Kunden em pfehlungen
Rezensionen von La Calavera Catrina:
Spürbar erdrückend
Glück von Jackie Thomae
Marie-Claire verzaubert mit ihrer Stimme im Radio und ihr Kinderwunsch ist unermesslich groß. So sehr, dass sich ihr Leben wie eine einzige Lehrstelle anfühlt. Als sie eines morgens aufwacht, fühlt sich sich dennoch wohl in ihrer Haut - wie eine Fruchtbarkeitsgöttin, die allen Männern, die mit ihr zusammen waren, mit der späteren Partnerin eine Vaterschaft bescherte.
Die Senatorin Anahita, die sich akribisch auf Interviews vorbereitet und sich sich als kinderloser Single vor der Frage über die Familie fürchtet. Es sagt niemand etwas dazu, aber die Gedanken lassen Anahita nicht zur Ruhe kommen.
Der Druck, der auf diesen Frauen lastet, ist beim Lesen spürbar erdrückend. Sie hinterfragen sich in Dauerschleife, während das zermürbende Gedankenkarussel um Kinderwunsch, fehlender Familie, dem Älter werden, Perfektion oder dem Hadern mit den eigenen Entscheidungen und dem Selbstwert niemals stillzustehen scheint. Bei Marie-Claire gab es Momente, da musste ich schmunzeln, aber insgesamt blieben mir die Figuren fremd. Es fand schier keine Entwicklung statt. Viele Ansätze haben durchaus ihre Berechtigung und waren interessant, während der Schreibstil hochwertig durch das Buch führt, aber ich wurde nicht mitgerissen und empfand den Roman ermüdend langatmig.
Der Pirat und die Bienenzüchterin
In den Farben des Dunkels von Chris Whitaker
«In den Farben des Dunkels» erzählt die Geschichte von Patch und Saint, deren Leben auf unterschiedliche Weise von dem schicksalshaften Entführungsfall 1975 für drei Jahrzehnte bestimmt wurde.
Die Figuren sind besonders: der zu Beginn 13-jährigen Piratenjunge Patch mit seiner Augenklappe und seine beste Freundin Saint, die bei ihrer Großmutter wohnt und Bienen züchtet.
Patch rettet heldenhaft seine heimliche Liebe vor einem grauenvollen Schicksal und wird von dem Mann entführt, der nicht bekommen hat, was er wollte. Saint gibt nicht auf, geht jeder Spur nach, um ihren Piratenjungen zu finden und rettet ihn, aber er kommt verändert wieder und entfernt sich aus ihrem Leben. Patch ist für die nächsten Jahre auf der Suche nach den vermissten Mädchen, während Saint den Serientäter jagt. Daneben spielt sich das Leben ab, sie werden erwachsen und es gibt immer wieder Überschneidungen und überraschende Wendungen. Für Saint ist Patch ihre große Liebe, aber eine romantische Geschichte ist das nicht. Chris Whitaker schreibt mitreißend, aufwühlend und schmucklos. Er verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten und unterhält auf eine kluge Weise, die genügend Interpretationsraum lässt. Die Charaktere bleiben dabei immer ein wenig distanziert. Für mich sind der Anfang und das Ende am stärksten. Zum Schluss blickt man nochmal anders auf die Geschichte zurück. Die Verbrechen sind eine interessante Prämisse, die Spannung aufbaut und zeigt, wie einschneidend das Unausweichliche sein kann. Ein überraschend vielschichtiger Roman, der intensiv mitfühlen lässt und mir in Erinnerung bleiben wird.
Ein Neuanfang in verrückten Zeiten
Mitternachtsschwimmer von Roisin Maguire
Ballybrady heißt das malerische Dorf, indem sich der Fotograf Evan neu sortieren will. Eine Ehekrise, Selbsthass und die Trauer, um seine verstorbene Tochter, haben ihn aus der Bahn geworfen und an die irische Küste gespült. Aus einer kleinen Auszeit wird durch den Lockdown eine Bewährungsprobe, die neue Erfahrungen und Verbindungen bereithält, die nur eins bedeuten können: Veränderung.
Grace ist die spannendste Figur. Sie ist eigen und schroff. Es gibt so einiges, was sie aufregt. Sogar ihr hässlicher Hund kann es ihr nicht recht machen. Die vielen Touristen schon gar nicht. Als Vermieterin von Evans begegnet sie ihm mit ablehnender Skepsis, und zieht es vor, in Ruhe zu beobachten.
Erzählt wird der Roman aus diesen zwei Perspektiven. Als der achtjährige, taube Luca seinen Vater besucht, kommt mehr hoffnungsvoller Schwung in die Handlung, die auch von Liebe und Freundschaft erzählt. Der atmosphärische Schreibstil ist ruhig und schlicht. Jedoch wird es im Verlauf auch mal richtig spannend. Es waren aber besonders die Charaktere und ihre Entwicklung, die mich unterhalten konnten. Ingesamt war es eine berührende Geschichte über schicksalshafte Begegnungen, in der es auch darum geht, den Mut zu haben, man selbst zu sein.
Für alle, die unwissend einsteigen wollen
VIEWS von Marc-Uwe Kling
Die 16-jährige Lena Palmer wird vermisst und ein schockierendes Video mit ihr geht viral. BKA-Hauptkommissarin Yadira Saad ermittelt in dem Fall und durch ihre Sichtweise erleben wir «Views». „Der Fall ist explosiv“ und Yadira und ihr Team wollen Lena möglichst schnell finden. Ich möchte gar nicht viel von der Handlung oder den Themen verraten, genauso wie das Cover und die kurze Anmerkung, statt eines Klappentextes, dazu einlädt, unwissend einzusteigen.
Nur so viel… Der erste Thriller von Marc-Uwe Kling hat natürlich den gewohnten Anstrich: gesellschaftskritisch-bissiger Humor und politisch brisant. Wer das mag, aber sonst keine Thriller liest, sollte trotzdem einen Versuch wagen, denn es ist eher ein „brisanter und hochspannender Gegenwartsroman“. Die vorkommenden Themen sind hochaktuell, weshalb es erschreckend realistisch wirkt und einen unangenehmen Ausblick gewährt. Das erzeugt eine bedrückende und ernste Stimmung, die anhält. Dazu der gewohnt mitreißende Schreibstil, gespickt mit treffsicheren Worten. „Ist nicht jeder nur ein Haufen mit Panzertape umwickelter Widersprüche?“ Insgesamt war es mir ein bisschen zu konstruiert. Das abrupte Ende ließ mich hängen, auch wenn es als Stilmittel seine Berechtigung hat. Nicht perfekt, aber die Gesellschaftskritik bietet explosiven Gesprächsstoff, an dem gerade keiner vorbeikommt. 3,5 Sterne
Ungewöhnlicher und geheimnisvoller Genre-Mix
Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland von Sarah Brooks
Sarah Brooks hat einen geheimnisvollen und atmosphärischen Roman in sieben Teilen vorgelegt, der sich nicht auf ein Genre festlegen lässt, aber mit fortschreitender Handlung immer fantasievoller wird. Erzählt wird von einer Zugreise von Peking nach Moskau durch das mystische Ödland. Unter den geheimnisvollen Fahrgästen ist eine Frau unter falschem Namen, die vorgibt eine trauernde Witwe zu sein, während Crewmitglied und Zugkind Weiwei die blinde Passagierin Elena entdeckt.
Im Zug lauern unruhige Träume, die Krähen und die Angst vor dem Ödlandweh, während der Zug durch die unerforschte Landschaft fährt, vor der es sich zu fürchten gilt.
Ein ungewöhnliches Buch, welches Interpretationsspielraum lässt, mit der mysteriösen und spannenden Handlung zu packen weiß und allmählich die Motive der Charaktere offenlegt. Es ist eine sehr lebhafte Geschichte mit Kraft und Komplexität, die immer faszinierender wird, während das Setting die unheimliche Stimmung bietet. Lediglich mit einigen Längen und fehlenden Erklärungen kann ich mich nicht ganz anfreunden.
Glamourwelt Hollywood
Eve von Amor Towles
Miss Evelyn Ross ist eine geschickte, kluge und geheimnisvolle Frau mit einer auffälligen Narbe im Gesicht, die mit dem Zug von New York nach Los Angeles reist. Auf der Reise trifft sie einen pensionierten Polizisten und in Hollywood viele unterschiedliche Persönlichkeiten, wie einen angehenden Stuntman und auch Olivia de Havilland, die eine Rolle in „Vom Winde verseht“ bekommen soll.
Es ist ein Roman über das glamouröse Hollywood der 30er Jahre, der dokumentarisch einen Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie wirft und eine Frau, die für Aufsehen sorgt. Es kommen viele Figuren vor, die auch ihren Raum erhalten, während sich die Zusammenhänge nach und nach offenbaren. Der Schreibstil von Amor Towles hat mir sehr gefallen, weil man sich gut in die Zeit versetzten kann, und er schafft es hervorragend, die Figuren einzubinden. Raffiniert zieht Towles die Strippen und man weiß nie, was davon wirklich historisch wahr sein könnte. Der zweite Teil nimmt dabei an Spannung zu und führt zu einem wendungsreichen Ende.
Leider bliebt Eve als Hauptfigur sehr blass, da der Erzählstil aus mehreren unzusammenhängenden Episoden besteht und nicht etwas aus der Sicht von Eve erzählt wird. Man erfährt kaum etwas über ihre Motive, was interessant gewesen wäre, denn ihre Entscheidungen sind oft unkonventionell und mutig. Es ist insgesamt eine kurzweilige Lektüre mit einem einnehmenden Setting mit Hollywood Nostalgie.
Interessante Einblicke
Der Raum dazwischen von Catherin Seib
Pferde faszinieren mich und mit einer allgemeinen Leidenschaft für Tiere, habe ich mir interessant Einblicke erhofft, ohne das ich große Erwartungen an das Buch hatte. Catherin Seib erzählt sehr angenehm und authentisch von ihren langjährigen Erfahrungen mit Pferden und der Tierkommunikation und vertrauten Verbindung.
Dabei geht es auch um ihr Pferd Milan, das letztes Jahr verstorben ist, und dem das Buch gewidmet ist. Die Autorin hat mich vor allem mit den persönlichen Schicksalen sehr berührt und auch gefesselt. Die Schilderungen sind emotional und waren durchaus lehrreich. Besonders ihre Gedanken zu Tod und Sterben nehmen viel Raum ein und sind aufschlussreich. Ich fand die beschriebe Verbindung interessant, besonders die geschilderten „Gespräche“ und Gedanken dazu. Ich kann verstehen, wem das zu esoterisch ist, aber es bietet besondere Einblicke, wenn man offen und neugierig bleibt.
Überraschend, fesselnd, fantastisch
Feuerjagd von Tana French
Als der Vater der 15-jährige Trey in das dörfliche Ardnakelty in Irland zurückkehrt, bringt er Unruhe und große finanzielle Pläne mit, die nichts Gutes befürchten lassen. Die vielschichtigen Figuren sind lebendig beschrieben, wirken lebensnah und haben einige Herausforderungen zu bewältigen, die schwierig zu durchschauen sind, was zur Spannung beigetragen hat.
Tana Frenchs Direktheit und kritische Kraft in allem, was nicht gesagt wird, ist bemerkenswert. Langsam entfaltet sich eine fesselnde Geschichte, die stetig ihr Tempo erhöht. Die Sogkraft war gewaltig und es wird sich nicht mit unnötigen Nebensächlichkeiten abgegeben. Zum anderen ist da das passende Setting eines nicht idyllischen Ortes mit einer beklemmenden Atmosphäre. Es war ein unvorhersehbares Lesevergnügen, und ein großartiger Krimi, der mich überraschen konnte und auf ganzer Linie überzeugt hat.
Poetisch und philosophisch
Die Unvollkommenheit des Glücks von Clara Maria Bagus
„Man kann sich nicht aussuchen, wen man liebt. Und wen man liebt, verändert alles.“
Es ist die Magie eines kurzen Augenblicks und ein einziger Kuss, der Ana und Lew in Erinnerung bleibt, nachdem sich ihre Wege wieder trennten. Abwechseln erzählt Clara Maria Bagus die Geschichte von zwei Menschen, deren Schicksal verbunden ist.
Die 42-jährigen Ana, eine destruktive Beziehung hinter sich, die ein ausgeprägtes Innenleben und eine depressive Schwere, das moderne Leben auszuhalten, von ihren Mitmenschen abgrenzt. Der 45-jährige Lew ist freiheitsliebend und unabhängig. Er zieht mit brennender Begeisterung in den Krieg und misst der düsteren Prophezeiung seiner Mutter keine Bedeutung bei, denn er muss es mit eigenen Augen sehen, um zu begreifen, das der Triumph des Krieges, „die Opfer nie rechtfertigen kann.“
Clara Maria Bagus schreibt von falschen Entscheidungen und Tiefschlägen und wie es gelingt, sich trotz aller Widerstände und Sackgassen ein neues Leben zu erschaffen, denn das Glück ist unvollkommen. Bagus versteht es, viele philosophische Gedankenanregungen poetisch und philosophisch einfließen zu lassen. Sei es der Sinn des Lebens, deren Lehrstelle die Religion einst füllte, oder das Hadern mit sich und der Welt. „Erst muss sie herausfinden, wer sie ist, was sie ausmacht, was sie will und was nicht. Nur dann kann sie ihren Platz finden.“ Manchmal ist das Buch schwermütig, die Beschreibungen des Krieges grausam, während sich die tieferen Details schärfen. Es lässt sich nicht vorhersehen, wie und ob Ana und Lew sich wiedersehen werden. Aber dieser Roman nimmt eine besondere Wendung, die spannend und mitreißend beschrieben wird und das Herz wärmt.
„Ein gutes Buch ist wie ein Gewand, das aus einem Stück Stoff des Universums für seine Leser gefertigt worden ist. In das man sich einhüllen und an dem man sich wärmen kann.“
Ungewöhnliche Entdeckung im Gerne
Verbrannte Gnade von Margot Douaihy
Schwester Holiday ist eine ungewöhnliche Nonne, mit einem komplizierten Verhältnis zu Gott. Die kettenrauchende Musiklehrerin, die gern Punkrock hört, polarisiert mit ihrem Aussehen und ihrer sexuellen Gesinnung. Sie ist willensstark, arrogant und einfach knallhart. Ich bin froh, dass die Geschichte aus ihrer Perspektive erzählt wird, denn für mich ist sie der ausschlaggebende Grund, in dieses Buch einzutauchen.
Ihre detektivischen Fähigkeiten sind gefragt, als sie mitansieht, wie der Hausmeister Jack bei einem Band ums Leben kommt und zwei Schüler verletzt werden, und sie herausfinden will, wer das Feuer gelegt hat. Dabei bleibt es nicht bei einem Verbrechen und schließlich gerät Schwester Holiday selbst ins Fadenkreuz der polizeilichen Ermittlungen. Der Auftakt dieser Reihe besteht auch aus vielen kurzen Rückblenden, die mehr über die bewegende Vergangenheit der Hauptfigur verraten. Was die Krimispannung im ersten Moment schmälert, verleiht der Figurenentwicklung mehr Authentizität und Tiefe, und es bleibt nicht bei einer unterhaltsamen Figur, wie die Ermittlerin Maggie Riveux beweist.
Insgesamt mochte ich die abwechslungsreiche und ungewöhnliche Art der wendungsreichen Geschichte, ganz besonders die poetischen Momente, die nicht ausbleiben, wenn es um eine Nonne geht und sich die Handlung in einem Kloster abspielt. Es gab kein Wort zu viel, keine unnötige Füllmenge und mit der Seitenzahl erhöht sich auch das Tempo und die Spannung. Ein düsteres Debüt mit einzigartiger Heldin und packendem Fall in New Orleans, welches mich sehr überraschen konnte.











