mir wohl immer im Gedächtnis bleiben. Der letzte Auftrag vor dem Ruhestand des ‚Wiederholungsphobikers‘ und ‚Herrn der Kommas‘ schenkte mir ein inneres Lächeln, ebenso wie die verrückte Europameisterschaftsgeschichte oder der erste Film von Vincents Bruder Marcellus. Jedes Familienmitglied bekommt seinen Moment, eingebetet in einfallsreiche Sprachgemälde für unvergleichliches Kopfkino. „Er nebelte wie ein Gespenst durch sein Leben. Die Traurigkeit legte sich wie ein klebriger Film auf sein Gemüt.“ Erfundenes trifft auf Wahres und offene Fragen treffen auf Dazu-später-mehr-Vertröstungen, die es spannend machen und ins Konzept passen. Gewoben wird ein spielerisches Kunstwerk um Laurence Sterne, das im Stil und der leicht ausschweifenden Erzählweise gewollte Verknüpfungen aufweist.
Insgesamt eine außergewöhnliche Geschichte, bei der ich mich auf vielen Ebenen abgeholt gefühlt habe - vor allem vom Ende. Mein Buch ist voller Markierungen. Ich könnte es irgendwo aufschlagen und garantiert einen Satz finden, der mir Freude macht. Nicht nur durch die unvorhersehbare Handlung und prägnante Botschaft, sondern auch wegen des ironischen Humors, der reflektierenden Ebene, der wunderbaren Bär-Familie, der Intertextualität und dem experimentellen Sprachcharakter, der dem Roman eine besondere Note verleiht.
Ein uferloses Vergnügen und ein spaßiges Ereignis, bei dem man nie so genau weiß, was man findet und wie irrsinnig es sein wird. Wer sich einmal auf den „frohlockenden Stil“ von Markus Orths eingelassen hat, wird mehr wollen. Dazu gehört sicher ein bisschen Begeisterung für den Sprachwahnsinn und eine Liebe zu unkonventionellen Geschichten, die Brücken zwischen Menschen bauen. Ich fand es großartig und kann es jedem empfehlen, der sich für literarische Vielfalt und ihre Kunst begeistert.
«Möget Ihr tausend Jahre leben» - Ein gnadenloses Machtspiel
The Poet Empress von Shen Tao
Das schöne Cover und der passende Farbschnitt sehen fantastisch aus und verleihen der außergewöhnlichen Geschichte eine angemessene Erscheinung. Ich war von Beginn an fasziniert von der Bauerntochter Yin Wei und überrascht, wohin das alles führte, denn das hätte ich ihr nie zugetraut. Für mich war es ein frischer Ansatz und eine Abwechslung im Fantasy-Genre.
Der warnende Hinweis ist angemessen, denn die Handlung ist düster und enthält brutale Szenen, die an einen Thriller erinnern: „Ich hatte nie zuvor solche Menschen getroffen. Menschen, die so grausam waren wie die Bösewichte in Geschichten.“
Yin Wei erzählt, abgesehen von ein paar Ausnahmen, nachvollziehbar aus ihrer Sicht. Ihr Dorf, ihre hungernde Familie und ganz besonders ihr kleiner Bruder Bao liegen ihr so am Herzen, dass sie, trotz des grausamen Rufes des Prinzen, alles riskiert, um seine Konkubine zu werden, obwohl die Chancen beinahe aussichtslos sind, da sie vom Dorf kommt. Ihr schlägt nur Verachtung entgegen, alles ist neu und fremd, und trotzdem gibt sie nicht auf: „…egal, wenn mich keiner mochte, denn ich war nicht für sie hier, sondern einzig und allein für Bao.“ Die Konkurrenz ist erbarmungslos, die Chance, Macht zu erlangen, verlockend. „Merk dir meine Worte, Dorftöle: Du wirst sterben. Und wenn du tot bist, dann werde ich deinen Platz einnehmen.“ Sie lernt nicht nur die Kunst der Verführung der Schlage, sondern verbotenerweise Literomantie, was es ihr ermöglicht, an ihrem Herzseelengedicht zu arbeiten. Es ist die einzige Möglichkeit den grausamen Thronfolger zu töten, der von einem mächtigen Schutzzauber geschützt wird, und so das Land vor einem tyrannischen Herrscher zu bewahren, der das Volk der Hungersnot überlässt. "Wie ungerecht es doch war, musste ich unwillkürlich denken, dass der Böseste unter uns zugleich der Unbesiegbarste war.“ Diese starke und kluge Heldin hat mich in vieler Hinsicht beeindruckt, wie sie klaglos leidet, was sie durchstehen muss, und wie sie ihre unerwünschte Rolle anerkennt, in der alle auf sie zählen. Die Bewunderung gilt nicht nur ihrem vorausschauendem Denken, sondern auch ihrer gesamten Entwicklung, die so bedacht und eindringlich geschildert wird, dass Shen Tao und den Übersetzerinnen Sybille Uplegger und Alicia Rein ein großes Lob gebührt.
Ich war gebannt, fand es sehr spannend und bin begeistert, weil diese Geschichte beweist, dass es nicht immer nach dem gleichen Schema ablaufen muss, es auch ohne großes Worldbuilding und schablonenhafte Charaktere funktioniert. Spicy wird es übrigens auch nicht. Das Ende ist grandios.
Ein Highlight voller Tragik, Schmerz, Leid, gnadenloser Machtspieler und einem Hauch Magie. Sehr empfehlenswert für alle, die Lust auf was anderes haben und die Brutalität nicht abschreckt.
Fokus Hochbeet – einfacher gehts kaum!
Hochbeet für Ahnungslose von Anja Klein; Véro (Veronika) Mischitz
Völlig ahnungslos, aber Lust auf eine leckere Ernte? Dann ist dieser Ratgeber der ideale Einstieg, weil er beweist, wie empfehlenswert und easy das Hochbeet für Anfänger ist. Hier geht es auch ausschließlich um das Hochbeet, keine überfordernden Auswahlmöglichkeiten und alles wichtige über das Bepflanzen, Pflegen und Ernten in einem Buch.
Viele Tipps und Infos, die man nicht mehr extra nachschlagen muss, und alles leicht verständlich in vielen bunten Illustrationen von Véro Mischitz, die nicht nur toll aussehen und den Spaß nicht zu kurz kommen lassen, sondern auch ein bisschen den Kopf entlasten, weil man nicht nur lesen muss und alles schnell erfassen kann. Das finde ich besonders motivierend und ansprechend.
Die vielen tolle DIY-Ideen, wie Erdmiete im Hochbeet oder eine selbstgebaute Rankhilfe, fand ich besonders interessant. Dabei wäre es perfekt gewesen, wenn eine Anleitung für den selbstgebauten Frühbeet-Aufsatz noch dabei gewesen wäre. Die detaillierte Einkaufsliste und DIY-Anleitung für das Holz-Hochbeet machen einen wunschlos glücklich. Damit kann man super planen, einkaufen und loslegen – ideal für alle, die es ganz genau brauchen. Einfacher gehts kaum! Anja Klein setzt dabei vor allem auf Holz, dabei fand ich die Stein-Variante auch interessant und hätte darüber gern noch mehr erfahren. Erste Inspirationen und konkrete Ideen bekommt man aber direkt und wird mit allem versorgt, was man wissen sollte.
Sehr empfehlenswert für Einsteiger, die sich eine kompetente und visuell ansprechende Beratung mit dem Fokus aufs Hochbeet wünschen, aber nicht mit Infos erschlagen werden wollen.











