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Kunden em pfehlungen

Rezensionen von Sago:

Die Faszination des Andersartigen

Zirkus der Wunder von Elizabeth Macneal

"Jeder Geschichtenerzähler, denkt Nell, ist ein Dieb und ein Lügner."

Große Geschichten erzählen möchte Jasper, der Impressario des Zirkusses der Wunder. Gemeinsam mit seinem Bruder Toby ist er aus dem Krimkrieg zurückkehrt. Ihre Vergangenheit birgt ein Geheimnis, das erst gegen Ende des Buches gelüftet wird.

Die Brüder verbindet eine Beziehung mit großem Machtgefälle. Jasper regiert seinen Zirkus mit strenger Hand, Toby fristet ein Schattendasein ohne Selbstvertrauen. Der Roman spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, als Menschen mit ungewöhnlichen Merkmalen als Kuriositäten bestaunt und regelrecht gehandelt wurden. Die Verbindung der Brüder gerät auf den Prüfstand, als Jasper Nell für den Zirkus kauft. Ihre Haut ist übersät mit Muttermalen, die ihr die Geflecktheit eines Leoparden geben. Schon bald entwickeln die beiden Außenseiter Toby und Nell Gefühle füreinander. Während Jaspers überbordender Geltungsdrang den Zirkus gefährdet, scheint sich ein Verhängnis anzubahnen...

Ich bin immer auf der Suche nach ungewöhnlichen Büchern. Elizabeth Macneal hatte mich bereits mit ihrer düsteren Doll Factory überzeugt und bietet hier erneut ungewöhnliche, plastische Protagonisten sowie eine äußerst vielschichtige Geschichte. Der Roman ist mit über 400 Seiten nicht dünn, hätte aber dennoch weitere verdient gehabt, da so mancher Handlungsstrang im Vagen versickerte. Das Ende hat die Autorin mutig gegen den Strich gebürstet. Mir persönlich fiel es etwas schwer mich damit anzufreunden.

Elizabeth Macneal hat mich als Garantin für das Ungewöhnliche mittlerweile fest am Haken. Ich bin gespannt, womit sie als nächstes überrascht.

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Weibliche Parforcejagd durch die Ilias

Elektra, die hell Leuchtende von Jennifer Saint

Jennifer Saint webt hier die Geschichte rund um den trojanischen Krieg aus Sicht dreier Frauen, die als Ich-Erzählerin agieren: König Agamemnons Frau Klytämnestra, die gleichzeitig die Zwillingsschwester der legendären, den Krieg mit auslösenden schönen Helena ist, Klytämnestras Tochter Elektra und die trojanische Seherin Kassandra.

Den Titel finde ich wirklich unglücklich gewählt, denn ausgerechnet Elektra vertritt für den Großteil des Buches die weibliche Sicht am schlechtesten: Obwohl ihr Vater Agamemnon skrupellos ihre geliebte Schwester den Göttern opfert, wartet sie ein Jahrzehnt treu auf die Rückkehr Agamemnons aus dem Krieg, ohne jedes Verständnis für die Rachepläne Klytämnestras.

Durch die Nähe zu den Protagonistinnen, die wechselnden Perspektiven und den fesselnden Stoff entwickelte der Roman einen solchen Lesesog, dass ich ihn an einem Wochenende durchschmökert habe. Da ich die griechischen Sagen seit meiner Kindheit sehr gut kenne, hatte ich keinerlei Mühe, mich zurecht zu finden. Vieles wurde hier wirklich nur angerissen. So bleibt der berühmte Achill eine Figur, die nur von fern von den Frauen ein paar Mal beobachtet werden kann. Das passt zwar gut zu der Rolle, die Frauen zu dieser Zeit leider spielten, ist aber für eine fesselnde Geschichte doch etwas eindimensional, ebenso wie der Blick auf die Männer fast durchgängig ein negativer war. Manches, wie Kassandras Leiden als Gefangene der Griechen, geschieht quasi nur zwischen den Zeilen. Das mag an dieser Stelle erleichternd sein, ist an anderer Stelle aber einfach zu hastig erzählt. Hier hätte ich mir für die volle Punktzahl einfach mehr Tiefe gewünscht. Die Perspektivenvielfalt hätte für eine dichtere Geschichte sicher noch viel mehr Seiten benötigt.

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Rückkehr nach Lyaskye

The Lost Crown, Band 1 - Wer die Nacht malt von Jennifer Benkau

Ich habe mich sehr gefreut, in Jennifer Benkaus magische Welt Lyaskye zurückkehren zu können. Diesmal geht es nach Eshrian, dessen Herrscher von seinem eigenen Bruder ermordet wird, damit dieser die Macht an sich reißen kann. Der achtjährige Herrscherssohn Mirulay flieht in die Wälder. Sein Schicksal erfahren wir vor allem in Rückblenden.

Der Hauptteil der Handlung wird von der jungen Schmiedin Kaya in der Ich-Perspektive erzählt. Kaya verbirgt ihre magische Begabung vor ihrem Umfeld. Als sie einen Tross begleitet, um deren Pferde zu betreuen, wird sie ausgerechnet vom mittlerweile erwachsenen Mirulay und seinen Getreuen überfallen und entführt. Kaya soll den verletzten Anführer heilen. Doch nicht nur Kaya hat viel zu verbergen, auch auf Mirulay trifft das zu...

Während Kaya von Anfang an sympathisch ist, bleibt Mirulay lange geheimnisvoll und ein sperriger, gebrochener Held, was ihn aber vielleicht noch faszinierender macht. Ich mag die Art, wie die Autorin in ihren Zweiteilern die Anziehung zwischen ihren Hauprfiguren langsam und nachvollziehbar heranwachsen lässt, wirklich sehr. Mehr als in den anderen Lyaskye-Büchern habe ich bei der Handlung manchmal im Dunkeln getappt und konnte überrascht werden. Wie immer überzeugen die bildhafte Sprache und das stimmige Magiesystem ebenso wie die Protagonisten. Ich freue mich auf den zweiten Teil!

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Berührend

Spaziergang zu dir selbst von Biyon Kattilathu

Der Autor, der mir vorher nur vage ein Begriff war, hat es tatsächlich geschafft, mich immer wieder erstaunlich tief anzusprechen und zu berühren. Das lag nicht einfach nur an der sympathischen direkten Ansprache oder daran, dass er immer mal persönliche Betroffenheiten einflechtet, die, anders als in vielen anderen Büchern, aber nie überhand nehmen.

Vor allem hat er verblüffenderweise Themen angesprochen, die für mich persönlich gerade in vieler Hinsicht relevant sind und damit immer wieder einen Nerv getroffen.

Manche Sätze ginge mir wirklich unter die Haut und haben mich sehr zum Nachdenken gebracht. Die gewählte Form als fiktiver gemeinsamer Spaziergang wird am Kapitelende jeweils durch einen QR-Code ergänzt. Der dort hinterlegte Film, der den Autor tatsächlich auf einem Naturspaziergang zeigt, macht das ganze dann noch einmal plastischer. Ich war zunächst skeptisch, ob mir diese hybride Form gefallen würde, aber tatsächlich war ich sehr angetan.

Ein Buch von einem für mich sehr sympathischen Autor, das unerwartet und wunderbar tiefgründig daherkam und mir wirklich weiterhilft.

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Neue Dentalsituation

This Charming Man von C. K. McDonnell

Seit dem ersten Band um die skurrile Stranger Times amüsiere ich mich regelmäßig über C.K. McDonnells schrägen britischen Humor und Wortwitz, denn ich lasse mir auch seinen Newsletter schicken, der Zugang zu noch mehr Stranger Times-Artikel garantiert. Auf den zweiten Band habe ich mich doppelt gefreut, geht es hier doch um Vampire, über die ich schon immer gern gelesen habe.

Schon allein wenn der Autor die Gedanken eines Mannes, der sich anscheinend völlig ohne Anlass in einen Vampir verwandelt, damit beschreibt, dass dieser mit seiner neuen Dentalsituation klarkommen muss, macht das wieder viel Spaß. Ebenso wie das Wiedersehen mit der Stranger Times Redaktion, in der Hannah nun Stellvertretende Chefredakteurin ist, weiterhin mit dem wunderlichen Vorgesetzten Banecroft, besessenen Kollegen und der jungen Stella, die ein großes Rätsel umgibt, klarkommen muss. Und da ist ihre im Ansatz steckengebliebene Romanze mit dem Polizisten Sturgess, dem sie einfach nicht vergessen kann, dass im vorigen Band ein Auge am Stiel aus seinem Hinterkopf ragte. Eigentlich bräuchte es für Hannah gar keine plötzlichen von Vampire verübten Morde, zumal es ausgerechnet die nach ihren Kontakten zum Alten Volk gar nicht geben soll...

Auch dieses Buch kommt mit schönen schwarzem Farbschnitt daher, der natürlich zum Vampirmotiv noch viel besser passt. Auch wenn ich wieder viel Lesefrreude dabei hatte, die Stranger Times Redaktion bei ihren verrückten Abenteuern zu begleiten, hätte ich mir doch etwas mehr Vampirbegnungen erhofft. Ausgerechnet diese machten sich nach meinem Geschmack etwas zu rar und waren vielleicht, wie das Schild auf dem leeren Cover-Sarg angibt, einfach "out to lunch".

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Selbst Stäbchen können magisch sein

Spicy Noodles - Der Geschmack des Feuers von Marie Graßhoff

Mit Spicy Noodles kehrt Marie Grashoff in das schon aus ihrem Roman Hard Liquor bekannte Food Universe zurück. Schön finde ich, dass Spicy Noodles auch ohne Hard Liquor zu kennen gut funktionieren kann. Den Auftritt der Hauptfigur aus Hard Liquor am Ende von Spicy Noodles fand ich daher als Selbstreferenz eher überflüssig.

Spicy Noodles punktet mit seinem äußerst sympathischen Protagonisten Toma. Nachdem keine Universität ihn aufnehmen wollte, wirft Tomas Vater ihn kurzerhand hinaus. Toma ist gezwungen, zu seinem Großvater Shiro zu ziehen und in dessem merkwürdigen Restaurant auszuhelfen. Besuch gibt es dort eher wenig, dafür umso mehr - in Tomas Augen - versponnene Geschichten um die magische Abstammung der eigenen Familie. Während Toma mit Kundin Akira flirtet, macht ein Serienkiller die Stadt unsicher. Schließlich wird das Restaurant überfallen, und Essstäbchen aus dem Familienbesitz verschwinden. Hängen die Vorgänge zusammen und ist an Shiros Geschichten etwa mehr dran als Toma wahrhaben möchte?

Mir gefiel, dass Toma ein eher weichherziger Typ ist und starke Frauen dafür umso mehr punkten können. Überraschende Wendungen hielten die Story ebenso fesselnd wie der Fantasiereichtum der Autorin. Einzig die Anspielungen auf Hard Liquor, auch in Form der von dort bekannten Radiomoderatoren, hemmten die Story bisweilen und waren daher für mich eher störend. Dabei liefert Spicy Noodles genug Stoff, um auf den nächsten Roman aus dem Food Universe neugierig zu bleiben.

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Auf der Suche

Unsre verschwundenen Herzen von Celeste Ng

"So machte sie es immer, wenn sie ihm Geschichten erzählte. Sie öffnete Welten, durch die Magie einsickern konnte und alles möglich wurde."

Aber eines Tages erzählt Margaret ihrem Sohn Bird keine Geschichten mehr. Bird bleibt zurück mit seinem Vater Ethan, der bald seine Arbeit verliert und das gemeinsame Haus mit Bird verlassen muss.

Denn sie befinden sich in den USA, in denen sich die Welt auf erschreckende Weise weitergedreht hat. Birds Mutter ist asiatischer Herkunft und China wird in dieser Zeit für alle Übel verantwortlich gemacht, was für alle Menschen asiatischer Abstammung in den USA fatale Konsequenzen hat.
Warum Margaret ihre Familie verlassen hat und ob Bird sie wiederfinden kann, erfahren wir erst ab dem zweiten Drittel des Buches.

Mit ihren ersten beiden scharfsichtigen Familienromanen hat Celeste Ng mich hellauf begeistert. Mit diesem Buch habe ich mich etwas schwerer getan. Ihre wunderbaren, zitierwürdigen Formulierungen haben mich quasi über Wasser gehalten. Die Handlung gerät immer wieder ins Stocken und welche große Krise zu den derzeitigen Verhältnissen geführt hat, erschließt sich erst ab der Hälfte des Buches in erzählten Rückblenden. Ab diesem Zeitpunkt habe ich geahnt, dass das Ende mich nicht zufriedenstellen würde. So war es dann leider auch.

Ein ambitionierter Roman, der trotz des hohen sprachlichen Niveaus nicht ganz die Strahlkraft von Celeste Ngs bisherigen Romanen erreichen kann.

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Gebt mir mehr Kinsch

Der schwarzzüngige Dieb (Schwarzzungendieb, Bd. 1) von Christopher Buehlman

Kinsch na Schannack - ebenso unverwechselbar wie der Name des Hauptprotagonisten dieses Fantasy-Highlights ist auch er selbst. "Ein schillerndes Fantasyabenteuer, wie es kein zweites gibt." So die Werbung auf dem Buchrücken. Solche Übertreibungen hat das Buch wirklich gar nicht nötig.

Schon die vielfältigen Bedeutungen des Namens Kinsch sollte man sich nicht entgehen lassen.

Der Autor verfügt über jede Menge Witz und Fantasie. Seine von den Koboldkriegen gebeutelte Welt ist einzigartig, ebenso das äußerst überzeugende und farbenprächtige Magiesystem, von dem ich nicht genug bekommen konnte.

Kinsch hat hohe Schulden bei der Diebesgilde. Die soll er nun abarbeiten, indem er der Rabenritterin Galva folgt. Warum, erfährt er bei Auftragsvergabe ebenso wenig wie wir. Es spricht sehr für die Story, dass das aber überhaupt nicht stört. Diese lebt von ihrem wunderbaren Antihelden, starken Frauen und einer verzauberten Katze in einer zum Süchtigwerden schillernden Welt.

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Ohne Ankerketten durch die Zeit

Der Leuchtturm an der Schwelle der Zeit von Natasha Pulley

"Joes Charakter war nicht mit allzu vielen Ankerketten versehen - dafür war er noch nicht lange genug er selbst."

Joe Tournier erwacht mit Gedächtnisverlust 1898 in einem London, in dem nichts mehr vertraut scheint. Denn England ist französisch geworden, aber das ist nicht die einzige Seltsamkeit gegenüber unserer Welt.

Menschen die ihn zu kennen behaupten, sind ihm völlig unbekannt. Er selbst glaubt mit einer Frau verheiratet zu sein, von der er nur noch weiß, dass sie Madeleine heißt. Eines Tages erhält er eine Postkarte, die ihn zu einem Leuchtturm auf den Äußeren Hybriden ruft. "Komm nach Hause, wenn du dich erinnerst."

Ebenso wie Joe stolpern wir orientierungslos durch diese Realität, in der irgendwann anscheinend vieles ganz anders gekommen ist. Natascha Pulley gelingen Sätze, die unter die Haut gehen und immer wieder schafft sie eine Athmospäre, in der alles zu verschwimmen scheint und die gleichzeitig Joe ebenso wie die Lesenden überwältigt.

Der Titel verrät, dass es sich um eine Zeitreisegeschichte handelt, die die üblichen Probleme mit sich bringt, Paradoxien zu überschauen und im Auge zu behalten. Ein echtes Kaleidoskop setzt sich erst zum Schluss des Buches zusammen. Dieses Ende ist dann ein wirkliches Highlight.

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Gar nicht verrückt

40 verrückte Wahrheiten über Frauen und Männer von Michael Lehofer

"Eigentlich werden wir immer nur durch Verheißungen und nicht durch Erfüllung süchtig."

Wie ist es nur zu diesem verrückten Titel gekommen, der dem Buch einfach nur Unrecht tut? Bestimmt hatte der Verlag da seine Hände im Spiel.

Die 40 Thesen, die der Autor in ebenso vielen Kapiteln über Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen illustriert, sind nämlich weniger verrückt, sondern überraschend lebensklug und erhellend.

Aber nicht nur über Beziehungen habe ich Einsichten vermittelt bekommen, sondern auch über mich selbst. Denn haben wir ein Problem, hat dies in erster Linie eigentlich immer viel mit uns selbst zu tun.

Die Texte sind leserfreundlich konkret, aber trotzdem auch oft sehr verdichtet. Es lohnt sich, die für jeden individuell wichigsten Satzperlen zu markieren.

Mir persönlich hat das Buch weitergeholfen. Zusätzlich habe ich noch den schönen Satz mitgenommen "Und schließlich dürfen wir nicht vergessen, dass alles auch ganz anders sein kann."

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