Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Keine Seite zu viel
Demon Copperhead von Barbara Kingsolver
Demon wird in prekäre Verhältnisse geboren: die Mutter, fast selbst noch eine Teenagerin und drogenabhängig, bringt ihn in einem Trailer zur Welt. Sein Vater ist bereits verstorben, von ihm geerbt hat Demon seine kupferroten Haare. Als Demon noch ein Kind ist, stirbt auch die Mutter; und ab da beginnt die Odyssee von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, die den kleinen Buben ausbeuten und schlecht behandeln, Gewalt ausüben, ihn hungern und schuften lassen.
Sein Überlebenswille wird dadurch jedoch nicht gebrochen.
Demon erfährt aber auch dauerhafte Beziehungen zu Menschen, die es wirklich gut mit ihm meinen und ihm eine Stütze sind. So schafft er es in der High-School ein angesehener Footballstar zu werden, bis zu seiner Verletzung. Dieser Teil des Romans hat die Opioid-Krise in Amerika zum zentralen Thema, die viele Menschen in Abhängigkeit, Ruin und Tod getrieben hat.
Der Großteil der Protagnist*innen in dem Roman sind die Hillbillys, die Hinterwäldler aus den ländlichen Gegenden Amerikas. Der Autorin ist es unglaublich gut gelungen, dieses Milieu darzustellen.
Alles in allem eine herzzerreißende, sozialkritische Erzählung, die wohl auf eine breite Schicht der amerikanischen Bevölkerung zutrifft. Die über 800 Seiten des Romans sind getragen von schwierigen Lebenssituationen und doch immer wieder hoffnungsvollen Lichtblicken und – vor allem – einer Prise Humor. Die Adaption des David Copperfield Romans von Charles Dickens in die Gegenwart ist unglaublich gut gelungen.
Ein Könner seines Handwerks
Baumgartner von Paul Auster
Seymour T. Baumgartner, die alternde Hauptfigur, emeritierter Philosophieprofessor und Schriftsteller, hat vor zehn Jahren bei einem Badeunfall seine Frau Anna unerwartet verloren – dreißig Jahren waren die beiden verheiratet. Sie war die Liebe seines Lebens und auch nach zehn Jahren kann er mit seiner Trauer kaum umgehen, wie amputiert fühlt er sich.
Nun lebt er einsam und allein in seinem Haus, mit wenig Ansprache und sozialen Kontakten. Um mit der Postbotin fast täglich ein paar aufmunternde Worte zu sprechen, bestellt er Bücher, die er zum Entsorgen auf der Veranda stapelt.
Es werden viele Geschichten und Themen aus Baumgartners Leben angerissen, wie kurze Schnappschüsse – diese bleiben jedoch meist nur an der Oberfläche. Die Herkunft seiner jüdischen Eltern aus dem damaligen Polen, heute Ukraine, seine Schwester, eine neue Liebe nach Jahren der Einsamkeit und eine Studentin, die den Nachlass seiner Frau für eine Dissertation durchforsten möchte – zu viele Themen stapelt Auster hier auf 208 Seiten.
Der Roman erzählt von Liebe, Schmerz und Vergänglichkeit, Alter, Trauer und Erinnerung sowie Herkunft und Einsamkeit und liest sich zeit- und seitenweise wunderschön, melancholisch und sentimental. Jedoch fehlt dem Roman dann wieder an manchen Stellen Tiefe.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Was für eine Saga
Elyssa, Königin von Karthago von Irene Vallejo
Was für eine Geschichte!
Der trojanische Krieg ist vorbei und gilt für Aeneas als verloren – er, neben Hector der stärkste Krieger, muss fliehen. Das Orakel prophezeite ihm, dass er nach Italien reisen und dort am Ufer des Tiber die Stadt Rom gründen wird. Er gilt heute den Römer*innen als Vater Roms.
Sein Sohn Iulus herrschte danach über Rom, seine Nachkommen, die Julier, werden Rom zur Metropole machen.
Auf seiner Reise über die Meere landet Aeneas nach einem Sturm an der nordafrikanischen Küste in Karthago, dass von Königin Elyssa regiert wird.
Eros erzählt, wie er es anstellt, dass sich die beiden verlieben. Virgil berichtet wie er versucht, die Geschichte von Elyssa und Aeneas zu Papier zu bringen, und dabei massive Schreibhemmungen hat. Das epische Werk, an dem er über zehn Jahre lang schrieb, sollte später als „Aeneis“ bekannt werden und in die Geschichte eingehen.
Kurz und auf den Punkt gebracht: Eine dramatische Verflechtung von Schicksalen wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt, die einen nicht mehr loslassen.
Eine faszinierende Neuerzählung dieser antiken Sage, die ich atmosphärisch und großartig fand.
Der Untergang Venedigs
Acqua alta von Isabelle Autissier
ch war schon sehr oft in Venedig. Unvergesslich wird bleiben, als ich zwei Tage nach dem ersten Lockdown dort hinfuhr und genau wusste, so werde ich Venedig nie mehr erleben. Es war beeindruckend: kaum eine Menschenseele war anzutreffen, nur Einheimische – das hatte Flair und Stimmung.
Isabelle Autissier konnte mich schon vor ein paar Jahren mit ihrem Roman „Herz auf Eis“ begeistern.
Auch Aqua alta ist kurzweilig und interessant zu lesen – ganz an „Herz auf Eis“ kommt es jedoch nicht heran.
Der Roman beginnt damit, dass Guido Malegatti in einem Krankenhaus erwacht und sich erinnert, dass die befürchtete Katastrophe eingetroffen ist: Venedig ist von einer gewaltigen Flutwelle erfasst worden und liegt in Trümmern. Auch der Sperrwall M.O.S.E., der dem italienischen Staat Milliarden gekostet hatte, konnte Venedig nicht schützen.
Mit einem Boot fährt Guido Malegatti durch das zerstörte Venedig, auf der Suche nach seiner Tochter Lea.
Die drei Mitglieder der Familie Malegatti stehen für unterschiedliche Sichtweisen auf Venedig:
Guido Malegatti, aufstrebender und ehrgeiziger Stadtpolitiker, ist zuständig für Wirtschaftsangelegenheiten, will eine Stadtentwicklung in Richtung mehr Tourismus, noch mehr Hotels, noch mehr Kreuzfahrtschiffe.
Seine Frau Maria Alba stammt aus dem alten Adel Venedigs, deren Familie drei Dogen hervorbrachte. Sie steht im Roman für die prachtvolle historische Geschichte Venedigs. Sie zeigt ihrer Tochter Lea die Schönheit der Stadt bei gemeinsamen Spaziergängen.
Seine Tochter Lea ist eine militante Umweltaktivistin und protestiert gegen Massentourismus, Kreuzfahrtschiffe und auch gegen den Vater, um ihr Venedig zu retten.
Der Roman ist sehr realistisch geschrieben und führt die Problematik Venedigs mit seinem Massentourismus deutlich vor Augen. Er schafft so ein Bewusstsein für eine mögliche Zukunft. Das Konzept der drei Sichtweisen auf Venedig finde ich besonders gelungen. Alles in allem ein sehr lesenswerter und wichtiger Roman!
Dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung
Wir sitzen im Dickicht und weinen von Felicitas Prokopetz
Primär geht es um Valerie, deren Mutter Christina eine Krebsdiagnose erhält. Zugleich möchte Valeries Sohn Tobi mit 16 Jahren einen Sprachaufenthalt für ein Schuljahr in England absolvieren. Valerie wird somit aufgerieben zwischen Mutter- und Tochtersein.
Durch die Krebsdiagnose erwartet sich Christina, dass Valerie für sie da ist – jedoch ist die Beziehung schon längst so dysfunktional, dass Christina ihre Tochter damit nur mehr nervt.
Wie konnte es so weit kommen? In Rückblenden geht es auch um die weiblichen Vorfahren von Valerie – die beiden Großmütter und deren Geschichte, Erfahrungen und deren Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens. Wie wurden Valeries Mutter und Vater erzogen und unter welchen Umständen sind die beiden aufgewachsen? Wie war Valeries Mutter selbst als Mutter?
Felicitas Prokopetz gelingt mit ihrem Debüt in knappen Kapiteln ein eindringlicher Roman, der vorwiegend aus der weiblichen Perspektive zeigt, was es heißt Mutter zu sein – und das über Generationen. Welche Erwartungen hat die Gesellschaft und wie gehen einzelne Frauen damit um? Es geht dabei vor allem darum aufzuzeigen, wie sich dadurch die Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern später entwickeln.
Ein tiefgehender, schmerzlicher Roman, der die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Frauen verständnisvoll erzählt.
Unbedingte Leseempfehlung!
Nie von ihnen gehört?
"Einige Herren sagten etwas dazu" von Nicole Seifert
Nicole Seifert hat sich die Gruppe 47 unter die Lupe genommen und ihren Fokus auf die Frauen dieser Gruppe gelegt.
20 Jahre lang traf sich die Gruppe 47 regelmäßig. Gefürchtet, und doch als Erfolg zu verbuchen, waren Einladungen zur Lesung der eigenen Texte vor der Gruppe. Anschließend wurden diese besprochen und einer harten Kritik unterzogen – die vor allem für Männer durchaus positiv ausfallen konnte.
In der Gruppe 47 positiv aufzufallen, bedeutete oftmals für die weitere Karriere einen deutlichen Schub.
Was mir besonders gut gefallen hat: dass hier verdeutlicht wird, wie unterschiedlich Frauen und Männer dieser Kritik unterzogen wurden: Männer wurden literarisch beurteilt, bei den Frauen ging es vor allem um ihr Äußeres; sie wurden somit auch bald vergessen, bis auf einige wenige.
Mit großem Genuss habe ich das Buch an einem Wochenende verschlungen. Auch mit dem Gefühl, wieder etwas kennengelernt zu haben – mir unbekannte Schriftstellerinnen, deren Werke und Biografien. Sowie, welchen Fokus es noch braucht, um zu sehen, wie Frauen einfach von der Bildfläche verschwinden – wie die Frauen der Gruppe 47.
Wie ein reales Leben
Lil von Markus Gasser
arah Cutting erzählt die Geschichte ihrer Vorfahrin Lillian Cutting, der Eisenbahnunternehmerin und Millionärin. Beim Lesen teilt man fast die Meinung, 1880 hätte Lillian Cutting wirklich gelebt.
Nach dem Tod ihres Mannes Chev führt Lil die Geschäfte klug und erfolgreich weiter. Ihr Sohn Robert und die New Yorker Gesellschaft sind sich jedoch einig, dass diese Frau zu starr und eigensinnig ist.
Sie verhält sich nicht so, wie eine Frau es tun sollte – unterwürfig und angepasst. Robert lässt seine Mutter in einer Psychiatrie verschwinden und entmündigen, nachdem sie morphinsüchtig ist, um an ihr Geld zu kommen. Doch man legt sich nicht mit Lillian Cutting an!
Ein herrlich unterhaltsamer Roman, über eine exzentrische Frau, der Unrecht getan wurde, weil sie nicht in die damalige Zeit passte.
Die Geschichte einer Obsession
Muna oder Die Hälfte des Lebens - von Terézia Mora
Muna lernt Magnus Otto kurz vor ihrem 18. Geburtstag in der Redaktion einer kleinen Zeitung kennen. Gleich von Beginn an entwickelt Muna eine Obsession: sie besucht Veranstaltungen, wo sie damit rechnet ihn zu treffen, oder sie fährt zu seinem Haus und wartet dort auf ihn – ständig ist sie auf der Lauer.
Er jedoch ist eher abweisend. Nach einer gemeinsamen Nacht bleibt Magnus für sieben Jahre verschwunden. Erst durch Zufall sollen sie sich nach sieben Jahren wieder begegnen.
In dieser Zeit führt Muna Beziehungen, die alle samt eher schlecht sind, versucht ihr Studium und schlecht bezahlte Jobs unter einem Hut zu bringen.
Die Beziehung zwischen Magnus und Muna ist auch nach dem Neuanfang sieben Jahre später mehr als toxisch und Muna kann einfach nicht von diesem Typen lassen. Magnus demütigt sie, ist gewalttätig und ihr gegenüber ablehnend. Sie reist ihm hinterher, vernachlässigt Studium und Jobs. Muna ist wieder wie besessen von Magnus, kontrolliert ihn und hat Angst verlassen zu werden.
Der Schreibstil ist speziell, ein Teil der Geschichte spielt sich in Munas Kopf ab – wir folgen ihren Gedanken; was sie nicht denken darf, wird im Text durchgestrichen.
Eine Coming-of-Age Geschichte der besonderen Art, die trotz mancher Längen fesselnd zu lesen war.
Was für eine geniale Wiederentdeckung
Eine Tochter Harlems von Louise Meriwether
Harlem 1934, die Jahre der Wirtschaftskrise haben Amerika und ganz besonders die Bevölkerung Harlems getroffen. Die 12-jährige Francie lebt mit ihrer Familie in einer mehr als bescheidenen Wohnung auf engen Raum. Der Vater versucht als Einsammler im illegalen Lotteriespiel die Familie über Wasser zu halten, die Mutter putzt halbtags bei einer weißen Familie.
Die Brüder sind perspektivenlos: ihr älterer Bruder hat sich einer gefürchteten Bande angeschlossen, der jüngere Bruder ist anfangs noch der Musterschüler, schmeißt jedoch dann die Schule hin.
Francie erzählt mit einer fast naiven Selbstverständlichkeit, wie sie sich vom Bäcker oder Metzger in die Unterhose greifen lässt – für ein paar Bonbons oder ein paar Suppenknochen extra, um das Überleben zu erleichtern. Ihr Alltag ist geprägt von Rassismus, Gewalt, Armut und Sexismus. Die aufgezählten Fakten klingen trist, jedoch geht Francie damit so leicht um, dass man zwischendurch schmunzeln muss.
Der Roman „Eine Tochter Harlems“ von Louise Meriwether wurde jetzt wieder entdeckt und neu aufgelegt. Einfach Wow, wie es Meriwether gelang, diese schwierige Thematik so leicht zu erzählen. Eine absolute Empfehlung.
Aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Dieser Roman stellt wichtige Fragen am Ende des Lebens
Das späte Leben von Schlink Bernhard
Martin, 76 Jahre, erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und die Aussicht, noch zirka zwölf Wochen zu leben, die Hälfte davon vermutlich in gutem Zustand. Was kann er seiner jungen Frau Ulla und dem sechsjährigen Sohn hinterlassen? Was kann er für die beiden noch tun? Wie soll er die verbliebene gemeinsame Zeit mit seinem Sohn nützen? Wie ihm etwas mitgeben, so dass er sich später, wenn er einmal erwachsen sein wird, an ihn erinnern kann? Was wird bleiben, wenn er einmal nicht mehr ist? Alles Fragen, die Martin sich stellt.
Ein melancholisches Buch, das sehr nachdenklich stimmt über eine der wichtigsten Fragen des Lebens: wie gestaltet man die Zeit, wenn man erfährt, dass der Tod unmittelbar bevorsteht? Ein schwieriges Thema, das in diesem Buch sehr sensibel, jedoch nicht wehleidig umgesetzt wird.
Ganz große Empfehlung.











