Kunden em pfehlungen
Rezensionen von niki:
Raus aus der Komfortzone
Von einem Sohn dieses Landes von James Baldwin
Dieses Werk ist kein Roman, sondern berichtet davon, was es bedeutete, wenn man Anfang der 1950er Jahre (vor der Bürger*innenrechtsbewegung) Schwarz in Amerika war – dies in unterschiedlichen Bereichen und zu verschiedenen Themen.
In den ersten drei Kapiteln stellt Baldwin Hautfarbe und Rassismus in der Literatur, Filmen und Zeitungsberichten dar.
Wie werden dort People of Colour (PoC) abgebildet? Wo gelingt es nicht, die Realität abzubilden, weil die Darstellungen zu kurz greifen oder überzeichnet sind.
Er denkt auch über die PoCs in Frankreich nach, die Algerier*innen, die wussten woher sie kommen und auch eher noch die Möglichkeit hatten zurückzugehen. Schwarze in den USA wissen nicht genau, woher ihre Vorfahr*innenen kommen. Auch beschreibt er, dass ihnen gemeinsame Rituale und eine gemeinsame Religion fehlen, wie das bei den Jüd*innen der Fall ist. Er schreibt auch über die Toleranten in der damaligen amerikanischen Gesellschaft, doch führt er auch an, dass bei aller Toleranz niemand von den Weißen einen Negro dann daheim als Schwiegersohn am Tisch sitzen haben wollte.
Für die Weißen waren damals Menschen mit dunkler Hautfarbe stereotyp: sexbessen, kriminell, sittenlos und unverlässlich.
In den weiteren Kapiteln berichtet Baldwin über sein Schwarz sein, sein Aufwachsen in Harlem, das Leben mit den Jüd*innen dort und wie die schwarze Bevölkerung oftmals fast wie in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen lebten. Und ein Kapitel erzählt vom Sterben seines Adoptiv- bzw Stiefvaters, den er wirklich hasste, an seinem Geburtstag.
Das letzte Kapitel hat mich dann doch öfter Schmunzeln lassen. James Baldwin begab sich in die Schweiz, in ein kleines Dorf am Fuße eines Berges, wo die Einwohner*innen noch nie einen Schwarzen gesehen hatte, und er auch nicht so richtig wusste, wie damit umgehen – genial.
Ein großartiges Buch, das so viele Einblicke in eine Zeit und Gesellschaft gibt, die einerseits nicht vorstellbar ist, weil der Rassismus so offen ausgelebt wird. Andererseits hat sich seitdem nicht so viel geändert, wie man es sich wünschen und annehmen würde.
Absolute Empfehlung.
Geht unter die Haut
Die Straße von Manu Larcenet
Schon der Roman von Cormac McCarthy, den ich bereits vor einigen Jahren gelesen habe, ist wohl eines der traurigsten Bücher, die ich je las. Nun ist die Graphik Novel, basierend auf dem Roman des Autors, erschienen.
Ein Vater geht mit seinem kleinen Sohn durch eine zerstörte Landschaft Richtung Süden, immer einer Straße entlang, um dem Winter zu entkommen – weil das ihre einzige Chance auf Überleben ist.
In einem Einkaufswagen schleppen sie ihr Hab und Gut mit. Was zuvor passiert ist, welches Unglück stattgefunden hat, wird nicht beschrieben,
Regen, Schnee, Kälte und abwechselnd Winde, die Asche vor sich hertreiben, erschweren zusätzlich den Kampf ums Überleben. Auf der Suche nach Nahrung und Wasser in verlassenen Häusern, nach trockenen, warmen Plätzen zum Schlafen, versucht der Vater seinen Sohn zu beschützen. Vorsichtig müssen sie sein, dürfen kaum Feuer machen, wegen der Überfälle anderer überlebender Menschen, die aufgrund des Nahrungsmangels Kanibal*innen geworden sind. Immer wieder hören sie Schreie und treffen auf Leichen. Sie verstecken sich daher vor entgegenkommenden Menschen. Beide leben sie in ständiger Angst.
Was der Roman mit wortgewaltiger Erzählung schafft, gelingt hier mit wenigen Worten, jedoch mit ausdrucksstarken Zeichnungen, die unter die Haut gehen. Die Atmosphäre von Düsternis und Einsamkeit, von Kälte und Entbehrungen, von Leichen am Straßenrand, und vor allem die Angst der beiden – all das wird so unglaublich gut dargestellt. Einzigartig!
Facettenreich und eine großartige Geschichte
Ein anderes Land von James Baldwin
Diese Geschichte in Worte zu fassen ist nicht so einfach. Zu verstrickt und komplex sind die Protagonist*innen und deren Beziehungen untereinander. Immer geht es jedoch um Liebe, Hautfarbe, Sexualität und Anerkennung.
Der Roman wurde 1962 veröffentlicht. 14 Jahre hat Baldwin daran geschrieben. Es geht um den schwarzen Jazzmusiker Rufus, der sich aufgrund des Rassismus in Amerika, insbesondere in Harlem, wo der Roman angesiedelt ist, das Leben nimmt.
Seine Schwester Ida und seine Freunde bleiben zurück und versuchen zu verstehen, warum Rufus eine Selbsttötung begangen hat.
Baldwins Freund, Eugene Worth, hatte sich 1946 ebenfalls auf diese Art das Leben genommen und dürfte die Vorlage für die Romanfigur des Rufus sein.
Das Faszinierende an diesem Buch ist die Lebensrealität, wie sie sich Ende der 1950er Jahre in Amerika gezeigt hat: Rassismus, Homophobie und Ungerechtigkeiten in allen erdenklichen Lebensrealitäten.
Ein nahegehender Roman, der sehr lesenswert ist, aufgrund der vielen Themen, die in vielen Facetten seziert werden.
Aus dem Englischen: Miriam Mandelkow
Nicht ganz die Geschichte, die ich erwartet hatte
Seinetwegen von Zora del Buono
Nach dem Lesen des Klappentextes hatte ich eine ganz andere Geschichte erwartet als diese:
Eine Frau heute in den 60er Jahren hat, als sie acht Monate alt war, ihren Vater bei einem Autounfall verloren. An ihren Vater kann sich die Autorin natürlich nicht erinnern. In der Familie wurde auch weder über den Unfall noch über den Vater gesprochen – zu schmerzlich war das Erlebte für alle.
Die Autorin erhält also keine Antworten auf Fragen nach dem Vater, die sich ihr immer wieder stellen. Sie macht sich auf die Suche nach dem Verursacher des tödlichen Unfalls, um ihn zu befragen, wie er sein Leben mit dieser Schuld verbringen konnte.
Die Autorin lässt uns teilhaben an ihrer Suche und an Recherchen, die oft ins Leere laufen. Und hier liegt auch der Grund, warum ich als Leserin etwas anderes erhalten habe als ich erwartet hatte: ich ging nämlich davon aus, dass das Buch aufzeigen wird, wie jemand mit einer so schweren Schuld sein Leben verbringen kann – doch das wird gerade nicht geboten.
Trotzdem ein nicht uninteressantes Buch, obwohl ich mir, wie gesagt, eine ganz andere Geschichte erwartet hatte.
Ein beeindruckendes Leben
James Baldwin von René Aguigah
Hierbei handelt es sich nicht um eine klassische Biografie, sondern um wichtige Kapitel und Themen, die James Baldwin sein Leben lang beschäftigten und in seinen Romanen und Essays verarbeitet wurden.
Der Autor der Biografie erzählt anhand von Baldwins Werken sein Leben und vergleicht die Protagnost*innen und deren Handeln mit Baldwins selbst, eingebettet in den historischen Kontext.
Deutlich wird dargelegt, welche Themen für Baldwin wichtig waren: sein Aktivismus in der Bürger*innenrechtsbewegung, (Homo)Sexualität und das Schreiben. In der Auseinandersetzung mit diesen drei Themen werden sein literarisches Werk, sein Exilleben und seine Reden analysiert.
Baldwin wollte nie nur als Schriftsteller verstanden werden, sondern vor allem als Zeuge, als „Schwarzer Mensch in der Mitte des Jahrhunderts“.
Ein großartiges Buch einer wichtigen Stimme des vorigen Jahrhunderts, die am 2. August ihren 100. Geburtstag feiern würde.
Geniale Adaption
Die Ursache, Graphic Novel von Thomas Bernhard
Thomas Bernhards autobiografische Schriften habe ich in meinen frühen 20er Jahren gelesen. Diese waren für mich der Grundstein, mich an die weiteren Werke von Thomas Bernhard zu wagen.
Nun hat der Residenz-Verlag die vier Autobiographien in Form von Graphic Novels herausgebracht. Genial wird in den Bänden die Stimmung eingefangen, die Zeichnungen sind so unglaublich passend zum geschriebenen Wort.
Ein Muss für alle Thomas Bernhard und Graphic Novel Fans.
Man stelle sich das Mal bitte in echt vor
Und alle so still von Mareike Fallwickl
Man stelle sich vor, all das, was in diesem Roman erzählt wird, passiert wirklich: Frauen legen sich hin und machen weder ihre Care-Arbeit noch die unterbezahlten Jobs vor allem im Dienstleistungssektor. Auf einmal gibt es keine Reinigungskräfte mehr, die im Krankenhaus nach einer OP alles sauber machen, niemand mehr, der sich in der Schule um die Kinder kümmert, und auch die Frauen zu Hause tun einfach nichts mehr: weder kochen, noch einkaufen oder putzen.
Na, da wäre was los.
In dem Roman ist jedenfalls ordentlich was los, als die Frauen beginnen, sich auf die Straße zu legen und damit zugleich die Arbeit niederzulegen.
Die Idee an dem Roman hat mir wahnsinnig gut gefallen. Ich habe mir die erzählten Szenarien beim Lesen öfter real vorgestellt. An manchen Stellen schienen mir die Auswirkungen dann doch etwas überzogen – das hätte es im Roman meiner Meinung nach gar nicht gebraucht. Und doch denke und fühle ich: vielleicht braucht es manchmal gerade die Übertreibung, damit klar wird was passiert, wenn Frauen nicht mehr bereit sind, ihre großteils unsichtbare Arbeit so selbstverständlich und ohne entsprechenden Lohn zu verrichten.
Schon alleine wegen dieser Idee und Imagination eine Leseempfehlung. Ein Roman, über den sich herrlich diskutieren lässt.
Das Lügen war kaum auszuhalten
Yellowface von Rebecca F. Kuang
Der Inhalt des Romans ist oftmals beschrieben (siehe sogleich) und damit denke ich, hinlänglich bekannt..
Ich fand die Idee, dass geistiges Eigentum aufgrund des Todes einer erfolgreichen Autorin von einer nicht erfolgreichen Autorin geklaut wird, interessant. Schwer auszuhalten waren die Lügen der „Diebin“ und das Gefühl, dass sie entdeckt wird – dass sie sich nie mehr sicher sein kann, ob nicht doch jemand dahinterkommt.
All das hat für mich ein prickelndes, aufgeregtes und doch sehr unangenehmes Gefühl beim Lesen verursacht. Das ständige Gefühl, dass doch entdeckt wird, dass der Erfolg „der Diebin“ nicht zusteht und die Scham und ihr tiefer Fall sehr schlimm wäre, ist für mich schwer verdaulich gewesen – ich konnte mich beim Lesen richtig reinfühlen.
Dann hat mir auch sehr gut gefallen, dass viele Themen in diese Geschichte verwoben wurden, wie Rassismus, Neid, soziale Medien und kulturelle Aneignung.
Großartiges Uni-Setting
Der Fall Miriam Behrmann von Lydia Lewitsch
Die aus Polen stammende Miriam Behrmann, Professorin an der Uni Wien, hat hart dafür gearbeitet, damit sie dort hinkommt, wo sie heute ist – zuerst Princeton und nun Wien. Sie hat richtig Karriere gemacht mit ihrem neuen Institut in Wien.
Ihre Doktorandin Selina Aksoy hat aus Miriams Sicht eine ganz andere Einstellung.
Mit den Aufgaben, die Selina von Miriam erhält, fühlt sie sich schnell überfordert und sogar psychisch missbraucht: sie kann nicht zeitgerecht abgeben und liefern – und beißt sich schon gar nicht richtig durch. Miriam möchte Selina fördern, diese fühlt sich jedoch überfordert und kann damit nichts anfangen.
Plötzlich wird Miriam des psychischen Missbrauchs beschuldigt, der ihre Entlassung zur Folge haben soll.
Der Roman setzt dort ein, wo Miriam zu einem Gespräch mit der Universitätsleitung einbestellt wird. In Rückblenden wird Miriams Leben und Karriereweg erzählt. Es geht hier um ihre Kindheit in Polen, der Weg nach Princeton, ihre Ehe mit dem amerikanischen Professor und wie sie ein großartiges Projekt initiierte und sie so den Ruf nach Wien erhielt.
Ich finde, es wird auf eine sehr kluge Weise gezeigt, wie zwei unterschiedliche Generationen mit Arbeit und Leistung umgehen. Beim Lesen hat man das Gefühl, Miriam wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie zu viel verlangt und dafür eventuell auch mit Konsequenzen rechnen muss. Viel eher stellt sich Miriam die Frage, ob Selina eine geeignete Doktorandin ist, wenn sie nicht in hohem Maße leistungsbereit ist.
Ein beeindruckender Roman, der vielschichtig unterschiedliche Sichtweisen aufzeigt und man als Leser*in das Gefühl hat, jede Position hat was für sich – großartig.
Ein Strauß emotionaler Storys
Nachbarn von Diane Oliver
„Nachbarn“ ist eine Story-Sammlung der viel zu früh verstorbenen afroamerikanischen Autorin Diane Oliver aus den 1950er und 60er Jahren. Zu diesem Zeitpunkt nahm in den USA die Bürgerrechtsbewegung richtig Fahrt auf.
Hier geht es ums Alltägliche. Um Rechte, die sich die schwarze Bevölkerung gerade versucht zu erkämpfen – und doch ist der Alltag ganz und gar durchsetzt von Diskriminierung, trotz Aufhebung der Rassentrennung.
Allein die titelgebende Geschichte „Nachbarn“, beeindruckt und fasziniert: ein schwarzes Kind, das als eines der ersten auf eine Schule für Weiße gehen soll. Die Familie wurde deswegen bedroht, musste von der Polizei beschützt werden und am Ende machte die Familie einen Rückzieher – es stand nicht dafür, den kleinen Tommy dieser Situation auszusetzen.
Jede Geschichte hat quasi einen eigenen Schwerpunkt zum Thema Rassismus und hat auch ihren eigenen Sound. Die Erzählungen gehen zum Teil unter die Haut, weil sie richtig emotional, sensibel, intensiv und nachvollziehbar sind. Und sie erstrecken sich bis in die Gegenwart – einen Großteil des beschriebenen Rassismus gibt es – leider! – bis heute.
Eine Wiederentdeckung aus den 1960er Jahren mir einer bis heute anhaltenden Aktualität.











