Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Ein Buch zum Hineinfallen
Für Polina von Takis Würger
Die Geschichte über Hannes und Polina ist genau die richtige, wenn es am Wochenende draußen regnet und am Sofa so gemütlich ist, um in deren Leben abzutauchen.
Die beiden alleinerziehenden Mütter Fritzi und Güneş bringen ihre Kinder Hannes und Polina zum selben Zeitpunkt im Krankenhaus zur Welt.
Von da an werden die beiden Kinder lebenslang miteinander verbunden sein.
Fritzi möchte dem Vater, einem One-Night-Stand im Urlaub, nichts von seinem Sohn Hannes erzählen, sie will es alleine schaffen. Sie zieht mit Hannes in die Moorvilla zum alten Heinrich, der Geld braucht und jemanden zur Untermiete sucht. Hannes ist anders als andere Kinder: ruhig, verträumt und er hat Musik im Ohr. Später lernt er auf einem alten Klavier, dass in der Villa steht, das Klavierspielen und komponiert ein Lied für Polina, die er seit Kindertagen liebt.
Polina ist aufgeweckt und beschützt Hannes – bis eines Tages eine kleine Lüge ihre Wege trennt. Hannes hört darauf die Musik im Ohr nicht mehr und gibt auch das Klavierspielen auf.
Eine großartige Geschichte über Liebe, Missverständnisse, Freundschaft und Tod. Alle Protagonist*innen haben im Roman ihren richtigen Platz und tragen hervorragend zum Gelingen der Erzählung bei. Ich bin so richtig in den Roman reingekippt.
Es war ein herrliches Leseerlebnis.
Nur eine kleine Kritik möchte ich anmerken: Manche Stellen gegen Ende waren mir ein bisschen zu dick aufgetragen, etwas zu übertrieben. Das hätte die schön erzählte Geschichte nicht gebraucht.
Das müssen bitte unbedingt alle lesen!
Die Frau als Mensch von Ulli Lust
Was für eine großartige und wichtige Graphic Novel.
Ulli Lust versucht das althergebrachte Wissen über die Rolle der Frauen in der Steinzeit in neues Licht zu rücken und belegt dies auch wissenschaftlich.
Da seit jeher nur Männer bei Ausgrabungen anwesend waren und diese versuchten die Funde in einen historischen Kontext zu stellen, ging damit automatisch einher, dass die damals tradierten Rollenbilder mit in die Interpretationen der Funde einflossen.
Erst in jüngster Zeit, seit Frauen archäologische Funde wissenschaftlich auswerten, aber auch durch möglich gewordene DNA-Analysen, muss die Rolle der Frauen in der Steinzeit neu beurteilt werden.
Sehr interessant fand ich, dass aus der Zeit der Venus von Willendorf, also vor ca 30 000 Jahren, jede Menge solcher Frauenstatuetten mit ähnlichen Merkmalen gefunden wurden, jedoch keine vergleichbaren Männerfiguren – und dies auf der ganzen Welt. Auch wird mit dem Mythos aufgeräumt, dass Frauen sich nicht an der Jagd beteiligten oder in der Gemeinschaft eine untergeordnete Rolle spielten – so war das damals nicht, also liegen Fehlinterpretationen vor. Alle mussten damals schon gleichberechtigt für das gemeinsame Überleben sorgen. Ulli Lust nimmt auch andere Nomadenvölker auf der ganzen Welt unter die Lupe und kommt zur gleichen Erkenntnis.
Scham ist eine Erfindung der Neuzeit, auch das tritt bei genauem Hinschauen ganz klar zu Tage. Es ist ein weiterer Mythos, dass Frauen während der Menstruation zur Strafe in sogenannte Mensturationshütten verstoßen wurden. Frauen gingen in diese Hütten zur Erholung und Meditation. Die erste Menstruation, die bei Mädchen gefeiert wurde, war weder schmutzig noch ekelig – sie war jedoch überlebenswichtig für Stämme und Gemeinschaften.
Ich könnte hier noch viele solcher Irrtümer aufzählen, die von der Wissenschaft mittlerweile belegt sind, jedoch nur selten über Lehrpläne oder anders in die Köpfe gelangen.
Es ist also nicht so, dass es das Patriachat schon immer gegeben hat – ganz im Gegenteil. Um zu überleben, mussten alle gleichberechtigt den Überlebenskampf täglich aufnehmen.
Ein großartiges Buch, dass man unbedingt lesen und, noch viel wichtiger, auch darüber sprechen muss, damit endlich dieser alte Mythos aufgebrochen wird, dass das Patriachat bis in die Steinzeit zurückreicht und eine natürliche Ordnung darstellt. Ein so eindrucksvolles Sachbuch, das mit dem männlichen Blick auf die Geschichte aufräumt, hatte ich schon lange nicht mehr in den Händen. Absolute Empfehlung.
Der Versuch eines Gesellschaftswandels
Der Planet diskreter Liebe von Herbert Kapfer
Bei diesem Buch muss man mit dem Cover beginnen, dass absolut gelungen ist, ein richtiger Eyecatcher und mich sehr neugierig auf den Inhalt machte. Im unteren Teil des Covers ein Bild von der Performance „Aus der Mappe der Hundigkeit“ von VALIE EXPORT und Peter Weibel in der Kärntnerstraße in Wien im Jahr 1968.
Nun aber zum Inhalt:
Bea, Schülerin aus „gutem Haus“, ist 1972 mit ihrem Vater in Sanremo auf Urlaub, als sie zum ersten Mal eine Protestaktion radikaler Feministinnen erlebt. Sie ist fasziniert vom Kampf der Frauen in Italien. 1975 sieht Bea vor einem Münchner Kino einen Typ, der mit einem Megaphon die Menschen zur Vorführung des „Tapp und Tastkinos“ Einlädt.
Kai begegnet 1975 in einer kalten Dezembernacht auf den Straßen Kölns seinem Idol, dem Dichter Rolf Dieter Brinkmann.
Als einmal die Beiden als Straßenmusiker*innen auftreten, gemeinsam mit Kais Freundin Jo, sie spielen für die Kommunen-Zeitschrift „kollektiv 7: kämpfen und lieben“. Ihre Protestsongs richten sich gegen Atomwaffen, Aufrüstung und Wehrpflicht. Nach der Darbietung gehen sie nach Hause, finden die Wohnung leer vor. Bea nimmt Kai bei der Hand, sie gehen in ihr Zimmer. Sie weiß, dass Kai auf sie steht – ihr den „Hof“ macht. Bea erzählt Kai von der „Mutation“ – der Zerstörung der Macht und der ökofeministischen Gesellschaftsveränderung und was darunter zu verstehen sei. Eine Gesellschaft, die auf Macht verzichte.
Sie „üben“ diese Mutation der Gesellschaft hinter verschlossener Tür. Da geht es natürlich um ganz viel Sex, ohne Penetration – stattdessen Zärtlichkeiten bis zur höchsten Erregung mit ihren lila lackierten Zehennägeln.
Ein außergewöhnliches, leidenschaftliches Buch, das mir gut gefallen hat. Ein herausragendes Werk, literarisch anspruchsvoll und auch auf eine gewisse Weise emotional.
Clash der Kulturen
Hundert Wörter für Schnee von Franzobel
Es ist die wahre Geschichte des Robert Peary, der im ausgehenden 19. Jahrhundert „der Erste“ am Nordpol sein wollte – ohne Rücksicht auf Verluste. Etliche Male hat er es versucht, nie ist es ihm gelungen.
Bei einer seiner Rückreisen von Grönland nach New York hat er den damals neunjährigen Minik und fünf weitere Inuit mitgenommen.
Bis auf Minik, sind alle Inuit aufgrund von Krankheiten innerhalb kurzer Zeit verstorben. Sie wurden im Naturhistorischen Museum ausgestellt – auch diese Geschichte ist leider wahr.
Minik kommt in New York nur schwer zurecht. Jahre später kehrt er nach Grönland zurück, aber auch da kann er sich nicht mehr einleben und muss zurück nach Amerika.
Franzobel gelingt es mit der richtigen Prise Humor das Leben der beiden und etlicher anderer Protagonist*innen sehr plastisch zu erzählen – es entstehen beim Lesen großartige Bilder im Kopf.
Ich halte den Roman jetzt schon für einen der besten dieses Jahres. Auf über 500 Seiten wird so viel Wissenswertes über Grönland und ihre Bewohner*innen erzählt: es gibt etwa keinen Baum und keinen Busch in Grönland. Waisenkinder wurden damals umgebracht – niemand konnte sie versorgen, wenn die Eltern starben, so wurden sie getötet.
Es geht im Roman auch immer wieder um den Blick der Inuit auf die Amerikaner*innen (natürlich auch umgekehrt): was für ein primitives Volk, das weder an Geister glaubt noch mit ihren toten Verwandten Kontakt hält und ohne Scham Tabus bricht.
Ein wundervolles, lehrreiches, charmantes Buch, das ich wahnsinnig gerne gelesen und dabei jede Menge gelernt habe. Franzobel ist es wieder mal gelungen ein historisches Ereignis in eine Geschichte zu verpacken, die mich nicht mehr losgelassen hat. So spannend und auch emotional! Klare Empfehlung.
Eine kluge Reflexion
Wild nach einem wilden Traum von Julia Schoch
In diesem Roman denkt die namenlose Ich-Erzählerin zurück an die Zeit, als sie in Amerika in einer Künstlerkolonie eine Affäre mit einem Katalanen hatte. Diese Affäre begleitet sie gedanklich ihr weiteres Leben, mal mehr mal weniger.
Von Beginn an ist ihr bewusst, dass dies keine dauerhafte Beziehung sein wird, wie einen Rausch erlebt die Protagonisten diese Zeit.
Der Schreibworkshop, den sie in der Künstlerkolonie erlebt, ist jedoch so prägend und nachhaltig, dass sie sich nach dem Aufenthalt in Amerika dazu entschließt Schriftstellerin zu werden. Die Begegnung mit dem Katalanen hat für sie somit Folgen – im positiven Sinn.
Bald nach ihrer Rückkehr aus Amerika beendet sie ihren Job an der Uni als Assistentin und widmet sich nur noch dem Schreiben. In ihrer Beziehung mit ihrem späteren Mann muss sie sich neu herantasten.
In ihrem Roman erzählt Julia Schoch, wie es oft die zufälligen Begegnungen sind, die über das weitere Leben entscheidend, insprierend und daher so prägend sind. Diese Zeit liegt jedoch lange zurück.
Der Roman ist in einer klaren Sprache geschrieben, die Gedanken sind sehr reflektiert, über Leidenschaft, Liebe, das Schreiben und das Leben überhaupt.
Es war für mich das erste Buch dieser Trilogie, habe mir aber schon die Vorgänger besorgt und freue mich wahnsinnig darauf, diese zu lesen.
Romantische Komödie mit Tiefgang
Ein Nachmittag im Mai von Siân James
Als Anna dem Schauspieler Charlie nach langer Zeit an einem Nachmittag im Mai in der Innenstadt wieder über den Weg läuft, nimmt er sie in den Arm und küsst sie an Ort und Stelle. Schließlich geht er mit ihr nach Hause und zieht dort ein. Einige Jahre zuvor hatten sich die beiden kennengelernt, sich dann aber aus den Augen verloren.
Anna ist Mitte dreißig, verwitwet und Mutter von drei Töchtern, die sich noch im Schulalter befinden. Sie lebt zurückgezogen im Haus ihres verstorbenen Mannes. Anna ist schwer verliebt in Charlie. Sie erlebt Gefühle, die sie bis dato nicht kannte und noch nie hatte, auch nicht für ihren verstorbenen Mann. Charlie bringt Leben und Leichtigkeit in Annas Alltag. Durch die Beziehung mit Charlie denkt sie zurück an ihre Ehe und sieht diese nun mit anderen Augen.
Anna ist eine wahnsinnig selbstbewusste Frau, die auf Konformitäten der Zeit (1970er Jahre) nichts gibt, sondern ihre Interessen durchsetzen möchte – egal was andere davon halten, dazu sagen oder hinter ihrem Rücken reden.
Tiefsinnig und total reflektiert wird Anna in dieser Geschichte dargestellt. Gerade die Affäre mit Charlie lässt sie zu einer sehr überlegten Frau reifen, die sich zu nichts drängen lässt.
Diesen atmosphärischen Roman möchte ich gerne jeder*n ans Herz legen, weil er einerseits eine gewisse Leichtigkeit vermittelt, andererseits eine sehr kluge, abwägende und reflektierende Frau beschreibt.
Großartige Graphic Novel
Zeit heilt keine Wunden von Hannah Brinkmann
Ernst Grube, 1932 in Deutschland geboren. Sein Vater war arisch, die Mutter Jüdin. Mit dem Aufkommen der Nazis wurde das Leben der Familie einerseits gefährlich wegen der Gefahr einer Deportation, andererseits konnte die Wohnung nicht gehalten werden, so dass eine ganz kleine Wohnung zugeteilt wurde.
Die Kinder Werner, Ernst und das Baby Ruth wurden von den Eltern in ein Kinderheim verbracht – aus Sicherheitsgründen.
(Auch) Kommunist*innen wurden damals von den Nazis verfolgt. In den letzten Tagen des 2. Weltkrieges wurde die Familie, bis auf den Vater von Ernst Grube, nach Theresienstadt deportiert und später von den Russen befreit.
Ein anderer Erzählstrang zeigt am Beispiel des Karrieristen Kurt Weber, wie man zum Nazi-Mitläufer wurde. Um eine juristische Karriere zu machen, tritt er bereits 1937 in die Partei ein; seine jüdische Verlobte verlässt ihn. Als Staatsanwalt muss er für Nichtigkeiten die Todesstrafe verhängen – als er es nicht tut, wird er selbst von der Partei bestraft.
Nach dem 2. Weltkrieg schließt sich Ernst Grube den Kommunisten in Deutschland an. Er besucht die FDJ Hochschule Wilhelm Pieck, geht auf die Straße und nimmt an Demonstrationen gegen die Adenauer-Regierung, gegen Kapitalismus und Antikommunismus teil. Bei einer Demonstration wird Ernst Grubes Freund Philipp Arbeiter durch zwei Schüsse, abgefeuert von Polizisten, getötet. Die FDJ und die Kommunisten werden in der BRD verboten, sie arbeiten im Untergrund weiter – Ernst Grube kommt ins Gefängnis.
Seinen Prozess verhandelt der oben genannte Karrierist Weber als Staatsanwalt.
Ein großartiges Buch – einprägsam und klar gezeichnet. Es werden die NS-Zeit und die Nachkriegsjahre dargestellt: Zwei Biografien, die nicht unterschiedlicher sein können, treffen aufeinander.
Unbedingte Leseempfehlung
Eine gelungene Fortsetzung
Ein sicherer Ort von Johanna Grillmayer
Der Roman ist die Fortsetzung von „That’s life in Dystopia“ und ich meine, dass man den ersten Teil unbedingt davor gelesen haben sollte.
Mittlerweile sind zehn Jahre seit „dem Ereignis“ vergangen, wo fast alle Menschen verschwunden sind, nur ein paar konnten aus unerklärlichen Gründen überleben.
Jola und ihre Gruppe sind aus dem Sonnenhof ausgezogen und in die Nähe anderer Überlebender gezogen. Es hat sich eine Art Dorfgemeinschaft gebildet. Einzelne Mitglieder der Dorfgemeinschaft konzentrieren sich auf Spezialisierungen, die allen zugutekommt. Es findet auch regelmäßig Unterricht für die Kinder und Teenager statt. Der Kampf ums tägliche Überleben ist in den Hintergrund gerückt – es hat sich eine Art Routine eingestellt, um täglich ausreichend Essen auf dem Tisch zu haben. Es werden die Felder bestellt, Tiere im Wald gejagt und nach wie vor gibt es Geschäfte, die in der weiteren Umgebung geplündert werden können.
Zu Beginn des Romans begeben sich einige Mitglieder der Community nach Wien, um zu sehen, ob es dort noch Überlebende des Ereignisses und ob es noch Brauchbares in den Geschäften gibt. Die Beschreibungen des ausgestorbenen Wiens sind großartig zu lesen.
Probleme ergeben sich allerdings im Zusammenleben als große Gemeinschaft mit teilweise fremden Menschen. Männern, die ein Fehlverhalten an den Tag legen, die übergriffig, aggressiv und auch gewalttätig sind. Die Gemeinschaft stellt sich nun die Frage, wie mit ihnen umzugehen ist. Es wird ein Gericht eingesetzt, Strafen verhängt und sogar ein Gefängnis wird eingerichtet.
Im Laufe der Geschichte wachsen die Kinder zu Teenagern heran, mit allen Allüren, die dieses Alter mit sich bringt.
Auch der zweite Teil dieser Dystopie liest sich spannend, der Erzählstrang ist klug konstruiert. In dieser postapokalyptischen Welt muss vieles von dem, was es bereits vor dem Ereignis gab, neu verhandelt werden – wie Gerechtigkeit und Konsequenzen für Delinquent*innen in der Gemeinschaft. Das Besondere und Spannende an den Romanen von Johanna Grillmayer ist die nahezu realistische Welt, die sie beschreibt; mit allen Konflikten im Zusammenleben, die eben nicht überzogen oder typisch „dystopisch“ sind.
Ein dritter Teil soll bald folgen…
Absolute Empfehlung
Großartige Biografie
Helene Schweitzer Bresslau von Verena Mühlstein
Helene Bresslau, geboren am 25. Jänner 1879 in Berlin, wächst in einer jüdischen bildungsbürgerlichen Familie in äußerst harmonischen Verhältnissen auf. Der Vater wird, als Helene sieben Jahre alt ist, als Professor für Geschichte nach Straßburg berufen. Dort gibt es keinen Antisemitismus, deutsche Jüd*innen werden als Deutsche gesehen.
Helenes Vater ist das besonders wichtig. Er lässt auch seine drei Kinder taufen, womit diese dem Protestantischen Glauben angehören.
Helene genießt eine vorzügliche Bildung, soweit die in ihrer Zeit möglich ist, und erhält eine Ausbildung in einem typischen Frauenberuf – als Lehrerin.
Mit Anfang 20 lernt sie Albert Schweitzer kennen, der zu diesem Zeitpunkt längst beschlossen hat, weder zu heiraten noch eigene Kinder zu haben – er möchte sein Leben vielmehr Waisenkindern widmen. Ganz offen bespricht Albert Schweitzer seine Lebenspläne mit Helene, die sich darauf einstellt. Auch sie möchte nicht heiraten, sondern ein Leben als selbstständige berufstätige Frau führen. Zu Beginn ihrer Freundschaft liegt Albert Schweitzer viel daran, sie davon zu überzeugen, dass sie einen anderen Mann heiraten soll, denn die Konventionen der Zeit sehen alleinstehende, unverheiratete Frauen als „altes Fräulein“.
Zehn Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen heiraten Helene und Albert. Dies ist kurz vor ihrer ersten Reise nach Afrika, wo sie das Krankhaus in Lambarene aufbauen.
Viel wird über die Gesellschaft der Jahrhundertwende in Deutschland berichtet, insbesondere über Frauenbildung, aber auch über den Antisemitismus im bildungsbürgerlichen Deutschland.
Helene Schweitzer-Bresslau unterstützt ihren Mann ihr gesamtes Leben lang und muss dafür einige Abstriche für sich selbst machen. Oftmals befindet sich Albert Schweitzer in Afrika, sie kann ihn aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht begleiten und leidet unter den Trennungen sehr. Befindet sich Albert Schweitzer in Europa, arbeitet er an seinen Büchern, oder er ist als Organist auf Konzertreise bzw. hält Vorträge. Zwar ist Helene für Albert die wichtigste Person in seinem Leben. Auch ist sie jene Person, die ihm jedes Kapitel seiner Bücher korrigiert, seine Korrespondenz führt und ihm wichtigste Gesprächspartnerin ist. Er kann und möchte jedoch nicht auf seine „Verpflichtungen“ verzichten, trotzdem er weiß wie sehr er damit Helene kränkt.
Für mich ein hochinteressantes Buch über Helene und Albert Schweitzer, die ich beide bis dato zu wenig kannte. Nicht nur über Helene erfährt die Leser*in ihren gesamten Werdegang, sondern auch das Leben von Albert Schweitzer habe ich en passant viel erfahren – über sein Leben als Arzt, Organist, Pastor und Philosoph. Helene Schweitzers war eine selbstbewusste Frau, die zumindest in ihren jungen Jahren ihr eigenes Fortkommen, ihre Freiheit und ein selbstständiges Leben, oft gegen die Konventionen, führte.
Eine Biografie, die wirklich sehr gern gelesen habe - absolute Empfehlung!
Hinter den Kulissen der 24-Stunden-Pflege
Halbe Leben von Susanne Gregor
Klara trifft die Entscheidung, dass ihre Mutter Irene, die seit dem Schlaganfall bei ihr eingezogen ist, eine Pflegerin zu Hause benötigt. Paulina bekommt sie über die Agentur vermittelt: es handelt sich um eine Krankenschwester aus der Slowakei, die dringend Geld benötigt, da sie als Alleinerziehende für ihre beiden Söhne aufkommen muss.
Die beiden Söhne, zehn und vierzehn Jahre alt, geben sich unabhängig und selbstständig. So denkt Paulina, dass das schon gut gehen wird, da die Ex-Schwiegermutter während ihrer Abwesenheit die beiden Buben versorgt. Es sind immer nur vierzehn Tage in Österreich, dann ist sie ebenso lange wieder daheim.
Paulina kümmert sich perfekt um Irene und ist eine Perle für die ganze Familie. Sie sorgt sich nicht nur um die Mutter, sondern bereitet das Essen für alle vor, putzt und versorgt auch den Hund Charlie.
Zunehmend werden immer mehr Aufgaben an Paulina übertragen – alle immer nur ausnahmsweise, zB wird sie ersucht, länger als die vierzehn Tage zu bleiben – sie bekommt ihre Sonderaufgaben zwar entsprechend monetär abgegolten. Paulina ist jedoch abhängig von diesem Job, sie kann nicht nein sagen und gleichzeitig merkt sie, dass ihre eigenen Kinder sie sehr brauchen. Immer mehr steigt der Groll gegen die Familie, schleichend und sehr subtil. Die ständigen Grenzüberschreitungen und der Umgang damit werden großartig beschrieben, sowohl das Innenleben und die Motivation von Klara, als auch das, was sich Paulina dazu denkt und wie sie für sich Konsequenzen daraus zieht. Es geht um Macht und Abhängigkeit – auf beiden Seiten.
Ein wahnsinnig toller Roman über zwei Frauen aus unterschiedlichen Lebenswelten, die hier aufeinandertreffen.
Absolute Empfehlung!











