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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von niki:

Was für eine geniale Wiederentdeckung

Eine Tochter Harlems von Louise Meriwether

Harlem 1934, die Jahre der Wirtschaftskrise haben Amerika und ganz besonders die Bevölkerung Harlems getroffen. Die 12-jährige Francie lebt mit ihrer Familie in einer mehr als bescheidenen Wohnung auf engen Raum. Der Vater versucht als Einsammler im illegalen Lotteriespiel die Familie über Wasser zu halten, die Mutter putzt halbtags bei einer weißen Familie.

Die Brüder sind perspektivenlos: ihr älterer Bruder hat sich einer gefürchteten Bande angeschlossen, der jüngere Bruder ist anfangs noch der Musterschüler, schmeißt jedoch dann die Schule hin.

Francie erzählt mit einer fast naiven Selbstverständlichkeit, wie sie sich vom Bäcker oder Metzger in die Unterhose greifen lässt – für ein paar Bonbons oder ein paar Suppenknochen extra, um das Überleben zu erleichtern. Ihr Alltag ist geprägt von Rassismus, Gewalt, Armut und Sexismus. Die aufgezählten Fakten klingen trist, jedoch geht Francie damit so leicht um, dass man zwischendurch schmunzeln muss.

Der Roman „Eine Tochter Harlems“ von Louise Meriwether wurde jetzt wieder entdeckt und neu aufgelegt. Einfach Wow, wie es Meriwether gelang, diese schwierige Thematik so leicht zu erzählen. Eine absolute Empfehlung.

Aus dem Englischen von Andrea O’Brien

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Dieser Roman stellt wichtige Fragen am Ende des Lebens

Das späte Leben von Bernhard Schlink

Martin, 76 Jahre, erhält die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs und die Aussicht, noch zirka zwölf Wochen zu leben, die Hälfte davon vermutlich in gutem Zustand. Was kann er seiner jungen Frau Ulla und dem sechsjährigen Sohn hinterlassen? Was kann er für die beiden noch tun? Wie soll er die verbliebene gemeinsame Zeit mit seinem Sohn nützen? Wie ihm etwas mitgeben, so dass er sich später, wenn er einmal erwachsen sein wird, an ihn erinnern kann? Was wird bleiben, wenn er einmal nicht mehr ist? Alles Fragen, die Martin sich stellt.

Ein melancholisches Buch, das sehr nachdenklich stimmt über eine der wichtigsten Fragen des Lebens: wie gestaltet man die Zeit, wenn man erfährt, dass der Tod unmittelbar bevorsteht? Ein schwieriges Thema, das in diesem Buch sehr sensibel, jedoch nicht wehleidig umgesetzt wird.

Ganz große Empfehlung.

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Was für ein Meisterwerk

Der eiserne Marquis von Thomas Willmann

Wohl eines der besten Bücher die ich 2023 gelesen habe.

Erzählt wird uns Ratten – so die Bezeichnung des Erzählers für uns Leser*innen - die Lebensgeschichte des Jakob Kainer aus einer Irrenanstalt.

Wir befinden uns mitten im 18. Jahrhundert. Jakob Kainer kommt vom Land in die Großstadt Wien und beginnt dort als Uhrmacherlehrling.

Nach der Begehung eines Mordes (auch das berichtet uns der Erzähler gleich zu Beginn) muss er aus Wien flüchten und begibt sich als Soldat in den Dienst des Preußenkönigs.

Aufgrund einer schweren Kriegsverletzung verbringt er längere Zeit in einem Lazarett und wird dort vom Marquis D. ausgewählt, in seine Dienste zu treten. Jakob Kainer besitzt großes handwerkliches Geschick. Der Marquis D. leidet an einer Krankheit, die ihm immer wieder dazu veranlasst, sich den Arm stückchenweise zu amputieren und als Ersatz dient ihm ein eiserner Arm, der ihm direkt in die Wunde eingenäht wird.

Um dies zu optimieren und eventuell auch andere Körperteile oder Organe zu ersetzen, werden Versuche an Menschen und Tieren im Keller der Villa des Marquis D. durchgeführt, die überaus gruselig sind. Dies vermittelt der Geschichte eine besonders düstere Stimmung, da vieles sehr detailreich dargestellt wird – man kann sich das sehr real vorstellen.

Der Roman ist ein dicker Wälzer von über 900 Seiten, doch jede einzelne habe ich mit großem Genuss gelesen. Gerade die außergewöhnliche Sprache macht diesen Roman so faszinierend – ganz so, als ob dieser im 18. Jahrhundert geschrieben wurde; dies ist vielleicht am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, dann jedoch gut und quasi authentisch zu lesen. Ein Meisterwerk, wie von einem der großen, alten Franzosen geschrieben.

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Chinesische Familienpolitik im 20. und 21. Jahrhundert

Die Gebärmutter von Sheng Keyi

Der Roman ist eine epische Familiengeschichte, die die Familienpolitik der letzten hundert Jahre in China im Fokus hat und unglaublich genial erzählt.

Die Geschichte wird weder chronologisch erzählt, noch hat sie nur eine Person im Fokus. Es geht vielmehr um das Schicksal von Frauen der Familie Chu im 20.

und 21. Jahrhundert in China.

Die Großmutter, Qi Nianci, um 1900 geboren, eine Frau, der noch die Füße gebunden wurden und die früh Witwe wurde, hält mit eiserner Hand die Familie zusammen. Aus ihrer Ehe geht ein Sohn hervor, der früh verstirbt. Er hinterlässt seine Frau Wu Aixiang, fünf Töchter und einen Sohn.

Wir erleben in diesem Roman vor allem die fünf Töchter, die der Ein-Kind-Politik in China ausgesetzt sind. Werden Frauen mit einem zweiten Kind schwanger, müssen sie hohe Strafen zahlen und werden oftmals sterilisiert – indem die Eileiter unterbunden werden. Abtreibungen, anders als bei uns, erfolgen hingegen oftmals weit nach der 12. Schwangerschaftswoche. Die Frauen leiden psychisch, aber auch körperlich an den Folgen dieser Maßnahmen.

Abtreibung und Sterilisation als eine Form von Verhütung, so mein Eindruck beim Lesen, wird deshalb auch kaum tabuisiert. Befremdlich fand ich, dass es keine Fristenlösung in China gibt, also auch noch knapp vor der Geburt abgetrieben wird.

Ich fand den Roman geradezu genial: interessant, bereichernd und unglaublich wichtig. Es geht um Selbstbestimmung von Frauen im Kontext der chinesischen Gesellschaft über mehrere Generationen hinweg.

Absolute Empfehlung.

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Tagebuch und Roman einer unerwarteten Zwillingsschangerschaft

Fremdlinge von Anna Katharina Laggner

Unerwartet wird Anna Katharina Laggner, die Autorin, schwanger. Sie hat bereits ein Kind und war im Kopf schon wo anders. Sie wollte wieder auf Reisen gehen, freute sich auf mehr Freiheit und Zeit für sich. Und dann wird sie plötzlich damit konfrontiert, ein Kind zu erwarten. Zuerst nimmt sie es einfach hin, jedoch als sie erfährt, dass sie zu Zwillingen schwanger ist, kommen ihr Zweifel, ob sie das möchte.

Sie überlegt einen Abbruch und führt Protokoll, ob sie dies bereuen würde in zehn oder zwanzig Jahren.

Ständig stellt sie sich die Sinnfrage, ob berufliches Weiterkommen sinnstiftend ist oder sind es Kinder, die dem Leben Sinn geben? Sie wägt für sich nachdenklich ab und führt intelligente Argumente an – für beide Optionen. In ihre Überlegungen fließen feministische Überlegungen ein, wie zB dass sich der Staat erstmals für ihren Körper aufgrund ihrer Schwangerschaft.

Wichtig aus meiner Sicht ist, dass sie mit diesen Zweifeln und Überlegungen nicht allein ist. Sie bespricht alles mit ihrem Partner. Wesentlich erscheint mir in diesem Buch weiters, dass auch Männer gerne Väter werden wollen; dass Abtreibung auch für sie Thema ist, da es sie betrifft und es für sie ebenso schmerzhaft ist, wenn ein von ihnen gezeugtes Kind abgetrieben werden soll.

Immer wieder hofft sie auch, dass ihr diese Entscheidung abgenommen wird, dass es einen natürlichen Abgang von einem der beiden Kinder gibt – so dass es für sie ohne ihr Zutun entschieden wird.

Der Roman führt das Für und Wider eines Schwangerschaftsabbruches und dessen Konsequenzen gut vor Augen. Es kommt deutlich zum Ausdruck, dass eine Abtreibung eine verantwortliche und wohlüberlegte Entscheidung ist.

Der Roman ist mit Humor gespickt und wahnsinnig gut geschrieben. Nachvollziehbar ist das Erleben einer Schwangerschaft dargestellt. Wie Fremde und Bekannte oftmals distanzlos sind. Besonders gut gefallen haben mir die Situationen im AKH, da hatte ich alles bildlich vor mir.

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Zwei junge Frauen: brutal, hart und roh

Baise-moi - Fick mich von Virginie Despentes

Der Spiegel schrieb beim Erscheinen der Verfilmung des Romans: dort wo „Natural Born Killer“ und „Thelma und Louise“ aufhörten, beginnt „Baise-moi Fick mich“. Und nach dem Lesen verstehe ich, warum Buch und Film Skandal waren. Erschienen ist der Roman bereits 1994.

Der Roman ist in dem typischen Despentes-Milieu angesiedelt: Menschen am untersten Rande der Gesellschaft.

Sex, Pornos, Drogen, Gewalt und Mord stehen an der Tagesordnung.

Nadine und Manu, zwei junge Frauen, die Opfer sexualisierte Gewalt waren und sich durch Zufall kennenlernten, ziehen durch die Lande und morden nach Lust und Laune. Es gibt keinen ausschlaggebenden Grund dafür, warum jemand umgebracht wird. Nur das erhabene Gefühl nach der Tat gibt Befriedigung. Die Ausdrucksweise ist derb, die Handlungen brutal, Tabus gibt es fast keine – alles in diesem Buch ist verdorben. Ungeschminkt wird beschrieben, wie Männer für Sex benützt und dabei erniedrigt werden.

Ungewöhnlich, wenn Frauen, wie es eher einem traditionellen, schwer erträglichen bis abscheulichen Klischee von Männern entspricht, so brutal, roh und gewalttätig sind.

Das Eigentümliche an dem Roman ist, dass man ihn nicht als Schmuddel-Lektüre weglegt. Die Leichtigkeit und Unbekümmertheit der beiden Protagonistinnen, die eine Blutspur hinter sich herziehen, übt wohl eine Art verführerische, tabu-brechende Faszination aus, der man sich schwer entziehen kann.

Man muss schon ein bisschen was vertragen, um am Lesegenuss, den dieser Roman bietet, partizipieren zu können.

Für jene, die mit dem Werk dieser Autorin nicht vertraut sind: Despentes ist eine provokante feministische Schriftstellerin und Regisseurin. Das Schreiben dieser Rezension fiel mir insofern schwer, als mir der Roman gut gefallen hat, nicht aber die beschriebene krude Gewalt.

Übersetzung: Jochen Schwarzer

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Die Biografie von LSD

Der stärkste Stoff von Norman Ohler

Der neue Roman von Norman Ohler ist eigentlich eine Biografie von LSD, einem Psychedelikum, das ursprünglich aus dem Mutterkorn gewonnen wurde

Wir begleiten LSD von seiner Entdeckung im Schweizer Pharmaunternehmen Sandoz vor dem 2. Weltkrieg bis nach Amerika in die 1970er Jahre und weiter in die Gegenwart.

Der Autor führte akribische Recherchen in den USA und Europa sowie in den Archiven von Sandoz durch, die nicht immer ganz einfach waren. Es wird von unzulässigen Menschenversuchen berichtet, die trotz des ethischen Codes seit den Nürnberger Prozessen verboten sind. Weiters von der Prohibitionspolitik der USA, die in der Folge verhinderte, dass LSD als Medikament gegen Depression und Alzheimer auch nur im Ansatz erforscht werden konnte.

LSD wird aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet: wissenschaftlich, aus der Sicht des amerikanischen Staates und natürlich als Droge. Als „Referenzen“ werden angeführt: Nixon, Elvis, Aldous Huxley, die Mutter des Autors, John Lennon und viele andere mehr. Erst in der jüngsten Vergangenheit wird der Einsatz dieses „Stoffes“ als Medikament wieder angedacht.

Ein informatives und zugleich unterhaltsames Sachbuch über Drogen und Drogenpolitik.

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Prägende Lebenserinnerungen

Die Details von Ia Genberg

Eine Frau im Fieber findet ein altes Buch in ihrer Wohnung, mit einem Gruß von Johanna. So beginnt das erste Kapitel dieses 150 Seiten Romans. Die Frau denkt über vier Beziehungen in ihrem Leben nach. Menschen, die eine Zeitlang unglaublich wichtig für sie waren, das eigene Selbst beeinflussten und wieder aus ihrem Leben verschwanden, aber trotzdem Spuren hinterließen.

Dabei geht es darum, dass Menschen in unser Leben kommen und wieder gehen, Erinnerungen und Details zurücklassen, die unser weiteres Leben prägen. Jedem Kapitel ist eine Beziehung gewidmet – es sind Geschichten von Freundschaft, Liebe, Vertrauen, Misstrauen, Zweifel und das gemeinsame Erwachsenwerden.

Ein sehr schmales Büchlein, für einen Nachmittag, das sehr zum Nachdenken anregt, denn ich denke, jede:r von uns kennt solche Beziehungen und Freundschaften.

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Fortsetzung der Trilogie

Zwischen den Sommern von Alexa Hennig von Lange

Nun ist endlich der zweite Teil der Trilogie rund um Klara Erfurt erschienen, angesiedelt in den Jahren 1939 bis 1945. Im nationalsozialistischen Deutschland versucht Klara als Leiterin des Erziehungsheimes Sandersleben einen gangbaren Weg zu finden, zwischen Abneigung des Systems und Mitläufertum, um zu überleben.

Während dieser Zeitspanne bringt Klara drei Kinder zur Welt, ihr Mann Gustav muss an die Front. Und dann sind da ständig die Gedanken an Tolla, das kleine Mädchen, das sie zehn Jahre lang als ihre Tochter ausgibt, weil ihre jüdische Mutter einen Suizid begangen hat. Tolla wurde wegeschickt, um mit einem Kindertransport nach England zu gelangen. Schlechtes Gewissen und Sorge um das Mädchen begleiten täglich die Gedanken von Klara.

Eine Geschichte, die trotz der schwierigen Thematik leicht zu lesen ist. Besonders gut zur Geltung kommt das Schweigen über diese Zeit, in der nicht einmal die eigenen Kinder über die Rollen der Eltern Bescheid wussten.

Ein Roman, der sich in einem Zug lesen lässt, und bei dem sich selbst immer wieder die Frage stellt, welche Rolle wohl die eigenen Großeltern in dieser Zeit spielten.

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Ein toller Wien-Roman

Zerrüttung von Gerhard Loibelsberger

1933: Joseph Maria Nechyba ist endlich in Pension, keine Kriminalfälle gibt es mehr für ihn zu lösen. Täglich besucht er jetzt das Café Jelinek in der Gumpendorferstrasse in Wien, liest dort die Zeitung und verfolgt, was sich in Österreich Schreckliches tut. Es sieht ganz danach aus, dass Dollfuss den Bürgerkrieg provoziert, hat der doch bereits das Parlament ausgeschaltet.

In Deutschland gewinnen die Nationalsozialisten immer dazu - Gott sei Dank werden sie in Österreich verboten. Die österreichische Presselandschaft wird zensuriert und immer mehr Zeitungen werden nicht mehr ausgeliefert.

Engelbert Novak, Kellner im Café Jelinek, verfolgt das aktuelle politische Geschehen ebenfalls und auch ihm ist nicht wohl dabei – seine Frau Dorli ist Jüdin und irgendwie wird in Wien ordentlich gegen die Jüd*innen gehetzt, bald auch gegen die jüdischen Ehegatt*innen.

Ein historischer Roman, wie ich ihn mag. Die politische Entwicklung in Österreich wird gekonnt mit Zeitungsausschnitten wiedergegeben und so das Entstehen von Nationalsozialismus und Antisemitismus dargestellt. Die Ungläubigkeit, dass schon nichts passieren, dass es nicht so schlimm kommen wird, wie es sich seit 1933 ankündigt, wird hier in Dialogen und Gedanken der Protagonist*innen immer wieder angeführt – es herrscht Zerrüttung in diesem Land.

Dies dürfte wohl der letzte Roman rund um Joseph Maria Nechyba sein, der mir im Laufe der Zeit so sehr ans Herz gewachsen ist.

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