Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Hoch interessant
Ducks von Kate Beaton
Ducks erzählt die Geschichte der Autorin und anderen kanadischen Arbeiter*innen, die innerhalb Kanadas migrieren, auf der Suche nach einer ordentlich bezahlten Arbeit. Kate Beaton suchte in Alberta, im Westen Kanadas einen Job, um ihren Studienkredit zurückzahlen zu können. Hauptsächlich erledigen Männer diese harte Arbeit auf den Ölplattformen, weit entfernt von ihren Frauen und Familien, entsprechend rauh sind die Bedingungen dort.
Kate Beaton ist damals 21 Jahre alt und verbringt zwei Jahre in der Abgeschiedenheit der Bohrinsel, um so schnell wie möglich ihre Schulden begleichen zu können.
Für Frauen ist diese Männerwelt geprägt von sexuellen Belästigungen, sexistischen und frauenfeindlichen Äußerungen sowie Arbeitsbedingungen, die auf Männer ausgerichtet sind. Isolation, Einsamkeit, Unbehagen und harte Arbeit – ein eigener, düsterer Mikrokosmos, abgeschnitten vom Rest der Welt.
Eine fesselnd geschriebene Autobiografie, die durch das Graphic Novel Genre noch besser hervorgehoben wird – by the way: auch von Barack Obama empfohlen.
Eine literarische Perle
Der belgische Konsul von Amélie Nothomb
Amélie Nothombs Vater erzählt in der Ich-Perspektive von seiner Kindheit, die ihn einerseits verzärtelt, andererseits abgehärtet hat. Später konnte er von dieser Abhärtung profitieren, um als belgischer Konsul als Vermittler im Kongo, aber auch vor einem Erschießungskommando zu bestehen.
Es ist dies die wahre Geschichte des Diplomaten, der bei einem bewaffneten Aufstand im Jahr 1964 alles daran setzte, Geiselnehmer durch Gespräche („Palabres“) von der Erschießung hunderter französischer Geiseln abzuhalten.
Der Protagonist Patrick Nothomb hat früh seinen Vater verloren, die Mutter als junge Witwe gab ihn zu ihren Eltern. Die Großmutter verwöhnte den Buben, so dass der Großvater beschloss, Patrick über die Ferien zu den Großeltern väterlicherseits zwecks Abhärtung zu bringen – herrlich ist es, über das Leben dieser bürgerlichen belgischen Familie zu lesen.
Amélie Nothomb erzählt unterhaltend und leicht die Geschichte ihres Vaters. Vergnüglich ist es über die Familie mit der großen Kinderschar viel zu erfahren. Leider endete der Roman dann doch sehr abrupt, ich hätte gern viel mehr über den Kongo mit dieser so flüssig und zugleich anspruchsvoll geschriebenen Lektüre erfahren.
Aus dem Französischen: Brigitte Groß
Endlich wieder ein Seethaler
Das Café ohne Namen von Seethaler Robert
Endlich wieder ein Seethaler!
Diesmal Wien 1966: Aufbruchstimmung nach dem 2. Weltkrieg.
Robert Simon, der Protagonist, eröffnet ein Café in Wien am Karmeliterplatz – ein Name für das Café fällt ihm nicht ein, es bleibt daher ohne Namen. Das Café wird jedoch zum Treffpunkt für die Menschen rund um den Karmelitermarkt, für all jene, die dort wohnen, arbeiten oder zufällig vorbeitreiben.
Viele werden dort zu Stammgästen und erzählen von ihren kleineren und größeren Problemen, von Wünschen, Hoffnungen und vom Alltag. In den Gesprächen erlauscht man, wie sich die Welt innerhalb der zehn Jahre, während das Café besteht, verändert: Wenn zB der Fleischer beklagt, dass das Aufkommen von Supermärkten seinem Geschäft schadet.
Seethaler erzählt wie gewohnt von den einfachen Menschen, die teilweise schwierige Lebenssituationen zu bewältigen haben. Von jenen, die in dieses Café kommen und einen eigenen Mikrokosmos bilden.
Das Café ohne Namen berichtet von einer Zeit in Österreich, insbesondere in Wien, in der es eine Aufbruchstimmung gab. Mit viel Wehmut endet das Buch mit dem Einsturz der Reichsbrücke 1976.
Herrlich unaufgeregt mit einer Note Melancholie - eine unbedingte Leseempfehlung.
Interessante Thematik
Mr. Goebbels Jazz Band von Demian Lienhard
Auf Beschluss von Reichspropaganda-Minister Goebbels sollte die britische Zivilbevölkerung demoralisiert werden. Mittels einem Radiosender und einer Jazz-Band wurden von Deutschland aus Jazz- und Swinglieder mit entsprechend geänderten Hetztexten nach England übertragen. In Deutschland hingegen wurde Jazz verboten.
Die Jazz-BandCharlie and His Orchestra spielte, weil die Musiker überleben wollten, „entartete“ Musik und gelangte so zu Berühmtheit. Wie auch der Sprecher des Radiosenders „Germany Calling“ William Joyce zum Starmoderator aufstieg.
Der Autor erzählt eine Geschichte, die so unglaublich, aber wahr ist. Ich hatte zuvor weder von der Jazz-Band gehört, noch dass es einen Radiosender gab, der auf diese sehr verstörende Weise Fake News auf die Insel brachte, um die Zivilbevölkerung in die Knie zu zwingen. Der Schreibstil hat meinen Geschmack leider nicht getroffen, doch die Story an sich hat mich bei der Stange gehalten.
Was ein Ereignis aus einem Leben macht
Macht von Heidi Furre
Liv wurde vor 15 Jahren vergewaltigt und ist laut Statistik eine von zehn Frauen, der das zustößt. Ein Trauma, das ihr Leben für immer verändert hat. Jedoch kaum jemand weiß davon, Liv hat mit niemanden darüber gesprochen, auch nicht mit ihrem Mann.
Heute versucht sie ein „normales“ Leben zu führen.
Sie hat zwei Kinder, einen Ehemann, ein schönes Haus und arbeitet als Pflegerin – es wirkt, als wäre alles perfekt in ihrem Leben. In ihrem Inneren sieht es etwas anders aus.
Heidi Furre gelingt mit diesem Roman ein realistisches Bild einer Frau darzustellen, die einerseits nicht Opfer sein will und andererseits immer wieder an das tragische Erlebnis erinnert wird, das Trauma nie ganz abschütteln kann. In Alltagssituationen gleitet ihr Denken immer wieder an dieses Erleben ab. Sie sieht sich andere Frauen an und überlegt, ob auch sie das erleben mussten – und man es ihnen nur nicht ansieht, wie ihr.
Ein wichtiges Buch, dass endlich das Thema Vergewaltigung in den gesellschaftlichen Fokus nimmt und zeigt, wie Frauen, auch Jahre danach, das Trauma als ständigen Begleiter nicht mehr so ganz aus ihrem Leben bekommen. Ein Roman, der zeigt, wie schwierig es ist, nach einem traumatischen Erlebnis wieder zurück in die Normalität zu finden.
Aus dem Norwegischen: Karoline Hippe
Beste Unterhaltung
Doppelleben von Sulzer Alain Claude
Der Romantitel wird dem Buch in zweierlei Hinsicht gerecht:
Einmal sind da die Brüder Goncourt, die sich alles im Leben teilen: Haus, Geliebte und die Leidenschaft zur Literatur. Heute sind sie die Namensgeber des Prix Goncourt, des renommierten französischen Buchpreises. Gerne sind die beiden wohlhabenden Brüder Gäste der Intellektuellen und Reichen im Frankreich des 19.
Jahrhunderts, auch dann noch als Jules an der Syphilis erkrankt und eher peinlichen Unsinn von sich gibt. Edmond will weder wahrhaben, dass sein Bruder noch vor seinem 40. Lebensjahr sterben wird, noch dass es Syphilis ist – Überarbeitung und Erschöpfung vom vielen Denken und Schreiben, erklärt den Freunden und Bekannten wortreich und ausweichend.
Ein Doppelleben führt in anderer Hinsicht auch deren treue und loyale Haushaltshilfe Rose Malingre. Nach deren Tod entdecken die beiden Brüder, dass Rose nicht die ist die sie vorgab zu sein, sondern die beiden Brüder hinters Licht geführt hat. Jules und Edmond können es kaum glauben, was sich vor ihren Augen abspielte, sie jedoch blind dafür waren, wo ihnen doch sonst nichts entgeht.
Ein großartiger Roman über die Brüder und deren Haushälterin, der mir unglaublich gut gefallen hat.
Fazit: lesen, Unterhaltung der besten Art.
Beeindruckend
Liebes Arschloch von Virginie Despentes
Oscar, ein mittelmäßig erfolgreicher Autor, über 40 Jahre alt, schreibt einen beleidigenden Kommentar auf Instagram über Rebecca, eine einstmals gefeierte Schauspielerin, die bereits weit über 50 Jahre alt ist. Rebecca antwortet ebenso heftig und beginnt ihre Mail mit „Liebes Arschloch, ich habe deinen Beitrag auf Insta gesehen.
“
Der Mailverkehr der beiden setzt sich fort, sie erzählen sich vom Leben heute, kennen sie sich doch von früher. Unter anderem erzählt Oscar von Zoe, der Radikalfeministin, der Oscar zu nahegekommen ist. Zoe sieht sich als #meetoo-Opfer und macht ihre Geschichte einem breiten Publikum in den sozialen Netzwerken bekannt.
Diese Mail-Freundschaft zwischen Oscar und Rebecca ist zu Beginn noch auf Konfrontation aus, doch allmählich entwickelt sich Schritt für Schritt ein Verständnis für die andere Seite bzw Einsicht in die eigenen Fehler.
Es geht im Buch um ganz aktuelle gesellschaftlichen Debatten, wie Schönheit und Altern, #meetoo, Feminismus, soziale Medien, Homosexualität, Alkohol- und Drogenexzesse sowie Entzug, Corona, Lockdown und Einsamkeit.
Der Roman soll dazu anregen, über Meinungen und Einstellungen zu den oben genannten Themen zu reflektieren, vor allem auch zum Nachzudenken anzuregen, wenn man sich mal die gegenüberliegende Seite angehört hat. Ein amüsant zu lesender Roman, der aktuelle Themen in emotionaler, geistreicher und manchmal wütender Korrespondenz aufs Tapet bringt.
Absolute Leseempfehlung
Interessante Einblicke
Inside Vogue von Nina-Sophia Miralles
Hier geht es um die wohl bekannteste Modezeitschrift der Welt. Um ihre Anfänge in Amerika, Großbritannien und vor allem in Paris. Um ihre prägenden Chefredakteurinnen, die zum Teil Kultstatus haben, um Models und Fotografi*nnen.
Ihre Anfänge nahm die „Vogue“ am Ende des 19. Jahrhunderts, als Zeitschrift für Frauen der besseren, elitären Gesellschaft und dabei ist es bis heute geblieben.
Noch heute gilt diese Modezeitschrift als Inbegriff für Luxus, Marken, Schönheit und Mode.
Viele Krisen und Intrigen (auch innerhalb des Verlags) musste die Zeitung überstehen und hielt sich dennoch. Schließlich feiert die „Vogue“ bald ihren 130. Geburtstag.
Die Autorin Nina-Sophia Miralles geht im Buch den Fragen nach, wie in den jeweiligen Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts unterschiedliche „neue, kritische“ Themen, auch durch gesellschaftliche Veränderungen, in der Zeitschrift aufgriffen und rezipiert wurden, welche Kontroversen dabei eine Rolle spielten, sollten doch die Leser*in nur mit angenehmen Themen in Kontakt kommen.
Mit sehr großem Vergnügen habe ich die Biografie der „Vogue“ gelesen und mit Neugier und Interesse hinter die Kulissen geblickt. Absolute Empfehlung.
Aus dem Englischen von Christiane Rehagen und Sigrid Schmid
Beeindruckend
Durch Mauern gehen von Marina Abramovic
Von ihrer Kindheit bis 2016 erzählt Marina Abramović ihr Leben. Beginnend in Belgrad, wo sie über die toxische Ehe ihrer Eltern berichtet, die Tito und seine Politik verehrten, während sie eine lieblose Kindheit verbrachte. Ihre Eltern waren ranghohe Mitglieder*innen in der kommunistischen Partei des ehemaligen Jugoslawiens und so mangelte es in materieller Hinsicht kaum an etwas.
Marina Abramović berichtet über die wichtigsten Stationen ihres Lebens – privat, und vor allem auch künstlerisch. Von der Idee bis zur Umsetzung werden ihre Performances beschrieben, was sie damit ausdrücken wollte bzw welche Motivation dahintersteckte. Sie ging dabei immer an ihre Grenzen, körperlich und psychisch, überwindete Schmerzen und Gefahren, die damit einhergingen.
Sie erzählt von ihren wichtigsten und prägendsten Erlebnissen rund um den Globus, Weg- und Lebensgefährt*innen und von Höhen und Tiefen als Künstlerin.
Viel Platz nimmt ihre Beziehung mit dem deutschen Künstler Ulay ein, mit dem sie um die Welt reiste und 12 Jahre lang eine leidenschaftliche private, aber auch berufliche Beziehung führte, die an der Chinesischen Mauer endete.
Nicht immer konnte ich ihre, für mich manchmal ans Destruktive grenzende Kunst nachvollziehen, jedoch imponiert und beschäftigt hat sie mich doch sehr. Öfters habe ich das Buch zur Seite gelegt, mir ihre Performances angesehen und war beeindruckt, berührt oder konnte zugleich kaum etwas damit anfangen (was auch in Ordnung ist) – die gesamte Palette an Emotionen suchte mich heim.
Diese Lebensgeschichte und Künstlerin werden noch lange und intensiv (in mir jedenfalls) nachhallen.
Interessante Familien- und Hotelgeschichte
Adlon von Felix Adlon; Kerstin Kropac
Felix Adlon erzählt die Geschichte des berühmten Berliner Grand Hotels beim Brandenburger Tor, dessen Gründer sein Ururgroßvater Lorenz Adlon war. Es ist eine interessante Familiengeschichte über sechs Genrationen und zugleich ein Rückblick auf die letzten 150 Jahre deutsche Zeitgeschichte.
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Lorenz Adlon wird in Mainz als Schustersohn geboren und geht nicht den in der damaligen Zeit vorgegebenen Weg des Vaters.
Vielmehr landet er nach mehreren Zwischenstationen in Berlin, wo er sich den beruflichen Traum der Gründung eines eigenen luxurösen Hotels erfüllt.
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Interessant sind die einzelnen Zeitabschnitte, insbesondere wie sich das Hotel etablierte und wie die politischen Umbrüche im Land und die damit einhergehenden privaten Folgen für die Familie gemeistert wurden. Beginnend unter Wilhelm II. begann das Hotel sich einen Namen zu machen: der europäische Adel ging im Adlon ein und aus und bescherte dem Haus weltweit einen exzellenten Ruf. Der 1. Weltkrieg konnte dem Adlon fast nichts anhaben, für die Gäste und Mitarbeiter gab es immer ausreichend zu essen und zu trinken. In der Zeit bis zur Weltwirtschaftskrise sorgten dann die neuen Geschäftsleute mit viel Geld für das weitere Fortkommen des Hotels. Auch die Gäste aus Amerika liebten die 20er Jahre in Berlin und im Adlon. Erst mit dem 2. Weltkrieg ging es bergab und ein neuerlicher Aufbau gelang erst nach dem Mauerfall.
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Neben der Geschichte des Hotels war die Geschichte dieser Familiendynastie ausgesprochen, immer interessant zu lesen. Die einzelnen Biografien sind dabei eng mit dem Hotel verwoben.
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Ein spannendes Sachbuch, das sich leicht liest, sehr informativ und unterhaltsam ist.











