Kunden em pfehlungen
Rezensionen von La Calavera Catrina:
Das lebensverändernde Studium der Schmetterlinge
Das Jahr der Schmetterlinge von Lea Korsgaard
In ihrem Buch «Das Jahr der Schmetterlinge» schreibt die dänische Journalistin, Autorin und Chefredakteurin Lea Korsgaard über ihren Vorsatz, in einem festgelegten Zeitraum die 64 heimischen Schmetterlingsarten zu finden und etwas über ihre Lebensräume und Geschichte zu lernen. Strukturiert ist das Buch von Januar bis August und es geht nicht nur um Schmetterlinge.
Es fließen auch andere Erfahrungen, Beobachtungen, Recherchen und aktuelle Bezüge ein, die sich für mich so anfühlten, als würde Lea Korsgaard weit abschweifen und sich von der mir erhofften Leichtigkeit entfernen. Das Buch ist also komplexer und anspruchsvoller als erwartet, weil Lea Korsgaard sich philosophisch und reflektiert zeigt – was mich, einmal darauf eingestellt, zunehmend angesprochen hat. „Er (mein Großvater) begriff, dass wir die Erkenntnis über die tiefsten Zusammenhänge unseres Daseins nicht in erster Linie aus Büchern, Worten und Ideen gewinnen, sondern aus allem Lebendigem.“
Es gibt eine besondere Verbindung ihrer Mutter zu Schmetterlingen. Es ist eine berührende Geschichte, die ins Frühjahr 1975 zurückgeht und einen Wendepunkt darstellte. Der Kleine Fuchs als Zeichen der Hoffnung. Das gehört zu den schönen Details des Buches, die ich besonders mochte. Außerdem fand ich die Begeisterung ansteckend, wenn Lea Korsgaard ihre Exkursionen plant und dann tatsächlich eine Schmetterlingsart sieht. Ihr Antrieb ist Wissensdurst, Neugier und sich mit der Natur zu verbinden. Es ist ein geistiges Sammeln, das sich auch in ihren schönen Illustrationen widerspiegelt, die im Buch zu finden sind. „Er erzählte mir, dass er bereits als junger Mann in den Siebzigerjahren mit dem Sammeln von Schmetterlingen aufgehört hätte. Er hätte festgestellt, dass es ihm größere Freude bereitete, die Tiere lebend und in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, als sie tot in einer Schachtel liegen zu sehen.“
Ein persönlich erzähltes Sachbuch für Naturinteressierte – nicht nur über das Studium der Insekten, sondern auch über das Leben als ein Wunder.
Mein erstes Mal mit dem Känguru
Die Känguru-Rebellion von Marc-Uwe Kling
Ich kannte das anarchistische Känguru und sein Mitbewohner bisher nur vom Hörensagen. Wenn man politische Satire mag, sind die Känguru-Chroniken offenbar Pflichtprogramm, leider kannte ich sie bisher nicht. Marc-Uwe Klings «Die Känguru-Rebellion» ist eine unverhoffte Fortsetzung in großer Rebellier-Mission und die offizielle Rückkehr des Känguru.
Das Hörbuch spielt, da gesprochen vom Autor, seine facettenreichen Stärken aus und macht doppelt Spaß, aber die absurden und tiefgründigen Dialoge in den kurzweiligen Geschichten sind so gut, dass es sich auch lohnt, das Buch zu lesen, weil man immer ein Päuschen für rebellische Haltung gegenüber politischen Missständen findet. Es wird gesödert, mit dem Skandale-sammel-Spahn und der KI abgerechnet und Mangojoghurt weggeputzt. Die satirischen Spitzen sind brandaktuell und werden dringend gebraucht, genauso wie die Freundschaft zwischen Marc-Uwe und dem Känguru. Komplexe Themen werden zugänglich gemacht und so fühlt man sich nicht nur informiert, sondern auch gesellschaftskritisch unterhalten, während man «von der Schwerkraft in Kombination mit der weltpolitischen Lage niedergedrückt» wird und einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
«Ab und zu erlaube ich mir fünf Sekunden Verzweiflung. Dann geht der Kampf weiter.»
Was bleibt, wenn das Leben vergeht?
Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén
«Ich denke darüber nach, warum die Dinge so gekommen sind»
Bo schwelgt in Erinnerungen, seit seine demente Frau im Pflegeheim lebt, nachdem sie ihn nicht mehr erkannt hat. Durch seine aufgeschriebenen Schilderungen an seine Frau erfährt man, wie schwer das Älterwerden mit den körperlichen Einschränkungen gegen Ende des achten Lebensjahrzehnts sein kann.
Bo kann keine Schraubgläser mehr öffnen, vergisst Dinge und kann durch sein schlechtes Gleichgewicht nicht täglich mit Sixten Gassi gehen. Er ist auf Hilfe angewiesen und deshalb kommt regelmäßig der Pflegedienst. Bo liebt seinen Hund sehr und ist wütend auf seinen Sohn Hans, der ihm Sixten wegnehmen will, da er den Bedürfnissen des Hundes nicht mehr gerecht werden kann. Bo hatte ein erfüllendes Familienleben, in dem häufig Hans zu den schönsten Erinnerungen gehört. Die Beziehung zu seinem Sohn, dem gegenüber er oft laut geworden ist und mit dem er eigentlich gern anderes umgegangen wäre, ist ihm wichtig und er möchte die Fehler seines tyrannischen Vaters nicht wiederholen.
Dazwischen gibt es kurze Notizen vom Pflegeperson, die als Information für die Pflegekräfte hinterlassen werden, wobei hier besonders Ingrid sich hervorhebt, da sie sich auch um Sixten kümmert und versteht, was der Verlust des Hundes für Bo bedeutet. Der Schreibstil ist unaufgeregt und lässt einen zur Ruhe kommen.
Es ist ein Roman über das Älterwerden – den körperlichen Verfall und die Entmündigung, die Bedeutung von Liebe und Verlust sowie die Frage, was bleibt, wenn das Leben vergeht. «Alle denken, sie könnten über mein Leben bestimmen – nur ich selbst darf es nicht.»
Berührend und tiefgründig weckt diese Geschichte Mitgefühl für Menschen im Alter und für diejenigen, die mit Verlust und Veränderung kämpfen. Der Roman zeigt, wie zerbrechlich das Leben ist und wie wichtig es ist, mit Würde und Respekt behandelt zu werden. Welche Spuren hinterlässt man und wie findet man Frieden? Dieses Buch ist wie stille Begleiter, der hilft, das Unvermeidliche anzunehmen und das Menschliche darin zu sehen. «Es ist verflucht noch eins nicht leicht, ein Mensch zu sein.»
Cozy Fantasy-Highlight mit Tiefe und Herz
The Faraway Inn von Sarah Beth Durst
Die etwa 17-jährige Calisa flieht mit gebrochenem Herzen aus Brooklyn nach Vermont zu ihrer Großtante, um möglichst weit von ihrem Ex-Freund entfernt zu sein. Mitten in der abgelegenen Wildnis steht ein in die Jahre gekommenes Gasthaus: das Faraway Inn. Alles ist ganz anders als erwartet. Unkraut, Straub, nötigte Reparaturen, wo man hinsieht.
Tante Zee ist mürrisch und abweisend, nur wenige seltsame Gäste besuchen das Inn und zwei strenge Regeln gelten: keine Fragen stellen und nicht ohne Erlaubnis Türen öffnen. Zum Glück ist da noch der gleichaltrige aufgeschlossene Jack, der Calisa zuhört, ihr hilft und eine ansteckende Freundlichkeit ausstrahlt. Trotzdem, kein herzlicher Empfang, aber eine stets warme und einladenden Atmosphäre, magische Geheimnisse und cozy Vibes, die ahnen lassen, was diesen Ort einmal so besonders gemacht hat. Die Geschichte richtete sich an eine jüngere Leserschaft, denen die Autorin Sarah Beth Durst einen Zufluchtsort schenken wollte, aber auch Erwachsene sind herzlich willkommen und werden sich angesprochen fühlen.
Calisa macht eine inspirierende Entwicklung durch und demonstriert Reife und Selbstbewusstsein. Tatkräftig ergreift sie Eigeninitiative, gibt nicht auf und beweist großen Mut. Ihr entgeht natürlich nicht, dass man versucht, etwas vor ihr zu verbergen und die seltsamen Begebenheiten kann sie sich auch irgendwann nicht mehr logisch erklären. Die Dialoge zwischen Calisa und Jack fühlen sich leicht und unbeschwert an, der Humor ist erfrischend und die Sympathie der beiden Hauptfiguren ist spürbar. Ihre zarte, romantische Zuneigung wirkt natürlich und unschuldig und beruht auf kleinen Gesten, Vertrauen sowie Unterstützung. Die magischen Elemente eröffnen eine faszinierende Welt voller Wunder und Möglichkeiten, sorgen für Witz, Charme und magische Gefühle. Da möchte ich gar nicht verraten, welche Highlights euch erwarten.
Die erste Hälfte ist richtig entschleunigend und es macht Spaß, gemeinsam mit Calisa die Geheimnisse zu enthüllen, Vertrauen aufzubauen und mehr zu erfahren. Sarah Beth Durst lässt eine raffinierte Spannung entstehen, die die behagliche magische Stimmung nicht beeinträchtigt. Selbst mit zunehmender Seitenanzahl wird es abwechslungsreicher, packend und herzerwärmend emotional, aber immer wieder kommt die cozy Stimmung durch und ich habe mich durchgehend mit den Figuren wohlgefühlt. Das macht die Botschaft, fernab von Magie und Abenteuern, zugänglich und ermutigt dazu, Mut zu fassen, innere Klarheit zu finden und Verantwortung zu übernehmen. Das Ende vermittelt ein Gefühl von Hoffnung und Zufriedenheit, und die Entwicklung der Handlung und all ihrer Charaktere wirkt dadurch sehr stimmig und rundum gelungen.
Wer es cozy, spannend und herzerwärmend mag, wird das Setting, die Vibes und die Charaktere lieben. Es wird alles harmonisch miteinander vereint. «The Faraway Inn - Wo Magie zu Hause ist» ist ein Ort zum Verweilen, Flüchten und Genießen für alle, die eine magische Wohlfühlgeschichte brauchen. Die liebevolle Aufmachung und der einzigartige Farbschitt machen diesen Schmöker zu einem Lieblingsbuch und tollen Geschenk. Uneingeschränkte Leseempfehlung für dieses Schmuckstück.
Episches Finale einer fantastischen Trilogie
Sepia 3: Sepia und der Fluch des Tintendrachen von Theresa Bell
Der Abschluss der Buchreihe «Sepia und der Fluch des Tintendrachen» sieht nicht nur umwerfend aus, sondern hat auch inhaltlich alles, was ein Finale braucht: Freunde, die zusammenhalten, um Flohall vor dem Untergang zu retten, und ein gefährliches Abenteuer in einer anderen Welt, was Spannung, Grusel und Abwechslung verspricht.
Die Handlung knüpft nahtlos an den zweiten Band an. Flohall ist kaum noch wiederzuerkennen. Seit sechs Wochen liegt die Stadt in einem ewig grauen Nebel aus Kälte und Feuchtigkeit, der beängstigend lebendig Stille, Angst und Trostlosigkeit für die Bewohner bedeutet. Wie können Sepia und ihre Freunde Flohall nur von diesem Fluch befreien, der den Untergang der Stadt bedeutet?
Die Zeit läuft ihnen davon, denn der Nebel breitet sich immer weiter aus. Man spürt die Verzweiflung und den Zeitdruck. Die Lehrmeister verfolgen einen Plan mit Tintenmagie, aber Sepia, Niki und Sanzio haben eine andere Idee, die sie zu einem Rätsel führt, das mit Sanzios Familie verknüpft ist und sie in eine andere Welt führt, wenn sie die Rätsel lösen. Entschlossen kämpfen die Drei um ihr Überleben und die Zukunft Flohalls. Dabei treffen sie bekannte und neue Verbündete und Gegenspieler. Besonders Tintillus sticht hier hervor, der mit seinen humorvollen Spitzen wie ein Verschnaufer in der bedrohlichen Stimmung wirkt.
Wer befürchtet, es könnte zu düster und gruselig werden, kann beruhigt sein. Es gibt auch Lichtblicke und atmosphärische Wohlfühlmomente mit Zimtmilch und Kirschtee, die ein Gefühl der Hoffnung schenken, sowie Zeit in Flohall – einer Stadt am Meer, die sich ein Stück nach Zuhause anfühlt. Mit zunehmender Seitenzahl wird es jedoch immer aufregender, spannend und die dichte Atmosphäre ist erfüllt mit zunehmender Eile, Beklemmung und mutiger Zielstrebigkeit. Wer die Rätsel und Andeutungen in den anderen Büchern mochte, kann sich auf noch mehr davon freuen – inklusive einer clever ausgeklügelten Auflösung mit Überraschungseffekt.
«Sepia und der Fluch des Tintendrachen» hat mich von der ersten Seite an sofort wieder in seinen Bann gezogen. Das Finale setzt nochmal einen oben drauf, ist voller gut dosierter Ideen, Fantasie, Freundschaft, bewegender Momente und fesselnder Spannung, weshalb man gar nicht aufhören kann, zu lesen. In vielen Details spiegelt sich das übergreifende Thema des Schreibens, Tinte und Buchdruck wider, das sich durch alle Bücher zieht. Mir hat das sehr gefallen, und ich kann die gesamte Reihe mit diesem würdigen Abschluss von Herzen empfehlen – optisch und inhaltlich magisch großartig und für kleine und auch große Fantasyfans geeignet.
Unerklärlich, düster, verwirrend
Die Geister von La Spezia von Oliver Plaschka
Anfang des 19. Jahrhunderts in Italien trauert eine Frau um ihren Mann, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, der im Golf von La Spezia verunglückt sein soll. Die visionäre Spezialagentin Pat Colombari soll klären, ob es sich tatsächlich um einen Unfall handelt und nutzt dafür die Kunst der Erinnerungsreisen.
Was erstmal seltsam klingt, ist eine technologische Möglichkeit in das Bewusstsein historischer Persönlichkeiten einzudringen. Das ermöglicht eine eindringliche Reise in die Vergangenheit, in der Mary Shelley, die Schöpferin von Victor Frankenstein, auf die Suche nach den Geistern ihrer Vergangenheit geht. Im Umfeld ihres Mannes spielt auch der rebellische Lord Byron, als bedeutender englischen Lyriker (und sein unheimlicher Keller), eine Rolle. Kann Mary mit Pat die Umstände des Schiffsunglücks aufklären?
Der Autor Oliver Plaschka vermischt wahre Begebenheit, historische Persönlichkeiten und Orte mit einer eindringlichen Fantasievorstellung, die mit unheimlicher Atmosphäre präsentiert wird. Geschrieben ist das Buch sehr bildhaft, weshalb man auf seine Kosten kommt, wenn man es liebt, sich zu gruseln. In vielen Aspekten außergewöhnlich, aber auch unnötig kompliziert und ich habe mich mit der Sprunghaftigkeit schwer getan. Grund könnten die häufigen Wechsel zwischen den Handlungsebenen gewesen sein, da keine klare Abgrenzung erfolgt. Stellenweise war es mir auch zu langatmig, weil kein klarer Handlungsbogen erkennbar war, auch wenn es stets ungewöhnlich und frisch bleibt. Das hat bei mir für einen Dämpfer gesorgt, obwohl ich die Mischung aus Mystery und historischem Kontext mochte. Trotzdem würde ich von dem Buch nicht abraten, besonders, wenn man neugierig auf das Erinnerungsreisen ist und etwas Außergewöhnliches sucht.
Misstrauen, Verrat und Lügen
Das Signal von Ursula Poznanski
Die 36-jährige Viola verliert bei einem Kellereinsturz ein Bein. Sie hat keine klaren Erinnerungen, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Ihr berühmter Ehemann Adam kümmert sich augenscheinlich liebevoll um sie, doch von der wortkargen Pflegerin fühlt sich Viola überwacht und Adam benimmt sich verdächtig.
Viola zeigt sich kämpferisch und wird aktiv: nutzt zur Verfolgung heimlich angebrachte Minitracks. Dabei deckt sie schmerzhafte Vertrauensbrüche auf, während sie das Machtspiel ihres Mannes mitspielt und klar wird, auch sie hat ein Geheimnis, dass Adam offenbar um jeden Preis lüften will.
«Adam und ich, wir sind Geschichte. Allerdings wird er das erst in dem Moment erfahren, in dem ich seine Existenz zerstöre.»
Die Handlung spielt hauptsächlich im häuslichen Untergeschoss des alten Hauses und konzentriert sich auf Viola, die aus ausschließlich aus ihrem Blickwinkel erzählt, und den psychologischen Konflikt mit ihrem Mann, der oft verreist und sie darüber anlügt, was er wirklich tut. Warum? So behält Viola den Wolf, der Emoji, den sie Adam zugeordnet hat, Schildkröte, Spinne usw. im Blick und hat gegenüber den anderen Personen einen Informationsvorsprung, denn niemand weiß von den gut versteckten Minitracks. Ein technologischer Vorteile, der Spannung erzeugt.
Bei all dem Misstrauen, Geheimnissen und Lügen ist der Nachbarjunge Benno ein echter Lichtblick an liebenswürdiger Ehrlichkeit. Er erzählt Viola von dem grünen Mann, der um das Haus schleicht und baut ihr einen Schneemann, damit sie sich freut, wenn sie aus dem Fenster sieht. Alles wirkt intensiv und emotional, düster und konzentriert sich auf die sozialen Beziehungen in Violas Leben. Die Spannung entsteht durch den beschränkten Wissensstand der Ich-Perspektive, die sich ganz allein zwischen Wahrheit und Wahnsinn befindet, und der Ungewissheit, ob Viola der dunklen Seite durch ihr Handicap nicht doch hilflos ausgeliefert ist. Ein spannender Technologie-Thriller im Domestic Noir Stil, der mich fesseln konnte und einen hohen Unterhaltungswert besitzt.
Wunderschön magisch, tiefgreifend und einzigartig
Flora Magica (Band 3) - Die Macht der Weltenweide von Vanessa Walder
«Die Macht der Weltenweide» ist wirklich eine besondere Geschichte, die in ihrer Tragweite ein würdiges Finale der «Flora Magica»-Reihe darstellt, das mich noch länger begleiten wird und der Autorin Vanessa Walder besonders am Herzen liegt.
Im dritten Band «Flora Magica - Die Macht der Weltenweide» erwarten euch traumhaft nächtliche Momente, eine Reise nach London, ein riskantes Vorhaben zum Mitfiebern und eine schwere Entscheidung, die alle an ihre Grenzen bringt.
Die 12-jährigen Cunabula-Zwillinge Avia, Zacharias, Sol und Tierra genießen die Sommertage in den alten Ländereien, aber neben Marmeladenduft, Badespaß und der Magie dieses einzigartigen Ortes, sind die Nächte unruhig. Seltsame Träume suchen die Urenkel von Flora heim, die sich im Nebel des Vergessens auflösen, während Sukkulente und Gedankenfresser Nox besorgniserregende Aussetzer hat. Großes Highlight ist der Besuch von Gabriela, Mutter der Zwillinge Sol und Tierra, die aus Mexiko angereist ist. Gabriela hat eine unheilbare Erkrankung und ihre Kinder sehen eine Möglichkeit, sie mit einem magischen Samen zu heilen, an dem jedoch auch Interesse haben.
Ich fand es schön, dass wir Oma Herba noch ein bisschen besser kennenlernen, nach London reisen und einem weiteren Teil des Netzwerks der Nachtschatten begegnen, die sich der Erforschung und dem Erhalt magischer Pflanzen gewidmet haben. Die Zwillingspaare haben sich würdig gezeigt und müssen sich nun verantwortungsbewusst mit ihrer Bestimmung auseinandersetzten. Ihre vielschichtigen, klugen und ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten ergänzen sich, aber zeigen auch auf, wie schwierig es sein kann, sich einig zu werden. Ich liebe die naturverbundene und magische Atmosphäre diese Reihe. Man weiß nie so genau, was einen erwartet – mit dem Ende hätte ich jedenfalls nicht gerechnet und die Illustration dazu, hat mich tief berührt. Ein außergewöhnliches Detail ist die Nachaktivität der magischen Pflanzen, die sich vom Mondlicht ernähren. Im Kapitel «Im Mondlicht» gibt es eine wunderschöne Illustration auf der Avia und die Japanische Fächerohren-Orchidee zu sehen sind, die mir lebendig in Erinnerung geblieben ist. Das sind nur ein paar bleibende Eindrücke, dieser ganz besonderen Buchreise.
Es sind auch wieder all die gestalterischen Feinheiten dabei, die diese Reihe so liebenswert machen: traumhaft seitenfüllende Schwarz-Weiß-Illustrationen und zahlreiche Pflanzen-Verzierungen der Künstlerin Marie Beschorner, die es großartig versteht, Emotionen zu wecken. Außerdem wieder ein Inhaltsverzeichnis, Kapitelüberschriften mit einem anregendem Zitat, hervorgehobene schwarze Seiten, ein Vor- und Nachsatz, auf dem die wichtigsten Figuren zu finden sind, und am Ende der Kapitel ein Auszug aus dem Buch „Magische Pflanzen und ihre Geheimnisse“, die ganz unterschiedlich, aber immer aufschlussreich und nützlich – mitunter auch berührend und aufrüttelnd sind. Vanessa Walder schreibt klar, lebendig und einfühlsam, wobei sie es schafft, wichtigen Themen ausgewogen Raum zu geben, ohne dass es belanglos oder klischeehaft wird.
Das macht «Die Macht der Weltenweide» zu einer atmosphärisch dichten Fantasyfinale, das neugierig macht und mit vielfältigen Figuren, deren wunderbaren Fähigkeiten und der magischen Kraft der Pflanzen begeistert. Es gibt wichtige Themen, die ganz tief gehen und wertvolle Erkenntnisse des Lebens. Meinetwegen hätte es eine ganze Serie dazu geben dürfen, denn eigentlich fangen die Abenteuer der Cunabula-Zwillinge jetzt erst richtig an.
Großartige Leseüberraschung
Alle glücklich von Kira Mohn
Kira Mohn schreibt in «Alle glücklich» über eine vierköpfige Familie, in der sich mit den Jahren irgendwas verändert hat. Das Gefühl, zusammenzugehören, ist vorbei. Für die 43-jährige Nina ist es schwierig geworden, stillschweigend ihre Rollen als arbeitende Mutter, Haushälterin und Ehefrau auszufüllen.
Immer wieder kommt es zum Streit mit ihrem Mann, der weder ihre unsichtbaren Handlungen wertschätzt, noch sie selbst. «Alles, was sie wollte, war Ruhe, Frieden und ein bisschen Aufmerksamkeit von Seiten ihres Mannes.» Ihr Mann Alexander sieht sich als Lebensgrundlagenversorger der Familie und fühlt sich dabei in seinen Bedürfnissen als Mann zurückgewiesen. Die 16-jährige Emilia ist zum ersten Mal mit einen Jungen zusammen und ihr 20-jähriger Bruder Ben bewegt sich kaum aus seinem Zimmer heraus. Für alle vier Familienmitglieder verändert sich etwas und es spitzt sich immer weiter zu: Nina freundet sich mit einer Kollegin an und kümmert sich mehr um sich selbst. Alex wird eifersüchtig und wütend. Nach einer Party ändert sich für Emilia alles und sie gibt sich selbst die Schuld. Ben möchte selbstbewusster werden und endlich herausfinden, was er will. Dabei stößt er auf Videos von Adrian, der ihn mit Selbstdisziplin vom Loser zum Löwen machen will. Wird er sich jetzt endlich trauen, seinen heimlichen Schwarm an der Uni anzusprechen?
Es ist spannend, mitzuverfolgen, was den Vier widerfährt, und wie sie damit umgehen. Statt Mitgefühl, Verständnis und Zusammenhalt kommt es zum Machtmissbrauch, zu falschen Annahmen, Einsamkeit und Verzweiflung. Die Figurenentwicklung ist dabei ganz unterschiedlich. Während der Frauen daran zu wachsen scheinen, sind die Männer in ihrer Opferrolle gefangen und kommen dabei nicht gut weg. «Mussten sie sich eigentlich von jedem Mann in ihrer Umgebung ständig abkanzeln lassen?» Ob das abgespeckte Alpha-Gerede von Adrian, Julians Verhalten, Anastasias Ex oder Ninas Erfahrungen als Verkäuferin. Lediglich Ben hat Respekt vor Frauen und versucht für seine Schwester da zu sein. Die Szene, in der sie gemeinsam einen Film gucken, den ich auch noch selbst gern mag, war einfach schön. Ein kleines bisschen Harmonie in der Familie. Beim Lesen wollte ich beide in den Arm nehmen, bei all dem, was ihnen passiert. Die Eltern sind mit sich selbst beschäftigt und nicht für sie da. Mich hat der Roman auch nach dem Ende nicht ganz losgelassen und es gibt ein paar Punkte, über die man in den Austausch kommen kann – die zum Selbstausfüllen einladen. Kira Mohn deutet nur an und lässt der eigenen Vorstellungskraft Raum. Dazu kommt ein flüssiger und leicht zugänglicher Schreibstil, eine unterschwellige Spannung und eine stille Atmosphäre, obwohl es um tiefgreifende und aufreibende Themen geht. Eine unerwartete und großartige Leseüberraschung für mich, die ich nur empfehlen kann!
Selbstfindung in der ostdeutschen Provinz
Statt aus dem Fenster zu schauen von Anna Katharina Scheidemantel
Aus einem Impuls heraus kauft Sophie ein verfallenes Haus in der ostdeutschen Provinz. Das Do-it-Yourself-Projekt stellt sie vor Herausforderungen, gibt ihr aber auch Zeit, herauszufinden, was ihr wirklich wichtig ist - allein und ohne Fremdeinfluss.
Mit der Botschaft, dass man nicht alles auf einmal entscheiden muss und sich oft auch erstmal ausprobieren kann, erzählt die Autorin Anna Katharina Scheidemantel eine Coming-of-Age-Story einer jungen Frau, die auf der Suche nach Klarheit, Heilung und Sinnhaftigkeit ist.
Sophie macht als Selbstversorgerin alles selbst, ob Garten, Nutztiere oder Renovierung, und lernt viel über die Natur, das Landleben und sich selbst. Anna Katharina Scheidemantel erzählt vom wachsendem Selbstbewusstsein, aber auch von Misserfolgen, Pech und Selbstzweifeln. Sophies Freunde und Bekannte bieten immer wieder einen Ausbruch aus diesem Prozess und zeigen ihr andere Blickwinkel auf. Man kann sich gut in Sophie hineinversetzten und vieles, mit dem sie sich auseinander setzt, war mir vertraut. Das Gefühl der Freiheit, das weit mehr ist als nur eine Auszeit, und die Frage, wie es weitergehen soll. Ihre Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse, gepaart mit einem ironischen Ton und einem locker-flockige Schreibstil, haben mir gut gefallen.
Mit dem Ende war ich sehr zufrieden und blicke auf ein tiefgreifendes Leseerlebnis zurück, was mich runtergeholt und Sophie näher gebracht hat. Es werden interessante Fragen aufgeworfen, die zur Selbstreflexion einladen, wenn man möchte. Es ist aber auch ein einfühlsam geschriebenes Buch, das sich in seiner Gesamtheit sehr stimmig, klar positioniert und sorgfältig ausgearbeitet anfühlt. Deshalb und aufgrund der relevanten gesellschaftlichen Themen würde ich es uneingeschränkt weiterempfehlen.











