Kunden em pfehlungen
Rezensionen von yellowdog:
Kraftvoll und poetisch
Himmel und Hölle von Jón Kalman Stefánsson
Eine isländische Geschichte über Fischer und das Meer, kraftvoll, sehr dicht und poetisch geschrieben. Dabei relativ unspektakulär, angesiedelt wahrscheinlich anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts in Island.
Im Mittelpunkt stehen Bardur und der Junge, zwei die nicht so ganz sind wie die anderen Fischer, zum Beispiel lesen sie viel und zitieren aus Miltons Das verlorene Paradies.
Sie sind eigentlich nicht dafür geschaffen zur See zu fahren. Dennoch sind sie ganz im Geschehen verankert.
Doch das Leben auf dem Meer ist rau und gefährlich und als schließlich nur einer der beiden lebend zurückkehrt ist er wie betäubt und allein. Wie der Junge allmählich Teil des Dorfes wird, in das er geht, bestimmt die zweite Hälfte des Romans.
Ein guter Roman von 2009, dem noch zwei Teile rund um das Leben des Jungen folgte.
Diese Buch beweist, Jon Kalman Stefansson ist einer der großen Stimmen Islands!
Hohe Komplexität
Die Reise der Scythe: Aszendenz von Dirk van den Boom
Die Reise der Scythe ist der erste Teil einer Reihe. Dirk van den Booms Wurzeln liegen in der Trivialliteratur. Daran gemessen ist das Buch wirklich ein ordentlicher Science Fiction-Roman.
Durch mehrere Handlungsstränge und viele Figuren entsteht eine hohe Komplexität.
Neben der Mannschaft der Scythe sind vielleicht die beiden Astronomiestudenten Jordan und Elissi wichtigste Figuren, jedenfalls meine Lieblingsfiguren.
Jordan und Elissi ist ein interessantes Paar, da die intelligente Elissi sehr verschlossen ist, Jordan sich aber liebevoll um sie kümmert.
Manche Klischees werden nicht vermieden. Schwachpunkt bei der Figurengestaltung ist der sadistische Superschurke Joaquim Gracen, der wie aus einem James Bond-Film entsprungen wirkt.
Auch einige der positiv besetzten Figuren überzeugen nicht vollumfänglich.
Wie die vielen Plots letztlich zusammengeführt werden, erschließt sich noch nicht und man muss fürchten, dass das dem Autor nicht komplett gelingen wird. Aber wirklich sagen kann man das erst später und vielleicht erhalten einige Figuren, die zunächst überflüssig zu sein scheinen, später doch noch Bedeutung.
Der Roman Spaß gemacht und ich gebe 3,5 von 5 Sternen! Es endet vollkommen offen und es bleibt ein latentes Interesse daran, wie es weitergehen wird. Bei Gelegenheit werde ich vielleicht weitere Teile lesen.
Charakter-driven
Die Reise der Scythe: Aszendenz von Dirk van den Boom
Alles begehren ist in erster Linie ein Roman über Beziehungen, dazu über einen langen Zeitraum angelegt und vollkommen unkitschig.
Mit Kate ist eine realistische Hauptfigur vorhanden. Sie ist Schauspielerin, eine europäische, damit entfallen die Klischees, die man sich über Hollywoodschauspieler macht.
Schließlich ist auch die Autorin Ruth Jones selbst Schauspielerin und erstellt in ihrem Debütroman ein stimmiges Bild.
Kate ist selbstbewusst, sie wurde bei einem One-Night-Stand als 22jährige Studentin von einem verheirateten Mann schwanger und diesen Mann trifft sie jetzt nach fast 20 Jahren in Edinburgh, Schottland wieder. Eigentlich dachten sie, die Vergangenheit läge hinter ihnen, aber die erneute Begegnung lässt alte Gefühle wieder aufbrechen.
Das ist problematisch, da Callum immer noch verheiratet ist, ebenso wie Kate inzwischen auch, sie hat sogar noch eine kleine Tochter. Wenn die Situation eskaliert wird das für alle Beteiligten sehr schmerzhaft. Hier stellt sich auch die Frage, ob große Leidenschaft es wert ist, alles andere zu opfern.
Ob Kate und Callum wirklich gut füreinander sind, sei dahingestellt. Kate kann sehr rücksichtslos sein, wenn es darum geht, das zu bekommen, was sie will. Und Callum ist oft willensschwach.
Der relativ ruhig geschriebene Roman braucht lange, um in Fahrt zu kommen. Erst in den letzten 100 Seiten kommt richtig Tempo auf.
Ruth Jones große Fähigkeit ist es, ihre Figuren mit allen Fehlern und Schwächen zu entwerfen und doch den Leser stark für sie fühlen zu lassen.
Fabel-haft
Das Mädchen, das in der Metro las Gebunden. von Féret-Fleury Christine
Den Romantitel “Das Mädchen, das in der Metro las” schätze ich nicht besonders, obwohl es dem Originaltitel entspricht.
Die Hauptfigur Juliette ist eigentlich kein Mädchen sondern eine erwachsene Frau und in der Pariser Metro lesen wohl so viele Menschen, dass das kein besonderes Merkmal ist.
Der Titel trifft nicht das eigentliche.
Das Buch lebt von den schrulligen, sympathischen Figuren.
Juliette führt als Angestellte ein gleichförmiges, ruhiges Leben. Juliettes Leben verändert sich, als sie Soliman und seiner kleinen Tochter Zaide begegnet.
Juliette ist ein zurückhaltender Charakter, es gibt aber auch lebhaftere, wie z.B. Zaide oder Leonidas.
Bücher in denen Bücher eine Hauptrolle spielen gibt es schon ein paar. Hier werden viele klassische und zeitgenössische Romane genannt, aber kaum ihre Bedeutung verdeutlicht. Das ist schade. Ausnahmen gibt es, wo doch die Wirkung der Bücher ausgearbeitet wird z.B. Maya Angelous Lyrik. Ich hätte mir gewünscht, das mehr literarische Anekdoten eingebaut würden.
Ein sehr französisches Buch, das wie eine Fabel gestaltet sein will. Die These ist, das eine sichere Existenz nichts nützt, wenn man nicht wirklich bewusst lebt.
Ab und zu gibt es sprachlich poetische Momente.
eindringlich
Peacemaker von Simon Jacob
Simon Jacob erzählt von seinem Leben und Erfahrungen in kriegsgeschüttelten Ländern wie Syrien oder Irak, in die er Journalisten begleitete oder selbst journalistsich tätig wurfe und von seinem Peacemaker-Projekt, in dem er viele Länder durchstreifte. Syrien, Irak, Libanon, Türki, Ägypten, Iran.
Jacob will denen eine Stimme geben, die selber nicht gehört werden. Seine Mission ist der Frieden.
Entgegen den naiven Vorstellungen, die man sich vom Leben der vom Krieg betroffenen Menschen macht, sind Jacobs Schilderungen von der Realität und seinen Erfahrungen geprägt. Er erkennt eine Vielzahl von Gründen, die zu Krisen beitragen und macht deutlich, dass es keine einfache Lösung gibt.
Durch seine Familien- und Clanzugehörigkeit hat er die nötigen Kontakte, in die richtigen Gegenden zu kommen und die Menschen zu treffen. Simon Jacob beschreibt auch viel seine Emotionen, wie sich seine Gefühle im Laufe derJahre veränderten und wie er eine drohende innere Verhärtung, die verständlich ist, überwindet.
Jacob schreibt in einem konzentrierten, dichten Stil und mit viel Tempo. Mich hatte das Buch schnell gepackt und ich habe es mit interesse gelesen. Das Buch ist qualitativ hochwertige, gute Arbeit und sehr eindringlich!
aufwühlend
Sommernachtstod von Anders de la Motte
Sommernachtstod ist ein Roman, der die Erwartungen an einen schwedischen Krimi in hohem Maße erfüllt. Eine ruhige und langsame Erzählart, aber voller Atmosphäre und innerer Spannung.
Veronika Lindh hat, als sie selbst noch ein Kind war, miterleben müssen, dass ihr kleiner Bruder Billy spurlos verschwunden ist.
Alle glauben, dass er ermordet wurde, doch es gab keine Beweise und der mutmaßliche Mörder wurde freigelassen. Die Mutter hat sich daraufhin umgebracht. Das war 1983.
20 Jahre später glaubt Vera eine Spur zu finden, dass Billy noch lebt und sie reist nach Jahren in der Großstadt zurück in ihr ländliches Heimatdorf, um mehr herauszufinden. Ihr Vater lebt noch dort und auch ihr älterer Bruder Mattias ist anwesend. Tatsächlich taucht dann der Mann auf, der Billy sein könnte.
Zwischendurch gibt es kurze Kapitel mit Passagen, die ins Jahr 1983 zurückgehen. Nur hier gibt es Szenen mit einem Polizisten, ansonsten kommt der Roman ohne Polizei oder Ermittler aus.
Wie Anders de la Motte die Beziehungen der Figuren, insbesondere in der Familie, zueinander zeigt, ist sehr gut gemacht und zeichnet den Roman aus. Auch zeigt sich bald, das manches nicht so war, wie alle glaubten. Nur ganz allmählich enthüllen sich mehr Details um die Wahrheit. Verdeutlicht wird auch, dass eine unbewältigte Vergangenheit die Menschen nicht mehr loslässt und das ein innerer Friede dann nur scheinbar ist. Deswegen sind die Menschen dieses Romans wie Getriebene. Es fehlen auch ein paar dramatische Szenen nicht, die aber erst ziemlich am Ende kommen.
Sommernachtstod braucht seine Zeit, um sich zu entwickeln, aber dann packt einen der Roman.
Ein Buch der kleinen Gesten
Die Lichter unter uns von Verena Carl
Zwei Familien im Urlaub in Sizilien.
Anna mit Mann und ihren Kindern Judith und Bruno.
Alexander mit seiner jungen, schwangeren Frau und Sohn aus erster Ehe.
Perspektivisch erzählt Verena Carl meist aus den Gedanken von Anna und Alexander heraus.
Durch diese Erzählweise gelingt es der Autorin, den Leser die Figuren schnell und auf wenig Raum den Leser nahezubringen.
Alexander verheimlicht eine Erkrankung, der er sich nicht stellen will. Eigentlich ist die Reise eine Flucht.
Annas Blick ist oft beobachtend, z.B. auf ihre Kinder. Auch sie am Rande einer Krise und sie fühlt sich von Alexander unerlaubterweise stark angezogen. Der Plot bleibt im großen und ganzen unspektakulär, aber lesenswert.
Ein Buch der kleinen Gesten.
Zwischen Leichtigkeit und Überangestrengtheit
#EGOLAND von Michael Nast
#EGOLAND erscheint als deutscher Roman, der sich an Bret Easton Ellis Stil anlehnt. Der Autor Michael Nast schreibt ebenfalls generationsbezogen, seine Figuren sind relativ junge Erwachsene und erfolgreich, geprägt von der Zeit, mit allen was dazu gehört. Facebook, Whatsup, Partys, Alk, Clubs etc.
Die Frage ist, ob der Autor das kritisch sieht oder akzeptiert.
Es wird erst einmal eine relativ komplizierte Erzählstruktur aufgebaut. Aus den nachgelassen Aufzeichnungen und Fragmenten des an Suizid verstorbenen Schriftstellers Andreas Landwehr erstellt der Icherzähler ein Buch.
Hauptfiguren des Romans sind Christoph, Leonie, Julia, noch einige Nebenfiguren und natürlich Andreas Landwehr selbst. Sogar Michael Nast tritt als Romanfigur auf.
Geschickt ist dabei der autobiographische Bezug des Buches im Buch, die Figuren gibt es auch in der Realität der Rahmenhandlung.
Das ist erst einmal eine originelle Idee, mit einigen guten Einfällen auch nicht schlecht umgesetzt. Ob sich der Aufwand aber lohnt, bleibt zunächst offen.
Oft schwankt das Buch zwischen Leichtigkeit und Überangestrengtheit. Passagen mit Wortwitz wechseln mit langweiligen Szenen.
Immer wieder gibt es Bezüge und Zitate aus Filmen und Literatur.
Die Romanfiguren erscheinen im ersten Moment oberflächlich, offensichtlich gibt es Beziehungsunfähigkeit und Kommunikationsprobleme.
Lösungen werden nicht angeboten. Letztlich bleibe ich als Leser ratlos zurück, aber das kommt bei Easton Ellis ja auch manchmal vor.
Was bleibt sind eine ganze Reihe von Szenen mit gut beobachteten Momenten.
Durch die Jahrhunderte
Wie man die Zeit anhält von Matt Haig
Wie man die Zeit anhält von Matt Haig ist ein wunderbares Leseerlebnis. Es erzählt von Tom Hazard, ein Mann der im 16.Jahrhundert geboren ist und nur sehr langsam altert. Jetzt ist er schon 429 Jahre alt.
Die Kapitel wechseln von der Jetzt-Zeit und der Vergangenheit, die durch die Jahrhunderte führt und bei der Tom berühmten Menschen begegnet, zum Beispiel Shakespeare, Captain Cook, Zelda und Scott F.
Fitzgerald und viele andere historische Persönlichkeiten.
Der Roman erinnert mich vom Lesegefühl an Matt Haigs früheren Roman “Ich und die Menschen”, der ebenfalls mit einer außergewöhnliche Idee spielte, um das Phänomen “Menschen” zu ergründen. Menschen und ihr Verhalten, das nicht selten schrecklich ist, man denke nur an die Hexenverfolgungen.
Der Plot ist spannend durch den roten Faden der sich durch die Handlung zieht und der Toms Suche nach seiner Tochter, die ebenfalls kaum altert, und der Organisation Albas, die versucht die langlebigen zu schützen, dabei manchmal auf rücksichtslose Art.
Tom ist also nicht der einzige. Die Gefahr der Enttarnung ist immer da und zwingt ihn, regelmäßig weiter zu ziehen. Doch jetzt hat er Camille getroffen, die erste Liebe, die er erfahrt, seit seine große Liebe vor Jahrhunderten starb. Dieses Element erinnert leicht an Highlander.
Prägendes Merkmal ist Toms Menschlichkeit, die er nie verlor. Sie äußert sich auch in der Liebe zur Musik und zu den Menschen, denen er begegnet.
Nach diesen Roman muss ich Matt Haig zu einen der interessantesten britischen Schriftsteller dieser Generation zählen!
Lebensgefühl
Kleine Feuer überall von Celeste Ng
Celeste Ng´s erster Roman “Was ich euch nicht erzählte” war ein großer Erfolg. Erfreulich, dass die Autorin auch mit Kleine Feuer überall das Niveau hält und wieder eine realistische, detaillierte und genaue Familiengeschichte in einer US-amerikanischen Kleinstadt zeigt. Zeitlich würde ich die Handlung ungefähr auf die frühen neunziger Jahre verorten.
Die Künstlerin Mia Warren ist mit ihrer 15jährigen Tochter Pearl nach Shaker Heights gezogen. Pearl schließt sich schnell der wohlhabenden Familie Richardson an, die mit Lexie, Izziy, Trip und Moody 4 Kinder haben.
Wie die Beziehungen der Jugendlichen untereinander gezeigt werden, ist gut und realistisch ausgestaltet. Das Lebensgefühl der Kids, ihre Hoffnungen und Nöte werden deutlich. Schließlich aber auch ein Geheimnis, dass Mia Warren mit sich herumschleppt und dass der Grund für ihre häufigen Umzüge ist.
Celeste Ng kann wirklich schreiben, und das ohne je zu übertreiben.










